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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 5
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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4.
Gastzimmer im ›Goldenen Kreuz‹

Alle Wände des Gastzimmers im ›Goldenen Kreuz‹ waren von den Schauspielern, die es seit Jahrzehnten in Beschlag gelegt hatten, mit Erinnerungsbildern, mit Theaterzetteln, Photographien und Karikaturen, ja sogar mit zwei hinter Glas und Rahmen aufbewahrten Zeitungsartikeln behängt. Bis zur Decke war das Zimmer mit Trophäen verblichener Siege angefüllt. In der Mitte der Längswand aber fiel ein viereckiger leerer Fleck auf, der die Tapete in der Frische ihrer ursprünglichen Farbe zeigte.

Das Zimmer war voll von durcheinander redenden, flüsternden, lachenden, schreienden Menschen.

Sachsels vollbäuchige Gestalt erhob sich. Er stand an der Mitte des langen Tisches, schlug mit dem Messer ans Glas und das Gesumme der Stimmen wurde etwas leiser.

»Mitbürger!« begann Sachsel, »das Wort an diesem denkwürdigen Abend werde ich vor allem mir erteilen, gleichzeitig erkläre ich die Rednerliste vorläufig für geschlossen. Betrachten Sie, Mitbürger und Mitbürgerinnen, jene viereckige leere Stelle an der Wand, und Sie werden wissen, was uns heute so fröhlich zusammenführt. Hier hing bis vor einer Stunde Herr Direktor S. Witkowski, ich glaube, einem allgemeinen Bedürfnisse der Bürgerschaft, der Stadt, ja ich darf sagen ganz Deutschlands Genüge getan zu haben, indem ich Witkowskis Züge aus der Nachbarschaft erlauchter Köpfe für ewige Zeiten entfernen ließ. Ich bitte Sie, zum Zeichen Ihrer Zustimmung, sämtliche Pilsner Biere zu leeren ... Nachdem dieser feierliche Akt, den ich nicht weiter zu begründen brauche, erledigt ist, gehe ich zum zweiten Punkt der Tagesordnung über. Zwei Bürger dieser Tafelrunde sind aus ihr geschieden, der eine ist unsere junge Mitkünstlerin Agnes Willessen, die, wie wir heute abend aus flammendem Munde erfuhren, in den Stand der Ehe getreten ist. Wiewohl sie, jung und deshalb ahnungslos, in diesen feierlichen Räumen nie geweilt hat, habe ich beschlossen, ihr Bild, und zwar als Klärchen, an jener Stelle anbringen zu lassen, die ehemals durch die Züge eines Unwürdigen ausgefüllt war. Schusterin, nehmen Sie den Hammer des Meisters aus meinen königlichen Händen und befestigen Sie Agnes Willessen vor unseren Augen dort an der Wand. Zum Zeichen Ihrer Zustimmung bitte ich, ein zweitesmal ihre Pilsner Biere an den Mund zu führen. Und nun obliegt mir die traurigste Pflicht des Abends. Ich habe Ihnen die Mitteilung zu machen, daß unser jüngstes männliches Mitglied, der kleine, herzige Knabe Adam, einen entscheidenden Fehltritt begangen hat. Er hat, was wohl vorauszusehen war, seine Theaterlaufbahn frühzeitig beendet. In verhältnismäßig jungen Jahren ist der von uns Geschiedene in unsere Mitte getreten, sein Wirken, obwohl selbst für den Näherstehenden und aufmerksamen Beobachter kaum bemerkbar, schien ihn zum Dramaturgen besonders zu befähigen, er verfügte über einen sehr gesunden Schlaf und genoß die Sympathien der Damenwelt. Mit Recht hielt er damit sein Tagewerk für vollkommen ausgefüllt. Dieser zu den schönsten Direktionshoffnungen berechtigende junge Mann ist ...« Sachsel hatte eine oft erprobte Fähigkeit, auf Wunsch Tränen zu erzeugen, »... jäh aus unserer Mitte geschieden, noch schlimmer, er ist ins feindliche Lager übergegangen, er ist, die Zunge sträubt sich, es auszusprechen, er ist, fassen Sie sich, Mitbürger, er ist ... Journalist geworden. Zum Zeichen der Trauer bitte ich Sie, zum dritten Male ihre Pilsner Biere zu erheben. Als erster Redner nach der Pause bin ich vorgemerkt.«

