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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 7
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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6.
Die ›Flamme‹ führt Krieg

Der Gewerkschaftssekretär Koch saß Justizrat Bauer gegenüber und beide runzelten die Stirn.

Der Justizrat sah auf die Uhr: »Ich hatte gehofft, daß wir mit den Herren vom Verein der Warenhausangestellten eine Viertelstunde vor der Konferenz die Situation durchsprechen können, aber es scheint, sie kommen zusammen mit Roth.«

»Sie sagen immer: die Herren, die eigentliche Leitung des Vereins liegt aber bei den Frauen,« Koch seufzte bekümmert, »auch heute werden Sie sehen, daß neben der aufgeregten Vorsitzenden der Stellvertreter kaum zu Worte kommt. Aber da kann man nichts machen, oh Gott, gleiches Recht für alle.«

Roth trat ein, schnell, unternehmend, aufgeräumt, hinter ihm Würz in weniger stürmischem Tempo, dann eine kugelrunde Frau mit hochroten Backen, die Führerin der Warenhausangestellten, Frau Speyer, hinter ihr bescheiden, lautlos, ein unscheinbarer, vergrämter Mann von unbestimmbarem Alter, Herr Zimmermann, der Kassierer.

Der dicke Gewerkschaftssekretär Koch eröffnete das Gespräch, indem er Roth kräftig auf die Schulter schlug: »Ordentlich ins Zeug gegangen bist du in der ›Flamme‹ Die Hungerlöhne auf der einen Spalte und die Dividenden und Remunerationen auf der anderen – ich hab gar nicht gewußt, daß es so dicke Ziffern und Buchstaben in eurer Druckerei gibt. Hast du die eigens gießen lassen?«

»Ist vielleicht eine Ziffer falsch?« Roth war schon gereizt, er drehte sich zu Bauer, den er unwillkürlich als höhere Instanz ansah.

»Eine – nein, alle«, sagte Bauer ruhig.

Roth sprang auf: »Da wär ich denn doch neugierig! Gibt es vielleicht keine Monatsgehälter zu fünfunddreißig Mark?«

»Doch, doch,« erwiderte der Justizrat gelassen, »Ihre Ziffern, lieber Herr Roth, sind immer richtig, nur geben Sie keine Erklärungen dazu. Herr Koch hat mir die Statistik eben erläutert. Fünfunddreißig Mark erhalten die Mädchen im zweiten Jahr, im Kleinhandel wären sie da noch Lehrmädchen und erhielten zwanzig Mark. Auch die fünfundachtzig Mark im letzten Jahr kommen vor, nämlich dreimal unter siebzehnhundertfünfzig Fällen, es sind kränkliche Frauen, die man nicht entlassen will. Jetzt freilich werden sie wahrscheinlich infolge Ihrer Statistik gekündigt werden. So wird mir berichtet.«

Dem Gewerkschaftssekretär war diese Ouvertüre unangenehm: »Wenn ich bitten darf, kommen wir auf die Details später zurück.«

Frau Speyer rang nach Atem: »Die Ziffern hat der Verein geliefert, ich bin dafür verantwortlich, nicht der Herr Chefredakteur. Man kann sie, so wie er, nackt und klar hinausstellen oder man kann sie beschönigen und entschuldigen. Ich bin mehr für die grade Kampfesmethode des Herrn Chefredakteurs.«

»Verehrte Frau Speyer,« antwortete der Justizrat gelassen, »niemand will hier beschönigen, aber wir wollen wenigstens unter vier oder zehn Augen uns auch keinen Agitationskohl vorsetzen. Ich bin von der Gewerkschaftskommission herangezogen worden, weil ich mich anheischig machen will, den Konflikt auch jetzt noch durch ein Kompromiß mit den Warenhausbesitzern zu beenden. Es wird ihnen im ganzen eine 12perzentige Gehaltserhöhung und die Schaffung einer Ferienkasse angeboten. Wenn Sie, Frau Speyer und Sie, Herr Zimmermann, der Meinung sind, diese nicht ganz unbeträchtlichen Zugeständnisse seien ungenügend und darum jede Intervention überflüssig, so brauchen wir heute unsere Zeit nicht unnötig zu versitzen, dann proklamieren Sie morgen den Streik und ich, der ich ja nur als Vermittler zu gebrauchen bin, habe mich einfach zurückzuziehen.«

»Pardon,« Koch rückte seinen Stuhl aus der Reihe ein wenig nach vor, »die Gewerkschaftskommission hat da auch noch ein Wort dreinzureden. Jetzt gestatten Sie mir ein offenes Wort. Die Situation ist durch die Bombenartikel der ›Flamme‹ ziemlich festgelegt. Im Personal der Warenhäuser herrscht höchste Aufregung. Die Leute, die noch nie im Streik gestanden sind, brennen darauf, loszugehen. Leicht wird es nicht sein, die unerfahrenen Frauen mit 12 Perzent zu beruhigen, obwohl das Angebot nach unserer Meinung sehr erwägungswert ist. Aber leider als Mensch, der seit fünfundzwanzig Jahren in der Bewegung steht, habe ich wenig Hoffnung auf den Sieg der Vernunft. Ich darf aber darauf aufmerksam machen, daß gerade diese wilden Feuer am schnellsten verflackern. Darf ich fragen, wie hoch ihr Kampffonds ist? Sie, Herr Zimmermann, als Kassierer werden uns exakte Auskunft geben können. Es kommen neuntausendvierhundert Streikende in Frage, wieviel Geld haben Sie zur Verfügung?«

Der unscheinbare Mann war etwas geniert, weil alle Blicke plötzlich auf ihm lagen. Zögernd sagte er:

»Wir werden so etwa siebzehntausend Mark zur Verfügung haben. Aber wir rechnen natürlich mit der Unterstützung der Gewerkschaftskommission.«

»Das freut uns,« sagte Koch, »daß ihr wenigstens in einem Punkt mit uns rechnet. Siebzehntausend Mark – das wären also, bei einwöchentlicher Streikdauer, nicht ganz zwei Mark Unterstützung für die Woche. Sehr viel ist das nicht. Nehmen wir an, daß wir noch zwei Mark dazulegen, das sind dann vier Mark. Was kriegen die Leute, wenn der Streik, Gott behüte, zwei Wochen dauert?«

Es war sehr still im Zimmer.

Roth spürte, daß in diesem Augenblick die ganze Bewegung im Zentrum absterbe. Er wandte sich an Bauer: »Ein Warenhausstreik kann gar nicht so lang dauern. Ich habe ausgerechnet, daß der Umsatzausfall einer Woche sechs bis sieben Millionen betragen würde, dazu kommt der Verlust wegen der schnell verderblichen Vorräte, schließlich der dauernde Verlust an Volkstümlichkeit, durch den die Käufer dem Kleinhandel zugeführt werden.«

»Dieser Verlust ist ja durch Ihre Artikel zum Teil schon eingetreten,« antwortete der Justizrat, »das hätten Sie vielleicht vor der Veröffentlichung überlegen sollen.«

»Schön, ich habe wieder einmal eine schlechte Zensur. Aber, bitte, stellen Sie sich mit ein bißchen Phantasie vor, was ein achttägiges Gesperrtsein der Warenhäuser für die Herren bedeutet, die mit rapiden Umsätzen rechnen.«

»Ich bin kein Mann der Phantasie, ich bin ein Mann der Tatsachen, und insbesondere, geehrter Herr Roth, möchte ich einen so großen Streik nicht mit Phantasie, sondern mit gefüllten Kassen führen.«

»Sie rechnen nicht mit den Geldern, die die ›Flamme‹ aufbringen wird!« schrie Frau Speyer.

»Können Sie dafür einen Betrag nennen?« fragte der Anwalt, »knapp und klar, bitte, Herr Roth!«

»Wie eine Agitation wirkt, ist in Ziffern schwer zu berechnen, aber wir haben Hunderte von Zustimmungsbriefen erhalten und daraus möchte ich schließen, daß wir eine beträchtliche Summe aufbringen werden.«

»Was nennen Sie beträchtlich? Sind zweitausend Mark beträchtlich?«

Roth zögerte: »Sagen wir, achtzig- bis neunzigtausend Mark.«

»Alle Achtung,« schrie Koch, »willst du das garantieren? Aber schriftlich!«

»Das will ich!« erwiderte Roth, er überhörte die verletzende Verwunderung des Gewerkschaftssekretärs.

