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Chefredakteur Roth führt Krieg

Stefan Großmann: Chefredakteur Roth führt Krieg - Kapitel 10
Quellenangabe
authorStefan Großmann
titleChefredakteur Roth führt Krieg
publisherPaul Zsolnay Verlag
printrun1. bis 5. Tausend
year1928
firstpub
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170519
projectid3a165ec8
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9.
Brüderliche Regungen

Manchmal ging Roth zu Fuß in die ›Flamme‹ Dann mied er die lauten Straßen und das dröhnende und klingelnde Gewimmel, schlich die Mauern entlang in engen Gassen, sah nicht, wer vor ihm ging, bemerkte nicht, was hinter ihm geschah, er ging dann ganz langsam, konnte vor einem Auslagefenster stehenbleiben, ohne zu wissen, was er ansah, es kam vor, daß Kinder hinter dem wie im Traum Wandelnden hüpften und auf den närrischen Menschen zeigten, der sie und ihr Geschrei und ihr Gehüpfe gar nicht bemerkte. Merkwürdigerweise hatte er an diesem Nachmittag Streik und Gewerkschaft und Zeitung fast vergessen. Wenn er vor einem großen Glasfenster stehenblieb, sah er in den Scheiben Adam, der gar nicht da war, und wenn er sich einen Ruck gab, um schneller ans Ziel zu kommen, so war er in Gedanken schon mitten in dem wütenden Streit, den er heute noch mit seinem Bruder Rudolf ausfechten mußte, und zwar gründlich. Dachte er an Rudolf, so begannen seine Füße zu laufen, alle Besinnlichkeit war dann dahin.

In den leeren Redaktionszimmern warteten die beiden, Adam storchte mit langen Beinen umher, Rudolf Roth hockte in unbehaglicher Stimmung, etwas zusammengeklappt, an einem Redakteur-Schreibtisch, die Leitermeyer II hatte ihn auf telephonische Weisung des Chefs aus dem Schachzimmer eines Cafés durch die Mitteilung, es liege Geld für ihn bereit, in die ›Flamme‹ gelockt.

»Das Gespräch mit Würz wird kurz sein,« kündigte Roth seinem Bruder an, »dann haben wir Zeit für einander.« War das schon eine Drohung, nein, es klang ungewöhnlich sanft.

»Ich wollte Ihnen sagen, Würz, daß ich die Schilderung des Überfalles im Stadtpark vorzüglich fand, ganz ausgezeichnet.« Es tat Roth wohl, Adam jetzt etwas Angenehmes zu sagen.

Würz ging, die Hände in den Hosentaschen, durch das Zimmer. Dieses Auf und Ab irritierte Roth, er spürte die Unruhe in dem anderen, ohne sie sich ganz erklären zu können, und er hätte was drum gegeben, wenn der lange, blonde Mensch sich vertrauensvoll neben ihm niedergelassen hätte.

»Loben Sie mich nicht für Leistungen, die ich verachte, ich habe das Zeug in zehn Minuten heruntergesudelt.«

»Zehn Minuten oder zwei Stunden, das ist mir gleichgültig. Schneeberger hätte das in sechzehn Stunden nicht so anschaulich fertig gebracht. Zehn Minuten? Das beweist erst recht, wie richtig meine Nase war, Sie haben eben das Tempo der ›Flamme‹. Aber Sie sind unruhig? Was ist denn los? Wollen Sie sich nicht einen Augenblick setzen? Man kann mit einem Wandernden schwer Gespräche führen. Ich habe mir vorgenommen, heute Ihren Anstellungsvertrag fertigzumachen. Ich will nicht, daß Sie hier immer a. G., wie's beim Theater heißt, auftreten. Entwerfen Sie selber den Vertrag, bestimmen Sie selbst Gehalt, Ferien, Arbeitszeit, ich werd es unterschreiben.«

Adam studierte seine Fingernägel.

