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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 2
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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1.
Bühnen-Eingang

»Kinder,« sagt die kleine, eingeschrumpfte Souffleuse Schuster, »ist das schön, hier auf der kleinen Bank in der Sonn' zu sitzen.«

»Wunderbar,« höhnt die Soubrette, »wenn die Probe um zehn Uhr beginnen sollte und man um zwölfe noch nicht auf die Bühne kann, 's is' ein Skandal!«

»Schusterin,« bittet Fräulein Mary Orber, die Salondame, die am Ende der kleinen Bank vor dem Bühneneingang sitzt, »Schusterin, schau nach, wo der Direktor hält. Alles braucht man sich wirklich nicht gefallen zu lasten.«

Das kleine, in ein großes Tuch gewickelte Geschöpf, die Souffleuse, verschwindet in dem schwarzen Gang: ›Zur Bühne. Fremden ist der Eintritt strengstens untersagt.‹

Zwischen der Salondame und der Soubrette eingezwängt hockt der Dramaturg oder Sekretär oder Regiegehilfe oder Librettist Adam Würz, ein unerlaubt langer Mensch, hellblond, mit wässerigen Augen. Von Zeit zu Zeit schüttelt er sich die blonden Strähnen aus der Stirn, dann gibt er seinen Nachbarinnen einen kleinen Ruck, so daß die Soubrette fast von der Bank hinunterrutscht.

»Dummer Witz!« brummt die Soubrette.

»Haben Sie schon bemerkt, Mary, daß die Soubretten immer mürrisch sind? Sie vertun ihre ganze Liebenswürdigkeit am Abend für den Pöbel, den Tag über sind sie schlecht gelaunt und verdrossen wie ein Steuerbeamter.«

»Ah, weil's wahr ist. Jetzt ist's zwölfe und wir sitzen noch immer auf dem Armensünderbankel.«

In diesem Augenblick ist eine kleine, schlanke, in Hellbraun und Dunkelbraun einheitlich gekleidete junge Frau die Steintreppe zu dem Hügel hinaufgestiegen, auf dem das Stadttheater liegt.

Adam Würz springt auf, läuft auf sie zu, schiebt ihren Arm in seinen, führt sie feierlich zur Bank, drückt sie mit sanfter Gewalt auf den jetzt leeren Platz zwischen Soubrette und Salondame und ruft, die langen Beine weit auseinandergespreizt:

»Frau Lili, Sie sind doch zurechnungsfähig, weil Sie nicht zum Geschäft gehören, bitte, entscheiden Sie. Da dürfen diese beiden reizenden Damen und Herr Sachsel, der Komiker, er steckt natürlich in der Kantine, statt auf der dunkeln Bühne vor dem kalten Zuschauerraum hier in der Sonne sitzen und aufs Wasser und auf den Stadtpark hinunterschauen, die ganze Stadt liegt im glitzernden Licht zu ihren Füßen, endlich einmal, und statt sich zu freuen und das bissel Sonne zu genießen, murren sie.«

»Adam,« wirft die Mary Orber ein, »ich murr' ja gar nicht.«

»... murren wie die Steuerbeamten. Dabei wissen diese undankbaren Damen nicht einmal, daß dieses Bänkchen hier die eigentliche Quelle unseres ausgezeichneten Theaters ist. Sagen Sie, schöne Lili, ist das nicht der schönste Platz der ganzen Stadt?«

»Warten ist scheußlich«, knurrt die Soubrette.

Adam wirft seine langen Arme verzweiflungsvoll in den Himmel: »Warten ist das eigentliche Schöne am Theater! Die Pausen sind das Glück! Mary, Sie sind doch schon ein bissel länger beim G'schäft ... pardon, pardon, ich weiß, Sie sind noch nicht sechsundzwanzig ... aber bitte, ist's nicht wahr, das Warten, die Zeiten zwischen der Arbeit sind doch das Schönste? Das bissel Spielen am Abend, jeden Tag derselbe Rummel, das ist für den Zuschauer, für den Bürger. Aber der eine Moment, ehe der Inspizient ruft: ›Alles von der Bühne weg‹, der Moment, wo man noch hastig durchs Loch im Vorhang schaut, wer da drunten sitzt, ob Er drunten sitzt oder ein anderer Er, das ist Leben. Oder der Augenblick in der Garderobe, wenn es schon das dritte Mal geklingelt hat und man mit höchster Eisenbahn doch noch einen Schminktupfer aufs Kinn wischt, das ist Leben! Meinetwegen noch die Proben auf der leeren Bühne ...«

