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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 15
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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14.
Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhn

Schneeberger konnte sich nicht enthalten, an Würz, der nach zwei Tagen »unentschuldigten Ausbleibens«, wie wir m der Schule sagten, endlich wieder in der Redaktion der ›Flamme‹ erschienen war, vertraulich heranzutreten:

»Waren Sie krank?«

»Nein.«

»Sie machen sich's leicht.«

»Finden Sie?«

»Er hat wiederholt nach Ihnen gefragt, konnten Sie ihm nicht ein paar Zeilen zur Erklärung schicken?«

»Nein, denn dann hätte ich anerkannt, daß ich hier Redakteur oder Sekretär oder sonstwie Angestellter bin, Sie wissen aber, daß ich durch keinen Vertrag verpflichtet bin, und ich will auch nicht gebunden sein.«

»Warum sind Sie heute hergekommen?«

»Das frag ich mich auch, wahrscheinlich, weil ich Geld brauche, aber sicher werde ich doch nicht die Frechheit aufbringen, es zu verlangen.«

»Er ist in entsetzlicher Laune, so hab ich ihn noch nie gesehen.«

»Das tut mir leid, aber ich kann es wohl nicht ändern.«

Adam hatte in diesem Augenblick nicht die geringste Lust zum Mitgefühl, er selbst war verdammt niedergeschlagen. Seit der peinlichen Begegnung auf der Treppe des Hauses, in dem er wohnte, war Lili nicht mehr gekommen. Was für drei Tage! Stundenlang hatte er auf dem Balkon gehockt, zuweilen mit einem Opernglas bewaffnet, und gewartet, er wartete vormittags, er hatte keine Lust, mittags auszugehen, er saß nachmittags beschäftigungslos auf dem Balkon und rauchte vierzig Zigaretten. Wenn es auf dem Gang läutete, schoß er in die Höhe, und wenn er enttäuscht zurücktrottete, hob er kaum die Füße. Er las Zeitungen, ohne sie aufzunehmen, er schaute in die Wälder gegenüber, ohne sie zu sehen, das Schrecklichste aber war der Abend und die Nacht. Was an ihm zehrte, das fühlte er zuweilen wie Magenschmerzen, ein Würgen im Hals, ein Krampf, es ließ sich nicht leugnen, wie in der innersten Herzkammer. Sehnsucht ist ein ebenso wirkliches Leiden wie bohrende Zahnschmerzen, die meisten wissen das nicht, weil sie von dem Herzbohrer der Sehnsucht verschont geblieben sind. Am Morgen kam der erste Anfall: Wenn Adam den Postboten heraufsteigen hörte und hinter der Tür stand und sich zu fragen schämte und dann doch auf den Gang trat und der Briefträger bedauernd die Achseln zuckte. Oh, dieses Horchen bei offenen Türen auf die Ereignisse auf der Treppe, dieses klägliche Immer-wieder-zum-Gang-Schleichen; dann wieder der Beobachtungsposten auf dem Balkon, das Schlimmste aber, das Unerträgliche, kam im Dunkeln. Zehnmal in einer Nacht drehte er das Licht an. Wenn es wieder finster wurde, sagte er sich ihren Namen vor. Lili, Lili, Lili. Zuweilen trampelten nach Mitternacht noch Leute ins Haus, es war ganz sinnlos, auf das Getrappel der Heimkehrenden zu horchen. Einmal schien er, im Bette liegend, ein ganz schwaches Klopfen an der Gangtür zu vernehmen, er sprang im Schlafanzug aus dem Bett, drehte alle Lichter an, rannte auf den Gang und kam selbstverständlich enttäuscht und zerschlagen zurück, und trotzdem er ein Gefühl der Vernichtung in allen Gliedern hatte, riß er noch die Balkontür auf, um ganz gewiß zu sein, und durchsuchte mit dem Feldstecher die leere nächtliche Straße. Es widerstrebte ihm, vormittags in die Villen-Straße, wo Bauers Haus stand, zu schleichen, er fand es beschämend, unwürdig und absolut unmännlich, und plötzlich stand er mittags doch in der verschlafenen Gasse vor dem Hause mit den dicht verhängten Fenstern und blinzelte und suchte durch die belaubten Frühlingssträuche. Er entwürdigte sich so tief, nachmittags mit verstellter Stimme Lili ans Telephon zu bitten, aber nie drang er über die phlegmatische Stimme des Hausfräuleins hinaus, die immer meldete, die gnädige Frau sei mit den Kindern ausgegangen, was sie bestellen, wen sie melden dürfe. Er schämte sich, seinen Namen zu nennen, und gab bald Sachsel, bald Klipp, einmal sogar in der Verwirrung Schneebergers Namen an. Lag er nachts mit offenen Augen im Bett, so fühlte er zuweilen eine grenzenlose Wut auf Roth. Wie er damals auf der Treppe stand, devot und lauernd, ans Geländer gepreßt, indiskret wartend statt einfach schnell zu verschwinden, das war nicht Ungeschicklichkeit, nein, das war Tücke. Jetzt, im Dunkeln, begriff er Lilis entsetzliche Angst vor diesem lauernden Menschen. Und tags darauf die Perfidie des Grußes, den der Justizrat der Angstgelähmten übermitteln sollte. Am dritten Tage fiel ihm ein, daß er vielleicht in der Redaktion telephonisch angerufen worden sein könnte, er stürzte in die ›Flamme‹. Nach dem vorwurfsvollen Gespräch mit Schneeberger rannte er zu der Telephonistin, dann fragte er Fräulein Leitermeyer II, dann den Hilfsredakteur, der am Telephon zu stenographieren pflegte, dann sogar Schneeberger.

