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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 20
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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19.
Die Zelle ist nicht ganz dunkel

Es war etwa sechs Uhr abends, als Roth in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert wurde. Die Formalitäten in ihrer Roheit waren niederdrückend. In der Aufnahmekanzlei las ein stumpfer Schreiber, mit der Zigarette im Mund, Fragen von einem Zettel herunter, die offenbar für statistische Zwecke beantwortet werden mußten. Beruf, Vorstrafen, Todesursachen der Eltern, Geburtsort, Vorbildung, Vermögensverhältnisse. Roth antwortete halblaut. Bei der achtzehnten Frage regte sich in einer Hinterkammer seines Hirns die Neigung, nicht mehr zu antworten, sondern einfach zu verstummen, aber er gab der Laune nicht nach, sondern beantwortete auch die Frage nach der Todesursache seines Vaters, den er nie gesehen, mit gleicher Fügsamkeit, wie er die Liste der Krankheiten aufzählte, an denen er vom Kindesalter bis heute gelitten. Das Unangenehmste war die körperliche Untersuchung. Er wurde nicht bloß aufgefordert, die Taschen zu entleeren, man nahm ihm nicht nur Brieftasche, Zigarettenetui, Notizbuch und Taschenmesser, der Gefängnisbeamte tastete sogar mit derben Fingern seinen Anzug ab, um versteckte Gegenstände aufzustöbern. Wieder erstand in der letzten Kammer seines Hirns ein Widerstandsgedanke, ja sogar die Lust, den Beamten, während er sich hinunterbeugte und seine dicken Hände ihm roh in die Hosentaschen griffen, mit dem rechten Fuß weit von sich zu stoßen, aber da erinnerte er sich, daß er heute schon einmal zu einem solchen überraschenden Stoß ausgeholt hatte ... und er hielt still. Das Hemd wurde ihm durch den Beamten über den Kopf gezogen, er mußte fröstelnd den Oberkörper nach vorne beugen, immer noch suchte der Gefängnisbeamte nach versteckten Gegenständen. Roth fühlte die dicken Aufseher-Finger an seinem Leibe, doch er hatte in einer halben Stunde sich fügen gelernt. Man gab ihm seine Kleider wieder: »Ziehen Sie sich an!« Notizbuch, Brieftasche, Taschenmesser, ja sogar das Taschentuch blieben in der Kanzlei. Dann wurde er in eine Einzelzelle geführt.

Die schwere Tür fiel zu, die Schlüssel rasselten, Schritte verhallten. Er stand in dem kleinen, weißgetünchten Raum unbeweglich, sicherlich blieb er über eine Stunde auf demselben Fleck, er dachte nicht, er bereute nicht, er fühlte nichts. Es mußte doch noch etwas mit ihm geschehen. So stand er da und wußte nicht, daß er auf etwas wartete. Nach einer Stunde bemerkte er, daß seine Beine zuckten und einknicken wollten. Da schleppte er sich auf den kleinen Holzschemel an der Fensterwand. Er bemerkte nicht, daß das viereckige Stückchen Himmel abendgelb wurde, sah nicht, daß ihm durch eine Türöffnung eine blecherne Speiseschüssel und eine Schnitte Brot hineingeschoben wurde. Es war eine Art Lähmung, die ihn regungslos machte. Als es in der Zelle finster war, trat einmal jemand an ihn heran und rüttelte ihn: »Hier ist eine Decke! Bettmachen!« Es war ein Aufseher. Durch die halbgeöffnete Tür drang spärliches Licht in die Zelle, der Mann war schon wieder fort. Roth legte sich auf die mit Matratze und Pferdekotzen bedeckte Pritsche. Jetzt erst hörte er die Stille im Haus, die regelmäßigen Schritte der Wächter auf dem Korridor, das Knacksen und Ticken in der Wärmeleitung, irgendein Rascheln, vielleicht von Mäusen, im Holzboden. Regelmäßiges, erst schüchternes, dann heftigeres Klopfen an den Wänden; jetzt erst, während er mit offenen Augen dalag, wußte er wirklich, daß er gefangen war. Eine ungeheure Müdigkeit in den Beinen hinderte ihn daran, aufzustehen, um wenigstens zu versuchen, die kleine Lichte des hochgelegenen Fensters zu öffnen. Ich bin nicht ohnmächtig, sagte er sich selbst, aber ganz am Rande der Ohnmacht, ich liege zweitausend Meter tief in einem dunklen Spalt. Er träumte schwer, er sah einen entsetzlich tiefen, ausgemauerten Brunnenspalt, auf dem Grunde des Spalts lag er mit kraftlosen Beinen, fast ohnmächtig, nicht imstande, sich aufzurichten, und ganz weit oben, tausende dunkle Meter über ihm, war ein ganz kleines dunkelblaues Stück Himmel. Wenn er die Hand hinauf, in der Richtung zur Luft, zu den Sternen heben wollte, spürte er, daß er nicht die Kraft hatte, den Arm zu bewegen. Er schrie, aber wie sollte sein Schrei aus unterster Brunnentiefe hinauf zu denen dringen, die nicht ahnten, daß dort unten, tief in der Erde, ein Abgestürzter lag?

