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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 13
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
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12.
Sieger oder Besiegte

Roth hatte im stillen gehofft, Adam an diesem wichtigen Vormittag in der Redaktion zu treffen. Warum eigentlich war er gestern abend nicht mehr gekommen? Bis tief in die Nacht waren die Leitermeyer I und er im Speisezimmer beisammen gesessen, eine Flasche Sekt war eingekühlt, die dann niemand zu trinken Lust hatte, denn Roth war im Grunde weder Weinkenner noch Weingenießer – er nannte Wein Alkohol! –, auch ein vom Lieferanten sehr gerühmter Pommard stand bereit und ein Krug bayrischen Bieres. Beinahe alles blieb ungenossen. Fräulein Leitermeyer ärgerte Roth durch ihren immer wiederholten Seufzer: »Sicher haben Sie ihn verletzt;« erst beachtete er das Gerede des Frauenzimmers nicht, dann drängte sich ihm das letzte Gespräch mit Justizrat Bauer ins Gedächtnis, er sah den Rücken Bauers, diesen traurigen, gebeugten Rücken, die ganze abgewendete Figur, dieses abschließende »Schon gut, gute Nacht, Herr Roth«, sicher ist dem Betrogenen ein Licht aufgegangen.

Wozu hatte er diesen Stich geführt? Wie dumm ist Rache! Im Grunde genommen, zahlte er diesen einen bösen Satz über das Geschwätz, das hinter jeder hübschen Frau raschelt, mit dem Verlust des einzigen Menschen, den er hatte behalten wollen. Als die Leitermeyer Ihn in diesen Überlegungen unterbrach und fragte: »Was haben Sie ihm denn zugefügt, Sie haben ja jetzt schon eine Viertelstunde kein Wort geredet«, da wurde er wütend: »Ich verbiete mir diese Kontrolle, ich werde doch noch schweigen dürfen, im übrigen verhindere ich Sie ja nicht, ebenfalls den Mund zu halten.« Daraufhin ging die Leitermeyer gekränkt schlafen. Er trank noch, ohne daß es ihm Freude machte, eine halbe Flasche Pommard, bloß um die nötige Bettschwere zu erreichen, und legte sich spät, im Finstern, noch verdrossen und von Selbstvorwürfen gequält, zu Bett.

Am Morgen fand er in der Redaktion eine Karte von Würz, der um Entschuldigung bat, wenn er heute und vielleicht morgen nicht erscheine, private, wichtige Entscheidungen hielten, hoffentlich nur für kurze Zeit, ihn von der Redaktion fern. Als Schneeberger zu dem Brief sagte: »So bequem möcht ich mir's auch einrichten «, fuhr ihm Roth zornig übers Maul: »Der Würz hat Sorgen, von denen du dir in deiner Verschlafenheit keine Vorstellung machen kannst.« Er nahm sich vor, ehe die Arbeit in der Druckerei anfing, zu Adam hinauszufahren. Aber an diesem Vormittag und Mittag schien die Hölle losgelassen. Natürlich hockte die Speyer mit ihrem Zimmermann schon wieder im Wartezimmer, Koch hatte sich für mittag angesagt, eine Deputation der Bankbeamten, die ihren Kampf gegen die Direktoren in der ›Flamme‹ führen wollten, wartete auf telephonischen Bescheid, wann sie, heute noch, vorsprechen dürfe. Gleichzeitig mit der Meldung vom Niederbruch Witkowskis hatte sich der alte Theaterhase eingefunden, was blieb dem Geschlagenen und Zerstörten übrig? Er wollte seinem Vernichter wenigstens zeigen, wie tief er zu Boden geworfen sei, und übrigens hatte er noch einige wichtige Mitteilungen über Diamantidi, »meinen ehemaligen Gönner« zu machen. Das Schlimmste aber war, daß weder Klipp noch Diamantidi von sich hören ließen. Sollte er nun heute losschießen? Wurden die Warenhausweiber und Koch nicht mißtrauisch, wenn er noch länger schwieg? Aber war nicht, wenn er auspackte, sein letztes Schießpulver verbraucht? Was dann? Wie, wenn Diamantidi sich einfach taub stellt? Dauerte der Streik noch vier oder fünf Tage, so war als Gewißheit anzunehmen, daß die Besiegten nicht an Diamantidi, sondern an ihm Rache nehmen würden. Koch hatte schon recht, es gab im eigenen Lager Neidlinge und Hasser und hämische Naturen, die nur darauf lauerten, ihm an die Waden zu fahren, und nicht nur an die Waden, er spürte es aus den täglich einlaufenden feigen Briefen anonymer Hasser, daß die Wut gegen ihn um sich fraß. Und weit und breit niemand, mit dem man das alles durchsprechen, durchberaten konnte! Immer nur allein durch sein Zimmer traben müssen! Immer nur subalterne, eingeschüchterte Menschen wie die Leitermeyer I und II um sich haben oder stumpfe Routiniers wie Schneeberger, der ihm die verstaubten Redensarten brachte, die vor zwanzig Jahren im Umlauf waren. Er ließ die Speyer mit ihrem Zimmermann stundenlang warten, er vergaß Witkowski, er ließ die Bankbeamten bitten, nachmittag anzurufen. Damit die Arbeitszeit nicht nutzlos verginge, schrieb er einen Nachruf auf den Stadttheaterdirektor: »Der erste Sieg der ›Flamme‹ gegen Diamantidi«, aber die Verdrehung der wirklichen Vorgänge war ihm plötzlich so widerwärtig, daß er das dreimal angefangene Manuskript immer wieder zerknüllte und in den Papierkorb warf. Wie hätte er sich vor acht Tagen über diesen ›Sieg‹ gefreut, heute war ihm der ganze Fall Witkowski vollkommen gleichgültig. Während er an dem Artikel kaute, mißgestimmt, unfroh, katzenjämmerlich, ertappte er sich plötzlich bei dem Gedanken, Diamantidi anzurufen. Es wäre das einzige Vernünftige, in zehn Minuten wären wir einig. Im Grunde, sagte sich Roth, hab ich heute zu wählen zwischen dem Glashaus am Bahnhofplatz und der Vernichtung, jawohl, der Vernichtung, denn die Sozialisten, wenn der Streik verloren geht, werden die ganze Macht ihrer Feldwebel und Unteroffiziere gegen mich aufbieten, ich werde der Prügelknabe sein.

In dem Augenblick, in dem er sich entschlossen hatte, Diamantidi anzurufen, drängte Koch sich ungestüm ins Zimmer: »Mich wirst du nicht länger warten lassen, gegen mich kannst du dich auch nicht versperren, Roth. Wir wollen heute deutsch mit einander reden.«

Das war nicht der gewohnte phlegmatische Beamte, das war ein apoplektischer Mensch, hochrot im dicken Gesicht, schwer keuchend wie vor einem Schlaganfall.

»Ist mir ganz recht, daß wir uns vorläufig unter vier Augen sprechen. Ich kenne dich, Roth, kenne dich besser als du selbst, mein Lieber, denn ich habe keine Rosinen über dich im Kopf. Soll ich dir sagen, was du seit gestern abend planst? Deinen Umfall! Soll ich dir sagen, wovon du heut Nacht geträumt hast? Von dem Haus am Bahnhofplatz! Und nun möcht ich nur wissen: Komm ich noch zurecht oder bist du schon in Diamantidis Fängen? Verhandelst du schon mit ihm oder noch nicht? Muß die arme Speyer draußen vor Ungeduld vergehen, weil ihr noch nicht ganz handelseinig seid? Genügt dir das Glashaus und die Druckerei nicht?« Es war grün-gelber Haß, was aus Kochs Munde herausbrach, ungezähmt, ungeordnet, elementar. »Wie weit ist der Verrat gediehen? Ist das Geschäft perfekt?«

Roth sah den andern, der ihn mit seinem Haß bespie, mit entsetzten Augen an. Als er reden wollte, spürte er, daß seine Lippen sich bewegten, ohne daß seine Stimme tönte, sein Mund war ausgetrocknet. Er versuchte noch einmal zu antworten, aber die Stimme war erstorben. Er hob die Hand, um anzudeuten, daß er nicht reden könne, der andere verstand das Zeichen nicht, da ging Roth zur Tür, Koch dachte, er wolle einen Beleg oder ein Glas Wasser holen, aber der Flammen-Mensch lief durch Schneebergers Arbeitszimmer, stürzte durch den überheizten Warteraum, in dem die Speyer den Erbleichten mit entsetzten Augen ansah, durch das kleine Vorzimmer – die Treppe hinunter. Es war ein tolles Vergnügen, die Treppe hinunter zu springen, mit einem Satz über drei, über vier Stufen, er flog die Stiege in einigen Sekunden hinunter. Roth lief über die Straße, kroch zwischen die Autos, schwang sich auf einen Omnibus, sprang wieder ab, lief durch eine Gartenanlage, stürzte in ein ganz verlassenes Café, deutete mit der Hand auf ein Plakat, auf welchem stand: ›Mokka mit Gebäck 65 Pfennige‹, nahm eine Zeitung vom Nagel, hustete und prüfte, ob seine Stimme wieder da war. Er versuchte den Namen der Zeitung auszusprechen: »General-Anzeiger«, Gott sei Dank, er hörte sich wieder, er konnte wieder reden. Eine verschlampte, noch nicht aufgeputzte Kellnerin sah ihn mißtrauisch an, als sie den Kaffee vor ihn stellte. Auch nachdem er gezahlt hatte, schielte sie hinterm Schanktisch noch nach ihm hin. Plötzlich lief er wieder ins Freie. Wie wenn ich Adam Würz schnell zu erreichen suchte? Roth hielt das erste Auto, das ihm entgegenkam, an und nannte hastig die Straße und das Haus in der Cottage-Vorstadt. Der Chauffeur konnte einen mißtrauischen Blick nicht unterdrücken, da erst wurde es Roth bewußt, daß er in der Schnelligkeit der Flucht nicht einmal seinen Hut vom Ständer geholt hatte.

