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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 9
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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8.
... Beißen sich die Hunde

Als sie ins Zimmer des Justizrates eintraten, saß der Kassierer des Vereins der Warenhausangestellten, Zimmermann, schon vor Bauers Schreibtisch, er hielt einige statistische Tabellen in den Händen; die Wichtigkeit dieser Ziffern gab dem unscheinbaren Menschen Breite und Bedeutung, er sah mit diesen Tabellen auf dem Bauch nicht so klein und nebensächlich wie sonst aus, er nahm Raum in Anspruch.

»Wozu sind wir eigentlich hier versammelt?« fragte Roth. »Wie es scheint, zu religiösen Übungen mit Statistik.«

»Früher einmal hab ich dich um deine verwegne Schlagfertigkeit beneidet,« antwortete Koch, »jetzt hab ich bemerkt, daß du deinen Witz nur einhängst, wenn du spürst, daß es schief geht. Es ist nämlich gar kein Zweifel, daß es schief geht. Darf ich Sie bitten, Zimmermann, einmal Ihre Ziffern aufmarschieren zu lassen.«

Der Augenblick war gekommen, auf den sich der Sekretär achtundvierzig Stunden vorbereitet hatte, die bitteren Ziffern, die er vorzutragen hatte, wälzte er schon seit drei Tagen oder vier in seinem Busen, er brachte die schmerzlichen Tatsachen mit einer beinahe wollüstigen Genugtuung vor, und wenn er in seinem Vortrag eine Pause machte, so warf er seine Blicke vorwurfsvoll auf Roth, als wenn er ihn fragen wollte: Na, was sagst du denn dazu? ... Vor allem teilte er mit, daß der Streikfonds längst aufgebraucht sei, auch von den hunderttausend Mark der ›Flamme‹ – die Sammlung hatte bisher übrigens bloß dreiundvierzigtausend ergeben – waren schon siebenunddreißigtausend Mark aufgebraucht. Für den nächsten Zahltag standen also im besten Falle noch – »Wieso im besten Falle?« rief Roth ärgerlich – dreiundsechzigtausend Mark an Unterstützungsgeldern zur Verfügung. Da kommen auf den einzelnen Streiker kaum sieben Mark, mit denen er und seine Familie eine Woche lang leben sollen. Kommt hinzu, daß die Polizei einundzwanzig Demonstranten verhaftet hat, die Fensterscheiben bei Diamantidi eingeworfen haben, und daß gegen sie Ersatzansprüche im Ausmaße von achttausendsechshundert Mark gestellt werden, nicht zu reden von den zu erwartenden Gerichtsstrafen. Das Schlimmste aber sei, daß sich ein nur zum Schein humanitäres »Komitee der Mütter« gebildet habe, das offenbar im geheimen von Diamantidi unterstützt werde, und das allen kampfesmüden Frauen für ihre hungernden Kinder eine Wochenunterstützung von fünfundzwanzig Mark gewähre.

»Warum versohlt ihr diese Weiber nicht?« rief Roth.

Der Justizrat bat, Zimmermann doch ungestört zu Ende reden zu lassen.

»Mein lieber Roth,« warf Koch dazwischen, »mit dem Prügeln wollen wir erst gar nicht anfangen, ich kann dir nur sagen, daß es auch einige Leute gibt, die darauf brennen, dich einmal in die Hände zu bekommen, schließlich bist du es, der die ganze Suppe gekocht hat.«

»Es hat keinen Sinn, sich gegenseitig Vorwürfe zu machen,« begütigte der Justizrat, »damit kommen wir nicht einen Schritt weiter, außerdem ist die Stunde der Übersicht und Abrechnung nicht gekommen. Ich möchte gern hören, wie der Herr Chefredakteur die Situation ansieht.«

Roth fragte gleichmütig: »Darf ich meine Pfeife anstecken? ... Ich kann nur sagen: Wer setzt, knapp vor dem Siege, die Hosen verliert, der verdient seine Tracht Prügel.«

