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Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Fünftes Kapitel

Als Barbara wenige Minuten später eintrat, sah sie Jimmy am Teetisch sitzen und jedes Wort von Laetitias fröhlich plaudernden Lippen trinken, während Laetitia selbst in ihrem Charmeusekleid herrlicher und strahlender aussah, als sie es jemals für möglich gehalten hatte.

»Mama!« rief sie aus und blieb regungslos in der Tür stehen.

Und nun mußte Laetitia das Kleid noch einmal zeigen und alles noch einmal von vorne erzählen und vormachen, erst zum Fenster gehen, um es von rückwärts sehen zu lassen – und sie tat es, als ob sie ihr ganzes Leben hindurch keine anderen Kleider getragen hätte –, und dann zur Tür, mit jener großartigen Unbefangenheit, die Frauen, wenn es sich um das Tragen neuer Kleider handelt, so weltweit von den Männern unterscheidet.

Als sie zuletzt in einer endgültigen Haltung vor Barbara stand, sah sie auf und fragte: »Wo ist der Vater?« Dies war fast der einzige Gedanke gewesen, der sie erfüllte, seitdem sie das Kleid angezogen hatte: Roger sollte sie darin sehen; sie mußte hören, was Roger dazu sagte.

Er war im Atelier jenseits des Gartens. Und sie wagte nicht, in einem Kleid, das ihr nicht gehörte, hinüberzugehen.

»Geh, Liebling, und sag ihm, daß der Tee da ist. Sag kein Wort davon – nur daß der Tee da ist.«

Mit staunenden Augen ging Barbara und sah noch nach Laetitia zurück, als sie durch die Tür schritt. Laetitia aber setzte sich wieder an den Teetisch. Jetzt war eine Gelegenheit da, die sie benützen mußte, wenn sie erreichen wollte, was sie und Roger beide so absolut nötig gefunden hatten. In diesem Abendkleid fühlte sie sich von einer neuen Kraft beseelt. Sie sah, daß Jimmy bereit war, auf alles zu lauschen, was sie sprach. Und mit dem sanften Geplauder, das Roger so oft ihren »Unsinn« nannte, ging sie daran, den jungen Mann über den Ernst des Lebens aufzuklären, ohne daß er ahnen sollte, welche schlauen Absichten sie mit ihrer Weisheit verfolgte.

Sie schien ihm nur sagen zu wollen, welchen ungemessenen Wert Frauen auf Kleider legten. Wie närrisch und verschwenderisch sie damit waren. Sie schien nur ihrer selbst und ihrer eigenen Eitelkeit zu spotten, während sie ihm in Wirklichkeit beibrachte, was für kostbare Luxusgeschöpfe die Frauen seien, und daß junge Leute guttun würden, es sich reiflich zu überlegen, ehe sie heirateten.

Aber wieder und wieder, während sie so fortplauderte, mit raschen, beobachtenden Blicken, die genau wußten, wann sie sein Gesicht suchen, wann sie es meiden mußten, tat er ihr leid. Er war noch so jung. Auch er träumte jetzt seinen Traum von Barbara, und mit ihrem leisen Klopfen an die Tür wollte sie ihn wecken.

»Als Sie mich heute nachmittag zuerst sahen,« sagte sie, »dachten Sie gewiß, daß mir an hübschen Sachen gar nichts gelegen wäre.«

Er machte gleichsam eine Bewegung im Schlaf und gab es zu.

»Ja, sehen Sie, man soll einer Frau nie trauen«, sagte sie, und mit diesem Lachen pochte sie wieder an seine Tür. »Man braucht eine Frau nur mit einem hübschen Zeug, das sie tragen kann, allein zu lassen, und sie wird sich's zu verschaffen wissen, glauben Sie mir, sie wird sich's zu verschaffen wissen!«

»Aber so ein Zufall daß eine Frau plötzlich so ein Kleid in die Hände bekommt, wie Sie heute dieses, kommt nicht oft vor.« Er vergrub gleichsam sein Gesicht in die Kissen. Er wünschte nicht aus dem Traum zu erwachen. »Schließlich war es doch nur ein Versehen der Schneiderin. Glauben Sie nicht, daß die Schneiderinnen sich oft solche Versehen zuschulden kommen lassen!«

Sie sah ihn an, und in ihrem Blick lag das unverholene Gefallen an seiner Jugend. Der Blick war nicht mißzuverstehen. Es war, als ob sie einen Augenblick zu klopfen aufgehört und die Tür geöffnet und in sein Zimmer geguckt hätte. Und im Schlaf fühlte er, daß jemand in seinem Zimmer war.

Im Traum schoß ihm der Verdacht durch den Kopf, daß er neben ihr und ihrer lieblichen Welterfahrung in der Tat noch sehr jung war. Es war nicht möglich, sich oder sie darüber zu täuschen. Er mochte noch so sicher auftreten, sie ließ sich dadurch nicht blenden. Diesmal galt es nicht das hübsche Spiel, sich probeweise zu verlieben, wie er es so oft und mit solchem Scharfblick gespielt hatte. Dies war lebendige Wirklichkeit – eine schöne Frau, die die ganze sichere Erfahrung ihrer eigenen Empfindungen hatte, und die ihm die Welt zeigte, wie sie war, bis er, immer träumend, zu denken begann, wie wunderbar die Liebe solch einer Frau sein mußte, wie verständnisvoll und welch ein Schutz!

»Nein; Schneiderinnen machen solche Versehen zweifellos nicht oft«, gab sie zu. Und der freundliche Blick war noch in ihrem Gesicht, wie ein Lächeln, das um ihre Augen, eine leichte Zärtlichkeit, die um ihren Mund spielte. »Aber glauben Sie, daß das die einzigen Augenblicke sind, in denen Frauen schutzlos und hemmungslos vor ihren Versuchungen stehen? Sind Sie nie durch Bondstreet oder durch Regentstreet gegangen und haben die Frauen vor den Schaufenstern beobachtet, und wie allein sie da sind? Es mögen noch so viele Menschen sich neben ihnen vor den Ladenfenstern drängen, noch so viele auf dem Bürgersteig von rechts und links an ihnen vorübergehen, sie sind allein, völlig allein im Geist mit irgendeinem Gegenstand, der da im Schaufenster liegt. Haben Sie je gesehen, wie sie sich halb abwenden und dann wieder umkehren, um noch einen letzten Blick hinzuwerfen? Haben Sie nie gesehen, wie plötzlich und entschieden sie umkehren und in den Laden schlüpfen?«

Er lauschte gespannt; und glücklich über die Macht, die der Zufall ihr gegeben hatte, dachte Laetitia, daß es ihr jetzt zweifellos gelingen mußte, ihn aus seinem Traum zu erwecken und ihm noch für eine Weile jede Versuchung, zu heiraten, fernzuhalten. Sie dachte nicht daran, daß die Stimmen in einem Traum sich verändern können, ohne daß der Schläfer erwacht, daß in der verworrenen Wirklichkeit der Träume, in denen die wundersamsten Geschehnisse als Tatsachen auftreten, Barbaras Stimme sich in die ihre verwandeln und er dennoch weiterträumen konnte.

Denn das war es, was mit Jimmy Laidlaw zu geschehen begann, während sie am Teetisch saßen und miteinander plauderten. Seine Augen und all seine Sinne waren von Barbara angezogen worden, aber in Laetitia, die strahlend in neuer Jugend vor ihm saß, fand er die gleiche Anziehung, gereift zu stiller Fraulichkeit.

Ein geheimer Stolz auf dieses Abenteuer durchbebte ihn, als er sich so als Vertrauten einer schönen Frau sah, die ihm Geheimnisse ihres Geschlechts mit einfacher Offenheit darlegte, wie sie nur denen möglich ist, die die Welt, in der sie leben, genau kennen. Die Schmeichelei, die darin lag, war unwiderstehlich für seine junge Seele. Noch nie in all seinen Ausflügen ins Land der Romantik war er dem wirklichen Leben so nahe gekommen.

