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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 3
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
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2.
Kanzlei des Anwalts

Warum sind die Wartezimmer der Anwälte immer zu klein und immer überheizt? Stieg man die breite, gewundene Treppe des alten Patrizierhauses zur Kanzlei des Justiz- und Stadtrates Ferdinand Bauer hinauf, so fröstelte man wie in einem Genueser Palast. Saß man aber dann in dem heißen, viel zu engen Wartezimmer und stöberte in den antiquarischen Zeitungen und Zeitschriften verdrossen-gelangweilt herum, so bekam jeder Lust, nach einer Viertelstunde die Treppe wieder hinunterzustürzen. Aber dann erschien ein hagerer Kanzleibeamter, legte Kohle in den Ofen und versicherte: »Der Herr Justizrat ist gleich frei« und verschwand. Der Raum wurde dunkler, die Zahl der Wartenden vermehrte sich, einer starrte den andern an, um zu erraten, was ihn herführe, Ehebruch oder Betrug, Ehrenbeleidigung oder Steuerberatung, Testamentanfechtung oder Vorzugsaktien.

Heute saßen hier nur mehr fünf ergeben Wartende. Der eine war Adam Würz, seine langen Beine schienen sich vor Warten noch um einiges zu verlängern und seine blonde Mähne fiel ihm verzweiflungsvoll auf die Nase, er war erschöpft und zu apathisch, um mit dem gewissen Ruck die fallende Strähne wieder über die Stirn zu heben. Neben ihm stand ein eleganter Mann mit hohem Stehkragen, er hatte einen schweren Pelz auf den Kleiderständer gehängt und hielt eine umfangreiche Aktenmappe in beiden Händen fest, es schien, als ob schon ein Blick auf die Ledermappe ihn irritiere, er legte von Zeit zu Zeit seine großen, knochigen Hände wie zum Schutz auf die Mappe. Auf dem dritten Sessel, der für ihn zu schmal war, saß ein Gewerkschaftsbeamter, gewiß ein braver Mann, mit einem pausbäckigen Kindergesicht, etwas fleischigen Händen, Bauch, Gesäß, Schenkel, alles war rund an dem noch jungen Manne, sogar seine Augen. Er hatte aus seinem bescheidenen Überrock ein kleines, rötliches Büchlein hervorgezogen, und als Adam nach viertelstündigem Raten, Über-die-Schulter-Gucken und unauffälligem Hinüberblinzeln den Titel des Heftchens endlich entziffern konnte, da konnte er sich leiser Rührung nicht erwehren, denn er las: ›Heinrich Heine, Buch der Lieder.‹ Und ich, sagte sich Adam Würz, ich soll jetzt aus meiner Rocktasche die ›Flamme‹ hervorholen, eigentlich müßte ich mich vor dem dicken Kind-Mann schämen, und er ließ das Blatt in der Tasche und starrte lieber, um den Herrn im Stehkragen zu ärgern, mit geradezu gierigen Blicken auf die Aktentasche.

Jetzt trat Stadtrat Klipp ein und hinter ihm Herr Direktor Witkowski. Klipp kannte alle. Er ging auf Würz zu, schüttelte ihm die Hand, zog ihn in die Ecke und wisperte mit ihm: »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, lieber Freund, daß ich in diesem Streit durchaus nicht auf Seiten Witkowskis stehe, ich habe ihm vielmehr klargemacht, daß ...«

»Aber es entwickelt sich doch alles in schönster Ordnung. Nur mein Drei-Monats-Gehalt muß er zahlen.«

»Gewiß, gewiß, und sollten Sie irgendwie in Verlegenheit sein, Sie wissen, wo Klipp wohnt.«

»In Verlegenheit ist man immer.«

Klipp wollte schon die Brieftasche hervorziehen, da hielt ihn Würz zurück: »Nicht hier, nicht jetzt.«

Dann begrüßte Klipp den Mann mit dem Stehkragen. Es war der Privatsekretär des sagenhaften Diamantidi, er wollte Klipp seinen Stuhl überlassen, aber dieser drückte ihn auf seinen Platz nieder: »Was fällt Ihnen ein, lieber Freund? Dafür werden Sie uns vorlassen, wir sind in fünf Minuten fertig. Kennen sich die Herren? Theaterdirektor Witkowski – Generalsekretär Schreiber. Ah, die Herrschaften kennen sich? Doch nicht verfeindet?«

»Durchaus nicht,« sagte Herr Schreiber etwas zeremoniell, sein Stehkragen schien noch höher zu werden, »ich habe schon das Vergnügen gehabt.«

Klipp spürte, daß da etwas nicht in Ordnung war, und da er unfreundliche Situationen nicht liebte, wandte er sich sofort zu dem dicken Mann, der sein ›Buch der Lieder‹ beim Eintritt des Stadtrats sofort in die Tasche gesteckt hatte.

»Nun, was führt Sie her, Genosse Koch?«

»Bauer ist ja der Anwalt der Gewerkschaftskommission, ich bin dreimal in der Woche hier.«

»Aha, also im Abonnement? Daß Sie da nicht abnehmen bei der Hitze.«

Adam Würz hatte indessen die ›Flamme‹ aus der Tasche gezogen, er entfaltete das Blatt und wurde hinter den großen Papierflügeln unsichtbar.

Plötzlich gab es einen Klatsch, Witkowski hatte seinem Dramaturgen mit einem wütenden Faustschlag die ›Flamme‹ aus den Händen geschlagen. Man hörte Witkowski schreien: »Du Lausbub, das verbiete ich mir«, und im nächsten Augenblick klatschte es wieder, diesmal war es die Wange des Theaterdirektors, die getroffen war, und Adam Würz in seiner übernatürlichen Länge stand vor dem blaßgewordenen Direktor und hätte ihn, wenn sich nicht Klipp schnell dazwischengeschoben hätte, mit fürchterlichen Faustschlägen knockout geschlagen.

»Das ist Provokation«, schrie der von Klipp geschützte Direktor, »hier die ›Flamme‹ zu lesen.«

»Sie selbst sind eine Provokation«, brüllte Würz.

»Harem ... Harem«, schrie Witkowski, diesmal gar nicht hochdeutsch im Tonfall. »Wenn einer Harem gespielt hat, ist es dieser Rotzbub ... Ich werd dir noch zeigen, Harem. Ich und Harem.« Er kam langsam wieder in den Besitz seines klassischen Hochdeutsch. »Mir diese unsäglichen Dinge. Mir. Ich habe unter Laube studiert, ich war Otto Brahms rechte Hand, und da wagt es ein grüner Junge ...«

»Regen Sie sich jetzt nicht auf, Herr Direktor. Übrigens öffnet sich die Tür. Der Herr Justizrat ist frei. Sie gestatten, meine Herren, wir sind in fünf Minuten fertig.«

Klipp und Witkowski verschwanden hinter dem Teppichvorhang.