»Was berechtigt Sie zu der Auffassung, daß die Streikenden vor dem Siege stehn?«

»Ich will für ihn antworten,« Koch konnte sich vor Ungeduld kaum auf seinem Sitz halten, »der Stadtrat Klipp hat sich für heute abends bei ihm angemeldet und leichtsinnig, optimistisch, phantastisch, wie er immer ist, auch jetzt noch, glaubt er, der Allerweltsschwätzer werde einen Friedensvorschlag bringen. Übrigens vielleicht bringt er einen Vorschlag. Die Frage ist nur, ob es ein Vorschlag für die Streikenden oder ein Vorschlag für die ›Flamme‹ ist.«

Roth paffte dicken Rauch aus dem gespitzten Mund: »Ich habe die Wahl, dir ein paar Ohrfeigen zu geben oder dein Geschwätz zu überhören.«

Nein, diesen Ton duldete der Justizrat nicht. »Wenn das so weitergeht, liegen wir in zehn Minuten alle auf dem Boden und balgen uns herum. Das hat keinen Sinn, lieber Koch, besser wär's, der Herr Chefredakteur spräche sich etwas deutlicher aus.«

Roth nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte sie umständlich aus: »Ich kann freilich keinen wissenschaftlichen Beweis für meine Annahme erbringen, aber ich sehe drüben Anzeichen der Kampfesmüdigkeit. Das kann man wittern, aus Symptomen erraten, beweisen kann man's nicht. Seit zwei Tagen beschimpfen uns die Zeitungen Diamantidis nicht mehr, auch dieses ›Komitee der Mütter‹ ist doch nur aus Angst vor der öffentlichen Meinung entstanden. Schließlich wird der Stadtrat Klipp, so geschäftig er ist, auch nicht mit ganz leeren Händen kommen. Wir sind freilich auf einem toten Punkt angelangt, wir brauchen ein Ereignis, das die Massen wieder aufpeitscht. Mit dem bureaukratischen Phlegma Kochs ist nie ein Krieg zu führen gewesen. Aber ich werde morgen in der ›Flamme‹ wieder ein bißchen einheizen. Wir werden einmal die Familie Diamantidis mit dem Scheinwerfer beleuchten, der Herr Bruder ist ja als Betrüger im Gefängnis gesessen.«

»Niemand ist für seinen Bruder verantwortlich«, erwiderte der Justizrat, es war wieder derselbe messerscharfe Ton, den er nur gegen Roth fand.

»Verantwortlich! Nein, viel mehr, sie sind verwandt! Der Bruder ist dasselbe in grün! Und da die von Diamantidi bezahlte Presse den Prozeß bisher totgeschwiegen hat, so wird die Enthüllung des Familiencharakters jetzt ihre Wirkung tun.«

»Sind Sie sicher, daß es einen Familiencharakter gibt? Möchten Sie für die Handlungen eines Bruders verantwortlich gemacht werden?«

Roth schwieg bloß einen Augenblick, dann sagte er: »Ich habe jetzt nicht psychologische Fragen zu lösen, ich habe Diamantidi schachmatt zu setzen!«

»Man könnte die Partie vielleicht auch mit einem remis schließen. Aber, bitte, darüber habe nicht ich zu beschließen.«

Koch legte die Hände über den Bauch und verkündete: »Die erste Enthüllung zündet, die zweite wirkt noch, die dritte wird ein nasses Feuerwerk! Da helfen die fettesten Leitern nicht mehr.«

Roth sah schon die morgige ›Flamme‹ vor sich, er wurde bei dieser Vorstellung sofort lustig: »Fette Lettern helfen immer! Mit fetten Lettern entthrone ich Gott.«

Plötzlich taute die Speyer auf: »Wenn der Bruder des Diamantidi wegen Betrug im Zuchthaus gesessen ist, würde ich doch noch einen Versuch wagen. Bruder ist Bruder!«

Der Justizrat faßte die Beratung zusammen, der Augenblick für einen Vermittlungsversuch, den er im Interesse der Streikenden unternehmen wollte, sei noch nicht gekommen. Trotz schwerwiegender Bedenken wolle man doch noch ein wenig abwarten, um so mehr, als Stadtrat Klipps Verhandlungen vielleicht wirklich eine Chance eröffne. Er erkundigte sich noch beiläufig, wann Klipps Besuch stattfinde und ob Koch und die Warenhausangestellten an der geplanten Unterredung teilnehmen.

