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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 8
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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7.
Kopfschmerzen in der Schlacht

An diesem Vormittag war Würz unerwartet früh in die ›Flamme‹ gekommen. Schneeberger, mit der Schere bewaffnet, tauchte aus einer Flut von Zeitungen hervor, Roth trabte durch die Zimmer.

»Wenn er nur endlich Krach machen wollte,« brummte Schneeberger zu Adam, ohne aufzublicken, während die sirrende Schere Material für die Setzerei erzeugte, »sein schweigendes Toben ist viel beängstigender. Nun hat er Sie einmal da, nun könnte er sich doch an Ihrem Busen, Würz, entleeren. Gehen Sie doch zu ihm hinein und zapfen Sie ihn an.«

Adam erhob sich so langsam, als hätte er mit atmosphärischen Widerständen zu kämpfen, es dauerte eine Weile, bis er in voller Länge aufgerichtet war. Vor der gepolsterten Tür blieb er stehen, streckte die Arme nach beiden Seiten, es dauerte wieder eine lange Weile, bis die Gehmaschine sich in Bewegung setzte.

Roth lag, als Adam eintrat, in einem Klubfauteuil, ganz gegen seine Gewohnheit, er hatte die Beine hochgezogen; da lag er in den Fauteuil geworfen, eine rundliche Puppe, die kaum über die Lehne gucken konnte.

»Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?« fragte Adam.

»Ich brauche ein Ereignis,« stöhnte Roth, »es geschieht nichts!! Heute ist der achte Streiktag, die Bewegung stirbt, sie stirbt an Auszehrung. Passen Sie auf, Würz, in einer Viertelstunde sitzt die Speyer hier und flennt und der dicke Koch wird fragen, ob die hunderttausend Mark im Sammelfonds schon beisammen sind, und dann kommt die Konferenz mit Bauer, das ist die Vorbereitung der Niederlage. Übrigens sind heute nur sechstausend Mark eingegangen, gegen vierzehntausend gestern. Unser schlimmster Feind ist das Phlegma. Ich hätte im Süden auf die Welt kommen sollen, vielleicht in Italien, wie Diamantidi. Nach dem Artikel dachte ich oder fürchtete ich oder hoffte ich, ein junger Mensch werde ein paar Schüsse gegen Diamantidi abgeben, Schüsse, die fehl gehn, sie hätten doch getroffen. Wir brauchen ein kleines mißglücktes Attentat oder zwei Ladenmädchen, die verhungert sind, oder wenigstens einen Riesenbrand im Warenhaus. Ohne dramatische Begebenheiten ist eine Volksbewegung nicht wachzuhalten! Diese entsetzliche allgemeine Schläfrigkeit – ich habe Kopfschmerzen für zwölf, trotz Pyramidon und Phenazetin.«

Frau Speyer trippelte herein, sie hatte nicht einmal mehr angeklopft.

»Setzen Sie sich und heulen Sie sich aus«, sagte Roth.

Die arme Frau war wirklich schon wieder in Tränen: »Wozu findet denn heute die Konferenz bei Justizrat Bauer statt? Ich hab das Gefühl, das bedeutet Schluß. Wir haben verloren.«

Roth schrie: »Schneeberger, Pyramidon!«

Der Treueste erschien mit den Pulvern und einem Glas Wasser: »Nehmen Sie nicht zu viel, das vergiftet Sie.«

» Die da vergiftet mich,« Roth wies auf die Weinende, »das ist Gift für mich. Mit diesen Tränen hat sie mich vor fünf Tagen gezwungen, zu schießen. Ich wollte nicht, ich wußte, daß es falsch war. Wir hätten mit den Artikeln gegen Diamantidi warten sollen. Aber wer kann ruhig zielen, wenn Weiber daneben weinen. Schneeberger schicken Sie mir die Leitermeyer herein mit dem Akt Diamantidi.«

