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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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11

Es war Sommer geworden. Denikins Offensive hatte begonnen.

Die zehnte Rote Armee befand sich auf fluchtartigem Rückzug. General Denikin hatte – nachdem sein Untergeneral Wrangel in einem Marsch durch die Salische Steppe, ohne Wasser, ohne Nahrung seine hervorragenden Führereigenschaften bewiesen hatte, diesen tapferen General bestimmt, die umstrittene Stadt Zaryzin als Eisenbahnknotenpunkt zu erobern.

Wrangel unternahm mit numerisch schwachen Kräften den Angriff gegen die Rote Armee, die nach erbitterten Kämpfen von Stellung zu Stellung getrieben wurde.

Wrangel zog unter dem brausenden Jubel der Bevölkerung in Zaryzin ein. Die ersten Erfolge der Roten Armeen zerrannen in nichts, die Befreiung Rußlands von dem Sowjet schien neuerdings in greifbare Nähe zu rücken.

Im Dongebiet hatte sich der Kosakenhetman Krassnow erhoben.

Sein General Ssidorin trieb die Roten siegreich vor sich her. Weiter nordöstlich, im Gouvernement Charkow, marschiert General Majewski, auch unter Denikins Oberbefehl, hinter den zurückflutenden Roten Truppen.

In Sibirien hatte sich in Omsk unter der Diktatur Koltschaks, des ehemaligen Admirals, eine militärische Regierung etabliert, und Koltschak gebot bereits über ein ungeheures Gebiet. Neben den Truppen, die dort unter der weißgrünen Fahne – dem Zeichen der russischen Wälder und Winter – gegen den Feind stritten, standen die tschechischen Legionäre, die nach einem beispiellosen Kampf sich aus dem Innern Rußlands einen Weg bis nach dem äußersten Sibirien gebahnt hatten, Massaryk und Präsident Wilson hatten diese verwegenen Truppenteile ausersehen, den russischen Admiral im Kampf gegen die rote Regierung zu unterstützen.

Am 8. März 1919 hatte auch Koltschak die Offensive mit stürmischer Kraft aufgenommen. Die Roten wurden aus dem ganzen Gebiet der Kama geworfen und flohen gegen Wjatka. Koltschak nahm Ufa ein, der Ataman Semenow, sein Nachbar, mit dem er in heftiger Fehde gelegen, unterwirft sich und führt ihm seine Krieger zu.

Seite an Seite mit Koltschak kämpft ein Unbekannter, ein Rasender. »Der tolle Mullah Sibiriens«, der »Fürst von Urga«, wie er sich nennen läßt.

An allen Fronten steigt der Stern der Weißen.

Jetzt, nachdem Denikin die Wolgabiegung, das Dongebiet, die Krim und große Gebiete der Gouvernements Woronesch, Jekaterinoslaw und Charkow in Händen hält, gibt er von seinem Salonwagen den berühmten Befehl aus, der Europa aufhorchen läßt, der alle Emigranten Rußlands in allen Ländern mit heißer Hoffnung erfüllt:

»Ich befehle den Vormarsch auf Moskau.«

*

In einem Walde bei Charkow liegt eine rote Maschinengewehrabteilung. Kommissar Radew inspiziert.

Er kommt aus Moskau. Sein Bart ist ungepflegt, sein Mantel weht zerrissen in dem nächtlichen Sturm. Sein Gesicht ist schwarz von der Sonne der Julitage, von Schweiß und Luft.

General Michael Kusmetz steht salutierend.

Er kommandiert eine Division. In seinem von Wind und Wetter gegerbten Gesicht stehen tiefe, zornige Augen, sein Mund ist fest, sein Kinn voll Entschlossenheit.

Kommissar Radew läßt die kalten, grauen Augen prüfend auf ihm ruhen. Dann gehen diese Augen weiter über jeden Mann des Stabes. Bleiben auf den Pferden haften. Schließlich auf den Leuten, die sich da eingegraben haben. Der General ist immer vorne an der Spitze. Horchposten sind vorgeschoben. Melder kommen und gehen.

»Ich habe dir zwei Nachrichten zu überbringen, General,« sagt der Kommissar. »Die eine wird dich mit Freude erfüllen. Wir haben an der Koltschakfront die Offensive ergriffen. Das Volk in Sibirien ist durch unsere Propaganda auf unsere Seite herübergezogen worden. Die Militärdiktatur Koltschaks hat immer mehr Erbitterung hervorgerufen. Das Land ist ausgesogen durch Requisitionen und Rekrutierungen. Überall herrscht der Hunger. Wir haben einen Sturm auf Jekaterinburg angesetzt. Wir haben die Stadt genommen, und das ganze Uralgebiet fällt uns wieder zu.«

General Kusmetz, Hand am Helm, zeigt die Zähne.