»Die Unterredung wurde als Gespräch unter vier Augen erbeten, aber ich werde Klipp nach der Einleitung sofort sagen, daß ich zu einer Verhandlung unter vier Augen nicht gelaunt und nicht befugt bin.«

»Hält sich Koch bereit?«

»Selbstverständlich! Und ob!« rief der Gewerkschaftssekretär. »Geheimdiplomatie dulden wir nicht.«

Als die vier sich entfernen wollten, bat der Justizrat den Chefredakteur, noch einen Moment zurückzubleiben: »Ich möchte Ihnen nur eine Kleinigkeit unter vier Augen sagen.« Er begleitete die andern hinaus. Roth hatte, als er nun allein im Zimmer saß und auf Bauer länger, als er annahm, warten mußte, das Gefühl, er müsse sich gegen eine gefährliche Feindseligkeit wappnen. Schon, daß er mich einzeln vornimmt, dachte er, soll mich vor den andern offenbar herabsetzen, nun läßt er mich absichtlich noch dünsten. Wer weiß, was er draußen mit den dreien abmacht! Aber auf einen Rippenstoß werd' ich mit zwei Kinnhaken antworten, diesmal bin ich gerüstet.

Der Justizrat setzte sich langsam in seinen Fauteuil.

»Ich wollte Sie wegen des Angriffs auf Diamantidi noch einen Moment sprechen, und ich wollte es unter vier Augen tun, um Ihnen eine Unannehmlichkeit zu ersparen. Haben Sie ungefähr eine Vorstellung, was Diamantidi antworten wird, wenn Sie ihm seinen Bruder vorwerfen?«

»Redensarten oder gar nichts.«

»Nein. Ich fürchte, er wird Ihnen Ihren Bruder vorwerfen.«

»Mein Bruder ist ein dummer Junge, ein leichtsinniger, vergnügungssüchtiger Mensch. Er hat alle Unarten eines Bohemiens. Wenn man ihm endlich nichts mehr pumpte, würde er schon vernünftig werden.«

»Beschränkt er sich bei diesen Pumpversuchen auf seine eigenen Bekannten? Es wäre unangenehm, wenn er Ihren Kreis in seine, sagen wir, Transaktionen miteinbezöge.«

Roth spürte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg: »Auch das würde ich meinen Lesern zu erklären wissen.«

»Erklärungen, mein lieber Herr Chefredakteur, sind in der Politik immer mißlich, besonders psychologische. Nehmen Sie Ihren Bruder lieber fest bei den Ohren! Und fragen Sie ihn vorher, ob er nicht einmal in der letzten Zeit Diamantidi angepumpt hat, und zwar ziemlich gründlich.«

Roth saß hart am Schreibtisch, der Justizrat konnte nicht sehen, daß er sich an die Schreibtischfüße anklammern mußte: »Wissen Sie das bestimmt, dann sprechen Sie ganz deutlich.«

»Ich weiß, daß Diamantidi sich unlängst gerühmt hat, Ihrem Bruder ein paar tausend Mark geliehen zu haben.«

»Ein – paar – tausend – Mark?«

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Roth imstande war, zu sprechen. Etwas wie eine Ohnmacht lähmte ihn. Wenn er Rudolf jetzt vor sich gehabt hätte, er würde ihn mit beiden Fäusten, mit dem Stiefelabsatz würde er ihn bearbeitet haben. Lächelte der Justizrat nicht? Nein, sein Gesicht war ganz unbewegt. Jetzt stand Bauer auf, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte bedauernd: »Die Sache scheint Sie begreiflicherweise zu alterieren.«

