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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 16
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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15.
Zwei Tassen Schokolade

Als Mary zum Mittagessen heimkam, meldete ihr die Jungfer, daß Adam Würz im Klavierzimmer warte, über eine Stunde schon. Im ersten Augenblick wurde sie ärgerlich, sie hatte Probe gehabt, dann mit dem Darmstädter Intendanten im Bristol verhandelt, dort hatte sie der Agent Frankfurter noch beiseite gerufen und ihr vorgeschwatzt, er habe ein Engagement Wien für sie in die Wege geleitet, Darmstadt sei doch nichts für sie. Da stand sie nun im Vorzimmer vor dem Spiegel, betrachtete ihr abgemüdetes Vormittagsgesicht, erschrak über die Fältchen um die Augen und wäre am liebsten, gelb, verdrossen, verbraucht, wie sie sich fühlte, ins Bett gefallen. Aber nun hockte der da drinnen im Klavierzimmer seit einer Stunde. Es war ja ihre Kunst und das Geheimnis ihrer Jugend, daß sie dreimal am Tage schlafen konnte. Sie gab sich einen Ruck und trat ins Klavierzimmer, die Rouleaux waren heruntergelassen, erst nach einigen Augenblicken bemerkte sie einen üppigen Rosenstrauß, halb aufgeblühte, noch nicht aufgeblätterte tauige rosa Rosen; Adam trat grüßend auf sie zu.

Sie sah auf die Rosen: »Doch nicht von dir?«

Adam lächelte: »Nee.«

Sie zog die Rouleaux ein wenig in die Höhe. An den Rosen glitzerten die Tropfen. Sie läutete der Jungfer:

»Wer hat das geschickt?«

»Aus dem Garten des Herrn Stadtrat.«

Adam saß wieder auf seinem niedrigen Puff, gewissermaßen zwischen seinen hochgezogenen Beinen. Als dir Jungfer verschwunden war, sagte er gleichmütig: »Du, Mary, den würd ich an deiner Stelle heiraten. Es ist Zeit.«

Mary fand es dumm, was er so herausplapperte. »Vorläufig habe ich dich nicht um deinen Rat gebeten.« »Oh,« antwortete Adam wirklich bestürzt, »verzeih, ich habe nichts gesagt, habe auch gar kein Recht zu solchen Ratschlägen, ich finde nur, Klipp hat sich angenehm verbessert, er ist seriöser geworden, das hat er sicher dir zu danken.«

Das tat ihr wohl. Sie setzte sich nahe zu Adam, jetzt erst bemerkte sie mit aufrichtigem Mitgefühl, daß sein Gesicht ganz fahl war, seine langen Hände, die auf den hochgezogenen Knien lagen, waren fast fleischlos, Skeletthände.

»Dir geht's nicht gut?«

In diesem Augenblick fühlte Adam, daß er einem Tränensturz ganz nahe war, aber er hatte sich noch in der Hand, er konnte eine scherzhafte Form finden, er seufzte nur: »Nein, gut ist anders.«

»Iß mit mir zu Mittag!« sagte sie in einer plötzlichen Eingebung, »wir wollen zuerst essen und dann sprechen.«

Während sie im Speisezimmer neben einander saßen, mußte Mary immer wieder staunen über die Futtermengen, die Adam mit ziemlicher Geschwindigkeit verschlingen konnte. Daß sie ihm von jedem Gericht zweimal auflegte, bemerkte er gar nicht, aber sein Teller war nach wenigen Augenblicken gleich wieder leer.

»Müßtest du jetzt nicht in der Redaktion sein?« fiel ihr ein.

»Ja,« antwortete er kauend, »wenn ich noch in der ›Flamme‹ wäre. Es ging nicht mehr.«

»Wovon lebst du denn?«

»Ach, das findet sich schon, deshalb komm ich nicht zu dir.«

Wieder fühlte er, daß er nicht weiterreden durfte, wenn er keinen erbärmlichen Eindruck machen sollte. Er griff noch einmal nach dem Obst.