»Na also, Esel, Adam,« ruft die Soubrette, »darauf warten wir ja jetzt zwei Stunden, auf deine leere Bühne.«

»Fritzi, so wart doch ... Wegen dieser kleinen Bank in der Sonne sind wir ja das beste Stadttheater in Deutschland. Wenn man hier eine Stunde gewartet hat, hat man eine ganz große Portion Luft und den Frühling und den ganzen Stadtpark in sich, das strahlt man dann auf der Bühne wieder aus.«

Die Souffleuse, die inzwischen aus dem dunklen Bühneneingang herausgetrippelt ist, murmelt: »Sehr schön, Herr Würz, aber vom Theater verstehn S' noch gar nix.«

»Na, was ist denn los, Schusterin?« ruft die Soubrette aufspringend.

Die Souffleuse, im Bewußtsein, daß jetzt das Stichwort für sie gefallen ist, mummelt sich langsam in ihr großes Tuch, oh, man hat etwas gelernt von den Herrschaften auf der Bühne, und sagt dann mit Bombenwirkung:

»Der Herr Direktor ist gar nicht auf der Bühne.«

Jetzt tritt der fette Herr Sachsel, der Komiker, aus dem Bühneneingang, nimmt die Soubrette untern Arm und flüstert – so laut können nur Komiker flüstern und grinst: »Der Herr Direktor probiert mit Fräulein Willessen in seiner Kanzlei.«

Plötzlich ist die Soubrette gut gelaunt. Sie windet sich aus dem Arm des Komikers, sie dreht sich, daß der Rock fliegt, und singt nach einer Schlagermelodie:

»Der Direktor ...
Der Direktor ...
Der Direktor probiert,
Der Direktor probiert schon mit ihr.«

Der Komiker, in der Kantine angefeuert, singt den Refrain mit: »Er probiert schon mit ihr ... er probiert schon mit ihr.«

Die kleine Frau Lili schüttelt sich vor Lachen. Sie muß sich an Würz, der vor ihr steht, anklammern, sonst fiele sie vom Bänkchen.

»Lach' doch nicht, Lili«, sagt die Orber beinahe streng.

Ganz erschrocken hält die kleine Frau inne, sie hat Adams Ärmel noch in der Hand, dreht die großen, hellen Augen zu Mary: »Was hast du denn?«

»Wir Theaterleute dürfen uns gegenseitig zerreißen, so viel wir wollen, du darfst es nicht, dafür bist du die Frau Doktor.«

»Nicht so streng sein, Mary, sie hat gar nicht bös gelacht.« Würz haßt alle Szenen.

»Aber du hast dreckig gelacht, Adam, und die Willessen ist knapp achtzehn Jahre!«

In diesem Augenblick ist ein Lakai mit einem Brief in der Hand die Stadtpark-Treppe hinaufgestiegen.

»Wo treffe ich Herrn Direktor Witkowski?«

Der Komiker beugt sich vor, schnuppert nach dem Brief und fragt: »Von wem kommen Sie denn?«

»Von Herrn Generaldirektor Diamantidi.«

Der Komiker verbeugt sich bis zum Erdboden, er schnauft, mit ehrerbietigst auf die Brust gelegten Händen: »Wollen der Herr Abgesandte des Herrn Generaldirektors geruhen, sich in den ersten Stock, zweite Tür links, Aufschrift Direktionskanzlei, zu begeben. Bitte, jedoch vorher zweimal mit starkem Knöchel erst zart, dann deutlicher anzuklopfen.«

Fritzi, die Soubrette, kichert wieder.