Niemand, niemand hatte nach ihm gefragt.

Roth hatte sich an diesem Vormittag eingeschlossen, wieder war er, wie so oft an aufregungsreichen Tagen, von einer schädelzersprengenden Migräne gequält, dann hatte er, um sich arbeitsfähig zu machen, viel zu viel Pyramidon geschluckt, und nun lag er in einem der breiten Lederfauteuils, nicht wach und nicht schlafend, in einem Zustand lähmender Dämmerung. Er versuchte sich auf die zwei Wichtigkeiten des Tages zu konzentrieren. Da war zuerst der Streit mit Koch. Der Gewerkschaftssekretär hatte auf den sanften, dreimal gemilderten, freilich ins Zentrum treffenden Artikel »Deutschlands Köche« gar nicht sanft, sondern mit einer Roheit sondergleichen geantwortet. Durch alle Arbeiterblätter wanderte ein Artikel Kochs: »Wie ich den Flammen-Menschen vor Bestechung rettete.« Darin war mit höhnischem Zynismus eingestanden, daß man zwei Wege zur Bändigung des Flammen-Menschen habe, der eine sei die Behandlung mit dem Honigtopf, dauerndes Einschmieren mit süßen Anerkennungen, der andere aber sei der kräftige Griff in den Nacken, die eiserne Umklammerung des Halses im Momente der Gefahr. Dann war die abscheuliche Szene, bei der der Flammen-Mensch auf- und davongerannt war, unerbittlich erzählt und hinzugefügt: »Mein eiserner Griff verhinderte die Verständigung mit Diamantidi.« Kein Zweifel, diese rohe Attacke wirkte. Roth sah es aus den Briefen an die ›Flamme‹, auch an einigen hundert Abbestellungen. Er fühlte sich durch die Gemeinheit nicht getroffen, aber es fror ihn, Koch hatte ihm die Kleider der Legende vom Leibe gerissen, auf einmal stand er vor sechzigtausend Gaffern nackt und arm da. Zum erstenmal fühlte er auch keine Lust zu antworten, es ekelte ihn, er entwarf zwei, drei, vier Erwiderungen, saugrobe und bitterironische, nachsichtige und blutige. Diesmal hatte ihn sein nachtwandlerischer Instinkt verlassen, er wußte nicht, sollte er den Angriff Kochs bagatellisieren oder noch vergrößern, pathetisch oder spitzig antworten, sich zum Witz zwingen oder mit der Hacke dreinhauen. Jetzt hätte er jemanden neben sich haben müssen, der für ihn einsprang, aus innerster Gemeinschaft sich für ihn ins Zeug legte. Natürlich fiel ihm Adam ein, und da er sich von ihm nicht bloß verlassen, sondern geradezu verraten fühlte, so begann er an einem Brief herumzukritzeln, worin er Würz das Betreten der Redaktion einfach untersagen wollte. Noch schlimmer war die andere Sorge. In der ganzen Stadt klebten riesige Plakate mit demselben mysteriösen Wortlaut, wie jener kleine Laufzettel nach der Streik. Versammlung: »Lest nicht die ›Flamme‹, lest die ›Sonne‹ Aber, Herrgott, was dahinter steckte, das mußte die Auskunftei doch endlich einmal herauskriegen können! Er sprang aus dem Fauteuil und läutete Fräulein Leitermeyer II. Sie war sofort da, in ihrem dunkelblauen Kleid mit weißem Kragen und Manschetten, ganz leise, geduckt, das Bureau zitterte seit zwei Tagen vor dem rasenden Chef, sie hielt einen Akt in der Hand, zum Bericht bereit. Ehe Roth noch gefragt hatte, begann schon ihre Antwort:

»Wir haben wegen der Plakate unsere vier tüchtigsten Rechercheure in Bewegung gesetzt. Von dem Drucker war leider nichts zu erfahren. Wir haben es mit allen Methoden versucht, zuletzt schickten wir ganz offen einen Beauftragten der ›Flamme‹ hin, der Drucker bat um Bedenkzeit, aber seine letzte Antwort war: »Einen so großen Auftraggeber wie den der ›Sonne‹ darf ich nicht preisgeben und wenn die ›Flamme‹ mich verschlingt.« Dann ließen wir die Druckerei unauffällig überwachen. Dabei haben wir – ich muß sagen, ich fürchte – eine Spur entdeckt. Gestern und heute ist, nach den eingelaufenen Berichten, Ihr Herr Bruder in jener Druckerei gewesen. Es ist leider nicht ganz ausgeschlossen, daß er mit der ›Sonne‹ im Zusammenhang steht.«