Auf! Jemand schüttelte ihn roh an der Schulter. Bettmachen! Zelle reinigen! Zum Frühstück antreten! Als er die Stimme des Aufsehers hörte, war er glücklich, jetzt wußte er, daß er das Entsetzliche geträumt hatte. Er lag also gar nicht auf dem Grunde eines lausend Meter liefen Brunnens, Licht fiel in eine weiße Zelle. Ein Mensch stand neben ihm, er hörte eine menschliche Stimme neben sich und er atmete auf. Langsam begann er sich umzusehen. Er entdeckte Kritzeleien an den Wänden. Mit einem Fingernagel war über dem Bett ein Name in die Kalkwand gekritzelt, der Name eines Mörders. Dann entdeckte er ein Spind, auf dem eine Bibel lag und ein englisches Wörterbuch. Er erinnerte sich an einen Artikel in der ›Flamme‹, worin Adam darüber Reflexionen angestellt hatte, daß ein wegen dreifachen Mordes verurteilter, nicht zur Begnadigung empfohlener Chauffeur, bis zur letzten Stunde vor seiner Hinrichtung Englisch gelernt hatte. Nun wußte er, wo er saß und wessen er bezichtigt wurde.

Gegen elf Uhr knarrte es im Schloß, ein dickbäuchiger Mann mit auf die Stirn geschobener Brille schob sich herein.

»Morgen! Professor Wismayer. Alter Leser der ›Flamme‹. Soll Sie untersuchen. Zuerst den Puls, bitte, dann Reflexe. So, ein Knie über das andere. Pupillenprobe! ... Aufstellen, Augen schließen, Arme seitwärts. Nicht absichtlich schwanken. Das kennen wir ... Alles in Ordnung. Eltern gesund, wie ich gesehen habe. Etwas nervös, Berufskrankheit. Haben Sie die Absicht, Bewußtseinsstörungen anzugeben? Aussichtslos. Alles in Ordnung. Würd ich gar nicht versuchen. Soll man Sie psychiatrieren? Würde es nicht anraten. Die Behandlung drüben im Irrentrakt ist schlechter als hier. Vielleicht kann ich mich zu einer geminderten Willensfreiheit entschließen? Jedenfalls empfehle ich, nicht zu simulieren, Sie fahren besser, wenn Sie keine Faxen machen. Warum antworten Sie nicht? Empfehle konziliantes Benehmen, nicht als Arzt, sondern sozusagen als alter Abonnent. Bin übrigens einmal in der frivolsten Weise in Ihrem Blatte angegriffen gewesen, können mich wegen Befangenheit ablehnen, freilich müßten dann alle Richter, alle Staatsanwälte, alle Sachverständigen abgelehnt werden. Hehehe, Sie haben ja keinen verschont. Was mich betrifft, ich bin nicht rachsüchtig, denke auch nicht kleinlich, bin überzeugt, daß die Ermordung des Bruders, moralisch gewertet, durchaus nicht Ihr schwerstes Verbrechen war. Warum reden Sie denn nicht? Haftpsychose? Vergeht. Komme übermorgen wieder, wie gesagt, ohne jene Animosität. Im Gegenteil. Alter Leser, nicht ohne Bewunderung. Wiedersehn.«

Der dicke rotbackige Mann setzte die Brille auf den Nasenrücken, beguckte Roth sehr aufmerksam und schob seinen Bauch auf den Korridor.