»Aber das würde ich nicht der Versuchung widerstehen nennen«, sagte er lachend, als sie innehielt.

»Wer sagt denn, daß sie widersteht?« fragte Laetitia, der Erfahrung eingedenk, die sie ja eben selbst gemacht hatte. »Aber wenn Sie glauben, daß nun alles vorüber ist, wenn und weil sie in den Laden eintritt, so sind Sie sehr im Irrtum. Sie ist nicht hineingegangen, um das Ding zu kaufen. Glauben Sie, sie sei hineingegangen, um es zu kaufen? O nein, sie ist mit dem festen Entschluß eingetreten, den Leuten zu sagen, daß sie es nicht haben will. Sie will es nur einmal probieren und sonst nichts. Nehmen wir an, es handelt sich um einen Hut, und der kann ja leicht zu groß oder zu klein sein. Ja, sie hofft, und völlig ehrlich, aus tiefstem Herzen, daß er entweder zu groß oder zu klein sein wird, denn sie sieht ja an dem Zettel, der daran steckt, daß er fünf Pfund kostet.«

»Fünf Pfund!«

»Oh, manchmal auch sechs, manchmal sieben!«

»Guter Gott!« sagte er.

»Der liebe Gott ist nicht immer gut,« sagte sie lachend, »jedenfalls nicht in den Läden von Bondstreet.«

»Aber meine Hüte, die ich immer trage, kosten mich genau achtzehneinhalb Schilling.«

»Ja, das werden Sie auch ihr sagen, aber leider vergeblich, weil sie ihn da schon gekauft hat. Denn er hatte gerade die rechte Größe. In fünf von sechs Fällen hat er die richtige Größe. Man muß ihn nur rückwärts ein bißchen tiefer ziehen, vorn ein bißchen hinaufschieben, einen eingelegten Streifen herausnehmen oder einsetzen, irgendeine Kleinigkeit, die die Verkäuferin mit größtem Vergnügen selbst vorschlägt – wenn er ihr wirklich gefällt, dann hat er zuletzt auch die richtige Größe, und es nützt gar nichts, wenn sie erfährt, daß Sie für Ihren Hut nur achtzehneinhalb Schilling bezahlt haben. Im Gegenteil, es macht die Sache womöglich noch schlimmer. Denn sie weiß nun, daß sie verschwenderisch gewesen ist. Sie weiß wohl, daß Sie den Hut bezahlen müssen. Alles, was Sie erreicht haben, ist, daß sie sich schuldig und schlecht fühlt, obwohl sie in ihrem Herzen genau weiß, daß sie nur einem natürlichen Trieb gehorcht hat, dem keine Frau, die eine ist, widerstehen kann.«

»Warum sagen Sie mir das alles?« fragte er.

Sie lachte. Sie wüßte nicht, warum, sagte sie. Die kleine unschuldige Lüge, die jeder Frau so leicht von den Lippen geht, für die kein Mann sie zur Rechenschaft ziehen kann, die jeder akzeptieren muß.

»Mögen Sie es nicht, wenn man Ihnen sagt, daß Sie noch jung sind?« fragte sie.

Er antwortete nicht gleich; dann sagte er langsam und bestimmt: »Ich mag es, wenn Sie es tun.«

»Ah, nein, aber ich, ich bin ja neununddreißig Jahre alt, da müssen Sie mir doch natürlich sehr jung vorkommen.«

Barbara hatte ihm gesagt, wie alt ihre Mutter war, und ob er es nun früher geglaubt haben mochte oder nicht, jetzt jedenfalls sah er Laetitia ungläubig an.

»Es wird Ihnen schwerfallen, das jemanden glauben zu machen«, sagte er, und wieder fühlte er sich auf dem Wege ins Land der Romantik, der ihn zu neuen Erfahrungen führte. Keine verheiratete Frau hatte jemals so zu ihm gesprochen. In der Regel beachteten verheiratete Frauen ihn nicht. Sie schienen ihn geradezu bewußt fühlen zu lassen, wie jung er noch war. Laetitia suchte ihn zwar auch daran zu erinnern, aber nur mit dem Erfolg, daß er es immer mehr vergaß.

Das – er entdeckte es sehr schnell an diesem Tage – war auch der Unterschied zwischen ihr und Barbara. Er war sich darüber ganz klar: er war dem Augenblick nahe gewesen, in dem er sich hätte gestehen müssen, daß er verliebt war. Wäre Laetitia nicht gewesen. In Barbaras freier, offener Art lag ein unwiderstehlicher Reiz, wie er ihn noch an keinem Mädchen gefunden hatte, dem er begegnet war. Er hatte es in dem Augenblick gefühlt, als er sie zum erstenmal gesehen hatte, wie sie nach den Kokosnüssen warf. Beim Tennisspiel und beim Tanzen war es ihm nur noch mehr bewußt geworden.

Der erste Anblick Laetitias in ihrem Gartenhut und in ihrem alten Gartenkleid hatte ihn zum erstenmal betroffen gemacht und jene kalte Kritik in ihm wachgerufen, bei der das Herz plötzlich wieder einförmig und ruhig schlägt wie eine Uhrglocke, und das Blut, das so heiß durch die Adern rollte, kühl und mechanisch zu seinem natürlichen Kreislauf zurückkehrt. Als er neben Barbara das Rasenbeet entlang gegangen war, war ihm klar geworden, wie jung sie war, und daß sie älter werden mußte, älter mit jedem Tag, der vorüberging, und vielleicht ihrer Mutter immer ähnlicher. Und ihre außerordentliche Jugend hatte ihn empfinden und daran denken lassen, wie jung er selber noch war. Der Weg am Rasenbeet entlang war kein Vergnügen gewesen. Barbara hatte ihn überredet, zum Tee zu bleiben, aber eigentlich hatte er nicht bleiben wollen. Er hatte es dann nur getan, weil fortzugehen ihm gemein vorgekommen wäre. Er war von sich selber schwer enttäuscht gewesen. Es war irgendein ritterliches Gefühl, wie wenn ein Mann beim Abschied zu sich selber sagt: »Die arme Kleine!« Er fühlte, daß er es ihr schuldig war, zum Tee zu bleiben. Obgleich es in der Stimmung bitterer Enttäuschung, die er empfand, beinahe eine Qual geworden war, beherrschte er sich doch tapfer und blieb.

Und zwar war es nicht so sehr eine Qual, mit ihr zusammen zu sein, seine eigene Gesellschaft war ihm zur Qual. Er hatte das Bedürfnis, allein zu sein und sich in Gedanken zu strafen, während er den Hügelrand entlang schritt oder auf seinem Motorrad über die Straßen jagte. Er haßte und verachtete sich. Das gleiche war ihm schon oft geschehen, aber nie hatte er vorher eine so heftige Anziehung gefühlt. Die Folge war, daß er sich schrecklich jung und auch wie ein Narr vorkam, der nicht wußte, was er wollte, ein leichtfertiger, unsteter, unverläßlicher Mensch. All das tat seinem Selbstgefühl bitter weh. Im Geist nannte er sich einen Willensschwächen jungen Narren und verlor alles Selbstvertrauen. Und nun hatte Laetitia, wie sie in neuer und wunderbarer Erscheinung auftrat, seinen wunden Stolz geheilt, er fühlte sich wieder als Mann und war wieder er selbst geworden. Sie hatte mit dem ganzen Reiz und der ganzen Weisheit ihrer Erfahrung zu ihm gesprochen. Was kümmerte es ihn, daß sie neununddreißig Jahre alt war? Sie sah aus wie fünfundzwanzig. Ob sie es für eine unverschämte Frechheit halten würde, wenn er es ihr sagte? Er holte tief Atem und sprach es aus.

