Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel

Die Verse drückten seine Gefühle aus, aber wie kam platonische Freundschaft dazu, von der Lieblichkeit der Freundin entzückt zu sein? Und was wollte er als ein Freund solcher Art damit sagen, daß er begeistert ihrer Augen Glanz zu schauen begehrte?

Wieder schien die ganze Sache so verwickelt, wie am Abend vorher; nur daß diese Schwierigkeiten ihn im Mondlicht erschreckt hatten wie Gespenster, während er sie im Sonnenschein des Junimorgens lachend und pfeifend abtat. Was er fühlte, war Freundschaft und sonst nichts, und wenn es trotzdem etwas anderes gewesen wäre, etwas irgendwie für ihn Unverständliches, da es sich ja um eine verheiratete Frau handelte, nun, was es immer sein mochte, es war jedenfalls ein höchst angenehmes Gefühl.

Also sollten die Verse so bleiben! und verwegen sang er sie zur ersten Melodie, die ihm in den Kopf kam und sang sie laut, gleichgültig, wer ihn auf seinem Wege auch hören mochte:

»Laetitia im gelben Kleid,
Entzückt durch ihre Lieblichkeit.«

Es ließ sich ausgezeichnet zu einer Melodie des Gesangbuches singen.

Wie er vorausgesehen hatte, war Laetitia im Garten, als er eintraf. Aber wider sein Erwarten trug sie nicht den schiefen Hut. Es war nicht die vernachlässigte unordentliche Frau, die er vor sich sah, sondern eine, die, wenn auch einfach gekleidet, am Morgen beim Aufstehen ihre Erscheinung gepflegt hatte, und die, als sie an die Gartenarbeit ging, die Möglichkeit, daß selbst zu dieser Tagesstunde Besuch kommen konnte, nicht außer acht gelassen hatte.

Die Heftigkeit seiner Empfindungen gab ihm eine Art schamlosen Muts: er fürchtete sich nicht, Barbara zu begegnen. In den letzten vierundzwanzig Stunden war sie wieder ein junges Mädchen für ihn geworden, was sie ja auch zweifellos war, unfähig, ein so tiefes und kompliziertes Gefühl wie platonische Freundschaft zu verstehen. Er gab zu, daß sie anziehend war, gab zu, daß sie einen gewissen Reiz hatte, der auf dem Gartenfest anfangs Eindruck auf ihn gemacht hatte, aber er fühlte jetzt einen solchen Altersunterschied zwischen sich und ihr, fühlte sich so viel älter und brauchte so sehr das Verständnis, das nur eine erfahrene Frau wie Laetitia für ihn haben konnte, daß sonst weiter an nichts mehr zu denken war. Er hatte sich vorgenommen, wenn er sie treffen sollte, sanft und gut mit ihr zu sein, und wenn diese Güte ihr zugleich klarmachte, daß sie zu jung war, um ihn zu verstehen, so konnte er eben nichts machen. Genau so grausam wie Roger fühlte er, daß die Forderungen seiner Seele und insbesondere dieses seltsame Erlebnis einer platonischen Freundschaft allem vorgingen und sich gebieterisch durchsetzten. Nichts konnte sich ihrer Erfüllung in den Weg stellen. Es war ihm an diesem Morgen, als ob die Welt durch die Jahrhunderte hindurch auf ihn gewartet hätte: er war berufen, zu beweisen, welch eine heilige Freundschaft zwischen einem Mann und einer verheirateten Frau möglich war. Gewiß, Barbara tat ihm leid. Aber was konnte ein Mann mehr tun? Er hatte es ja nicht gewollt. »Das ist der Lauf der Welt«, pflegten Leute, die die Unbill und die Wechselfälle des Lebens erfahren und erlitten hatten, in solchen Fällen zu sagen.

»Beseligt such' im Morgengrauen
Ich ihrer Augen Glanz zu schauen.«

Das summte er vor sich hin, während er auf das Rasenbeet zuschritt, wo, wie Ellen ihm gesagt hatte, er Laetitia finden würde. In der üppigen Fülle von Lupinen und Rittersporn konnte er sie erst nicht sehen; plötzlich aber erhob sie sich unerwartet hinter einer Wand von Madonnenlilien, wo sie das Unkraut eben ausgejätet hatte – so wurde sein Wunsch erfüllt, und die fromme Melodie war vergessen.