Nachmittags wurde Roth dem Untersuchungsrichter vorgeführt. Der Weg über den langen Gang, an Hunderten von Zellentüren vorbei, über Steinstiegen und Eisentreppen, wieder über Korridore, dann wieder Treppen empor, schien ihm unmöglich, die Beine wollten nicht. Aber der Wärter, der diese Symptome kannte, ließ ihn alle fünfzig Schritt ein wenig ausruhen, dann befahl er halblaut, aber entschieden: »Also vorwärts.«

Der Untersuchungsrichter, ein Mann mit glattrasiertem Schädel, blickte auf, aber nur einen Augenblick, dann lag er schon wieder über seinem Akt. Hingegen wandte der junge Protokollführer, in seiner freien Zeit offenbar ein Tanzjüngling der Unterhaltungsstätten proletarischer Viertel, keinen Moment den Blick von ihm.

»Wollen Sie den Hergang erzählen?« fragte der Untersuchungsrichter, über seinen Papieren liegend, ohne Roth anzusehen.

»Ich weiß nicht, ob ich's kann.«

»So? Na, zum Glück haben wir ein halbes Dutzend Tatzeugen. Wollen Sie sich über Ihre Motive aussprechen?«

Roth wollte antworten, seine Lippen bewegten sich, die Stimme war erloschen.

»Sollen wir Sie einer psychiatrischen Klinik überweisen?«

»Nein.«

»Das ist vernünftig. Wir können uns die ganze Sache gegenseitig erleichtern, Sie mir, ich Ihnen. Ich nehme an, daß Sie sich vor allem mit Ihrem Anwalt beraten wollen. Wer ist Ihr Anwalt?«

»Ich habe keinen. Muß ich denn einen haben?«

»Wird wohl nötig sein, aber Sie sind ja, wie wir aus der ›Flamme‹ wissen, selber ein halber Rechtsanwalt. Aber Anwalt muß sein.«

»Ich möchte mich mit meinem Redakteur Schneeberger beraten. Wenn ich darum ersuchen dürfte.«

Es vergingen vier Tage, ehe Schneeberger ins Sprechzimmer gelassen wurde. Er wartete vor dem Gitter. Endlich wurde Roth hereingeführt. Schneeberger erschrak, in den fünf oder sechs Tagen hatte Roth ein ganz anderes Gesicht bekommen. Die runden, etwas weichlichen Backen waren weg, das Gesicht war oval, schmal und knochig geworden. »Die Augen haben nicht mehr den besoffenen Glanz«, erzählte er abends aufhorchenden Kollegen. Übrigens hatte sich Roth auf Anraten des Aufsehers das lockige Haar schneiden lassen, er wußte vielleicht gar nicht, daß der Anstaltsfriseur ihm ganz kurzes, aufgebürstetes Haar arrangiert hatte. Die Romantik des welligen Hauptes, die den Aufseher aus irgendeinem Grunde verdroß, war weg.

Schneeberger mußte sich zusammennehmen, um vor diesem abgemagerten Gesicht ruhig-sachlich zu bleiben.

»Ich habe Doktor Bauer besucht, er soll deine Verteidigung übernehmen. Er hat noch nicht zugesagt, aber ...«

»Schneeberger! Du bist der alte Esel, ich will ihn nicht.«

»Ich hab dir Zeitungen mitgebracht.« Schneeberger griff in die Innentasche seines aufgeschwollnen Rocks. »Ich brauche dir nicht zu sagen, daß kein Mensch dich für einen Mörder hält.«

»Wofür denn?«

»Sprich nicht so! Bist du verrückt? Ein Mensch wie du ist kein Mörder!«

»Warum nicht?«

»Professor Freund, der Psychiater, bietet sich dir als Gutachter an.«

»Ich will nicht.«

Schneeberger hatte endlich den Pack Zeitungen aus der Innentasche seines Überrocks herausgewälzt. Ehe noch der überwachende Aufseher seine Hand auf die Blätter legte, sagte Roth: »Was soll ich damit?«

»Wenigstens die ›Flamme‹ solltest du dir ansehen. Ich glaube, ich führe den Kampf für dich als dein Schüler.«

Plötzlich fühlte Roth Tränen in den Augen. In dem Gesicht des alten Helfers lag so viel Besorgtheit, Angst und so viel hundetreue Hingabe, er konnte nicht sprechen, wenn er das faltige, unrasierte Gesicht des alten Mannes ansah. Er streckte zaudernd die Hand durch das Gitter.

