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Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Viertes Kapitel

Es war ein Versehen – irgendein erstaunliches Versehen.

Sie hatte Atlas bestellt und das war ein Kleid aus herrlichstem Charmeuse, das feinste Gewebe und die Farbe von reifendem Korn, durch das die Sonne scheint, während sie einen grauen Stoff gewählt hatte.

Sie hielt das Kleid ausgebreitet vor sich. Es war ein grausamer Irrtum, und doch, als sie es so in Händen hielt, sah es aus, als ob es für sie gemacht sein könnte.

Es gibt Kleider, die eine Frau vom ersten Augenblick an nicht leiden kann. Man mag ihr zureden, wie man will, sie wird sie nicht einmal anprobieren. Es ist, als ob sie fürchtete, daß sie sie nicht mehr loswerden könnte, wenn sie sie einmal anhat. Sie schaudert geradezu vor ihnen zurück. Der bloße Gedanke, daß sie sie anziehen könnte, ist ihr ein Greuel. Sie wirft sie in ihre Schachtel zurück und möchte am liebsten davonlaufen.

Es gibt Kleider, die einer Frau gefallen und die sie an einer anderen ganz gerne sehen würde. Sie betrachtet sie mit unentschiedenen Blicken, wünscht, daß sie sie tragen könnte, und weiß doch zu gut, daß sie sie nicht tragen kann. Mit einem Seufzer des Bedauern legt sie sie in ihre Schachtel zurück, aber in ihr Bedauern mischt sich kein Zweifel. Sie sind nichts für sie.

Und es gibt Kleider, die eine Frau begehrt, noch ehe das letzte Stück Seidenpapier von ihnen entfernt ist; Kleider, in denen sie sich selbst nicht nur in jener unbestimmten Schönheit erblickt, von der die häßlichste Frau träumt, sondern die ihr das Gefühl geben, daß, sobald sie sie einmal angetan hat, die Tore einer romantisch bewegten Welt sich vor ihr öffnen und sie Wunder erleben wird. Diese Kleider legt keine Frau in die Schachtel zurück. Sie wird eher betteln, borgen oder stehlen, ehe sie darauf verzichtet.

Das, was sie jetzt wie ein Heiligtum zwischen ihren Fingern hielt, war für Laetitia solch ein Kleid. Sie verschlang es mit den Blicken. Ein Lächeln war nicht nur auf ihren Lippen und in ihren Augen, es strahlte über ihr ganzes Gesicht. Und das Bitten eines Kindes war in ihren Augen, als sie sich zu ihrem Mann umwendete und »Roger!« flüsterte.

»Wofür in aller Welt hast du das Zeug machen lassen?« fragte er.

»Ich habe es gar nicht machen lassen«, flüsterte sie. »Es ist ein Irrtum. Meins sollte grau sein, es war auch nicht Charmeuse. Ich habe noch nie ein Charmeusekleid gehabt. Es sieht aber aus, als ob es meine Größe wäre, nicht?«

»Auf die Größe kommt's nicht an«, sagte er. »So ein Kleid kannst du doch nicht tragen.«

»Warum nicht, Roger?«

»Liebes Kind, das ist ein Kleid für eine Frau von fünfundzwanzig oder dreißig Jahren, nicht für eine von vierzig.«

»Ich bin erst neununddreißig«, sagte sie schmerzlich.

Neununddreißig oder vierzig, das war ihm gleichgültig. »Das ist doch Haarspalterei«, sagte er.

Sie versuchte einzuwenden, daß ein dickes, graues Haar auf dem Kopf einer Frau auffälliger sei als zwei dünne, aber sie sagte es so unsicher und verzagt, daß er nicht darauf achtete. Es war übrigens Unsinn von ihr, von grauen Haaren zu reden. Sie brauchte ihr Haar nur ordentlich zurechtzumachen, um genau so schön für ihn auszusehen wie damals, als er sie zum erstenmal in seinem Atelier in London gemalt hatte.