»Kein Zweifel, das verbessert die Situation,« sagte der Justizrat, »das wäre wenigstens das Minimum an Unterstützung für die zweite Woche. Die neuntausend Streikenden hätten dann in der zweiten Woche wenigstens zehn Mark gesichert. Sie fassen es, Herr Roth, nicht als Mißtrauenssymptom auf, wenn ich Sie frage, ob Sie diese Erklärung schriftlich in rechtlich verbindlicher Form abgeben wollen.«

»Selbstverständlich, wann Sie wollen.«

»Dann müssen wir siegen!« Frau Speyer konnte sich nicht mehr halten.

»Vermutlich,« sagte der Justizrat, »wenn der Streik nicht in die dritte Woche geht.«

»Herr Doktor,« schrie die kugelrunde Frau, »Sie wollen uns kleinmütig machen, Sie reden wie ... wie ...«

»Beherrschen Sie sich, liebe Speyer, Sie kennen unsern Justizrat nicht,« Koch war zu der Erregten getreten und legte die Hand auf ihre Schulter, »es ist seine Pflicht, uns alle Möglichkeiten in aller Ruhe vor. zuführen. Was meinen Sie, Zimmermann?«

»Ich? Ich schließe mich unserer Vorsitzenden an. Ohne Begeisterung kein Krieg. Wer uns die Begeisterung raubt ...«

Koch unterbrach ihn brüsk: »Das wissen wir schon, danke.«

»Im übrigen übersehen Sie alle die Stimmung in der Stadt,« Roth war ganz ruhig, denn er fühlte, daß er hier wenigstens gesiegt hatte, »und diese Stimmung werd' ich noch ganz anders steigern. Wir werde« einiges Material über die Herren Direktoren der Vereinsbank auffliegen lassen, Material, über das Sie alle staunen werden. Von den Geheimkonten der Herren Direktoren bis zu den Gouvernanten, die sie verführt haben.«

Der Justizrat stand sofort auf: »Das beraten Sie nicht hier, ich lehne diese Methoden ab.«

»Wir brauchen ja unser Pulver nicht zu verschießen, meistens genügt der erste Rauch, der Feind merkt, daß es da ist.« Roth fuhr sich durch die Haare, er war schon mitten in seiner Aktion.

»Ich möchte Sie nur auf die Existenz des Erpressungsparagraphen aufmerksam machen.«

Aber Roth, der die Blicke der Frau Speyer aus sich fühlte und die Augen von neuntausend an ihn glaubenden Verkäuferinnen, wurde übermütig: »Im Krieg pfeif ich auf alle Paragraphen. Wenn ich dadurch den Streik gewinne, dann erpresse ich mit Wonne.«

Bauer erwiderte scharf: »Mit Wonne soll man nie erpressen, man könnte sich an die Methode gewöhnen.«

»Noch schlimmer ist es, sich an eure Paragraphen zu gewöhnen. Der Tod durch Trockenheit, das ist für Bewegungen wie für Menschen das Schrecklichste.«

Der Justizrat schien nicht hinzuhören: »Ich muß doch noch an eine rechtliche Seite erinnern. Die Existenz eines Kollektiv-Arbeitsvertrages wird nicht geleugnet? Sie wissen, daß Sie eigentlich zur sechswöchigen Kündigung verpflichtet wären. Da diese rechtliche Seite des Problems Sie nicht interessiert, so kann ich die Besprechung schließen; ich fasse zusammen: Sie sind einstimmig der Meinung, daß sowohl die Einhaltung der Vertragsfristen wie jede Verhandlung überflüssig ist und daß so rasch wie möglich der Streik erklärt werden soll.«

»Ja! Ja! Ja!« schrie die Kugelrunde, und der unscheinbare Sekretär nickte heftig.

»Es wird wohl nicht mehr anders gehen,« sagte Koch seufzend, »bleibt nur die Erklärung über die neunzigtausend Mark zu formulieren und zu unterfertigen.«

»Sie haben wohl Angst, daß ich mich drücke?« fragte Roth lachend.

»Na, man kann nie wissen,« antwortete Koch im gleichen leichten Ton, »sollte Ihre Sammlung übrigens mehr als achtzigtausend Mark ergeben, ich persönlich glaube nicht an zwanzig, so geht das Plus natürlich auch an die Streikkasse.«

Roth schüttelte den Kopf: »Mit wie viel Schweinehunden müssen Sie in Ihrem Leben zu tun gehabt haben!«

»Stimmt,« erwiderte der Gewerkschaftssekretär, »hauptsächlich mit Schweinehunden.«

Man verabschiedete sich in vorzüglicher Laune, sogar der unscheinbare Kassierer war ein bißchen berauscht.

»Ich bin froh,« sagte der Justizrat beim Abschied zu Koch, »daß ich mit der Sache nicht zu tun habe.«

Als Adam, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte, ihm die Hand reichte, fragte ihn Bauer: »Nun, wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Stellung?«

»Vorläufig sitze ich in der Loge und schaue zu.«

»Viel Vergnügen!«

Roth hatte inzwischen Zeit zu überlegen, ob er dem an der Tür stehenden Justizrat die Hand zum Abschied reichen solle. Wenn er es nicht tut, entschied er, ich tue es nicht. Er war erstaunt und froh, als Bauer ihm höflich und liebenswürdig die Hand reichte und schüttelte.

Am nächsten Morgen meldete die ›Flamme‹ auf der ersten Seite den plötzlich ausgebrochenen Streik, alle Warenhäuser der Stadt waren schon heute gesperrt. Auf der dritten Seite berichtete die Wirtschaftschronik der Zeitung; daß sich in der letzten Generalversammlung der Warenhaus-A.-G. herausgestellt habe, daß die Majorität der Aktien in den Händen Enrico Diamantidis sei, die verhältnismäßig kleine, machtlose Minorität, die noch in den Händen der Vereinsbank war, strebe nach einem Vergleich mit der Mehrheit. Sicherem Vernehmen nach hätten diese Einigungsversuche Erfolg. Gerade an dem Tag, an welchem der Streik der Angestellten ausbrach, war der Hauptbesitz aller Warenhaus-Aktien in Diamantidis Hand vereinigt. Roth war wütend, daß Schneeberger diese wichtige Nachricht hinten in der Wirtschaftschronik versteckt gebracht hatte, sie hätte natürlich nach der Streikmeldung ganz vorne stehen müssen. Im übrigen hatte er, als er die Nachricht las, Lust, die kugelrunde Vorsitzende in die Höhe zu heben, versteht sich, eine rein gedankliche Lust, denn er hütete sich, der hitzigen, schwitzenden Frau Speyer körperlich nahezukommen. Er erklärte es dem lauschenden Streikkomitee: »Das erleichtert unsern Kampf um achtzig Prozent. Sehen Sie, lieber Zimmermann, in dem Punkt hatte der Justizrat Bauer ganz recht: Eine Bank ist schwer anzugreifen, das ist nichts Persönliches, das ist ein Netz mit ein paar Knoten, die Knoten sind die Direktoren.« (Das wär eine Wendung für die große Streikversammlung, dachte Roth.) »Eine Bank mit einem halben Dutzend Direktoren, da bin ich gehemmt, da fehlt mir der Schießpunkt, das Ziel. Aber Enrico Diamantidi, das ist ja die reine Schießbudenfigur in rot-weiß-grün. Da kann ich ins Schwarze treffen. Da kann ich eine ganze Biographie aufrollen, da find' ich einige Achillesfersen. Das ist ein Glücksfall ersten Ranges, dem Mann mach ich die Stadt so madig, daß er morgen oder übermorgen in das Mailänder Ghetto zurückläuft. Dieser Diamant wird nicht lang strahlen.« Er fuhr sich durch die Haare und rieb sich die Hände. Das erste Vorgefecht sollte gleich morgen beginnen, vorläufig bloß Geplänkel. Aber, Gott sei Dank, schwereres Geschütz wartete schon im Hintergrund. Die Auskunftei hatte in diesem Fall gut vorgearbeitet. Ihr Akt ›Enrico Diamantidi‹ war dick, Material vom Elternhaus bis zur Verheiratung mit Fräulein Willessen!

