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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 17
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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16.
Gerüchte

Ehe Roth am Morgen das Haus verließ, erreichte ihn noch die telephonische Nachricht seiner Redakteure vom Selbstmord Lilis. Er konnte nicht sagen, warum ihn die Meldung, die ihn beim Frühstück traf, verhinderte, einen Bissen weiter zu essen. »Haben Sie sie denn so gut gekannt?« fragte die Leitermeyer I in einem etwas spitzigen Ton, der eine törichte Eifersucht ins Vergangene bewies. Roth erwiderte mit einem Blick, der ihr gründlich den Mund schloß, stand auf und entschied sich, heute zu Fuß, durch die Anlagen, den Fluß entlang, am Stadtparkteich vorbei in die Redaktion zu gehen. Er wich den Hauptstraßen mit ihren Litfaßsäulen, den Nebengassen mit ihren Bretterzäunen aus, weil er die mannshohen Plakate nicht mehr sehen konnte: »Die ›Sonne‹ kommt, lest alle die ›Sonne‹ Unlängst hatte Roth sich selbst dabei ertappt, wie er in einer menschenleeren Straße ein solches Riesenplakat zuerst mit dem Fuß zerstoßen und dann sogar, da niemand zusah, mit eigener Hand herunterreißen wollte. So töricht ist man zuweilen. An diesem hellen Mai-morgen sah er an den Plakaten vorbei, in seinem Kopf tauchte immer wieder das kleine tote Frauenzimmer auf, das gelacht hatte und arglos und lustig war wie ein Kind, dem sie ja auch in ihrem plissierten roten Röckchen glich, dieses Kind, dem das Lachen erstarrte oder erstarb, als es Roth in der Halle entdeckte. Genau das gleiche Entsetzen, daran erinnerte er sich jetzt ganz genau, malte sich damals auf ihrem Gesichtchen, als er ihr und Adam auf der Treppe begegnet war, und an demselben Tage hatte Würz ihm seine Dienste aufgesagt. Kein Zweifel, der Tod dieses hübschen, kindischen Weibchens hing irgendwie mit der Begegnung im Bristol zusammen. Aber Roth hatte sich nichts vorzuwerfen. Schneller als er fortgegangen war, konnte man sich nicht aus dem Staube machen. Vor dem Stadtparkteich blieb Roth stehen und überlegte, ob er nicht kurz entschlossen zu Würz hinausfahren, ihm die Hand drücken, ihn fragen sollte, ob er ihm irgendwie dienlich sein könnte. Ich lasse irgendwo fünfhundert Mark liegen, dachte er, aber dann stellte er sich vor, daß er Adam vielleicht wieder auf demselben Fleck, mitten auf der Treppe, begegnen könnte, nein, es ging nicht, er konnte dieses Unglückshaus nicht mehr betreten. Aber Adams Unzuverlässigkeit sah er plötzlich mit anderen Augen, aller Groll über Untreue und Im-Stiche-lassen war wie weggeblasen. Ich werde ihm schreiben, sagte sich Roth, und so dringend war dieser Wunsch in ihm, daß er einen Wagen nahm und so schnell wie möglich in die Redaktion sauste. Wie er aber vor dem Schreibtisch saß und den Brief an den offenbar ganz zerrütteten Menschen formen sollte, da sah Roth das feindliche Gesicht Adams vor sich, so wie es im Bristol ausgesehen hatte, das ist der böse Blick eines Todfeindes gewesen. Offenbar, dachte Roth, hat er meinen Aufenthalt im Bristol für eine besonders ausgeheckte Tücke gehalten. Nein, nun konnte er ihm natürlich nicht schreiben. Unter Männern gibt es zuweilen Luftwände von Feindseligkeit, die nicht zu durchdringen sind. Man kann bloß warten. Warten und darüber hinweggehen. Es gibt Wichtigeres. Roth läutete.