»Fahren Sie nur recht rasch, es kommt mir auf ein anständiges Trinkgeld nicht an.«

Es war gut im Auto zu sitzen. Der Chauffeur flitzte durch Nebenstraßen, um schneller vorwärts zu kommen. Jetzt erst legte sich Roth zurecht, was er von Adam wollte. Keine Frage natürlich nach der Ursache seines Wegbleibens, nein, Adam sollte nur schnell einen Kontakt mit Stadtrat Klipp herstellen und Klipp sollte einen Situationsbericht über Diamantidi geben.

Die Stadt war hier draußen, wenn man durchs Wagenfenster sah, nicht mehr ganz grau, statt der Häuserfronten sah man grüne Rasen, keine angeschwärzten fünfstöckigen Mietskasernen, sondern blinkende weiße Villen, in Gärten gebettet, saubere einstöckige Ziegelhäuser, von Efeu überkrochen. Hab ich das alles überhaupt schon einmal gesehen? fragte sich Roth, mußte ich von diesem gemeinen Menschen aus meinem Bureau verjagt werden, um diese grüne Welt zu entdecken? Warum hatte Würz von dieser Vorstadt am Berge nie erzählt? Warum hat er mir nie geraten, mich hier anzusiedeln? Gerade deshalb holte ich ihn ja, er ist aus der heiteren Welt, aus der ich schon als kleiner Junge davongejagt wurde. Davongejagt wie heute. Bin ich nicht immer wieder an Schicksalstagen davongelaufen? Wie war es damals, als ich aus dem Waisenhaus in Fürth davonlief? Und noch früher, ehe die Eltern starben, gab es nicht einen Abend, an dem Rudolf, der Kleinere, der immer Verwöhnte, im Ausstellungspark auf einem Esel reiten, während ich bloß mit sehnsüchtigen Augen zuschauen durfte? Damals versteckte ich mich im Finstern hinter einer Ausstellungsbude und freute mich, daß Vater und Mutter indessen im menschenüberfüllten Garten herumliefen, von der Polizeistube zu dem Eselreitplatz, von den Ausgangstoren zu der Feuerwerkswiese, bis drei Uhr nachts suchten sie und klagten sich an, und ich saß indes zusammengekauert im Finstern, hinter der Zwergenbude, und malte mir die Verzweiflung der Eltern aus.

Das Auto stand vor dem Hause, wo Würz wohnte. Adam hatte ihm einmal erzählt, daß er ganz hoch, unter dem Dache hause.

Roth stieg die Treppe hinauf. Zwischen der zweiten und dritten Etage hörte er Adams Stimme und noch eine. Unmöglich, jetzt zu verschwinden oder sich unsichtbar zu machen!

Roth stieg mit absichtlich lärmenden Schritten die schmale Treppe empor.

Plötzlich stand ihm Lili gegenüber.

Roth drückte sich an die Wand, um die Dame vorbeizulassen. Sie hatte ihn sofort erkannt, nach einigem Zögern nickte er, er hatte ja keinen Hut, sie dankte nicht oder sie gewahrte das kurze Nicken nicht, aber er bemerkte einen verzweiflungsvollen Blick, den sie zu Adam schickte, der nun vor ihm stand.

»Ich habe mich schriftlich entschuldigt«, stammelte Würz.

»Ja, ja, ich fürchtete, es sei Ihnen etwas zugestoßen, und außerdem habe ich Sie äußerst dringend zu sprechen.«

»Ich kann jetzt nicht!«

Lili stand, ganz klein, zusammengekauert, ohne aufzublicken auf dem unteren Treppenabsatz.

»Hab ich denn meine ganze Existenz verkauft?« preßte Adam hervor. »Ist mir das Privatleben verboten?« Er stieg, an Roth vorbei, die Stufen zu Lili herunter.

Der Flammen-Mensch stand noch immer, an das Geländer gelehnt, ganz schmal, um den andern Platz zu machen.

Er hörte, wie die beiden hinunterstiegen, Stufe für Stufe, Treppenabsatz nach Treppenabsatz, immer schwächer wurde der Laut ihrer Schritte, er stand noch immer an das Geländer gedrückt.

Unten im Hausflur sagte Lili, am ganzen Leibe bebend: »Um Gottes willen, geh sofort zu ihm zurück, geh, geh!«

Adam nahm ihren Arm und wollte sie sanft auf die Straße drängen.

»Nein,« schrie sie in einem beinahe irrsinnigen Ton, »du mußt zu ihm gehn. Morgen würde er entsetzliche Rache nehmen.«

»Warte in der kleinen Konditorei auf mich.« Er gab Lilis Arm frei, sie huschte hinaus, und er stieg schweren Schrittes wieder empor.

»Sie verzeihen,« Adam würgte an den Worten, »ich mußte Sie einen Augenblick warten lassen.«

» Ich habe um Entschuldigung zu bitten. Sehe ich denn so schrecklich aus, daß man vor mir flieht? Ich bin doch kein Feind. Ich komme ja grade deshalb zu Ihnen, weil ich ... kein Feind bin. Im Gegenteil.«

Adam verbeugte sich sehr höflich, die Bewegung sah ziemlich förmlich aus und seine Worte klangen noch eisiger: »Welchen Auftrag hatten Sie für mich?«

Roth sah diese steife Verbeugung, er hörte das Wort »Auftrag« und er fühlte, daß es keinen Sinn hatte, hier weiterzureden. Nein, auch hier wehte feindliche Luft.

Adam wippte ununterbrochen mit dem rechten Fuß auf dem Eisengeländer, sein Blick ging über Roth weg.

»Es war eine ganz dumme Idee von mir, hierher zu kommen,« sagte der Flammen-Mensch fast zu sich, »ich kam zufällig in die Nähe, und da dachte ich, Sie zu fragen, ob Klipp Ihnen irgendeine Nachricht gegeben hat.«

»So viel ich weiß, hat Klipp seine Mission an Diamantidi zurückgegeben. Diamantidi tobte, vielleicht noch wilder als sonst, er will die Verurteilung seines Bruders heute nachmittag selbst veröffentlichen.«

»Das sagt man so, dann tut man's doch nicht, die Situation kenn ich.«

Adam fürchtete, daß hier auf der Treppe eine lange Diskussion entstehe, indes Lili zitternd in der Konditorei wartete, deshalb unterbrach er brüsk:

»Wenn Sie mich brauchen, komme ich nachmittag in die ›Flamme‹.«

»Ich brauche Sie nicht,« erwiderte Roth und fühlte wieder diese Ausgedörrtheit im Munde, »verzeihen Sie, daß ich Sie aufhielt, kommen Sie nur, wenn Sie nichts Wichtigeres vorhaben. Heut ist zwar Entscheidungstag, aber lassen Sie sich jetzt nicht stören, ich sehe ein, daß es wichtigere Dinge gibt oder wenigstens verschiedene Wichtigkeiten für verschiedene Leute.«

Das klang milde, wie es gesagt war, gar nicht unfreundlich. Als aber Adam mit Drei-Meter-Schritten über die Straße sprang, glaubte er schon, daß etwas Höhnisches in den letzten Worten von Roth mitgetönt hatte. Doch er hatte nicht Zeit, nachzugrübeln, er rannte in die kleine Konditorei, er stieß die Glastür auf, er sah Lili nicht, er stürzte in den Glassalon, kein Mensch, er lief auf die Veranda, Lili war nicht da.

»Ich suche eine junge Dame, die vor fünf Minuten gekommen sein muß, eine kleine Dame in einem hellbraunen Mantel.«

»Niemand ist im Lokal,« erwiderte der Kellner, »Sie sind der einzige Gast.«

Da setzte sich Adam Würz in die entlegenste Ecke, bestellte Briefpapier und Tinte und schrieb mit aufgeregten Buchstaben:

»Geehrter Herr Roth!

Ich bitte Sie aus Gründen, die Sie kennen, ohne daß ich sie aussprechen möchte, mich aus Ihren Diensten für immer zu entlassen.

Den Ihnen schuldigen Betrag werde ich, sobald ich es kann, zurückzahlen. Sechshundert Mark, die ich von meinem Vorschuß übrig habe, lege ich hier bei.

Ich bitte Sie nur eines: Versuchen Sie es, vielleicht zum erstenmal in Ihrem Leben, an einem Menschen, der sich Ihrem Willen nicht ganz fügen konnte, sich nicht zu rächen!

Ich habe beruflich vieles von Ihnen gelernt, ich bleibe Ihnen aus diesem Grund und auch um der Nachsicht willen, die Sie mit mir hatten, zu dauerndem Dank verpflichtet.

Ergebenst
Adam Würz.«

Diesen Brief sandte er mit einem Boten an die Redaktion der ›Flamme‹, er traf noch vor Roth dort ein.

Adam versuchte Lili telephonisch zu erreichen. Das Mädchen wiederholte die offenbar eingelernte Wendung: »Die gnädige Frau kommt erst abends nach Hause.«

 

Erstaunt war Fräulein Leitermeyer II in das Chefredakteurzimmer getreten: »Ist der Chef nicht da?«

»Ist er denn nicht draußen?« antwortete Koch.

»Nein.« Ihre Stimme war merkwürdig beunruhigt.

