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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 6
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
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5.
Adam erwacht aus dem Schlaf

Es besteht der dringende Verdacht, daß Adam Würz trotz seiner blonden Strähne, trotz wässerig-blauer Augen kein nordisches, kein deutsches Gewächs ist. Sein eigentliches Talent, das ihn unzeitgemäß machte, war – Schlafen. Er hatte die Gabe, bis hoch in den Mittag, dann nachmittags und, wenn es sich ergab, auch früh am Abend zu schlafen; seine Fähigkeit, nicht bloß im Bett, sondern auch auf hartem Fußboden, auf Wiesen, in Eisenbahnwagen und im Hintergrund von Theaterlogen zu schlafen, weist auf seine tropische Herkunft. Merkwürdig und ebenfalls unzeitgemäß war seine schon erwähnte Unfähigkeit, sich zu entrüsten. Er nahm die Ereignisse der Welt mit gelassener Neugier zur Kenntnis, ohne das Bedürfnis, den Lauf der Geschehnisse durch seine Energie in ein anderes Bett zu lenken oder ihm wenigstens ein schnelleres Gefälle zu geben.

Als er zur ›Flamme‹ kam, hatte er die Hoffnung, daß die leidige Theateraffäre durch die anmutige Erklärung für die beiden Damen Willessen und Orber abgeschlossen sei. Roth belehrte ihn bald: »Eine Affäre ist dann beendet, wenn keine fünfzig Leser sich mehr für sie interessieren, früher nicht.« Außerdem kämpfte die ›Flamme‹ noch um den Skalp Witkowskis, der gar keine Lust zum Sterben zeigte. Im Gegenteil, Witkowski kündigte eines Tages auf allen Litfaßsäulen und in allen Zeitungen, mit Ausnahme der ›Flamme‹, in pompösen Anzeigen an, daß er im nächsten Monat »Meisterspiele des deutschen Theaters« veranstalten werde, die berühmtesten Dirigenten und Sänger, die im Augenblick gerade modischen Regisseure sollten in einem Zyklus mitwirken, wie ihn die Stadt noch nicht gesehen.

»Das kann ich mir nicht gefallen lassen«, Roth faßte diese Ankündigung als persönliche Provokation auf, das konnte er nicht hinnehmen. Er wiederholte einige Male, immer in derselben Ecke der Zeitung, seine Beschimpfungen Witkowskis, er stellte fest, daß »der dunkle Ehrenmann« nicht gewagt habe, ihn vor Gericht zu ziehen. Schließlich mußte er schärferes Geschütz auffahren lassen, denn Witkowskis Dickfelligkeit war nicht zu verwunden, und so schoß er den ersten Pfeil gegen den Bürgermeister ab, den seit vielen Jahren amtierenden, über den Parteien schwebenden, gutmütigen Patrizier Ludwig Anton Seibold. Er schrieb in der ›Flamme‹ nur von der »Firma Seibold und Witkowski«, zeichnete den Bürgermeister geradezu als den Beschützer und sogar Gehilfen des Theaterdirektors, schrie – sein Schreien kam in der Wahl der Lettern zum Ausdruck – nach dem Stadtrat, der endlich eingreifen müsse und drohte, drohte dunkel; es war nicht ganz deutlich festzustellen, womit die ›Flamme‹ drohte. »Er weiß es vielleicht selbst noch nicht«, sagte der Justizrat Bauer vor der Sitzung des Stadtrates. Merkwürdig war die konsequente Art des Bürgermeisters, der auch in vertraulichen Besprechungen, vor und nach den Sitzungen, im Kreise der Intimen auf die Angriffe der ›Flamme‹ mit keinem Worte zu sprechen kam.

»Ich werde Ihnen das Geheimnis seiner ungestörten Überlegenheit erklären,« sagte Justizrat Bauer zu Klipp, »er gehört zu jenen wenigen Leuten, die gerade so wie Sie nicht mit jedermann sprechen, auch nicht alles lesen, was man ihnen vorsetzen möchte. Er läßt sich nicht den Magen verderben, die ›Flamme‹ erscheint für ihn nicht.«

»Wär ich nicht in der Opposition, würd' ich ihn warnen«, sagte Klipp. »Ich kenne den Roth aus den Schilderungen seines Bruders, der mir auf der Tasche liegt. Diese Taktik des Ignorierens ist gewiß sehr nobel, aber für den Bürgermeister ist sie nicht ohne Gefahren. Ich sehe übrigens gar nicht ein, warum wir den Witkowski nicht fliegen lassen.«

»Seibold ignoriert nicht,« wiederholte der Justizrat, »er hat's viel besser, er weiß von der ganzen Flammen-Welt nichts.«

»Um so schlimmer, besonders wenn man selber mit einzelnen Theaterleuten verbandelt ist.« Klipp hatte erzählen gehört, daß der Bürgermeister an einigen Abendgesellschaften bei Mary Orber teilgenommen habe, Abende, zu denen er nicht geladen war.

»Sie sind auch von diesem Flammen-Gift angesteckt,« erwiderte der Justizrat verdrossen, »ein Mann wie Seibold ist nicht verbandelt. Übrigens ist er an die fünfzig, und kennen Sie seine Frau?«

»Weiß schon, großartige Person, Patrizierfamilie. Kenne sie besser als Sie, alte Freunde. Deshalb, lieber Bauer, kann man doch einmal eine Verwirrungskrise durchmachen. Grade diese Jahre um die fünfzig, die sind die allergefährlichsten. Haben Sie einmal das Wort Torschlußpanik gehört? Bitteres Wort, noch viel bitterere Sache.«

Der Justizrat sagte verdrossen: »Klipp, die ›Flamme‹ färbt ab.«

Am nächsten Vormittag, Würz lag noch im Bett, klopfte es aufgeregt an seine Tür, es war noch nicht elf Uhr, Adam hatte fest geschlafen. Ehe er sich noch die Augen wach gerieben hatte, saß die Orber an seinem Bett. Aber Würz drehte sich um zur Wand und schlief wieder ein. Schlafhitze lag noch auf seinen Wangen, die blonden Strähnen fielen ihm freundlich über Stirn und Augen, sein Ohr war rosig. Es wurde der Orber nicht leicht, ihn wachzurütteln, aber schließlich war sie deshalb hergekommen.