Fräulein Leitermeyer II trat ein. Ihr Schritt war noch zaghafter als sonst, die Pause, ehe sie zu referieren begann, verkündete nichts Gutes. Die Wahrheit zu sagen, sie würgte daran herum, wie sie es Roth beibringen sollte, daß das Flammen-Fest, wenigstens jetzt, nicht abzuhalten war. Es regnete Absagen. Die schroffste kam vor Frau Speyer, die klipp und klar einen einstimmigen Beschluß des Vereins der Warenhausangestellten mitteilte, wonach es jedem organisierten Mitglied verboten war, an einer Veranstaltung der ›Flamme‹ künftighin teilzunehmen. Sie persönlich, fügte die runde Frau zu, wolle nach den abscheulichen persönlichen Angriffen auf Koch nie mehr freiwillig mit Roth zusammentreffen. Fräulein Leitermeyer referierte nur andeutungsweise, aber da Roth den Brief der Speyer selbst sehen wollte, mußte sie ihn, nachdem sie erst versucht hatte, ihn nicht zu finden, aus der Mappe herausfischen. Auch der Verein der Bankbeamten, offenbar unter Kochs Fuchtel, sagte korporativ ab. Von den Vereinsbank-Direktoren kamen höfliche Entschuldigungsbriefe, jeder von ihnen hatte zufällig den Abend schon vergeben. Die meisten Eingeladenen hatten gar nicht geantwortet, trotzdem sie um sofortige Antwort gebeten waren. Der Bürgermeister war so unartig, durch seinen Sekretär ablehnen zu lassen, äußerst kühl, er trieb die verletzende Geringschätzung so weit, das Einladungsschreiben dem Absagebrief beizulegen. Die Herren von der Landesregierung beriefen sich auf den zur Zeit beurlaubten Präsidenten, der ihnen jede Beteiligung an einer irgendwie parteilich aussehenden Veranstaltung verboten habe. Nur ein paar wenig angesehene Rechtsanwälte hatten zugesagt.

Während Roth diese Briefe durchsah, wurde Oberregisseur Sachsel gemeldet und hereingeführt. Sachsel hätte das Frühlingsfest »riesig gern« arrangiert, aber leider, man muß sich um ein Engagement umschauen, Witkowski kommt doch nicht wieder, gerade Ende Mai muß Sachsel in Köln gastieren. Ob man denn das Fest nicht auf Anfang Juni verlegen könne? Der Komiker kratzte sich am Hinterkopf. »Ich werde Ihnen was sagen, lieber Herr Chefredakteur, warum soll ich denn nicht mutig sein, hierbleiben kann ich ja ohnehin nicht, also, heraus mit der Wahrheit: Die Theaterleut' werden alle nicht erscheinen.« Als alter Leser der ›Flamme‹ könne er nicht länger hinter dem Berge halten: »Die Komödianten hassen Sie!«

»Hassen?« Das Wort traf Roth wie ein Schlag auf die Stirn. Zum erstenmal in seinem Leben war das Wort auf ihn abgeschossen worden. »Es sieht so aus wie Haß, leider Gottes, ich werde Ihnen dafür ein Beispiel erzählen. Ich redete meiner Kollegin Orber gestern abend im ›Goldenen Kreuz‹ zu, mitzumachen, das Haremszelt war ja riesig fesch und pikant zu inszenieren. Da antwortete sie plötzlich mit einem ganz ernsten Gesicht, daß sie, was ich erst seit ein paar Tagen wußte, eine zwanzigjährige Tochter hat, sie sagt: sechzehn. Na, das Mädel hat sie doch bisher nicht gestört, sag ich, und Roth ist doch nicht schuld an der Tochter. Da bittet sie mich, die Witze einzustellen, und sagt: ›Als meine Tochter las, daß ich in der ›Flamme‹ als Mitwirkende an dem Fest aufgezählt bin, da kam sie zu mir und erklärte, sie werde mit mir auf das Fest gehen, mit mir in das Haremszelt kommen.‹ Na, was soll ich Ihnen viel erzählen? Das Mädel will den Tanz mit Ihnen, lieber Herr Roth eröffnen, als erstes Paar. Aber warum? Um Ihnen – ich bitte, ich referiere nur – im hellichten Saal öffentlich eine Ohrfeige zu versetzen.«