Inzwischen hatte es die Speyer, und Zimmermann hinter ihr, zu Koch hineingetrieben: »Was ist denn los? Der Flammen-Mensch sah ja aus, als ob er irrsinnig geworden wäre, als er weglief.«

»Ist er denn weggelaufen?«

Das Telephon schrillte.

Schneeberger watschelte herein: »Hier Flamme. Wer ist dort? ... Herr Roth ist nicht da ... Hier Redaktion ...« Er beugte sich zu Koch fragend vor: »Wo ist denn Roth hingelaufen?« Der Gewerkschaftssekretär zuckte die Achseln. Schneeberger sprach wieder ins Telephon: »Bedaure, er ist nicht hier ... Wer sind Sie denn? ... Bedaure, und wenn Sie die Kaiserin selbst wären ... Was soll ich bestellen? ... Die Dame, die Klipps Besuch gemeldet hat? ... Kann er anrufen? ... Nicht? Dann lassen Sie uns gefälligst in Ruhe, wir haben zu arbeiten.« Er hing den Hörer ins Gestell ... »Nichts ist mir so langweilig wie Sensationen«, sagte er zu Koch. »Du darfst mir glauben, Koch, ich möcht lieber Gewerkschaftssekretär sein, da hat man wenigstens seine Ruhe.« Dann watschelte er wieder in seine Zeitungsflut hinaus.

Koch legte die Hände über den Bauch und wartete, die Speyer, die jetzt bei ihm saß, hätte am liebsten losgeheult, Zimmermann, ihr Adjutant, schickte besorgte Blicke zum Genossen-Gewerkschaftssekretär.

Die Stille lag lastend auf den Dreien.

Nach einer halben Stunde beugte sich Koch zur Speyer hinüber: »Ich habe einen taktischen Fehler begangen, ich habe ihm ins Gesicht gesagt, was wir uns in den letzten Tagen oft im stillen gedacht haben, da lief er davon. Vielleicht warten wir jetzt ganz vergebens.«

»Jesus!« seufzte die Speyer. »Haben Sie denn Beweise in Händen?«

»Das ist es ja, wir haben nichts Greifbares in der Hand, ich hab ihm ja eigentlich nur etwas kräftiger auf den Zahn fühlen wollen.«

»So ein gewiegter Taktiker wie Sie,« klagte die kugelrunde Frau, »ich kann mir gar nicht denken, daß Sie losgehn, ohne Material in der Hand, Sie wollen mir's nur nicht sagen, ich werde ein Schiedsgericht beantragen.«

»Um Gottes willen, Sie wissen von nichts. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß ich ihm Unrecht getan habe. Wer kennt sich denn in diesem verdammten Individualisten aus?«

Schneeberger watschelte wieder langsam herein, er kramte verlegen am Schreibtisch des Flammen-Menschen herum, guckte zu den Wartenden scheu hinüber und sagte endlich:

»Möchtet Ihr nicht draußen warten?«

»Warum? Wieso? Wir stören doch niemanden.«

Schneeberger druckste: »Nämlich ... Roth ist wiedergekommen, aber du weißt ja, er hat seine unberechenbaren Launen, er will erst in sein Zimmer, wenn ihr es verlassen habt.«

Der graue kleine Genosse Zimmermann fuhr auf.

»Laß nur gut sein,« Koch hielt fast eine Rede, »das Persönliche ist bei uns Nebensache. Wir können uns entfernen, dann bestelle ihm nur, daß wir für sechs Uhr abends in beide Säle der ›Neuen Welt‹ Streikversammlungen einberufen haben, wir können und wir wollen die Leute nicht länger hinhalten, und damit können wir diese Räume, die wir wohl nicht mehr betreten werden, ein für allemal verlassen.«

An Schneebergers Schreibtisch hockte Roth, hinter Zeitungen verschanzt, als die drei abzogen. Die Speyer hatte Lust zu grüßen, aber Koch schritt so gravitätisch-stumm, ohne nach links oder rechts zu schauen, an dem Schreibtisch vorüber, und Roth war durch die ›Times‹ so gründlich gedeckt, daß sich der Abmarsch vollkommen wortlos vollzog.

»Komm zu mir, Schneeberger,« die Stimme des Chefs war ungewöhnlich sanft, »ich will einmal hören, was du zur Situation sagst.«

Ganz erstaunt ließ sich der alte Redakteur in einem Fauteuil nieder. Aber Roth fiel es nicht ein, ihm den merkwürdigen Auszug der drei zu erklären.

Schüchtern klopfte Schneeberger an: »Bist du mit den Streikenden in Zwist geraten?«

»Nein.«

Schneeberger berichtete, daß die Leitung offenbar heute abend in den zwei Streikversammlungen die Entscheidung fallen lassen wolle; er konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen, daß der persönlich geführte Kampf, wie man wieder einmal sähe, eben doch nicht ans Ziel führe. Nicht der einzelne Kapitalist, so haben wir bei Marx gelernt, ist der Schuldige, sondern das System, die Gesellschaftsordnung muß bekämpft werden, so hat man uns gelehrt, in den achtziger Jahren.«

»Schweig!« Schneeberger wollte beleidigt aufstehn.

»Bleib!«

Es wurde Roth nicht leicht, zu sprechen, er fühlte sich ganz leer im Schädel, erschöpft in den Beinen, seine Hände tanzten unruhig über den Schreibtisch:

»Das Mitarbeiterverhältnis zu Würz ist gelöst. Wir müssen uns einen jungen Menschen suchen, den wir uns abrichten können.«

»Wir werden Würz nicht entbehren.«

»Du gewiß nicht.«

Die Frage war, ob Roth abends in die Streikversammlungen gehen solle.

»Ich hasse diese Säle in der ›Neuen Welt‹. Wenn diese diversen Kochs wüßten, wie dumm es ist, Streikversammlungen in den verräucherten, verschmutzten Sälen abzuhalten, mit diesen nassen Biertischen und den alten Theaterkulissen auf dem Podium. Man fühlt sich ja schon besiegt, wenn man in solche trostlosen Wirtshaussäle eintritt. Die Katholiken wußten, warum sie ihre Kirchen hoch und glanzvoll aufbauten. Wenn diese Esel, die Kochs, etwas vom Innern ihrer eignen Leute ahnten, dann gäb es in jeder Stadt ein Arbeiter-Amphitheater voll Licht und Glanz und Feierlichkeit. Nein, ich gehe nicht in diese Bierkeller, dorthin gehören die Kochs, nicht ich.«

Schneeberger warf in einer Pause die Frage ein, ob es klug sei, sich jetzt plötzlich mit Koch und damit der Partei auf ewige Zeiten zu verfeinden.

»Ja,« schrie Roth, »es ist gut, weil es wahr ist. Mir imponiert ein Diamantidi mehr als dreihundert Kochs.«

Eben wollte Schneeberger fragen; warum denn dann die ›Flamme‹ eigentlich diesen rasenden Kampf gegen Diamantidi geführt habe, als das Telephon schrillte. Schneeberger beugte sich übers Hörrohr. Nach einer Weile legte er den Hörer beiseite und sagte: »Da ist eine Dame, die schon vormittag nach dir gefragt hat ... Ich soll dir sagen, es sei die Dame, die dir unlängst den Besuch von Stadtrat Klipp angekündigt hat, sie will nur mit dir selbst sprechen.«

Roth stürzte an den Apparat. Alle Müdigkeit, Schwermut, Verdrossenheit, Menschenhaß, Verzagtheit waren weggeblasen, seine Stimme klang wieder ganz hell: »Ja, ich bin es selber ... Ich bin im Bilde ... ich glaube Ihnen ... Nur los! ... Heute vormittag ... Ah?! ... Zurück an die Vereinsbank? ... Ja natürlich, das ist von entscheidender Wichtigkeit ... Ich danke Ihnen ... Ist es unmöglich, daß ich Sie sehe? ... Nein, wenn Sie wünschen, habe ich keine Ahnung, wer Sie sind ... Nein, ich ahne es wirklich nicht oder kaum oder nur ganz unsicher ... Wissen Sie, was Sie jetzt getan haben? Soll ich es Ihnen sagen? Sie – haben – mir – das – Leben – gerettet! Ich war ganz am Boden ... Danke! Danke!«

Er ließ das Hörrohr fallen, die Müdigkeit kam doch gleich wieder. Gott, wenn er jetzt Adam da gehabt hätte. Einen Menschen, der ihn nicht für verrückt hält, wenn er ihm um den Hals fällt ... Aber da stand nur der alte, stumpfe Schneeberger in seinen verschmuddelten Hemdsärmeln und sah ihn mit neugierigen Hunde-Blicken an.

»Na ja,« schrie Roth, »ich mit meinem persönlichen Kampf, den Marx nicht gestattet hat, ich werde heute den Streik noch zu gutem Ende bringen. Ich gehe natürlich in die Abendversammlungen und ich gehe nicht nur hin, ich werde auch sprechen. Aber vorher muß ich den Justizrat Bauer erwischen und zwar gleich, für drei Uhr bestelle mir die Bankbeamten her. Ruf den Justizrat an, ich sei auf dem Wege zu ihm.«

Er schlüpfte in den Mantel, er hatte Lust, den Hut in die Luft zu werfen, er flog vorbei an Schneeberger und durch das Wartezimmer. Vor der Ausgangstür wurde er durch die bittende Geste eines alten Mannes eine Sekunde lang aufgehalten. Ein gebeugter Greis in Radmantel und mit Schlapphut richtete sich auf, als Roth vorbeikam.

»Ich warte schon geschlagene drei Stunden auf den Herrn Chefredakteur.«

Roth dachte: Schnorrer?