In ihrer Gartenschürze, mit breitem Strohhut, unter ihren Blumen stehend, schien sie ihm gerade die Frau zu sein, die die höchsten Forderungen im Leben eines Mannes erfüllen konnte. Daß sie hier beschäftigt war, Unkraut zwischen den Lilien auszujäten, schien ihm symbolisch. Nur die reinsten Blüten des Geistes konnten in den Seelen derer gedeihen, die sie kannten. Und wenn sie die Freundschaft annahm, die sein Herz in diesem komplizierten Leben für sie gefunden hatte, dann konnte es wohl keinen Mann in dieser Welt geben, der sie so kannte wie er. Nicht einmal ihr Mann.

Er hatte sich zwar aufs sorgfältigste vorbereitet, wie er sie an diesem Morgen begrüßen wollte, aber alles war im Augenblick verflogen und vergessen. Er stand auf dem Grasweg, lächelte und suchte nach einer Erklärung dafür, warum er schon so bald wiedergekommen war. In der gestrigen Generalprobe hatte er sich vorgenommen, ihr sogleich von seiner Freundschaft zu sprechen, die alles erklären mußte. Aber das schien jetzt ganz außer Frage. Es war unmöglich, sich über die Spitzfindigkeiten platonischer Freundschaft zu verbreiten, ehe er nicht wenigstens »Guten Morgen« gesagt hatte.

Da ihm nichts anderes übrigblieb, sagte er denn auch: »Guten Morgen.«

Vielleicht begriff Laetitia in diesem Augenblick, was in ihm vorging. Wenn es der Fall war, dann verbarg sie es so erfolgreich vor sich selber, daß sie in ihm nur einen sehr schüchternen jungen Mann sah, der sich angesichts der komischen konventionellen Anstandsregeln, die es sonderbar erscheinen ließen, wenn ein Mann, welchen Alters immer, um diese frühe Stunde einen Besuch machte, ungeschickt und befangen fühlte.

Sie redete sich ein, er wäre zu Barbara gekommen. Sie fühlte sich sogar einen Augenblick sehr befriedigt von dem Gedanken, daß zwischen den beiden doch nicht alles zu Ende war; daß die Romantik der Liebe, unverläßlich und flatterhaft, wie sie ist, dennoch nicht so unbeständig war, wie sie gedacht hatte. Offenbar tat ihm die Kälte, mit der er Barbara gestern begegnet war, schon leid, und er war so früh gekommen, um sie wieder gutzumachen.

»Sie wollen Barbara sehen?« fragte sie. »Ich weiß nicht, wo sie ist.«

Mit einer Offenheit, die beide, ihn und sie, verblüffte, sagte er ihr, er sei zu ihr gekommen.

»Sie sagten gestern, daß ich jederzeit kommen könnte«, fuhr er rasch fort. »Mein Urlaub ist in zehn Tagen zu Ende. Ist es Ihnen nicht recht, daß ich so bald wiedergekommen bin?«

Vielleicht begriff sie jetzt, was mit ihm vorging. Denn mit einem plötzlichen und unerklärlichen Interesse an ihrer Arbeit beugte sie sich zu dem Beet nieder, hinter der hohen Wand von Madonnenlilien, so daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ihre Stimme kam, wie aus großer Entfernung, aus dem dichten Blumengewirr.

»Warum sollte es mir nicht recht sein?« sagte sie. »Ich sagte Ihnen doch, Sie sollten kommen.«

Es ging nicht so, wie er erwartet hatte. Es ging vor allem ganz und gar nicht so wie in der Generalprobe, die er in der Nacht zuvor auf den Hügelkämmen vorgenommen hatte. Das klare Sonnenlicht erwies sich, wie er entdeckte, als ein ganz anderes Medium als der Mondschein. Jetzt standen geradezu unüberwindliche konventionelle Schwierigkeiten zwischen ihnen. Bei Nacht in den Hügeln waren diese Schwierigkeiten nicht vorhanden gewesen. Auf den Hügeln hatte er so laut, daß er selbst es hören konnte, ihr die ganze Zartheit seiner Empfindungen auseinandergesetzt. Und sie hatte ihm in einer Weise geantwortet, die genau seiner Empfindung entsprach. Nun aber erwies es sich, um das wenigste zu sagen, als äußerst schwierig, einer verheirateten Frau so zarte und empfindliche Dinge auseinanderzusetzen, während sie geschäftig mit einem kleinen gabelartigen Instrument in der Erde grub.