Schneeberger wollte nicht weich werden: »Was hast du denn? Deine Sache steht ganz gut. Werde nur nicht schwach, Roth. Diamantidi ist heute nach Mailand geflohen, es ist die fette Überschrift der heutigen ›Flamme‹. Aus der ›Sonne‹ wird natürlich nichts ... Eigentlich hast du gesiegt. Laß mich Bauer zu dir schicken.«

Mit eigensinniger Heftigkeit antwortete Roth: »Ich will ihn nicht.«

»Und was soll mit dem Blatt geschehen?«

»Es soll eingehn.«

»Bist du wahnsinnig?«

»Ich werde dir die genaue Todesanzeige das nächste Mal geben. Jedenfalls soll die ›Flamme‹ verschwinden. Ich will nicht mehr! Hörst du? Ich will auch keine Nummer mehr sehen.«

Schneeberger schaute mit seinem Hundeblick immer wieder in das veränderte, abgemagerte Gesicht: »Du wirst dir alles noch überlegen,« stammelte er, »und ich komme ja bald wieder.«

Am Nachmittag des sechsten Gefängnistages kam der Präsident des Landgerichtes, Herr Hellmann. Roth, der unzählige Artikel gegen ihn geschrieben, hatte ihn nie von Aug' zu Aug' gesehn. Er war erstaunt, daß der Mann, den er oft einen Blutrichter geheißen, gar nicht grobschlächtig, sondern ein kleiner, zarter, feingliedriger Mann war, dünnes, seidiges, goldgraues Haar lag über einer schön ausgebauten Stirn, das dunkle Auge in dem hellen Gesicht war nicht ohne Zauber, bloß der blonde Spitzbart wirkte etwas kokett und verdächtig.

Der Präsident stellte sich vor. »Wir haben uns, Herr Roth, merkwürdigerweise noch nie gesehen,« sagte Hellmann sehr höflich, »ich komme, um mich pflichtgemäß zu erkundigen, ob Ihre Zelle in Ordnung ist. Haben Sie eine Beschwerde vorzubringen? Ich nehme an, daß Sie sich, wie es Ihr Recht als Untersuchungsgefangener ist. selbst beköstigen. Zeitungslektüre haben Sie zu meinem Erstaunen abgelehnt, wir würden nichts dagegen haben, wenn Sie die ›Flamme‹ lesen wollten.«

»Danke, nein.«

Der Präsident beugte sich zur Wand. Er las den eingekritzelten Namen des Mörders. »Ich könnte Sie auch in einer anderen Zelle unterbringen, wenn Sie es wünschen. Diese hier hat aber etwas mehr Licht, Sie können auch die beiden Akazienbäume sehen. Hören Sie die Drossel? Ich finde, in gewissem Sinne ist eine lichte Zelle ein Aufenthalt zur Nervenberuhigung, besonders nach so stürmischen Zeiten, wie Sie sie hinter sich haben. Bitte, sehen Sie darin nicht etwa Hohn oder Spott, nichts liegt mir ferner, ich meine ganz im Ernst: Wenn erst die Hochspannung einer Tat vorüber ist, dann muß die Stille der Zelle beruhigend wirken. Haben Sie einen Wunsch?«

»Nein.«

»Ich höre, daß die Verteidigerfrage noch nicht gelöst ist. Vermutlich werde ich den Vorsitz in Ihrer Verhandlung führen, ich würde es für einen Fehler halten, wenn Sie ohne Verteidiger erschienen. Ihr Fall, der ja kein einfacher ist, soll von allen Seiten angesehen werden, der Platz des Anwalts darf nicht leer bleiben oder durch einen Statisten ausgefüllt werden. Ich empfände das, von mir aus gesehen, als ein Unrecht, nicht allein gegen Sie, sondern auch gegen das Gericht. Ich höre, daß der junge Substitut des Justizrats Bauer, Doktor Fritsch, in Frage kam. Das ist ein ausgezeichneter Jurist und, trotz seiner Jugend, ein Mann voll Takt. Warum haben Sie ihn abgelehnt?«