Sachsel hielt inne, es reute ihn schon, die Geschichte getratscht zu haben, aber Roth fragte ruhig, in, wie es schien, neugierigem Ton: »Was Hab ich ihr denn getan?«

»Das hab ich auch gefragt. Die Orber antwortete: ›Oh, sie hat die ›Flamme‹ besser gelesen als ich, und die jungen Leute, die neue Generation, die vergißt nicht so schnell wie wir.‹ Ich hab dann das Mädel gesehen, mit der ist nicht zu spassen, mit diesen jungen Menschen von heute ist ja überhaupt nicht zu spassen, deshalb taugen sie ja alle nicht zum Theater. Ich glaub, Herr Chefredakteur, die junge Generation, pfui Teufel, die ist überhaupt gegen uns.«

»Das kleine Fräulein Orber ist wohl noch nicht die junge Generation?«

»Nein, nein, Gott sei Dank, aber immerhin, leider, ich kann's nicht leugnen, sie ist ein Zeichen der Zeit. Theaterfeindlich, zeitungsfeindlich, liebefeindlich.«

Roth hatte genug, er stand auf.

»Sagen Sie,« schnaufelte Sachsel, der offenbar noch etwas loswerden wollte, »wie hängt denn der Selbstmord der kleinen Lili Bauer mit der ›Flamme‹ zusammen? Die Leut' erzählten, Sie hätten einen Bombenartikel in Vorbereitung gehabt. Das ist doch übertrieben?«

»Lüge.«

»Selbstverständlich. Hab ich gleich gesagt. Der Würz war doch Ihr Redakteur. Allerdings entlassen.«

»Nicht entlassen.«

»So? Also nicht einmal entlassen? Sehen Sie, so unverantwortlich schwätzen die Leute, so entstehen Gerüchte, so wird ein Blatt ruiniert.«

»Gar nichts wird ruiniert, nur die Schwätzer.«

Sachsel fühlte den Hieb: »Oh, ich bleib nicht hier, ich geh' nach Köln, und überhaupt, was mich betrifft, ich bin diesem unverantwortlichen Geschwätz immer entgegengetreten. Überall. Übrigens, wenn Sie meine Brust benötigen, ich meine als Ziel für Ihre Dolche, bitt schön, mein Busen steht zur Verfügung.«

Roth unterbrach: »Auf Wiedersehen. Sie entschuldigen, aber die Redaktionsarbeit drängt.«

Er blieb allein und trabte durch das Zimmer. Es half nichts, das Fest mußte abgesagt werden, er stand genau dort, wo er vor fünf Jahren gestanden, als er die ›Flamme‹ begründet hatte. Ganz allein, allen feindlich, aber damals war er wenigstens noch ein unbekannter Mann. Jetzt war er gehaßt, wie dieser Schwätzer erzählte, und das junge Volk war bereit, ihn zu ohrfeigen. Während er auf- und niedertrabte, begann es in ihm aufzudämmern, daß irgendwo in seiner Auffassung, in seinem Tun ein elementarer Fehler stecken müsse. Ich bin kein Taktiker, sagte er sich zuerst. Aber dann fiel ihm, weiß der Teufel wieso, seine Isoliertheit im Waisenhaus, die Abstoßung der Tante, der Krach im Seminar ein, wobei kein Kollege mittun wollte, alle ließen ihn im Stich, immer wieder stand er ganz allein da, immer wieder Einer gegen Alle. Es ist mein Grunderlebnis, sagte er sich, das sich immer wiederholt, und ich bin nicht imstande, aus meinen Erfahrungen etwas zu lernen. War denn die Rauferei mit Koch nötig? Wozu hatte er eigentlich Witkowski geschlachtet? Warum hab ich nicht rechtzeitig durch Klipp den Weg zu Diamantidi gefunden? Ich stoße wie ein wütender Stier vor, und dann wundere ich mich, wenn ich blute.

Schneeberger trat ein.