Trotzdem war er entschlossen, bis ans Ende zu gehen. Schwierigkeiten durften ihn nicht einschüchtern. Es war allerdings nicht angenehm, gerade in diesem Augenblick die Erfahrung zu machen, daß das Leben gerade für Menschen, die in der höchsten Ekstase sind, außerordentlich prosaisch erscheinen kann, daß man von Bergeshöhen zwar auf die Welt niedersehen kann, aber in die Ebene hinabsteigen muß, um in ihr zu leben und zu handeln. Die Nacht zuvor hatte er auf Bergeshöhen gestanden, der höchsten Höhe, die sein Herz je erklommen hatte; aber jetzt lag das Leben im hellen Tageslicht vor ihm und er mußte in die Ebene zurück. Mit seiner neuentdeckten Freundschaft im Herzen war er gefaßt und bereit, die ganze Welt in die Schranken zu fordern.

»Glauben Sie an platonische Freundschaft?« fragte er. Das hieß jedenfalls offen, einfach und gerade vorgehen. Es war nicht seine Absicht, die kostbaren Augenblicke mit ihr mit leerer Phrasendrescherei zu verschwenden, mit denen die Leute die Zeit totschlugen. Er war überhaupt kein Mensch, der die Zeit totschlug. Die Zeit war für ihn wie ein Landurlaub, scharf abgegrenzt und vorüber, ehe er recht angefangen. Er hatte sich platte Weisheitssprüche über Zeitverwendung ausgedacht, die er für tiefe, selbst entdeckte Wahrheiten hielt. Er pflegte zu sagen: »Die Zeit ist ein Gut, das man nicht strecken kann, indem man es verfälscht.« Das hatte er sich selbst ausgedacht. Er konnte sich nicht erinnern, es irgendwo gelesen zu haben. Er war besonders stolz auf das Wort »verfälscht«. Der Schluß des Satzes klang so feierlich, wie bei einem der zehn Gebote, wenn der Geistliche sie in der Kirche vorlas. Er nützte das Gut der Zeit auch jetzt und verschwendete keine Sekunde.

»Glauben Sie an platonische Freundschaft?« hatte er gesagt; und wenn sie in diesem Augenblick unter den Wurzeln der Madonnenlilien einen Sack mit vergrabenen Goldstücken gefunden hätte, sie hätte zu ihm aufsehen müssen.

Sie sah auch zu ihm auf. Sie unterbrach ihre Arbeit und hörte auf, mit der kleinen zweizinkigen Gabel in der Erde zu graben; ein leichtes Erröten des Erstaunens war auf ihren Wangen, ein rascher Schimmer der Verwunderung in ihren Augen.

»Was für eine komische Frage!?« sagte sie. »Wie kommen Sie nur darauf?«

Wenn sein Herz schon beim Ton seiner eigenen Stimme rascher zu schlagen begonnen hatte, so verdoppelte es seine Schläge, als er ihr Gesicht sah. Ihre Züge verrieten eine leichte Angst und doch auch ein gewisses Interesse. Die plötzliche Neigung, zu lachen, bemerkte er nicht. Und doch war ihr ein wenig danach zumute; sie konnte sich auch der Erkenntnis nicht länger verschließen, daß er um ihretwillen gekommen war, und nicht zu Barbara. Es war lange her, seitdem sie zum letztenmal einen verliebten jungen Mann gesehen hatte. Es war noch länger her, seit sie zum letztenmal einen in sie verliebten jungen Mann gesehen hatte. Dabei dachte sie nicht einmal, daß so etwas in Jimmy vorging, da auch sie sich sagte, daß sie eine verheiratete Frau sei. Aber so viel wurde ihr aus dem merkwürdigen Klang seiner Stimme deutlich klar, daß er sich in beträchtlicher Erregung befand, und das, was er da von platonischer Freundschaft sprach, sich irgendwie auf sie bezog.

Es war dumm, und sie wußte nicht warum, aber auch ihr Herz begann schneller zu schlagen. Und das Lachen, das in ihr aufstieg, wie Blasen in einem Quell, kam bis dicht an ihre Lippen. Beinahe hätte sie, wie am Tag zuvor, als er ihr gesagt hatte, sie sähe in dem gelben Kleide großartig aus, losgelacht.

Jetzt stand sie aufrecht, teils, weil seine Frage dies nötig zu machen schien, und teils, weil ihr zumute war, als hätte sie eine fremde Stimme im Garten gehört und sie müßte sich neugierig umsehen, woher sie kam und wer es war.