»Komm,« sagte Mary, »komm ins Klavierzimmer, ich lasse uns dort den Kaffee servieren, da kannst du eine Zigarette rauchen und erzählen.«

Da saß er wieder mit hochgezogenen langen Beinen, aber gestärkt und gewärmt durch die Mahlzeit, sein Gesicht war nicht mehr so fahl, sogar die Hände kamen Mary nicht mehr so skelettfingrig vor.

»Es handelt sich um Lily,« sagte Mary sanft, »ist es aus? Du hast dich, hoff ich, nie einer Täuschung darüber hingegeben, daß die kleine Frau eine Mutter von drei Kindern ist, die sie lieb hat, und daß es deswegen eines Tages plötzlich aus sein müsse.«

Adam verschränkte die Hände über den Knien.

»Adam, wenn du deshalb zu mir kommst, werd ich dir nicht viel helfen können; die Mission liegt mir gar nicht, du darfst mir nicht zu viel Objektivität zumuten. Irgend etwas in mir ist ganz zufrieden mit diesem Ende.«

Es klopfte, Klipp trat ein. Es war nicht die Störung allein, die Adam verdroß. Die Schnelligkeit, mit der Klipp, ohne ein Herein abzuwarten, hereinschoß, bewies ihm eine unerwartete Familiarität.

»Würz ist von der ›Flamme‹ weg«, sagte Mary.

»Begreiflich. Suchen Sie was anderes?« fragte Klipp, aber er sah Adam nicht an und war offenbar nicht bei der Sache.

»Nein.«

»Wieso nein? Ich hätte vielleicht was für Sie? Es wird eine große neue Zeitung gegründet. Interessiert Sie das nicht?«

»Nein.«

»Ich nehme an, daß Sie in Geldschwierigkeiten sind«, sagte Klipp etwas plump.

»Nein.«

Klipp wurde stutzig: »Stör ich vielleicht?« fragte er Mary.

»Laß uns fünf Minuten allem, ich glaube, Würz wünscht es.«

Klipp sah Adam an, sah Mary an und verschwand.

Mary trat ganz nahe an Würz heran und fragte mit ihrer sanftesten Stimme: »Was soll ich denn tun?«

»Mary, ich bitte dich, ich werd es dir nicht vergessen, du mußt mir helfen. Ich habe seit vier Tagen keine Nachricht von Lili, ich beschwöre dich, telephoniere ihr, sag ihr, daß ich sie nur ein einzigesmal noch sehen will, einmal. Geh gleich ans Telephon, jetzt erreichst du sie am besten.«

Einige Minuten, oder waren es Stunden?, blieb Adam allein. Er stand auf und lief durch das dämmrige Zimmer, er zwang sich wieder auf den niedrigen Puff, er begann zu rauchen und zerdrückte die Zigarette, zog das Rouleaux ganz hoch, öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen und schloß, vom grellen Licht betroffen, das Fenster, riß die Vorhänge wieder vor, er wollte zu Klipp hinein, den er im Nebenzimmer ungeduldig auf die Fensterscheiben klopfen hörte, um mit ihm das Gespräch von früher fortzusetzen, aber er wagte das Zimmer nicht zu verlassen, ehe die Antwort da war.

Endlich trat Mary ein.

»Du sollst heute um halb sechs im Hotel Bristol sein.«

»Im Bristol? Vor tausend Leuten?«

»Eben deshalb, besser vor tausend Zeugen, sagt Lili, als vor einem.«

Wie versteinert stand Adam da.

»Dummer Junge,« sagte Mary, halb ärgerlich, halb luftig, »auch im Bristol muß man nicht immer vor lausend Leuten sein. Stell dich doch nicht gar so verdattert an.«

 

Die kreisende Drehtür des Hotels Bristol, ihr gegenüber hatte sich Adam niedergelassen, warf schwebende Amerikanerinnen, fliegende Kellner, ängstliche Frauen mit den viereckigen Ledertäschchen ihrer Kostbarkeiten, beleibte Fabrikanten, die hier ihre Vertreter trafen, kurzrockige Weibchen, die sich hier zum Nachmittagstanz einfanden, Müßiggänger in Lackschuhen, in die Halle. Adam sah an ihnen allen vorbei – sein Auge bewegte sich mit der Drehtür, die immer neue Gäste in die Halle drängte.