Justizrat Bauer erhebt sich zögernd zur Begrüßung hinter seinem ungewöhnlich breiten Schreibtisch, auf dem hinter einer kleinen Kompagnie von dicken Gesetzbüchern nichts steht als die Photographie seiner Frau Lili mit ihren drei Kindern. Mit ihrem glattgekämmten Bubenkopf sieht sie selbst wie das vierte Kind Bauers aus, ein großes Mädel mit drei kleinen. Schaut man von dem vierköpfigen Kinderbild zum Justizrat hinüber, so sieht man in ein glattrasiertes, etwas müdes Gesicht, die dicken Tränensäcke fallen zuerst auf, dann die schweren Augenlider und der graurote, blutlose Mund. Aber es ist schon sechs Uhr am Abend, ein langer Tag mit Gerichtsverhandlungen, Aktenstudium, Konferenzen liegt hinter dem offenbar ermüdeten Mann, und er hat ein Recht, am Ende eines so anstrengenden Tages abgenutzt auszusehen. In die Besprechungen klingelt immerzu das Telephon hinein, der Justizrat hebt mit etwas müdem Arm das Hörrohr vom Apparat, seine Antworten beschränken sich auf die allernotwendigsten Worte: »Ich verbinde Sie mit meinem Sozius« oder »Das wird Ihnen mein Bureau rechtzeitig mitteilen« oder, nach einigem Suchen im Stundenplan der kommenden Tage: »Donnerstag, um sechs Uhr.« Bei solchen Antworten sieht Justizrat Bauer beinahe geistesabwesend aus.

»Dürfen wir uns setzen, Herr Kollege?« fragt Klipp, während er sich schon breitmacht. »Wir werden nämlich nicht in fünf Minuten fertig sein, die Sache, die Herr Theaterdirektor Witkowski Ihnen vorzutragen hat, ist nicht ganz einfach.«

»Ich habe Sie erwartet, der Artikel in der gestrigen ›Flamme‹ ist mir bekannt. Sie werden doch gegen den Roth nicht klagen wollen?«

»Doch,« erwidert Witkowski mit seinem schönsten Baßbariton, »doch, doch. Ich stehe ja zum Glück in diesem Kampf nicht allein. Mein Personal hat mir heute durch den Obmann, Herrn Sachsel, mitteilen lassen, daß es zu jeder Kundgebung für mich bereit ist. Die gesamte Künstlerschaft der Stadt, ja, wenn Sie wollen, Deutschlands, wird ihre Stimme erheben, ich, der ich Otto Brahms erster Gehilfe gewesen, ich kann mich nicht von einem Erpresser zugrunderichten lassen.«

Klipp, der pathetische Kundgebungen nicht liebt, springt auf und geht, als wäre er der Anwalt, im Zimmer auf und ab: »Lieber Freund, Sie packen die Sache falsch an. Von Deutschland ist vorläufig noch nicht die Rede, und Erpresser würde ich an Ihrer Stelle auch nicht sagen. Vor mir können Sie natürlich alles reden und der Justizrat, der ist ja verschwiegen wie ein Frauenarzt. Aber warum Erpresser? Vorläufig, leider! leider! hat noch niemand dem Roth eine Erpressung nachweisen oder gar nachsagen können.«

»Warum sollt' er mich denn überfallen? Er kennt mich nicht, er schreibt keine Stücke, er hat kein Verhältnis, wenigstens so viel ich weiß, mit einer Schauspielerin. Warum also dieses Attentat? Er muß Geld wollen!«

»Geld will natürlich jeder,« sagt Klipp und zupft sich am Spitzbart, »aber Geld wollen ist noch nicht Erpressung. Übrigens, wenn es sich um sehr viel Geld handelte, da würde ich mich Ihrer Meinung anschließen. Aber, Sie verzeihen, lieber Witkowski, was kann ein Stadttheaterdirektor schon geben?«

»Ich bin der gleichen Meinung wie Klipp,« sagt nun der Anwalt, »nur glaube ich, auch viel Geld, auch sehr viel Geld würde Roth nicht locken. Ich genieße ja, wie Sie vielleicht wissen, merkwürdigerweise seine besondere Sympathie. Das wird ihn übrigens nicht hindern, eines Tages auch mich zu überfallen. Wozu hat man denn Freunde, wenn sie nicht einmal bei einer scharfen Attacke stillhalten? Ich will auch seine Motive gar nicht idealisieren, aber Geldsucht, nein, das ist es nicht. Übrigens geht die ›Flamme‹ vorzüglich, sein Inseratengeschäft hat er hoch verpachtet, ich halte ihn für einen reichen Mann.«

»Warum richtet er mich denn dann zugrunde?« Auf einmal war etwas Weinerliches in Witkowskis Stimme, der Aufruf an ganz Deutschland war schon vergessen.

Der Justizrat fühlte sich zum Begütigen verpflichtet: »Ich will Ihnen nicht abraten, Prozeß zu führen, es ist ja mein Geschäft, und schließlich sind Geschwornen und Richtern solche Einmischungen ins privateste Leben durchaus widerwärtig. Wir können Fräulein Willessen kommissarisch einvernehmen lassen, wenn dem jungen Mädchen das Erscheinen im Gerichtssaal peinlich ist, und Mary Orber, denk ich, wird zur öffentlichen Aussage zu bewegen sein.«

Witkowski ließ sein lockiges Haupt so tief auf die Brust sinken, daß man die große Tonsur oder vielmehr Glatze auf seinem Schädel in ihren unerwarteten Maßen feststellen konnte, er seufzte wie für sich:

»Warum überfällt mich der Mann?«

Auf dem müden Gesicht des Justizrates entstand und erstarb ein ganz schwaches Lächeln. »Es ehrt Sie, daß Sie in diesem Augenblick so viel Philosophie aufbringen. Aber gerade die Motive des Flammen-Menschen sind schwer zu entwirren. Er selbst kennt sie gewiß am wenigsten. Ich glaube, er nimmt an uns allen für etwas Rache, das wir gar nicht begangen haben. Ich kenne ihn ja schon einige Zeit, ich glaube, die Verbreitung von Lebensunsicherheit macht ihm Vergnügen, soweit er überhaupt Vergnügen empfindet, er ist ja etwas düster veranlagt. Ich glaube, er hat es als Kind sehr schwer gehabt, solche Menschen rächen sich ein Leben lang für den Entgang und die Verdunkelung ihrer Jugend.«

»Also ich muß vernichtet werden, weil sein Vater ihm die Hosen gespannt hat?«

»Das ist der Lauf der Welt. Übrigens sind Sie ja noch lange nicht vernichtet.«

»Doch, ich spür es,« Witkowski war plötzlich ganz kleinmütig, »ich bin vernichtet.«