»Ich habe heute nacht viel darüber nachgedacht«, sagte er.

»Heute nacht?«

»Ja. Ich bin heute nacht ausgegangen – nach dem Abendbrot. Ich war ... ich war fast die ganze Nacht in den Hügeln draußen und dachte darüber nach.«

»In den Hügeln draußen! Fast die ganze Nacht?«

Die Sache war ihr nicht ganz verständlich. Er sprach zweifellos in tiefstem Ernst. Was sie am Teetisch zu ihm gesagt hatte, mußte doch eine große Wirkung auf ihn ausgeübt haben, wenn er deshalb die halbe Nacht in den Hügeln umhergewandert war.

»War irgend etwas, was ich gestern sagte, die Ursache, daß Sie etwas so Ungewöhnliches taten?«

»Ja – alles, was Sie sagten. Ich glaube auch nicht, daß es unter diesen Umständen etwas so Ungewöhnliches war. Wenn einem plötzlich etwas zustößt, daß man sich geradezu vor den Kopf geschlagen fühlt, dann wird man doch nachdenklich.«

»Vor den Kopf geschlagen?«

»Ach, das ist nur so eine Redensart. Ich meine nur, wenn einem etwas zustößt, was man nie für möglich gehalten hätte.«

»Und was ist Ihnen denn zugestoßen?« fragte sie. Sie fragte es in vollkommener Unschuld. Das alles mußte sich nun doch auf Barbara beziehen. Sie glaubte es fest. Hatten sich seine Gefühle für ihre Tochter über Nacht in platonische Freundschaft gewandelt? Das war zu lächerlich! Sie wollte eben abermals in ein Gelächter ausbrechen, als seine Antwort es ihr in der Kehle erstickte.

»Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Mann die Freundschaft mit einem Weibe über alles in der Welt begehren könnte.«

Mit einem Weibe? Dann war es doch nicht Barbara. Denn wenn es sich um Barbara gehandelt hätte, würde er »mit einem Mädchen« gesagt haben. Er konnte doch nicht von Barbara als einem Weibe sprechen. Das wäre zu komisch gewesen. Mit einem Weibe? Dann galt es also doch ihr! Ihr erster Trieb war, hell und klingend herauszulachen. Da sah sie sein Gesicht. Es war ein leichtes Zittern in seiner Oberlippe, eine bange und gespannte Frage in seinen Augen. Halb sah er wie ein Kind aus, das weiß, daß es etwas Unrechtes getan hat, und halb wie ein Mann, der die ganze Welt für seine Überzeugung, daß er nur das Rechte will, in die Schranken ruft. Instinktiv erkannte sie, daß, wenn sie ihn jetzt auslachte, sie irgend etwas Köstliches und Zerbrechliches in ihm für immer zerstört hätte, das keine Frau je wieder hätte gutmachen können. Mit einer fast schmerzlichen Willensanstrengung hielt sie ihr Lachen zurück.

»Und wessen Freundschaft begehren Sie denn?« fragte sie gütig, und es war ihr, als stellte sie die Frage nicht für sich selber, sondern für irgendein anderes Wesen, das ihm einmal gehören mochte.

Ohne einen Augenblick zu zögern, sagte er: »Die Ihre.«

Er ging so gerade auf sein Ziel los, daß sie völlig entwaffnet war; sogar die kleine zweizinkige Gabel glitt ihr aus den Fingern und fiel zur Erde. Mit einer Ritterlichkeit, die in jedem Fall von ihm zu erwarten war, bückte er sich sogleich und hob sie ihr auf. Und da geschah das, wovon er sich im Mondenschein geschworen hatte, daß es nie wieder geschehen sollte. Als er ihr die Gabel gab, berührte seine Hand die ihre. Sogar Laetitia fühlte die elektrische Wirkung dieser Berührung. Sie wandte sich sogleich wieder dem Beet zu, und da sie ihre Waffe wieder in Händen hatte, zögerte sie nicht, sie gegen ihn zu gebrauchen. Sie beugte sich zu ihrer Arbeit nieder und verschwand beinahe hinter den hohen Madonnenlilien.