»Wann hat er hier zum letztenmal Geld behoben?«

»Das ist es ja, was uns stutzig macht. Er sollte am fünfzehnten wie immer seine Monatsrente beheben und ist nicht gekommen. Das war noch nicht da.«

Roth sagte nur: »Gut, ich danke.« Etwas bekümmert, zögernd ging Fräulein Leitermeyer II zur Tür. Um auch etwas Angenehmes zu melden, sagte sie: »Herr Würz ist heute erschienen.«

Der Chef antwortete nicht, die Leitermeyer zog lautlos ab. Roth legte sich wieder in den Fauteuil. Durch ein Fenster drang setzt ein Streifen greller Sonne, er stand aufschob die Holzladen vor und blieb mit bleiernem Schädel im Halbdunkel liegen. Seine Spürhunde waren schon auf richtiger Fährte. Ja, hinter der ›Sonne‹ steckte Raoul, der Affe. Das war die Antwort auf das amerikanische Angebot. Aber wer steckte hinter seinem Bruder? Er sagte sich die Antwort des Druckers vor: »Einen so großen Arbeitgeber darf ich nicht preisgeben«, plötzlich fiel ihm des Justizrats Warnung ein, und setzt entzündete sich ein Licht in ihm, das unbezweifelbare Wissen: Diamantidi rächt sich! Diamantidi hat meinen Bruder gekauft! Es war fast eine Erleichterung, als dieser Verdacht, diese Gewißheit in ihm aufsprang. Jetzt wußte er, wie die Feinde sich gruppierten, jetzt konnte er sich schützen. Morgen mußte der geheime Plan ans Licht. Morgen! War die Enthüllung nicht zugleich eine Festnagelung? Schmiedete er die beiden nicht auf diese Weise vielleicht erst fest zusammen? Und wie, wenn Koch dann eine kleine Schwenkung zu Diamantidis ›Sonne‹ unternimmt? Nein, er wollte nicht mit zwei Todfeinden auf einmal ringen. Kein Zweifel, mit Koch mußte schnell ein Waffenstillstand geschlossen werden. Er wird seine Antwort ganz kurz und milde fassen. Aber da fiel ihm der entsetzliche Wortlaut des Kochschen Überfalls ein. Nein, hier durfte er nicht sanft antworten, weder ihm noch der gefühlvollen Speyer. Wie wär's, wenn er nur einen kleinen, scharf gespitzten, an der Spitze vergifteten Pfeil gegen die »Köche und Köchinnen« losließe? Die Partei ist so sittlich! Ist Koch nicht Familienvater? Er wollte schnell zur Leitermeyer II hinüber, den Akt »Koch« durchfliegen.

In Schneebergers Zimmer stolperte er über ein paar Füße. Ärgerlich brummte er: »Ziehen Sie doch Ihre endlosen Beine ein.«

Der Angeredete ließ langsam die Zeitung fallen, es war Adam. Er sagte kurz: »Pardon«, kein Wort mehr.

Roth war stehengeblieben. Wartete er auf irgend etwas? Aber Adam hob langsam die Zeitung wieder vors Gesicht, um weiterzulesen.

In Roth stieg eine heiße Welle auf. Er konnte nicht anders, er mußte sagen: »Warum sind Sie heute gekommen? Ich nehme an, daß Sie Geld brauchen?«

Adam ließ wieder langsam das Blatt sinken, er erwiderte, wie es schien ohne Erregung: »Sie haben es erraten.«

Roth verschwand im Zimmer der Leitermeyer II, dann lief er mit dem Akt unterm Arm in seinen Arbeitsraum zurück, an Adam vorbei, dann läutete er Schneeberger.

Einige Minuten später watschelte Schneeberger auf Würz zu. »Ich soll Sie fragen, wieviel Geld Sie brauchen.« Ehe Adam noch erwidern konnte, fügte Schneeberger hinzu: »Aber der Chef läßt Ihnen sagen, daß es eigentlich unnötig ist, daß Sie sich selbst herbemühen, Sie können vielleicht einen Boten an die Kasse schicken.«

Da stand Adam auf und ging, ohne sich zu beeilen, ohne sich umzusehen, zur Tür, deren Klinke, das stand fest, er nie mehr berühren würde.