»Ich habe gestern dem Untersuchungsrichter eine zusammenhängende Darstellung gegeben, die keiner Frage ausweicht und jede beantwortet. Ich glaube, daß in dieser Darstellung« – seine Stimme, ohnehin sehr leise, bebte bei diesen Worten, deren er sich fast schämte – »kein Wort erlogen ist. Ein Verteidiger, fürchte ich, wird an Gefühle appellieren, die ich nicht wecken will. Ich leugne nichts, ich beschönige nichts, ich bezichtige mich auch nicht falsch, ich habe nur versucht, unter mein Leben einen Strich zu ziehn. Wenn es strafprozessual möglich wäre, so würde ich bitten, diese Darstellung zu verlesen, die ja wohl mit den Zeugenaussagen übereinstimmen wird, und mir zu gestatten, der Verhandlung fern zu bleiben, ich würde hier auf das Urteil warten.«

»Das wird leider nicht gehn. Außerdem, Herr Roth, irren Sie« – der Präsident mußte lächeln –, »wenn Sie glauben, Zeugenaussagen stimmten jemals überein. Eben wegen dieser Widersprüche empfehle ich Ihnen, einen selbstgewählten Anwalt zu stellen. Es muß nicht Herr Fritsch sein. Es gibt Angeklagte, die zu eifrig für sich arbeiten, aber es gibt auch Angeklagte, die zu wenig für sich tun. Sie überschätzen jetzt vielleicht die Einsicht des Gerichts ebenso, wie Sie sie früher unterschätzt haben ... Im übrigen möchte ich Ihren Entscheidungen in keiner Weise vorgreifen, ein Mann von Ihrer Gedankenkraft ist ja nicht zu beeinflussen.«

Eine Stunde, nachdem der Präsident die Zelle verlassen hatte, wurde ein Vogelbauer mit einem Finken an die Mauer gehängt. Roth bekam ein Futtersäckchen für den Vogel, er durfte ihn nicht nur füttern, sondern auch baden, er hat viele Stunden vor dem zwitschernden Finken verbracht. Er lernte das Geschwätz der Finken von dem Gezwitscher der Drosseln unterscheiden. Er konnte viertelstundenlang die vom Wind bewegten Äste der Akazien betrachten.

Da der Fall durch die Darstellung des Angeklagten klargelegt war und die Zeugen nichts Entscheidendes zu sagen hatten, da der Anwalt, den Roth nach dem Besuch des Präsidenten gewählt hatte, auch um die Vereinfachung des Verfahrens bemüht war, konnte die Verhandlung verhältnismäßig schnell angesetzt werden. Landgerichtspräsident Hellmann hatte, wie er es angekündigt, selbst den Vorsitz übernommen, der Substitut und Schüler des Justizrats Bauer, Rechtsanwalt Fritsch, saß als Verteidiger hinter dem Angeklagten, die Staatsanwaltschaft, durch Roths Widerstandslosigkeit, vielleicht auch durch die merkwürdige Volksstimmung zu seinen Gunsten innerlich entwaffnet, hatte einen unpathetischen, sachlichen Beamten entsandt, der so wenig wie möglich redete. Natürlich war der Zuschauerraum überfüllt. Schneeberger saß am Pressetisch, um Roth möglichst nahe zu sein. In der ersten Reihe der Zuhörer hatten Mary Orber und Eleonore Platz genommen. Hoch oben in der letzten Reihe saß die Leitermeyer I fast versteckt, sie wollte nicht gesehen werden.