Wieder kämpfte sie mit der Neigung zu lachen, jetzt nicht mehr, weil die Sache sie belustigte, sondern aus einer Art von Nervosität, weil die Situation so sonderbar war, auch weil sie selbst Seltsames zu empfinden begann, am meisten aber, weil sie ein so ernstes, starkes Fühlen in seinem Gesicht las. Sie wußte nicht recht, was sie tun sollte.

Wer hätte denken können, daß nach soviel Jahren ihr so etwas begegnen könnte? Seit sie verheiratet und nach Sterrenden gekommen war, hatte sie sich nicht einmal in den leisesten Flirt eingelassen. Aber dies war kein Flirt.

Wie lächerlich es vom Anfang bis zum Ende sein mochte, das war es nicht, das wußte sie. Seit dem Nachmittag, an dem sie Roger in seinem Atelier besucht hatte, war ihr kein Mann so ernst erschienen. In diesem jungen Menschen mochten die Eigenschaften, die ihn sonst anziehend machten, noch so leichtsinnig und äußerlich sein, war doch eine Intensität, wie sie bei Wilfrid Inglis, das mußte sie zugeben, nicht zu finden war.

Sie nahm nicht an, daß er ihr eine Liebeserklärung machen wollte. Sie nahm das Wort »Freundschaft«, das er selbst gebraucht hatte, in seiner ganzen, strengen, klaren Bedeutung. Trotzdem wußte sie, die Art, in der er sie ihr geboten hatte, war so, wie Liebe gegeben werden sollte. So wünschte sie, sollte ein Mann einmal ihrer Barbara seine Liebe erklären.

Auch dies war wieder das Werk des Charmeusekleides, wenn sie auch den genauen Zusammenhang noch nicht ahnte. Trotzdem brachte sie das Kleid irgendwie mit dieser plötzlichen Freundschaftserklärung und mit der Mitteilung, daß er den größten Teil der Nacht in den Hügeln umhergewandert war und an sie gedacht hatte, in Verbindung. Was diese platonische Freundschaft auch bedeuten mochte, eine Frau mußte sich dadurch geschmeichelt fühlen; es lag jene Huldigung darin, die zu tiefem, frohem Lachen erregt und das Herz mit neuer Kraft erfüllt, seine Enttäuschungen zu ertragen.

Sie zog ein Stück Kreuzkraut aus der Erde, schüttelte sorgfältig die Bodenkrumen aus den Wurzeln des Pflänzchens, als berechnete sie den Wert jedes Lots Erde in ihrem Garten, und fragte ihn, was er denn eigentlich meinte, wenn er von platonischer Freundschaft sprach.

Er wußte, daß dies kommen würde. Er wußte, daß sie ihn anhören mußte. Ob sie die angebotene Freundschaft annahm, oder nicht – und das war undenkbar –, die Tiefe und Ehrlichkeit seines Gefühls zwang sie, ihn anzuhören.

»Es ist so leicht, sich zu verlieben«, sagte er; und so, während sie mit der kleinen zweizinkigen Gabel im Beet Kreuzkraut ausjätete, stand er auf dem Gartenweg und teilte ihr seine wohldurchdachten Lebenserkenntnisse mit. »Wenn ein Mann eine Frau trifft, ... die ... die« – es war doch nicht so leicht zu sagen – »ihn anzieht, verliebt er sich in sie. Er hat das Verlangen, sie zu küssen, ihre Hand zu berühren. Sie wissen, was ich meine.«

Gebückt, beinahe wie ein Frosch im Grase, kroch sie rund um die Madonnenlilien nach der anderen Seite, so daß sie seinen Blicken völlig entzogen war. Er sah wohl nach ihr aus, aber der Klang seiner eigenen Worte und der Strom seiner Gefühle riß ihn fort. Sie hatte nicht bestätigt, daß sie wirklich wußte, was er meinte, aber er nahm es an.

»Das also kann jeder Mann fühlen«, fuhr er fort. »Das bedeutet keine wirkliche Huldigung.«

Wie jung er war! Wie wenig er wußte, daß alles in allem dies die einzige wirkliche Huldigung war; daß all die anderen Huldigungen der Gedanken, der Rücksicht, der Verehrung unvermeidlich daraus entspringen mußten. Sie hatte es erfahren, daß, wenn ein Weib diese Huldigung entbehrte, sie auch all die anderen kleinen Aufmerksamkeiten entbehrte, die die Ecken des Lebens mit ihrer Romantik rundeten und glätteten. Das war es, was sie bei Roger vermißte, den Wunsch, sie zu küssen, den Wunsch, ihre Hand zu berühren, und seit das fehlte, waren auch die geistigen und seelischen Zärtlichkeiten, die er einst für sie gehabt hatte, verschwunden. – Wie jung er war!