»Aber nicht, weil Sie als Direktor eine Schauspielerin gebusselt haben,« schrie Klipp, »sonst müssen wir ja morgen sämtliche Theater in Europa zusperren. Die Erotik gehört zum Theater, und der Direktor muß dann und wann bei einer Schauspielerin schlafen, das hat sicher schon der Laube gesagt.«

Witkowski konnte das Lachen nur markieren. Plötzlich fragte er: »Und wenn ich ihm öffentlich ein paar Ohrfeigen herunterhaue?«

»Ist auch schon geschehen,« antwortete Klipp, »hat nichts geholfen. Am nächsten Tag erscheint dann die ›Flamme‹ mit der Riesenaufschrift ›Bewaffneter Überfall auf unseren Herausgeber!‹ Das steigert die Auflage um zehntausend.«

»Prozeß führen?« monologisierte Witkowski. »Dann bringt sich die Willessen um. Die ist das imstande und tut mir das an. Und dann kommt die Soubrette und hetzt mir das Personal auf den Hals und jedes Mädel, dem ich einmal die Wange getätschelt habe, marschiert als Zeugin auf, und jede wird sich furchtbar wichtig fühlen und sich im vollbesetzten Saal und vor dreißig Journalisten doch nicht mit einer kleinen Rolle begnügen ... Also ist man ganz wehrlos gegen diesen Kerl?«

»Wehrlos!« bekräftigte der Justizrat. »Wehrlos wie ich und er (Klipp schrak zusammen, als der Justizrat auf ihn zeigte) und Diamantidi und wie der Gewerkschaftssekretär Koch draußen und der Minister und der Bürgermeister. Sehen Sie sich jeden Tag mein Wartezimmer an, jeden Tag führ ich dasselbe Gespräch. Für die gerichtliche Austragung kommt noch hinzu, daß er ein sehr billiges, tönendes Theaterpathos – oh, verzeihen Sie, ich meine im bürgerlichen Leben! – besitzt, daß er den banalen Witz oder Schlager nicht verschmäht. Mit einem Wort, er bietet dem Leser und Hörer das richtige Volkstheater. Entrüstung und Gelächter in einem Atem. Dazu kommt die Zustimmung und Befriedigung aller Leute, die sich im Leben ungerecht zurückgesetzt und übergangen fühlen und denen es wohltut, wenn von Zeit zu Zeit ein Arrivierter durchs Fenster geworfen wird. Wer mit der Schadenfreude der meisten rechnet, spekuliert ganz richtig.«

Witkowski fuhr aus seinem Brüten auf: »Könnten ihn nicht die Sozialisten bändigen oder ... (er sah die Hoffnungslosigkeit dieses Satzes ein, während er ihn schwunglos zu Ende brachte) ... oder wenigstens ermahnen?«

»Sie werden sich hüten. Zuerst haben sie versucht, ihn als Kettenhund zu benutzen und gelegentlich loszulassen, allmählich wurde der Hund mächtiger als der Herr, nun liegt die Partei an seiner Kette.«

»Also wir sind wehrlos, vollkommen wehrlos?«

»Vorläufig wird uns nichts übrigbleiben,« wieder schwebte dieses schnell vergängliche Lächeln um Bauers Mund, »als durch ein besonders tugendhaftes Leben seine Nachsicht oder seine Freundschaft zu erringen. Übrigens Freundschaft? Glauben Sie, daß ein so mißtrauischer und anklägerischer Mensch eine Ahnung von Freundschaft hat? Vielleicht kommen ihm solche schwächlichen Regungen später einmal. Es ist ja unser Pech, daß der Flammen-Mensch noch verhältnismäßig jung ist. In diesem Roth rumort eine Rauflust, die sich später vielleicht gibt, jetzt ist er noch der reinste Toreador, immer vor einer riesigen Arena, und je mehr Blut er fließen läßt, desto stolzer geht er an den Logen vorbei. Es gibt eine Selbstgefälligkeit der Dreißigerjahre, die ist der reine Blutdurst. Er hat selber noch keinen Klaps gekriegt, kein Gericht kann ihm an den Kragen, kein Justizrat, kein Klipp und kein Diamantidi.«

»Ich,« sagte Klipp, der die Nennung seines Namens immer als Aufforderung zur Rede auffaßte, »ich habe keine Angst. Mit Geld geht alles, es muß nur die richtige Summe sein, und zu dem Geld ist natürlich eine Portion na, sagen wir, Delikatesse nötig.«

Witkowski schenkte weder dem Justizrat, noch Klipp Aufmerksamkeit, er schien einen vollkommenen Verfall zu erleben, er saß zusammengesunken da, plötzlich war er ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit vergrämtem Gesicht.

Das Telephon klingelte.

Der Justizrat hob den Hörer ans Ohr: »Ja! Du? Lili! Halb acht ist es schon? Verzeih! Warte nicht mit dem Abendbrot. Es sind noch einige Leute im Wartezimmer. Auch Herr Würz, er kommt noch dran. Stell mir etwas kaltes Fleisch und ein Glas Rotwein aufs Büfett! ... Es ging nicht, verzeih, küß die Kinder, Gute Nacht, Lili. Vielleicht seh ich dich doch noch.«

Klipp und Witkowski hatten sich erhoben.

Nur eine Frage mußte der Theaterdirektor noch stellen: »Wenn Adam Würz, der draußen wartet, das Material nicht an die ›Flamme‹ gegeben hat, der Herr Stadtrat legt die Hand für ihn ins Feuer, wer, wer in aller Welt konnte diese Schufterei anzetteln?«

Der Justizrat legte ihm die Hand auf die Schulter: »Wenn ich mich auf diese Unterhaltung einlasse, komme ich um Mitternacht noch nicht nach Hause. Ihr Fall ist noch lang nicht der erstaunlichste. Schließlich gibt es beim Theater immer Zuschauer. Aber dieser Roth erfährt Dinge, die in den geheimsten Tresors aufbewahrt schienen. Woher? Ich setze das Gift der Konkurrenten, die Infamie der anonymen Briefe, den Neid der Angestellten in Rechnung. Aber das genügt noch nicht. Es muß die ganze Stadt durchsetzt sein mit Ranküne, die ›Flamme‹ ist eine Institution, eine Zentralstelle geworden. Alle schofeln Geister haben irgendwie Kanäle zu Roth. Es muß in der ›Flamme‹ irgendeine Person oder Abteilung geben, die alle diese Latrinengerüchte sammelt, untersucht, wertet, siebt, und dieses Archiv der Enthüllungen verschafft ihm seine totsicheren Wirkungen ... Wie haben Sie sich nun eigentlich entschlossen, Herr Direktor, klagen Sie oder klagen Sie nicht?«