»Ich hab den Selbstmord der Lili Bauer groß auf die erste Seite gesetzt.«

»Setz ihn wieder herunter.«

»Die ganze Stadt spricht davon, ich dachte, wir können nicht daran vorübergehen.«

»Denk nicht, Schneeberger, da geschieht immer ein Unglück. Wir bringen keine Silbe über den Fall. Ich will nicht.«

Schneeberger brummte: »Dich soll man verstehen, jetzt kann ich die fertige Seite umwerfen.«

Roth schien nicht zuzuhören, sein gutes Verhältnis zu Schneeberger beruhte auf dieser Ungeniertheit, den Kontakt zu ihm einfach auszuschalten, er mochte kurz brummen oder lange Einwände vorbringen, Roth war gewohnt, ihm nicht zuzuhören.

»Eigentlich müßtest du zu dem Würz hinausfahren.«

»Kondolieren?« antwortete Schneeberger in einem ungewohnten, beinah hämischen Ton. »Ich bin dafür nicht geeignet. Sei froh, daß wir ihn los sind. Der Mann hat dich nur Geld gekostet. Er war keine Ergänzung für dich, er war auch nur ein Stimmungsmensch, du brauchst einen sachlichen Kopf neben dir. Ich bin immer gegen den persönlichen Kampf gewesen. Aber wer fragt hier nach meiner Meinung?« Es war eine der längsten Reden, die Schneeberger je gehalten.

»Ich muß dir noch etwas erzählen,« fügte er hinzu, ließ sich in den Fauteuil nieder, begann einen Pack alter und neuer Briefe, Zeitungsausschnitte, Photographien aus der Tasche zu ziehen und darin zu kramen, »ich hab einen Antrag erhalten, jawohl, ich, einen ganz schönen Antrag.«

Roth hielt in seinem Tempo inne, plötzlich begann er zuzuhören: »Willst du weg?«

»Hab ich das gesagt? Ich will dir nur den Antrag zeigen. Er ist unverschämt offen. Unterschrieben von Doktor Schreiber, Diamantidis Generalsekretär, es wird also gar nicht mehr verschleiert, daß er dahintersteckt, hinter der ›Sonne‹ mein ich.«

»So geh doch hin.«

»War schon dort. Wollt mir die Sache möglichst genau anhören. Weißt du, wer als Chefredakteur auf dem Blatt stehen wird? Dein Bruder. Ohne Vornamen. Der Lausbub. ›Chefredakteur Roth‹, ich sah das Briefpapier.«

»Was sollst denn du dort?«

»Na, glaubst du, der Lausejunge wird die Zeitung machen? Sie suchen einen wirklichen Leiter.«

»Geh doch hin, du kannst jetzt dein Glück machen, Diamantidi wird dich mit Gold aufwiegen.«

»Ja,« antwortete Schneeberger ganz langsam, »das wird er! Sicher! Und wenn er ein sachliches Blatt machen wollte, ließe sich darüber vielleicht reden. Aber mit ›Chefredakteur Roth‹, ohne Vornamen, da bleib ich doch lieber bei dir ... Übrigens ist der Plan nicht bei Diamantidi entstanden, sondern bei deinem Bruder Rudolf.«

»Mein Bruder hat keine Pläne.«

»Doch, den hatte er, nur konnte er ihn nicht ausführen. Aber der schuftige Plan, uns zu ruinieren, ist seinem Kopf entsprungen, ich hab die Korrespondenz gesehen.«

Roth trabte schweigend durchs Zimmer.

»Es gibt zwei Mittel, die ›Sonne‹ zu verhindern. Ich kann mit Diamantidi sprechen; ob das noch möglich ist, muß untersucht werden, oder ich kann mit Rudolf ein ernstes Wort reden, das heißt, ich muß ihn mir kaufen.«

»Aber du mußt dich beeilen.«

»Warum?«

»Weil übernächsten Sonntag die erste Nummer der ›Sonne‹ erscheinen soll.«

Roth stampfte auf den Boden:

»Wenn man jetzt einen Menschen hätte, der einem beisteht!«

Schneeberger hörte den Satz und watschelte hinaus.

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