Gelächter wurde allmählich zum Geplauder. Adam, der zwischen der Orber und Lili saß, mußte nach allen Seiten Rede stehn. Alle wollten wissen, wie er denn aussehe, der Flammen-Mensch, ob man denn mit einem so bösartigen Menschen wirklich zusammensein könne, die Erklärung über die Orber und Willessen sei hochanständig, aber das sei wohl schon Adams Werk. Die Soubrette rief über den Tisch: »Bring ihn doch einmal her!« aber die Orber legte Adam die Hand auf den Arm: »Nein, lieber nicht.« Sachsel wurde angerufen und entschied: »Es ist fraglich, ob wir Adam selbst anders als provisorisch, sozusagen a. G., zulassen können.« Aber jedenfalls solle keine Gästewirtschaft einreißen, im goldenen Kreuzt herrsche, Gott sei Dank, noch der Geist des Ensembles, nur ergänzt durch Klipp, den Stadtvater der Künste, und Lili, das entlaufene Theaterkind.

»Sie sagen gar nichts,« wandte sich Adam an Lili, »sind Sie verstimmt?« Er drehte ihr das Gesicht zu und bemerkte, daß Tränen in ihren hellen Augen saßen.

»Kümmern Sie sich heute nicht um mich«, sagte Lili.

Klipp rückte inzwischen seinen Sessel an Marys Seite. Die Orber hatte heute ihren glanzvollen Tag. Sie kam aus einer großen Gesellschaft und saß in ihrer tiefausgeschnittenen Robe aus schwerer, dunkelroter Seide wie eine Fürstin unter Bürgersleuten. Klipp sah fasziniert auf ihre blinkenden Schultern.

»Darf man fragen, woher Sie kommen?« fragte Klipp.

»Nein, Sie dürfen nicht,« erwiderte Mary, »weil Sie vor Neugierde platzen!«

»Ich und neugierig!« rief Klipp. »Mir tun bloß die Leute leid, die Sie im Stich ließen. Wenn ein Gast wie Sie fortgeht, ist doch die ganze Gesellschaft zerstört.«

»Das hat er kavaliersmäßig ausgedrückt,« applaudierte Sachsel, »dafür verdient er, einmal die Wange gestreichelt zu erhalten.«

Klipp hielt der Orber bittend die Wange hin.

Mary, die ihre langen Handschuhe noch nicht abgezogen hatte, huschte mit dem Zeigefinger über seine Wange.

»Ich verfüge,« befahl Sachsel, »kraft meiner Würde als Meister, daß die Streichelung ohne Handschuh ausgeführt werde.«

Mary sah auf Klipps nahes Gesicht hinunter. Der kleine Stadtrat hatte in diesem Augenblick einen so netten, angenehmen, bittenden Jungen-Ausdruck, da zog sie mit einer gewissen Feierlichkeit die Handschuhe von den Fingern und strich langsam, fast kosend über seine Wange.

»Küß die Hand«, sagte Klipp und beugte sich über ihre entblößte Hand. »Sie wissen, Fräulein Orber, ich bin ein alter überzeugter Orberist.«

Klipp ließ für die ganze Gesellschaft Sekt anfahren.

Als Mary sich umdrehte, um mit Adam anzustoßen, merkte sie, daß er nicht da war. Auch Lilis Platz war leer. Mary entschuldigte sich bei Klipp, erhob sich – in der roten Robe hinauseilend, sah sie noch schlanker, noch höher, noch fürstlicher aus – und traf im Ausgang Adam und Lili.

»Bleiben Sie doch noch!« bat Adam Lili, die schon bis zur Nase in den Pelz gehüllt war.

»Nein, mein Mann wartet.«

»Lili, so besorgt bist du doch sonst nicht?« Mary war erstaunt.

»Ich find's heut' nicht gemütlich«, und die Tränen traten ihr schon wieder in die Augen. Sie stieg in den Wagen vor dem Haus und winkte nicht einmal durchs Fenster.

»Weißt du, was sie hat?« fragte Adam.