Die Leitermeyer II schwebte lautlos ins Zimmer und überreichte Roth den Akt. Er kauerte im Fauteuil und blätterte: »Die wichtigste Munition ist verschossen. Das einzige, was wir noch bringen könnten, wären die Schweinereien seines Bruders. Aber was ist ein Bruder? Immerhin, er hat im Gefängnis gesessen, ein Jahr und zwei Monate. Betrug. Wie wär's wenn wir das heute losließen? Was meinen Sie, Würz?«

»Ich bin ein Lehrling.«

»Koch,« sagte die kugelrunde Vorsitzende, »Koch meint, der persönliche Kampf schaffe uns keine Sympathien. Wir sollen sachlich sein, sagt Koch. Auch ein sozialer Kampf muß mit reinen Waffen geführt werden, sagt Koch.«

»Halten Sie den Mund«, schrie Roth. »Schweigen Sie, wenn Sie mir Sittenpredigten halten wollen, da ist es mir noch lieber, Sie flennen weiter.«

Frau Speyer wollte antworten, aber erst mußte sie die Tränen niederkämpfen, dann stammelte sie: »Heute wollten sich siebzig Verkäuferinnen zum Dienst melden!«

»Was habt ihr mit ihnen angefangen?«

»Ich hab ihnen den Standpunkt klar gemacht, ich habe sie gefragt, ob sie Verräterinnen ...«

»Unsinn«, schrie Roth, immer noch mit hochgezogenen Knien im Fauteuil liegend. »Ihr hättet sie ordentlich durchprügeln müssen! Womöglich öffentlich. Vor fünftausend Streikern. So ein Volksgericht fürs Auge, die Röcke hoch und fünfundzwanzig Streiche auf den Hintern, das hätten sich die andern gemerkt, die andern, die morgen davonlaufen werden. Aber halt, jetzt hab ich's, Schneeberger, das geben wir auf die erste Seite. Notieren Sie sich's, Würz, zeigen Sie, daß Sie ein Dichter sind. Wenn die Streikenden blutlos sind und nichts tun, so wollen wir ihnen wenigstens mit erfundenen Taten nachhelfen. ›Kräftige Züchtigung von Streikbrechern.‹ Schildern Sie, Würz, einen Überfall im Stadtpark, wo ein Dutzend Frauenzimmer mit Diamantidis Agenten verhandeln. Streikende kommen dazwischen, die Agenten laufen davon, die Verräterinnen werden festgehalten und vor dreihundert lachenden Zuschauern wird ihre Strafe exekutiert. Eine Lehre für alle, und so weiter, Sie wissen schon. Das wird die Kampfmoral heben, die Feigen werden im Zaum gehalten. Ganz gut, daß Sie gekommen sind, Speyer, Ihr Tränenfluß befruchtet mich, seien Sie mir nicht böse.«

»Ob Koch damit einverstanden ist?« murmelte die Verzagte.

Da trat er gerade ein, der Gewerkschaftssekretär.

»Koch hat in die ›Flamme‹ gar nichts dreinzureden, Gott sei Dank, ich sympathisiere nur mit der Partei, ich bin zum Gehorsam nicht verpflichtet.«

»Leider,« sagte Koch, »es wäre vieles anders, wenn.«

»Noch keine Bilanzen, Koch, noch ist Polen nicht verloren. Behalt die Rede im Bauch.«

Fräulein Leitermeyer II trat ein und bat den Chefredakteur ans Telephon. »Ich will nicht,« rief Roth, »Schneeberger soll an den Apparat gehen.«

»Die Dame will nur mit Ihnen selbst sprechen. Zuerst kam Herr Schneeberger an den Apparat, aber die Dame rief nach Ihnen. Dann ging ich ans Telephon und meldete mich als Ihre Sekretärin. Sie sagt, daß sie etwas sehr Wichtiges in der Streiksache mitteilen wolle, aber Sie müßten selbst ans Telephon kommen.«