»Leuteln,« sagt die Orber, »ihr redet ja über dieses Kind, als wenn es eine gewitzte Kokotte wäre.«

»Kind?« kichert die Soubrette, »Kind?! Ich hör immer Kind.«

Die kleine Frau Lili möchte so gern lachen, aber sie traut sich nicht, ihre großen Augen hängen an der Orber, die wiederholt: »Mir tut s' leid. Jetzt ist sie sechs Monat bei uns, hat noch keine neue Rolle gespielt, weil der Alte sie aushungern will, sie ist schon ganz verzweifelt, das sehen wir alle, und nun macht ihr aus dem armen Mädel noch das reine Statistenmensch. Ich kann mir nicht helfen, mir tut sie leid.«

»Bitt' schön,« schreit die Soubrette, »du hast ihr doch selber die Johanna weggespielt, obwohl ...«

Würz packt die Soubrette am Handgelenk: »Ruhe, Fritzi, das Schreien schadet deinem Organ. Da wirst du gleich schrill ... Und übrigens hält' die Willessen di« Johanna doch nicht spielen können, dazu ist sie noch nicht fähig.«

Die Soubrette mault: »Die Orber soll nicht immer so edel sein. Das Edle vertrag ich nicht.«

Der dicke Sachsel faßt sie jetzt am andern Arm: »Fritzi, was verträgst du denn, außer mir natürlich?«

Ein bartloser, junger Mensch erscheint jetzt im Bühneneingang und trompetet: »Die Bühne ist leer ... Die Herrschaften zur Probe ... Der Herr Direktor wartet.«

Alles steht auf, setzt sich in Bewegung, dem Bühneneingang zu, da hört man eine Stimme von der Stadtparktreppe, ohne noch den Rufer zu sehen: »Kinder! ... Fritzi! ... Würz! ... Mary! ... Wartet ... etwas Hochwichtiges.« Dann läuft ein dicker, kleiner Mensch mit kurzen Beinchen auf die Wartenden zu; es ist der Stadtrat Klipp, der Freund aller Schauspieler, Zeitungsschreiber, Börsenbesucher, Vereinspräsidenten, des ehemaligen Herrscherhauses und der Familie Rothschild.

»Kinder,« Klipp dreht sich dramatisch nach allen Seiten um, »Kinder,« er flüstert nur, »ich habe gar keine Zeit, rasend viel zu tun, aber das mußte ich euch doch sofort mitteilen, Kinder, habt ihr schon die neue ›Flamme‹ gesehen?«

»Die gestrige?«

»Unsinn, die heutige.«

»Die erscheint doch erst um sechs Uhr.«

»Ja, aber mir ist hinterbracht worden, wer heute hergenommen wird! Übrigens ist die ganze Stadt mit mannshohen Plakaten beklebt.«

»Die Probe beginnt«, sagt Adam, gar nicht neugierig und setzt sich in Bewegung.

»Würz, warten Sie doch, wissen Sie, was auf den Plakaten steht? Mit Riesenlettern! ›Der Stadttheaterskandal! Der Harem des Herrn Direktor Witkowski!‹ Harem, jawohl, meine Herrschaften, Harem!«

Die erste, die ein Wort findet, ist Mary: »Ekelhaft!«

Die Soubrette zuckt amüsiert die Achsel: »Warum net? So werden wir populär.«

»Kinder,« Klipp macht ein ungeheuer wichtiges Gesicht, man muß sich um ihn drängen, »Kinder, ihr wißt, ich sitz im Stadtrat, und ich sag euch, das ist Witkowskis Tod. Harem – das verträgt der Stadtrat nicht. Defizit! Meinetwegen. Aber Harem, da protestiert der Neid. Das überlebt der Witkowski nicht!«

»Wollen die Herrschaften mich noch eine Stunde warten lassen?« Es ist die grollende, rollende Stimme des Direktors, die alle aufscheucht. Er selbst, Witkowski, tritt aus dem Bühneneingang, er ist verdrossen, reizbar, möchte losgehn. Sein Auge stürzt sich auf Würz:

»Der Herr Dramaturg, statt die Herrschaften an ihre Pflicht zu mahnen, – auch Schauspieler haben nämlich Pflichten, Kainz erschien immer pünktlichst zur Probe –, der Herr Dramaturg scheint das Konventikel zu leiten. Nun, gegen wen wurde konspiriert? Was wurde ausgeheckt? Wer wird gestürzt?«

Der Haufen zerstiebt, Stadtrat Klipp, der dem Direktor eben die Hand reichen wollte, ist sprachlos: Weiß er denn schon? Ist es nur Ahnung? Oder nur Redensart? Es scheint so, denn jetzt klatscht Witkowski in die Hände: »Schnell, schnell, auf die Bühne.«

Bloß Stadtrat Klipp, Lili, Adam bleiben draußen.