»Ich will mit dem Herrn Stadtrat noch eine Weile beraten.«

Sie traten ins Wartezimmer, indes Doktor Schreiber, Diamantidis Generalsekretär, den Teppichvorhang ins Allerheiligste emporhob. Während Doktor Schreiber seine Ledermappe aufsperrte und behutsam die Akten herauszog, sagte er, auf den eben entschwundenen Witkowski deutend: »Er ist ein Schwein und es geschieht ihm recht.«

Der Justizrat, der noch an der Tür stand, schloß unwillkürlich die Klinke fester: »So? Hier gab er, wenigstens im Anfang, sehr große Töne von sich.«

»Der Roth hat eine scharfe Witterung. Wenn er wüßte, was ich weiß, ginge er noch schärfer ins Zeug. Übrigens ist Witkowski erledigt. Sein Theater lebt von den Subventionen des Diamantidi, und damit ist es nun Schluß. Diese Niederträchtigkeiten im Falle Willessen wird Diamantidi nie verzeihen.«

»Ich verstehe nicht,« sagte der Justizrat, »Niederträchtigkeiten, die Diamantidi nicht verzeihen wird? Was hat denn die Willessen mit Diamantidi zu tun?«

»Sie leben in Ihrer Kanzlei, Herr Doktor, die Klatschwellen dringen nicht bis hierher, so wissen Sie nicht, daß Diamantidi seit einem Jahr wie ein verrückt gewordener Gymnasiast um Fräulein Willessen wirbt, er schickt ihr morgens das Auto, wenn sie, wie man jetzt erfährt, zu diesen Privatstunden fährt, er läßt sie abends vom Theater abholen, er hat ihren Eltern ein Haus im Cottageviertel verschafft, er sitzt im Theater, wenn sie spielt, obwohl er rasend wird, wenn sie auf die Bühne tritt. Seitdem er gestern abend die ›Flamme‹ las, hat er sich in seiner Wohnung eingeschlossen, es ist ja eine der ärgsten Treulosigkeiten, die ihm begegnet sind.«

»Ist denn die Willessen mit ihm liiert?«

»Der Willessen sag ich nichts nach, das ist ein theaterbesessenes Mädel, das den üblichen Tribut bezahlt. Sie ist frei, denn sie hat drei Heiratsanträge Diamantidis zurückgewiesen, aber dieser Witkowski. Er wußte sehr genau, daß Diamantidi verrückt ist nach dem Mädel. Übrigens, Mädel ist ein falsches Wort für sie, an ihr ist nichts Leichtes und Lustiges, sie ist wirklich, wie ihr Fach heißt, eine blonde, junge Heldin. Haben Sie sie einmal spielen gesehen?«

»Nein, ich komme ja kaum ins Theater und man erzählt mir, daß sie nur drei- oder viermal aufgetreten ist, obwohl sie großen Erfolg hatte.«

Doktor Schreiber trommelte auf seiner Tasche: »Auch das hat seine Gründe.«

»Verzeihen Sie,« sagte der Justizrat, auf die Uhr sehend, »wenn ich zur Tagesordnung übergehe.«

»Es handelt sich um die Warenhausgesellschaft, Sie wissen, daß unser Kredit nicht zurückgezahlt wurde. Diamantidi will sich sein Geld, es handelt sich um zwölf Millionen, sichern, wir haben die Majorität der Anteilscheine schon in der Hand, etwa ein Viertel besitzt die Vereinsbank. Nun hab ich hier die Statuten mitgebracht, Herr Diamantidi möchte nun wissen, ob er bei der Generalversammlung eine Überstimmung der Minorität riskieren kann und ob ein gerichtlicher Einspruch irgendwie Chancen hat.«

Der Justizrat hat die Brille aufgesetzt, blättert in den Statuten: »Das muß ich mir morgen genauer ansehen.«

»Morgen?« Der Abgesandte stand auf: »Unmöglich, Diamantidi erwartet mich um elf Uhr in seiner Wohnung.«

»Also ist er doch wieder in die Welt zurückgekehrt?«

»Leider. Jetzt wird er bis vier oder fünf Uhr früh durcharbeiten. Ich kenne das. Nach jedem Korb der Willessen war er vierundzwanzig Stunden scheintot, dann stürzte er sich wie ein Rasender in die Geschäfte. Die Eroberung dieser Warenhäuser kommt gerade recht.«

Der Justizrat hatte die Brille auf die Stirn geschoben, seine hagere Hand lag über den müden Augen: »Es wird mir sehr schwer.« Er läutete dem Bureauvorsteher, der sogleich hereinsprang: »Klingeln Sie meine Frau an, sagen Sie ihr, sie solle nicht auf mich warten, ich komme spät, und dann können Sie auch gehn, ich werde selbst abschließen.«

Zwei Minuten später, während der Justizrat schon kurzsichtig in die Statuten vertieft war, erschien der Bureauvorsteher wieder: »Die gnädige Frau ist noch einmal ausgegangen.«

Der Justizrat schob die Brille wieder über die Augen und starrte den Beamten an: »Wie?«

»Das Mädchen sagte, die gnädige Frau sei nochmals ausgegangen!«

Der Justizrat murmelte irgend etwas wie »merkwürdig«, dann lag sein Gesicht wieder zwischen den Seiten des Statuts.

Draußen im Wartezimmer, ganz in die Nische gedrückt, stand Witkowski mit Klipp.

»Es gibt da noch etwas, das den Fall kompliziert«, stöhnte Witkowski.

Klipp, neugierig geworden, Neugier war seine eigentliche Leidenschaft, er war, wie ein Grünschnabel, auf alle Kernprobleme happig, Klipp reizte: »Lieber Freund, der Anwalt ist wie ein Arzt, da müssen auch die geheimen Krankheiten eingestanden werden.«

Witkowski wand sich: »Komplizierte Sache ... Sie müssen nämlich wissen, daß die Willessen erstens eine geradezu keusche Natur ist, und dann, daß ich sie eigentlich wirklich schlecht behandelt habe, als Mitglied nämlich. Nach ihrem Erfolg als Klärchen hätte ich sie unbedingt groß hinausstellen sollen, ich wollte sie ja die Johanna spielen lassen, aber da wurde ich leider unsicher. Dadurch begann das Mädchen an sich zu zweifeln, und ich, statt sie aufzurichten, ich unterlag gewissen mächtigen Einflüssen, Diamantidi vor allen wollte unbedingt verhindern, daß sie spiele. Sie aus dem Vertrag herauslassen durfte ich aber auch nicht und ich wollte es auch nicht, weil ich an ihr herbes Talent glaubte. Ich hätte auf diese verfluchte kapitalistische Stimme nicht hören sollen, jetzt stehe ich mit gebundenen Händen da, verflucht von beiden Seiten.«

Klipp hörte aus dem Gestammel den Kern ganz deutlich heraus: »Also hat Sie der Diamantidi unterstützt, damit die Willessen keine Rolle kriegt?«

»Sie drücken die Sache etwas zu roh aus. Es gab keinen Vertrag zwischen uns, aber ich hatte das dunkle Gefühl: Je weniger die Willessen spielt, desto glücklicher ist Diamantidi.«

»Ja, warum denn? Hat er was mit der Orber? Ich könnt' ihn verstehen, die Orber ist ein Racker. Also das alles nur, damit die Orber spielt?«

»Mit der Orber hat das gar nichts zu tun. Seine Gründe kenne ich selbst nicht, ich habe ja im ganzen zweimal je drei Minuten mit ihm gesprochen.«

Klipp wußte genug, er war gesättigt: »Gehen wir,« sagte er etwas brüsk zu Witkowski, »das ist eine viel zu verwickelte Geschichte, die müssen wir überschlafen.« Mit einer gewissen Hastigkeit, die etwas Unfreundliches hatte, Witkowski bemerkte das alles nicht, weil er nur fühlte, daß er schachmatt war, stieß Klipp den Theaterdirektor zur Tür hinaus.