 

Von der Druckerei wollte Roth sogleich nach Hause, er hatte das Gefühl, vor einer schweren Krankheit zu stehen, aber im Auto sah er, die Augen schließend, sein Zimmer mit den abgeblaßten Plüschmöbeln vor sich, er roch in allen Räumen ganz deutlich die bürgerliche Küche der Leitermeyer I, er sah sie selbst in ihrem schwarzen, anliegenden Kleid, mit viereckigem Busenausschnitt, er hörte ihr neugierig-geschwätziges Fragen und gab dem Kutscher die Weisung, zum Hotel Bristol zu fahren. Dort, in der dichtgefüllten Halle, in dem eiligen Durcheinander ankommender und abreisender Menschen, im Lärm der quietschenden, trommelnden, singenden Amerikanermusik, angestarrt von Kokotten, die hier als große Damen, den Pelz über den blanken Schultern, vorbeiwandelten, schien er, von Kellnern flugs bedient, durch grellstes Licht gereizt, zum erstenmal ein Gefühl von Ausruhen und Entspannung zu fühlen. Er trank drei, vier kräftige Schnäpse, er entdeckte in der Bar Diamantidis Generalsekretär Schreiber, der eben den Oberarm einer etwas zu stark geschminkten Dame zärtlich umfaßte, er sah, wie Doktor Schreiber allmählich seinen beobachtenden Blick im Rücken fühlte, sich plötzlich umdrehte und wie ein ertappter Schuljunge verlegen grüßte. Ununterbrochen stieg der Lift in die Höhe. Alles nur Hotelgäste? Nein, da oben hauste ein Spielklub, er ließ sich in die Höhe tragen, aber vor der Tür des verbotenen Klubs wurde er zurückgewiesen. »Das ist nichts für Sie, Herr Chefredakteur«, hörte er im Korridor einen Herrn lachend sagen, der eben verschwand. Als Roth hinunterkam, schien ihm die Halle leerer. Auch Diamantidis Sekretär war schon fort, wie ärgerlich! Mit der Kokotte? Natürlich. In der halbleeren Halle kam nicht einmal eine der Pelz-Schönen auf ihn zu. Weil ich meine alten, ungebügelten Kleider trage, weil sie sehen, daß meine Hände nicht manikürt sind, weil auf meinen Stiefeln Druckereistaub liegt. Ich Esel, sagte er sich, morgen trage ich einen von den drei neuen Anzügen, die im Schrank hängen. Aber er hatte keine Lust, den steinernen Gast zu spielen, und fuhr nach Hause.

Die Leitermeyer I war während des langen Tages – ihr Leben war ja Warten – auf die närrische Überraschung verfallen, Roth im blauen, weiß geblümten Dirndelkostüm zu empfangen. Ein strammes Mieder arbeitete ihre Vollfigur kräftig heraus, weiße Strümpfe, Sommerschuhe sollten ihn erfreuen.

»Fällt Ihnen gar nichts auf?« fragte Fräulein Leitermeyer I schmollend.

»Wo liegt meine Hausjacke? Wieder nicht an der vereinbarten Stelle.«

»Hier,« sie hielt ihm die Hausjacke, die auf einem Sesselrücken lag, vor die Nase, »und sonst haben Sie nichts zu sagen?«

»Nichts, außer daß ich Sie bitten möchte, nicht zu sprechen. Gönnen Sie mir eine Auffrischungsfrist, ich komme etwas erschöpft nach Hause.«

Sie schwieg, sie half ihm aus dem Rock in die Hausjacke, er legte sich in einen Klubsessel, sie beugte sich hinab, knüpfte ihm die Schuhbänder auf, kniete neben ihm, setzte seine Füße in weiche Hausschuhe, er hatte ja wahrhaftig ein Recht auf Müdigkeit. Sie sah ihn an und fragte ängstlich:

»Ist etwas Besonderes vorgefallen?«

»Nichts.«

»Wollten Sie nicht Herrn Würz zum Abendessen mitbringen? Sie sagten es vorgestern.«

»Nein.«

Er schrie. Sie fragte nichts mehr, sondern schlich in die Küche. Von der Küche entwich sie in ihr kleines Zimmerchen, sie riß sich die Dirndelbluse herunter, sie hakte das Mieder auf, sie stieg aus dem blauen, weißgeblümten Rock. Die ganze lächerliche Herrlichkeit lag jämmerlich auf dem Boden. Aus dem Schrank holte sie ihr gewöhnliches schwarzes Kleid mit dem viereckigen Ausschnitt. Dann setzte sie sich in die Küche und las bei schlechtem Licht. Er wird schon läuten!