»Herr Direktor,« sagt Würz, »einen Moment.«

»Ich habe keine Geheimnisse,« erwidert Witkowski großartig, »sprechen Sie vor unseren Freunden.«

»Herr Direktor,« Würz greift sich verlegen an den Hals, »in der ›Flamme‹ erscheint ein Angriff gegen Sie.«

»Erscheint oder erschien?«

»Erscheint. Wird erscheinen. Heute abend.«

»Sie sind über den künftigen Inhalt dieses Blattes jedenfalls gut unterrichtet, Herr Würz. Der Herr Herausgeber der ›Flamme‹ scheint gute Beziehungen zu diesem Hause zu unterhalten.« Wenn Witkowski wütend wird, redet er immer sein klassisches Hochdeutsch, wahrscheinlich, um Naturtöne zu vermeiden. »Nun, und was schreibt jenes Blättchen?«

»Das werden wir erst abends lesen.« Adam nimmt Rache.

»So? Werden Sie es abends lesen? Das freut mich. Wollen die anderen Herrschaften mir vielleicht verraten, was das Blättchen zu veröffentlichen gedenkt? Sie wissen es doch schon, das steht auf Ihren Gesichtern.«

»Es sind in der ganzen Stadt Plakate angeschlagen,« Klipp sagt unangenehme Dinge den Betroffnen selbst immer nur ungern, das ist seine Art Humanität, »ich glaube Weibergeschichten.«

»Sooo?« sagt Witkowski mit weithin erkennbarer Ironie, »dann wollen wir an die Arbeit gehen. Das heißt, Sie, Herr Würz, brauche ich bei der Arbeit nicht, Sie würden mich eher stören.«

»Herr Direktor!«

»Jawohl, Sie würden mich stören. Versuchen Sie doch lieber, sich schon jetzt ein Exemplar der ›Flamme‹ zu verschaffen. Im übrigen« (er kollert immer tiefer in den Zorn) »im übrigen benötige ich Sie auch morgen nicht und auch übermorgen nicht.«

»Schmeißen Sie mich doch gleich hinaus!«

»Auch dieser Wunsch, geehrter Herr Dramaturg, soll Ihnen erfüllt werden. Also, ich werfe Sie auf Ihren eigenen Antrag hin, die Herrschaften sind meine Zeugen, ich werfe Sie hiermit hinaus und ich verbiete Ihnen das Betreten meines Hauses. Darf ich mich den Herrschaften empfehlen? Ergebenster Diener allseits!«

Ehe er noch im Dunkel des Theaters verschwindet, erreicht ihn noch der Ruf des Stadtrats, der ihm mit seinen dicken Beinchen nachspringt: »Hören Sie, Herr Direktor, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein kann ... Mein bester Freund, Kollege im Stadtrat, ist der Justizrat Bauer. Wenn Sie mir gestatten, Sie bei ihm einzuführen, ich stehe nachmittag zur Verfügung.«

»Sehr gütig,« der Direktor neigt freundlichst das Haupt, »aber ich glaube, derlei Revolverattentate ignoriert ein Mann in meiner Stellung.« Er schreitet wie der Hüttenbesitzer, zweiter Akt, Schlußszene, zum Bühneneingang.

Klipp und Lili sehen etwas ängstlich zu Adam hin.

Aber Würz hebt das eine Bein ganz hoch, dreht sich wie ein Ballettänzer auf dem andern herum und ruft, vergnügt die Hände reibend: »Ich bin das Theater los! Hurrah, ich bin das Theater los!«

Als Frau Lili mit dem Stadtrat die Treppe hinunterstieg, sagte sie sehr aufgeräumt: »Immer ist hier was los. Jeden Tag, wenn ich hier auf dem Bänkchen sitze, ereignet sich etwas. Die Schauspieler machen das langweilige Leben etwas dramatischer.«

Stadtrat Klipp bemerkt« lächelnd: »Der Herr Gemahl dürfte das nicht hören.«

Lili antwortete nicht.