Der Greis mit grauen Locken stammelte: »Mein Name ist Witkowski, Theaterdirektor a. D.«

»Oh, das tut mir leid, aber ich muß fort! Kommen Sie morgen, heute wird eine große Schlacht geschlagen!«

Draußen war er.

Roth war selbst darüber erstaunt, daß er leicht und ungezwungen, ohne Hemmungen, mit dem Justizrat sprechen konnte, er erzählte ihm als dem ersten und wahrscheinlich einzigen, von dem abscheulichen Schimpf, den ihm der Gewerkschaftssekretär zugefügt hatte, unumwunden gestand er ein, daß er den Streik vor einer halben Stunde für verloren gehalten habe, aber dann sei ihm aus erster Quelle die vertrauliche, aber unbedingt zuverlässige Mitteilung gebracht worden, daß Diamantidi seine Warenhausaktien-Majorität soeben wieder an die Vereinsbank, unter sehr schweren Verlusten, abgestoßen habe und nun, mit der Vereinsbank werde man schon fertig werden. Für nachmittag seien übrigens die Bankbeamten bei ihm angemeldet, in deren Reihen es auch schon seit langer Zeit gäre. Wenn die Herren Direktoren der Vereinsbank nicht schnell nachgäben, so könnte man sofort in ihrem eigenen Hause ein kleines Feuer anzünden.

Der Justizrat saß dem Flammen-Menschen schweigsam gegenüber, er hatte ja von Natur und aus Erfahrung das Bedürfnis, die erregten Klienten »ausfließen« zu lassen. Dann erst, wenn sie sich entleert hatten, pflegte er zu sagen, beginnen sie für fremde Meinungen zugänglich zu werden. Heute wunderte Bauer sich, daß sein Widerwille gegen das fiebrige Wesen des Flammen-Menschen geringer war als sonst. Vielleicht, weil Roth müde aussah oder weil er unter vier Augen leiser, nicht grell, nicht demagogisch redete oder weil Koch ihn offenbar, man hörte es aus Roths Andeutungen, in der gröbsten Weise verwundet hatte. Immerhin, er war also verwundbar? Aber dann am Schluß ließ er doch schon wieder die versteckte Drohung los, die Bankbeamten in die allgemeine Gärung hineinzuziehen, ein neues Feuer anzuzünden, die Direktoren der Vereinsbank zu bedrohen. Doch konnte der Justizrat sich heute ohne Gereiztheit mit dem Flammen-Menschen unterhalten. Ganz drunten, in einer innersten Kammer, sprach unhörbar Lilis schmeichelnde Stimme mit. Bauer war, ohne es zu wissen, von einer Angst befreit, die Roth beim letzten Zusammensein geweckt hatte, und so fand der Justizrat, ohne genau zu wissen warum, einen etwas wärmeren Ton.

»Sie sind im Begriffe Herr Chefredakteur, in einen neuen Krieg hineinzustolpern und zwar in einen noch wilderen als den Warenhauskrieg. Wenn die Bankbeamten streiken, so legen sie damit den ganzen Handel, den größten Teil der Industrie, still. Ich habe weder das Recht, noch Lust, Ihre Entschlüsse zu beeinflussen, ich bin ja, wie ich heute vielleicht mit einem gewissen Bedauern feststelle, nicht Ihr Anwalt und werde es auch kaum werden – aber als teilnahmsvoller Zuschauer gestatten Sie mir die Frage: Macht Ihnen denn dieser permanente Zustand gespanntester Erregung Vergnügen? Noch immer? Ich würde an Ihrer Stelle aus der heutigen Szene mit Koch und Genossen einige Folgerungen ziehn. Die große Masse, wie sie sich in Koch repräsentiert, fühlt Menschen Ihrer Art gegenüber heute plötzliche Bewunderung und morgen noch jäheres Mißtrauen, von beiden Extremen hält sich die große Masse Koch gegenüber frei. Und wissen Sie, warum? Weil Koch ohne jene Unruhe ist, die er selber verächtlich ›Schenialität‹ nennt. Sicher sind Sie im Augenblick bereit, Koch falsch einzuschätzen, das tut mir leid, denn Sie müssen, wenn der Warenhausstreik, wie ich hoffe, heute oder morgen zu Ende geht, das Finale Hand in Hand mit ihm durchmachen. Wie immer Sie nun über Koch denken, eines werden Sie zugeben, Koch ist einer von hunderttausend Köchen, vielleicht ist er ein Philister – ich nenn ihn einen braven Mann – nun, dann bestehen eben die Massen, die Sie immer wieder in Flammen setzen wollen, aus hunderttausend Philistern. Sie begehen einen psychologischen Grundfehler: Sie vervielfältigen sich selber, wenn Sie an die Kämpfe der Masse denken, aber Sie sind eine – angenehme oder unangenehme – Einzelerscheinung, das deutsche Volk besteht aus Kochs oder sagt man Köchen?«

Roth fuhr sich über die Stirn, es war das eine Handbewegung, die er, ohne es zu wissen, von dem ermüdeten Justizrat übernommen hatte. Aber der Flammen-Mensch hatte jetzt keine Lust zu diskutieren, vor allem fehlte ihm die Zeit. Immer, wenn man mit Bauer zusammenkam, zerrann jeder Plan in viel zu breiten Weisheitsgesprächen.

»Sie irren, Herr Justizrat, wenn Sie meinen, ich wolle nicht den Schluß des Warenhausstreikes. Die Sache oder vielmehr ihre Träger öden mich an. In zehn Minuten werde ich in meiner Druckerei einen Artikel mit dem Titel: ›Vor dem Friedensschluß?‹ diktieren. Aber die Herren Vereinsbankdirektoren, und deshalb bin ich hier, sollen sich nicht aufs hohe Roß setzen. Wenn ich Diamantidi aus dem Sattel geworfen habe, wird es mir mit diesen kleinen Reitern noch viel leichter gelingen.«

»Vor vierzehn Tagen sagten Sie genau das Gegenteil.«

Roth wurde ungeduldig: »Sagte ich das Gegenteil? Das sieht mir ähnlich. Wahrscheinlich war es notwendig! Aber hören Sie, ich will wissen, ob heute mein Friedensartikel losgelassen werden soll, ich will dann abends in der Streikversammlung sprechen. Dazu muß ich erfahren, ob die Vereinsbank den Streik ehrenvoll, das heißt für uns ehrenvoll, beenden will oder nicht. Auch meine Bankbeamten warten. Schließlich haben sie jetzt an Diamantidi genug verdient, die Aktien habe ich ihnen ja sozusagen in den Schoß geworfen. Können Sie die Herren jetzt erreichen und mir dann sofort Bescheid geben?«

»Man müßte die Friedensbedingungen des Koch kennen, ich könnte ihn in fünf Minuten hier haben.«

Der Flammen-Mensch überlegte.

»Nein, ich kann ihn nicht sehen, aber rufen Sie ihn an; verständigen Sie ihn von Diamantidis überhastetem Verkauf und, in Gottes Namen, finden Sie das Kompromiß.«

Der Justizrat Bauer lächelte, als er Roth hinausleitete: »Zum erstenmal habe ich heute von Ihnen das Wort Kompromiß gehört.«

»Sie haben recht, ich wurde schamrot, als ich es aussprach. Ich entwickle mich zum ... Koch.«

»Darf ich Ihnen noch einen Rat geben? Gehen Sie heute nicht zu scharf gegen Diamantidi los, er gehört nicht zu den versöhnlichen Naturen; wenn Sie ihm jetzt Gift in die Wunde spritzen, so wird er sich eines Tages ganz unvermutet an Ihnen rächen, er ist ein gesunder oder vielmehr ein ungesunder Hasser, denn er hat eine schlechte Verdauung, er kann nicht vergessen.«

Roth hatte das Gefühl, er müsse den Justizrat etwas zurückweisen, das war ja nicht mehr Beratung, das war Bevormundung.

»Nein,« antwortete er eigensinnig, »ein kleines Siegesgeheul müssen Sie mir schon gönnen, der Mensch braucht gelegentlich auch seine Orgien.«

 

Wohin soll ich gehen? Adam stieg, auf jeder der drei Stufen verweilend, von der kleinen Konditorei auf die nasse Straße. Leichter Regen tropfte. Nach Hause? In das verödete Zimmer, das noch nach ihr duftete? Wohin in die Stadt? Jetzt fiel ihm ein, daß er sein ganzes Geld an Roth zurückgeschickt hatte, er besaß alles in allem noch vier Mark und sechzig Pfennige. Soll ich Mary überfallen und ihren Rat erbitten? Aber das war wohl zu viel von ihr verlangt. Ohne es bestimmt zu wollen, schlenkerte er durch die Villenstraßen in die Nähe von Justizrat Bauers rotem Haus. Der Regen floß herab von den Blättern der Kastanien, Adam stand vor dem Gitter und lugte durch die Büsche zu den Fenstern hinauf. Immer sah diese Front mit ihren festgeschlossenen Fenstern und den dichten Vorhängen wie ein unbenutztes, abgestorbenes Haus aus. Nie sah man die Kinder im Garten, nicht nur jetzt im Regen blieben die schweren Tore festungsschwer verschlossen. Es ist keine Freude über diesem Haus, mein Dachzimmer ist lustiger oder wenigstens war es lustiger. Nie fuhr ein Wagen durch diese abgelegne Straße. »Die Bewohner dieser Gasse sind verreist oder verstorben.« Vor acht Tagen hatte er so gescherzt. Aber nun waren sie ihm wirklich gestorben, vor den Augen weggestorben. Plötzlich bildete er sich ein, daß irgend jemand hinter den gelblichen Vorhängen stehe und ihn durchs Opernglas begucke. Der Gedanke tat ihm wohl, er suchte sich einen Platz aus, der ihn nicht durch Buschwerk und Bäume decken konnte, er schwenkte seinen Hut zu dem dicht verhängten Fenster. Da erinnerte er sich, daß jetzt die Stunde war, in welcher der Justizrat zum Mittagessen heimzukommen pflegte. Es hatte keinen Sinn, hier herumzulungern, Adams lange Beine schlenkerten durch die nächste Villenstraße zurück. Wohin? Vorsichtshalber wollte er noch einmal in der Konditorei nachfragen. Da hockte er an dem Erkerfenster, das ihm oft als Beobachtungsposten gedient, von hier aus konnte man alle Eintretenden sehen, er bestellte und ließ den Kognak stehen, er nahm den Generalanzeiger vom Nagel und stierte hinein, ohne zu lesen, er wollte den Kellner noch einmal fragen, aber der winkte ihm schon von weitem: Niemand war da, niemand. Durch die Fenster sah er auf die nasse Straße, und plötzlich riß es ihn in die Höhe: Da sprang Lili durch die Pfützen. Kleiner Fuß, Kinderbein, dachte er blitzschnell, während er zur Eingangstür stürzte.