Roth legte sich auf die Ottomane, die Migräne von früh morgen hatte ihn wieder überfallen, er hatte das Licht abgedreht, er sah im Dunkeln die riesigen Plakate: »Lest die ›Sonne‹« vor sich und auf einmal war sein Bruder Rudolf vor ihm als kleiner Junge, der ihn, den viel älteren, Sonntags mit der Tante im Waisenhaus in Mainz besuchte. Warum eigentlich hatte die Tante Rudolf bei sich behalten und warum mußte er in diesem kahlen Massensaal schlafen, an langen Tischen mit sechzig Kameraden essen, warum wurde sein Schlafsaal um neun Uhr verfinstert, indes Rudolf mit der Tante bei der Militärmusik im Volksgarten wach bleiben durfte? Warum, hatte er einmal die Tante gefragt, bleibt nicht Rudolf ein Jahr im Waisenhaus und ich ein Jahr in der Freiheit, warum wechseln wir denn nicht ab? Geht's dir denn hier schlecht? hatte die Tante geantwortet. Aber warum durfte er nicht wenigstens einen schönen weißen Halskragen wie Rudolf tragen? Warum diese verhaßte schwarz-graue Uniform? Einmal, am zweiten Weihnachtsfeiertag, kam die Tante zu Besuch, der geplünderte Christbaum stand noch im großen Speisesaal, die Tante war in freundlicher Stimmung und wollte ihm, damals war er schon zwölf Jahre alt, freundlich übers Haar streichen, da packte ihn plötzlich solche Wut, daß er sich blitzschnell umdrehte und die Tante in die Hand biß. Wenn Rudolf an diesem Unglückstag einen Augenblick bei ihm geblieben wäre, wenn er ihm eines von den Bonbons, von denen er die Taschen voll hatte, zugesteckt hätte! Aber es fiel Rudolf gar nicht ein, er gehorchte auf den Pfiff der Tante und zottelte artig hinter ihr her. Dann sahen sich die Brüder zwei Jahre nicht. Rudolf mußte die angeblich kranke Tante nach Italien begleiten. Zu Weihnachten, Ostern kamen Ansichtskarten. Florenz, Syrakus, Capri. Dann kam Leopold in das Volksschullehrerseminar, von Rudolf hörte er nur, daß er mit der Tante in Neapel lebte. Vor der Schlußprüfung kam der Krach im Seminar, Leopold wurde ausgestoßen, er setzte eine Annonce in die Volkszeitung: Junger Student, Anhänger Rousseaus, gibt Unterricht. Es meldeten sich zwei Nachhilfeschüler, er aß in den Volksspeisehallen, abends trieb er sich stundenlang in den verrufenen Gassen herum, ein Siebzehnjähriger. Er bebte vor Erregung, wenn er zusah, wie ein Freimädel einen gaffenden Soldaten mit dem Ellenbogen auffordernd anstieß, er haßte die Polizisten, die den Dirnen in den ihnen gesperrten Hauptstraßen auflauerten, und sein Hauptspaß war es, flinkfüßig, wie er war, die Mädel rechtzeitig vor den herannahenden Geheimagenten zu warnen. Der erste Aufsatz, den er in die Redaktion der Volkszeitung brachte, lautete: »Jagd auf Freudenmädchen.« Der Lokalredakteur Schneeberger las die Arbeit in seinem Beisein, sah ihn über die Brille an, sagte: »Suchen Sie sich einen anderen Beobachtungsposten«, wies ihm aber acht Mark Honorar an und setzte L. R. unter den Artikel. Der Lokalredakteur war ihm gut gesinnt, er schickte den blutjungen Menschen zum Kriminalgericht. Dort saß Roth von neun Uhr früh bis fünf Uhr nachmittags und horchte und notierte. Die Richter, denen die Berichte des blassen, mageren Menschen vorgelegt wurden, veränderten ihr Betragen, wenn er in den Gerichtssaal trat, sie zähmten ihre Eilfertigkeit, sie befragten die Zeugen ausführlicher, sie begründeten ihre Urteilssprüche exakter als sonst, sobald dieser unbequeme Beobachter in seiner Bank saß und unaufhörlich Notizen machte. Oh, das ganze Kriminalgericht haßte ihn schon damals. Rudolf aber lebte indes in Neapel, in Paris, in Luzern ... Ganz genau erinnerte er sich des Tages, an dem ihm der Redaktionsdiener der Volkszeitung eine Visitenkarte brachte