Die Ungeschicklichkeit des Gegners half den Streikenden. Am dritten Streiktag hatte Diamantidi zwei von den sechs Warenhäusern unter polizeilichem Schutz öffnen lassen, um die leicht verderblichen Vorräte, wie er in großen Plakaten ankündigte, zu Spottpreisen schnell loszuwerden. Nur im ersten Stock sollte verkauft werden. Parterre, Halbstock, zweiter, dritter, vierter Stock blieben geschlossen. Um acht Uhr wurde je ein Haupttor geöffnet. Neben den paar Beamten, Streikbrechern, die Würste, Schinken, Speck, Käse, Eier zum Verkauf brachten, standen bewaffnete Schutzleute. Aber wer stand vor den Ladentischen? Die neuntausend Angestellten! Sie hatten die Eingänge seit fünf Uhr früh belagert, sie verhielten sich musterhaft stille. Frau Speyer und Herr Zimmermann schlichen wispernd durch die Reihen und gaben die taktischen Parolen aus: Nicht singen, keine Rufe, keine Abzeichen! Die Polizei sollte meinen, harmlose Eier- und Wurstkäufer hätten sich, durch die Spottpreise angelockt, in den ersten Morgenstunden angesammelt. Als die Tore geöffnet waren und die Streikenden über Treppen und Gänge hereinspritzten, da wurde die kugelrunde Frau Speyer aus dem drängenden Gewühl im Nu nach vorne geschoben und sie war die erste, die Speck, Würste und Käse einkaufte und eingehändigt erhielt. Als sie ihr Paket in Händen hielt, wurde die kleine, dicke Frau plötzlich von einem Dutzend Arme in die Höhe gehoben, hundertstimmiges helles und dröhnendes Lachen knatterte ihr entgegen, und sie schrie mit ihrer schrill-hellen Stimme: »So kommen wir einmal zu den Herrlichkeiten, die wir sonst nur an andere abgeben müssen. Brüder, Schwestern, benehmen wir uns wie feine Käufer!« Die ratlosen Streikbrecher hinter den Pulten hätten den Verkauf am liebsten eingestellt, aber die Schutzleute drängten nach ihrem Befehl zur schnellsten Abwicklung der Geschäfte, übrigens wäre es nicht ratsam gewesen, diese im Augenblick lachende Menge zu reizen. Dann und wann stieß eine unbeherrschte Käuferin doch eine böse Beschimpfung gegen die Verkäufer aus.

In der Mitte der wogenden Menge hielt sich Adam auf, er trug eine weiße Armbinde, auf der ›Redaktion der Flamme‹ stand, und die kleinen kichernden Mädchen, die verarbeiteten Frauen, die belustigten Kommis blickten mit Schwärmerei und Achtung zu ihm auf. Sein Körpermaß erwies sich in dem Gewühl als ganz besonderer Vorteil, er war mit seinem blonden Schopf der Leuchtturm im Gewoge. Nie hatte er das Glück des Hochgewachsenseins freudiger empfunden als in diesem Gedränge kleiner, höchstens mittelgroßer Menschen, er schaute voll Zuneigung und Heiterkeit auf die Leute hinunter. Nach einer halben Stunde waren die Vorräte vollkommen ausverkauft. Wieder wurde Frau Speyer in die Höhe gehoben. Sie rief vergnügt in die Menge: »So, Kinder, jetzt singen wir ein hübsches Lied und dann gehn wir still nach Hause. Auf Wiedersehn im Frieden!« Erneutes Gelächter, eine Viertelstunde lang dauerte der Abzug, die Frauen schwenkten ihre Wurst- und Käse-Pakete fröhlich, ein Witzbold schrie unter allgemeiner Zustimmung: »Nun wünschen wir uns noch schnell den Ausverkauf der Pelze und Kleider!«, aber Frau Speyer wurde sehr böse, ließ sich schnell wieder hochheben und winkte dem gefährlichen Zwischenrufer ab. Wie eine Lehrerin beim Ausflug der Schulmädchen rief sie immer wieder mit ihrer hellsten Stimme: »Aufbruch! ... Abmarsch! ... Abmarsch! ... Nach Hause! ...« Die Polizei hatte schnell vor die Pelz-Abteilung einen doppelten Kordon aufgestellt. Es war noch nicht zehn Uhr morgens, da wurden die beiden Warenhäuser wieder geschlossen, die Rollbalken herabgezogen; bloß ein paar Schutzleute und ein paar Streikposten promenierten rund um die Häuser.

Adam aber schrieb seine erste große Schilderung und sie erschien abends auf der ersten Seite der ›Flamme‹. Seinen Namen wollte er, obwohl nicht nur Roth von der heiteren Darstellung entzückt war, trotz stürmischen Zuredens nicht unter seine Arbeit setzen. »Ich versteh Sie nicht. Mit fünf solcher Schilderungen sind Sie ein populärer Mann. Die Anonymität ärgert mich, man schiebt die Artikel mir zu, der so was nie könnte, ich bin ja kein Schriftsteller. Aber die ›Flamme‹ ist Ihnen wohl noch nicht nach Ihrem Geschmack? Schade, schade.«

Der erste Streikschwips dauert immer einige Tage, dann stellen sich bei den Nachdenklicheren die ersten Stunden kühlerer Voraussicht ein; man singt weniger und rechnet mehr. Die Enthusiasten werden schweigsamer, die Zweifler wagen es, mitzureden. Nachdem der Streik vier Tage gedauert hatte, ließ Diamantidi durch seine Zeitungsleute – und es fehlte dem Millionär nicht an Trabanten – verkünden, daß er die Absicht habe, die Warenhäuser vorläufig mindestens vier Wochen geschlossen zu halten, seiner Meinung nach seien sechs Warenhäuser für die Stadt zu viel, er habe die Absicht, zwei von ihnen für immer aufzulassen, die anderen vier sollen zum Zwecke der Spezialisierung jedes einzelnen Hauses umorganisiert werden. Der plötzliche Austritt der Angestellten, denn es lag nach Diamantidis Auffassung ein Kollektiv-Arbeitsvertrag vor, der durch das kündigungslose Verlassen der Arbeit gebrochen worden, schaffte den Anlaß, die schon beim Erwerb der Aktien geplanten Reformen sogleich durchzuführen. Eine von Diamantidi offenbar inspirierte Zeitung fügte dieser Information die höhnische und böse Frage hinzu, ob nicht Herr Roth die zwei bald leerstehenden Warenhäuser für seine ›Flamme‹ übernehmen wolle?

Am Vormittag fuhr der Gewerkschaftskommissär Koch den Lift zur Redaktion der ›Flamme‹ hinauf. Er mußte auf Roth, der um zwölf Uhr noch nicht gekommen war, warten, er saß mißmutig und ungeduldig auf dem viel zu schmalen Stuhl. Diesmal hatte er nicht die geringste Lust, Gedichte von Heine zu lesen. Endlich stürzte Roth zur Tür herein, atemlos, gehetzt, er schleppte Koch sofort in sein Zimmer. Während Roth den Mantel ablegte, begann Koch in nicht sehr erfreulichem Tone:

»Na, was sagst du zu deinem Streik?«

»Mein Streik? Ich denke, du warst mit dabei, als er beschlossen wurde?«

»Keine Aufregung, Roth, wir sprechen ja unter vier Augen. Das Feuer hast du angezündet, als du die ersten Artikel losließest. Du hast das Fieber unter den Leuten erzeugt.«

»Und ihr, ihr flößt ihnen das Schlafmittel ein. Statt da zu stehn, mein lieber Koch, und mir versteckte Vorwürfe zu machen, solltet ihr lieber die Leute in Laune erhalten. Weißt du, warum ich so spät komme? Weil ich es blödsinnig gefunden habe, die Streikenden tagelang unbeschäftigt zu lassen, da müssen sie ja in Grübeleien und Pessimismus fallen.«

»Willst du sie alle als Zeitungsverkäufer der ›Flamme‹ durch die Stadt jagen?«

»Wenn du wüßtest, wie fade dein Witz ist! Ich will, was eigentlich deine Aufgabe wäre, ich will die Leute in Atem halten, in guter Laune, in Kampf-Stimmung. Weißt du, was ich heute vormittag besorgt habe? Zwei Musikkapellen für die Säle, wo die Leute sitzen, ein Dutzend Schauspieler, die den Leuten was Vernünftiges, was Aufpulverndes vorlesen. Die Mädeln sollen tanzen und applaudieren und wenigstens etwas haben von diesen Ausruhtagen!«