»Was also ist die wahre Huldigung?« fragte sie von der anderen Seite des Beetes herüber.

»Wenn man ihr beweist,« sagte Jimmy, »daß ihr Geist und ... ich weiß, es ist ein dummes Wort ... ihre Seele ... alles, was in ihm das Gefühl hervorgerufen hat ... also ...« es war wirklich sehr schwer mit einer verheirateten Frau. »Kurz ... das, was er fühlt!«

»Und was fühlt er denn?« fragte sie und steckte ihren Kopf ganz tief unter die Madonnenlilien, um zu sehen, ob da auch noch Unkraut wuchs.

Er entfernte sich ein wenig von der Stelle, weil die Schwierigkeit nicht nur darin lag, daß sie eine verheiratete Frau war, sondern auch darin, daß er sie, verheiratet oder nicht, beim Sprechen nicht sehen konnte.

»Er fühlt,« sagte er, und es half ihm nicht wenig, daß er es in dieser unpersönlichen Form sagen konnte, »er fühlt, daß die Gemeinschaft« – das schien ein etwas zu kirchlicher Ausdruck –, »daß die Gemeinschaft mit ihr ... in ihrer Freundschaft, meine ich ... das Beste und Höchste in ihm entwickelt. Ich habe noch nie im Leben ein Gedicht gemacht. Was ich meine, ist, ich bin kein Dichter, und ich werde nie einer sein.« Sie begann das zu bezweifeln. »Ich bin ein einfacher Seemann, der in der Marine dient, und das sind in der Regel die allergewöhnlichsten Burschen, die man in der Welt finden kann.« Sie liebte ihn beinahe für diese Worte. »Aber als ich heute morgen herüberkam, habe ich ein Gedicht gemacht – es kam von alledem, was ich gestern nacht dachte. Ich weiß, es taugt nichts, aber ich hab's gemacht. Und ich nehme an, daß der Geist eines Dichters die höchste Art von Geist ist, die es gibt und die zu haben ist.« Das klang beinahe so, als ob die verschiedenen Arten von Geist in jedem modernen Warenhaus zu kaufen wären. Sie begann ihn wirklich sehr gern zu haben. »Also kurz, ich habe jedenfalls ein Gedicht gemacht, als ich den Weg hierher zu Ihnen ging.«

»Und was war das denn für ein Gedicht?« fragte sie und zeigte ihm endlich ihr Gesicht. Sie brauchte es nicht mehr zu verbergen, denn es war ihr nicht mehr zum Lachen zumute, obschon sie wohl erkannte, wenn auch mit einem vollen Herzen, wie drollig er war. »Wie war denn das Gedicht?« fragte sie.

Er lachte wie einer, der sein Geheimnis nicht lange für sich zu behalten gedenkt, und sagte ihr, das Gedicht sei dummes Zeug.

»Ich habe es Ihnen nicht erzählt, weil ich glaubte, daß es gut ist,« sagte er, »sondern nur, daß überhaupt so etwas geschah. Ich habe noch nie daran gedacht, Gedichte zu lesen, geschweige denn selbst welche zu machen! Wenn die Jungen im Meßzimmer wüßten, daß ich so was getan habe, sie würden ja brüllen vor Lachen. Aber ich finde gar nichts zum Lachen dabei. Es kommt nicht oft vor, daß ein Mann sich eine Frau zur Freundin wünscht ... zur Freundin für immer ... so sehr, daß er niemals ein anderes Weib ansehen kann.«

Wieder fühlte sie Neigung zum Lachen, aber diesmal mit einem verdächtigen Schlucken im Halse.

»Und das fühlen Sie für mich?«

»Ja.« Er hatte gewußt, sie würde ihn anhören. Er hatte es nie auch nur einen Augenblick für möglich gehalten, daß sie ihn nicht anhören könnte, und in ihrer Stimme lag die Güte, die er erwartet hatte. Welche verheiratete Frau konnte sich auch dadurch verletzt fühlen? Vielleicht hatte ihr schon irgendein frecher Mensch eine Liebeserklärung gemacht, seitdem sie verheiratet war. Ihr solch eine Freundschaft anbieten, war ganz etwas anderes. »Ich habe noch nie für eine Frau etwas Ähnliches empfunden«, fügte er hinzu. »Noch vorgestern, wenn Sie es mir gesagt hätten, ich hätte es nie für möglich gehalten.«

Wie er sich mühte und stotterte, um die Worte zu finden, war viel wunderbarer, als jede Liebeserklärung gewesen wäre.