Raoul Roth
Mitglied des Stadttheaters in St. Gallen

Leopold kam ins Vorzimmer hinaus, seinen Bruder zu besichtigen. »Wie siehst du denn aus?« fragte der Ältere und schaute auf die weißen Gamaschen, die bunte geckige Weste, das Seidentüchlein, das nachlässig aus der Seitentasche des Jacketts flatterte. »Eben wollte ich dich dasselbe fragen«, antwortete der Jüngere. Es war das erste Gespräch der Brüder nach langen Jahren, es waren die ersten Blicke, die die Erwachsenen für einander hatten und Blick und Wort beider waren voll Abneigung. Ihr Gespräch in diesem dunklen Vorzimmer war ganz kurz. Dann sahen sie sich wieder acht oder neun Jahre nicht, bis eines Tages, die ›Flamme‹ war schon gegründet, Roth durch einen Rechtsanwalt einen Brief erhielt, wonach Rudolf in einen unangenehmen Automobilhandel verwickelt war, der nur durch sofortige Zahlung von zweitausend Mark den Strafgerichten entzogen werden konnte. Er ließ Rudolf kommen, gab ihm das Geld und fragte, wo er engagiert sei. Es stellte sich bei hartnäckiger Untersuchung heraus, daß Rudolf schon seit zweieinhalb Jahren nur mehr gelegentlich auf die Bühne gekommen war. Als Leopold fragte: »Hast du denn etwas Rechtes gelernt?« antwortete Rudolf lachend: »Na, hör mal, aus dem Seminar bin ich zwar nicht hinausgeworfen worden, aber ist denn das gar so viel?« »Ich habe meinen Beruf selbst gesucht und selbst gefunden«, antwortete der Ältere. »Ach Gott, moralisierst du noch immer? Das ist eine alte Waisenhausgewohnheit.« Darauf erwiderte Leopold kein Wort. Alles, was Rudolf tat und sprach, auch diese dumme Umtaufung in den parfümierten Namen ›Raoul‹ war ihm widerwärtig, er haßte weiße Gamaschen und flatternde Seidentücher in den Jackettaschen. Eines Tages erschien Rudolf in der ›Flamme‹ und schlug ihm vor, als Redakteur für Sport und Mode einzutreten, »natürlich gegen ein fürstliches Gehalt«. Roth sah vom Schreibtisch fragend auf: »Kannst du denn schreiben?« Da antwortete Rudolf mit jener verletzenden Vertraulichkeit, die nur unter Brüdern möglich ist: »So gut wie du werd ich's auch noch treffen.« Er hatte die ›Flamme‹ nicht einmal angesehen, denn sonst mußte er wissen, daß in diesem Blatt für Modeäffereien kein Platz war. Dann kam die erste Mitteilung, daß Rudolf sich als Redakteur der ›Flamme‹ ausgegeben und von einem eleganten Schneider drei Anzüge und einen Pelz herausgeschwindelt hatte. »Herausgeschwindelt«, sagte Leopold mit voller Betonung. »Lieber Bruder,« erwiderte Rudolf, die Hände in den Hosentaschen, »du kannst die Sache ordnen, wenn du mir und vielleicht auch dir einen Gefallen tun willst, aber du darfst mich nicht anpredigen. Wenn es dir so mies ginge wie mir, würdest du, wie ich dich kenne, noch ganz andere Streiche begehen. An Geld fehlt es mir, mit Moral bin ich versorgt.« »Nie habe ich irgend jemanden, auch als es mir ganz dreckig ging, irgend etwas herausgeschwindelt, ich verbitte mir jeden Vergleich.« Rudolf putzte sich mit einem blütenweißen Battisttuch die Nase: »Habe gar nicht das Bedürfnis, dich, teurer Bruder, nachzuahmen, du bist fürs Charakterfach, ich suche leichtere Rollen. Jedenfalls würde ich, wenn ich wie du Geld scheffelte, dich nicht so lange zappeln lassen.« Es hatte keinen Sinn für Roth, sich mit Rudolf zu unterhalten. Er wollte den Bruder lieber gar nicht sehen, am ersten und fünfzehnten sollte er sich bis auf weiteres eine Monatsrente abholen. Dann kam der Zusammenstoß in jener Bar in Adams Gegenwart, kurze Zeit danach wurde die Anpumpung bei Diamantidi aufgedeckt, wieder fand Raoul-Rudolf diese dummdreisten Ausreden, auf die der Ältere mit jener furchtbaren Züchtigung in der Redaktion geantwortet hatte. Und jetzt kam die ›Sonne‹, die eigentliche »Brudertat«. Ich habe keine Angst vor ihm, sagte sich Roth, er ist nur faul und frech, aber Diamantidi, der hinter ihm steht, wird ihn nicht dilettieren lassen, er wird nur seinen, meinen Namen benutzen. Morgen werden überall Plakate zu sehen sein:

»Roth schreibt in der ›Sonne‹!«

»Das neue Abendblatt, Herausgeber: Roth.«

Es wird, Diamantidi wird schon dafür sorgen, die schmählichste Kopie der ›Flamme‹ sein, dasselbe große Format, die gleichen Lettern, die gleiche Aufmachung – kein Zweifel, es wird, da Diamantidis Millionen zur Verfügung stehen, ein Kampf auf Leben und Tod werden. Vielleicht wird Diamantidi die ›Sonne‹ in das Glashaus auf dem Bahnhofplatz setzen, morgen muß die Leitermeyer II Erkundigung bei der Vereinsbank einziehen. Ah, und diese Verwechslungen, die nicht ausbleiben werden. Der Flammen-Roth, der Sonnen-Roth! Der »Chefredakteur Roth«. Systematisch wird Diamantidi die Vornamen unterschlagen lassen. Er stöhnte. – – –

Fräulein Leitermeyer hatte längst den Tisch gedeckt als sie die stöhnenden Laute aus Leopolds Zimmer vernahm. Alle Kränkung war vergessen, sie öffnete leise die Tür, ein Lichtspalt drang in seine Dunkelheit:

»Fehlt Ihnen etwas? Lieber, warum stöhnen Sie?«

Er sprang auf: »Sie haben recht, ich lasse mich gehen, wir wollen abendessen.«

Schweigend aßen sie.

Nach dem Kalbsbraten hatte Leopold ein Glas Wein hinuntergestürzt. Da wagte die Leitermeyer zu sagen: »Sie sollten ein paar Tage ausspannen, Sie sind furchtbar überreizt, ich habe Sie noch nie in einem ähnlichen Zustand gesehen.«

»Wirklich? Mach ich den Eindruck der Überreiztheit? Es war ja einiges los in diesen Tagen.«

Als er nach dem Käse ein zweites Glas Wein getrunken hatte, wagte die Leitermeyer noch einmal, auf die Erholungsreise zurückzukommen.