»Sehr schön,« sagte Koch und versetzte Roth einen vertraulichen Rippenstoß, »aber mir scheint, du hast auch etwas Hosenangst. Was sagst du denn zu den heutigen Erklärungen des Diamantidi?«

»Bluff! Bluff! Nichts als Bluff!«

»Wirklich? Nichts als – – –? Sind nicht sechs große Warenhäuser wirklich etwas viel für unsere Stadt? Und warum hat die Vereinsbank das Geschäft abgestoßen, wenn es gut war?«

»Umgekehrt, kleiner ABC-Schütze, warum sollte ein Profitmacher wie Diamantidi, der ein Dutzend Bankdirektoren in die Westentasche steckt, die Warenhausaktien in aller Stille nach und nach aufgekauft haben, wenn er an das Geschäft nicht glaubte! ... Die einzige Gefahr in dem ganzen Krieg bist du und deine Leute. Ihr seid vor lauter Vorsicht und Rücksicht und Umsicht so unsicher geworden, daß ihr auch der Masse ihre instinktive Sicherheit nehmt. So ein Diamantidi braucht bloß einen Schreckschuß abzufeuern und sofort liegt ihr am Arsch.«

»Aber wir stehen gleich wieder auf, lieber Roth, hab keine Angst, das war nur eine kleine gymnastische Übung. Übrigens, wie wirst du zurückschießen? Du wirst doch zurückschießen? Gestern sagte ein Feind von dir, du wärst ein geheimer Bewunderer von Diamantidi. Eine gewisse Ähnlichkeit mit ihm läßt sich ja nicht leugnen. Beide seid ihr bewußte Outsider, nicht organisierbar, beide habt ihr Ideen, aber die Durchführung muß schnell geschehn, sonst langweilt euch die Sache, beide gewalttätig und unbelehrbar.«

»Mach dich jetzt schleunigst aus dem Staub, ich habe zu arbeiten. Vor allem, bitte, geh in die Streiklokale, die Leute sind ebenso eingeschüchtert wie du es warst.«

Koch fragte nur noch: »Was ist denn mit den Enthüllungen über Diamantidi? Man los, wie sie in Berlin sagen. Jetzt vielleicht wäre eine kleine Entkleidungsszene ganz nützlich!«

Roth schob den dicken Sekretär sanft zur Tür: »Hab keine Angst, der Diamantidi wird frieren, so nackt werd' ich ihn ausstellen!«

Schneeberger konnte Frau Speyer nicht zurückhalten, sie war zu aufgeregt, sie mußte »einen Moment« bei Roth vorsprechen; ihr rundes Gesicht war verschwollen und verweint. »Sie müssen eine kleine Notiz bringen, heute noch. Denken Sie, da hat irgendein Neidhammel ausgeheckt, ich hätte bei dem Ausverkauf das größte Speck- und Wurstpaket für mich reservieren lassen und überhaupt, die Führer seien mit riesigen Vorräten bedacht worden, während die andern leer ausgingen. Es haben natürlich nicht alle Neuntausend einkaufen können, so viel war ja gar nicht am Lager, aber daß nun Verleumdungen über einen regnen, und daß man noch als gemeiner Speck-Schieber hingestellt wird, oh Gott, das hält' ich mir vor einer Woche nicht träumen lassen. Bitte, stellen Sie fest, daß ich und alle Vorstandsmitglieder unsere Pakete für einen Kinderhilfsfonds hergegeben haben.« Die Tränen purzelten über die runden Wangen der kleinen Frau. »Da möchte man manchmal wirklich alles hinwerfen!«

»Frau Speyer!« sagte Roth ungeduldig und strenge, »das will ich nicht gehört haben! Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, muß auf Kot-Regen gefaßt sein. Die besten Leute denken zuweilen dreckig, aber was geht das uns an? Da hab ich vor fünf Minuten unsern Freund Koch sanft zur Tür hinausgeschoben, weil er mir in aller Gemütlichkeit zumutete, daß ich den Diamantidi schone.«

Frau Speyer wagte nicht recht, zu Roth hinüberzuschauen, sie murmelte: »Hat er Ihnen das gesagt?« und nach einer Pause fügte sie etwas lauter hinzu: »Natürlich zerreißen sich die Leute auch über Sie das Maul, weil noch nichts Rechtes gegen Diamantidi erschienen ist.« Sie sah dem ›Herrn Chefredakteur‹ aufmerksam in die Augen. Roth wußte in diesem Augenblick ganz genau, was die Führerin dachte, kein Zweifel, auch in ihr war Mißtrauen erwacht.

»Es ist die Stille, während die Geschütze aufgestellt werden, ich begreife die Spannung. Sie wird noch ein bißchen dauern, ich will noch nicht schießen, ich hab das Gefühl, der Diamantidi mochte einen Parlamentär herüberschicken.«

»Also, Sie denken auch schon an Frieden und Rückzug? Und da soll ich heute nachmittag in drei Streikversammlungen sprechen und zum Ausharren mahnen.«

Das Geflenne wurde Roth zu arg, er faßte Frau Speyer an ihrem breiten Arm und preßte ihn: »Unterstehn Sie sich nicht, jetzt weinerlich zu sein, gehn Sie nicht in drei, sondern in alle sechs Versammlungen und bewahren Sie die Leute vor Verzagtheit ebenso wie vor Übermut. Im übrigen war mir Ihr Besuch sehr wichtig. Ich sehe, ich muß heute noch losgehn.«

Am Abend flog die ›Flamme‹ in hunderttausend Exemplaren durch die Stadt, ein großer Teil der Streikenden war glücklich, als Verbreiter des brennenden Blattes durch die Straßen, die öffentlichen Lokale, die Stadt- und Untergrundbahn rufend und werbend rennen zu dürfen. In Riesenlettern stand über den fünf Spalten des Blattes: »Unser aller Blutsauger.« Darunter war in etwas kleineren, aber noch immer talergroßen Lettern zu lesen: »Wann wird Diamantidi endlich aus Deutschland gewiesen?« Der Artikel, der über die ganze Seite lief, war kein Duell mit dem reichsten Mann der Stadt, es war auch kein Boxkampf, nein, ein Rasender stürzte über einen Ahnungslosen und schien ihn zu zerfleischen. Hier waren Stationen der Lebensgeschichte Diamantidis in den grellen Scheinwerfer der ›Flamme‹ gestellt. Diamantidi, als Sohn eines jüdischen Schlächters in Mailand geboren, war also schon als Kind an Blutvergießen gewöhnt, er sah ohne Erregung, bloß mit Neugier, zu, behauptete der Verfasser, wenn der Vater Rinder schlachtete, wahrscheinlich war sein innerer Beruf zeitlebens der des Vaters. Dann kam eine kleine Abschweifung über die, so behauptete der Verfasser, besondere Grausamkeit der veralteten israelitischen Schlachtmethode. Den Leser faßte Mitleid mit den Rindern, Entsetzen vor den Diamantidis. Dann war klipp und klar mit fürchterlich fetten Lettern erzählt, daß Diamantidi, der Italiener, sich im Kriege in der Schweiz aufgehalten und durch indirekte Verkäufe von Mailänder Automobilen an Deutschland, also eigentlich durch Vaterlandsverrat, den Grundstock seines immensen Vermögens gelegt habe. Die Automobile freilich seien Schund gewesen und viele tapfere deutsche Fahrer haben sich an Diamantidis Motoren die Köpfe gespalten. Wo sind die Richter über Diamantidi? Hierauf wurde seine Niederlassung in unserer Stadt geschildert, seine Spekulation auf die sinkende Mark, sein Spinnen-System, wie er alte, fast ehrwürdige Betriebe um lumpige Dollarnoten zu Spottpreisen aufkaufte, wie er die Legende seines Reichtums in Kredit umsetzte und die Banken, die schon halb in seinen Klauen waren, zwang, ihm Kredite zu geben, die er in entwertetem Gelde, also für Butterbrote, zurückzahlte. Während alte Patrizierfirmen in seine Hände fielen, – er besitzt heute ein Zehntel aller Häuser der Stadt –, trugen die Frauen greiser Gelehrten und Musiker ihr letztes Stück Familienschmuck ins Leihhaus, und bei den Auktionen griff dann wieder ein Spinnen-Arm Diamantidis gierig nach dem letzten kostbaren Besitz der von ihm Verjagten und Vertriebenen. Schließlich war noch sein tückisches Einschleichen in die Warenhaus-A.-G. geschildert, die übertölpelten Direktoren der Vereinsbank waren als ehrbare Kaufleute gezeichnet, die den Raubtierplänen und -griffen des Italieners nicht gewachsen seien. Der Artikel schloß mit einem fanatischen Aufruf an die Regierung, Diamantidi innerhalb von vierundzwanzig Stunden über die Grenze zu schieben. (Jeder Artikel der ›Flamme‹ verlangte irgendeine rapid durchzuführende Aktion.) In fetten Lettern schrie der Schluß: Hinaus mit Diamantidi, hinaus aus Deutschland! In einer kleinen Bemerkung war noch ein biographischer Nachtrag für morgen oder übermorgen angekündigt.