Mary antwortete etwas spitz: »Weißt du's denn nicht?«

Adam spürte zu seinem Verdruß, daß ihm das Blut ins Gesicht stieg.

»Sie haßt doch den Flammen-Menschen, und dich, dich haßt sie, glaub ich, nicht.«

Adam wußte gar nicht, daß er, in einen Gedanken vertieft, auf einem Fleck stehen geblieben war.

»Komm hinein«, sagte Mary und hing sich in seinen Arm.

»Ja«, antwortete er, etwas geistesabwesend, und machte sich los von ihr.

Die Orber bekam einen Wutanfall: »Du brauchst dich nicht freizumachen, wenn ich deinen Arm nehme.«

»Hab ich das getan?« stammelte er, noch immer irgendwo anders. »Entschuldige, ich hab mich wieder gefragt, ob es nicht falsch war, mich dem Roth zu verschreiben.«

»Wenn du dich nur sonst niemandem verschrieben hast.« Sie drückte seinen Arm an die Brust und sah in sein benommenes Gesicht: Er war gar nicht da.

Im Gastzimmer hatte inzwischen der Sekt gewirkt. Als die Orber ihren Sessel einnehmen wollte, fand sie die Soubrette dort und Klipp tätschelte ihren Arm, während er schon mit etwas schwimmenden Augen seufzte: »Ich bin nicht der Typ der Orber, ich bin nicht ihr Typ.«

»Deshalb brauchst nicht zu weinen, Klipp, die hat viele Typen.«

Den Satz hörte die Orber gerade noch. Sie stand plötzlich, hoch und schlank, in ihrer dunkelroten Robe vor der Soubrette und befahl: »Aufstehn!«

»Du bist wohl verrückt, Mary?«

Die Orber befahl zum zweitenmal: »Aufstehn!«

Klipp, der das Ungewitter nahen fühlte, suchte wie immer zu vermitteln: »Fräulein Fritzi, sie hat recht, das ist der Sessel der Orber.«

»Hätt' mir's denken können,« maulte die Soubrette, indem sie sich langsam erhob, »sie sitzt zufällig immer neben dem Wohlhabendsten.«

Klitsch! sauste eine Ohrfeige auf Fritzis Wange. Die Soubrette, wie wahnsinnig, stürzte auf Mary, sie konnte ihr nur gerade das Kleid von der Achsel reißen, schon warfen sich Klipp und Würz dazwischen.

Mary setzte sich ganz selbstverständlich auf ihren Sessel, ihr Nacken glänzte nackt und weiß, sie sagte im heitersten Konversationston: »Gibt's denn gar nichts mehr zu trinken?«

Indessen tobte die Soubrette, von Klipp und Würz in die Ecke gedrängt: »Das wird sie büßen, oh, die wird mich kennenlernen, ich vergesse nichts!«

»Führen Sie sie doch nach Hause«, flüsterte Klipp Adam zu. Es gelang ihnen, die Aufgeregte sanft in die Garderobe zu drängen. »Wir bringen Sie nach Hause«, sagte Klipp.

» Sie nicht,« sagte die Soubrette plötzlich weinend, »Adam soll einen Wagen holen.«

Adam tat es gern, er war froh, fortzukommen. »Du darfst aber nicht so gemein sein wie die anderen,« sagte die Soubrette etwas torkelnd, »sonst fahr ich lieber allein.«

Klipp kam sehr gut gelaunt ins Gastzimmer zurück. Die meisten hatten sich während des Krachs auch schon verabschiedet. Der fast leere Raum sah wüst aus, der Tisch voll benutzter Teller, umgeworfner Gläser; halbleere Bierkrüge neben Sektflaschen, die übergeflossen waren, Aschenreste, umgestürzte Salzfässer neben dem Hammer Sachsels.

Klipp rief schon von der Tür her Mary zu: »Expediert! Der Würz frachtet sie nach Hause.« Er setzte sich neben Mary. Jetzt waren alle fort, bloß Sachsel hatte zwei Sektflaschen vor sich stehn und schenkte sich immer wieder ein. In einer Ecke leerte die Souffleuse eine Zigarrenschachtel für ihren Mann und schlich lautlos davon.

»Ist das für mich?« Klipp deutete auf die entblößte, strahlende Schulter.