Im Wartezimmer saßen noch immer Adam Würz und Gewerkschaftssekretär Koch. Der Bureauvorsteher hatte, ehe er wegging, noch einen mächtigen Scheit Kohle aufgelegt, es war zum Ersticken heiß. Adam las die ›Flamme‹. Koch war ins ›Buch der Lieder‹ vertieft.

Der Teppichvorhang hob sich, Doktor Schreiber ging fort, der Justizrat sah auf die Uhr, sagt«: »Halb neun«, machte eine einladende Bewegung: »Welcher von den Herren war zuerst da?« ließ aber plötzlich den Arm und damit den Vorhang fallen und sagte mit erlöschender Stimme: »Ich kann nicht mehr ... Verzeihen Sie, lieber Koch, es ist unrecht von mir, aber ich bitte Sie, unser Gespräch auf morgen zu verschieben. Und auch Sie – Herr Würz, wenn ich nicht irre? – haben Sie Gnade mit mir, ich kann heute nicht mehr. Wenn es den Herren recht ist, morgen vormittag präzise zehn Uhr. Sie sind dann die Ersten. Sie kommen bestimmt, Herr Würz, meine Frau würde mir es nicht verzeihen, wenn Sie wegblieben. Und auch Sie, lieber Genosse Koch, auch Sie sind mir nicht böse?«

»Warum denn?« antwortete der beleibte Beamte sehr freundlich, »ich habe die schönsten Gedichte gelesen«, und er steckte das Buch der Lieder vorsichtig in die innere Tasche seines Winterrocks.

Als die beiden Klienten draußen waren, blieb der Justizrat unschlüssig stehn, dann ließ er sich auf den Sessel des Bureauvorstehers fallen, stöberte in den Papieren auf dem Tisch des Beamten herum, entdeckte neben allerlei Prozeßformularen das Konzept eines Bewerbungs- oder Verlobungsbriefes, den er dem grauen Beamten nicht zugetraut hätte, erhob sich, stellte fest, daß am Fenster dieselben braunroten Vorhänge hingen, die er bei der Eröffnung der Kanzlei, gleich nach seiner Hochzeit, vor vierzehn Jahren, hatte aufhängen lassen, sagte sich, ich sollte endlich gehn, da fielen ihm die Statuten der Vereinsbank wieder in die Hand und er mußte die Paragraphen über den Abstimmungsmodus in der Generalversammlung nochmals durchlesen.

Plötzlich klingelte das Telephon in die Stille. Es riß Bauer auf, mit einem Mal wußte er ganz genau, warum er die ganze Zeit hier verzettelt hatte, er wartete auf die Stimme im Telephon. Diesmal zerrte er den Hörer schnell ans Ohr. Aber da war eine fremde Stimme: »Herr Justizrat Bauer selbst? Einen Moment, bitte.« Er sagte sich, das kann Lili nicht sein, und ließ den Hörer ein wenig sinken.

»Hier Chefredakteur der ›Flamme‹, Roth. Herr Justizrat, kann ich Sie morgen vormittag sprechen?«

»Halb elf«, antwortete er in seinem knappen Telephonstil.

»Eigentlich hatte ich die geheime Hoffnung, Ihnen heute noch begegnen zu dürfen.«

»Morgen halb elf«, erwiderte Bauer und legte den Hörer auf den Apparat.

Ja, nun konnte er gehn. Er schlug etwas umständlich das weiße Seidentuch um den Hals, schlüpfte, ungeschickt den Ärmel suchend, in den Winterrock, drehte im Bureau das Licht ab und blieb im Wartezimmer stehn, als müßte doch noch etwas geschehen. Dann wurde es auch hier finster, er sperrte die Gangtür mit allen drei Schlüsseln sehr gewissenhaft ab und stieg die breite Palasttreppe hinunter. Als er sechs oder sieben Stufen tiefer war, hörte er deutlich das Telephon in seinem Arbeitszimmer klingeln. Er blieb stehn, horchte, das Telephon klingelte ein zweitesmal, schriller, fordernder als das erstemal. Er wollte wieder hinaufsteigen, aber er sagte sich: Ich komme zu spät, und so ließ er sich von Stufe zu Stufe hinunterfallen. Im ersten Stock glaubte er noch einmal telephonischen Alarm droben zu vernehmen. Im Auto fuhr er mit geschlossenen Augen in das Villenviertel, wo sein Haus stand. Die Straße war merkwürdigerweise finster, sein Haus, in dem kein Fenster hell war, schien ihm von allem Leben verlassen. Im Korridor seiner Wohnung funktionierte das Licht nicht, er mußte durch den langen, schwarzen Gang tappen, dann trat er in das schnell erhellte Speisezimmer, das mit seinem rechteckigen Tisch in der Mitte und den zwölf Sesseln wie ein lange nicht betretener Saal aussah. Auf dem Büfett stand ein Glas Milch mit zwei belegten Brötchen. Aber da lag auch ein Zettel daneben: »Mußte zu Mary Orber, die über diesen abscheulichen Artikel in der ›Flamme‹ verzweifelt ist. Kannst Du den Kerl nicht einsperren lassen?« Er saß auf einem der zwölf Stühle, es war kalt im Saale, er aß hastig die Brötchen und wandelte dann etwas taumelnd durch den langen Korridor in sein Schlafzimmer.

Im Bett schlief er sofort ein. Plötzlich fuhr er aus den Kissen auf, er hatte ganz deutlich das Telephon in seinem Bureau klingeln gehört, einmal und dann noch einmal, schriller, fordernder. Von diesem Augenblick an war sein Schlaf durchlöchert. Dreimal riß ihn in dieser Nacht geträumtes Telephonsignal jählings in die Höhe. Kein Wunder, daß er am Morgen nicht sehr erfrischt am Frühstückstisch saß.

»Du siehst nicht gut aus«, sagte Lili, die blühend und froh in einem weinroten Seidenpyjama dastand und Tee aus silberner Kanne goß. Er fuhr sich mit der hageren Hand über das Gesicht, als wollte er die Schwere dieser gestörten Nacht wegwischen.