»Endlich! Endlich!«

Der Angeredete schaut zur Erde.

»Meine zweite Nachricht: Moskau blickt mit immer größerer Erbitterung auf die Niederlagen, die deine Division erleidet. In Moskau haben sich Stimmen erhoben, die dich einen Verräter nennen!«

Die Brauen Michaels ziehen sich zusammen.

»Mich?« antwortet er durch die Zähne. »Mich? Einen Verräter?«

Die Offiziere vom Stab, die das Gespräch mit anhören, kommen in Bewegung. Entrüstung liegt auf den Gesichtern. Ein Hauptmann tritt heran und sagt:

»Kommissar Radew, wenn Genosse Trotzki nichts besseres einfällt, dann soll er sich nicht bei uns einmischen!«

»Ruhe!« donnert der Abgesandte aus Moskau. »Wenn du noch einmal widersprichst, verfüge ich deine Verhaftung, Hauptmann Sasanin!«

Zu General Kusmetz gewandt fährt er fort:

»Moskau kann nicht vergessen, daß du ein Adeliger bist. Trotzki ist es gewesen, der immer für dich gesprochen hat. Wir kennen deinen Eifer für die Rache. Aber nicht für unsere Sache, General Kusmetz!«

»Das heißt?« fragt General Kusmetz mit gekniffenen Augen zurück.

»Das heißt, daß du gegen die Weißen kämpfst, weil sie dir deine Frau gestohlen haben. Daß du sie haßt, weil sie dein Familienglück zerstört haben. Der rote Soldat kennt aber kein Familienglück. – Er kennt auch keine private Rache. Er kennt nur die Idee. Diese Idee ist nicht die deine. Darum wirst du geschlagen. Darum erleidest du Niederlage auf Niederlage. Ich habe Befehl, dich verhaften zu lassen! Du wirst dich in Moskau verantworten!«

Wieder geht eine heftige Bewegung durch die Gruppe der Stabsoffiziere. Aber nur ein kalter Blick des Kommissars streift sie. Sie schweigen.

Hinter ihm steht seine Wache. Letten und Chinesen. Die Hände an den Revolvern.

Ein Wink. – General Kusmetz, erprobt in hundert Gefahren, der beliebteste Offizier der Roten Front, gibt seinen Degen ab. Der Ring der Chinesen schlingt sich um ihn.

Da donnern Rossehufe über den Boden.

Ein Reiter prescht vor einer Schwadron heran.

»Sukal,« sagt ein Stabsoffizier erklärend zu dem Kommissar.

Der lächelt.

Sukal ist der Brigadekommandeur der 4.  Division. Sein Säbel baumelt an einem Strick an seiner Seite. Er trägt eine Brille, hat ein eingefallenes Gesicht und eigentlich nur Augen.

Die brennen wie Feuer.

Auf sein Kommando hält die Schwadron wie eine Mauer.

Sukal springt aus dem Sattel, grüßt und legt die Arme dann auf die kreuz und quer über die Brust gezogenen Patronengurten.

»Ich höre, General Kusmetz wird verdächtigt?« sagt er.

»Dein Kommandeur Kusmetz ist gefangen,« erwidert der Kommissar. »Die Division tritt morgen zusammen. Der Armeekommandant erwählt einen neuen Kommandeur!«

»Und ich sage dir, Kommissar,« hört man jetzt die krächzende Stimme des Brigadekommandeurs (eine Kugel durchschlug ihm vor kurzem den Hals, und sein Gesicht sieht aus wie ein Hackbrett), »ich sage dir, Kommissar, daß Michael Kusmetz das Kommando der Division behält.«

Das Gesicht des Kommissars wird hart wie Stein.

»Befehl aus Moskau,« sagt er. »Im übrigen« – er wirft einen schnellen Blick über seine Wache – »im übrigen werde ich für deine Widersetzlichkeit Strafe beantragen, Oberst Sukal! Abtreten!«

Die Stirne Sukals wird rot wie der Kamm eines Hahnes.

»Nichts wird abgetreten hier!« schreit er. »Hier stehen wir Männer der vierten Division, Genosse, und haben jeden Fuß breit Boden gegen die Weißen mit unserem Blut zu verteidigen. Sie haben Kanonen bekommen, Maschinengewehre und Pferde und Flieger, und was haben wir, Genosse Radew? Wir haben hier einen Dreck – wir haben nur unsere Säbel und unsere Pistolen. Was habt ihr uns aus Moskau für eine Kavallerie geschickt? Bauern habt ihr uns geschickt und Ackerpferde, für zwei Mann oft ein Pferd, und Gewehre, für je drei Bauern eines, und dann gehen sie meistens nicht mal los. Und nun wollt ihr uns unsere Männer nehmen? Meinen Kopf kann Trotzki haben, aber das ist alles. Und den Divisionsgeneral bekommt er nicht, ehe er nicht meinen Kopf hat. Und das ist so die Meinung aller Offiziere vom Armeeoberkommando. Von da komme ich. Mir ist alles andere gleich. Wir sind hier keine Menschen mehr. Hier ist jeder Soldat ein Held. Ob ich oder der Kusmetz noch einmal im Leben die Roten Hosen mit silbernen Biesen trage, ist uns ... Aber jetzt zähle ich bis drei, Genosse Radew, und wenn dann der Divisionskommandant noch nicht frei ist, dann lasse ich aus deinen chinesischen Affengesichtern Mehlsuppe machen!«

Er haut zum ersten Mal gegen seine Brust, als wollte er seine eigenen Rippen einschlagen, und sagt: Eins.