»Meinetwegen,« sagte die Orber, »aber etwas Trinkbares muß ich haben.«

Klipp hatte unter seinem Sessel eine Sektflasche stehen, die er vor dem Zugriff Sachsels gerettet hatte, er schenkte das Glas der Orber voll.

»Dieser Esel, der Adam,« sagte Mary plötzlich, »schenken S' doch ein, Klipp. Nicht so zaghaft, nicht so zaghaft!«

»Bin ich zaghaft?« erwiderte Klipp sehr geschmeichelt, vor Aufregung zupfte er fortwährend an seinem Spitzbart.

Da wurde Sachsel aus seiner stillen Versunkenheit geweckt, ein Kellner flüsterte ihm zu, daß ihn draußen ein Herr zu sprechen wünsche. Nicht ohne Schwierigkeiten stellte er sich auf die Beine, er sah sich um, Klipp hatte den Arm um die Sessellehne der Orber gelegt, sein Kopf lag fast auf ihrer Schulter. Aha, dachte Sachsel, das ist Klipps Geschoß, ich soll verschwinden. Mit möglichst leisen Schritten wankte er hinaus.

Aber draußen stand ein glattrasierter, etwas derangierter Dandy im schwarzen Überzieher.

»Roth«, sagte der junge Mann.

Sachsel starrte ihn entgeistert an: »Sind Sie die ›Flamme‹?«

»Raoul Roth, der Bruder. Ich habe doch vorige Woche an Ihrer Seite gespielt, ich war der Gendarm in Rose Bernd.«

Die Orientierung in so vorgerückter Stunde war für Sachsel nicht ganz leicht: »Hat der Roth einen Bruder, der Gendarm ist?« Er bemühte sich, militärisch stramm zu stehn: »Was steht zu Diensten, Herr Gendarm?«

»Ich wollte ins Gastzimmer, ich bin doch quasi Kollege.«

»Unmöglich!« Sachsel breitete die Arme aus, »nur über meine Leiche! Die Sitzung ist geheim.«

»Ist Herr Würz drin?«

»Bereits von der Szene abgegangen.«

»Schade«, murmelte Raoul. Dann nahm er sich einen Anlauf und sagte: »Er ist mir nämlich dreißig Mark schuldig, die ich brauche.«

»Ein Flammenbruder, der Geld braucht? Immerhin, ich bin ein Flammenfreund. Nicht etwa, daß ich in Frage käme, aber ich schicke Ihnen einen wohlhabenden Herrn heraus, warten Sie.«

Er klopfte dreimal an, ehe er das Gastzimmer betrat, er legte die Hand neckisch vor die Augen und sprach mit absichtlich abgewendetem Gesicht: »Stadtvater Klipp, es tut mir leid, aber ein Herr wartet draußen, der dich unbedingt sprechen will.«

»Wer?«

»Er nennt sich Roth.«

Klipp sprang sofort hinaus.

»Der wird sich wundern,« kicherte Sachsel, »es ist nur der Bruder und er will ihn anpumpen.«

Die Orber sank auf den Tisch vor Schläfrigkeit.

»Wo ist der Würz?« fragte sie plötzlich erwachend.

»Der hat doch die Fritzi nach der Schlacht nach Hause gebracht.«

Allmählich begriff die Orber. »Das hab ich intelligent arrangiert«, sagte sie und war plötzlich nüchtern.

Klipp schoß wieder herein.

»Wie hoch kommt der Spaß?« fragte Sachsel.

»Fünfzig Mark.«

»Ich hätt's Ihnen für dreißig arrangiert.«

»Ah, das macht nichts, das tu ich sehr gern, die Familie unterstütz ich mit Vorliebe.«

Die Orber war, Kopf auf dem Tisch, eingeschlafen. Klipp schlich ganz still hinaus, einen Wagen zu holen. Im Mantel und Hut trat er ein, legte das Cape um Marys Schultern, half ihr beim Aufstehen, stützte die Schlafende, geleitete sie auf die Straße zum Auto und wollte sich verabschieden.

»Komm nur mit!« murmelte Mary schläfrig. »Wegen der Treppe.«

An diesem Abend saß Witkowski lange nach Schluß der Vorstellung in der totenstillen Direktionskanzlei und schrieb folgenden Brief:

Hochverehrter Herr Generaldirektor!