»Sie sehen nicht älter als fünfundzwanzig Jahre aus in diesem Kleid!«

Er wartete darauf, die abweisende Rüge in ihren Blicken zu lesen. Aber es kam keine Rüge. Sie sah ihn lächelnd an. So hätte sie jeden Mann anlächeln können, der ihr ein erlaubtes, ein noch mögliches Kompliment gemacht hätte. »Wo haben Sie denn gelernt, solche Sachen zu sagen?« fragte sie. Da Barbara in diesem Augenblick ins Zimmer trat, konnte er nicht weiter nach ihrem Gesicht sehen. Sein Herz aber schlug mit der ganzen Heftigkeit, mit der das Herz eines Mannes von vierzig schlägt.

Roger saß im Atelier und malte Ellens Hände.

»Er streckt die Zunge heraus und zieht sie wieder ein wie eine Eidechse,« sagte Barbara, »hält den Atem zurück und schnaubt ihn wieder aus; er kommt also nicht zum Tee. Wenn seine Zunge so hin und her geht, dann bringt ihn nichts von der Stelle.«

»Dann muß ich zu ihm gehen«, sagte Laetitia und beobachtete Barbara, während diese sich an den Tisch setzte und ihre Teetasse in die Hand nahm. Irgend etwas war bereits wie ein Schatten zwischen sie gefallen. Laetitia fühlte es, und das Herz zog sich ihr schmerzlich zusammen. Ein entschlossener, beinahe harter Ausdruck war um Barbaras Lippen. Sie kannte diesen Ausdruck gut. Eine gewisse Hartnäckigkeit lag darin und etwas Bitteres zugleich. Sie hatte ihn oft in Rogers Gesicht gesehen. Das war sein Ausdruck dem Leben gegenüber, wenn es sich ihm hindernd entgegenstellte.

Was hatte sie getan? Und tat sie auch gut daran? Wer gab ihr das Recht, sich in diese jugendlichen Liebesangelegenheiten einzudrängen und dazwischenzutreten? Sie und Roger hatten sich allerdings darüber geeinigt, daß der Sache ein Ende gemacht werden mußte, aber was berechtigte sie dazu? Gab ihre Elternschaft, und was sie ihre größere Weltkenntnis und Erfahrung zu nennen beliebten, ihnen an sich ein Recht, den frischen kühnen Strom der Natur zurückzudrängen?

So wie sie den fast unmerklichen Ausdruck von Schmerz, das leichte Verziehen der Augen- und Mundwinkel in Barbaras Antlitz sah, fühlte sie den Verrat, den sie beging. Aber wußten sie nicht sicherlich am besten, was für ein Kind gut war? Hatte sie nicht aus ihren eigenen Enttäuschungen, aus dem Zerflattern ihrer Illusionen viel gelernt? War es nicht ihre Aufgabe, Barbara vor dem gleichen Schicksal zu bewahren? Was konnte im Leben eines Weibes bitterer sein, als durch ein goldenes Tor in einen Garten einzutreten und die Wege darin mit Blei gepflastert zu finden?

Und wie treulos und unbeständig die Männer waren! Sie warf einen Blick auf ihn. Seine Augen waren nicht länger auf Barbara gerichtet. Also der erste Einblick in die bittere Wirklichkeit des Lebens, dachte sie, hatte ihn schon abgeschreckt; sie merkte gar nicht, daß seine Augen bei jeder Gelegenheit sich heimlich auf sie selbst richteten. Sie ahnte nicht, daß er das Leben in diesen Minuten rascher kennenlernte, als all ihre Weisheit und ihre Lehren es ihm zeigen konnten.

Nun, sie hatte jedenfalls ihr Bestes getan – oder war es das Schlimmste? Sie fühlte, sie konnte keinen Augenblick länger im Zimmer bleiben und die traurige Verwüstung ansehen, die sie angerichtet hatte.

»Ich geh einmal hinüber ins Atelier«, sagte sie. »Ihr zwei nehmt ruhig euren Tee. Seine Tasse ist leer, Barbara. Du mußt für ihn sorgen. Er ist dein Gast.«

Das konnte den Schaden nicht gutmachen, den sie einmal angerichtet hatte. Sie sagte es auch mehr, um ihr eigenes Gewissen zu erleichtern, als in der Hoffnung, daß es den anderen noch nützen konnte. Und es half ihr, sich selbst über den Grund zu täuschen, aus dem sie das Zimmer verließ.

Sie ging nicht, um die beiden allein zu lassen. Ohne daß sie es selbst wußte, waren alle ihre eigenen romantischen Hoffnungen wieder in ihr erwacht. Der Augenblick, in dem sie sich oben in ihrem Zimmer im Spiegel gesehen hatte, hatte sie auferstehen lassen. Die Wirkung, die das Charmeusekleid auf diesen jungen Mann gemacht hatte, obschon sie noch nicht ahnte, was für eine Wirkung es in der Tat war, hatte diese Hoffnungen neu belebt, wie die ersten warmen Frühlingswinde Leben in der schlummernden Erde erwecken.

Sie wußte es nicht, aber sie ging durch den Garten hinüber ins Atelier, um Roger zu treffen, genau, wie sie vor neunzehn Jahren in sein Atelier gegangen war. Eine unbestimmte Erwartung, daß jetzt mit ihm und ihr etwas geschehen mußte, ließ ihr Herz schneller schlagen, während sie durch den Garten schritt. Sie schämte sich beinahe dessen, was sie tat, mit der schüchternen Scham der Liebenden, die heimlich stolz darauf ist.

Die Ateliertür war geschlossen. Irgend etwas trieb sie, zu lachen, nicht, weil sie an ihrem Tun irgend etwas lächerlich fand, sondern sie lachte aus der gleichen Schüchternheit, die sie befangen machte. Befangen nicht wegen des Kleides, sondern ihrer selbst wegen. Irgend etwas war in ihr erwacht, das neuer und seltsamer war als das Kleid. Etwas, das so neu war, wie der Frühling neu war im Jahr, der Frühling, der all denen, die das Antlitz der Natur lieben, jedesmal, wenn er kommt, immer wunderbarer scheint.

Ellen war zu ihrer Hausarbeit zurückgekehrt, aber Roger saß noch da und arbeitete an seiner Staffelei. Wie Barbara gesagt hatte, schoß seine Zunge aus seinem Mund und wieder zurück, gleich der einer Eidechse. Er war völlig in sein Werk vertieft.

Laetitia schloß die Tür leise hinter sich zu und stand und wartete. Nach einer langen Weile sagte er, ohne sich umzusehen, die Augen immer auf die Leinwand geheftet: »Äh?«

Sie hatte nichts gesagt. Sie sagte auch jetzt nichts. Sie kannte diesen fragenden Ausruf zu gut. Er bedeutete nichts weiter, als daß er die Tür gehen gehört hatte, daß er annahm, daß jemand da sei, und daß, wenn der Betreffende etwas zu sagen hatte, er es in Gottes Namen sagen sollte.

Von der Staffelei zurück und wieder auf sie zutretend, fuhr er in seiner Arbeit fort. Da er auf jenen Ausruf keine Antwort bekommen hatte, fragte er, ob jemand da sei. Er hätte nachsehen können, aber er hatte keine Zeit dazu, er war viel zu sehr in seine Arbeit vertieft.

»Ist jemand da?« fragte er noch einmal.

Laetitia flüsterte ihren Namen.

»Nun, was ist denn?« fragte er. »Siehst du nicht, daß ich arbeite? Ich kann mich jetzt nicht unterbrechen. Das Licht wird im Augenblick weg sein. Ich bin gerade bei etwas, das gar nicht leicht geht.«

Sie sah, daß er einen kleinen Pinsel in der Hand hielt. Er steckte die Zunge aus dem Munde, und ihre Spitze zitterte in der Luft. Der Kopf war merkwürdig vorgebeugt, und er sah aus wie ein Wasserspeier an einer Regentraufe. Seine Lippen waren aufgeworfen wie die Mündung eines Wasserrohres. Aber das alles sah sie nicht. Sie sah nur die ganze Vertiefung, die Gier, die gleiche Energie, mit der er sie geliebt und um sie geworben hatte, und die jetzt ganz auf sein Werk abgelenkt war, und die alte Eifersucht, die durch so viele Jahre in ihr verborgen geruht hatte, flammte auf.