»Hast du das gelesen?« Sie nestelte am Verschluß ihrer Ledertasche und zog die gestrige ›Flamme‹ hervor.

Adam, noch ganz verduselt, knöpfte sein blauseidenes Pyjama zu, rieb sich den Schlaf aus den Augen und rüttelte sich, vielleicht sogar länger als nötig war.

»Spiel jetzt nicht den Schlaftrunkenen,« befahl Mary, »solche Witze kenne ich. Sag mir nur das eine: Hast du das gelesen? Daß du davon gewußt hast, ehe es erschien, glaub ich nicht. Du bist zwar ein Feigling, aber du bist kein Schuft.«

Adam richtete sich im Bette auf: »Auf nüchternen Magen die ›Flamme‹? Du bist terroristisch. Öffne lieber die Balkontür, es ist sicher schlechte Luft im Zimmer.«

Mary erhob sich, riß die Holzläden auf, plötzlich war das dämmrige Dunkel weg, Wellen von goldnem Licht fluteten herein.

»Du glaubst doch nicht, daß ich die ›Flamme‹ leite?« sagte Adam, verzärtelt wie ein kleiner Junge. »Natürlich hab ich's gelesen. Wenn du willst, schreib ich dem Roth sofort einen Brief, Laß ich heute nicht mehr hinkomme. Es ist ja widerwärtig ... Bitte, geh einen Augenblick auf den Balkon hinaus, ich kann im Bett nicht schreiben, außerdem will ich mich ein bißchen zurechtmachen.«

Sie sah sich einen Moment im Zimmer um und mußte lächeln. Hier war peinlichste Ordnung. Die Kleider lagen artig zusammengefaltet über dem Sessel, in den Schuhen steckten die Bolzen, das Hemd hing an einem Nagel, der marmorne Waschtisch mit Fläschchen, Gläsern, Schwämmen, Lappen, Bürsten war blitzsauber, das ganze Zimmer mit seinen hellen Möbeln an den nackten weißen Wänden war appetitlich wie der große blonde Junge selbst. Sie mußte lächeln.

»Von wem sind denn die Rosen?« Sie deutete auf eine Vase am Schreibtisch. »Lili?«

»Schnüffel nicht herum!«

»Soll ich dir ein Frühstück machen?« fragte Mary vom Balkon her, ohne sich umzudrehn.

»Nein, nein, nein, bitte, bleib draußen. Wir können, wenn's dir recht ist, auf dem Balkon Tee trinken, ich habe das Wasser schon aufgestellt.«

»Wie hübsch du es hast,« rief sie vom Balkon her, »ganz im Grünen, und mit dem Operngucker kannst du zu deiner Lili ins Cottage hinunterschauen.«

»Bitte, keine Attacken, Mary. Wenn du wüßtest, wie widerwärtig mir diese Methode ist.«

»Schlauer Hund,« sagte Mary, trat zu ihm ins Zimmer und umarmte ihn, »jetzt bin ich die Angeklagte.«

Sie saßen auf dem Balkon und berieten.

»Kommt denn der Bürgermeister zu deinen Gesellschaften?« fragte Adam, auf das Zeitungsblatt weisend.

»Ein paarmal war er da, mit Witkowski und Sachsel und noch ein paar Leuten. Er war auch schon allein da. Darf das ein Bürgermeister nicht?«

Adam schnitt eine Grimasse: »Ein Bürgermeister darf gar nichts, aber vor allem, du kommst ins Gerede.«

»Mir schadet das nicht, der alte Herr tut mir leid.«

Adam kniff das linke Auge zu und sah sie von der Seite an: »Wie alt?«

»Neunundvierzig.«

»Gefährliches Alter für Bürgermeister. Übrigens, was geht das mich an? Tu, was dir Spaß macht. Also, sag, soll ich dem Roth den Abschiedsbrief schreiben? Ich tu's mit Vergnügen. Die paar hundert Mark, die ich ihm schuldig bin, binden mich nicht. Aber du gibst dich doch darüber keinen Täuschungen hin, daß er dann erst rasend sein wird, dann wird er seine Reporter loslassen, das Unangenehmste wird dann erst anfangen.«

Mary wurde nachdenklich: »Ich würde sagen: Bleib bei ihm, Adam, und sag ihm deine Meinung, wenn ich dich nicht kennte! Solche harte Auseinandersetzungen liegen dir nicht, es fehlt dir, was wir in Königsberg ›Murr‹ genannt haben, die Kraft drinnen, in den Knochen ... Sei mir nicht bös', Adam, du weißt, ich hab dich lieb, aber nebenbei bist du auch ein Schlappschwanz.«

Adam löffelte ruhig sein Ei aus.