Drei Minuten vor halb sechs sprang er auf und schritt in der Luftlinie der Drehtür zu, aus der Lili herausgestoßen wurde. Sie sah ihn an, sie hatte ihn schon von der Straße aus gesehen, sie redete kein Wort, unmöglich eine Silbe hervorzubringen, sie wußte nicht einmal, daß sie ihm die Hand hinstreckte, und er, er lachte, aus Gelöstheit und Verlegenheit lachte er, ein ganz kurzes Lachen, das anderen wahrscheinlich blöde geklungen hätte, doch es war ja nur für Lili gelacht, und sie erwiderte es mit einem Leuchten ihrer hellen Augen.

Adam schritt über den Teppich, wieder in der Diagonale, zum Lift. Lili ging, wie willenlos, hinter ihm her, er stieg in den Lift, sie stand im Lift hinter ihm, der Boy hielt im vierten Stock, gegenüber dem Liftgitter öffnete Adam die Zimmertür Nummer 436, sie stand schon hinter ihm und vernahm nur, wie er die Tür versperrte. Dann hörte sie nichts mehr, sah nichts mehr, fühlte nur, wie sie von ihm gehoben wurde und da oben an seiner Brust lag, an seinem Halse, von seinem harten Arm pressend umfangen. Sie fühlte Schweigen und Getragensein und Gepreßtwerden und sie spürte seinen Mund an ihrem Halse und sie hörte sein stoßweises Atmen.

 

»Wie spät ist es?« ihr nackter Arm tastete aus dem Bett nach der Uhr auf dem Nachttischchen. »Mach Licht. Oh, Gott, gleich halb acht, ich muß nach Hause.«

 

Der Lift schwebte hinunter. Wieder redeten sie kein Wort miteinander, aber ihre hellen Augen lachten ihm zu, und er wagte nicht, düster dreinzuschauen, obwohl er schon die Schwere der nun beginnenden Verlassenheit zu fühlen begann.

Der Lift stand, die Tür wurde aufgerissen.

Lili sah um sich, die Halle war fast leer. Auf den Tischen standen ausgetrunkene Gläser, in der Saalecke lagen die Geigen und Bässe schon in ihren Etuis.

Auf einem Sofa, gerade gegenüber dem Lift, saß ein Herr in einem neuen, lichtgrauen Anzug, der in die ›Flamme‹ vertieft war, das Krachen der zugeschlagenen Lifttür schien ihn zu wecken, er ließ die Zeitung sinken und blickte auf: Roth.

Lili tastete unwillkürlich mit der Hand nach hinten in die Luft. War denn Adam nicht da?

Roth war aufgestanden und grüßte höflich nickend, dann stand er ebenso unbeweglich da wie an jenem Vormittag am Treppengeländer.

Statt den Gruß zu erwidern, drehte sie sich um, sie wagte keinen Schritt vorwärts und zerrte Adam zum Lift zurück, der Boy wartete zum Glück, Adam murmelte dem Jungen zu: »Wir haben die Tasche vergessen.«

Der Lift stieg.

Lili krallte sich in Adams Hand wie eine Wahnsinnige, er sah in ihr tief gesenktes, weiß gewordenes Gesicht, ihre Lippen warm krampfhaft zusammengepreßt.

Sie traten wieder in das Zimmer 436.

»Laß mich, Adam, renn hinunter, ich will nicht, daß du bei mir bleibst, beeile dich, er soll dich allein sehen, sprich mit ihm, es hilft ja alles nicht, er wird sich fürchterlich rächen, wir sind verloren, laß mich nicht allein, beeile dich, sag ihm, daß ich sterben werde, verlier doch keine Zeit, lauf, lauf, lauf! Armer Ferdinand!«

Adam, ratlos vor diesem Wahnsinnsanfall, hörte plötzlich den Namen des Gatten, jetzt leistete er keinen Widerstand, als Lili ihn zur Tür schob, plötzlich stand er auf dem Korridor, er hörte noch, wie sie den Schlüssel umdrehte.