»Kannst du nicht einen Augenblick aufhören, um mich wenigstens anzusehen, wenn du mit mir sprichst?« fragte sie.

Es waren nicht ihre Worte, es war der Ton ihrer Stimme, der ihm auffiel. Irgend etwas, was tief in ihm versunken war, antwortete. Er untersuchte nicht, was es war, aber er wendete sich sogleich um. Seine Lippen waren noch aufgeworfen, aber jetzt öffnete er sie vor Erstaunen.

»Guter Himmel, Letty!« rief er. Der Klang ihres Namens tönte für sie wie ein Siegesmarsch. Jetzt lachte sie, ein sonderbares, stilles Lachen, das sie nicht beherrschen konnte.

Sie sprach kein Wort, als er Palette und Pinsel niederlegte und auf sie zukam. Immer ohne ein Wort zu sprechen, führte sie ihn durch das Atelier ans Fenster. Sie brauchte das Licht nicht zu scheuen.

Er stand da und starrte sie mit der ganzen Verwunderung an, die sie seinen Blicken abzugewinnen gehofft hatte, und plötzlich sagte er, die Luft mit der Nase einziehend: »Was riecht denn da?«

»Was riecht?«

»Wie Jasmin, oder Frucht, oder sonst etwas. Hast du Bonbons gegessen?«

Bonbons gegessen! Jetzt erst erinnerte sie sich, ja, jetzt wußte sie erst, daß sie von dem Parfüm in ihrem Schlafzimmer auf ihre Hände geschüttet und auf ihr Haar gesprengt hatte. Bonbons gegessen! Das war das erste, woran er dachte. Unwillkürlich verglich sie den jungen Burschen im Salon mit ihm. »Ich hätte nie gedacht, daß eine Frau so großartig aussehen kann!« Und er sagte nichts als: Bonbons gegessen! Wenn ihre Lippen zitterten, so sah er es nicht, denn er hatte nicht auf ihre Antwort gewartet, sondern gleich weitergesprochen.

»Wozu hast du es denn angezogen; ich sagte dir doch, du solltest es zurückschicken?« fragte er und wartete auch darauf die Antwort nicht ab. »Aber man könnte es malen, nicht?« fuhr er fort. »Ein entzückender Stoff!« Er berührte ihn mit den Fingern. »Ein entzückender Stoff. Wie nennt man ihn? Charmeuse? Wie er das Licht zurückwirft, was? Donnerwetter! Mit der orangefarbenen chinesischen Seide als Hintergrund, das gäbe ein Bild!«

Er lief beinahe zu dem großen Speiseschrank, in dem er seine Draperien aufbewahrte, die Stoffe, die er, wenn er müde war, sie zu malen, ihr gab, damit sie sich ein Kleid daraus machte, wenn sie Lust hatte. Sie lagen in größter Unordnung übereinandergehäuft. Er zog einen Stoff nach dem anderen heraus wie Lumpen aus einem Sack.

Sie stand am anderen Ende des Raumes und beobachtete ihn, während ihr die heißen Tränen schmerzend in die Augen traten. Er hatte nur das neue Kleid gesehen – nicht sie. Und während sie das tiefe Bewußtsein hatte, daß irgend etwas in ihr zu neuem Leben erweckt worden war, war es an ihm vorübergegangen, ohne auf seine Gefühle irgendeinen Eindruck zu machen, während es ihr ihre ganze Jugend zurückgebracht hatte.

Er fand die orangefarbene chinesische Seidendraperie schließlich und zog sie hervor.

»Da haben wir's!« schrie er beinahe, den Kopf noch im Schrank. Er warf den Stoff ins Zimmer auf den Fußboden und versuchte dann die Stoffe im Schrank aufzuschichten, um die Tür wieder schließen zu können. Aber der Schrank ging nicht zu. Ein Stück Stoff hatte sich in der Angel verfangen. Er hatte nicht die Geduld, zu warten. Mit einem Fluch ließ er die Schranktür einfach offen stehen. Er war fraglos in heller Begeisterung, aber es war nicht die Begeisterung, die sie erwartet hatte, als sie durch den Garten nach dem Atelier hinübergeschritten war.

Er warf keinen Blick mehr auf sie, sondern war zunächst ganz und gar damit beschäftigt, den Hintergrund für das Gemälde zu arrangieren. Dann drehte er sich um und sagte nur: »Möchtest du lieber sitzen oder stehen? Ich könnte es wunderschön im Maßstab fünf zu drei machen, wenn du stehst.«

Sie wußte nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. War er überhaupt noch ein Mensch? Es kam ihr im Augenblick vor, als wäre er eine bloße Maschine geworden, ein empfindlicher Apparat, der auf die chemischen Licht- und Farbenstrahlen reagierte, an dem sich eine Vorrichtung befand, die wie eine Hand gestaltet war und in die Pinsel paßten, mit denen die Maschine die Effekte wiedergab, die man in geeigneter Weise und an geeigneter Stelle vor ihr anbrachte. Aus Fleisch und Blut bestand er nicht mehr. Eine plötzliche Empörung stieg in ihr auf.

»Ist das alles, was du mir zu sagen hast?« fragte sie.

»Ja, was willst du denn noch?« Er sah sie ganz verwundert an.

»Du sagtest doch, ich könnte das Kleid nicht behalten. Jetzt willst du es doch behalten, und nur wegen eines Bildes!«

Jetzt verstand er nicht, was sie meinte. Was sie da sagte, war ja ganz merkwürdig. Nur wegen eines Bildes? Ja, weshalb denn sonst? Sie schien nicht mehr zu wissen, was sie redete.

»Was meinst du denn eigentlich, Letty?« fragte er.

Einen Augenblick dachte er, sie könnte nicht ganz wohl sein, und er wollte ihr zeigen, daß sie auf sein Mitgefühl rechnen konnte, wenn ihr im Augenblick nicht gut war. Er hoffte auch, daß der Ton, in dem er ihren Namen gesprochen, und das Mitgefühl, das er darin bewies, auf sie Eindruck machen würde. Im ganzen war er nicht dafür, aus all den kleinen Gesundheitsstörungen, die bei Frauen häufig waren, viel Wesens zu machen, sie kamen am besten darüber weg, wenn man sie nicht beachtete.

»Ja, wozu wolltest du es denn sonst behalten?« fuhr er fort. »Es ist ja viel zu pompös für einen Ort wie Sterrenden.«

»Also jetzt glaubst du nicht mehr, daß es zu jung für mich ist?« sagte sie. Sie kämpfte, wie so viele Frauen es oft tun müssen, zwischen ihrem Stolz und dem verzehrenden Wunsch, nach ihrem Wert geschätzt zu werden. Vielleicht mußte man ihm nur ein bißchen auf den Weg helfen. Aber wenn man ihm den Weg zeigte, dann ging es eben nicht mehr von ihm aus. Und was war das Ganze dann wert?

Er aber hatte indessen erkannt, daß er sich um sie bemühen mußte, wenn sie ihm für das Porträt sitzen sollte, und um ihr etwas zuliebe zu tun, ging er auf ihre Frage ein. Er wußte instinktiv, wie empfänglich Frauen für Schmeicheleien sind. Selbst Ellen hatte nicht widerstehen können. Der Fall, daß Schmeichelei einer Frau mißfiel, war ihm noch nicht vorgekommen. Auch wenn sie sie zunächst ein wenig übertrieben fanden, lachten sie wenigstens, und wenn eine Frau einmal lachte, dann konnte man sie seiner Meinung nach zu allem bringen. So weit und nicht weiter reichte seine Kenntnis weiblicher Psychologie, und auch das nur, soweit sie mit seiner Arbeit in Zusammenhang stand. Es gab Frauen, die er dazu bewegen konnte, ihm zu sitzen, und Frauen, die nicht dazu zu bringen waren. Das war seine einzige Einteilung für das gesamte weibliche Geschlecht. Alle anderen Unterschiede und Möglichkeiten hatte er seit langem vergessen.

