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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 14
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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13.
Musik der hellen Augen

Vor wieviel Wochen ist Mama Klipp gestorben? Es war nicht möglich, die alte Dame in dem Durcheinander dieser Erzählung so ausführlich vorzustellen, wie sie es verdient hätte, und sie bloß zu streifen, das war unmöglich. Das ist ihr bis ins zweiundsiebzigste Jahr nicht passiert, sie war immer Hauptperson oder sie war gar nicht da, wobei festgestellt werden muß, daß sie selbst viel lieber gar nicht da war. Sie liebte eine bestimmte Ecke im Klippschen Garten, nicht die chinesische Laube neben dem Teich, auch nicht die Rundbank um den Nußbaum, sondern ein schon etwas morsches Holzhäuschen, das am Eingang zum Gemüsegarten stand. Von dort aus sah man bis hinüber zu dem Gitter an der Straßenseite und auf der andern Seite zu dem Badehäuschen am Teich, hinüber über die Erdbeerbeete und Stachelbeersträuche. Es gab in den letzten Jahren nur drei Leute, mit denen die alte Dame zu sprechen pflegte, der eine war der schwerhörige Diener Eduard, der schon bei ihrem Vater angefangen hatte, dann kam zuweilen eine Altersgenossin, die Mutter des Bürgermeisters, zu Besuch – die mit ihr einst, auf Jugendphotographien, in gebauschten Seidenkleidern oft aufgenommen worden –, und der dritte war ihr Sohn Anton, den sie bis zum Tage vor ihrem Tode früh morgens beim Kaffee und meistens auch nachmittags um halb fünf zum Tee bei sich sah. Anton Klipp war der Weltreferent seiner Mama, sie erfuhr von den Dingen außerhalb des Gitters, das, was Anton zu berichten für nötig hielt. Über die Majoritätsverhältnisse im Stadtrat war sie, übrigens auch durch ihre Jugendfreundin, ausgezeichnet unterrichtet, hingegen waren ihr die blutigen Einzelheiten des Weltkrieges nicht genau bekannt geworden und sie war eigentlich erstaunt, daß die Deutschen, trotzdem sie bei ganz geringen Menschenverlusten ununterbrochen gesiegt hatten, am Ende doch den Krieg verloren zu haben schienen. Ganz aufgeklärt hat das ihr Sohn nie. Mama Klipp liebte grauseidene Kleider, mit dunkelblau geputzt, aber sie haßte bis ins dreiundsiebzigste Jahr Häubchen, weil sie alt machen. Sie hatte auch mit dreiundsiebzig Jahren, mager, durchsichtig, weiß, wie sie war, ein bezauberndes Lächeln und ihr Sterben war, wie ihr Leben, ganz leise, sie störte keinen, eines Morgens fand man sie eingeschlafen im Bett, die Wangen rosig, als wäre es nur ein Schlummer für ein paar Stunden. Es ist unmöglich, von Stadtrat Klipp, der jetzt im siebenundvierzigsten Lebensjahr stand, ein Bild zu geben, ohne von seiner Mama zu sprechen. Wer den kurzbeinigen, immer eiligen Stadtrat vom Rathaus her oder vom Bureau der Kreditbank oder vom Aufsichtsrat der Klipp-Werke-A.-G. oder von Theatervorstandssitzungen oder vom Präsidium des Städtetags her kannte, hatte zuweilen ein bis zum Höhnischen gesteigertes Lächeln für den Vielbeschäftigten, nur einer wußte besser Bescheid, das war der Diener Eduard, der morgens für Mama Klipp und »Toni« (hier war der Stadtrat nur der kleine Toni, wie vor vierzig Jahren) das Frühstück entweder auf die geheizte Glasveranda oder, an Sommertagen, in die chinesische Laube zu bringen hatte.

Nun saß Anton Klipp in der etwas altväterischen Wanne des einfachen weißgekalkten Badezimmers und beeilte sich nicht. Es geschah nicht mehr, daß Eduard, der Diener, mahnend erinnerte: »Die gnädige Frau Mutter sitzt schon in der Veranda«, warum sollte Klipp sich beeilen, der Tod zerstört die innere Ordnung der Hinterbliebenen, ununterbrochen wird ein lähmendes Warum laut. Warum aus dem lauen Wasser sich erheben? Warum eigentlich an jedem Morgen mit einem scharfen Messer die Wangen schaben, warum die Kopfhaut mit einer scharfen Flüssigkeit reiben? Warum Stiefel anziehen, warum Krawatten binden, warum Referate für den Stadtrat ausarbeiten? Im Badezimmer erschien Eduard, aber er mahnte nicht zum Fertigwerden, er breitete bloß stumm den wolligen Bademantel über den Sessel und richtete die gefütterten Pantoffel zurecht. Dann stellte er sich mit seinem wortlosen Pessimismus in eine Ecke, er hatte die Fähigkeit, halbe Stunden lang statuenhaft dazustehn und zu warten. Man hörte ihn nicht einmal atmen.