»Du brauchst nicht zu glauben, Mary, daß der Roth viel mutiger ist. Ich war gestern in der Redaktion und in der Druckerei, ohne daß er mir ein Wort von diesem Angriff auf den Bürgermeister verraten hätte. Wirst du's glauben, er hat es nicht gewagt. Er ist im Privatleben beinahe schüchtern, er hat nur eine schriftliche Verwegenheit. Oder macht ihn die Druckerei besoffen? Wenn er so vor der Setzmaschine steht, mit einem Bein auf seinem Schemel, in der Hand seine Notizen, da geht es mit ihm durch.«

»Ich konnt' mir's denken, du hast ihn entdeckt, du bist ihm verfallen.«

»Dummes Zeug, Mary, aber so ein einfacher Bösewicht oder gar Erpresser, das ist er nicht. Warum laßt ihr euch denn den Witkowski gefallen? Plötzlich ist er wieder der genialste Theaterdirektor. Hat ihn der Sachsel im Gastzimmer wieder an seine Stelle gehängt?«

Mary lachte: »Soll ich dir das Geheimnis verraten? Witkowski schwimmt im Geld.«

»Das wissen wir.« Er ertappte sich selbst bei diesem »wir«, aber er konnte es nicht mehr zurückziehn, »Roth zerbricht sich den Kopf, woher Witkowski das Geld hat. Also, entscheide, was geschehen soll. Soll ich ihm abschreiben? Lang dauern wird das Beisammensein auf keinen Fall, vielleicht ist das die beste Gelegenheit, Schluß zu machen.«

»Nein«, entschied Mary und ihr Gesicht hatte einen etwas ängstlichen Zug, »du hast recht, er würde gegen uns rasen. Übrigens wird ihn der Bürgermeister nicht auslassen, es kommt im Stadtrat zu einer scheußlichen Diskussion.«

»Roth würde sagen: Merkwürdig gut unterrichtet sind Sie, gnädige Frau!«

»Bist du eifersüchtig auf Seibold?« Sie stand auf und näherte sich ihm. In diesem Augenblick stellte Adam im Sonnenlicht fest, daß ihr auf der linken Wange ein ganz kleines Wärzchen entstanden war, dem drei oder vier dicke, schwarze Härchen entsprossen.

»Dazu habe ich nicht das geringste Recht«, antwortete Adam mit beleidigendem Gleichmut.

Mary ließ die Arme hängen. Nach einer Pause sagte sie wie für sich hin: »Nun hab ich's doch schon einige Male in meinem Leben durchgemacht und begreif es noch immer absolut nicht: Wieso hört bei den Männern ein Gefühl plötzlich auf? Wie ist es möglich, daß man gestern gezittert hat, wenn man eine Hand gefaßt hat, und heute diese Hand gar nicht mehr spürt? Wie sterben die Gefühle von heut auf morgen?«

Oh, Gott, dachte Adam, jetzt wird es höchste Zeit, aufzubrechen! »Ich werde heute mit Roth reden, sonst, fürcht ich, bleib ich morgen im Bett und die ›Flamme‹ ist für mich erloschen.« Damit geleitete er Mary zur Tür.

Der Apriltag war voll Milde. Adam ließ sich noch einmal auf dem Balkon nieder, rauchte seine Zigarette, sah auf die bunten, frischgrünen Bergwälder und hinab ins Cottageviertel. Er wußte selbst nicht, daß er auf etwas wartete. Plötzlich sah er auf die Uhr. Es war halb zwei geworden. Mit seinen Riesenschritten sprang er über die Treppe, durch die Straße, zur Stadtbahn. Es war ein Viertel nach zwei, als er in der ›Flamme‹ eintraf. Roth hatte schon zweimal nach ihm gefragt.

»Sie haben sich das angenehm eingerichtet,« brummte Schneeberger, »wenn ich so spät käme, ich glaub, er würde mich ermorden.«

»Sie werden mich bald überhaupt nicht mehr sehen, ich passe nicht in die ›Flamme‹.«

»Passe denn ich hierher? Wer paßt hierher außer ihm?«

Adam wollte schnell zu Roth, aber das war nicht möglich, eine Deputation der Warenhausangestellten konferierte mit ihm. Würz mußte fast eine Stunde warten.

Als er ins Chefzimmer eintrat, sagte Roth mit einer Milde, über die er selbst erstaunt war: »Ist es Ihnen nicht möglich, wenigstens um ein Uhr hier zu sein?«

Würz sah zu Boden. Wie in der Schule, dachte er, bei einem nachsichtigen Ordinarius. Er raffte sich auf: »Lieber Herr Roth. Darf ich Sie bitten, das Experiment mit mir als gescheitert aufzugeben? Ich bin nicht zu disziplinieren, selbst wenn ich mir Mühe gebe. Der Gedanke: Du mußt irgendwo pünktlich sein, erzeugt in mir sofort die entgegengesetzte Tendenz. Ich kann keinen regelmäßigen Bureaudienst tun. Außerdem ...«

»Außerdem?« Roth horchte.

»Außerdem ... bin ich mit vielen Ihrer Gegner befreundet. Ich kann Ihre Feindschaften, Ihre Attacken nicht mitmachen.«

Hat Sie der Angriff gegen den Bürgermeister verschnupft? Aber, richtig, auch Sie sind ja mit Fräulein Orber befreundet. Ja, jetzt begreife ich, es verletzt Sie, daß ich andeutete, daß Seibold sie souteniert.«

Es gab Adam einen Ruck, das Blut stieg ihm zu Kopf: »Die Orber wird nicht souteniert!«

»Verzeihen Sie,« antwortete Roth lächelnd, »wenn Sie das Wort stört, dann sagen wir lieber, er unterstützt sie.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich weiß es, lieber Würz, Sie dürfen mir glauben, übrigens will ich vor Ihnen keine Geheimniskrämerei treiben, vor einer Stunde war der Stadtrat Herlinger hier.«

»Der Führer der Christlichen Volkspartei bei Ihnen?«

»Da staunen Sie? In der Politik muß man mit Vielen schlafen. Übrigens komme nicht ich zu diesen Leuten, sondern sie laufen mir nach.«

»Weil sie Sie benützen wollen!«

»Möglich,« sagte Roth ganz ruhig, »möglich, daß sie mich übertölpeln wollen, es handelt sich dann nur darum, welcher Wille und welcher Kopf der stärkere ist. Herr Herlinger wird die Theateraffäre im Stadtrat zur Sprache bringen, und das wird auch dem Bürgermeister sehr unangenehm werden.«