Sie sah sein beglücktes Gesicht, sie lächelte ihm zu, sie flüsterte: »Ich hab nur eine Sekunde Zeit, ich sah dich vorhin im Regen vor unserm Haus.«

Der Kellner stand vor ihnen, ein Wort schaffte ihn wieder weg.

»Dummer Adam«, sagte sie und beugte den Kopf zu seiner Hand hinunter. Da unten, wo es der Kellner nicht sehen konnte, legte sie, bettete sie ihre Wange einen Augenblick in seine Hand.

Der Kellner war schon wieder da.

»Danke.«

»Ich habe gar keine Zeit, ich wollte dir nur eines sagen: Brüskiere, um Gotteswillen, den Flammen-Menschen nicht. Geh sofort in die Redaktion! Er wird mich noch mehr hassen, wenn ich ihm dich nehme. Wenn er uns verrät, Adam, und er wird uns verraten, dann – – dann – – dann ist für mich alles zu Ende.«

Adam hörte ihre hervorgestammelten Worte, er sah sie erbleichen, während sie redete; in ihrem Blick war immer, wenn sie Roth erwähnte, etwas beinahe Irres. »Warum schnüffelt er dir in deinem Hause nach? Adam, wir wollen uns nie mehr bei dir sehen! Denk nach, wo. Aber nie, nie mehr in deiner Wohnung. Er wird wieder auf der Treppe stehn! Was sagte er denn? Wollte er mich überführen? Werden wir bewacht? Antworte nicht, geh, bitte, geh sofort! Vielleicht kannst du etwas Schreckliches verhüten.«

Sie sah in sein gefurchtes Gesicht, sie liebte seine überhohe Stirn, den Ansatz seiner blonden Haare, ihre Kinderhand fuhr über Stirn und Strähne.

 

Als Roth in die Redaktion kam, saß Adam wie gewöhnlich an seinem Schreibtisch.

»Nanu?« sagte Roth ganz fröhlich. »Sie haben mich doch fristlos entlassen?« Dann packte er den ungeschickten blonden Menschen an der Hand und zog ihn in sein Zimmer.

»Bitte,« sagte Adam, »vergessen Sie meinen Brief und sprechen wir über die ganze Sache nicht mehr.«

»Mit größtem Vergnügen, obwohl ... aber wie Sie's wünschen. Da sind auch Ihre sechshundert Mark, das war eine unverdiente Verschärfung, und jetzt leg ich Sie für heute in Beschlag, Sie essen jetzt eine Kleinigkeit mit mir, ich habe Ihnen einiges zu erzählen, Sie kommen mit mir in die Druckerei und abends in die ›Neue Welt‹.«

Als sie durch Schneebergers Zimmer gingen, knurrte der alte Mann hinter seinen Zeitungen.

»Ja, ja,« rief ihm Roth zu, »es war ein Irrtum, Adam bleibt.«

Zum erstenmal kam ihm der Vorname über die Lippen.

Ehe sie noch aufbrachen, meldete sich Justizrat Bauer am Telephon, er hatte sich schon mit den leitenden Direktoren der Vereinsbank über die Friedensbedingungen unterhalten, er hatte auch schon Koch mit den Direktoren zusammengebracht, Koch, der aufgeatmet hatte, in den Grundzügen war beinahe eine Einigkeit erzielt, die Speyer und ihr Zimmermann sind eben zu letzten Verhandlungen herangeholt worden, der Justizrat beschwor Roth in der heutigen ›Flamme‹ das Einigungswerk nicht zu gefährden. Die Herren waren übrigens starr vor Staunen, als sie erfuhren, daß die ganz geheim geführten Verhandlungen zwischen Diamantidi und ihnen zur ›Flamme‹ durchgesickert seien, und einer von ihnen war überzeugt davon, daß die Information von Diamantidi selbst ausgehen müsse, der ihnen, bösartig wie er sei, eine Verschärfung der Streiklage anhängen wolle. Als Koch, übrigens gar nicht ungeschickt, die Gärung unter den Bankbeamten in das Gespräch einflocht, zeigten sich die Direktoren auch in diesem Punkte zu Konzessionen bereit. »Also,« schloß Bauer, »blasen Sie die sanfteste Flöte! Nichts als Flöte heute abend! Ich appelliere, lieber Herr Roth, an Ihr Verantwortungsgefühl.« Der Flammen-Mensch antwortete etwas unwirsch: »Sicher hat Koch sich zu billig abspeisen lassen. Kann ich denn die Bedingungen des Waffenstillstandes nicht erfahren?«

Der Justizrat bedauerte außerordentlich, aber die Entscheidung werde erst in zwei, drei Stunden fallen, vorher ließe sich gar nichts sagen. Übrigens habe er von Koch den offiziellen Auftrag, Roth um Entschuldigung zu bitten, der Gewerkschaftssekretär und die Warenhausangestellten suchen nach der Formel, in der sie der ›Flamme‹ öffentlich ihren Dank für die tatkräftige und uneigennützige Unterstützung aussprechen wollen, jawohl, öffentlich!

Beim Mittagessen, das in einigen Minuten verschlungen war, sagte Roth zu Würz: »Diese Scheißkerle wagen es natürlich nicht, mir zu verraten, um welchen Preis sie nachgegeben haben, diese Esel! Was hätte ich der Vereinsbank in dieser Situation herausgepreßt! Wir halten sie mit den Bankbeamten fest in der Zange. Diese schwächlichen, höflichen, ängstlichen Direktoren sind auch nicht eiserne Kerle wie Diamantidi. Wir hätten uns zu alledem aus Diamantidis Aktienpaketen ein Päckchen rauben müssen, um künftighin in den Generalversammlungen ein Wort mitreden zu können. Aber was wollen Sie mit diesen Friedensmeiern anfangen? Das Boxen macht ihnen keine Freude, sie sind blutscheu geworden.«

Adam war sehr erstaunt, einen wie ruhigen, maßvollen Aufsatz der Flammen-Mensch in die Setzmaschine diktierte. »Bauer kann mit mir zufrieden sein«, seufzte Roth lächelnd. Seine eigene Bemerkung stachelte ihn jedoch wieder auf. An dem fertigen Artikel war freilich nichts mehr zu ändern, aber nach einem kurzen Trab durch die Setzersäle stand Roth plötzlich wieder vor der Setzmaschine, in seiner gewohnten Stellung, ein Bein auf einen Schemel hochgestellt, ein paar Blätter, auf denen er Schlagworte notiert hatte, in der Hand, sein Gesicht hatte wieder diesen besessenen, geistesabwesenden Ausdruck, er diktierte langsam, fest und klar. Dieser Aufsatz gab dem Blatt die fette Überschrift: »Diamantidi auf der Flucht.« Es war das dem Justizrat angekündigte Siegesgeheul. An alle Stationen des Kampfes wurde erinnert, an den Streit um Witkowski, für den nun, da er gänzlich totgeschlagen war, ein sanftes Wort eingeflochten wurde, an das hagelnde Volksgericht vor Diamantidis Villa, an den einstimmigen Ruf der Bürger und Arbeiter: »Hinaus mit Diamantidi«; in drei sehr deutlichen Sätzen war auch der Bestechungsversuch an der ›Flamme‹ gestreift, selbstverständlich ohne Klipps Namen zu nennen oder anzudeuten; die Höhe der Bestechung war »phantastisch« genannt, und um die Wahrheit der Meldung dem Philister, der immer Dokumente zum Beleg brauchte, zu beweisen, war das von Koch und der Speyer unterzeichnete Gedächtnisprotokoll zitiert. Zuletzt wurden die heute vormittag in bewachter Heimlichkeit geführten Verhandlungen mit der Vereinsbank erwähnt, und der große Kursverlust, den Diamantidi durch die jähe Abstoßung der Aktien erlitten. Nie hat die ›Flamme‹ einen größeren Sieg erfochten, nie ist ein Boxer im Ring so gründlich, Schlag auf Schlag, zu Boden geworfen worden. »Und Diamantidi wird sich nicht mehr erheben, die ›Flamme‹ wird ihn sonst sehr schnell verzehren.« Roth ließ Adam die erste Korrektur des »Siegesgeheuls« lesen. »Nun, wie wirkt das?« fragte der Flammen-Mensch, neben Würz stehend, mit ihm lesend. »Armer Diamantidi«, sagte Adam lächelnd. Roth, noch ganz im Fieber der hingeschmissenen Arbeit, sah Würz mit glotzenden Augen sehr ernst an, aber eigentlich sah er über ihn hinweg: »Vielleicht ist es ein Fehler, ich glaube es fast ... aber wir haben einen dramatischen Schluß gebraucht.«