Untersteh dich nicht, dachte Roth, mich zu bemitleiden. Mit etwas forcierter Leichtigkeit antwortete er: »Ich bin Ihnen für Ihre Mitteilung dankbar, sie ist nicht ganz so wichtig, wie Sie glauben, denn ich stehe ja nicht, wie Diamantidi, in der bürgerlichen Welt, ich habe mich nur vor mir selber zu rechtfertigen. Bin kein Familienmensch.«

Der Justizrat hatte die Hände auf den Rücken gelegt und schwieg.

Roth zerbiß sich die Unterlippe, endlich sagte er: »Um das Geschwätz kann man sich nicht kümmern, das hängt sich an unsereinen, das gehört auch zu dieser Stadt. Drehen Sie sich einmal unvermutet um und hören Sie, was für dummes Zeug die Leute über Ihre Angehörigen schwatzen.«

»Wie meinen Sie?«

»Geschwatzt wird über jeden, wer kann sich um die Klatschmäuler kümmern.«

Bauer stand jetzt ganz dicht vor Roth, aufgerichtet war er den Kopf höher: »Was meinten Sie mit meinen Angehörigen? Ich dulde keine Zweideutigkeiten.«

Roth lächelte gegen seinen Willen: »Dulden? Dulden? Das Flüstern hinter uns müssen wir dulden. Jede hübsche Frau wird beschwatzt. Es ist mir gar nicht eingefallen, eine bestimmte Tatsache gegen Ihre Gattin zu behaupten.«

Der Justizrat ging mit etwas schweren Schritten hinter seinen Schreibtisch. Roth sah jetzt nur seinen gebeugten Rücken, aber er hatte das peinliche Gefühl, Bauer verberge sein Gesicht. Auf einmal flog Roth das Gesicht Adams durch den Kopf, und er beeilte sich, die Unbeherrschtheit von früher wegzulöschen:

»Ich wiederhole nochmals, daß ich nur sagen wollte, daß auch der oder die Anständigste sich gegen üble Nachrede nicht schützen kann. Es würde mir leid tun ...«

»Schon gut. Gute Nacht, Herr Roth, ich denke, wir haben alles Notwendige besprochen.«

Das war wieder ein Hinauswurf, dachte Roth. Bauer sagte den das Gespräch abschließenden Satz, ohne sich umzudrehn, mit offenbar verborgenem Gesicht: Roth sah nur diesen schmalen, gebeugten Rücken und er las aus diesem traurigen Rücken. Er stolperte beim Hinausgehn, es wurde ihm nicht leicht, die Tür zu finden.

Der Justizrat hob das Hörrohr vom Telephon: »Verbinden Sie mich mit meiner Frau.«

Nach einer Weile meldete der Bureauvorsteher: »Die gnädige Frau ist ausgegangen, sie ist bei Fräulein Orber.«

Bauer wollte sagen, verbinden Sie mich mit der Order, aber er besann sich, bat um das Telephon-Verzeichnis, fand selbst die Nummer der Orber:

»Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«

»Nein, wen darf ich melden, wenn Fräulein Orber heimkommt?«

»Ich dachte, Sie haben Besuch.«

»Besuch? Nein, es ist niemand da.«

Das Gespräch riß ab.