»War es unbedingt nötig, daß du zur Orber gingst? Neuerdings verkehrst du überhaupt nur mit Theaterleuten.«

»Es ist richtig,« antwortete Lili ruhig, aber agressiv, »ich hätte im Speisesaal bis Mitternacht auf dich warten können, indes die arme Mary dem Selbstmord nahe war.«

»Um viertel zwei warst du noch nicht zu Hause.«

Sie antwortete nicht, er nahm die Zeitung und las, während er frühstückte.

»Kommst du mittag nach Hause?«

Er antwortete hinter der Zeitung: »Ich hoffe, ich habe vormittag keine Verhandlung bei Gericht, ich werde um zwei Uhr da sein.«

Lili wickelte zwei Brötchen in Papier und reichte ihm auf den Zehenspitzen die Mappe so, daß er sie auf die Wange küssen mußte. Er küßte sie scheinbar widerstrebend, zur Strafe hielt sie ihm die andere Wange vor den Mund, da gab er ihr nicht nur einen Kuß, sondern auch einen lustigen kleinen Backenstreich, und auf diesen Klaps erwiderte sie mit ihrem frischen Lachen. Er saß schon lange im Auto und hatte dieses Lachen noch immer beglückt im Ohr.

Als der Justizrat ins Bureau trat, meldete ihm der Bureauvorsteher nicht ohne erkennbare Aufregung, daß die Redaktion der ›Flamme‹ schon zweimal angerufen und nach Herrn Justizrat Bauer persönlich gefragt habe. Das zweitemal habe sich der Herr am Telephon ziemlich gereizt erkundigt, ob der Herr Justizrat auch für seine kapitalistische Klientel noch nicht zu sprechen sei. »Echter Roth,« sagte der Justizrat, »weiß er denn nicht, daß er für halb elf bestellt ist?« »Er scheint es sehr dringend zu haben,« bemerkte der Bureauvorsteher, »vielleicht würde es sich empfehlen, ihn früher kommen zu lassen.« Bauer antwortete kurz: »Nein.«

Um zehn Uhr wurde der Gewerkschaftssekretär Koch ins Allerheiligste geführt, er hatte nur die laufenden Geschäfte vorzutragen, nichts Aufregendes, nichts Ungewöhnliches, für die Krankenkasse waren neue Satzungen zu entwerfen, eine Entscheidung des Kammergerichts über die Ersatzpflicht bei Streikschäden war zu bekämpfen. Mitten in diese ruhigen Erörterungen trat der Bureauvorsteher ein: »Herr Roth ist schon da und läßt sagen, er habe nicht viel Zeit.«

»Bitte, sagen Sie ihm, es ist erst zehn Uhr, vor ihm ist noch Herr Würz angemeldet.«

»Was will er denn?« fragte der dicke Gewerkschaftsbeamte neugierig. »Ich möchte Sie seinetwegen auch noch um einen Rat fragen. Sie wissen, daß er der Partei nicht mehr angehört, Gott sei Dank, hätte ich beinahe gesagt, aber wir haben andrerseits auch keinen Grund, mit ihm Krieg zu führen, Gott sei Dank, hätt' ich beinahe ein zweitesmal gesagt, denn er wäre ja imstande, das Vorleben meiner Großmutter zu enthüllen. Andererseits hält er sich uns gegenüber ganz brav, manchmal war er uns sogar von Nutzen. Nun hat er uns in dem drohenden Streik der Warenhausangestellten feierlich seine Kampfgenossenschaft angetragen. Wir wissen nun nicht recht, sollen wir seine Hilfe annehmen, ein Vergnügen ist das nicht. Andererseits will man sich den Mann nicht zum Feind machen.«

»Droht ein Streik der Warenhausangestellten?« Der Justizrat fragte ziemlich nachdenklich.

»Er ist fast nicht mehr zu vermeiden, gerade die ›Flamme‹, die gern auf unsere Kosten radikal ist, hat die Bewegung heraufbeschworen. Wir hätten die ursprünglichen Forderungen in stillen Verhandlungen wahrscheinlich zu vier Fünftel durchgesetzt, aber da sind die Führer der Warenhausangestellten zu Roth gerannt, er hat die Präsidenten der Vereinsbank in seiner wütenden Weise attackiert und jetzt wird kaum mehr verhandelt werden können. Gern schlaf ich nicht mit dem Roth in einem Bett.«

Der Bureauvorsteher meldete telephonisch, Herr Roth wolle wieder fortgehen. Da stand der Justizrat seufzend auf, um den Ungeduldigen zu besänftigen. Er fand im Wartezimmer auch schon Adam Würz, bat noch um einige Minuten Geduld und stellte die beiden Wartenden einander vor. Während der Justizrat mit dem Gewerkschaftssekretär weiter verhandelte, kam es zu einer Unterhaltung zwischen Roth und dem entlassenen Dramaturgen. Sie hatten sich schon vorher mit langen Blicken beschnüffelt. Aus der Rocktasche Adams guckte die ›Flamme‹ heraus, und schon dieser Zufall nahm Roth für den anderen ein, aber außerdem hatte er von jeher eine instinktive Vorliebe für lange, hellblonde Menschen. Weiß Gott, die eigensinnige Strähne Adams und der nachlässige Ruck, mit dem er sie aus der Stirne hinaufwarf, entzückten Roth. Es war eine Art Verliebtheit, mit der er die ganze Zeit den blonden Menschen mit den unwahrscheinlich langen Beinen ansah. Adam schaute den Flammen-Menschen mit etwas entzauberten Blicken an. Er sieht aus, sagte er sich, wie ein dämonischer Operettentenor, die Augen glänzen fiebrig; unzweifelhaft fielen sie zuerst auf, es lag eine gewisse Trunkenheit in diesen braunen glänzenden Augen. Warum halte ich ihn für einen Tenoristen? fragte sich Adam, es ist die üppige Haartracht und diese etwas schwelgerische Art, sich mit den Fingern durch die Fülle der gewellten Haare zu fahren. Dabei sah er Roths rundliche, gepolsterte Hand. Der Schnurrbart war wohl nicht nach aufwärts gedreht, aber auch dieser hängende Bart, nach Nietzschephotographien gepflegt, wirkte arrangiert und selbstgefällig. Ein fertiges Seidentüchlein flatterte aus der oberen Rocktasche. Kommis, nicht Tenorist, dachte Adam.