Adam spürte, daß das Wort »Schlappschwanz« der Orber noch in ihm steckte, er ließ seine Einwände nicht wie sonst unausgesprochen ins Bodenlose fallen, sondern sagte:

»Finden Sie Herlingers Schnüffeleien nicht zum Kotzen?«

»Stimmt, stimmt,« sagte Roth, »und heute besonders. Ich bereite Wichtigeres vor, besonders den großen Feldzug gegen die Warenhausbesitzer. Morgen werden wir die Gehaltslisten der Verkäuferinnen veröffentlichen. Das beginnt mit fünfunddreißig Mark und hört auf mit fünfundachtzig, nach zwölfjähriger Dienstzeit!«

»Unmöglich.«

»Auch herausgeschnüffelt, mein Lieber, wie Sie sagen. Wenn wir das Innere der Unternehmungen und der Menschen nicht nach außen stülpen, wird die Welt nie anders werden! Die ehrsamen Bürgermeister haben ihre Konkubinen, und die menschenfreundlichen Bankdirektoren gestatten sich Monatsgehälter von fünfunddreißig Mark.«

»Konkubinen – das ist ein furchtbar altväterisches Wort.«

»Vielleicht bin ich altväterisch.«

»Aber der Fall ist ja auch denkbar, ja sogar wahrscheinlich, daß der Bürgermeister der Orber Geld geschenkt hat, ohne irgendeine Gegenleistung, so wie – nun, wie Sie mir zwölfhundert Mark vorgeschossen haben, ohne daß ich Ihnen irgendetwas geleistet habe und voraussichtlich leisten werde.«

»Denkbar ist alles«, sagte Roth nachdenklich. »Übrigens haben Sie recht, die Sache ödet mich auch schon an. Wenn der Witkowski heut' oder morgen weggejagt wird, verspreche ich Ihnen, diese Theatergeschichten nie mehr aufs Tapet zu bringen. Sind Sie damit zufrieden? Bei dem Warenhauskrieg, Würz, da rechne ich auf Sie! Ich bestelle Ihnen jeden Tag ein andres von den Mädeln und Frauen her. Sie müssen sie nur fragen, wie oft im Monat sie Fleisch essen, wie viel Paar Strümpfe sie besitzen, ob sie nach sieben Uhr noch eine Nebenarbeit haben, was sie Sonntags treiben. Ich will das Leben der Mädels wahrheitsgetreu geschildert haben. Versprechen Sie mir das?«

»Das tu ich gern.«

»Na, dann ist ja alles in Ordnung und wollen Sie in einer halben Stunde in die Stadtratsitzung gehen? Ich glaube, die Bombe wird heute schon platzen.«

Würz kam um fünf Uhr ins Rathaus. Um ein Viertel vor fünf war die Stadtratsitzung geschlossen worden. Die Gemeindediener reinigten schon den Saal. Die Galerien, der Korridor, die Treppen waren menschenleer. Wütend über sich selbst und sein« Unbrauchbarkeit trat er aus dem Rathaus. Da hörte er seinen Namen rufen. Klipp, der eben im Auto fortfuhr, ließ den Wagen halten und bat ihn, nachdem er nach allen Seiten sich umgeschaut, einzusteigen: »Eigentlich unvorsichtig von mir, mich hier mit einem Flammen-Menschen zu zeigen. Aber ich muß Ihnen erzählen, was da in der Sitzung geschehen ist. Etwas Herrliches, etwas, das man sein Lebtag nicht vergißt, etwas für die Schulbücher, nicht für die ›Flamme‹ ein Wunder!«