»Sehr freundlich,« sagte er endlich, »aber ich kann nicht. Vielmehr wollte ich Sie heute abermals und dringend bitten, mich ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich passe nicht in die ›Flamme‹, lassen Sie mich los.«

In diesem Augenblick wußte Roth ganz genau, woher der Wind blies. Er hatte Lust, klipp und klar zu fragen: Die Dame gestattet Ihnen wohl nicht, mein Mitarbeiter zu sein? Aber er hatte sich in der Hand, er schwieg, er dachte: Vielleicht bin ich diese Feindin heute losgeworden. Der Gedanke, daß ihm jetzt, knapp vor seinem größten Sieg, der einzige Mensch, den er an sich fesseln wollte, entlief, fraß an seinem Selbstbewußtsein. Er nahm sich zusammen und fragte:

»Was fangen Sie denn an, wenn ich Sie fortlasse?«

»Vielleicht brauche ich den Zwang des Dalles.«

»Sie sind doch kein Mensch mit proletarischen Gewohnheiten, ich sehe, daß Sie Seidenhemden tragen.«

»Das ist leider nicht Seide, das ist Zephir.«

»Also Zephir. Sie gehören doch auch nicht zu den Leuten, die Tag für Tag denselben Anzug tragen können. Können Sie sich's denn wirklich leisten, ein Angebot, wie das meine, einfach auszuschlagen? Schwimmen Sie denn im Geld?« Roth hielt inne, eine niederträchtige Vermutung, gegen die er sich wehrte, lag ihm auf der Zunge: »Brauchen Sie denn kein Geld?«

»Geld braucht man immer.«

»Ich muß jetzt mit meinem Bruder sprechen. Überlegen Sie sich indessen die Sache noch einmal, skizzieren Sie einen Vertrag, meinetwegen nur für Beiträge, ohne feste Bureaustunden, und wenn es Schulden sind, die Sie so unruhig machen, so will ich Ihnen gern noch einmal aushelfen.«

Damit drängte er Adam freundschaftlich zur Tür.

Der Bruder kam nun an die Reihe. Rudolf setzte sich nonchalant auf den Sessel, den Adam verlassen hatte, legte ein Bein über das andere, rauchte die mitgebrachte Zigarette weiter und sagte: »Die Leitermeyer II hat mir die erfreuliche Mitteilung gemacht, daß du Geld für mich hast.«

Wenn Rudolf so da saß, mit koketten Socken und Lackstiefelchen, mit übereinandergeschlagenen Beinen, mit dem weißen Seidentüchlein in der Außentasche des Sakkos und gar, wenn Roth den falschen Smaragd auf seiner manikürten Hand sah, dann fühlte er, wie sich sein Puls rapid beschleunigte.

»Ich habe etwas mit dir zu reden.«

»Leopold, wenn ich dich bitten darf, lieber Lustspiel als Drama.«

Roth roch die Pomade auf Rudolfs glattem Scheitel.

»Ich will mich zusammennehmen. Von Lustspiel kann allerdings nicht die Rede sein. Also höre, ich bin nach langem Nachdenken zu dem Entschluß gekommen, dir eine Monatsrente auszusetzen, eine Rente, die dich sorglos machen kann, ich wäre auch bereit, dir ein nicht ganz kleines Vermögen zu schenken, unter bestimmten Bedingungen. Vor allem verlange ich, daß du mir einige Fragen vollkommen wahrheitsgetreu beantwortest, soweit du noch bei der Wahrheit bleiben kannst. Also klipp und klar, wann hast du dir von Diamantidi Geld ausgeliehen und wieviel?«

Die Frage stürzte ganz überraschend auf Rudolf ein. Er stotterte: »Werd' ich hier einem Verhör unterzogen?«

»Ja.«

»Aber ich bin kein Angeklagter und du bist der Letzte, der mein Richter sein könnte.«

»Schön, also das Faktum ist zugegeben. Nun bitte ich um den Betrag.«

»Ich verbiete mir diesen höhnischen Ton.«

»Und ich verbiete mir Erpressungen, die vor der Welt auf mein Konto gehn.«

»Du bist ja irrsinnig in deinem Größenwahn. Was gehst du mich an und dein Skandalblatt.«

Roth spürte noch, wie ihm Glut jäh in den Kopf schoß, dann stürzte er auf ihn los, dann schien er aus seiner Ohnmacht zu erwachen und – sah den Bruder auf dem Teppich liegen. »Ich muß ihn zu Boden geschlagen haben«, sagte er zu sich selbst, während er aufstand und sich umsah, er hörte Rudolf immer wieder keuchen: »Du gehörst ja in die Zwangsjacke ... jawohl, in die Zwangsjacke.«