Erst unten im Stadtpark sagte sie: »Der arme Würz. Was wird er denn anfangen? Ich glaube, gar so froh ist er gar nicht. Er hat zwar ein klägliches Gehalt bekommen, aber jetzt wird ihm auch das fehlen.«

Klipp zupfte an seinem Spitzbart: »Er ist einer meiner besten Freunde, er wird nicht verhungern.«

Um fünf Uhr schon liefen die Kolporteure, schwer beladen mit großen Packen, durch die Hauptstraßen, durch die Cafés und später durch die Restaurants der Stadt, fünfhundert Stimmen gellten durch die Stadt: »Der Harem des Stadttheaterdirektors.« Die Leute blieben stehn, kauften, lasen im Gehen, lasen im Hausflur, lasen in den Kaffeehausfenstern, lasen in den Straßenbahnen, lasen auf dem Fahrdamm, so daß die Chauffeure wütend wurden. Der Artikel, der auf der ersten Seite der ›Flamme‹ begann, ging über zwei Spalten hinüber auf die zweite Seite. Er begann verhältnismäßig sanft, erinnerte die Stadtväter an das große Defizit des Theaters, wiederholte die Beschwerden der nicht aufgeführten heimischen Dramatiker, rügte das beschämende Niveau des Spielplans, – das alles langweilte den Leser und er überflog es – stellte das Überwiegen der dümmsten Wiener Operette fest und wendete sich dann erst den Personalfragen zu. Wie die jungen Autoren, so würden auch die jungen Darsteller unterdrückt, sogar die Darstellerinnen. Und diese Unterdrückung, hier wurde der Herausgeber der ›Flamme‹ besonders spitzig, diese Unterdrückung war um so kurioser, als der Direktor selbst die Erziehung der hübschesten und jüngsten Mitglieder in die Hand genommen hatte. Auf der Bühne ein Zar, sei er im privaten Leben geradezu ein Leibeigener. Es wurde die alte Anekdote von dem Direktor erzählt, der vormittag die armen Schauspielerinnen so lange korrigiert und beschämt und quält, bis ein keckes Berliner Mädchen aus der Reihe tritt, den ›Zaren‹ von oben bis unten mustert und schließlich unter dem verständnisvollen Gelächter der anderen Mädchen ausruft: »Und det will mein Sklave sein?« Auch Herr Witkowski wolle Zar und Sklave zugleich sein. Das edelste Talent des Theaters, die blonde Agnes Willessen, die jeden Vormittag zu Privatproben in die Kanzlei des Direktors befohlen werde, könnte ein Lied von diesem zudringlichen Zaren singen, und Mary Orber könnte den Refrain mitsingen, wenn sie ihn, dank ihrer schnellebigen Natur, nicht schon wieder vergessen hätte. Solche Zustände könnten sich in Gottesnamen in einem privaten Provinztheater ereignen, das vornehmste Stadttheater des Reiches müsse würdigeren Köpfen und Händen anvertraut werden, der Stadtrat müsse um der mißbrauchten jungen Mädchen willen dem Skandal auf der städtischen Bühne ein Ende machen, der Bürgermeister, so fern seinem amusischen Wesen Kunstfragen liegen, müsse unverzüglich eingreifen, der Zwangsharem des Herrn Witkowski müsse lieber heut als morgen aufgelöst werden.

Am Abend sollte ›Egmont‹ im Stadttheater gegeben werden. Aber Fräulein Willessen, die als ›Klärchen‹ auf dem Zettel stand, war eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung noch nicht erschienen. »Der Harem liegt ihr im Magen,« sagte Sachsel, der schon als Vansen kostümiert war, »sie ist noch zu jung. Das dumme Mädel weiß nicht, daß ihr der Skandal mehr nützt als ein großer Erfolg als Jungfrau von Orleans. Sie wird nicht kommen, Inspizient, schicken Sie sofort zur Orber, sie spielt das Klärchen seit, sagen wir, zwölf Jahren.« Wirklich, Agnes Willessen kam nicht, sie kam nie mehr ins Stadttheater.

Direktor Witkowski erschien nach dem ersten Akt, sprach mit Sachsel, der Stalldienst hatte – so nannte man die Abendregie –, rühmte die schöne Einnahme, dankte der Orber für ihr rettendes Einspringen und rieb sich immerfort vergnügt die Hände.

»Kinder,« sagte Sachsel nach der Vorstellung im Wirtshaus der Schauspieler, »Witkowski scheint schon erledigt zu sein, er tut so vergnügt, er ist so leutselig, er spielt den Lebendigen, also ist er tot.«

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