Die Händler schrien in allen Straßen: »Diamantidi, der Blutsauger! Diamantidi, der Schlächter! Diamantidis Ausweisung!« An diesem Abend gelang es Roth, die ganze Stadt in Fieber zu versetzen. Nach eineinhalb Stunden waren die hunderttausend Exemplare der ›Flamme‹ ausverkauft, Roth ließ weitere fünfzigtausend drucken. Die Streikenden brüllten durch die Straßen, in jedem Wirtshaus ließen sie jetzt, gegen Bezahlung oder umsonst, einen Pack ›Flammen‹, sie rannten über die Treppen, steckten die ›Flammen‹ in den Briefspalt, läuteten und stürzten wieder fort. In den Theatern und Kinos flatterten die ›Flammen‹ von den Galerien ins Parkett und in die Logen, im Zwischenakt waren alle Gesichter in das breite Zeitungsblatt vertieft. Ein eigener Zusteller-Dienst für die Behörden, für die Villen der Reichen und vor allem für Diamantidi selbst war eingerichtet. In geschlossenem Umschlag, mit dem Vermerk: Persönlich! Wichtig! wurde die ›Flamme‹ dem Beschimpften durch Boten übermittelt, vorsichtshalber erhielt er sie auch in Eilbrief und eingeschrieben. An die junge Frau wurde ein besonderes Exemplar abgesandt, die Umgebung Diamantidis, vom Pförtner und Chauffeur bis zu Doktor Schreiber, dem Sekretär, wurde mit ›Flammen‹ überschüttet.

Es war zehn Uhr abend als die kleine, abgelegene Villenstraße, in der hinter Gärten Diamantidis Prunkpalast stand, plötzlich von Hunderten bevölkert schien. Im Verlaufe einer Viertelstunde wogte eine Menge, anfangs harmlos promenierend, an den Parkgittern vorbei. Die Leute waren nicht in geschlossenem Zug gekommen, aber offenbar allmählich, je nächtlicher es wurde, auf Verabredung von allen Seiten hervorgebrochen. Mit einem Mal stand ein Gewimmel von ein paar tausend Köpfen dicht aneinandergepreßt vor Diamantidis Villa und den Nachbar-Häusern. Aus ihrer Mitte hörte man die schrille Stimme der Frau Speyer: »Wir wollen ihm Gute Nacht sagen«, und nun hob ein Pfeifen, Quietschen, Krächzen, Blasen und Schreien aus zehntausend Mündern an, Stöcke wurden geschwungen, Fäuste erhoben sich gegen den klaren Abendhimmel.

Im Hause Diamantidis, das hinter den Bäumen schimmerte, wurden die Lichter gelöscht. Das Dunkelwerden jedes Fensters wurde mit einem höllischen Gelächter und Gejohl begrüßt.

Dann schrie einer auf, weil er wahrzunehmen glaubte, wie im Dunkel jemand im ersten Stock eine Balkontür geöffnet habe. »Diamantidi steht auf dem Balkon«, kreischte eine Weiberstimme. In der vieltausendköpfigen Menge leuchteten plötzlich ein paar kleine Laternen auf, aber ihr Licht war viel zu schwach, um durch die alten Bäume des Parks zu dringen.

Auf einmal hörte man ganz deutlich das Klirren einer zerbrochenen Fensterscheibe. Wieder ein überhohes, zerrissenes, ansteckendes Lachen aus der dunklen Masse. Im nächsten Augenblick hörte man ein Hageln und Trommeln und Klirren. Ein paar Minuten lang tanzte ein Hagel von Steinen gegen die Front des Hauses, das im Dunkeln lag. Von irgendwo hörte man die Speyer, mit heiserer, versagender Stimme schreien: »Jetzt ziehn wir ab! ... Schluß ... Abzug! ... Schluß! ... Kinder! ... Schluß! ...« Da klirrte es mit Getöse, es muß eine wunderschöne Riesenscheibe gewesen sein, die auf steinernen Boden krachte. Quietschen, Jauchzen, Gelächter erscholl. Dann setzte ein Wolkenbruch von Steinschlägen ein ...

Plötzlich spürten ein paar Leute Wassertropfen im Nacken. Regen? Sie guckten auf, da schlug ihnen eine Dusche in die Gesichter. Dichte Strahlen, die wie peitschende kleine Stricke trafen, stürzten auf die nächtlichen Demonstranten. Manchmal setzte der heftige Regen aus, der Wasserstrahl ging offenbar die Straße entlang spazieren, auf und ab, ab und auf, plötzlich kam wieder ein unerwarteter peitschender Strahl. Die Kleider troffen. Im Nu standen die Leute begossen, bis auf die Haut durchnäßt da. Jetzt schlugen einige Weiber lachend die Röcke über den Kopf und liefen davon. Ansteckendes Gelächter flog durch die kleine Straße und auf einmal begann, wie auf Kommando, ein wildes Getrappel, ein Rennen, Stoßen, Sich-Überstürzen, rücksichtslos folgte den Flüchtlingen ein auf die größere Entfernung eingestellter Wasserstrahl. In einigen Augenblicken war die Villen-Straße verlassen und leer wie immer. Der hämmernde Schritt anmarschierender Polizisten kam, die Villen-Straße wurde zu beiden Seiten abgesperrt, aus den verfinsterten Häusern glänzte wieder dann und wann ein Licht. Erst am nächsten Morgen sah man, daß im Hause Diamantidis nicht ein Fenster heil geblieben war. Die Stäbe des eisernen Eingangstores waren verbogen.