Der Lift war nicht da, er sprang in großen Sätzen die vier Treppen hinunter.

Die Halle war ganz leer.

Auch der Herr im hellgrauen Anzug war, wie der Kellner berichtete, vor einigen Minuten aufgebrochen.

Adam stieg ein drittes Mal im Lift hinauf.

Aus Zimmer 436 kam ein Kellner.

»Was haben Sie gebracht?« fragte Adam erstaunt.

»Die gnädige Frau hat eine Kanne Schokolade mit zwei Tassen bestellt.«

Er atmete auf, er lächelte.

Adam klopfte.

»Bist du denn nicht bei ihm?«

Ihre Stimme bebt noch, dachte Adam, aber – sie hat ja Schokolade bestellt.

»Er ist schon fort.«

»So hol ihn doch ein. Hast du Geld? Nimm ein Auto, fahr zu ihm, tritt wieder bei ihm ein, er wird sich rächen.«

»Gut, gut, alles wird geschehen, Lili, aber bist du denn noch immer nicht beruhigt? Laß mich ein, öffne.«

»Nein, ich wohne allein hier, der Kellner weiß es, ich habe eben den Zettel ausgefüllt, geh, ich war ganz allein hier, geh doch. Ist noch jemand auf dem Korridor? Oh, Gott, steht er neben dir?«

»Lili, ich breche die Tür auf, öffne!«

Da hörte er sie ganz nahe an die Tür kommen, sie flüsterte: »Du warst gar nicht bei mir, hörst du? Hat er beim Portier nach uns gefragt? Geh nur schnell zu ihm, Guter, Lieber, geh, mir zuliebe.«

Immer noch diese herausgestoßnen, wirren Reden, dachte Adam, aber er sagte: »Du hast Schokolade bestellt?«

»Ja,« flüsterte sie, »Liebster, ich will Schokolade trinken.«

»Wann seh ich dich?«

»Das wirst du morgen oder noch heute hören. Lauf jetzt, Adam, lauf, nimm ein Auto, hol ihn ein.«

In diesem Moment verdichteten sich seine Einwände gegen das Durcheinander ihres Kopfes in einem kleinen Wort: Hysterisch. Er fand diesen Dialog durch die Tür beschämend, nein, er konnte nicht länger auf dem Korridor stehen und bitten, indes sie drin Schokolade trank. Er sagte nichts mehr, er stieg die Treppen hinunter, er wußte, alles war zu Ende. »Ich werde Lili nicht wiedersehn.« Es war ganz gleichgültig, wohin er jetzt ging, er verlor sich im Gewühl.

Lili horchte an der Tür, sie vernahm seine immer leiser werdenden Schritte, sie glaubte das Kreischen der Drehtür, durch die er sich treiben ließ, deutlich zu hören. Jetzt war er fort.

Sie kleidete sich wieder aus, schlüpfte in ihr blauseidenes Pyjama, legte sich ins Bett, öffnete die gelbe Ledertasche, nahm aus dem Seitenfach zwei Glasrollen, schenkte sich die beiden Tassen mit Schokolade voll, zog die Korkstöpsel aus den Phiolen und ließ in jede Tasse acht weiße Tabletten fallen. Dann nippte sie. Die Schokolade schmeckte immer noch süß, nur ein kleiner, bitterer Untergeschmack war da. Ich muß die Tassen ganz schnell hintereinander trinken, dachte sie, sonst schlaf ich nach der ersten Tasse ein und das genügt nicht, da werd ich wieder wach. Und so stürzte sie die zweite Tasse nach der ersten hinunter, es schmeckte gar nicht schlecht, nur ein bißchen dick und bitter. Dann lag sie eine Weile wach, das Herz klopfte ihr bis zum Halse, sie legte noch die Decke über ihre Schultern, huschelte sich zusammen, wie sie es als Kind getan. Mit hochgezogenen Knien, die eine Hand unter der Wange, die andere auf der Brust, wartete sie auf den langen Schlaf. Ihre Lippen sagten ein einziges Wort, immer wieder dasselbe: Ferdinand, Ferdinand. Wenn ich jetzt läute, dachte sie noch ganz deutlich, und der Kellner kommt und ich sage, daß ich mich vergiftet habe, dann holen sie eine Magenpumpe. Wie sieht eine Magenpumpe eigentlich aus? Auf den Augenlidern fühlte sie schon Schwere. Läuten, dachte sie, die Hand herausholen, wo ist der Drücker? Ferdinand ... Der Arm lag so schwer unter der Decke, sie war nicht mehr imstande, ihn auszustrecken.