Während die Spalten umbrochen, die Seiten in die Maschinen gehoben und gegossen wurden, klingelten die Telephone ununterbrochen. Von der Börse wurden Kursstürze in Diamantidischen Werten gemeldet, das Gerücht vom Friedensschluß war zu den Warenhausangestellten gedrungen, auch Klipp meldete sich, leider zu spät, das Blatt sprang schon aus der Rotationspresse, er empfahl dringend, Roth möge, um seiner selbst willen, keine Attacke gegen Diamantidi reiten, der Italiener laufe ohnehin mit Schaum vor dem Munde durch seine Bureaus, deshalb allein rufe er an, denn daß sein, Klipps, Name in der ›Flamme‹ nicht erwähnt werde, das dürfe er wohl als selbstverständlich annehmen. Ganz ohne Sorge war der Stadtrat nicht, aber Würz konnte ihn vollkommen beruhigen. »Wir möchten so gern abends in die Streikversammlung kommen, ist das möglich?« – »Welche wir?« fragte Adam. »Fräulein Orber, ich und noch eine junge Dame.« Es wurde verabredet, daß sie auf Adam vor dem Saale der ›Neuen Welt‹ warten sollten.

Lange vor sechs Uhr waren die beiden Riesensäle überfüllt. Man hatte die Tische hinaustragen müssen, um für die Hereinströmenden Raum zu schaffen. Auf wackligen Wirtshaussesseln, Reihe an Reihe, warteten die Frauen und Mädchen, die Beamten und Lehrlinge der Warenhäuser, alle Gesichter schienen aufgeräumt, entspannt und froh, Friedensgerüchte zischelten durch den Saal, besonders die Frauen freuten sich schon auf ihre Ladentische, auf ihre schwarze Tracht, auf die entbehrte Ordnung ihres eingeteilten Lebens. Von Zeit zu Zeit platzte ein unerklärliches Gelächter aus einer Saalecke.

Vor dem Saaleingang wartete Klipp mit der Orber und einem hochgewachsenen, siebzehnjährigen, blonden Mädchen. Endlich fuhr Roth mit Adam vor. Sie grüßten. Da die Orber kaum merklich dankte, hielt Roth sich, während Adam auf die drei zutrat, in einiger Entfernung, dann fand er, daß er nicht zu warten habe, er erkundete einen kleinen Seitenweg, der durch die Küche zum Podium des Saales führte. Ein verschlissener Theatervorhang verbarg ihn der Menge. Der Flammen-Mensch setzte sich bescheiden in den Hintergrund der Bühne, von der letzten Kulisse gedeckt. Später stiegen die Gewerkschaftsleute zum Podium empor. An einem langen Verhandlungstisch, der in der Mitte der kleinen Bühne stand, hatten Koch, die Speyer, Zimmermann und noch ein paar Frauen und Fräulein aus den wichtigsten Warenhausabteilungen Platz genommen.

Sofort nachdem Roth sich in seiner versteckten Ecke niedergelassen, fühlte er, einen Augenblick lang, das Auge des Gewerkschaftssekretärs, der überall nach ihm ausgespäht hatte, auf sich, aber der Blick glitt schnell wieder an ihm vorüber, als hätte Koch den Flammen-Menschen nicht bemerkt. Mit jener raumeinnehmenden Wichtigkeit, die er auch für alle unbeträchtlichen Handlungen hatte, zog Koch eine große Glocke, dann Papierbogen, dann ein halbes Dutzend Bleistifte geflissentlich aus einer Reisetasche. Er legte dies alles langsam auf die Plätze der Mitglieder des Streikkomitees. Kein Blick flog mehr zu Roth in die Kulisse. Die Speyer kletterte sehr geschäftig und so schnell, als es ihr Umfang zuließ, über ein kleines, seitliches Treppchen von der Bühne in den Saal, dann wieder vom Saal auf die Bühne. Ihr Gesicht schien heut noch runder und röter, sie war vergnügt. Das war heute ihr großer Tag, in der Mitte des Verhandlungstisches war ihr durch zwei Kissen etwas erhöhter Sitz, sie sollte offenbar den Vorsitz führen. Sie brachte einige Flaschen Wasser und mehrere Gläser, sie prüfte leise die Präsidentenglocke, sie notierte sich in ihrer fitzligen Schrift die Reihenfolge der vorgemerkten Redner.

Das Gewoge vor dem Vorhang, der Lärm im Saal, das Gezischel und Gelächter der Wartenden wurde immer lauter. Jetzt gab es plötzlich ein Sesselrücken, ein Rufen, Drängen, Schreien, Gelächter und dann plötzlich allgemeine Stille im Saal. Koch trat an das kleine Guckloch des Theatervorhangs, er konnte die Gesichter der Versammlungsteilnehmer nicht sehen, bloß ein paar Zeitungsblätter. Die Kolporteure hatten die ›Flamme‹ mit dem Friedensartikel gebracht. Tausende Hände streckten sich nach der Zeitung aus, und nun saßen sie da, eine unübersehbare Masse von Lesern, alle Köpfe waren in die ›Flamme‹ versunken ... Jetzt kamen auch auf die Bühne ein paar Blätter, Koch und die Speyer vertieften sich gemeinsam in die Nummer.

Um die Glocke gewissenhaft zu erproben, wollte dann die Speyer in den kleinen Gang zwischen Podium und Küche laufen, da entdeckte sie Roth hinter der letzten Kulisse. Sie ging froh und ungeniert auf ihn zu, reichte ihm ihre Patschhand und sagte voll Freundlichkeit:

»Warum so im Hintergrund? Heute gehören Sie ganz nach vorne!«

Der Flammen-Mensch dankte, nein, er fühle sich allein in seiner Ecke wohler.

»Werden Sie reden? Dann muß ich Sie vormerken.«

Ja, sprechen wollte er, wenn es möglich wäre, nach dem Referat von Koch.

Die Speyer trippelte zum Vorstandstisch zurück und wisperte mit dem Gewerkschaftssekretär. Der tat, als erfahre er erst jetzt von der Anwesenheit des Flammen-Menschen, er erhob sich, schritt gewichtig, in nicht zu hastigem Tempo zur letzten Kulisse, reichte Roth seine breite Hand und sagte: »Ich bitte dich ausdrücklich um Entschuldigung, ich habe den Vorfall sehr bedauert.«

Der Flammen-Mensch errötete, wahrhaftig, er wurde verlegen, er legte seine schmale Hand ganz flüchtig für einen Moment in die angebotene Pranke: »Schon gut, jetzt ist keine Zeit für diese Dinge. Ein andermal.«

Der Gewerkschaftssekretär sagte anerkennend wie ein Vorgesetzter: »Dein Artikel ist brillant. Geradezu staatsmännisch.«

Roth fühlte plötzlich wieder diese merkwürdige Trockenheit im Mund, er steckte die nichterbetene Anerkennung ein, ohne ein Wort zu erwidern.

Im Saal, etwa in der sechzehnten Reihe, saß Adam neben Klipp, der Orber und dem blonden, jungen Mädchen, dessen Namen er überhört hatte. »Wird Roth sprechen?« fragte die Orber. Adam nickte.

»Da machen Sie sich aber auf keine besondere Leistung gefaßt,« sagte Klipp, »ich hab ihn schon vor einem Jahr gehört, er ist ein Schreiber, kein Redner, ich glaub, er hat Lampenfieber, er ist nicht witzig, nicht einmal schlagfertig, er ist nur aufgeregt.«

»Wissen Sie, daß Sie da ein großes Lob für den Flammen-Menschen sagen?« Adam war froh, sich einmal für Roth erklären zu können. »Weltgeschichte ist mit Witz nicht zu machen, Witz ist, moralisch und logisch gesehen, eine Schweinerei. Ein Führer muß ernst sein, nicht witzig, und schlagfertig ist man immer nur auf Kosten von Sachen oder Personen, die man verstümmelt ... Aber ich muß zu ihm. Er würde es mir übel nehmen, wenn ich ihn jetzt allein ließe.«

»Geh nur,« die Orber winkte ihm zu, »wir wollen dich nicht halten.«

Adam spürte geheimen Spott in Marys Worten.

»Du brauchst dich gar nicht zu entschuldigen, Adam, am allerwenigsten vor einer engagementlosen Schauspielerin. Ich muß vielleicht nach Görlitz gehn ... Görlitz!! Adam! Görlitz!!«

»Sie sollen solche Scherze nicht machen,« sagte Klipp, nachdem Adam weg war, »erstens schadet es Ihnen und zweitens werd ich Sie nicht nach Görlitz gehen lassen.«

Da mischte sich Eleonore in das Gespräch: »Was ist denn so schreckliches an Görlitz? Dort bist du wenigstens dein eigener Herr!«

Die Siebzehnjährige sah, während sie mit der hochmütigen Festigkeit ihrer Jahre sprach, nur die Mutter an, es ärgerte Eleonore, daß sie plötzlich Röte ins Gesicht aufsteigen fühlte.

Endlich hatte Würz den Flammen-Menschen in der letzten Kulisse entdeckt. Eben war der Vorhang in die Höhe gezogen worden, Blitzlicht zischte auf, der Vorstandstisch wurde photographiert.