»Sie schreien auch in der Nacht, im Traum. Gestern wurde ich dreimal geweckt. Könnten wir nicht schnell irgendwohin in den Schwarzwald oder an den Bodensee gehen? Sie müssen etwas für sich tun.«

Roth steckte eine Zigarre an, er war zu Hause gewohnt, nicht zu antworten.

»Erinnern Sie sich, wie schön es vor zwei Jahren in Hersching war? Fahren wir doch für vierzehn Tage an einen bayrischen See – Schneeberger und Würz und der neue Hilfsredakteur werden Sie eine Zeitlang ersetzen können.«

Roth blies langsam den Rauch aus dem Munde, er sagte leise: »Würz ist nicht mehr da.«

Fräulein Leitermeyer I konnte gar nicht antworten; also dieser angenehme, blonde Mensch war auch schon wieder davongelaufen. Wieso hielt es eigentlich keiner bei der ›Flamme‹ aus? Roth ist doch wirklich gut zu Würz gewesen, vor vier Tagen hatte er noch gesagt: »Adam beginnt sich einzuleben«, und jetzt war auch der geflohen. Sie wagte gar nicht zu fragen, warum. Aber mit einer eigensinnigen Beharrlichkeit wiederholte sie: »Sie müssen weg, Lieber, Sie wissen gar nicht, wie es mit Ihnen steht, fahren wir für acht Tage nach Hersching wie vor zwei Jahren. Damals hat Schneeberger mit seinen Gehilfen die Arbeit auch bewältigt, Sie müssen fort.«

Als er noch nicht antwortete, sagte sie mit etwas forcierter Entschlossenheit:

»Ich gehe morgen ins Reisebureau und besorge Schlafwagen.«

»Liebe Leitermeyer,« – schon seine Anrede beunruhigte sie – »Sie sind sicher eine gute Seele, Sie meinen es auch gut mit mir, aber Sie können mich rasend machen. Ich – wegfahren – jetzt?! Es geht gerade auf Leben und Tod, das müssen Sie doch spüren, auch wenn ich nicht rede. Die Erinnerung an den entsetzlichen Sommer in Hersching war auch nicht gerade das Klügste. Haben Sie denn aus diesem fürchterlichen Zwangsaufenthalt nichts gelernt? Nun also, ich gehöre zu den Menschen, die von der Natur nur beunruhigt werden! Ich kann nicht stundenlang auf einer Terrasse sitzen und untätig aufs Wasser sehen! Sechs Minuten, in Gottes Namen, und dann im Auto in die Stadt zurück. Wenn ich mir vorstelle, daß ich jetzt eine halbe Stunde lang, ohne Ziel, ohne Zweck in einem Wald herumirren soll – ohne Nachricht vom Blatt, ohne Telephon, ohne Briefeinlauf – fürchterlich. Ich kann nicht Veilchen im Walde suchen, das liegt mir nicht, merken Sie sich das endlich! Ich kann auch noch nicht leben wie ein Pensionist, im Ruhestande, so heißt es ganz richtig, ich muß im Unruhestande leben, ich brauche den Lärm des Setzersaals, das ist Musik für mich, und das Telephon und das Klappern der Rotationspresse, ich brauche das Blatt, das aus der Maschine fliegt, und Kochs Antwort und Diamantidis Geschoß. Haben Sie denn wirklich nach drei Jahren, die Sie neben mir leben, so wenig Ahnung von mir, daß Sie nicht sehen, wie ich vor Verzweiflung vergehen müßte, wenn ich setzt in die Gedankenlosigkeit der Natur verbannt würde. Ich habe ja schon damals in Hersching nur von Post zu Post gelebt, und das Schönste am Ammersee war der Mann, der die Depeschen austrug. Und damals war verhältnismäßig Frieden um mich herum. Jetzt aber geht es auf Leben und Tod.«

Fräulein Leitermeyer I sah Roth an, sein Gesicht war ganz mager, seine Augen waren glanzlos, sogar die Haare fielen kraftlos auf die Schläfen. Sie wagte nicht, eine Frage zu stellen, sie verschluckte ihre natürliche Antwort, sie ging in die Küche und blieb draußen.

Es fiel Roth nicht ein zu fragen, warum sie nicht wiederkam, er legte sich wieder im verdunkelten Nebenzimmer auf die Ottomane und hörte auch das bittere Schluchzen aus der Küche nicht.

Die Leitermeyer war im Begriff, sich in ihrem kleinen Zimmerchen zu entkleiden und zu Bett zu legen, als er heftig an ihre Türe pochte.