Knirschend kroch Roth aus dem Fauteuil zum Schreibtisch und ergriff den Hörer: »Na, los! Hier Roth. Was wollen Sie denn? ... Ja, ich bin selbst am Apparat ... Das müssen Sie mir schon glauben, notarielle Bescheinigung kann ich Ihnen darüber nicht geben ... Also, zum Teufel, zieren Sie sich nicht und kommen Sie endlich zur Sache oder ich werfe den Hörer hin. Na also ...«

Plötzlich hörten die leisen Gespräche zwischen Koch, Frau Speyer und Würz auf, sie sahen, wie das verdrossene Gesicht des Telephonierenden sich zu beleben begann. Er fuhr sich durch die Haare, seine Augen funkelten, er begann, wie immer, wenn er Feuer fing, leise zu pfeifen, der Pfiff erstarb ihm auf den Lippen, er sagte beinahe lachend in den Hörer: »Wenn das wahr ist! ... Hören Sie, wer sind Sie denn? Wozu diese Zimperlichkeit? Hier ist noch nie jemand verraten worden! Ich müßte ja den ganzen Laden zusperren, wenn ich nicht schweigen könnte ... Übrigens kenne ich Ihre Stimme ... Nein, ich kenne Ihre Stimme nicht ... Wenn Sie die Wahrheit sagen, tun Sie uns einen unschätzbaren Dienst. Nun, das wird sich zeigen ... Jedenfalls dank ich Ihnen. Kann ich Sie verständigen? ... Nicht schreiben? ... Nicht telephonieren? ... Schön, dann melden Sie selbst sich wieder! Danke!«

Roth warf den Hörer in die Gabel, er stützte sich auf den Schreibtisch, er versuchte einen kleinen Luftsprung. Er war nicht wiederzuerkennen, plötzlich waren die Kopfschmerzen verflogen, plötzlich war er ausgelassen wie ein Schuljunge, der aus dem dumpfen Klassenzimmer in die frische Luft fliegt.

Koch konnte diese Faxen, wie er es nannte, nicht länger mitansehen. »Möchtest du uns vielleicht mitteilen, was los ist?«

Roth rannte von einer Ecke des Zimmers in die andere: »Eigentlich verdient ihr es gar nicht, ihr Schlappschwänze ... Aber wenn das wahr ist, was diese Stimme von oben im Telephon angekündigt hat, dann ist in drei Tagen Frieden.«

Er kniff Frau Speyer in die runde Wange und sang den verkehrten Text: » Veni, vici, vidi, wir schlagen Diamantidi.«

»Leider fehlt dir der männliche Ernst,« sagte der Gewerkschaftssekretär, »willst du uns nicht endlich sagen..

Jetzt legte sich Roth breit in den Fauteuil und streckte die runden Beine von sich: »Wenn heute«, orakelte er mit gehobenem Zeigefinger, »der Stadtrat Klipp hier erscheint, dann haben wir gewonnen.«

Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen als Fräulein Leitermeyer II eintrat und fragte: »Der Stadtrat Klipp läßt sich empfehlen und fragen, wann er Sie heute abend sprechen kann.«

Da ließ sich Roth vom Fauteuil glatt auf den Boden hinunterrutschen, sah wie ein ausgelassener Bub um sich herum, dann antwortete er mit fröhlichstem Spitzbubengesicht: »Um sechs Uhr – hier.«

Die Drei starrten ihn an, Koch war über diese »Mätzchen« nur verdrossen, die Speyer verstand das alles nicht so schnell und schüttelte nur, weil Koch die Brauen zusammenzog, mißbilligend den Kopf, Adam aber hatte zum erstenmal das Gefühl von Zusammenhang mit Roth, von Liebe zu diesem launenhaften Jungen, den sie »Chef« nannten.