Nach einer Weile griff Bauer wieder nach dem Telephonbuch, es war zentnerschwer. Er blätterte darin, er suchte, er blätterte zurück. Als er die gesuchte Nummer gefunden hatte, schlug er das Buch wieder zu. Er schämte sich, die Nummer anzurufen. Ohne sich zu rühren, verharrte er an seinem Schreibtisch. Da saß er noch, als der Bureauvorsteher eintrat. Bauer versuchte, einen möglichst unauffälligen Ton anzuschlagen:

»Verbinden Sie mich mit dem Detektivbureau Zülow.«

Eine militärische Stimme meldete sich, Kriminalkommissar Zülow, Hauptmann a. D. Als der Justizrat, unschlüssig und von einer Abneigung gehemmt, mit der Antwort zögerte, wurde der Angerufene beinahe unhöflich. Kategorisch verlangte er zu wissen, wer denn am Telephon sei und mit welcher Abteilung der Herr sprechen wolle, ob es sich um eine kriminalistische Angelegenheit oder eine Ehebruchssache handle. Als Bauer noch nicht zu reden begann, wurde der Angerufene zornig. »Hören Sie 'mal. Wenn Sie glauben, sich mit uns einen Spaß erlauben zu dürfen, täuschen Sie sich gewaltig. In zwei Minuten hab ich heraus, wer Sie sind.« Der Justizrat nannte seinen Namen ... Sofort verwandelte sich die Schärfe des anderen in Devotion, aber diese Tonart stieß Bauer noch mehr ab. Er wolle nur fragen, erklärte Bauer, ob der Herr Kommissar für eine diskrete Beobachtung einen taktvollen Beamten zur Verfügung habe.

»Ehebruch? Ein Dutzend sehr erfahrener und gewitzter Leute.«

»Nein, es handelt sich um einen etwas komplizierten Fall eines Klienten.«

»Komplizierter Fall? Da geh ich selbst auf die Jagd«, rief der Hauptmann a. D. vertraulich-humoristisch.

Der Justizrat dankte und legte den Hörer auf die Gabel.

Ziemlich unerwartet kam Bauer nach Hause. Lili hatte mit den Kindern längst zu mittag gegessen, der große Junge war schon wieder in der Schule, die zwei Kleinen lagen in den Betten. Das Mädchen brachte in das helle, kleine Frühstückszimmer die rasch aufgewärmten Speisen. Bauer aß ein wenig.

»Bist du nicht ganz wohl?« fragte Lili mit guten großen Blicken.

Er sah in diese hellen Augen und antwortete: »Danke, es geht schon wieder.«

Lili legte ihre Kinderhand auf seine hagere: »Hast du Unannehmlichkeiten gehabt?«

Ihre Stimme war voll Sanftmut und Besorgtheit. Er faßte nach ihrem Kinn, ihr schmales, kleines Gesichtchen hatte Platz in seiner knochigen Hand. Wie gut, dachte er, daß ich dieser unwürdigen Versuchung widerstanden habe. Beobachten ist gemein. Wenn ich ihr Gesicht hier in meiner Hand halte und ihr grader Blick nicht zagt und nicht unsicher wird, beobachte ich dann nicht am besten? Der Einfall, das Detektivbureau anzurufen, gehörte nicht zu ihm, den hat dieser illoyale Skandalmacher zurückgelassen. Das ist sein Gedanke, seine Methode, man geht eben nicht ohne Ansteckungsgefahren mit so unsauberen Burschen um ... Wie sanft lag ihr Kinn in seiner Hand!

»Woran denkst du?« fragte sie mit ihrem hellblauen Blick.

»Soll ich dir das sagen?«

»Du mußt!«

»Heute war jemand bei mir, der mir nahelegte, dich beobachten zu lassen!«

Lili riß ihr Gesicht aus seiner Hand: »Pfui!«

Er lächelte: »Ich tu's ja nicht. Obwohl ... Obwohl du zuweilen ein bißchen schwindelst. Wo warst du zum Beispiel heute vormittag?«

Das Blut stieg ihr zu Kopf, sie spürte es, daß alles, Wangen, Hals, Stirne bis zu dem Haaransatz glühend errötete.

Schnell sagte sie: »Beobachten! Entsetzlich! Schon der Gedanke, Spione auf den anderen loszulassen, ist das Ende.« So, nun war das Erröten erklärt.