Er sah sie also mit schief gesenktem Kopf kritisch an und sagte: »Wirklich, auf mein Wort, ich glaube, es ist nicht zu jung für dich. Wie alt bist du eigentlich, Letty?«

Erst hatte er geglaubt, daß sie über vierzig sei, und jetzt hatte er vergessen, daß sie erst neununddreißig war! Ihre Lippen zitterten.

»Denkst du an gar nichts mehr als an deine Bilder, Roger?« fragte sie plötzlich. »Gibt es nichts mehr in deinem Leben für dich als deine Arbeit? Glaubst du, die Menschen sind nichts als Farbe, mit irgendeiner öligen Flüssigkeit in den Adern? Lebt ein Mensch für dich nur mehr auf der Leinwand? Und lebst du überhaupt noch?« Während der ganzen neunzehn Jahre ihrer Ehe hatte sie niemals so zu ihm gesprochen. Wie ihr die Worte über die Lippen schossen, hatte ihre Stimme einen Ton, als wollte sie, nach so vielen Jahren, zum erstenmal aufbegehren. Er war wie betäubt. Er begriff es nicht. Was hatte er denn getan? Er starrte sie einen Augenblick an und stand vor ihr wie ein Kind, das gestraft werden soll. Und plötzlich stieg die Erinnerung an alles, was er am Vormittag in der Akademie empfunden und gelitten hatte, als er gesehen, daß seine Bilder viel zu hoch hingen, wie eine Woge in ihm auf und schleuderte ihn gleichsam gegen sie.

»Woher weißt du, was ich denke und fühle!?« rief er. Jetzt waren seine Augen wie Eidechsen, so rasch und blitzend. Es war keine Frage, daß er Temperament genug hatte; sie hatte auch nie gedacht, daß es ihm daran fehlte. »Du bist heute nicht drin in der Stadt gewesen wie ich«, fuhr er fort, und seine Worte strömten ebenso schnell wie die ihren. »Du hast meine Bilder nicht am Galgen hängen sehen, ganz oben unter der Decke, wo kein Mensch sie sehen kann. Sie hätten sie ebensogut ... sie hätten sie ebensogut ...« Er stotterte, wie stets, wenn er die richtigen Worte nicht gleich fand. »Sie hätten sie ebensogut aufs Dach legen können, daß die Tauben ihr Vergnügen daran haben.« Während er das aussprach, fühlte er, daß es ein armseliger Witz war. Aber daran lag ihm nichts. Er sprach ja nicht für die Öffentlichkeit. Sie verstand ihn schon, darin konnte er sich auf sie verlassen. Das hatte Letty an sich, und in solchen Augenblicken wurde es ihm manchmal bewußt, daß sie ihn verstand, wie er seine Worte auch setzte. Und Worte waren für ihn das Nebensächlichste und Zufälligste. Sie kamen ihm, irgendwie der Empfindung folgend. Er riß sie gleichsam wahllos ab und warf sie hin.

»Es scheint, daß alles schief mit mir geht«, fuhr er bitter fort. »Da kommen die jungen Leute und verdrängen mich vollständig. Meine Zeit ist vorüber. Daß ich viel besser male und zeichne als sie, das scheint gar nichts zu heißen. Keiner von diesen jungen Leuten kann malen, nicht einer. Es liegt ihnen auch gar nichts daran. Sie glauben auch gar nicht mehr, daß sie ihr Handwerk lernen müssen, und, weiß Gott, es scheint, daß sie recht haben. Die Leute bleiben jedenfalls stehen und schauen ihre Bilder an, und wenn man mit seinem Bild nicht einmal das erreichen kann, daß die Leute stehenbleiben und es ansehen, dann hat man überhaupt nichts erreicht. Kein Mensch bleibt stehen und sieht meine Bilder an. Die Leute können gar nicht wissen, ob sie gut gemalt sind oder nicht; sie bleiben einfach nicht stehen und schauen sie nicht an. Der Gegenstand interessiert sie nicht. Die Leute fragen heute nicht danach, wie ein Bild gemalt ist. Sie fragen nach dem Gegenstand; sie wollen etwas, das sie packt, das sie herumreißt, so daß sie fühlen, daß sie noch am Leben sind. Daher kommt auch die ganze verrückte Tanzerei in den Hotels und Restaurants. In dieser Zeit der Maschinen haben die Leute vergessen, daß sie überhaupt Hände und Füße und Körper haben. Sie müssen tanzen, damit sie es wieder fühlen und wissen.«

Er wußte kaum, was er sagte. Aber er hatte jedenfalls das Gefühl, tiefste Weisheit zu sprechen. Daß es völliger Unsinn sein könnte, was er da sagte, fiel ihm gar nicht ein. Und keinen Augenblick begriff er, wie sehr er sich mit all dem selber traf. Er sah nicht, wie sehr er in seiner vollkommenen Versunkenheit in seine Arbeit vergessen hatte zu leben; daß er es war, der vergessen hatte, daß er Hände und Füße und einen Körper hatte, daß sein ganzes Leben ein traumversunkenes, halb unbewußtes Tanzen nach der Kadenz seiner Arbeit geworden war.

Es war vielleicht richtig, daß die jungen Leute nicht malen konnten; aber er dachte nicht daran, daß sie vielleicht zu heftig lebten, um ihre Zeit mit der Technik ihres Berufs zu verlieren. Sie hatten etwas auszudrücken, und sie drückten es aus, vielleicht nicht mit großer Gewandtheit, aber mit der ganzen Kraft, mit der das Leben selbst es ihnen gezeigt und aufgedrängt hatte. Seit vielen Jahren sagte Roger niemandem mehr etwas Neues. Er hatte sich in Sterrenden vergraben, und das Leben war an ihm vorbeigegangen. Aber gerade dieser kritische Wutausbruch, den er eben gehabt hatte, war ein Zeichen, daß die Lebensebbe in ihm wieder zur Flut anzuschwellen im Begriff war. Er vermochte es nur noch nicht zu erkennen. Er mußte noch viel mehr durchmachen und erfahren, ehe er fühlte, daß die Wogen ihm ins Gesicht schlugen.

»Was hat das für Zweck,« fuhr er fort, und sein Ärger wuchs, je stiller sie wurde, »daß du jetzt kommst und mir sagst, ich lebe nur für meine Arbeit? Wo wäre ich, wenn ich nicht dafür leben würde? Meine Arbeit wäre längst zu Ende, wenn ich nicht mein Leben dafür opfern würde. Was für Unsinn du manchmal sprichst!«

Mit diesem Vorwurf konnte er sie stets zum Schweigen bringen. Ihr Wesen war zu sanft und zu nachgiebig, um bei einem Wortwechsel sich gegen solche Anklagen zu wehren. Wenn sie imstande gewesen wäre, ihm zu erwidern, daß der Unsinn auf seiner Seite war, daß alles, was er gesagt hatte, nur bewies, wie blind er an geistigen Gewohnheiten festhielt, die ihn überwuchert hatten wie Flechten einen Baum und den Lebenssaft aus ihm heraussaugten, dann wäre er vielleicht wieder zum Liebhaber geworden und hätte alles für sie getan, was sie verlangt hätte. Aber keiner von beiden verstand den anderen, keiner fand das richtige Wort. Es brauchte mehr als Worte, ihr Leben wieder zurechtzusetzen.

»Ich will dir sitzen, Roger«, sagte sie ruhig. »Vielleicht gibt es ein Bild, vor dem nächstes Jahr die Leute stehenbleiben und das sie ansehen ...« Und mit sanfter Gefügigkeit stieg sie auf den Modellplatz und ließ ihn ihre Stellung richten und alles zurechtmachen, wie er wollte.