»Gott sei Dank,« sagte Roth, »daß wir hier geschützt und gedeckt sitzen. Ich möchte nicht auf dem Bilde dieses Dilettantentheaters mit drauf sein. Auch im Saal möcht ich nicht sitzen, ach, Würz, ich fühl's, ich bin kein Demokrat. Wenn ich hier in dieser dunklen Ecke sitze und nur den undeutlichen Lärm der Leute höre, dann freu ich mich, daß ihre Sache nicht schief gegangen ist. Aber wenn ich da oben am Vorstandstisch säße und alle diese vermickerten oder aufgedunsenen Gesichter unten in den Reihen wirklich vor mir sähe –, wenn ich höre, wie sie über den Streik reden, während sie ihre Stullen aus dem Papier packen, da werde ich bösartig. Um für das Volk zu wirken, darf ich es mir nicht ansehen. Deshalb hasse ich den Sonntag und Sommerausflüge und Biergärten und Faschingsfeste.«

Das Gespräch wurde durch die Glocke der Vorsitzenden jäh unterbrochen. Die Speyer hatte ein angenehmes Gefühl von Macht, wenn sie die Glocke langsam hin und her schwang, mit jedem Klöppelschlag wurde es stiller im Saal.

Als die Leute ganz schweigsam und artig dasaßen, ohne daß auch nur einer zu flüstern wagte, da erhob sie sich von ihrem Doppelsitzkissen, sie sah nun noch kleiner und rundlicher aus, sie hüstelte und ließ langsam ihre ersten, etwas zu schrill-hohen Begrüßungsworte los. Sie dankte allen Erschienenen, sie dankte denen, die vierzehn Tage gehungert hatten, sie dankte den unzähligen Helfern im schweren Streit, sie dankte dem sympathisierenden Publikum, sie dankte der »unabhängigen Presse«, und als sie endlich zu danken aufgehört hatte, erteilte sie »in dieser Entscheidungsstunde« dem wichtigsten Berater der Warenhausangestellten »unserem Freunde Adalbert Koch« das Wort.

Der Gewerkschaftssekretär hob seine gewichtige Masse aus dem Sessel, Beifallsklatschen umrauschte ihn, während er sich langsam nach vorne schob, vor den langen Tisch. Jetzt entdeckte er, während er in der Mitte des Bühnchens stand, den leeren Souffleurkasten zu seinen Füßen, er faßte seine Zettel fester in die Hand und begann ohne Aufregung, mit immer gleichmäßiger, selten gehobener, bis in die fernste Ecke verständlicher Stimme. Nach den ersten Sätzen unterbrach er sich: »Hört man mich überall?« Ja, ja, ja, »denn heute und hier wird entschieden, ob wir unsere Waffen aus der Hand legen sollen oder nicht.« »Weiterkämpfen!« kreischte ein einzelnes Frauenzimmer von der Galerie, aber ein Sturm von empörten Zischern und Ruherufern antwortete der Verwegenen.

»Weiterkämpfen?« Koch disputierte nun mit der Unbekannten auf der Galerie. Ja, vor drei Stunden haben er selbst und alle seine Freunde noch gedacht, es könne keine andere Losung als die eben gehörte ausgegeben werden, aber inzwischen sei der Hauptfeind davongelaufen, vielleicht bis nach Mailand. Ein vielstimmiges Schmunzeln und Kichern quittierte den billigen Scherz. Und die neuen Herren, die Leiter der Vereinsbank, gewiß auch Kapitalisten, seien doch keine neugebacknen Napoleons der Börse, sondern ernsthafte Kaufleute, mit denen man sich an den Waffenstillstands-Tisch setzen konnte. »Bis vor einer halben Stunde berieten wir und schwitzten, eure Vertrauensleute und die Direktoren der Vereinsbank, wir handelten und, ich sage es offen, wir feilschten. Was die Herren uns zuerst anboten, das war eine allgemeine Erhöhung aller Gehälter um, jawohl, um fünf Prozent.«

»Pfui!«

Der Ruf zischte von der Galerie, es war wieder das aufgeregte Weibsbild von früher. Diesmal donnerte sie kein Entrüstungssturm nieder, sondern es riß viele Frauen und Mädchen von ihren Sesseln und sie klatschten zu der Pfuischleuderin hinauf. Erst ganz allmählich wurde es wieder still. Koch, sturmgewohnt, wartete geduldig.

»Pfui – das haben wir auch gedacht, wenn wir auch als höfliche Leute es, angesichts der ernsten Situation, nicht so hitzig geäußert haben. Nun, nach einer Stunde boten die Herren acht Prozent. Wieder haben wir nicht Pfui gerufen, Pfui ist überhaupt kein schönes Wort, aber wir standen auf, alle, wie wir da waren, und wollten die Verhandlungen abbrechen. Wir begaben uns auf den Korridor, man bat uns zu warten, und als wir zurückkehrten, sahen wir auf den Gesichtern der Herren, daß sie einen heißen Ringkampf unter sich ausgefochten hatten. Sie boten uns nun endlich eine allgemeine Gehaltserhöhung von zehn Prozent als äußerste und letzte Konzession.« Koch hielt inne, zog das große, weiße Taschentuch hervor, er veranstaltete offenbar eine allgemeine Überlegungspause. Das bißchen Applaus, das er erwartet hatte, wagte sich nicht hervor. Mit leiserer Stimme fuhr er fort: »Nun also, jetzt waren wir es, die eine gesonderte Beratung verlangten. Ihre Vertrauensleute, meine Freunde, berieten lange, wir alle hatten das Gefühl, mehr ist im Augenblick nicht herauszuschlagen. Deshalb kehrten wir nach einer Stunde an den grünen Tisch zurück. Aber wir sagten noch immer nicht Ja und Amen, sondern wir erklärten: ›Die Angestellten selbst sollen heute abend entscheiden.‹ Es war nun Ihre bewährte Führerin, Frau Speyer, die das letzte Pünktchen aufs I setzte. ›Unsere Kinder haben gehungert,‹ sagte sie, ›wir wollen unsere Kinder für die harte Zeit entschädigen! Wir verlangen außer den zehn Prozent die Schaffung eines Ferienheims für unsere Kinder.‹ Die Forderung wurde im ersten Augenblick mit Staunen aufgenommen, die Direktoren wollten lange nicht anbeißen, aber auch das wurde nach langem Hin und Her bewilligt. Unsere Kinder werden im Sommer an den Ufern des Sternsees in einem neuen für diese Zwecke eingerichteten Heim untergebracht werden. Ich nehme an (er sah siegesbewußt zur Galerie), daß wenigstens zu diesem Punkte kein Pfui auf uns heruntergeschleudert wird.«

Das erste Lachen kollerte durch den Saal.

Koch nahm jetzt den Kampf mit der Galerie auf. Wollte das Weibsbild es jetzt noch einmal wagen, Pfui zu rufen? Er redete vom Kinderheim, vom Sternsee, von der Pflicht gegen die in Sonne aufwachsende Jugend und ganz besonders hob er hervor, daß zwischen ehelichen und unehelichen Kindern bei der Aufnahme kein Unterschied gemacht werden solle. Aber der Beifall, den der Gewerkschaftssekretär am Ende fand, war doch ein wenig schütter. Die meisten Frauen saßen mit etwas verschlossenen und sogar verdrossenen Gesichtern da, der Frohsinn war aus den Sesselreihen gewichen, die Frauen senkten die Köpfe und äußerten sich nicht. Es schien nötig, Zimmermann vorzuschicken, der mit ziemlich grämlichem Kassierergesicht erklären mußte, daß die Unterstützungsgelder leider in der letzten Zeit nicht so reichlich eingeflossen seien wie in den ersten Tagen des allgemeinen Enthusiasmus. Zimmermann sprach sehr leise, an so große Säle nicht gewöhnt, die räuspernde Unruhe im Saale wuchs. Plötzlich wagte sich die Frauenstimme auf der Galerie wieder hervor. Sie schrie: »Warum spricht denn der Flammen-Roth nicht?« Aber nun hatte die Speyer das Wort, sie schilderte überhaupt nur den wasserblauen Sternsee, das grüne Haus mit weiten Spielplätzen, die kostenlose Unterbringung, jedes Kind mindestens vier Wochen lang, nach ärztlichem Gutachten auch länger. Ihre Stimme bebte, im klagenden Ton malte sie das Schicksal des Großstadtkindes aus, das noch nie einen Wald gesehen, geschweige denn den Sternsee. Aber mitten in ihre herzbewegenden Erzählungen zischte wieder der taktlose Ruf der Galerie: »Warum spricht denn der Flammen-Mensch nicht?« Als der Ruf wiederkehrte, erhob sich Koch, begab sich gemächlich hinter die letzte Kulisse und beugte sich zu Roth hinab: »Du bist der nächste Redner, hoffentlich können wir uns auf dich verlassen, oder willst du das Kompromiß schmeißen?«

»Das wirst du sehen.«

Bevor nun die Speyer Roth das Wort erteilte, erbat es Koch zu einer kurzen Erklärung. Er fühle sich verpflichtet, in dieser Stunde der ›Flamme‹ und ihrem Herausgeber öffentlich zu danken. Herr Chefredakteur Roth sei kein Soldat in Reih und Glied, das liege ihm nicht, er sei ein Vorreiter von Beruf, den gerade die gefährlichsten Geländeritte, zuweilen zur Nachtzeit, während die andern noch schlafen, reizen. Er ziele stets auf die Achillesferse des Gegners, er sei aber zuweilen selber so etwas wie ein grollender Achilles. Nicht zum wenigsten verdanke man seinem Mut und seiner Unbestechlichkeit den Sieg. Diese Bemerkungen sei gerade er, der oft einer anderen Taktik huldige, denn er, Koch, sei nur ein Soldat in Reih und Glied, dem Flammen-Menschen schuldig.