»Ich höre,« begann Roth, »daß Sie meinethalben von diesem Kerl, dem Witkowski, entlassen worden sind. Was nötig ist, werden Sie abends in der ›Flamme‹ lesen.«

Adam erwiderte etwas konventionell: »Ich freue mich, Sie persönlich kennenzulernen, Herr Roth. Mit Ihrem Herrn Bruder bin ich beinahe befreundet.«

»So?« Roth schien über diese Bekanntschaft nicht gerade entzückt zu sein. »Sie kennen den Bengel, den Rudolf?«

»Rudolf,« erwiderte Würz, »nein, ich kenne Ihren Bruder Raoul.«

»Ja, ja,« brummte Roth, »er nennt sich Raoul, der Esel, Rudolf genügt ihm nicht. Dabei klingt Rudolf Roth viel besser als Raoul Roth. Was treibt er denn, der Galgenstrick?«

»Er hat im Theater ein paarmal ausgeholfen. Übrigens, wie ich glaube, ohne Wissen Witkowskis, er arbeitete unter einem Theaternamen. Wissen Sie denn das nicht? Und ich dachte die ganze Zeit, ihm sei Ihre Intervention zu danken.«

»Nein, ich sehe meinen Bruder nur selten, nur wenn er Geld braucht. Aber das ist nicht wichtig. Also, waren Sie mit dem Artikel zufrieden?«

Adam warf die blonde Strähne aus der Stirn. Nach einer Pause sagte er: »Es gibt ja nichts Gemeineres als den Mißbrauch der jungen Theaternärrinnen durch so einen alten Menschenfresser. Das hat mich gefreut, hoffentlich haben Sie ihm den Herzstich gegeben.« Er wollte dieser Anerkennung noch einen Einwand hinzufügen, aber er verkniff sich den Nachsatz.

»Den Herzstich, wie Sie sagen, gutes Wort übrigens, ich habe es seit dem Anatomiesaal nicht mehr gehört, den Herzstich wird er erst kriegen. Was werden Sie denn jetzt anfangen?« Er sah dem blonden Menschen voll ins Gesicht, der Blick irritierte Adam, es war ein merkwürdig durchdringendes Schauen. Ich hab ihm Unrecht getan, dachte Adam, so kann ein Tenorist nicht schauen.

Der Gewerkschaftssekretär trat aus dem Allerheiligsten. Er drückte Roth die Hand: »Ich komme heute oder morgen zu Ihnen, wir haben Wichtiges zu besprechen.«

»Ich bin schnell fertig«, sagte Würz entschuldigend zu Roth. Aber dieser war gar nicht mehr unmutig: »Ich kann warten. Übrigens will ich Sie noch sprechen, vielleicht können wir dann zusammen fortgehen.«

»Eigentlich weiß ich nicht, warum ich hier sitze, Herr Justizrat,« Würz war etwas verlegen, »aber ich mußte es Ihrer Frau Gemahlin versprechen.«

»Sie kennen meine Frau wohl von den Abenden bei Mary Orber her?«

»Ja.«

»Geht's lustig zu da oben?«

»Gott«, Würz hatte das Gefühl, er müsse jetzt sich und die anderen wegen ihrer guten Laune entschuldigen. »Schauspieler. Wir treiben allerlei Unsinn, wir schwätzen, trinken ein bißchen, nicht zu viel, es wird wohl gelacht. Kommen Sie doch auch einmal hin.«

»Nein,« erwiderte der Justizrat, »ich wäre ein Schwergewicht, übrigens bin ich abends meistens ganz ausgepumpt.«

»Umsomehr sollten Sie kommen. Wir werden Sie ablenken. Unlängst war der Bürgermeister bei uns; er hat mir im Nachhausegehen gestanden, daß er seit fünf, zehn Jahren nicht so herzlich gelacht hat. Lachen ist nötig.«

»Der Bürgermeister? Das hätt' ich dem alten Herrn gar nicht zugetraut. War seine Frau mit?«

»Ist er verheiratet?«

»Oho, hat er sich so unverheiratet benommen?«

Plötzlich hatte Adam das Gefühl, er werde verhört. Sofort wehrte er ab: »Nicht im geringsten, aber wir kennen ihn ja kaum, er war höchstens zwei- oder dreimal bei Mary.«

Immer gleich die Vornamen, dachte der Justizrat, ob er meine Frau auch kurzweg Lili nennt? Aber er hatte das Gefühl, er dürfe setzt nicht weiterfragen, und so kam er zur Sache:

»Witkowski muß Ihnen natürlich das Gehalt für ein Quartal auszahlen. Haben Sie Ihren Vertrag mitgebracht?«

»Vertrag? Ich hab gar keinen Vertrag.«

»O weh,« sagte der Justizrat, »das wird den Fall komplizieren, bei welchem Theater waren Sie früher?«

»Es war mein erstes und ich glaube mein letztes Bühnenengagement.«

»Schade,« erwiderte der Justizrat, »dann wird Witkowski einwenden, Sie wären quasi Lehrling gewesen. Übrigens warum haben Sie das Theater satt? Ist es nicht Ihr eigentlicher Beruf?«

Adam lachte: »Ich glaube, einen eigentlichen Beruf hab ich nicht.«

Der Justizrat stand auf: »Ich werde Witkowski heute mit eingeschriebenem Brief zur Zahlung auffordern. Vielleicht zahlt er aus Angst. Einen Prozeß möcht ich in diesem Fall nicht führen. Das nächste Mal müssen Sie einen Vertrag abschließen.«

Adam war entlassen. Im Wartezimmer hielt ihn Roth fest: »Warten Sie auf mich, auch wenn es eine Viertelstunde dauert, ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Sie haben schon zweimal angerufen?« fragte der Justizrat, während er sich in seinen Lehnstuhl sinken ließ.

»Ich habe das Gefühl, Herr Doktor, daß Sie mich beinahe verletzend behandeln.«

»Sie sind überempfindlich, Herr Roth, und ich bin über diese Hypersensibilität immer wieder erstaunt, denn ich frage mich, wie ein Mann, der andere mit der Keule angeht, für sich selbst verlangen kann, daß man ihn mit den sanftesten Handschuhen anfasse. Sie kommen zu mir als Partei, ich stehe Ihnen zur Verfügung. Aber ich möchte Sie bitten, Bemerkungen über die verschiedene Behandlung von kapitalistischen oder nichtkapitalistischen Klienten gegenüber meinem Personal ein- für allemal zu unterlassen.«

Der Justizrat sprach sehr dezidiert.