Der Gärtner klopfte an die Tür des Badezimmers. Das war ein ungewöhnliches Ereignis, und die Überraschung hatte zur Folge, daß Klipp die Energie fand, sich aus dem lauen Wasser zu heben, indes Eduard sich vor die Tür begab, um mit dem Gärtner zu verhandeln. Nach einigen Sekunden trat er wieder ein und half Klipp in den Bademantel.

»Eine Dame wartet auf den Herrn Stadtrat.«

»Jetzt? In aller Früh? Soll ins Bureau kommen!«

Eduard wollte schon abgehen, da hielt ihn der Ruf Klipps: »Name? Warum keine Visitenkarte?«

»Es ist nicht sicher, daß sie eine besitzt. Die junge Dame nannte übrigens ihren Namen, Fräulein Orger oder Orber.«

Klipp wollte fragen: Mutter oder Tochter? aber er besann sich. Er konnte doch nicht fragen: »Jung oder ... ganz jung?« so begnügte er sich zu fragen:

»Wohin hast du sie geführt?«

»Klavierzimmer.«

»Führ sie in die chinesische Laube, ich bin in drei Minuten dort.«

Des Dieners Gesicht blieb undurchdringlich, obwohl er ein Gegner hastigen Ankleidens, hastigen Frühstücks war. Nie, bei Lebzeiten der alten Dame, hätte Toni den Morgenkaffee so hastig hinuntergestürzt, wie das in den letzten Tagen vorgekommen war, sogar ohne die Buttersemmel zu verzehren, vom Honig gar nicht zu reden. Aber Eduard ging schweigend hinaus, das war ja das ABC, das er bei Mama Klipp gelernt hatte: Nie einen inneren Vorgang im Gesicht erkennen lassen.

Schon von weitem sah Klipp, daß nicht Mary, sondern Eleonore in der chinesischen Laube wartete. Er mäßigte um ein kleines die Beschleunigung seiner Schritte, er sah Eleonore unbeweglich stehen, sie schaute zum Teich, das war das edelnasige italienische Profil der Mutter, die Figur aber schien, an Mary gemessen, etwas derber und verkleinert, auch das Florentinisch-Adelige des Kopfes durch ein volkstümliches Braun-Blond bürgerlicher gestimmt. Als Eleonore Klipps Schritte hörte und sich zu ihm drehte, war er sogleich wieder der strahlenden Kraft ihrer ins Innere dringenden Augen ausgeliefert. Sie hatte eine Kinderart, dem andern voll ins Auge zu schauen, vor der man fast verlegen werden mußte. So zentral blicken Erwachsene nicht mehr.

»Verzeihen Sie, liebes Fräulein Eleonore, daß ich Sie warten ließ, ich bin am Morgen nicht mehr pünktlich, seit Mama ... Sie wissen ja, daß vor fünf Wochen meine Mama gestorben ist?«

»Ihre Mama?« Sie blickte ihn durch und durch mit ihren hellen goldgelben Augen an, in ihrer Stimme war ein Erstaunen und eine beinah freudige Überraschung. Daß der Stadtrat überhaupt eine Mutter gehabt hatte, wer hätte das von ihm geglaubt? »Ihre Mama,« sagte sie plötzlich, »das wußte ich nicht ...«

»Ich werde Ihnen ein schönes Bild von Mama zeigen,« sagte Klipp, »wir gehen dann durchs Haus. Aber jetzt sagen Sie, womit ich Ihnen dienen kann. Wollen wir hier bleiben oder in den Garten gehen? Bitte, dann setzen Sie sich.«

Eleonore bemerkte jetzt, daß sie sich das vorgenommene Gespräch doch wesentlich leichter vorgestellt hatte. Mit der Beschwörung seiner alten Dame hatte er sie ganz aus dem genau ausgearbeiteten Konzept gebracht. Sie vertiefte sich in die chinesische Tapete und er, er vertiefte sich in das Orbersche Profil.

Nach einiger Zeit sagte Klipp so heiter als er konnte: »Ich möchte jetzt mit einer berühmten Kollegin Ihrer Mutter sagen: Schweigen wir nun von etwas anderem.«

Eleonore vermochte nicht zu lächeln, sie sah ihn beklommen an, dann hörte er an einem tieferen Atemzug, wie sie einen Anlauf nahm:

»Ich komme, Sie um etwas zu bitten.«

Klipp rückte erfreut seinen Sessel um drei Zentimeter näher, das hieß: Na, los! Ich warte!

»Ich wollte Ihnen ursprünglich das Versprechen abnehmen, daß Sie von diesem Gespräch niemand etwas sagen, verstehen Sie, niemand. Aber jetzt seh ich ein, daß das nicht nötig und vielleicht auch nicht möglich ist. Wenn Sie wollen, können Sie darüber reden. Wissen Sie, daß die Mutter einen Antrag an das Landestheater in Darmstadt hat?«

Klipp nickte.