Nur von der Galerie knatterte ein wenig Applaus herunter. In den Sesselreihen des Parketts war eine gewisse Dumpfheit und Enttäuschung nicht auszutreiben.

Koch flüsterte der Speyer zu: »Jetzt, nachdem ich ihm seine Portion Honig ums Maul geschmiert habe, können Sie ihm ruhig das Wort erteilen. Man muß bei ihm immer den großen Honigtopf mitführen.«

Aber in der erwartungsvollen Stille kam Adam aus der Kulisse zur Vorsitzenden, Roth wolle nicht sprechen, sie solle der Versammlung sagen, er fühle sich nicht wohl, seine Wünsche begleiten die Warenhausangestellten und dergleichen. »Desto besser,« sagte Koch, »das ist ja beinahe schon Disziplin.« Aber als die Speyer mitteilte, Roth werde nicht sprechen, weil er sich nach einem harten Arbeitstag dazu nicht mehr imstande fühle, da kam von der rebellischen Galerie, wieder von der schrillen Stimme, ein »Aha!« und dann ein noch helleres »Hört! Hört!« und dann wurden auch im Parkett ein paar Rufe laut: »Roth! Roth! Roth soll reden!« Roth wartete auf seinem Sesselchen hinter der Kulisse darauf, zum Reden gezwungen zu werden. Die Speyer wartete, die Hand an der Glocke.

Aber die Rufer waren ohne Ausdauer, isolierte Liebhaber, und ihre Schreie verflatterten im Saal. Die Dumpfheit, die Enttäuschung, das Schweigen lähmte fast alle.

»Sehen Sie, Adam, wenn in den Leuten ein lebendiger Wille steckte, wär ich jetzt herausgekommen und hätte gesprochen. Aber es sind ja lauter Köche, Fleisch von seinem Fleisch.« Der Flammen-Mensch brach mit Adam auf, ehe noch die Abstimmung, die den Frieden brachte, vorgenommen wurde, sie hörten noch die Glocke der Speyer, während sie durch den schmalen Gang zur Küche und zum Ausgang schritten, dann atmeten sie auf; die frische Luft des Abends erquickte.

Vor dem großen Säuleneingang des Massenrestaurants stand das Auto des Justizrats Bauer, er bemerkte die beiden, gerade als er schon auf dem Trittbrett stand: »Darf ich Sie in die Stadt bringen?«

Roth sah Adam an: »Danke, wir wollten langsam durch den Abend bummeln.«

»Gott sei Dank,« sagte der Justizrat, »daß diese Geschichte zu Ende ist. Ich will Sie durch mein Lob nicht ärgern, aber ich fand es, wie Koch sagte, geradezu staatsmännisch, daß Sie schwiegen.«

»Ja, ich werde bequem,« antwortete Roth verdrossen, »aber morgen ist auch noch ein Tag.«

»Finden Sie denn die Friedensbedingungen nicht sehr anständig? Zehn Prozent und das Kinderheim.«

»Sie unterschätzen mein Gedächtnis, Herr Justizrat. In der ersten Konferenz bei Ihnen haben Sie selbst einen Vergleich mit zwölf Prozent vorgeschlagen, und das rührende Kinderheim war damals auch schon auf der Welt.«

Wieder tauchte das müde, schnell weghuschende Lächeln auf Bauers Gesicht auf: »Diesen schönen Vorschlag, lieber Herr Roth, haben doch Sie selbst zu Fall gebracht.«

»Ich habe Koch überschätzt, ich hielt die Speyer für widerstandsfähig, ich habe an die Leute geglaubt. Es war ja nur innerste Schlappheit, Mangel an Offensivgeist, mit Hindenburg zu reden, elende Kompromißsucht, die Koch zur Annahme bewog. Warum wartete man nicht noch vierundzwanzig Stunden? Die Versammlungen mit dem Dilettantentheater hätten morgen genau so geklappt, für heute aber hätte ich die Bankbeamten zusammengerufen und den Direktoren wäre das Herz, wenn sie eins haben, in die Hosen gerutscht.«

»Ist das schon Ihr morgiger Leitartikel?«

»Der Anfang. Ich will Ihnen nicht den ganzen Aufsatz erzählen, ich weiß, daß Ihr Schlaf leicht gestört ist.«

»Sie brauchen um meinen Schlaf nicht besorgt zu sein. Wenn Sie es für klug halten, mit aller Welt in Feindschaft zu leben, so habe ich nicht die Absicht und auch nicht die Kraft, Sie an Ihrer Isolierung zu hindern. Gestatten Sie mir nur zu sagen, daß ich auch Ihren heutigen Fußtritt an Diamantidi für einen schweren Fehler halte. Der Mann liegt heut am Boden, aber er steht morgen wieder auf, und Sie werden der Erste sein, der ihn spüren wird. Dabei hassen Sie doch andere viel mehr als ihn.«

»Stimmt!«

»Übrigens, was hätten Sie getan, wenn die Bankbeamten Sie heute abend überrannt und auch den Streik beschlossen hätten?«

Roth näherte sein Gesicht dem des Justizrats. Unwillkürlich zuckte Bauer zurück. Zwei fieberglänzende Augen stierten ihn an.

»Ich hätte getanzt,« schrie Roth, »ich, der gar nicht tanzen kann, ich hätte schnell eine Extra-Ausgabe hinausgeworfen, ich hätte die Vorstädte aufgefordert, zu illuminieren.«

»Sie wären heut abend in Bundesgenossenschaft mit Diamantidi gewesen, der auch ein Hasser der Banken ist.«

»Ich weiß nicht, ob ich ein Hasser der Banken bin, ich will nur, daß die Leute endlich einmal einen Willen bekommen ... Man kann ja nicht leben unter lauter Köchen.«

Der Justizrat winkte dem Chauffeur: »Ich muß leider in mein Bureau, ich habe noch eine Konferenz.« Als er Roth die Hand reichte, sagte er, wieder mit diesem verhuschenden Lächeln: »Ich hielt Sie schon für halb geheilt. Schade ...«

»Danke bestens für die mitleidsvolle Regung, ich bin wohl ein unheilbarer Fall. Empfehlen Sie mich der Frau Gemahlin.«

Das Gesicht des Justizrats war, da er eben in den Wagen stieg, nicht mehr wahrzunehmen.

Roth wollte sich in Adams Arm hängen, um ihm die Grundzüge des morgigen Artikels darzulegen. Der Aufsatz sollte heißen: »Deutschlands Köche.« Aber Adam bat, sich nicht einzuhängen, er sei es gewohnt, frei für sich zu gehn.

Sofort stockte der andere.

Sie gingen schweigend nebeneinander durch die schlecht beleuchtete Vorstadtstraße.

Dachte Roth an die »Köche«?

Würz dachte jedenfalls an die »Empfehlung an die Frau Gemahlin«. Am liebsten hätte er dem Flammen-Menschen sofort wieder seine Demission geschickt.

Während sie sich mit dem Rechtsanwalt unterhalten hatten, war die Versammlung zu Ende gegangen.

Vor ihnen lief ein siebzehn- oder achtzehnjähriges Mädchen in dünnem, schwarzem Kleid, blaß, rotblond, mit fein gedrechselten Beinchen. Von Zeit zu Zeit zog sie ein belegtes Brötchen aus der Tasche und ihre kleinen Zähne bissen herzhaft hinein.

»Ist das ein so schrecklicher Anblick?« fragte Adam.

»Ah, Sie sind ein Lyriker«, antwortete Roth unwillig.

»Wollen wir wetten, daß sie froh ist, morgen wieder hinter ihrem Ladentisch zu stehen? Soll ich sie fragen? Sogar ein Warenhaus wird allmählich eine Art Heimat.«

»Langweilen Sie mich nicht, Würz! ... Wahrscheinlich hat sie mit dem Rayonschef ein Verhältnis. Übrigens, weil wir von Verhältnissen reden: Werden Sie es glauben, dass zwischen Koch und der Speyer zarte Fäden laufen? Die beiden Mehlsäcke fühlen sich zu einander hingezogen!«

Adam konnte seine Antwort nicht verschlucken. Er suchte einen möglichst ruhigen Ton: »Was geht das uns beide an?«

Roth stutzte, sah ihn an und fragte: »An wen haben Sie mich jetzt erinnert: ›Was geht das uns an?‹ Ach ja, ich hab's schon.« Er nannte den Namen des Justizrats nicht, der ihm einst zugerufen: Was geht das Sie an? Er redete überhaupt kein Wort mehr.

Sie gingen wortlos neben einander, die Vorstadtstraße wurde menschenleer und dunkel, nie waren sie weiter von einander entfernt als in dieser Stunde.

Plötzlich lief ihnen ein Bursche entgegen, der ihnen einen Zettel in die Hand drückte. Sie entzifferten im Licht der nächsten Laterne: »Lest nicht die ›Flamme‹, lest die ›Sonne‹!«

Ein zweiter Junge drängte ihnen diesen Zettel in die Hand.

Hinter dem zweiten stürzte ein Dutzend Zettelverteiler durch die finstern Straßen, offenbar wollten sie die Versammlungsbesucher noch erreichen.

»Was ist denn das für ein Schwindel?« fragte Roth, »haben Sie eine Ahnung?« Er hatte alles vergessen, bloß diese Werbezettel rumorten in ihm. Deshalb fragte er: »Haben Sie Lust, noch einen Schluck Wein bei mir zu trinken?«

»Ich bin zu müde.«

Sie sagten sich ein kurzes, beinahe feindliches Adieu.

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