»Also, Sie wissen, daß die Witkowskigeschichte heute im Stadtrat platzen sollte. Gestern war der Herlinger bei mir, ich nehme an, daß Sie ihn kennen. Nein? War er denn nicht auch bei euch?« (Dieses »euch« gab Adam immer noch einen Stich.) »Er sieht so aus, wie er ist, vermickert, eingeschrumpft, gelblich, ein mißgünstiger Geselle. Er kommt also zu mir, weil er weiß, daß ich mich in den Theaterverhältnissen auskenne, kommt mit einer großen Rede im Bauch und mit einem Antrag auf sofortige Lösung des Vertrages Witkowski. Schön, sag ich, was geht das mich an, Herr Herlinger? Aber da packt er erst aus. Er hat, wahrscheinlich von Ihrem Chef (Würz bekam Magenbeschwerden, wenn man von seinem ›Chef‹ sprach) erfahren, daß der Bürgermeister zwei große Kleiderrechnungen der Orber bezahlt hat. Umsonst tut das niemand, sagt Herlinger. Natürlich widerspreche ich. Unter uns gesagt, 's ist ein starkes Stück von der Orber. Was fängt sie mit dem alten Herrn an? Wenn sie mir ein Wort sagt, ordne ich ihr doch das alles. Wozu Bürgermeister, Familienvater, fünfundzwanzigjährige Ehe stören? Finden Sie's nicht auch dumm von ihr? Aber das ist ja gar nicht das, was ich erzählen wollte. Ich muß Ihnen ja das heutige Wunder erzählen. Nicht für die Zeitung, für die gibt's ja kein Wunder. Nun also, der Herlinger schäumt. Er wartet ja seit ein paar Jahren schon auf die Stunde, wo er gegen den Seibold den Dolch aus dem Gewände ziehen kann. Der Klub der Christlichen Volkspartei im Rathaus wird verständigt, heute soll der Bürgermeister geschlachtet werden. Ich hör mir den Herlinger ruhig an, gern hätt' ich ihn von seinem Plan abgebracht, ich weiß nicht einmal warum, denn ich bin ja selber in der Opposition und der Seibold ist nicht mein Mann. Aber ich hab einen Mordsrespekt vor seiner Frau. Haben Sie die Frau Seibold einmal gesehen? Große Klasse, lieber Freund, eine Frau in den Vierzigerjahren, vier Kinder, eine majestätische Erscheinung. Sieht aus wie eine Florentinerin. Groß, schwarz gescheitelt, gebogene Nase, unvergeßliche Augen. Da fällt mir ein, eine Spur von Ähnlichkeit mit der Orber, nur weniger pikant. Denken Sie an die Frau, sag ich zu Herlinger, aber der Kerl verzieht nur das Maul, so daß man seine gelben Zähne sieht und murmelt: ›Tut mir leid, Politik ist Politik‹. Ich sag ihm: Herlinger, Sie zerstören eine Familie, bedenken Sie! Er windet sich, der Vorwurf war ihm sicher unangenehm, aber sein Haß gegen den Bürgermeister war natürlich größer, es war ihm nicht auszureden. Wie ich den Kerl los bin, denk ich über die Sache erst richtig nach. Der Bürgermeister hat mir leid getan, aber viel mehr noch seine Frau. Ich kenn sie seit dreißig Jahren, sie hat etwas Großes, Margarete von Parma, so was. Den ganzen Nachmittag ist mir die Geschichte nachgegangen. Ich hab den Augenblick vor mir gesehn, wie sie aus der Zeitung erfährt, daß ihr Mann, ihr Mann sie mit einer Schauspielerin hintergeht, und wenn's auch die Orber ist. Glauben Sie übrigens, Würz, glauben Sie, daß die beiden miteinander was hatten? Eigentlich kann ich mir's nicht denken. Am Abend setz ich mich in mein Auto und fahr hinaus zum Bürgermeister. Die Seibolds haben ja draußen, wo Sie wohnen, ein kleines Schloß. Ich hab Glück, die Frau ist allein zu Haus, das heißt allein mit ihren Töchtern. Ich bitte, sie allein sprechen zu dürfen. Sie ist etwas erstaunt, schickt die Kinder weg und bittet mich, zu reden. Lieber Würz, ich habe schon viele delikate Missionen durchgeführt, aber so sauer ist mir das Reden noch nie geworden. Ich erzählte also von dem Kampf um Witkowski, von dem ewigen In-den-Wolken-thronen des Bürgermeisters, von der Giftigkeit des Herlinger und sage zum Schluß, daß eine gefährliche Bombe gegen Seibold vorbereitet werde. Er habe einer Schauspielerin, übrigens einer großen Künstlerin, eine ziemlich beträchtliche Unterstützung zukommen lassen und daraus wollen die christlichen Herren ihm jetzt einen Strick drehen. Die Bürgermeisterin hört mir zu, sieht mich mit diesen wunderbaren Augen an – komischerweise muß ich immer an die Orber denken – und fragt dann ganz einfach: ›Ja, hat sie denn das Geld nicht gebraucht?‹ Ich war perplex. Natürlich, sage ich, und wenige Künstlerinnen wären dieser Unterstützung würdiger, aber die Summe war doch ungewöhnlich hoch. Da antwortete sie: ›Wahrscheinlich war mit einem kleineren Betrag nicht zu helfen. Entweder man hilft gründlich oder man hilft gar nicht, das ist Seibolds Grundsatz immer gewesen.‹ Ich bin mir in diesem Augenblick etwas lächerlich vorgekommen, aber ich nahm mich zusammen und sagte: ›Frau Bürgermeister, ich bin ja nur hergekommen als ein alter Jugendfreund, damit Sie die Sache erfahren, wie sie ist, und nicht in der abscheulichen Entstellung und Ausdeutung der gemeinen Demagogen von heute.‹ Sie dankt mir freundlich, gibt mir die Hand, begleitet mich in den Park und fragt mich am Tor, ob die Sache morgen in der Stadtratsitzung zur Sprache kommt. Und heute, um drei Uhr, wer sitzt in der Ratsloge? In der ersten Reihe? Die Bürgermeisterin. Neben ihr sitzt die Frau Stadtrat Herlinger, wahrscheinlich, um die Dolchrede ihres Mannes anzuhören. Die Damen sind in freundlichstem Gespräch. Die Seibold sitzt da wie eine Königin, in einem lichtgrauen Seidenkleid. Der ganze Sitzungssaal starrt zu ihr hinauf. Sie erwidert die Grüße der Stadträte mit einem, ich kann's nicht anders sagen, huldvollen Kopfnicken. Jemand meldet dem Bürgermeister, der das Präsidium übernimmt, die Anwesenheit seiner Frau. Er sieht erstaunt hinauf, grüßt, sie lächelt ihn an. Na, was soll ich Ihnen viel erzählen? Der Herlinger nimmt das Wort, spricht ungewöhnlich matt und gewunden über die Theaterzustände. Wir alle sind rund um den Redner. Er trinkt fortwährend Wasser, schluckt und stockt, von Zeit zu Zeit schaut er zur Loge hinauf und plötzlich ist seine Rede zu Ende. Er hat nicht das Herz gehabt, die Bombe platzen zu lassen! Die Bürgermeisterin in der Loge hat ihn gebändigt. Bloß durch ihr Dasein! Ist das nicht herrlich? Ist es nicht grandios, daß so was noch vorkommt? Deshalb war die Sitzung so schnell zu Ende. Käm doch in jede Sitzung so eine kontrollierende Königin! ... Ihr Chef wird wahrscheinlich rasen, und der Witkowski, das Schwein, hat wahrscheinlich den Profit. Aber vielleicht bringen wir ihn doch noch weg. Wenn man sich auf Ihren Roth verlassen könnte. Am liebsten würde ich Sie in Ihre Redaktion begleiten, der Flammen-Mensch interessiert mich, ich kann's nicht leugnen.«