Immerhin war sein Interesse erregt und wach geworden. Er nahm ihr das Kleid aus den Händen. Er hielt es so ungeschickt, wie die meisten Männer kleine Kinder halten. Er hielt es in der unvorteilhaftesten Weise, und dennoch blieb es schön.

»Das könnte man gut malen«, sagte er. »Wie nennt man den Stoff?«

Sie sagte es ihm noch einmal: »Charmeuse.« Schon das Wort hatte einen wonnigen Klang. Selbst für ihn hatte es etwas Lockendes. Sie beobachtete ihn so scharf, daß sie die Gedanken erriet, die in ihm aufstiegen und wie sie aufeinander folgten.

»Man könnte das ganz gut malen«, hatte er gesagt. Die Bedeutung dieser Worte durchfuhr sie plötzlich, und sie wagte den Versuch, wagte ihn aber zu früh.

»Würdest du in dem Kleid gerne ein Porträt von mir malen?« flüsterte sie.

Es war viel zu früh. Er ging rasch durch das Zimmer bis zur Schachtel und legte das Kleid zurück in das Seidenpapier.

»Es gehört dir ja nicht, mein liebes Kind, es war ja ein Irrtum. Außerdem könnte ich diesem Kleid nicht mit einmal Sitzen gerecht werden. Du mußt es zurückschicken.«

Sie wurde völlig verzagt. »Gleich?« sagte sie.

»Natürlich, gleich. Sonst bekommst du dein Kleid bestimmt nicht zur rechten Zeit. Sie werden es dir nicht schicken, bevor dieses zurückgekommen ist.«

Sie nahm das Kleid wieder auf und begann es richtig zusammenzulegen. Es war, als ob sie ein geliebtes Geschöpf in den Sarg legte, das kaum geboren, allzu schnell dahingegangen war.

»Es ist wohl ein Kleid,« murmelte sie traurig, »wie es eine Frau nur in London tragen könnte.«

Aber dieser Gedanke weckte eine neue Hoffnung in ihr. Seit langem hatte er ihr versprochen, sie einmal nach London mitzunehmen. Neunzehn Jahre waren sie nun in Sterrenden gewesen. Seit neunzehn Jahren hatte er ihr versprochen, mit ihr eine Erholungsreise zu machen, Versprechen, die er nie erfüllt hatte. Er hatte die tollsten Reisepläne gemacht. Sooft er von einer Gegend hörte, einer Landschaft, die für den Pinsel eines Künstlers verlockend war, wollte er auch sogleich packen und hinfahren. Einmal, es war schon viele Jahre her, war's Italien gewesen. Irgendeine Schilderung vom Spiel der Sonne auf den graugrünen Olivenbäumen, die er gehört oder gelesen, hatte seine Phantasie entflammt.

»Wir können nicht unser ganzes Leben lang hierbleiben«, hatte er erklärt. »In diesem Land gibt es ja gar keine chemische Strahlung! Man kann die richtigen Farben nicht herausbringen ohne chemische Strahlung. Wir können das Haus abschließen. Wir brauchen nur drei Monate unten zu bleiben; in diesen drei Monaten kann ich genug Studien machen, daß ich ein Jahr und länger hier damit zu tun habe.« Er war so begeistert von dem Plan gewesen, daß sie wirklich daran geglaubt hatte. Aber als es so weit war, daß sie die Koffer packen wollte, war all seine Begeisterung verraucht. Der wirkliche Wunsch nach neuen Lebenssphären war erstorben in ihm. Mit wahrer Affenschlauheit wußte er sich um sein Versprechen herumzuwinden. Im Grunde war das Mittel ganz einfach. Da er nichts anderes wußte, begann er ein neues Bild zu malen. Und man kann doch ein neues Bild nicht halb fertig stehenlassen. Dann war die ganze Arbeit umsonst. Er hatte ihr das völlig überzeugend erklärt. So war der Augenblick vorübergegangen, und sie waren nie nach Italien gereist.