Gleich im Anfang der Verhandlung wurde auf seinen besonderen Wunsch der Gewerkschaftssekretär Koch vorgerufen, um im Namen seiner Partei die Erklärung abzugeben, daß Roth niemals ihr eingeschriebenes Mitglied gewesen sei, geschweige denn irgendeine Parteifunktion bekleidet habe. Gegenüber gegnerischen Verleumdungen lege die Partei auf diese Feststellung besonderen Wert. Der Vorsitzende hörte die etwas aufgebauschte Erklärung geduldig an, während er mit nervösen Fingern auf den Schreibtisch klopfte. Die Wirkung der Deklaration verpuffte, als der Vorsitzende den aufgeregten Koch mit kaum unterdrückter Ironie fragte: »Ist das alles, was Sie dem Gericht zu sagen haben?«

Roth, der von dem Augenblick an, da er zwischen zwei Justizbeamten hereingeführt worden, kaum aufgeblickt hatte, hob bei Kochs Erklärung den Kopf. Er sandte dem wohlbeleibten Mann einen langen Blick zu. »Das war der alte Roth-Blick«, flüsterte Schneeberger, plötzlich voll Freude, seinem Nachbarn zu. Im nächsten Augenblick tippte Roth seinem Anwalt auf die Schulter, Doktor Fritsch bat dann im Namen seines Klienten, daß dieser der Verhandlung bis auf weiteres fernbleiben dürfe.

»Diesen Wunsch«, antwortete Präsident Hellmann, der die ganze Verhandlung mit angenehm leiser Stimme führte, »kann ich leider nicht erfüllen, es wäre denn, daß wir den Angeklagten auf seine Verhandlungsfähigkeit ärztlich untersuchen ließen, und ein solches Verlangen wurde bisher nicht geäußert. Der Angeklagte nimmt die Tat, wie das Gericht aus seiner Darstellung ersieht, ohne Leugnen auf sich, dann soll er doch auch die Pein der öffentlichen Verhandlung noch auf seine Schultern nehmen, seine Tat ist ja kein privates Geschehnis gewesen, also ist auch der Prozeß nicht bloß seine Privatangelegenheit. Ich kann dieses Sich-Wegwenden von aller Öffentlichkeit gerade bei diesem Angeklagten begreifen, aber ich kann ihm die Schaustellung nicht ersparen. Ich weiß, Herr Roth, daß Sie so sprechen werden, als ob niemand im Saale wäre als das Gericht und Sie.« Den leisen Ton, den der Vorsitzende beim ersten Wort angeschlagen hatte, übernahm auch der Staatsanwalt und der Verteidiger, von Roth nicht zu reden. Es war, als würde durch diese Leisheit der Saal verkleinert, die dümmsten Gaffer, die ein dramatisches Justiztheater erwartet hatten, polterten enttäuscht aus dem Saal.

Präsident Hellmann verlas Roths Darstellung. Da war das Verhältnis zu dem Bruder von der Waisenhauszeit an geschildert, der Charakter des Toten war ohne Anklage, aber auch ohne Beschönigung gezeichnet, die Gründung der ›Sonne‹ durch Diamantidi war dar- und klargestellt und das letzte Gespräch der Brüder ziemlich genau wiedergegeben. Die Tat selbst war nicht geleugnet. Roth zitierte die letzten Sätze des Gesprächs mit dem Bruder wörtlich, er erwähnte das herumgedrehte Spazierstöckchen. »Ich schlug ihm das aufreizende Stöckchen aus der Hand, er beugte sich zur Erde, um es aufzuheben; als ich ihn unter mir auf dem Boden sah, stieß ich ihn mit dem Fuß weg. Ich glaube nicht, daß ich ihn ins Wasser, bewußt in den Tod stoßen wollte, aber ich kann nicht leugnen, daß es mich nicht bewegt hat, als ich ihn mit dem Wasser kämpfen und untergehen sah. Ich habe ihm den Tod gewünscht.«

Präsident Hellmann bat Roth vorzutreten und einige Fragen zu beantworten. Dieser Augenblick, in dem er nun, von vielen hundert Augen verfolgt, vortreten und sprechen mußte, war der schwerste.

»Sie haben Ihrem Bruder früher einmal und dann in der Unterredung vor der Tat den Vorschlag gemacht, nach Amerika zu gehen, Sie wollten ihm einen großen Teil Ihres Vermögens abtreten. Warum taten Sie das?«

Nach einer Pause fiel die Antwort in die Stille: »Ich habe mich seiner geschämt.«

»Aber Sie haben doch selbst, wie wir aus Zeugenaussagen erfahren, oft erklärt, daß Sie für Ihren Bruder nicht verantwortlich sind. Er war ja auch ganz anders geartet.«

Wieder eine lange Pause.