Kusmetz verliert kein Wort. Er steht, an einen Baum gelehnt, und schaut nur mit einem Lächeln, das sein rechtes Auge halb schließt, zu seinem Brigadekommandeur hinüber.

Der Kommissar ist ratlos.

Es ist das erste Mal, daß eine solche Meuterei ausbricht.

Der Name Moskau ist Zauberwort. Der Name Trotzki macht auch das lästerlichste Großmaul still.

Aber dieser Sukal ...

»Ich mache dich aufmerksam,« beginnt der Kommissar ...

»Zwei,« sagt Sukal. »Soldaten, legt an!«

Ohne Befehl hat sich auch die chinesische Leibwache fertig gemacht, zu feuern.

Sukal sieht es. Er wird sofort drei sagen. Vorher wendet er sich um und sagt:

»Wollt ihr die Affengesichter mit Kugeln ehren? Macht Haschee aus ihnen!«

Im nächsten Augenblick jagen die Reiter los. Ehe die Chinesen feuern können, steigen Pferdeleiber zwischen ihnen auf ...

»Geh!« schreit der Kommissar dem Divisionskommandeur zu.

Gleichmütig geht Michael zu den Maschinengewehren zurück.

»Halt!« schreit der Brigadekommandeur.

Die Schwadron kommt zurück. Ein paar Chinesen sind geblieben.

Haß flitzt hin und her. Vorquellende Augen deuten mehr als die verkniffenen Lippen.

»Also,« sagt der Kommissar, »ich melde es jetzt dem Armeekommandeur.«

»Der wird dich zum Teufel schicken,« schreit Sukal. »Ich will dir etwas sagen, Genosse: Entweder haben wir in acht Wochen gesiegt, dann kommen wir nach Moskau und werden Trotzki Rede stehen. Oder – wir haben nicht gesiegt, dann hat uns alle der Teufel geholt, und ihr könnt uns in Moskau ...«

Grüßt vor Michael, reißt das Pferd herum und ist mit der Schwadron, die er schnell zusammengelesen hat, auf und davon.

Der Kommissar steht schweigend.

»Also so denkt man hier über dich,« wendet er sich schließlich an den Divisionskommandeur. »Das spricht für dich. Ich werde mit den Kommissaren, die die Armee begleiten, sprechen. Vielleicht kann man von der Verhaftung Abstand nehmen.«

Er geht langsam in die mondbeschienene Nacht hinein. Die Chinesen folgen ihm verbissen und gebückt.

Am nächsten Morgen gibt es eine Schlacht, und die Kommissare sind in der Etappe.

Aber ganz vorne, bei den ersten eingegrabenen Maschinengewehren, ist der Divisionskommandeur Michael Kusmetz.

In seinen Händen zittert ein Blatt ...

Darauf steht, er liest es mitten im Feuer ...:

»Angesichts meines Endzieles, der Eroberung Moskaus, des Herzens Rußlands, befehle ich:

1. Dem General Wrangel:

Zur Front Saratow-Balaschow vorzurücken. Der Vormarsch auf Pensa, Arsomaß ist fortzusetzen. General Wrangel wird über Nishni-Nowgorod nach Wladimir marschieren.

Letztes Ziel:

Moskwa ...

2. Dem General Ssidorin:

In der Richtung Woronesch-Rjasan, Jeletz vorzurücken und den Vorstoß gegen Moskau weiterzutragen.

3. Dem Generalmajor Majewski:

In Richtung Kursk-Orel-Tula gegen Moskau zu marschieren ...

Denikin

*

Ein Bauer, der als roter Späher auftrat, hatte den Befehl ins Lager gebracht.

Die Schlacht begann, die Roten kämpften heldenhaft, aber mit unaufhaltsamem Elan drang die Infanterie der Weißen vor ... Die Division mußte wieder zurück ... und mit ihr die ganze Armee. Die Flucht der Roten, der Marsch der Weißen ging über Kursk.

Im Dongebiet formierten sich Reiterbrigaden unter dem General Mamontow und schlugen die Roten aus dem Gebiet Bobrow-Liski südlich vor Woronesch ...

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