Noch immer auf dem Boden sitzend, sagte Roth: »Laßt mich zehn Minuten nachdenken.«

Er öffnete die Tür und warf, bloß mit seinen drohenden Augen, die drei Besucher hinaus. Von einer Ecke des Zimmers trabte er zur gegenüberliegenden. Einen Moment lang war er in Versuchung, Adam hereinzurufen. Kein Zweifel, er brauchte so dringend jemand, mit dem er dieses unerwartete Telephongespräch besprechen konnte. Aber Adam war ja doch eine Enttäuschung. Er hatte kein Talent zum Fieber. Jetzt sah er es ... Nach einigen Minuten entschloß er sich, Schneeberger hereinzuklingeln. Der alte Redakteur mußte drei Märsche Roths quer durchs Zimmer abwarten. Dann hörte er Roth fragen: »Hast du ›Egmont‹ im Stadttheater gesehen?«

Schneeberger starrte ihn entgeistert an: »Bist du meschugge geworden? Seit vierzehn Jahren war ich nicht im Theater.«

»Dann schick mir die Leitermeyer II herein.«

Die Vorsteherin der Auskunftei schwebte unhörbar herein.

»Haben Sie ›Egmont‹ im Stadttheater gesehen?«

»Ja.«

»Haben Sie die Stimme, die mich früher anrief, schon einmal gehört?«

Ohne lange Überlegung sagte die Leitermeyer: »Ich dachte sofort daran, ich glaube, es war das Klärchen.«

Roth lief auf die kleine Person zu, schüttelte sie an beiden Schultern und rief: »Lassen Sie sich zweihundert Mark an der Kasse auszahlen. Als Remuneration! Sie sollen auch eine Freude haben.«

Nun trabte er nicht mehr durchs Zimmer, er hüpfte. Er öffnete die Tür und rief den Wartenden draußen zu: »Wir müssen zum Justizrat.«

Adam bat, nicht mit zu müssen. Er hatte ja den Überfall im Stadtpark zu drechseln.

Roth sah ihn von der Seite mit aufrichtiger Verachtung an. Wie konnte er jetzt abseits bleiben?

Im Auto saß Roth zurückgelehnt und redete kein Wort. Koch wurde verdrießlich.

»Laß jetzt die Geheimniskrämerei. Solche Mätzchen sind jetzt wahrhaftig nicht am Platze. Willst du uns gefälligst sagen, was du vorhast?«

»Nichts hab ich vor, ich will den Streik gewinnen. Kommt um halb sieben in die Redaktion.«

»Du verkennst die Situation, wir stehn vor dem Zusammenbruch, und deine Sensationsmethoden verfangen nicht mehr.«

Roth blieb zurückgelehnt und antwortete nicht.

Das Schweigen war nicht auszuhalten.

»Ich hätte mir's denken können,« der ruhige, gemächliche Koch zitterte, »ich wollte nie mit dir in Kompagnie gehn, ich war immer für andere Kampfmethoden, für den sachlichen Kampf. Aber wenn wir scheitern, so wird die Niederlage wenigstens das Gute haben, daß sie auch die ›Flamme‹ begräbt.«

Da explodierte Roth.