Unter dem Titel: »Der Beginn des Volksgerichtes« brachte die ›Flamme‹ eine hymnische Schilderung der aufregenden Nacht. Übrigens stand in dieser Nummer auch die angekündigte »kleine Ergänzung« der Biographie. Der Artikel hatte die Aufschrift: »Wenn Diamantidi liebt ...« In ihm war das Schicksal der jungen Frau, geborenen Willessen geschildert. Offenbar hatte hier ein Intimus Diamantidis oder Witkowskis das Material geliefert. Ein Bild der Willessen »der Gefangenen« erhöhte das Interesse. Neben das rührende Klärchen, mit seinen staunenden Kinderaugen, war die Photographie des Diamantidi gestellt, in seinem bebrillten, glattrasierten Gesicht dominierte ein üppiger, breitlippiger Mund – vielleicht war er für die Publikation noch verbreitert worden –, die diktatorische Nase wirkte unsympathisch, nur die leuchtenden Augen waren hinter den glitzernden Brillengläsern nicht wegzuretouchieren. In dem Artikel wurde von einem »Freunde des Hauses« erzählt, daß Diamantidi den schuftigen Theaterdirektor Witkowski, den Günstling des Bürgermeisters, mit blankem Geld gekauft hatte, ausschließlich zu dem Zwecke, ein zweites erfolgreiches Auftreten, einen entscheidenden Sieg der Schauspielerin Willessen zu verhindern. Nachdem Witkowski der unerhört begabten Künstlerin die Rolle der ›Johanna‹ knapp vor der Generalprobe abgenommen hatte, habe die Arme angefangen, an sich selbst zu zweifeln. Von einem Halunken von Direktor, sagte die ›Flamme‹, mißbraucht, floh die doppelt Betrogene vor dem Theater in den goldenen Käfig, in die Arme des lauernden Milliardärs, der sie so umsichtig belagert hatte. Alles war für eine über, stürzte Trauung vorbereitet, so wurde Fräulein Willessen Frau Diamantidi. Dem Helfershelfer in der Theaterdirektion flossen, damit er schweige, reiche Subventionen zu, er schwimmt zur Zeit in italienischem Gelde und macht daraus »deutsche Meisterspiele«. Die arme, überlistete Frau aber wird von Diamantidi in einem goldenen Käfig eingesperrt gehalten. Sie darf keinen Schritt ohne Begleiterin ausgehn, ihre Post wird geöffnet, der Verkehr mit ihren ehemaligen Kollegen ist ihr verboten, fast nie verläßt die streng Überwachte den Park ihrer Villa. Sie hat nicht einmal Geld zur Verfügung, denn Geld könnte Fluchtversuche ermöglichen, sogar den seidnen Tand, Kleider, Wäsche, Schuhe kann sie nur mir Schecks bezahlen, welche die Zeichnung Diamantidis tragen müssen. Wer die heitere, kindliche Willessen vor einem Jahr gesehen hat und sie mit der blassen, müdegeweinten Gefangenen von heute vergleicht, der weiß, daß ihr das fürchterlichste Schicksal beschieden ist: Von einem Spekulanten geraubt, von einem Schreckensmenschen gefangengehalten. (Die Leserinnen der ›Flamme‹ schluchzten, als sie das lasen.)

Von allen, die das Flammen-Fieber ergriffen hatte, war Stadtrat Klipp unzweifelhaft der Mann, der an diesem Abend den unruhigsten Puls erreichte. Er versuchte Adam Würz in der Redaktion der ›Flamme‹ zu treffen, er fuhr ins ›Goldene Kreuz‹, wo er die Schauspieler in wildesten Auseinandersetzungen störte. Sachsel, der längst wieder seinen Frieden mit dem Direktor geschlossen, zitterte davor, in der nächsten ›Flamme‹ angenagelt zu werden. Klipp legte nicht einmal seinen Automantel ab als er hörte, daß Würz seit drei Tagen nicht da war. Er wollte sofort weg, aber die Orber begegnete dem Enteilenden im Hausflur und hielt ihn fest.

»Ich dachte schon, er steckt bei Ihnen«, sagte Klipp.

»Wer steckt nicht alles bei mir. Nur der arme Bürgermeister traut sich nicht mehr herauf.«

»Ist auch besser so. Wenn Sie in finanzieller Verlegenheit sind, wenden Sie sich an mich. So viel Vertrauen wie der alte Seibold verdien ich auch noch.«

»Klipp, ich warne Sie. Was fangen Sie an, wenn ich Sie beim Wort nehme?«

»Immer zu Ihrer Verfügung,« erwiderte Klipp in seiner straffen Kavalleristen-Haltung, »nur heute abend nicht. Heut' muß ich den Würz erwischen. Ich muß ihn finden! Die Revolution steht vor der Tür. Wo kann er sein?«

Mary wollte reden, stockte. »Revolution?« sagte sie endlich ... »Aber was hat sie mit unserem Schlafkünstler zu tun?«

»Der Roth zündet die Stadt an ... Ich brauch Adam ... Wo steckt er?«

»Wenn Sie den Mund halten können, will ich Ihnen helfen. Rufen Sie doch einmal in der Wohnung vom Justizrat Bauer an und fragen Sie, wo die Frau Justizrat zu treffen ist!«

Klipp begriff, sein kleines Gesicht spitzte sich zu einem kurzen Pfiff, er lief zum Telephon und kam in einigen Minuten langsam, verdrossen zurück: »Wissen Sie, was das Stubenmädchen gesagt hat? Die gnädige Frau ist bei Mary Orber.«

»Stimmt,« sagte die Orber, »dann fahren Sie zu Würz, ja, in seine Wohnung. Aber seien Sie delikat und stören Sie ihn nur, wenn es unbedingt nötig ist.«

Klipp küßte Marys Hand: »Ich ziehe einen schmählichen Verdacht, den ich gegen Sie gehegt, feierlich zurück. Gott sei Dank ... Aber Mary, dann könnten wir zwei, ja, warum sollten dann wir zwei nicht gute Freunde werden?« Er hielt ihre Hand und versuchte, Mary an sich zu ziehn.

»Morgen«, sagte die Orber und machte sich frei. »Heute müssen Sie ja Würz erwischen. Die Revolution steht doch vor der Tür und Sie dürfen sie nicht hereinlassen. Eigentlich ist es schlecht von mir, daß ich Lili verraten habe, aber Klipp, Sie sind doch ein Grab an Verschwiegenheit, nicht wahr? Kommen Sie morgen zu mir und erzählen Sie mir, ob Adam sehr bös war.«

 

Nach langem Warten gelang es Klipp, den Pförtner zu bewegen, das Haustor zu öffnen. Ja, der Herr Würz ist zu Hause.

Klipp läutete, wartete, läutete heftiger, wartete, läutete eine Viertelstunde lang. Niemand öffnete.

Von der Straße her sah man Licht in Adams Zimmer. Es fing an zu regnen. »Gott sei Dank,« sagte sich Klipp, als er in seinen Wagen einstieg, »der Regen verhindert die Weltgeschichte.«

 

Sehr früh am Morgen, für Adams Bedürfnisse viel zu früh, geradezu in einer Nachtstunde, um zehn Uhr vormittags, riß Klipp den gestern vergebens Gesuchten unbarmherzig aus dem Bett. Davon, daß er am Abend stundenlang geläutet und gewartet, redete er nichts. Während Würz sich ankleidete, schnüffelte der Stadtrat ein bißchen im Zimmer herum, er stellte Rosen auf dem Schreibtisch fest, zwei leere Weinflaschen und gebrauchte Teller, große und kleine, auf dem Eßtisch, aber die heikel zu führende Unterhaltung über den gestrigen Abend hätte zu viel Zeit gekostet. Klipp fiel mit der Tür ins Haus:

»Würz, Sie müssen mich mit Ihrem Chef zusammenbringen.«

»Mit wem?«

»Mit Ihrem Chef, mit Roth.«

Adam beim Zähneputzen: »An das Wort Chef werd' ich mich nie gewöhnen.«

»Das ist Nebensache. Wir rutschen ja in die Revolution.«

»Unser Städtchen? Warum nicht gar?«

»Ich weiß nicht, wo Sie leben, womit Sie sich eigentlich beschäftigen, aber gestern abend hatte man doch das Gefühl: Roth zündet die ganze Stadt an. Wissen Sie, wie Diamantidis Haus hergerichtet wurde? Wissen Sie, daß die arme junge Frau, die Willessen, in Weinkrämpfe fiel? Wissen Sie, daß es möglich ist, daß Diamantidi morgen seinen hiesigen Haushalt auflöst, nach Mailand zieht, die Warenhäuser geschlossen hält, bis er, Gott weiß wann, einen Käufer findet, wissen Sie, daß das, gering gerechnet, vierzig oder fünfzig Insolvenzen bloß auf unserem Platz bedeutet? Aber Sie leben ja Gott weiß wo, nicht einmal im ›Goldenen Kreuz‹ findet man Sie. Kommen Sie denn noch in die ›Flamme‹?«

»Leider. Ich wurde sogar durch ein Telegramm geweckt, der Chef, wie Sie sagen, wünscht, daß ich heute um zwölf Uhr bei ihm sein soll.«

»Am liebsten käm ich mit Ihnen.«

»Na, tauschen wir.«

»Würz, ich versteh Ihre Wurschtigkeit nicht. Ich würde Ihnen gerne ein großes Projekt anvertrauen, es muß nämlich etwas geschehen. Was glauben Sie, wie würde es Roth aufnehmen, wenn ich ihm die Grundzüge eines Friedensschlusses mit Diamantidi unterbreitete? Ich hab mir's in den Kopf gesetzt, ich muß die Formel finden. Auf welcher Basis halten Sie eine Einigung für möglich?«