Anläßlich Ihrer Vermählung gestattet sich auch der Endesgefertigte, Ihnen, hochzuverehrender Herr Diamantidi, seine aufrichtigen und wärmsten Glückwünsche zu Füßen zu legen. Wenn auch der Himmel eines wolkenlosen Einverständnisses zur Zeit über unserem Verhältnisse nicht blaut, so glaube ich doch, daß Sie der Versicherung eines Ehrenmannes, daß der gegen mich aufgestapelte Verleumdungsschmutz nicht einmal auf dem Schatten einer Wahrheit beruht, vollen Glauben schenken werden. Wer wie ich ein volles Menschendasein ausschließlich der Kunst diente, hat ein Anrecht auf unbedingte Glaubwürdigkeit. Ich glaube nicht nur in meinem Sinne, sondern auch im Interesse der mit mir in den Schmutz gezogenen Persönlichkeiten zu handeln, wenn ich die ursprünglich, in der ersten Entrüstung ausgearbeitete Beleidigungsklage gegen die ›Flamme‹ dem Gericht nicht überreiche. Sollten Sie, hochgeschätzter Herr Generaldirektor, eine andere Taktik für zweckentsprechender halten, so bitte ich ergebenst, mich dies schnellstens wissen zu lassen.

Wenn ich heute mich mit meinem kleinen Blumenstrauß herzlichster Gefühle in der Gratulantenschar, sei's auch angesichts so vieler prominenter Gäste, bloß in der hintersten Reihe aufstelle, so tue ich das in dem befriedigenden Bewußtsein, daß ich zu dem Geschehnis des heutigen Tages auf meine Art nicht unwesentlich beigetragen habe. Ich opferte die edelste Knospe meines Gartens, die stärkste Hoffnung meines Ensembles, Sie gewannen das seelenvollste Weib, dem ich je in die blauen Augen geblickt. Darf ich die Hoffnung ausdrücken, daß Sie, mein hochverehrter Herr Generaldirektor, dessen Intentionen sich so oft mit den meinen deckten, diesen für mich so schmerzlichen Tatbestand nicht ganz aus den Augen verlieren werden. Es wäre ein harter Schlag für mich alten Mann, wenn ich mit meinem wertvollsten Mitglied auch meinen edelsten Gönner verlöre. In diesen Zeiten eines kunstfremden Materialismus kann eine künstlerische Stätte, wie ich sie errichtet habe, ohne die dauernde Unterstützung wahrer Förderer des Theaters nicht gedeihen. Deshalb darf ich an diesem Tag, der für Sie, verehrter Herr Generaldirektor, so viel Glück, für den Unterzeichneten so viel bange Sorge enthält, die ganz ergebene Bitte aussprechen, daß Sie mir die am 15. ds. Mts. fällige Subvention nicht entziehen werden. Wenn es Ihnen möglich wäre – und was ist einem Diamantidi unmöglich? –, mir diesmal, in der Jubelstimmung des großen Tages, mit Rücksicht auf den durch die abscheuliche Agitation verursachten schlechten Geschäftsgang den doppelten Betrag anzuweisen, dann würde ich dies als ein mich beglückendes Zeichen dafür ansehen, daß Sie, Verehrtester, meiner Mitwirkung an dem beglückenden, von Ihnen weise vorausgesehenen Lauf der Ereignisse nicht ohne Anerkennung gedenken. Fern liegt es mir, irgendwie die rechtliche Seite des Falles zu berühren, doch besteht, woran Sie als kaufmännisch geschulter Kopf gewiß nicht zweifeln, eigentlich noch immer eine Spielverpflichtung für Ihre junge Gemahlin, eine Verpflichtung, aus der ich sie nur blutenden Herzens entlassen werde, doch ich brauche nicht zu wiederholen, daß Ihre Intentionen, wie immer, auch in diesem Augenblick für mich Gesetzeskraft besitzen.

Nehmen Sie noch einmal die Glückwünsche eines um sein edelstes Talent beraubten Mannes hin. Ich zeichne in tiefster Hochschätzung als Ihr verehrungsvoll ergebener

S. Witkowski.

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