»Eure Kampfmethoden! Euer sachlicher Krieg! Ihr – ihr armen Schlaumeier. Ihr habt doch keine Ahnung von euren Feinden. Wie wollt ihr denn siegen mit eurer gottverdammten Sachlichkeit, ohne den Gegner zu kennen? Ihr lebt doch immer nur in eurer Welt, in euren Lastzügen, in eurer dritten Klasse! Wer die Diamantidis besiegen will, muß in ihren Luxuszug einsteigen, in die erste Klasse. Ihr wollt Krieg führen in einer Welt, von der ihr keine Ahnung habt, Krieg führen ohne Spione, Krieg führen ohne Landkarten! Ich habe mich wenigstens bemüht, die Welt der Diamantidis auszuforschen, ich weiß, wie sie leben, wie sie spekulieren, wie sie sündigen. Ich habe sie beobachten lassen in ihrem öden Zuhause, ich weiß, daß sie von knirschenden Sekretären umgeben sind, ich weiß, wie einsam und leer und unbefriedigt das Leben in ihren pompösen Villen und Luxushotels und Schlafwagenzügen ist. Wärt ihr Kerle, ihr hättet eure Emissäre im Winter in St. Moritz, im Sommer in Biarritz und Karlsbad. Sie sind ja, Gott sei Dank, nicht unverwundbar, sie krachen zusammen, weil es ihnen an Zeit fehlt. Deshalb zittern sie vor jeder Angina. Sie gründen Konzerne, aber sie mißgönnen dem Konzernbruder den kleinsten Bissen, sie häufen Milliarden, aber sie liegen wie heulende Hunde vor den Türen der Weiber, sie schlafen mit ihren Kontokorrentbüchern, wenn sie überhaupt schlafen können, diese Tiger. Sie sind die wehrlosen Opfer ihrer kommandierenden Ärzte. Aber was wißt ihr von dieser andern Welt? Es gab ein einziges Volk, das die Welt umkrempelte. Warum? Weil sie ihre Verschwornen am Zarenhof hatten, weil sie Bescheid wußten über jede Stunde dieser schäbigen Großfürsten, mitsamt ihren schmuckbehängten Gänsen. Wenn ich Krieg führe, mein guter, ahnungsloser Koch, dann weiß ich wenigstens, wo ich meine Minen legen soll.«

»Du hörst dich gern, leider ist der Zeitpunkt für Deklamationen schon vorbei. Deine Minen machen Krach, aber sie verwunden keinen.«

»Abwarten!«

Auf der Treppe zum Bureau des Justizrats murmelte der Gewerkschaftssekretär zur Speyer:

»Nicht mehr hören kann ich dieses Gerede, dieses unernste Geschwätz.«

 

Adam schmierte den Überfall im Stadtpark in zehn Minuten hinunter, er las die mit Bleistift hingeworfenen Zeilen nicht einmal durch, sondern sandte sie sofort in die Druckerei und bat Schneeberger, er möge sich die Sache noch einmal ansehn, nicht bloß auf Druckfehler hin. Dabei hatte Würz schon den Hut in der Hand.

»Das nenne ich Interesse am Blatt,« brummte Schneeberger, »laufen Sie nur, in Gottesnamen, es wird alles besorgt.«

Als Adam, ziemlich atemlos, in sein Zimmer eintrat, war Lili zu seinem Erstaunen nicht da. Aber als er den Schrank öffnete, um seinen Hut hineinzulegen – er haßte herumliegende Hüte – sah er ihr kurzes Kleid auf einem Haken hängen und ihre winzigen Stiefelchen standen auf dem Boden des Kastens. Da wußte er, daß sie im Bett die Decke über das Gesicht gelegt hatte und die Schlafende spielte.

Er schlug behutsam die Decke zurück, aber sie schlief wirklich, ihr kleines Mädelgesicht war vom Schlafe sanft überhaucht, nie sah man ihre langen, schwarzen Wimpern wie jetzt, der feuchte, etwas überrötete Mund stand offen. Auf der gelben Spitze ihres Hemdchens lag die kleine Hand zu einer Faust geballt. Sie hatte die Beine hochgezogen, den Rücken gekrümmt, den Kopf der Brust genähert, sie hatte sich zu einem kleinen Häufchen zusammengehuschelt, um sich noch kleiner zu machen als sie war. Über die zierliche Kinderfaust mußte er lachen, dieses Fäustchen bedeutete: Ich will, ich will, ich will! und über diesem heftigen Wollen war sie friedlich eingeschlafen. Adam wollte sich eben leise, ganz leise entkleiden, um zu ihr zu schlüpfen, als er die Schlafende stöhnen hörte. Er trat wieder an das Bett, sie stöhnte noch einmal aus dem Schlaf, ihre Stirn war voll Furchen, ihre Augenbrauen zusammengezogen, ein Schreckenstraum schien ein Kind zu quälen. Ich müßte ihre Faust lösen, sagte er sich, soll ich ihre Stirn glatt streichen? Schnell stieg er in seinen weiß-grünen Schlafanzug und bemühte sich, ohne sie zu wecken, lautlos zu ihr ins Bett zu schlüpfen. Er lag schon eine ganze Weile mit offenen Augen und genoß ihr schmales Hälschen als sie zu glucksen begann.