»Mein lieber Klipp, da müssen Sie sich an einen ernst zu nehmenden Menschen wenden, und auch an den nicht, während er sich rasiert.«

»Schade,« plumpste Klipp heraus, »das hätte Ihnen keine kleine Stange Geld eintragen können.«

»Jetzt hab ich mich natürlich geschnitten. Können Sie, zum Teufel, nicht wenigstens warten, bis ich rasiert bin?«

Der Stadtrat schwieg verdrossen. Ist das die pfiffige Politik eines Mitverschworenen, dachte er, oder ist es wirklich der Zynismus eines Menschen, den das alles vollkommen gleichgültig läßt. Jetzt reizte es ihn, Adam aus seiner Gelassenheit herauszulocken. Er hob eine der Weinflaschen in die Höhe und sagte, auf das Geschirr deutend: »Deshalb bin ich wohl gestern nicht eingelassen worden, hm! Der Welt entfremdet und in Amors Banden? Darf man wissen, wer die Glückliche ist?«

Würz legte das Rasiermesser aus der Hand: »Lieber Klipp, Sie machen Ihre Sachen zu plump. So werden Sie, fürcht ich, auch bei dem Flammen-Menschen nicht sehr glücklich operieren. Schon früher, bei der angedrohten Stange Goldes hab ich überlegt, ob ich nicht verpflichtet wäre, pathetisch zu werden. Lassen Sie mich doch gefälligst aus Ihren Wichtigtuereien.«

Das Wort Wichtigtuerei, noch dazu in diesem Augenblick – nein, mit diesem Menschen war kein ernstes Gespräch zu führen, Klipp stand auf und warf die Tür hinter sich zu. Im Auto sitzend, beschloß er, sofort zu Justizrat Bauer zu fahren. Er hatte Glück, der Justizrat war soeben vom Gericht gekommen.

»Wenn es nicht ungeheuer wichtig wäre,« sagte der Stadtrat zu dem Bureauvorsteher, »würde ich den Herrn Justizrat gar nicht stören, aber es brennt. Die Revolution steht vor der Tür.«

»Es brennt wirklich,« sagte Bauer, »dank der ›Flamme‹. Waren Sie bei Diamantidi?«

»Ja natürlich, er hat die ganze Nacht mit Schreiber und mir und seinen drei Anwälten beraten. Wir sind um vier Uhr nach Hause gekommen Wenn der Streik nicht heute oder morgen zu Ende ist, reißt Diamantidi aus. Seine Koffer sind gepackt. Er tobt.«

»Roth tobt auch. Übrigens würde das beinahe wie eine Flucht aussehen. Roth würde Extraausgaben veranstalten.«

»Aber der Streik war verloren.«

»Mein lieber Stadtrat, das würden nur die armen Teufel merken, die auf dem Pflaster liegen. Aber Roth, Roth würde sich als Triumphator fühlen.«

»Was soll man tun? Es muß etwas geschehn!«

»Warten! Bei hohem Fieber bleibt nicht viel anderes übrig. Warten!«

»Warten, bis irgendein von der ›Flamme‹ Erregter auf Diamantidi schießt. Oder bis Diamantidi, der ja, unter uns gesagt, kein Held ist, wirklich nach Italien flieht und fünfzig Firmen zusammenkrachen. Nein, jetzt muß man operieren. Wir sind ja ganz unter uns, Bauer, ich glaube, Diamantidi würde ein großes Vermögen opfern, um dem Roth den Mund zu stopfen. Wenn wir ihm wirklich eines von den kleinen Warenhäusern zur Installierung seiner Zeitung überließen? Es gibt keine unbestechlichen Leute. Unbestechlichkeit, das ist immer nur eine Frage der Höhe. Zehntausend Mark sind Bestechung, eine halbe Million, das ist eine kommerzielle Transaktion.«

»Ich warne Sie, Klipp, ich warne nachdrücklich. Haben Sie ein bißchen Bakteriologie studiert? Haben Sie einmal im Mikroskop Bazillen beobachtet? Es gibt verhältnismäßig ruhige Infektionstierchen, die einen gesättigten Eindruck machen, und es gibt virulente Bakterien, die wie verfolgte Unterseeboote lossegeln. Das ist der Fall Roth. Er ist noch im Zustande der Virulenz, er kann noch gar nicht stillstehn und sich besinnen, eine teuflische Kraft treibt ihn zur Unruhe-Erzeugung. Er braucht Fieber um sich, er muß Fieber erzeugen, seine Funktion ist es, uns alle zu erregen. Versuchen Sie nicht, ihm zu früh in den Arm zu fallen. Eines Tages ermatten die virulentesten Tierchen. Warten Sie!«

»Aber der Diamantidi ist auch kein gesättigter Bazillus. Die zwei rasen – und wir, wir andern zahlen die Kosten. Ich sehe die Revolution kommen.«

»Möglich, sehr möglich, aber schließlich sind ja auch revolutionäre Zeiten nicht dauerhaft. Auch das geht vorüber.«

»Seien Sie mir nicht böse, lieber Bauer, aufrichtig gesagt: Ich bin nicht alt genug, um so weise zu sein. Jeder darf die Hände in den Schoß legen, nur nicht der Arzt.«

Bauer lächelte sein mattestes Lächeln: »Wenigstens glaubt das der Patient ... Und übrigens, wer möchte hier den Arzt spielen? Sie, lieber Klipp, wirklich Sie?«

»Wenn kein anderer da ist. Ich habe mir einen Plan zurechtgelegt, der Flammen-Roth wird gar nicht bemerken, daß ich ihn besteche. Vielleicht ist es wirklich schon mehr eine soziale Aktion, wahrscheinlich ist es gar keine Bestechung mehr. Darf ich Ihnen die Details auseinandersetzen?«

»Nein, Klipp, Sie dürfen nicht. Ich will der ›Flamme‹ nicht beistehn, aber ich möchte auch Diamantidi in diesem Falle nicht beraten. Ich will warten ... Übrigens darf ich Sie gar nicht anhören, es entstünde eine Pflichten-Kollusion. Aber ich warne Sie nochmals, und ich warne, wenn Diamantidi hinter Ihrem Projekt steht, auch ihn. Ihn besonders, weil er jetzt keine Dummheiten tun darf, die Angst vor der ›Flamme‹ sitzt den Ministern in allen Knochen. Sogar der Bürgermeister ist irritiert. Diamantidi ist ja nicht sehr beliebt; er soll sich für ein paar Tage ins Bett legen, das würde ich ihm raten – wenn ich ein Arzt wäre. Und Sie, Klipp, warum beschweren Sie sich mit diesen fürchterlichen Dingen? Am Ende werden Sie die Kosten zahlen, Sie, nicht Roth und nicht Diamantidi.«

»Ich glaube, Verehrtester Justizrat, Sie machen sich von der Situation im Hause Diamantidis keine Vorstellung. Irgendein tückischer Mensch hat der jungen Frau den Artikel über die Verhinderung ihrer Theaterkarriere in die Hände gespielt, seit zwei Tagen hat sich die Arme in ihr Zimmer eingeschlossen. Wie ein kranker Hund hat Diamantidi heute nacht vor ihrer Tür geweint, es ist dem Roth jedenfalls gelungen, die verwundbarste Stelle Enricos zu treffen. Heute vormittag bat er mich zu sich, er lag zu Bett mit kalten Kompressen um den Kopf, er flüsterte bloß. Fünfundsiebzig Prozent der Szene rechne ich zu seinem italienischen Theater, wer weiß bei diesem Typus zu entscheiden, wo die Wahrheit beginnt und das Theater aufhört? Mit erlöschender Stimme bat er mich als seinen einzigen Freund, – ob ich es bin, weiß ich nicht, aber andere gibt es gewiß nicht – ich möge die Sache coute que coute innerhalb von vierundzwanzig Stunden ordnen, sonst ... er deutete fortwährend auf seine Schreibtischlade, wahrscheinlich lag dort ein Revolver, ich hab mich nicht erkundigt, aber etwas Schießbares gehört zu dem Mann. ›Vierundzwanzig Stunden‹, wiederholte er immer wieder. ›Mein Vermögen steht zu Ihrer Verfügung‹, ich allein könne ihn retten. Er nahm mir das Versprechen ab, alles zu versuchen, um Frieden zu schließen. Beim Abschied nahm er meine Hand zwischen seine beiden, deutete mit dem Kopf auf die versperrte Tür zum Zimmer seiner Frau und sagte ganz matt: ›Es handelt sich um ihr und deshalb auch um mein Leben.‹ Selbst wenn ich fünfzig Prozent auf italienisches Theater einstelle, so bleibt doch etwas Wahres übrig. Aber vom Persönlichen ganz abgesehen, vielleicht kann ich für die Stadt Ruhe schaffen.«

»Vor allem sollten Sie mit jemandem sprechen, der Diamantidi wirklich kennt; man muß wissen, ob und wie ernst er es meint. Gehn Sie doch zur Orber. Die war doch verhältnismäßig lange mit ihm befreundet.«

Klipp schoß das Blut ins Gesicht, er stotterte: »Die Orber ... ist es möglich? ... die Orber war seine Freundin?«

Er brach das Gespräch mit Bauer etwas jäh ab, stürzte in sein Auto, Gott sei Dank, er hatte heute den Chauffeur vorne, denn er wäre nicht imstande gewesen, das Steuerrad fest in den Händen zu halten.