»Ja, er war anders, aber er muß mir doch auch ähnlich gewesen sein. Als ich das letzte Mal mit ihm redete und meine Redensarten aus seinem Munde hörte, da sah ich mich selbst in ihm, ich war nicht nur über ihn entsetzt, ich war auf einmal über mich im Klaren.«

Tiefe Stille im Saal.

Roths Verhör war damit beendet.

Der wichtigste Zeuge, nach Ansicht der Verteidigung, war der Rechercheur Eduard Wolfram, jener dicke Mann, der die Tat aus nächster Nähe gesehen und die Verhaftung veranlaßt hatte. Es wurde festgestellt, daß er auf Anordnung von Fräulein Leitermeyer II, also eigentlich, wie der Verteidiger folgerte, auf Veranlassung des Angeklagten, vor der Redaktion der ›Sonne‹ postiert war und jeden Weg des verstorbenen Rudolf Roth zu beobachten hatte. »Meine Herren,« erklärte der Verteidiger, »es liegt mithin der ungewöhnliche Fall vor, daß ein angeblicher Mörder selbst den Hauptbelastungszeugen aufgestellt hat. Das scheint mir einleuchtend zu beweisen, daß es sich hier nicht um eine planmäßig vorbereitete Tat, sondern um eine Affekthandlung oder um eine Balgerei mit tödlichem Ausgang gehandelt hat. Hätte Roth seinen Bruder ermorden wollen, so hätte er doch vor allem diesen Beobachtungsposten rechtzeitig eingezogen.«

Über die Gründung der ›Sonne‹ sollte Diamantidi einvernommen werden. Der Vorsitzende stellte fest, daß Diamantidi seinen hiesigen Wohnsitz aufgelöst hatte und nach Mailand übersiedelt war. Die Vorladung war ihm einen Tag vor der Übersiedlung zugestellt worden; ein Mittel, den Ausländer zum Erscheinen vor Gericht zu zwingen, gab es nicht. »Es wird übrigens«, bemerkte der Vorsitzende, »kaum von irgend jemand in Abrede gestellt, daß Herr Diamantidi das Zeitungsunternehmen des Angeklagten durch eine Konkurrenzgründung schädigen oder gar vernichten wollte.«

Man konnte schnell zu den Schlußreden übergehen.

