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Christinens Weg durch die Hölle

Robert Heymann: Christinens Weg durch die Hölle - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRobert Heymann
titleChristinens Weg durch die Hölle
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year1929
printrun1.-12. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171217
projectid3304bb33
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9

Michael hat seine Frau Tag und Nacht gesucht. Er ist bei der Polizei, bei der Miliz des Hetmans, bei Franzosen, Engländern und Russen vorstellig geworden. Er hat Odessa nach allen Richtungen durchstreift, er hat Mac Lee flehentlich gebeten, ihm zu helfen.

Mac Lee hat das Seine getan, wie er sagte, aber keine Spur finden können. Täglich stürmt Michael in das Café Fanconi, wo Rittmeister Nemeroff Karten spielt, und trägt ihm sein Gesuch vor, beschwört ihn, seinen Einfluß aufzubieten, die Verschwundene zu finden.

Täglich versichert der Rittmeister mit blauen Kinderaugen, daß ein halbes Regiment Miliz unterwegs sei, daß es aber noch nicht gelungen wäre, überhaupt festzustellen, was das für ein Automobil gewesen sei, in dem man die Gräfin entführt habe.

Inzwischen mehrten sich in der französischen und englischen Besatzung Zeichen der Rebellion. Das Gift drang unfaßbar, unmerklich, aber in seinen Wirkungen mit entsetzlicher Deutlichkeit in die Seelen der Soldaten ein.

Täglich mußte man auf eine Wiederholung der Szenen auf dem »Mirabeau« gefaßt sein.

Seit der Bandenführer Grigorjew die Stadt Cherson eingenommen hatte, ging ein panischer Schrecken vor den Bolschewiki her, künstlich gesteigert durch ihre geheimen Emissäre. Die jetzt in Nikolajew liegenden griechischen Truppen faselten von hunderttausend wohlbewaffneten Bolschewiken.

Man wußte Schauermärchen von ihrer Tapferkeit und Grausamkeit zu berichten. Als die halbwilden Horden Grigorjews vor Cherson erschienen, da räumten die Griechen, die in dem vorangegangenen Franktireurkrieg Schlappe um Schlappe erlitten hatten, fast kampflos die befestigte Stadt und zogen ab. Vergebens verglich Oberst Celakopulo diesen Rückzug mit der Heldentat von Termopylae – eine Welle der Verachtung schlug hinter den Griechen her, die nun in Nikolajew waren, wo der deutsche General Sack die Verteidigung hatte niederlegen müssen. Er war eingekeilt zwischen drei Arten von Regierungen: Der städtischen Selbstverwaltung, dem Deputiertenrat der bereits von bolschewistischen Ideen angesteckten deutschen Truppen, und dem russischen Rat der Arbeiterdeputierten. So hatte er sich außerstande gesehen, den andringenden roten Truppen Grigorjews Widerstand zu leisten. Denn weder die gleichfalls in der Stadt vertretenen Petljuraleute, noch der Stab der Alliierten, noch der Stab der freiwilligen Rußlandkämpfer unterstützen ihn. Eifersüchteleien unterwühlten die Stadt, und als die Griechen sie in Verteidigungszustand versetzten, da stürmten sie die Leute Grigorjews, denen der innere Hader der Verteidiger nicht unbekannt war, mit wilder Entschlossenheit. Die Oberleitung der Alliierten beschloß, von einer seltsam dunklen Furcht ergriffen, auch diese Stadt preiszugeben.

Noch kurz vor der Übergabe Nikolajews war in der dortigen Zeitung »Juschnoje Slowo«, dem »Wort des Südens«, folgende Erklärung des Kommandanten der Stadt erschienen:

»Ich erkläre, daß unsere Truppen hier eine Taktik der Neutralität beobachten werden. Wir wollen uns nicht in die Arbeit der politischen Parteien und der städtischen Selbstverwaltung einmischen. Im Falle des Angriffs gegen Nikolajew aber

werden wir gezwungen sein, die Stadt zu verteidigen. Dies ist der Wille unserer Regierungen.«

Drei Tage später zogen die Truppen Grigorjews in die beinahe fluchtartig von den Griechen und Alliierten verlassene Stadt ein.

Lähmender Schrecken lag über dem Lande.

Waren sie Hexenmeister, die Bolschewiki? Wer war dieser Zauberer Grigorjew, der die große Entente, der Europa hier vor sich herjagte?

Die Hoffnung aller, die nicht zu den Bolschewiken zählten, klammerte sich an Odessa.

Odessa würde besetzt bleiben. Odessa konnte die Entente nicht räumen, ohne für alle Zeiten ihr Ansehen zu verlieren.

Wie? Diese mit allen Hilfsmitteln eines modernen Krieges versehene Hafenstadt, in der dreißigtausend Soldaten lagen, bereit zu kämpfen, diese Stadt könnte geräumt werden?

Nein! Vor Odessa mußte Grigorjews Übermut zu Schanden werden!

Den Oberbefehl in Odessa führte jetzt General Berthellot. Ihm stand zur Seite General d'Anselm. Und nun langte noch der berühmte Verteidiger von Saloniki in Odessa ein: General Franchet d'Esperay.