»Reg dich nicht auf, es war ein Kuckucksei, das einer in mein Nest legen wollte, aber ich warf es sofort hinaus ... Du wolltest mir doch sagen, wo du vormittag warst. Bei der Orber?«

»Nein.«

»Aber das ließest du doch zu Hause zurück?«

»Ja, ich wollte zu ihr, aber auf dem Wege überlegte ich es mir, ich hatte mir längst vorgenommen, einmal in der Schule des Jungen nachzufragen.«

Er atmete auf; also alles stimmte.

»Komm zu mir«, bat er.

»Sag mir erst, wer der Kerl war, der über mich gesprochen hat.«

»Es hat niemand direkt über dich geredet.«

»Ich kann mir denken, wer es war.«

»Ja, dieser Giftmischer.«

Lili trat ganz dicht zu dem Gatten hin, sie hing mit pressenden Armen an seinem Hals und sagte: »Ruh dich aus, du siehst so müde aus.«

Dann ging sie in ihr Schlafzimmer. Sie sperrte die Tür ab. Das Licht flutete durch ein Doppelfenster in das Gemach, in dem alles weiß und licht und freudig war. Obwohl gar niemand da war, drehte sie sich vorsichtig noch einmal um, dann sperrte sie die unterste Lade des breiten Wäscheschranks auf und holte zwischen Leinen und Seiden einen blitzblanken Browning hervor. Es mußte sein.

Da stand sie vor dem hohen Spiegel, der in den Wäscheschrank eingelassen war, sie sah sich in die Augen, sie sagte ganz laut zu sich: »Lili, jetzt mußt du büßen!« Dann hob sie den glänzenden Revolver und setzte sich ihn an die Schläfe. Hu, war dieser Lauf eiskalt. Wie dumm, dachte sie, daß man nicht Revolver herstellt, die einen kleinen Pelzstreifen am Ende des Laufs haben. Man kann ja gar nicht in Ruhe zielen, wenn man diesen eiskalten Ring an der Schläfe fühlt. Übrigens mußte sie nachsehn, ob das Zeug richtig geladen war. Wie lang hatte sie nun den Revolver nicht in der Hand gehabt? Gott, der Hahn war ja gar nicht zu bewegen. Was war denn da versperrt? Um Gottes willen, jetzt konnte sie nichts untersuchen. Jetzt, während Ferdinand im Hause war. Wenn so ein dummer Schuß daneben ginge. – –

Sie öffnete behutsam die unterste Lade des Wäscheschranks und bettete den Revolver vorsichtig wieder zwischen Leinen und Seiden.

Das Mädchen klopfte an der Tür: »Der Herr Justizrat sucht die gnädige Frau.«

Lili reichte dem Gatten Mantel, Seidentuch, Handschuhe.

Er streichelte ihre Wange: »Also keine Überwachung.«

Da sah ihn Lili mit ihrem ernsthaften Kindergesicht lange, länger als sonst, an und sagte: »Hab Zeit für mich!«

Sie hörte den Wagen fortfahren, setzte sich an den Schreibtisch, holte ihr lila Lili-Briefpapier hervor und schrieb in großen Lettern: »Adam, ich kann Dich nie mehr sehen, zerreiße diesen Brief sofort. Lili.« Aber das fand sie nach einer Weile zu hart, zu plötzlich, sie zerriß den Brief in kleine Schnitzelchen und zerriß jedes Schnitzelchen noch einmal. Dann schrieb sie: »Lieber Adam. Wenn Du mich wirklich lieb hast, dann wollen wir uns nicht mehr wiedersehen. Jemand hat uns, glaube ich, verraten. Lili.« Aber als sie das Kuvert schrieb, sah sie den langen Adam vor sich, wie er wankend den Brief las, und, plötzlich hatte sie das Gefühl, er stünde hinter ihr, da in ihrem Schlafzimmer. Sie zerriß auch den zweiten Brief in winzige Stückchen.

Es war das beste, ihm morgen alles rücksichtsvoll beizubringen, morgen vormittag sah sie ihn sowieso.

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