Roth stand blaß, bebend, den Ausgang versperrend, vor der Tür: »Wenn du jetzt glaubst, weglaufen zu können, ohne klare Auskunft gegeben zu haben, so irrst du dich. Da du diesen unsagbar frechen Ton nicht aufgeben wolltest, mußte ich dich, wie vor zwanzig Jahren, mit meiner Faust zur Raison bringen. Du hast ganz recht, ich wäre imstande, dich noch ganz anders herzunehmen. Ich sage dir: hüte dich! und ich wiederhole mein Angebot. Du kannst von mir hunderttausend Mark haben, wenn du nach New York oder nach Kapstadt oder nach Tokio gehst, such dir aus, wohin du willst. Die Zinsen werden dir dort an jedem Ersten ausbezahlt ... Wenn du es aber wagst, Leute, mit denen ich im Krieg lebe, anzupumpen, wenn du von ihnen Geld herauslockst und bekommst, bloß weil du mein Bruder bist und weil diese Leute glauben, das Geld fließe in meine Tasche, dann werde ich dich, du darfst es mir glauben, unnachsichtlich der Polizei übergeben. Im übrigen wirst du mir sofort sagen, wieviel du Diamantidi abgeknöpft hast, ich erwarte heute noch seinen Vertrauensmann und muß es ihm heute noch zurückgeben.«

Rudolf hatte sich schwankend vom Teppich erhoben und war auf den Sessel zurückgekehrt, er hatte ein Spiegelchen aus der Weste gezogen, er ordnete seine Krawatte, er glättete sein Haar, er schien gar nicht zuzuhören, dann und wann murmelte er noch: »Zwangsjacke.« Aber während er mit dem Taschentuch seine Schuhe säuberte, sagte er, zur Erde gebeugt, ganz deutlich: »Zwölftausend Mark.«

Roth ließ den Ausgang frei:

»Geh! Überlege dir alles. Bis morgen mittag will ich Bescheid.«

Roth, allein, fiel in den Fauteuil. Er bemerkte, daß seine Hand noch immer zitterte, und als er aufstehen wollte, um Würz zu holen, da fühlte er eine noch nie wahrgenommene Schwäche in den Beinen.

»Sie hatten Streit mit Ihrem Bruder,« sagte Adam, »er war ja ganz verstört und sah mich kaum, als er wegschlich.«

»Rudolf ist der infamste Mensch, den ich kenne; denken Sie, er hat Diamantidi um zwölftausend Mark angepumpt. Jetzt!«

Adam mußte lächeln. Er erkannte im selben Augenblick, wie deplaciert dieses Lächeln war, aber er konnte sich nicht helfen, er mußte lächeln.

»Ich wollte, ich könnte die Sache so witzig nehmen wie Sie, ich finde leider nicht den allergeringsten Grund zum Lachen, aber ich bin ja der Bruder. Finden Sie Ähnlichkeit zwischen Rudolf und mir? Ich glaube, es gibt auf der ganzen Welt keinen Menschen, der mir entgegengesetzter wäre. Manchmal hab ich das Gefühl, ich müßt ihn mit beiden Fäusten niederschlagen, so empfand ich ihn schon vor zwanzig Jahren. Wenn er seinen zynischen Tag hatte, wollte ich ihn immer mit der Faust stumm machen. Nun, ich werd' ihn nach Amerika exportieren ... Und wie steht unsere Sache?«

»Ach, lassen wir das für heute. Legen Sie sich eine halbe Stunde hin. Sie sehen ganz kaputt aus. Sie müssen für das Gespräch mit Klipp frisch und auf der Höhe sein.«

»Nein, nein,« antwortete Roth mit der Beharrlichkeit des Überreizten, »ich will wissen, wozu Sie sich entschlossen haben. Ist der Vertrag fertig?«

»Ich bin kein Vertragspartner, das wissen Sie. Wenn Sie es für unrecht halten, daß ich jetzt davonlaufe, so will ich noch einige Zeit bleiben, und wenn Sie mir mit etwas Geld wieder unter die Arme greifen wollen, so kann ich es brauchen.«

»Wieviel?«

»Sind Ihnen achtzehnhundert oder zweitausend Mark zu viel?«

»Ich werde Ihnen zweitausend Mark anweisen.«

Roth ging an den Schreibtisch. Als er die Feder in die Hand nahm, sah er, wie seine Hand noch zitterte, er unterschrieb den Zettel und bot Adam seine Hand: »Ich möchte Sie bei mir behalten, Würz, das muß doch zu machen sein.«

Adam hatte das Gefühl, Roth halte ihn zu lange mit seiner heißen Hand, aber er konnte sich ihm jetzt nicht entwinden, er mußte aushalten. Zweitausend Mark, dachte er, sind zweitausend Mark.

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