Die Einwohner, das ganze Heer der Flüchtlinge atmete auf. Nun würde die Stadt verteidigt werden. Man würde in Kürze zur Offensive übergehen. Denikin bereitete alles vor. In einigen Monaten konnte er in Moskau sein.

General Franchet d'Esperay erließ zur Beruhigung der Bevölkerung, unter der die Abgesandten der Bolschewisten die unsinnigsten Gerüchte verbreiteten, folgende Erklärung:

»Die Entente der demokratischen Völker beabsichtigt weder Rußland zu teilen noch der russischen Bevölkerung die eine oder die andere Regierungsform aufzuzwingen.

Die Entente will nur die örtliche Regierung unterstützen, um ihr die Möglichkeit zu geben, die Ordnung wieder herzustellen und dann freie Wahlen auf Grund des allgemeinen Stimmrechts für die Konstituierende Versammlung auszuschreiben. Erst diese Versammlung wird das Recht haben, über das Schicksal des Landes und seine Regierungsform zu bestimmen.«

Zum Überfluß traf am 19. März der Dampfer der Freiwilligen-Flotte, »Cherson«, mit Algier-Truppen ein. Drei griechische Truppentransporte aus Saloniki folgten.

Alles bereitete sich auf einen vernichtenden Sieg der Entente über diesen Grigorjew mit seinen paar tausend verwilderten Anhängern vor.

Aber am 21. März erschien eine Proklamation des Generals d'Anselm. Die Leute warfen nur einen Blick hin, dann senkte sich eine Wolke der Traurigkeit, der Entmutigung und des grauen Entsetzens über Odessa.

Evakuierung!

Odessa wird geräumt!

Innerhalb drei Tagen wurde Odessa von den mit den modernsten Kampfmitteln ausgerüsteten französischen und sonstigen alliierten Truppen verlassen.

Grigorjew, dieser Abenteurer mit seinen wilden Kommunarden marschierte in der großen Hafenstadt ein – der Besieger der Entente! –

Aber nicht Grigorjew hatte gesiegt! Das rote Gespenst, das sie nicht fassen konnten und das immer unheimlicher auftrat, hatte die Franzosen beinahe in wilder Flucht aus Odessa gejagt, gemeinsam mit der Zivilbevölkerung, die in entsetzlichem Elend die Stadt Hals über Kopf verließ, um einem noch entsetzlicheren Elend entgegenzugehen.

So wurden die Südukraine und die Krim wieder bolschewistisch.

Nun kam die Rache!

Im April 1919 las man in der »Iswestija«: »Der ›Karausche‹ ist es zuträglich, wenn man sie in der Sahne brät, die Bourgeoisie liebt eine Regierung, die wütet und mordet. Schön ... mit Widerwillen im Herzen müssen wir die Bourgeoisie mit einem stark wirkenden Mittel zur Besinnung bringen. Wenn wir mehrere dieser Taugenichtse und Dummköpfe erschießen, wenn wir sie zwingen, die Straßen zu fegen, ihre Frauen aber zur Säuberung unserer Kasernen heranziehen (was für sie schließlich nur eine Ehre ist), so werden sie verstehen lernen, daß wir unserer Macht sicher sind. Es hat keinen Zweck, auf die Macht der Engländer oder Hottentotten zu hoffen! Der rote Terror hat begonnen! Er wird seinen Rundgang durch die Stadtviertel der zitternden Bourgeoisie machen. Die Gegenrevolution wird unter seinem blutigen Schlage aufschreien ... mit weißglühenden Eisen werden wir unsere Feinde aus ihren Behausungen jagen!«

Unter den vielen Gefangenen, die die Leute Grigorjews in Odessa machten, unter den zusammengetriebenen Leuten befand sich auch Graf Michael Kusmetz. Er wurde kurz verhört, was meist so viel bedeutete wie »abgetan werden!«

Aber seine Ruhe, sein Gleichmut und die immer wiederkehrende Behauptung: »Ich suche meine Frau!« erregten das Interesse eines Kommissars. Denn Grigorjew, der ehemalige Gardeoffizier des Zaren, den der Rausch des Krieges in diese Bahn geworfen hatte, wurde bei seinen Kriegszügen von Moskauer Kommissaren begleitet, die ihm erst offiziellen Charakter verliehen.

Der Kommissar erinnerte sich, den Mann da, der verhärmt und abgerissen vor dem Kriegsgericht der Tscheka stand, schon gesehen zu haben.

Er winkte, und man brachte den Grafen vor ihn.

Sie sahen sich in die Augen. Der Kommissar war ein großer, schöner Mann. Wäre nicht sein eisiges, ablehnendes Gesicht gewesen, dieses Gesicht, das sich förmlich mechanisch allem verschloß, was von außen kam, um nur der Idee zu dienen, dieser einen Idee des Kommunismus – wäre nicht dieses erstarrte Antlitz gewesen – man hätte Dimitrij Wronskj lieben müssen.