 

Im Gedränge der lichtübergossenen Hauptstraße fiel den Leuten ein langbeiniger, blonder Mensch auf, der ziemlich rücksichtslos und, ohne sich zu entschuldigen, auf dem Fahrdamm mit Riesenschritten vorwärtsdrängte, plötzlich Kehrt machte und nun in noch hastigerem Tempo, bald auf dem Gehsteig, bald auf der Straße zurückrannte. Die erschrockenen oder erstaunten Menschen, über die er hinwegsah, öffneten ihm eine Gasse.

Es war etwa neun Uhr, als Adam, von Angst gejagt, wieder in der Halle vor dem Portier des Hotels Bristol stand. Die Dame von Zimmer 436 sei noch droben, antwortete der Mann, ohne die Kappe vom Kopf zu nehmen. Adam war mit drei Schritten wieder beim Aufzug, der Lift stieg ihm zu langsam den Schacht empor. Ehe der Holzkasten noch recht hielt, stand Adam schon vor der kleinen Tür, er klopfte. Keine Antwort. Er klopfte dröhnend mit schmerzendem Knöchel. Schweigen. Er hämmerte mit der Faust auf die Tür. Nichts regte sich drinnen. Da packte ihn der Irrsinn der Angst, er stürzte zum Portier hinunter.

»Der Dame auf 436 muß etwas zugestoßen sein, sie antwortet nicht.«

»Sie wird schlafen.«

»Sie schläft nicht; ausgeschlossen, daß sie schläft, ich sollte sie um neun Uhr abholen.«

Der Portier blätterte gelassen im Gästebuch. »Zimmer 436, Frau Justizrat Lili Bauer ... Sind Sie der Gatte?«

»Nein.«

»Dann lassen Sie sie schlafen«, sagte der Portier und drehte sich zu einem Amerikaner um.

»Mein Name ist Würz«, stieß Adam stotternd hervor. »Würz, Redakteur der ›Flamme‹, ich sage Ihnen, hier ist irgendetwas nicht in Ordnung, lassen Sie sofort die Tür aufbrechen!«

Der Portier, von der Erregtheit Adams angesteckt, spitzte bei dem Wort »Flamme« das Ohr, er war verdrossen durch die Möglichkeit eines schädigenden Zwischenfalls. Während er sich zum Scheine mit dem Amerikaner weiter unterhielt, warf er hin: »Herr Redakteur, wir brechen bei unseren Gästen nicht ein.«

»Aber ich sage Ihnen, hier muß ein Unglück geschehen sein.«

Der Fall begann den Portier zu interessieren, er zwinkerte einen Boy herbei, schob sich über das Pult, das dicke Gesicht ging nahe an Adam heran und fragte Würz fixierend, in inquisitorischem Ton:

»Woher wissen Sie denn, was in dem versperrten Zimmer geschehen ist?«

Da schlug Adam aufs Pult, sein Hut kollerte zu Boden, seine Strähne fiel ihm in die Stirn: »Herrgott, schwatzen Sie nicht, sondern holen Sie Schlosser und Arzt.«

Der Portier winkte dem Botenjungen, das hieß: Hol die Polizei! Der Boy flog durch die Drehtür.

»Ich werde vor allem dem Gatten der Dame telephonieren. Der Ehemann hat zu entscheiden«, sagte der Portier mit Betonung.