Das Herz hämmerte ihm in der Brust bei jedem Wort, das er sprach. Ein ganzes Heer zu Roß und zu Fuß hätte ihn in diesem Augenblick nicht dahin bringen können, ihre Hand mit der seinen oder gar ihre Lippen zu berühren. Denn dies war keine Verliebtheit; es war die erhabene Erkenntnis einer Freundschaft, die viel gewaltiger war als Liebe.

Wenn Laetitia auch wußte, daß dem nicht so war – ein Weib weiß nie mehr, als es wissen will, für alles andere kann sie ihren Geist verschließen –, wenn sie auch wußte, daß dem nicht so war, so sagte sie doch, während sie ihm zuhörte, zu sich selbst: »Nun, warum sollte ich nicht seine Freundin sein? Es muß mit seiner Mutter etwas nicht in Ordnung sein, wenn er solch eine Freundin braucht, und ich kann seine Freundin sein.« Aber vor allem war sie von gespanntester Neugier erfüllt, das Gedicht zu hören.

Es gibt etwas, das in der Natur der Frau ebenso tief verwurzelt ist, wie die Liebe zu Schmuck und Edelsteinen. Irgend etwas in ihrem tiefsten Wesen wird berührt und erregt, wenn sie erfährt, daß jemand ein Gedicht auf sie gemacht hat. Es kommt nicht darauf an, ob das Gedicht gut oder schlecht ist. Wenn es schlecht ist, lebt es mit ihr, bis sie stirbt, in einem Album oder unter ihren Papieren, und wenn ihre Augen es nicht mehr sehen, sieht es niemand mehr. Wenn es gut ist, lebt es sein eigenes Leben. Aber die Tatsache, daß es entstand, ist ein Ereignis für sie, ganz unabhängig davon, ob es gut oder schlecht ist. Es ist ein ähnliches Gefühl, aber tiefer noch und zarter, als hätte sie einen Schmuck bekommen; es hängt ein Gefühl des Schaffens, der Geburt damit zusammen, das sie bis in die tiefsten Tiefen ihrer Natur erregt. Es ist, als wäre damit das doppelte Mysterium des Lebens für sie erfüllt.

Von alledem braucht sie gar nichts zu ahnen. Vielleicht fühlt sie nur die quälende Neugier, etwas kennenzulernen, was ihr verborgen ist, vielleicht empfindet sie die heimliche und besondere Huldigung, die in einer Schmeichelei liegt, die ihr in ihrer Abwesenheit erwiesen worden ist. Denn ein Gedicht bedeutet etwas für sie, das von ihr gesagt wurde, als sie nicht dabei war und es nicht hören konnte. Nur diese Neugier fühlte Laetitia, als sie ihre Frage wiederholte und ihn nochmals bat, ihr das Gedicht zu sagen.

»Oh, es ist schlecht, es ist dumm«, rief er, mit plötzlicher Scham und Zurückhaltung des Herzens.

»Es macht nichts, wenn es schlecht ist«, fuhr sie hartnäckig fort. Sie konnte dem eigensüchtigen Wunsch nicht widerstehen. »Ich will ja nicht kritisieren. Ich will es nur hören.«

Und sie suchte wieder Zuflucht hinter den Madonnenlilien, teilweise, um ihm dadurch Mut zu machen, teilweise, weil sie selber nicht wußte, ob sie den Kopf würde gerade halten können.

»Sie müssen bedenken, daß ich kein Dichter bin.« So entschuldigt sich einer, der eine Vorrede schreibt, weil er zu genau weiß, was er getan hat. »Ich wollte es Ihnen auch durchaus nicht sagen, ich wollte Ihnen nur davon erzählen, damit Sie begreifen, was ich meinte, als ich sagte, daß jeder Mann sich in ein Weib verlieben kann, aber daß, wenn er sich darüber erhebt, wenn er sie nicht einfach küssen will, dann erst, wenn es Freundschaft und nicht Liebe ist, wird das Beste in ihm erweckt.«

»Sagen Sie es doch«, drängte sie hinter den Madonnenlilien. »Ich verstehe das alles. Sagen Sie es.«

Sie grub eifrig weiter, damit er, falls er sie überhaupt sehen konnte, nicht denken sollte, daß sie allzu begierig war, die Verse zu hören. Da fing er an, und unwillkürlich hielt sie in ihrer Arbeit inne, die Gabel in der Luft, und lauschte.