Aber dann mußte Adam doch allein in die Redaktion. Es war unheimlich, zwischen Tag und Abend in den leeren Redaktionszimmern zu sitzen. Würz fühlte sich verpflichtet, seine Zigaretten wenigstens in der Nähe des ›Chefs‹, verfluchtes Wort, zu rauchen, er schien im Grunde seine Anwesenheit schon für eine Leistung zu halten. Während er einen Stoß Zigaretten verpaffte, in Zeitungen stöbernd, in Annoncen und in Romanfortsetzungen vertieft, saß Roth in seinem Zimmer und verglich die Bilanzen der Warenhäuser seit zehn Jahren, er stellte die Abschreibungen neben den Dividenden und den Dotationen für Direktoren und Aufsichtsräte fest, die Ziffern tanzten ihm entgegen und die wichtigsten notierte er sich in ein kleines Notizbüchlein.

Gerade als Würz das Licht andrehen wollte, klingelte das Telephon. Er konnte nur gerade in den Hörer rufen: »Lili! Endlich!«, da trat Roth ein. Sofort unterbrach Adam das Gespräch, legte den Hörer auf den Schreibtisch und fragte: »Womit kann ich Ihnen dienen?« Der Ton der höflichen Frage Adams war so gereizt, daß Roth begütigend erwiderte: »Ich wußte nicht, daß Sie hier sind. Kommen Sie doch zu mir herein, wenn Sie gesprochen haben« und verschwand.

»Bist du noch da?« fragte Adam, »verzeih die Störung, aber es trat jemand ins Zimmer, da wollt ich nicht sprechen. Weißt du, Schurkin, liebe Schurkin, daß ich dich seit vier Tagen nicht gesehen habe?« Die Antwort, die nun kam, muß Adam wohlgetan haben, sein Gesicht entwölkte sich, seine Finger tanzten auf dem Schreibtisch.

»Gut,« antwortete er in den Hörer, »gut. Ich habe mich ja gar nicht so bitter beklagt, ich weiß, du konntest nicht, Bauer war krank.«

In diesem Augenblick trat Roth zum zweitenmal ein. »Verzeihen Sie,« sagte er, »ich verschwinde schon wieder, ich hatte mein Notizbuch hier liegen gelassen.«

Diesmal fiel der Hörer krachend aus Adams Hand.

Roth war schon verschwunden.

»Es war wieder eine Störung, verzeih ... Ich bin bis zwölf Uhr natürlich zu Hause. Es war sehr lieb von dir, dich zu überwinden und mich hier anzurufen. Vielen Dank, und ich bin sehr froh, daß ich dich morgen sehe.«

Das Gespräch war zu Ende und er hätte nun zu Roth hineingehen sollen. Aber eine unüberwindliche Verdrossenheit hatte ihn jäh überfallen, er steckte die zwanzigste Zigarette an und blieb an seinem Schreibtisch. Hat Roth den Namen gehört? War es Zufall, daß der Kerl ein zweites Mal herauskam? Hat er das Notizbuch absichtlich liegen lassen? Was für ein Nachbar, bei dem man solche Fragen bedenken muß!

Roth saß drinnen über seinen Bilanzen und Geschäftsberichten und stellte fest, daß Würz nicht zu ihm hereinkam. Das Telephongespräch war längst beendet. Es war so still in den Redaktionszimmern, daß man nur aus der Fern« das Läuten der Straßenbahn und die krächzenden Signale der Autos vernahm.

Endlich trat Adam in das Chefzimmer.

»Sind Sie verstimmt?« fragte Roth und blinzelte aus dem Lichtkegel der Tischlampe zu Adams Gesicht hinauf, das noch im Dunkel war.

»Die Bombe im Stadtrat ist nicht geplatzt. Herlinger scheint sich geschämt zu haben, seine Rede war ein Gestammel.«

Roth schob die Lampe in die Höhe, daß ihr Licht auf Adams Gesicht fiel, seine Stimme war merkwürdig sanft als er fragte: »Waren Sie froh darüber?«

»Das kann ich nicht leugnen«, erwiderte Adam beinahe schroff.

Merkwürdig, sagte sich Roth, ich werde ihm nicht böse. Mit einem liebenswürdigen Seufzer murmelte er: »Das nennt man Mitarbeiter.«

Adam ließ eine Pause vergehen: »Sie wollten noch einmal die Warenhausgeschichte mit mir besprechen.«

Roth war schlecht gelaunt: »Es ist nicht nötig. Wir haben für morgen abend eine große Konferenz bei Justizrat Bauer vereinbart, die Angestellten, die Gewerkschaftskommission und ich. Wenn es Ihnen recht ist, kommen Sie mit.«

Adam schwieg.

»Paßt es Ihnen nicht?«

Es lag Würz auf den Lippen, das zweite Mal an diesem Tage um seine Entlassung zu bitten, aber irgend etwas im Auge dieses besessenen armen Narren, der da vollkommen verlassen hinter seinen Papieren hockte, besänftigte und ergriff ihn: »Ich komme natürlich.«

»Heute wirbelt es mir im Kopf,« sagte Roth, »vormittags die langen Besprechungen mit den Angestellten, dann die Arbeit in der Druckerei, jetzt dieses Durcharbeiten der Bilanzen. Ich spüre zum erstenmal seit langer Zeit, daß ich wie ein Wahnsinniger lebe. Wollen Sie bei mir zu Abend essen?«

Sie fuhren in seine Wohnung. Roth hauste in einem lächerlichen gotischen Hause am Stadtpark, Treppe mit rotem Teppich, imitierter Marmor im Stiegenhaus, geschnitzte Wohnungstüren.

Als Roth das Haustor aufsperrte, hätte Adam am liebsten aufgeseufzt. Es war etwas entsetzlich Leeres, Fremdes, Aufgedonnertes an diesem sinnlosen, unbrauchbaren Raum.