Adam war mehr in der vierten Etage als hier in der Halle, er hörte immerhin, wie der Portier die Nummer des Justizrates anrief, es sei ein Herr da, ein Redakteur der ›Flamme‹, der behaupte, im Zimmer 436, wo die Frau Justizrat schlafe, sei ein Unglück geschehen, er frage an, ob er die Zimmertür, wie der Redakteur es wünsche, aufbrechen solle, auf Kosten des Herrn Justizrats, ja, solche Streitfälle seien schon dagewesen. Schön, er lasse den Schlosser holen, der Sicherheit halber auch einen Arzt, auf Kosten des Herrn Justizrats natürlich. Ob man die Polizei verständigen solle? Nein, gut.

»Der Herr Justizrat wird in drei Minuten da sein.«

Adam wollte noch einmal im Lift hinauf, vielleicht kam jetzt Antwort, vielleicht war alles bloß dummes Mißverständnis, vielleicht hatte Lili für Momente das Zimmer verlassen.

Eine breite Hand hielt ihn am Arm fest, der Portier hatte nun den Fall in die Hand genommen:

»Können Sie sich legitimieren, Herr Redakteur?«

Adam fuhr instinktiv in die Brusttasche: Nichts. Er hatte kein Papier bei sich.

»Dann müssen wir warten, bis der Gatte der Dame kommt.«

Ehe noch der aufsteigende Streit ausbrechen konnte, war der Justizrat schon in der Halle, hinter ihm der Schlosser mit dem Werkzeug, und als letzter, hinter dem Botenjungen, vom Portier mit einem Blick begrüßt, ein Polizeiagent.

Adam trat auf den Justizrat zu. Bauer hob die Augen und sah ihn an. Der Blick aus diesem erloschenen Gesicht lag einige Sekunden auf Adam. War es ein Grüßen oder ein Prüfen oder ein Vorwurf?

Der Portier, im Gefühl seiner Wichtigkeit, stieg mit dem Schlosser in den Lift, der Justizrat hinter ihnen, Adam, ein fremder Mann.

Die fünf standen vor Zimmer 436, der Korridor war halb dunkel.

Der Portier klopfte, versuchte durch das Schlüsselloch zu gucken und mit einem Nachschlüssel zu öffnen, es ging nicht, der andere Schlüssel steckte von drinnen im Schloß, der Portier winkte dem Schlosser.

Nach einigem Drehen, Rasseln, Bohren, flog die Tür auf. Das Zimmer war ganz finster. Während der Portier das Licht andrehte, trat der Justizrat an das Bett.

Da lag Lili mit rosigen Wangen in ihrem blauen Pyjama, die linke Hand unter die Wange gebettet, die rechte Hand, eine Kinderhand, war aus der Decke herausgestreckt. Aber wie diese Hand vom Arm fiel, daran sah Adam sofort, es war die erstarrte hängende Hand einer Toten, ein Schluchzen brach aus ihm.

Der Portier drehte sich zürnend nach Adam um.

Der Justizrat trat ganz nahe an das Bett, er berührte die kindliche Schulter, sie war kalt. Er konnte sich nicht enthalten, die Locke, die über Lilis Auge gefallen war, zurückzustreichen, er legte die leblose Hand auf die Decke.

Dann sah er sich um, als suche er etwas. Er entdeckte die zwei Schokoladentassen, dann bemerkte er die zwei Veronalhülsen, die er sich kurzsichtig vors Auge hielt, er konnte noch mit tonloser Stimme sagen: »Arzt«, da entdeckte er auf der gelben Decke einen Zettel und ihren Goldcrayon. Auf dem Zettel hatte sie mit ihrer Kinderhand nichts geschrieben als: »Lieber Ferdinand.« Die beiden letzten Buchstaben waren schon ganz dünn und verzerrt, dann muß ihr der Bleistift entfallen sein.

Auf dem Korridor trat Adam an die Seite des Justizrats.

Beide sahen sich an, beide bewegten die Lippen, ohne sich zu hören.

Der Justizrat konnte wenigstens die Hand abwehrend aufheben, Hand und Auge sagten:

»Bitte, kein Wort, ich will nichts wissen.«

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