»Du glaubst wohl, wenn so ein langer Riese ins Bett fällt, das bemerkt man nicht.«

»Weißt du, daß du eine drohende Faust geballt hast?« fragte er. »Für wen war die Faust?«

Ihre hohe Kinderstirn furchte sich wieder:

»Das weißt du sehr gut, daß es nur einen Menschen in der Welt gibt, dem ich mit Fäusten ins Gesicht fahren möchte.«

»Gerade heute hat mir Roth gefallen.«

»Bitte, nenn nicht seinen Namen, du hast mir geschworen, daß er hier, wenigstens in diesem Bett, nicht genannt werden soll. Sei froh, daß ich ihn nicht einmal überfalle und zerkratze. Als ich einschlief, sah ich im Traume sein abscheuliches Blatt. Auf der ersten Seite stand in diesen entsetzlichen fetten Lettern, ich konnte es ganz deutlich lesen: ›Der Ehebruch der Lili Bauer‹ Lach' nicht, ich bitte dich, lache nicht eine halbe Sekunde. Schon, daß ich so etwas träume, spricht furchtbar gegen ihn.«

»Eigentlich hast du den Eid gebrochen, Lili, in diesem Bett darfst du von keinem andern träumen, da gehörst du mir.«

»Ja, und du gehörst ihm.«

Sie drehte sich im Scherz erbost um, er sah nur ihren Rücken. Nur ihren Rücken, dachte Adam, eigentlich liebe ich nichts so sehr an ihr als diese Kinderschulter.

»Deine Schulter ist fünfzehneinhalb Jahre«, er drückte einen langen Kuß auf die Stelle zwischen Hals und Schulter. »Diese Wölbung vom Hals über die Schulter zum Arm hat es mir angetan. Diese Kinderlinie liebt niemand auf der Welt wie ich.«

Lili setzte sich im Bett auf, sie ergriff feine blonde Strähne und warf sie in die Stirn:

»Weißt du, daß du dir diesen Ruck ganz abgewöhnt hast? Weißt du überhaupt, daß dieser Kerl, den ich nicht nennen will, auf dich abgefärbt hat? Ich hab es überdacht, als ich allein im Bett lag, du bist ja längst nicht mehr der alte Adam. Deine Lustigkeit ist futsch, deine Freiheit ist weg, du bist auch einer von den gediegenen ernsten Männern geworden, die in Streikversammlungen gehen. Noch ein halbes Jahr, und du wirst zu mir sagen: ›Kind, ich habe keine Zeit‹, und in zwei Jahren wirst du verschimmelt sein wie der traurige, alte Redaktionsmann, von dem du erzählt hast.«

Lili lag ihm um den Hals. Ihre Arme, Kinderarme, warm unerwartet stark, sie preßte ihn.

»Schwör mir, daß du nicht bei ihm bleibst!«

»Lili!«

Da spürte er eine Träne.

Der Kinderkörper, der sich an ihn preßte, zuckte, ganz heiß und naß war ihre Wange.

»Ich will die Balkontür schließen«, sagte er, indem er sich ihr entwand. »Wir wollen lieber im Dunkeln liegen.«

Adam sprang aus dem Bett. Nie ging er auf den Balkon, ohne einen Blick auf den Bergwald zu werfen. Heute sah er schnell auch auf die Straße. Drunten stand ein Mann und schien direkt zu seinem Balkon hinaufzustarren. Unsinn, sagte sich Adam, ihre Unruhe hat mich nun wirklich angesteckt.

»Sobald ich irgend etwas anderes finde, verlasse ich die ›Flamme‹. Ich hab ja nichts. Bist du nun zufrieden?«

Als sie sich nun an ihn schmiegte, war sie kein Kind mehr.

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