Die Tür sprang auf, das Vorzimmer war ganz klein, vollgeräumt und braun, ohne Fenster. Sie traten durch eine Glastür in einen viereckigen Salon mit gelblichen Plüschfauteuils. Vor den gotischen Fensterbogen hingen schwere, dunkelrote Seidenvorhänge. In der Mitte stand ein massiver, schwarzer, viereckiger Tisch, über ihm hing eine schwarze Krone mit vier grellen Glühlampen.

»Nehmen Sie Platz. Wenn es Ihnen recht ist, wird meine Hausdame hier servieren.«

Roth verschwand für einige Minuten.

Hier auch noch essen, stöhnte Adam. Er sah sich um, gewahrte eine ungeheure dreiteilige Kredenz, auf der Likörflaschen, eine leere Obstschale und Zigarettenkisten standen. Er sah sich die Bücher an, die auf dem Tisch lagen: Ein Preßgesetz, ein aufgeschlagenes Buch über Deutschlands Warenhäuser, ein Band Gutzkow »Ritter des Geistes«, ein Stapel französischer Zeitungen.

Die Hausdame trat mit Roth ein, es war eine etwas üppige Dame in den Dreißigerjahren, sie hatte offenbar gefärbtes, rotblondes Haar, an ihrer fleischigen Hand fielen Adam drei Ringe auf, ihr schwarzes Kleid war im Viereck ausgeschnitten, man fühlte einen etwas zu vollen Busen.

»Darf ich vorstellen,« sagte Roth, »unser Redaktionssekretär, Herr Würz, von dem ich Ihnen schon erzählt habe. Fräulein Leitermeyer I, zum Unterschied von ihrer Schwester, unserer Auskunftei-Leiterin, die Leitermeyer II ist. Setzen Sie sich, Würz, machen Sie sich's gemütlich.«

Fräulein Leitermeyer I deckte den Tisch, brachte eine Schüssel mit kalten Vorgerichten, Sardinen, Heringssalat, zerschnittene Tomaten, kaltes Fleisch.

Adam hatte das Gefühl, sein Gaumen sei ausgetrocknet.

»Sie sind schon im Bureau verstimmt gewesen«, sagte Roth, unglücklicherweise scherzte er: »Weil ich Sie am Telephon gestört habe?«

Würz entdeckte zum Glück die Flaschen auf der Kredenz: »Ich glaube, ein Kognak würde helfen.«

Fräulein Leitermeyer I stellte sofort kleine Gläschen auf den Tisch. Sie hatte noch kein Wort geredet, ihre stumme Eilfertigkeit hatte etwas Unterwürfiges.

»Die Gläser sind ein bißchen klein.« Adam versuchte zu scherzen. Im Nu hatte die Leitermeyer I Weingläser aufgestellt und goß in sie den Kognak.

Adam erhob sein Glas.

Aber Fräulein Leitermeyer I nippte nur und Roth führte das Glas nicht einmal an die Lippen.

»Abstinent?« fragte Adam bestürzt.

»Lassen Sie sich durch uns nicht stören«, ermunterte Roth.

Adam stürzte den Kognak hinunter. Oh, Gott, dachte er, ich hätt' es erraten können, es ist ein schauerliches Gesöff.

Fräulein Leitermeyer I legte Kalbsbraten vor. Die überladne Schüssel, auf der Fleisch, Kartoffeln, Gemüse, Reis, Platz finden mußten, erinnerte ihn an Familienessen, vor denen er immer geflohen war.

»Darf ich noch um einen Kognak bitten?« Es war das einzige Mittel, den Abend zu überstehen.

Dann kam die Hausdame mit Rotwein herein. Adam, fest entschlossen, heiter zu werden, stürzte zwei Gläser hinunter. Er begann den Wein zu spüren. Er zwang die beiden, wenigstens ein Glas mitzutrinken.

»Haben wir es nicht gemütlich hier?« flüsterte Fräulein Leitermeyer I beinahe errötend.

»Gewiß. Aber warum bauen Sie sich nicht ein kleines Haus bei mir draußen?«

Die beleibte Hausdame, die sich doch noch zu einem zweiten Glas überreden ließ, drehte sich zum Wirt: »Sehen Sie, Herr Roth, nun sagt es auch Herr Würz. Aber leider hat Herr Roth keinen Natursinn. Er kann eine Eiche von einer Birke nicht unterscheiden. Werden Sie glauben, daß er seit sechs Jahren – wie lange bin ich bei Ihnen, Herr Roth? – ja, seit sechs Jahren nicht in der Natur war. Von Ferien keine Rede. Sonntag bringe ich ihn höchstens ins Kino.«

Jedesmal, wenn sie »Herr Roth« sagte, mit einem ängstlichen, unterwürfigen Ton, hatte Adam das Gefühl, sie singe einen Ton zu hoch. »Darf ich um noch einen Kognak bitten? Aber diesmal müssen Sie mittrinken. Auf Ihr Wohl, Fräulein Leitermeyer.«

»Wenn Sie Herrn Roth dazu bewegen könnten, im Cottage ein kleines Haus mit einem Garten zu bauen, Sie haben doch so großen Einfluß auf ihn. Ich habe einmal, vor Jahren, in Partenkirchen ein Häuschen gesehen, mit langer Holzveranda, das ist mein Traum.«

Man sprach von Partenkirchen, von den bayrischen Bergen, von Italien.