»Können Sie stenographieren?«

»Nein.«

»Konnt ich mir denken. Aber wollen Sie denn schon schlafen gehn? Nehmen Sie sich einen Schlafrock um und setzen Sie sich an meinen Schreibtisch.«

Seine Stimme klang wieder frisch, er hatte sein hastiges Tempo wieder, er war wieder lebendig geworden. Sie zog einen hellroten Bademantel um die Schultern, knüpfte den roten Gürtel um die starkgewölbten Hüften, ihre gelbweißen, wohlgerundeten Schultern glänzten aus dem Mantel hervor.

»Ach Gott, ach Gott«, lachte Roth mit einem Blick auf den etwas entblößten Busen. »Verführt wird jetzt nicht! Nehmen Sie sich lieber einen weichen Blei und schreiben Sie, so schnell Sie eben können. Warum Sie übrigens in Ihrer freien Zeit, den ganzen Tag, nichts Vernünftiges lernen, weiß ich nicht. Nur Odaliske? Heutzutage? Na also, schreiben Sie, los! Nein, schreiben Sie noch nicht. Ich will Ihnen zuerst sagen, um was es sich handelt. Die ›Flamme‹, das werden Sie hoffentlich allmählich begriffen haben, wird zur Zeit von rechts und links, von vorn und hinten beschossen. Dazu droht Diamantidi mit einem niederträchtigen Konkurrenzunternehmen. Da ist mir nun eben auf der Ottomane eingefallen, daß ich ein großes Flammen-Fest geben muß. Schreiben Sie auf der ersten Seite nur das eine Wort: Flammen-Fest. Ich muß einmal alles beisammen sehen, was mit mir geht oder was mich fürchtet. Morgen muß das Komitee gebildet werden. Da muß hinein: Der Bürgermeister, Stadtrat Klipp, die Direktoren der Vereinsbank – notieren Sie genau, jeder Name auf einer Zeile – die Leiter des Bankbeamtenverbandes, die Speyer und ihr Zimmermann, natürlich auch die Speyer, sie soll es wagen, abzulehnen, der Oberregisseur Sachsel vom Stadttheater, die Mary Orber – warum denn nicht, ja, auch die Orber – das ganze Theatergesindel, am liebsten hätte ich auch Diamantidi auf der Liste. Warum eigentlich nicht? Die Frau, die Willessen, laden wir jedenfalls ein. Dann die Herren von der Landesregierung – genau nach dem Adreßbuch, und es muß mir jeder einzelne gemeldet werden, der absagt, dann die Landgerichtspräsidenten, für alle diese nur Ehrenkarten, dann die Schriftsteller – Schneeberger soll Ihnen eine Liste aller Mitarbeiter geben – Maler, Professoren. Gibt es große Kokotten bei uns? Ich weiß die wichtigsten Dinge nicht. Das Fest wird in den Stadtanlagen stattfinden. Beginn: sieben Uhr abends. Titel: »Nachtfest der Flamme«. Einige Zelte, die anlocken. Schreiben Sie: Hauptzelt, orientalisch beleuchtet, »der Harem des Stadttheaterdirektors«. Den Witkowski können wir schwerlich einladen, er käme übrigens. Justizrat Bauer? Nein, das ist kein Mensch für Feste. Die Frau? Nein, lassen wir auch weg. Aber alle Verteidiger, die täglich in der ›Flamme‹ genannt sein wollen. Weh ihnen, wenn sie ausbleiben! Dann machen wir ein Zelt: »Nacht im Warenhaus.« Da muß Sachsel die berühmte Versteigerung inszenieren. Am Schluß, so gegen drei oder vier Uhr nachts muß ein noch nicht dagewesenes Feuerwerk steigen. Titel: »Die Welt in Flammen.« Wenn dann die ganzen Anlagen im glühenden Licht liegen, rot und golden, dann soll eine kleine schäbige Rakete aufsteigen, eine künstliche ›Sonne‹ und dann kommt die tolle alles überleuchtende Front: Die Flammen verschlingen die Sonne. Haben Sie alles? Schreiben Sie, jeder Einfall eine Zeile. Wir wollen uns das Fest was kosten lassen. Vergessen Sie nicht: Preise für das schönste Flammen-Kostüm. Motto auf der Eintrittskarte: »Jeder Herr erscheint mit seiner Flamme.« Von morgen an muß in jeder Nummer des Blattes ein Hinweis auf das Fest zu lesen sein ... Machen Sie drei Abschriften von diesem Diktat. Eines geben Sie Ihrer Schwester, die ist nur für die Einladungsliste verantwortlich, das zweite geben Sie Schneeberger, der hat die offizielle Welt herbeizuschaffen, und das dritte Exemplar will ich auf meinen Schreibtisch haben, da wird jede Absage eingezeichnet, ich will doch einmal sehen, ob die ›Flamme‹ noch lebt und wer zu ihr gehört.«

Während er diktierend durch das Zimmer trabte, war Roth wieder der alte, elektrisch geladen, das Auge phosphoreszierte, er fuhr sich durch die welligen Haare, er sprudelte die Einfälle heraus, hundertdreißig Worte in der Minute, dachte die Leitermeyer I, die kaum nachkommen konnte.

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