Noch viele Male war er seither in die gleiche Begeisterung geraten, aber jedesmal war sie wieder verraucht. Einmal hatte er davon gesprochen, nach den Südseeinseln zu gehen. Im Geist reiste er drei Monate in Westindien hin und her. Aber all diese Träume hatten allmählich jede wirkliche Bedeutung für sie verloren; sie hörte nur den Klang der Worte. Sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt und darein gefügt, das Leben in Sterrenden zu verbringen, und der einzige Sinn und Zweck dieses Lebens war Barbaras Heranwachsen und die Blumensamen, die sie alljährlich in ihrem Garten säte, und die Setzlinge, die sie ausstach.

Keinem von ihnen war es völlig klar geworden – wenn ihnen der Gedanke überhaupt je gekommen war –, wie verblödend das auf sie wirkte. Als Roger an diesem Vormittag in der Akademie die Arbeiten junger Leute bevorzugt sah, während seine eigenen Bilder unter der Decke hingen, wo niemand sie sehen konnte, hatte er in den Sälen von Burlington House gestanden und sich gefragt, aus welchem Grunde nur man jenen den besseren Platz gegeben hatte. Die Technik in ihren Bildern war mit der seinen nicht zu vergleichen. Sie zeichneten viel schlechter als er. Nur ganz unklar hatte er am Vormittag gefühlt, daß sie neuere, frischere, anziehendere Einfälle hatten als er.

Und doch als Laetitia jetzt, in einer plötzlichen Inspiration und als letzte Hoffnung, zu ihm aufsah und sagte: »Wenn wir nach London fahren, dann könnte ich es dort tragen, Roger. Du hast mir so oft versprochen, mich einmal nach London mitzunehmen!« da hemmte ihn die Lebensträgheit, die ihm Gewohnheit geworden war. Er wich rasch aus und suchte sich dem störenden Gedanken zu entziehen.

»Gerade jetzt kann ich nicht fort«, sagte er sogleich. »Du weißt sehr gut, daß ich vorige Woche ein neues Bild für den Plakatmenschen angefangen habe. Wie kann ich da fort? Wir müssen leben, liebes Kind. Ich habe keine Zeit, jetzt in London herumzuflanieren.« So oft er ins Gedränge geriet, brachte er diesen Grund vor, gegen den es keinen Einwand gab. Ohne die Aufträge, die er von seinen »Plakatmenschen« bekam, wie er sie mit einem allgemeinen, wegwerfenden Ausdruck nannte, nur mit den Bildern, die er verkaufte, hätten sie schwerlich auskommen können.

Sie nahm die Schachtel in die Arme und trug sie zur Tür.

»Dann werde ich lieber gehen und es gleich verpacken«, sagte sie; und hätte er nicht noch an die jungen Künstler gedacht, deren Bilder an den guten Plätzen hingen, hätte er nicht neunzehn Jahre versumpfenden Lebens in Sterrenden hinter sich gehabt, er hätte bei dem Ton ihrer Stimme das Kleid wieder aus der Schachtel reißen und es ihr augenblicklich um die Schultern legen müssen. Statt dessen sagte er nur:

»Ich würde ihnen einen gehörigen Brief schreiben, wenn ich du wäre.«

»Aber nein, Roger«, sagte sie mit einer sonderbaren Traurigkeit, bei der jedem anderen als Roger ein Zweifel gekommen wäre, ob sie mit Lachen oder unter Tränen sprach. »Warum? Es war doch nur ein Irrtum.«

»Und was werden wir mit Barbara machen?« fragte er. Über diese Unterbrechung mit dem Kleid und die Gedanken an die jungen Künstler, deren Bilder gut gehängt waren, hatte er diese Sache ganz vergessen.

Sie hatte die Tür schon geöffnet. Sie warf einen letzten Blick auf das Kleid, dann befestigte sie den Deckel auf der Schachtel, und es war verschwunden.