»Als Kind war ich jedes Jahr am Starnberger See«, erzählte Adam. »Sie sollten sich einmal drei Wochen Ausruhen irgendwo am Wasser gönnen, es würde Sie fröhlich, ich wollte sagen, fröhlicher machen.«

»Ich,« sagte Roth langsam, »ich werde mich nicht ändern, so war ich schon als Kind im Waisenhaus der Stadt Fürth. Wenn wir Sonntags ausgingen, da mußten wir paarweise marschieren und der Aufseher lief neben uns her. Von der Landschaft sahen wir nichts.«

Endlich war das Essen zu Ende. Adam, durch die Getränke etwas aufgepulvert, schlug vor, noch in eine Bar zu gehen. Fräulein Leitermeyer I war von dem Vorschlag entzückt, sie hatte so etwas noch nie gesehen, Roth weigerte sich entschieden. Aber er wollte gern Adam ein paar Straßen weit geleiten. Die Hausdame hatte wieder ihr unterwürfiges Gesicht, als sie den Herren in die Kleider half. Mit etwas bitterer Schelmerei wünschte sie ihnen noch einen recht vergnügten Abend.

»Wenn Sie wollen,« sagte Roth auf der Straße, »gehen wir noch in eine Bar. Ich kenne das alles kaum und weiß nicht, ob es etwas für Fräulein Leitermeyer Ist. Darin hat sie übrigens recht, ich müßte meinen Lebens-Stil ändern. Nun, Sie werden mir dabei ein bißchen behilflich sein.« Er hing sich vorsichtig, nicht allzudicht, in Adams Arm.

In der inneren Stadt traten sie in ein mit Portieren verhängtes, zur Straße hin nur matt beleuchtetes Lokal. Der Portier fragte im Vorraum:

»Wollen die Herren in den Tanzsaal oder in die Bar?«

»Tanzsaal«, antwortete Adam schnell.

Im Garderobenraum wurde Adam von einem händereibenden, sich verbeugenden Direktor begrüßt. Man kannte ihn hier: »Herr Würz, außerordentliche Ehre, wir haben für die Herren von der ›Flamme‹ unsere schönste Loge, ganz vom am Tanzparkett, reserviert.«

»Wieso?« fragte Roth, »wieso wußten Sie denn, daß wir hierher kommen?«

»Der Herr Chefredakteur hat wie gewöhnlich telephoniert.«

»Wer?« fragte Roth.

Der Direktor dienerte: »Herr Chefredakteur Roth hat mit seiner Dame schon Platz genommen.«

»Das beginnt, mich zu interessieren«, sagte Roth.

Sie wurden von einem Pagen in den festlich erhellten Saal geleitet. Rund um ein Parkettviereck stiegen kleine Logen nach allen vier Seiten an. Die Damen waren in glitzernden Abendkleidern, die Herren im Smoking.

»Eigentlich ist Abendkleidung vorgeschrieben,« bemerkte der Direktor etwas devot, »aber wenn so berühmte Herrschaften kommen, entscheiden ihre Wünsche.«

Roth und Würz standen vor der vordersten Parkettloge. Da saß ein Herr mit einer Dame; sie hatten sich eben über die Brüstung gebeugt und plauderten gerade mit einem Tanzpaar, man sah nur ihre nach vorne gebeugten Rücken.

»Ich bin neugierig,« brummte Roth verbissen, »wer denn Herr Roth von der ›Flamme‹ ist.« Er ging schnell in die Loge und tippte dem tief über die Brüstung gebogenen Herrn auf den Rücken. Der drehte sich schnell um:

»Leopold!«

»Rudolf!«

Die Miene des einen verfinsterte sich, während sich auf dem Gesicht des andern die peinliche Verdrossenheit des Ertappten malte.

»Ich verbiete dir zum letztenmal, dich als Redakteur der ›Flamme‹ auszugeben!«

– »Und ich bitte dich, nicht zu schreien!«

»Ich könnte dich einfach als Schwindler von einem Schutzmann abführen lassen.«

– »Ich finde dich wie immer irrenhausreif.«

Roth erblaßte, er holte mit der rechten Hand aus, da hielt ihn plötzlich eine Damenhand fest, es war Fritzi, die Soubrette. Sie kicherte: »Raufen? Die Herren werden sich doch hier nicht raufen, das kommt dann morgen in die ›Flamme‹.«

»Geh mir aus den Augen,« knirschte Roth dem Bruder zu, »sonst müßte ich mich an dir vergreifen.« Rudolf sah bald den Bruder kopfschüttelnd an, bald Adam fragend: »Verstehen Sie diesen Anfall?«

»Schmeißen Sie mich auch hinaus?« Die Soubrette wollte ihren Arm um den Stuhl legen, auf dem der ältere Roth saß, aber der stand sofort auf und winkte Adam zum Aufbruch.

Als der Direktor im Vorsaal um die beiden Herren herumscherwenzelte, fragte Roth:

»Hat mein Bruder die Loge bezahlt?«

»Aber Herr Chefredakteur, es ist uns immer eine Ehre, die Herren von der Presse.«

Roth ging, ohne zu antworten, an die Kasse und zahlte den Preis der Loge. »Ein für allemal bitte ich Sie, für die ›Flamme‹ keine Freibilletts auszuschreiben! Wer von Ihnen für die ›Flamme‹ Freilogen verlangt, der ist ein gemeiner Schwindler.«

Auf der Straße sagte Roth: »Ich bin ganz froh, daß dieses Frauenzimmer mir in den Arm gefallen ist, es gibt keinen Menschen auf der Welt, dessen Zynismus mich so besinnungslos wütend macht, wie der meines Bruders«, und er fügte mit einem Seufzer hinzu: »So endet es, wenn ich mich ins Vergnügungsleben stürze.«

An der nächsten Ecke verabschiedeten sie sich.

Adam nahm wieder Riesenschritte. Das war, sagte er sich, was man einen frohen, gemütlichen Abend nennt, die Brüder sehen sich ja mit Tigerblicken an ... Er nahm die Richtung zum ›Goldenen Kreuz‹ wo er, im vollen Gastzimmer, mit Jubel und Halloh empfangen wurde.

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