Der Staatsanwalt überraschte, indem er selbst die Anklage auf Mord fallen ließ und bloß die Bejahung der Frage, ob Totschlag vorliege, verlangte. Einen Unglücksfall behaupte ja der Angeklagte selbst nicht, er gebe zu, bei jenem Schicksalsstoß ins Wasser den Tod des Bruders, wenn auch nicht bewußt herbeigeführt, so doch gewünscht zu haben. Die vollkommene Aufrichtigkeit des Geständnisses komme mildernd in Betracht.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Fritsch, sprach, wie es von dem Schüler und Jünger des Justizrats Bauer zu erwarten war, immer nur den Richtern zugewandt, als ob gar kein Publikum im Saal gewesen wäre. Dieser junge Verteidiger mit dem überarbeiteten, bebrillten Dozentengesicht sprach ebenso leise wie der Vorsitzende, aber seine Gedämpftheit war wärmer. Er stellte fest, daß die meisten Strafverhandlungen eigentlich gar keinen Prozeß darstellen, sondern mehr oder weniger umständliche Beratungen, wie man einen gesellschaftsschädlichen Menschen in eine Zelle fesseln könne. Hier aber schließe ein innerer Prozeß ab, hier sei ein Mensch durch seine Tat seiner bewußt geworden, neben dem öffentlichen Verfahren läuft ein stummes, geheimes, in dem Roth sein eigener Beschuldiger, sein Zeuge, sein Richter ist. Das entscheidende Urteil spricht Roth sich selbst, er hat das Verfahren gegen sich selbst in seiner Zelle durchgeführt, dieses Urteil geht die anderen nichts an, sie werden diesen wichtigsten Richterspruch erst erkennen, wenn Roth in sein neues, vom Grund aus verändertes Leben treten wird. (Roth wurde bei diesen Worten gestattet, den Saal zu verlassen.) Der Verteidiger fuhr, erleichtert durch die Entfernung des Angeklagten, in etwas stärkerem Tone fort: »Menschen, die keine Kindheit gehabt haben, fangen ihr Leben alt an und, wenn sie Glück haben, empfangen sie in vorgeschrittnen Jahren ein Stück ihrer Kindheit zurück. Der entsetzliche Druck einer verwüsteten Jugend weicht sehr spät von ihnen, bis ins dreißigste Jahr und länger liegt der finstere Schatten auf ihnen, sie wissen es gar nicht, daß sie die Opfer des düsteren Kellers ihrer Jugend sind. Sie fühlen sich als Rächer und als Arm der reineren Welt, die kommen wird, sie müssen zwangsmäßig ihr Quantum Fehler oder Grausamkeit oder Verbrechen begehen, damit das Schwarze, Schwere, Unheitere aus ihren Seelen sich löst und in Aktionen sich kristallisiert. Dann klärt sich das trübe Chaos ihrer Verworrenheit, und den Befreiten wird die Überraschung eines ungewohnten blauen Himmels, einer verspäteten Kindheit und Unbedenklichkeit zu teil. Für den Finken, den Roth in der Zelle hörte, hat er früher kein Ohr gehabt, die Blätter der Akazienbäume haben hier im Gefängnishof zum erstenmal für ihn gerauscht. Alles, was dieser Mann bis heute getan, hat er wie im dumpfen Schlaf vollbracht, alles geschah stoßweise, auch den kleinen Stoß am Teich tat er fast ohne es zu wissen. Dennoch hat er sich um die Verantwortung für sein Tun nicht gedrückt, er wird, weil er selbst sein souveräner Richter wurde, den Spruch des äußeren Gerichtes mit gesenktem Kopf hinnehmen. So bitte ich Sie, und ich darf diese Bitte nur wagen, weil der Angeklagte den Saal verlassen hat: Stören Sie den unsichtbaren, den heiligen Prozeß nicht, den er mit sich selbst führt, zerbrechen Sie nicht einen Menschen, der im Begriffe ist, aus einer qualvollen Unterwelt in ein lichteres, halbgöttliches Reich aufzusteigen!« Frauen schluchzten, eine Dame in der obersten Sitzreihe drängte zur Tür, man konnte ihr Gesicht nicht sehen, weil sie es im Taschentuch verbarg.

Der Gerichtshof beriet nicht lange.

Roth wurde hereingeführt, die Richter traten ein, der Präsident verkündete den Schuldspruch: Totschlag. Zwei Jahren Gefängnis.

Der Saal leerte sich.

Roth saß auf seinem Bänkchen, die Justizbeamten neben ihm. Alle andern Bänke waren leer.

Da kam durch den Saal ein junges Mädchen auf ihn zu. Er sah auf. War das nicht die Siebzehnjährige, die ihn einmal hatte ohrfeigen wollen?

Eleonore stand vor ihm. Ihre strahlenden Augen drangen in ihn:

»Sie haben die Finken im Gefängnishof, Sie haben die Bäume geliebt. Nun werden Sie auch die Menschen lieben lernen. Sie sehen heut ganz anders aus ... Sie sind ein ganz anderer ...«

Roth blickte sie wie aus der Ferne an.

»Wir wollen das nicht zu früh behaupten, mein liebes Fräulein«, sagte er mit einem etwas schiefen Lächeln. »Und was die Finken betrifft, ich habe sogar einen in meiner Zelle gefüttert, aber, wie Sie vielleicht gehört haben, wird von einigen unverbesserlichen Verbrechern berichtet, daß sie mit Tieren von geradezu zarter Güte gewesen seien.«

»Bitte,« sagte Eleonore und streckte ihm die Hand zu einem kräftigen Druck entgegen, »keine Witze, auch keine blutigen. Witze sind etwas Schreckliches.«

In diesem Augenblick faßte der Justizsoldat Roth energisch am Arm. Während der nächsten zwei Jahre konnte das Gespräch nicht fortgesetzt werden.

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