Der Kommissar, den Grafen immer aufmerksamer beobachtend, sagt:

»Man hat dir deine Frau genommen?«

»Ja,« erwidert der Graf und hebt den Blick. Da erkennen sie sich beide.

»Haben wir nicht in Sibirien nebeneinander gearbeitet?« fragt Wronskj, und in sein düsteres Gesicht tritt ein Leuchten freudiger Erregung. Er streicht mit der gepflegten Hand seinen schwarzen Bart. In seinen Augen arbeitet es.

Michael, dessen Nerven in den letzten Wochen zuviel hatten aushalten müssen, bricht in Tränen aus.

»Wronskj,« stammelt er. »Dimitrij Wronskj! Mein Gefährte! Freund! Welche Zeiten! Welche Wandlung! Man hat mir meine Frau Christine geraubt.«

Zum nicht geringen Erstaunen der Rotgardisten zieht der Genosse Kommissar den Bourgeois an seine mächtige Brust.

»Bürger Kusmetz,« sagt er gerührt. »Bürger Kusmetz! Ja, wir waren gute Freunde. Ich war Nihilist. Dich hatten sie wegen ... wie war es nur ...«

»Ich war nach Sibirien geschickt worden, weil ich gegen die Auspeitschung eines Demonstrationszuges protestiert hatte. Es war zu Tätlichkeiten zwischen mir und dem Offizier gekommen!«

»Richtig! Und nun? Nun bist du bei den Bourgeois? Bist bei den Weißen?«

»Ich bin weder bei den Weißen noch bei den anderen! Aber ich bin nicht einverstanden mit der Politik des Sowjet. Nein, Dimitrj Wronskj, ich muß es dir sagen ...«

»Du weißt zu wenig von uns,« erwidert der Kommissar, und sein Gesicht verdüstert sich wieder. »Doch was deine Frau betrifft – ich will dir helfen.«

Wronskj befiehlt, den Gefangenen von den Feldküchen zu ernähren und ihm nichts in den Weg zu legen.

»Ich werde dir Nachricht zukommen lassen, wenn ich etwas von deiner Frau höre. Christine hieß sie, sagst du? Gut, ich lasse Nachforschungen anstellen.«

Er sandte seine Leute in die öffentlichen Häuser und Vergnügungslokale und in die Gefängnisse. Er ließ in den tiefsten Kellern der Konterspionage nachforschen – aber Christine wurde nicht gefunden.

Einige Tage später wurden dem Kommissar die Akten vorgelegt, die sich bei der weißen Konterspionage gefunden hatten.

Da las der Kommissar den Namen Christine Kusmetz.

Und wußte genug.

Denn da stand:

»Christine Kusmetz ... Geliebte Colombis ... überführt durch Mac Lee und durch peinliches Verhör ... soll erschossen werden!«

Schweigend legte der Kommissar dem Grafen diesen Bericht vor. Kalter Schweiß trat auf die Stirne des Flüchtlings. Die Welt lief zickzack.

Seine Augen sanken in eine Welle von Blut. Als er sie zu dem Kommissar hochhob, schrie er wie ein Tier.

Doch der Kommissar war dergleichen gewöhnt. Das menschliche Mitleid war abgeschafft von den Sowjets wie die menschliche Liebe.

Etwas Unerwartetes geschah:

»Dimitrij Wronskj,« sagte der Graf. »Ich biete dir meine Hand. Willst du dich verwenden, daß ich in die Rote Garde aufgenommen werde?«

Ein Lächeln zittert über den Bart des Kommissars.

»Ich werde mich verwenden, Genosse Kusmetz.«

So kam Graf Kusmetz in die Rote Armee.

Am Tage seiner Ankunft als roter Soldat sagte er vor der Front seiner Abteilung, die Hand auf der roten Fahne:

»Ich schwöre bei meiner Ehre, daß ich dem Sowjetstern dienen werde mit meinem Blut, mit meinem Leben, daß ich keinen Feind schonen werde, denn die Feinde des Sowjets sind meine Feinde, daß ich sie ausrotten werde, daß ich mit ihren Körpern den Weg düngen werde, den die Freiheit der Völker, die Auferstehung der Gerechtigkeit gehen wird.«

Dimitrij Wronskj lächelte kalt.

Michael hieß von jetzt ab »Der Rote Graf«.

Seine eigenen Kameraden scheuten sich, mit ihm in Meinungsverschiedenheiten zu geraten.

Er wütete. Er war immer im Rausch. Er kämpfte wie ein Irrer. Er kannte keine Gnade. Er tötete mit der Raserei des Vergnügens.

Er suchte.

Er suchte Christine.

Er sagte sich nicht, es ist zwecklos. Er sagte sich: Das ist meine Aufgabe. So phantastisch es sein mag, in dem weiten, großen, von Kämpfen zerrissenen Rußland eine Frau zu suchen, ich weiß, daß ich sie finden werde. Ich will Rache nehmen. Ich will töten. Ich will morden! Grigorjew, Sieger von Odessa, fand den ehemaligen Kameraden unheimlich. Er schickte ihn fort. An die Front gegen Denikin.

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