Roth antwortete sehr entschuldigend, und er wunderte sich selbst, wie zuvorkommend er sich entschuldigte. Dann fiel er, fast ohne Übergang, mit der Tür ins Haus: »Ich komme nicht in einer einzelnen Sache zu Ihnen, ich komme, weil ich Sie bitten wollte, dauernd mein Rechtsfreund zu sein.« Er hielt inne, weil er eine Antwort Bauers erhoffte, doch dieser beugte sich nach vorne und sagte mit einer liebenswürdigen Handbewegung: »Bitte, sprechen Sie weiter.«

»Ursprünglich wollte ich Sie bitten, meine Vertretung in der Theatergeschichte zu übernehmen, denn es scheint da zu einem Prozeß zu kommen, nicht mit Witkowski, der sich hüten wird, aber mit Fräulein Willessen, dann sagte ich mir, ich brauche überhaupt einen, wenn ich so sagen darf, befreundeten Anwalt, ich müßte vieles mit ihm durchsprechen, ich habe ja eigentlich niemand neben mir, vielleicht würde ich manche Dummheit nicht begehen, wenn jemand mich beriete, vielleicht würde auch ein oder das andere Neben-Unrecht vermieden werden, ich sage Neben-Unrecht, denn in den Hauptsachen, denke ich, hab ich bisher immer recht behalten und recht getan.« Roth hörte sich selbst und war mit sich nicht zufrieden, er redete unsicherer als sonst, leiser als sonst, die Gedämpftheit des Zuhörers schien auf ihn abzufärben, plötzlich brach er ab.

Es entstand eine Stille, ehe der Justizrat zu sprechen begann:

»Ich habe nachgedacht, wieso Sie, Herr Chefredakteur, auf mich verfallen sind, und ich weiß mir dafür keinen Grund. Unsere Anschauungen sind einander diametral entgegengesetzt, unsere Methoden sind vollkommen verschiedene, Sie sind mir nicht böse, wenn ich Ihnen sage, auch unsere Moralgesetze sind es. Ich kenne kein Hauptrecht und Neben-Unrecht. Gerade in der Theateraffäre würde ich lieber Fräulein Willessen als Sie vertreten, ja, ich würde, aufrichtig gesagt, Fräulein Willessen mit einem gewissen Elan zur Seite stehen, während ich, um es gleich zu sagen, Ihre Vertretung in diesem Falle ablehnen muß, und ich glaube, nicht nur in diesem Falle. Ich verfolge Ihre Tätigkeit seit Jahr und Tag und auf die Gefahr hin, daß ich von der ›Flamme‹ verbrannt werde, muß ich Ihnen gestehen, ich sage jeden Tag Nein zu Ihnen. Ich lehne nicht nur das Unrecht ab, das Sie in Ihrem Fanatismus täglich tun; mir ist Ihre Haltung auch dort, wo Sie recht haben, nicht angenehm. Sie haben auf eine so schreiende Weise recht, Sie schlagen Ihre Gegner nicht tot, sondern mausetot, und Sie erschlagen dann vorsichtshalber die Leiche noch einmal ... Ich bin überhaupt kein Mensch, der an fetten Lettern in der Zeitung Freude hat. Sie sind ein Mann der fieberhaften Überschriften, ich bin für die stillen kleinen Lettern der englischen Zeitungen. Wir zwei sind kein Duett.«

Roth saß vorgebeugt da und horchte.

»Nehmen Sie die Theatergeschichte. Ich halte Ihre Abschlachtung des Witkowski für einen Windmühlenkampf. Witkowski oder ein anderer, die Prostitution gehört in gewissem Sinne zum Theater. Theater ist Bloßstellung und kommandiertes Gefühl. Den einen Witkowski werden Sie los, den andern bekommen Sie. Damit komme ich auf den Gegensatz unserer Methoden. Sie glauben, die Gesellschaft zu verbessern, indem Sie möglichst viele ihrer Repräsentanten in ihrer unleugbaren Mangelhaftigkeit oder Schlechtigkeit enthüllen, und ich sage Ihnen, dieser persönliche Kampf ist ganz nutzlos. Es menscheln alle, vielleicht sogar wir zwei.«

Roth überhörte den heitern Schluß, er fuhr auf: »Auf diese Toleranz bauen die Schweine, dank dieser Toleranz bleiben sie unbehelligt und unbestraft, dank dieser Toleranz gibt es überhaupt kein persönliches Verantwortungsgefühl mehr. Warum übernehmen Sie denn nicht gleich Witkowskis Vertretung?«

In die Augen des Justizrates kam ein Flackern:

»Weil ich Fräulein Willessen vertreten möchte! Da wird ein junges Mädchen in einen öffentlichen Streit gezogen, ihre intimste Schuld oder Unschuld wird vor der ganzen Stadt auf der ersten Seite der Zeitung diskutiert, freilich für die Streitenden ist sie Nebensache, Neben-Unrecht, wie Sie sagen, aber für das junge Geschöpf ist es ein Keulenschlag, ein ganz unerwarteter Überfall. Sie haben gewiß an diese Nebenwirkung gar nicht gedacht, aber daß Sie daran nicht gedacht haben, das ist ein Mangel an, wie sag ich's sanft ... an moralischer Phantasie, den ich fürchterlich finde.« Bauers Gesicht war zum erstenmal seit langer Zeit gerötet. Er erinnerte sich an Lilis Zettel am Büfett, neben dem Glas Milch und setzte hinzu: »Was über Fräulein Orber so ganz nebenbei gesagt wurde, mit der ganzen Perfidie der Nebensätze, ist vielleicht noch ärger.«

Bei dem Wort Perfidie schoß Roth in die Höhe. Er murmelte: »Wie dumm von mir, hierher zu kommen. Wir gehören zwei verschiedenen Generationen an ... Übrigens werden Sie hoffentlich zugeben, daß Fräulein Orber wenigstens nicht mehr ganz ahnungslos ist, wenn sie sich mit diesem Kerl, dem Witkowski, einläßt.«

»Das geht Sie gar nichts an!« Bauers Stimme war scharf wie die eines unerbittlichen Gymnasiallehrers.

»Entschuldigen Sie,« sagte Roth, indem er sich anschickte fortzugehen, »wir verstehn uns wirklich nicht.«

»Das tut mir leid.« Das klang zugleich reserviert und versöhnlich.

Aber Roth überhörte den sanfteren Unterton, er winkte Adam, der geduldig gewartet hatte, mit heftiger Gebärde, schnell mitzukommen, er flog die entsetzlich gewundene vielstufige Treppe hinunter, mit jeder Sekunde wurde er wütender, jetzt erst stieg jeder Satz, jedes Wort des Justizrats voll in sein Bewußtsein, angefangen von der Rüge über das Telephongespräch bis zu dem Worte Perfidie und diesem anmaßenden, jede Antwort abschneidenden »Das geht Sie gar nichts an«. Jetzt erst fiel ihm ein, wie kläglich er geantwortet hatte: Wie ein abgekanzelter Schuljunge bin ich vor diesem kapitalistischen Advokaten dagesessen! Wie dumm, der Einwand mit den Generationen, Bauer war höchstens zehn oder zwölf Jahre älter, wie matt zuletzt diese Feststellung »wir verstehn uns nicht«. Aber er wird seine Antwort erhalten, wahrhaftig! eine Antwort, die er nicht vergessen wird.

Roth lief über die Straße. Jetzt konnte er mit Würz nicht beisammen sein, er bestellte ihn für nachmittag in die Redaktion und rannte weiter.

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