Im nächsten Augenblick hatte er ihren kleinen Streit völlig vergessen. Er sprach bereits von dem Bilde, wie er es im Geiste sah. Es sollte etwas ganz Neues sein, der Anfang einer Reihe neuer Werke. Er sah nicht, daß es genau so werden mußte wie alle anderen, vielleicht eine neuer Farbeneffekt, eine etwas veränderte Zusammenstellung, nichts weiter. Es wäre vermutlich nichts als ein Vorfall mehr in ihrem Leben gewesen, der zur Stauung ihrer Lebensenergien beitrug. Es war nur ein abermaliges Nachgeben, eine Konzession mehr an den trägen Strom des Lebens, der alle, die nicht gegen ihn ankämpfen, langsam mit sich fortschleppt.

Aber er konnte das nicht voraussehen und sie nicht glauben, daß man auch dieses Bild einst aufhängen würde wie alle anderen. »An den Galgen«, wie er sagte. Keiner von beiden erkannte, daß es nur ein Schritt näher zu dem Zeitpunkt war, an dem man seine Bilder überhaupt nicht mehr aufhängen würde. Nur durch einen einzigen Umstand unterschied sich dieses Mal dieser Vorfall von so vielen ähnlichen in ihrem Leben: durch das kornfarbene Kleid aus Charmeusestoff. Das Kleid war neu. Es war die erste neue Tatsache, die seit Barbaras Geburt in ihr Leben getreten war.

Bereits in der ersten kurzen Stunde hatte das Charmeusekleid die merkwürdigsten Veränderungen im Hause zustande gebracht. Selbst Ellen, die Laetitia in dem neuen Kleide die Treppe herunterkommen sehen hatte, war davon nicht unberührt geblieben. Sie erzählte der Köchin eine lange Geschichte von einem gelben Kleid, das sie selbst als siebzehnjähriges Mädchen getragen und wie sie darin ausgesehen hatte, eine Geschichte, die die Köchin nicht interessierte, die aber in Ellen, als sie ihre eigene Stimme beim Erzählen hörte, etwas vom Geist ihrer Jugend wachrief, so daß sie singend durch die Zimmer ging, während sie ihre Hausarbeit verrichtete.

Aber im Salon, in dem Laetitia Barbara und Jimmy allein gelassen hatte, war die Veränderung am deutlichsten. Mit einer Ritterlichkeit, die ihm alle Ehre machte, die aber für Barbara ein sehr minderwertiger Ersatz für die frische Begeisterung in ihm war, die sie so heftig angezogen hatte, tat Jimmy, was er konnte, sie zu unterhalten und sich unterhaltend zu zeigen. Es war verlorene Liebesmühe, um so hoffnungsloser, weil die Mühe so sichtlich war.

Und auch hier im Salon wie drüben im Atelier und unten in der Küche wußte niemand recht, was eigentlich geschehen war. Soweit Jimmy begriff, was in ihm vorging, fühlte er, daß es ihm mit Barbara nicht anders ergangen war als in so vielen ähnlichen Fällen vorher. Er war, heftig angezogen, ebenso heftig als unerwartet, bis an die Schwelle der Liebe gelangt, und nun war es, nicht als ob jemand die Tür vor ihm zugeschlagen hätte – das hätte ihn vielleicht dazu gebracht, mit den Fäusten dagegen zu schlagen –, sondern als ob er in ziemlich lächerlicher Weise über die Fußmatte vor der Tür gestolpert und hingefallen wäre.

Das war die Ironie an der Sache, denn ganz abgesehen von seiner Enttäuschung, kam er sich selber lächerlich vor. Auch all seine Bemühungen, Barbara zu unterhalten und sich als angenehmer Kavalier zu erweisen, waren lächerlich. Er erinnerte sich zu gut, wie viele Male vorher er genau in der gleichen Lage gewesen war, wie er sich jedesmal gewünscht hatte, weit weg zu sein, und doch stets zu höflich war, nach seinem Hut zu greifen und zu gehen. Wie oft hatte ihn schließlich das Ende seines Urlaubs gerettet! Wie oft hatte er, wenn er an Bord seines Schiffes gekommen war und es im Ostwind bei Nacht auslief, mit klappernden Zähnen geflüstert: »Gott sei Dank; das wäre vorbei!«

Dennoch war der Fall hier nicht ganz der gleiche. Durch irgend etwas unterschied sich die Situation von allen früheren. Obschon seine Bemühung, höflich und unterhaltend zu sein, ihn in seinen eigenen Augen lächerlich machte, fühlte er im Grunde diesmal kein Verlangen, fortzugehen. Mit dem Verlieben war es doch eine sonderbare Sache. Er hatte noch nie recht herausgebracht, wie es eigentlich dabei zuging. Es war wie eine quadratische Gleichung, die ganz verschiedene Lösungen gab. Es war kein logischer Zusammenhang darin zu finden. Man konnte sich nie darauf verlassen, daß die Dinge so verliefen, wie sie dem Anschein nach verlaufen sollten und mußten.

Aus seiner Umgebung wohl, und von ihr beeinflußt, hatte er den Grundsatz angenommen, daß ein Mann sich nicht in die Frau eines anderen verlieben darf. Er wußte wohl, daß es vorkam. Man brauchte nur die Scheidungsprozesse in den Tageszeitungen zu verfolgen, um sich davon zu überzeugen. Aber die Leute, die sich so etwas zuschulden kommen ließen, gehörten seiner Meinung nach nicht mehr zur Gesellschaft. Sie waren deklassiert. Dies war nicht gerade seine eigene besondere Moral. All die jungen Leute, die er kannte, würden genau das gleiche gedacht und gesagt haben. Leute, die dies taten, gehörten nicht mehr dazu. Es waren Leute, die hinfort sehen mußten, wie sie sich durchs Leben schlugen.

Und nun saß er selber da, in der gleichen Situation, in der er schon oft gewesen war, aber durchaus nicht mit dem heimlichen Wunsch, der Augenblick möchte schon da sein, in dem er den Hutrand zwischen den Fingern fühlte und sich davon machte, sondern im Gegenteil, er blieb in der Hoffnung, und wäre es nur noch für einen einzigen Augenblick, eine Frau zu sehen, die mit einem anderen verheiratet war; eine Frau, die nach seinen eigenen strengen, seinen unverletzlichsten Grundsätzen für ihn so unerreichbar war und ihm so fernstand, als ob sie in einem anderen Erdteil lebte. Es war ihm, während er dasaß und die unangenehmen Pausen, die im Gespräch mit Barbara entstanden, zu überbrücken suchte, ganz unmöglich, zu begreifen, was eigentlich in ihm vorging. Er konnte doch unmöglich zugeben, daß ein Mann in seinem Alter, ein Mann von zweiundzwanzig Jahren – dreiundzwanzig in wenigen Monaten – nicht wußte, was er wollte. Das war undenkbar! Dennoch war die Tatsache nicht zu leugnen, daß er längst unter irgendeinem Vorwand das Haus verlassen hätte, wenn nicht die Hoffnung gewesen wäre, Laetitias Stimme noch einmal zu hören, den Ausdruck süßer Weisheit in ihrem Gesicht nochmals zu sehen. Unter diesem Gesicht mit seinem klugen, stillen Ausdruck schienen Gefühle verborgen, wie ein tiefer stiller See zwischen den Bergen liegt. Die Oberfläche war dunkel und unbewegt, aber er fühlte, wie sein Herz in den Fluten des Sees versank, so wie ein Stein kerzengerade in unermeßliche Tiefe sinkt.

Wenn ein sonst ganz vernünftiger junger Mann derart poetisch wird, dann bleibt nichts übrig, als der Krankheit ihren Lauf zu lassen. Dies waren nur die ersten Symptome. Er mußte sich erst gestehen, daß er in Laetitia verliebt war, bevor er davon geheilt werden konnte. Vorläufig erfüllte ihn der bloße Gedanke mit Schauder. Seine Meinung von sich selbst war viel zu gut, als daß er ohne Kampf hätte zugeben können, ein Deklassierter geworden zu sein, der unter anständigen Menschen nicht mehr mitzählte. Ein Mann kann mit der Frau eines anderen befreundet sein. Das war eine ganz andere Sache. Platonische Freundschaft war eine ideale, eine wunderschöne Sache; er konnte sich vorstellen, daß das ganze Seelenleben eines Mannes von einer leidenschaftslosen Freundschaft für die Frau eines anderen erfüllt sein mochte. Dieser Gedanke war ein Ausweg. Das war offenbar sein Fall. Der Gedanke gab ihm neues Leben, seine Laune besserte sich, und er wurde auch Barbara gegenüber liebenswürdiger und natürlicher.