»Laetitia im gelben Kleid
Entzückt durch ihre Lieblichkeit.«

Diese beiden Zeilen hatten den lyrischen Ton des Liebesgedichts, sie klangen wie das Lied eines Troubadours unserer Tage, der den Ruf der Liebe gehört hat, wie Männer den Schlachtruf hören, und alles verläßt, um der Fahne zu folgen, die er erwählt.

Sie hörte das auch heraus, wenn auch nicht in kritischer Weise. Was lyrischer Ton ist, wußte sie nicht. Es war auch zweifelhaft, ob sie die Geschichte der Troubadours und Liebeshöfe kannte. Wenn die Frau eines Malers von Dichtern und Gedichten etwas erfahren will, dann muß sie sich selbst darum bemühen. Laetitia wußte so gut wie nichts davon. Sie fühlte jetzt nur das, was jedes Weib unter den gleichen Umständen gefühlt haben würde, daß, als sie das Charmeusekleid trug, etwas an ihr gewesen sein mußte, das diese Zeilen hervorrief. Sie hielt die Gartengabel fest in der Hand, und es war keineswegs ihr Wunsch, daß ihr Herz so heftig schlagen sollte, wie es klopfte, als er nach dem ersten Zaudern das ganze Gedicht aufsagte:

»Laetitia im gelben Kleid
Entzückt durch ihre Lieblichkeit.
Beseligt such' im Morgengrauen
Ich ihrer Augen Glanz zu schauen.
Der Druck von ihrer zarten Hand
Vereint uns wie durch Zauberhand.«

Für ihn und sie schien der ganze Garten in Schweigen versunken, als er geendet hatte; er lag schweigend und leer.

»Ist es wirklich so entzückend, wie Sie sagen?« fragte sie.

»Was?«

»Das gelbe Kleid.«

»Ich habe noch gar nicht ausgedrückt, wie entzückend es ist«, antwortete er. »Es läßt sich gar nicht sagen, wie schön es ist.« Seine Stimme ging schwer, obschon er rasch antwortete. Auch ihm war es höchst unerwünscht, daß sein Herz unter der Weste derart hämmerte. In einem Seegefecht während des Krieges war ein Schiff schwer getroffen worden, so daß es untergehen mußte, und viele von der Besatzung waren über Bord gesprungen, ehe es sank. Sie kämpften in den Wassern, die ihnen ins Gesicht schlugen, ihre Hände griffen nach allem, was um sie her schwamm, aber alles, was sie ergriffen, sank unter ihrem Gewicht. Tief unter sich in den grünen Wogen hatte er das Gesicht eines Mannes gesehen, das von der See hin und her geworfen wurde. Der Ausdruck darin war nicht so sehr Furcht als eher das hilflose Staunen eines Menschen, der sich plötzlich in der Gewalt eines Elements befindet, gegen das weder Kraft noch Wille noch Wunsch etwas vermögen.

Als er so neben dem Rasenbeet auf dem Gartenwege stand, tauchte in seiner Erinnerung das Gesicht jenes Mannes wieder auf. Solches geschah also nicht nur auf dem Meer. Und nicht nur dem Körper, auch der Seele konnte es so ergehen. Auch er trieb jetzt über der unruhigen Tiefe und kämpfte mit den Wogen seiner Gefühle, die im rauhen Pulsen seines Blutes ihm ins Gesicht zu schlagen schienen. Er hatte völlig vergessen, daß sie eine verheiratete Frau war. Der feste Boden seiner hohen Prinzipien schwand ihm unter den Füßen. Und in dieser plötzlichen Verwirrung seines Geistes sah er hilflos umher, als sie, entweder weil sie seine verzweifelte Lage erkannte und als Weib den Trieb fühlte, die nach dem Schiffbruch Überlebenden aufzunehmen, oder vielleicht nur, weil es ihr einfach gerade einfiel, ihm zu Hilfe kam: jedenfalls warf sie ihm etwas zu, wonach er fassen und sich über Wasser halten konnte.

Sie sagte: »Wie wunderbar muß es sein, solche Freundschaft empfinden zu können!«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.