»Nun hab ich mich über Darmstadt informiert. Es hat eine sehr schöne Lage (dieser Satz stammte aus dem vorgenommenen Konzept), man kann hart am Odenwald wohnen. Das Theater ist gut geleitet, der Intendant ist kein Schwein, das Publikum ist treu und anhänglich. Da es keine Subvention des Großherzogs mehr gibt, muß gespart werden, Mutter kann die Maria Stuart, dort spielt man noch Schiller, und die Christine in der Liebelei geben, der Vertrag läuft auf fünf Jahre, nach dem Gastspiel unkündbar. Die Gage ist sehr anständig, für Darmstadt natürlich, aber in Darmstadt braucht Mutter ja auch viel weniger Toiletten als hier. Ich habe mich nun umgesehen, der Vater einer Freundin hat zufällig dort ein kleines Häuschen, dessen obere Etage er uns, das heißt Mutter, vermieten würde. Nach fünf Jahren könnte Mutter in Darmstadt auch einige Rollen im etwas älteren Fach spielen, man hat mir gesagt, wenn die Darmstädter eine Schauspielerin lieben, bleibt sie bis zum achtzigsten Jahre dort.«

»Gott behüte!«

»Sagen Sie das nicht. Die Mutter braucht treue Menschen, sie ist so angeekelt von all den vorübergehenden, vergeßlichen Schwärmern. Deshalb möchte ich Sie nun bitten: Lieber Herr Klipp, bitte, verekeln Sie ihr Darmstadt nicht! Sagen Sie nicht ›Darmstadt‹, wie Sie ›Görlitz‹ sagten. Die Mutter ist leider leicht zu beeinflussen. Wenn Sie ihr Darmstadt nehmen, wie Sie ihr, vielleicht mit Recht, Görlitz ausgeredet haben, dann steht plötzlich der Sommer vor der Tür und jede Chance ist abgeschnitten. Mutter leidet ohnehin an der Angst vor ihren sechsunddreißig Jahren. Sie sieht doch höchstens wie neunundzwanzig aus, nicht? Bitte, helfen Sie mir, bestärken Sie sie in dem Darmstädter Projekt.«

Jetzt vertiefte sich Klipp in die chinesische Tapete. Es war so schwer, dem Kind zu antworten. Er hätte nur zwei Worten sagen wollen, zwei Silben: »Und ich?« aber das ließ sich mit Eleonore schwer besprechen, vielleicht hatte sie gerade an ihn gedacht, als sie von den vorübergehenden, vergeßlichen Schwärmern sprach.

»Sie antworten mir nicht?«

»Das ist nicht ganz leicht für mich, liebes Fräulein Eleonore, das muß ich gründlich überlegen. Vorläufig weiß ich ja nur, wie Sie, Fräulein Eleonore, zu Darmstadt stehen, nicht wie Ihre Mama darüber denkt.«

»Mutter hat keinen festen Willen. Für Mutter muß immer jemand, der sie lieb hat, wollen. Das bin jetzt ich! Sie soll nach Darmstadt!«

»Gehen Sie mit?« fragte Klipp behutsam.

»Nein, ich tät es gern, obwohl ich noch in diesem Semester mich in Genf inskribieren lassen wollte, das geht dort schon mit siebzehneinhalb Jahren. Eigentlich müßte ich mindestens die ersten sechs Wochen bei Mutter in Darmstadt sein, um ihr das Haus und das Leben einzurichten, sie ist ja ein Kind, lächeln Sie nur, manchmal denk ich, sie ist das Kind und ich bin die Mutter. Aber ich gehe doch nicht mit, die Leute sind ja so dumm, die Kolleginnen sind ja so schuftig, ich bin leider schon eine große Tochter oder ich sehe wenigstens so aus, das würde der Mutter sehr schaden. Ich muß also geheim bleiben und kann nicht nach Darmstadt mitgehn.«

Eleonores Stimme war nicht ganz sicher, deshalb stand sie mit schnellem Entschluß auf, sie streckte ihm die Hand entgegen und sah ihn mit ihren bezwingend geraden Blicken an: »Werden Sie mir helfen? Mama muß nach Darmstadt!«

Anton vertiefte sich in die innere Fläche ihrer langen, schönen Hand: »Helfen werd ich Ihnen jedenfalls und ich freue mich, Ihnen helfen zu dürfen. Aber ob Darmstadt ... darüber muß ich nachdenken. Ich habe noch einen etwas vagen Plan, der ist mir gerade jetzt, während Sie redeten, deutlicher aufgedämmert. Ich werde jedenfalls nichts gegen Darmstadt sagen.«

Die Augen Eleonores waren voll Helligkeit: »Sie haben kein Recht, Mutter abzuhalten.«

»Nein, nein,« murmelte Klipp, »das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen.«

Er drückte ihre lange, schmale Hand sehr kräftig. »Lassen Sie mir Zeit, alles gut zu überlegen.«

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