Sie fühlte die Veränderung, begriff sie aber ebensowenig wie er selbst. Auch sie machte an ihm eine ganz neue Erfahrung: sie war zum erstenmal einem jungen Mann begegnet, der Phantasie hatte, und sie kannte sich nicht in ihm aus. Wahrscheinlich wäre es ihr ihr ganzes Leben so ergangen, gerade wie Laetitia sich in Roger nicht auskannte; solche Männer machen den Frauen mit ihren Launen und Stimmungen viel zu schaffen, bis sie entweder die Geduld verlieren oder die Mutter in ihnen erwacht, die alles versteht und liebt und verzeiht.

In ihrer einfachen und keineswegs komplizierten Seele hatte Barbara an Jimmys Jugend und seinem lebendigen Temperament Gefallen gefunden. Er lebte wirklich, während Wilfrid nur durch das Leben hinzuschleichen schien, und noch dazu in einem uneleganten Überzieher und einem immer verdrückten flachen Hut. Sie war erst achtzehn Jahre alt, und da pflegen alle Urteile sich auf äußerliche, sichtbare Zeichen zu gründen. Daraus daß Jimmy sich gut anzog und seine Krawatten zur Farbe der Hemden paßten, und nicht, wie es bei Wilfrid häufig geschah, das Futter in der Seide zum Vorschein kam, daraus zog sie endgültige Schlüsse auf seinen Charakter; es war für sie wesentlich und bedeutete Wesentliches. Jimmy tanzte, wie kein junger Mann in der Nachbarschaft von Sterrenden jemals in seinen kühnsten Träumen zu tanzen hoffen konnte. Es bedeutete ihr wenig, daß Wilfrid nur zu gern tanzen gelernt hätte. Aber es gelang ihm nicht, ihr dabei nicht auf die Füße zu treten und an ihre Knie zu stoßen, und das genügte. Beim Tennis sah er keineswegs gut aus, war überhaupt ungeschickt bei allen Spielen und bei jedem Sport. Sie war noch nie mit ihm im Busch gewesen, noch hatte sie ihn je auf seinen langen Wegen in den Hügeln begleitet, und wenn sie es getan hätte, sein tiefes Naturgefühl hätte der Achtzehnjährigen nichts bedeutet.

Jimmy Laidlaw, der mit frischem Lachen ins Leben schaute, hatte sich mit einer gefährlichen Leichtigkeit alle oberflächlichen Vorteile vor seinem Nebenbuhler gesichert, und Barbara hatte sich ihm verfallen gefühlt in dem Augenblick, in dem sie ihm in Frau Quilters Garten begegnet war. Seither war sie ihm noch dreimal begegnet, und die neue Bekanntschaft war mit jener Schnelligkeit intim geworden, die das Verlieben, wenn man achtzehn Jahre alt ist, zu einer so reizenden und so sturzbachähnlichen Sache macht.

Mitten in einer Tennispartie bei den Fortescues hatte er ihr plötzlich gesagt: »Jimmy heiß' ich, falls Sie etwa danach fragen wollten.« Wilfrid hatte sie drei Monate gekannt, ehe er mit allen Zeichen qualvoller Schüchternheit anzudeuten gewagt hatte, daß sie sich gegenseitig bei ihren Taufnamen nennen könnten.

Bei der Tanzerei bei den Seymours hatte sie neun Tänze von sechzehn mit Jimmy getanzt, und nicht ohne schweren inneren Kampf hatte sie seinem Vorschlag, daß sie einen Tänzer einfach sitzenlassen sollte, damit er ein zehntes Mal mit ihr tanzen konnte, widerstanden.

»Das kann ich nicht,« hatte sie gesagt, »das wäre nicht recht anständig.«

Und er hatte geantwortet: »Zwischen einem Foxtrott und einem Twostep ist alles recht und erlaubt.« Abgesehen davon, daß dies ganz geistreich klang, hatte es auch den kühnen Korsarengeist in ihm offenbart, der ihr gefiel, der bewirkte, daß ihre Pulse in seiner Nähe schneller schlugen, und ihr Herz klopfte, als hätte es ihre Brust verlassen, und wie ein Vogel in ihrer Hand zitterte. Es war ein verwirrendes und erschreckendes Gefühl, aber es war wundervoll. Niemals hatte sie auch nur einen Augenblick bei Wilfrid so etwas gefühlt oder bei sonst einem der jungen Leute, die zum unverhohlenen Ärger ihres Vaters ins Haus gekommen und wieder gegangen waren. Sie litt beinahe darunter. Aber wenn's vorüber war, dann wartete sie sehnsüchtig darauf, noch einmal so zu leiden.

Und jetzt, da sie sich zum viertenmal trafen, und da anfangs alles genau so wundervoll schien wie die vorhergehenden Male, hatte sich plötzlich alles verändert. Seit dem Augenblick, in dem ihre Mutter in den Salon getreten war, war irgend etwas geschehen. Sein Lachen, als sie zusammen in den Garten hinausgegangen waren, hatte hohl geklungen, es war sonderbar und wie gar kein wirkliches Lachen gewesen. Und mählich hatte es ganz aufgehört. Er lachte nicht mehr. Als Laetitia ins Atelier hinübergegangen war und sie allein zusammen am Teetisch blieben, da hatte ihr Gespräch sie an das ihres Vaters mit einem Freund erinnert, am Tag, an dem sie das Telephon bekommen hatten.

Roger war so stolz auf diese Neuerung gewesen, obschon er damit eine schädliche Einrichtung der Zivilisation, die er so verabscheute, in sein Haus aufnahm; kaum war der Apparat im Atelier angebracht, so hatte er den ersten Bekannten angerufen, dessen Name ihm eingefallen war. Barbara konnte sich des Gesprächs sehr gut erinnern.

»Hallo, hallo!« hatte Roger gerufen und hatte weiter »Hallo« gerufen mit einem Ausdruck im Gesicht, als ob er sich einer Operation ohne Narkose unterzöge; dieser gezwungene und angestrengte Ausdruck war immer schmerzlicher geworden und dann in eine unbegrenzte Wut übergegangen. Schon wollte er alle Erfindungen moderner Wissenschaft auf ewig verfluchen, als der Freund antwortete. Und mit einem Lächeln von unsagbarem Stolz und Freude hatte Roger Laetitia und Barbara, die danebenstanden, zugenickt.

»Da ist er!« rief er aufgeregt. »Da ist er!«

Und dann begann das Gespräch, an das Barbara sich erinnerte.

»Hallo, alter Junge – hallo – wie geht's? Ja, mir geht's gut. Ja, es geht uns allen gut. – Oh, ich wollte nur fragen, wie es allen bei euch geht. Wie geht's? Oh, es freut mich, das zu hören. Es freut mich, das zu hören. Ja – hübsch zu tun – eine ganze Reihe Aufträge für Plakate – ja, und du? Gut – gut. Was? – Oh, ich rede von meiner Wohnung aus. Oh, wir sind gar nicht so hinter der Zeit zurück. Am Postamt ist eins. Nein – nein – gar kein besonderer Grund – wollte nur wissen, wie es dir geht. Nun, wie geht's dir? Gut – das ist ja glänzend – nun, wünsche alles Glück. Ja – das ist alles. Gar nichts Besonderes – wollte nur wissen, wie's euch allen geht, wie ...«

Hier hatte der Freund offenbar angehängt. Rogers Satz war unvollendet geblieben, obschon sie aus verschiedenen Anzeichen entnehmen konnten, wie er gelautet hätte. Er hatte den Hörer angehängt, sich mit der Miene eines Mannes, der das Telephon im Verlauf der Jahre ganz brauchbar gefunden, umgedreht und gesagt: »Sehr nützliche Sache, so ein Telephon. Ich bin froh, daß ich es mir angeschafft habe.«

Jimmys Gespräch an diesem Nachmittage, von dem Augenblick an, seitdem Laetitia das Zimmer verlassen hatte, erinnerte Barbara lebhaft an jene telephonische Unterredung ihres Vaters. Er schien sich mit allem, was er sagte, gleichsam dafür rechtfertigen zu wollen, daß er überhaupt da war. Aber er ging nicht fort. Was bedeutete das nur? Ihr Herz schlug jetzt nicht mehr wie ein zitternder Vogel in ihrer Hand, sondern lag wie einer, der plötzlich in der blauen Luft abgeschossen und zur Erde gestürzt ist, schwer in ihrer Brust.