Das Stubenmädchen der Orber knixte, sah ihm in das erregte Gesicht und sagte gleich an der Tür: »Es wird dem gnädigen Fräulein sehr leid tun, sie ist vor einer halben Stunde fortgegangen.«

»Wohin?«

Das Mädchen bedauerte, daß sie nicht Bescheid wüßte.

»Im Theater kann sie um diese Zeit nicht sein. Telephonieren Sie zur Schneiderin! Versuchen Sie, Frau Justizrat Bauer zu erreichen. Wo kann sie denn sonst sein?«

Während Klipp in dem von Vorhängen halb verdunkelten Klavierzimmer kauerte, ohne aufzublicken, ohne sich umzusehen, auf einem kleinen unbequemen Puff, fragte er sich selbst, warum er denn aufgeregt sei. Was konnte ihm denn die Orber raten? Einen Weg zu Roth brauchte er, nicht zu Diamantidi. Was lag ihm überhaupt an Diamantidi? Aber zu Roth gab es keine Wege. Ist es möglich, daß sie seine Freundin war? Wieso weiß ich das nicht? Wie viele Verhältnisse hat sie hinter sich? Daß Adam ihr gefallen hat, das wußten alle, die Geschichte mit dem Bürgermeister hat das Saublatt bekanntgemacht, sicher hat sie auch mit Witkowski etwas gehabt, der Kerl tut nichts umsonst. Und das alles spielte bloß in den letzten zwei Jahren ... Er sah sich um, als suchte er Hilfe gegen peinigende Gedanken, da fiel ihm auf dem Klavier ihre Photographie in die Hand, ein großes Bild im Silberrahmen. Sie trug das weinrote Abendkleid, ihre Schultern strahlten, ihre Augen schimmerten wie immer ein bißchen betrunken, ihr geöffneter Mund mit den blanken Beißzähnen sprach eine aufregende Einladung aus.

Es läutete draußen, Mary war da.

»Der Herr Stadtrat wartet schon eine Stunde«, sagte das Mädchen sanft, es klang beinahe wie ein sehr bescheidener Vorwurf.

Klipp erhob sich erst, als Mary vor ihm stand.

»Wo waren Sie denn?«

»Klipp,« antwortete die Orber lächelnd, »bin ich Ihnen schon Rechenschaft schuldig? Aber Ihr Gesicht ist ernst, Sie sehen anders aus als sonst, auf dem Puff sahen Sie so gequält aus. Was ist denn los?«

Klipp wiederholte: »Wo waren Sie denn?«

Mary setzte sich neben ihn: »Sie sind ein bißchen verrückt, lieber Klipp. Kein Mensch auf der Welt hat das Recht, mich auszufragen. Ich könnte es Ihnen sagen, manchmal hätte ich sogar das Bedürfnis, mich jemandem anzuvertrauen. Haben Sie ein bißchen Geduld mit mir. Vielleicht komme ich von selber. Und was führt Sie her?«

Klipp lastete nach ihrer Hand: »Sagen Sie mir, wo Sie waren«, wiederholte er mit merkwürdiger Beharrlichkeit.

»Komisch,« antwortete die Orber, sie sah seinen zu Boden gebeugten runden Kopf und hatte Lust, ihn zu streicheln, »vielleicht werde ich es Ihnen bald sagen.«

Jetzt hörte Klipp eine aufdringliche Uhr laut ticken. Er hatte noch den Schädel gesenkt, als er die Frage hervorstieß: »Wann haben Sie das Verhältnis zu Diamantidi gelöst?«

Die Orber stand auf: »Ich dachte, Sie wollen etwas Wichtiges mit mir besprechen. Die Revolution steht doch vor der Tür. Nicht?«

Klipp belauerte ihr Gesicht: »Was würden Sie dazu sagen, daß Diamantidi sich erschossen hat?«

Ihre schönen runden Lider senkten sich langsam über die Augen, ihr Mund brachte ein ganz kleines Lächeln auf: »Der gehört nicht zu denen, die sich erschießen.«

»Er ist die letzte Nacht wie ein flennender Hund vor der Tür der Willessen gelegen.«

»Hat er es Ihnen erzählt oder hat er sich vor der Tür photographieren lassen?«

Warum erleichterte ihn der Hohn dieser Antwort? Er sagte sachlich: »Es ist möglich, daß Diamantidi morgen seinen Haushalt auflöst und nach Mailand zurückgeht.«

»Das halte ich für denkbar, er ist im Zentrum, in seiner Eitelkeit, verwundet. Aber was geht das Sie an? Deshalb sind Sie doch nicht so durcheinandergebracht? Sind auch Sie ihm Geld schuldig?«

Klipp bat Mary, sich neben ihn zu setzen, es war ihm unmöglich, zu sprechen, so lange sie auf und ab ging, er fühlte sich auf seinem niederen Puff lächerlich klein unter ihr. Nun, da sie saß und nicht viel höher schien als er, nun konnte er wieder etwas zaghaft nach ihrer Hand greifen, ein pressender Druck in seiner Brust löste sich leise, er konnte sprechen. Es war ganz einfach so, daß er mit irgendeinem gescheiten, wohlwollenden Menschen die Flammen-Geschäfte durchgehen mußte, nicht bloß, weil er Diamantidi eine Schlichtung innerhalb von vierundzwanzig Stunden versprochen hatte. Aber während er zum Erzählen ausholte und Marys geraden Blick aushielt, sah er zum erstenmal in seinem Leben ein, daß er sich immerfort um Dinge kümmerte, die ihn gar nichts angingen: »Ich bin Stadtrat, warum eigentlich? Ich habe Diamantidi versprochen, Roth zu bändigen, warum? Warum ich?«

Wieder hörte er die aufdringliche Uhr ticken. Dann aber drang der warme Alt ihrer dunkelblauen Stimme in ihn:

»Tun Sie sich selbst nicht Unrecht, Klipp. Wir sollten alle miteinander uns zusammentun und dieser Flammen-Seuche ein Ende machen, im Grunde ist ja der Diamantidi so eine Art Bruder des Roth. Wir alle sollten uns zusammentun und beide davonjagen.«

Sehr sanft entzog Mary ihm die Hand: »Erzählen Sie, was Sie tun wollen, ich finde es lieb und freundschaftlich von Ihnen, daß Sie zu mir kommen; wenn ich Ihnen irgendwie raten kann, war ich darüber froh. Tummeln Sie sich, in einer halben Stunde muß ich weg.«

»Ins Theater?«

»Nein.«

»Wohin denn?«

Mary nahm seine Hand: »Was ist denn los mit Ihnen, Klipp? Sie benehmen sich ja wie ein ganz ungeschickter Flaps. Wie gut für Sie, daß Sie so jung sein können. Aber lassen Sie die Dummheiten und erzählen Sie. Ich kann auch eine halbe Stunde zugeben.«

 

Als Klipp das Haus verließ, bemerkte er zu seinem eigenen Erstaunen, daß er pfiff, wahrhaftig, fröhlich pfiff.

»Zur Redaktion der ›Flamme‹?« fragte der Chauffeur.

»Nein, nach Hause, wir wollen die Sache überschlafen. Schlafen kann nie schaden.«

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