In der Weise waren sie mühsam fortgefahren und hatten das Schweigen, das immer wieder zwischen ihnen einsetzte, gebrochen, wie Kinder, die im Wald Holz zur Feuerung sammeln, trockene Zweige über den Knien brechen. Sie hätte ihn gern gefragt, was denn mit ihm sei, aber sie waren auf den Standpunkt bloßer Bekanntschaft zurückgelangt, und sie erkannte plötzlich, daß sie ja überhaupt nichts von ihm wußte. Die Worte traten ihr auf die Lippen; sie holte tief Atem, und hätte er sie beobachtet, so hätte er gewußt, daß sie jetzt etwas Entscheidendes zu sagen im Begriff war; aber sie wollten nicht über die Lippen; sie vermochte sie nicht auszusprechen. Es war, als ob sie damit irgend etwas Kostbares, Gläsernes unwiderruflich zerschlagen hätte.

Die Situation war so beklemmend geworden, daß sie es nicht mehr lange aushalten konnte. Barbara war den Tränen nahe. So kurze Zeit kannten sie sich erst, und schon konnte er ihr solches Herzweh bereiten. Ein dumpfer Schmerz war in ihrer Brust. Jimmy aber saß in einer steigenden Verwirrung da, die allmählich unerträglich wurde – als die Tür sich öffnete und Laetitia wieder eintrat.

Der erste Blick genügte. Sie sah, was sie angerichtet hatte. Es war ihm keineswegs gelungen, während sie fortgewesen war, sich wieder zu stürmischer Romantik aufzuschwingen. Und ebenso hatte Roger ihr gegenüber versagt. Wie sehr waren doch Frauen gleich ihr und Barbara, die diese Eigenschaft von den Männern verlangten, ihnen auf Gnade und Ungnade preisgegeben! Bei den Männern war sie nicht zu finden, wenigstens nicht in hinreichendem Maß, um das Leben zu einem dauernden Jubel zu machen. Laetitia war nahe daran, jedem recht zu geben, der ihr gesagt hätte, daß Roger nicht nur in sein Werk vertieft, daß er völlig materiell geworden war.

Aber eines war noch da: das Charmeusekleid! Es hatte noch lange nicht all seine Wirkung getan. Die hatte erst begonnen. Roger hatte ein Bild im Geist gesehen, wie er seit langer Zeit keines gemalt, und Jimmy hatte eine neue wunderbare Beziehung von Mensch zu Mensch entdeckt: eine platonische Freundschaft zu einer verheirateten Frau! Es war das Größte, was er je erlebt hatte. Er brauchte sich nicht zu schämen, es der ganzen Welt offen zu sagen. Eine platonische Freundschaft! Wer war unter den Männern, die er kannte, der sich zu solch einer Höhe geistiger Intimität mit einem Weibe erheben konnte? Der bloße Gedanke daran machte ihn wieder froh. Nur diese Erkenntnis hatte es ihm möglich gemacht, mit einem gewissen Feuer zu Barbara zu sprechen. Das Feuer brannte weit heller, weil Laetitia wieder da war. Nun, da er sie noch einmal gesehen hatte, konnte er gehen. Er sagte Barbara Lebewohl, wendete sich zu Laetitia und reichte ihr die Hand.

»Auf Wiedersehen, Frau Campion«, sagte er. Es lag ein zarter Genuß für ihn darin, ihren Namen von seiner eigenen Stimme gesprochen zu hören, »Frau Campion«, er machte sich damit gleichsam selbst bewußt, daß sie eine verheiratete Frau war, zugleich mit dem Gefühl, daß zwischen ihnen eine platonische Freundschaft entstanden war, die durch das ganze Leben währen mußte.

Heiraten war für ihn nunmehr ausgeschlossen. Das konnte er nie. Keine Frau hätte ihrem Mann ein derartiges Freundschaftsverhältnis zu einer anderen Frau gestattet. Soweit kannte er die Frauen. Er mußte sein Leben lang Junggeselle bleiben. Nun, bessere Männer als er waren Junggesellen geblieben. Es ließ sich manches für einen Mann sagen, der unverheiratet durchs Leben ging. Nicht viele Männer vermochten es, nicht viele Männer hatten das Glück, solch einen Grund und solch einen Talisman zu finden, wie er.

Er streckte ihr seine Hand hin. »Leben Sie wohl«, sagte er nochmals.

Laetitia nahm seine Hand. Es war etwas Offenes und Frisches an ihm, das ihr unbedingt gefiel. Und ein Augenblick plötzlicher Reue trat gleichsam aus irgendeinem dunklen Winkel in ihrer Seele und fiel ihr schwer aufs Gewissen. Warum hatte sie das getan? Sicherlich, sie hatte es in der besten Absicht getan. Unzweifelhaft bot ein Leben mit Wilfrid Barbara eine gesicherte Existenz. Sie wußte das wohl, auch jetzt noch. Aber war denn Sicherheit das Beste im Leben? War es wirklich das Beste für ein Kind, wenn man es mit solcher Vorsicht aufzog und abschloß, daß es den Kopf nie über die Schranken erheben und die Welt, in der es lebte, wirklich erkennen konnte? War es nicht besser, sie auf alle Gefahr ihren eigenen Weg durchs Leben gehen und sich durchkämpfen zu lassen, bis sie ihre Befriedigung, sei es in Sicherheit, sei es in dem, was ihr sonst bestimmt war, fand?

War es dafür jetzt zu spät? So sehr schlug ihr das Gewissen, daß sie heimlich hoffte, es möchte noch nicht zu spät sein, und als er, da sie seine Hand ergriff, sagte: »Ich habe nur noch zehn Tage Urlaub. Ich hoffe, Sie erlauben mir, wiederzukommen?«, da durchfuhr sie neue Hoffnung. Fast ohne zu wissen, daß sie es tat, umschloß sie seine Hand fest mit ihren Fingern.

Er fühlte den Druck sogleich. Und als sie ihm Antwort gab: »Natürlich – kommen Sie, wann Sie Lust haben. Wir sind immer da. Mein Mann arbeitet in seinem Atelier. Ich arbeite draußen im Garten. Der liebe Gott weiß, wo Barbara gerade ist, aber Sie werden uns alle schon irgendwo finden!« – als sie dies sagte und er gleichzeitig den Druck ihrer Hand fühlte, da fühlte er sich in so reine und dünne Luft emporgetragen, daß sein Atem schneller ging, und doch nicht schnell genug für ihn.

Er konnte nur seinen Dank hauchen und eilte hinaus. Sie hatte gesagt, er sollte nur kommen, sooft er wollte. Sie hatte seine Hand fest gedrückt! Eine verheiratete Frau durfte das tun, ohne von einem Mann wie er mißverstanden zu werden! Er streckte seine Hand aus und betrachtete sie selbst, während er die Straße entlang ging; er fühlte eine plötzliche Lust, sie an die eigene Lippe zu drücken, hielt sich aber zurück – das gehörte sich nicht für eine platonische Freundschaft. Es war doch alles nur platonisch. Sie war eine verheiratete Frau.

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