»Ich weiß nicht«, antwortete sie. »Aber wir müssen jedenfalls etwas tun. Ich bin sicher, sie würde mit Wilfrid glücklicher werden; sie würde ein behaglicheres, ein glücklicheres Leben vor sich haben.«

Und sie trug die Schachtel in ihr Zimmer.

Roger hatte das unbestimmte Gefühl, daß etwas mit ihm geschah oder geschehen war. Er wußte noch nicht genau, was. Sowie er jetzt allein im Salon stand, nachdem Laetitia die Tür geschlossen hatte, kam ihm einer jener hellseherischen Augenblicke, die so selten sind und so rasch vorübergehen, in denen ein Mann plötzlich gleichsam sein ganzes Leben überschaut. Als ob irgendein helles Licht in einem scharfen Winkel über ihn geworfen würde, sah er sein Leben und sich selbst in der Perspektive dieses Augenblicks.

Sein Leben war ein verfehltes.

Er hatte nicht den Mut gehabt, es Laetitia zu sagen. Er hatte kaum den Mut, es sich flüsternd selbst zu gestehen. Aber so war es. Sein Leben war verfehlt; er hatte nichts erreicht. Die Hoffnungen, mit denen er vor fünfundzwanzig Jahren ausgezogen war, die Ideale, die er gehegt hatte, sie hatten sich nicht erfüllt.

Es war so allmählich gekommen, daß er es kaum gemerkt hatte. Aber heute, in London, hatte es sich ihm aufgedrängt, und als er jetzt allein dastand, nach diesem Gespräch mit Laetitia, sah er die Dinge plötzlich in diesem Licht. Sein Leben war verfehlt. Die jungen Leute mit der rohen Malweise und dem schlechten Zeichnen hatten ihn überflügelt.

Er sagte sich, daß es die Not des Lebens, der Zwang, Geld zu verdienen gewesen war, daß er für die Plakatmenschen malen mußte – wie sollte ein Mensch neue und originelle Gedanken haben, wenn er sein halbes Leben im Dienst der Fabrikanten verbrachte, deren Vorstellungen von Kunst lediglich durch materielle Rücksichten bestimmt waren?

In diesem Augenblick trat Ellen mit dem Tee ein, und er starrte sie an. Das Licht verschwand. Sein Blick fiel auf Ellens Hände, in denen sie das Teebrett hielt. Er brauchte ein Modell für Hände für eine der Plakatzeichnungen, die er eben machte. Es war zwecklos, Barbara darum zu bitten. Und irgendwie hatte er im Augenblick keine rechte Lust, es von Laetitia zu verlangen. Irgendwie, er konnte es sich selbst nicht recht erklären, warum, hatte er das Gefühl, daß sie ihn beobachtete, daß sie etwas an ihm bemerkt hatte. Er wußte nicht, was es war, aber es gab ihm ein äußerst unbehagliches Gefühl, wie er es Laetitia gegenüber noch niemals empfunden hatte. Der Anblick von Ellens Händen am Teebrett erinnerte ihn an das Modell, das er nötig hatte.

»Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich im Atelier, Ellen?« fragte er.

Da sie sich über die Dauer dieser wenigen Minuten auf dem erhöhten Sitz des Modells keinen Täuschungen hingab, erklärte sie, daß sie hinreichend zu tun hätte und nicht im Atelier herumstehen könnte.

»Ich will nur die Hände machen,« sagte er, »ich muß ein Mädchen beim Melken malen, und ich brauche nur das Licht auf den Händen. Es dauert wirklich nur einen Augenblick.«

»Meine Hände sind nicht sauber genug, Herr.«

Aber damit ließ er sich nicht abweisen. Sie könnte sie ja waschen, sagte er und fügte mit einer List, die er oft gebraucht hatte, hinzu:

»Sie haben sehr hübsche Hände, Ellen.«

Sie zierte sich, während sie die Teetassen auf dem Tisch ordnete.

»Das hätte ich nie gedacht, daß Hände hübsch sein können«, sagte sie, kicherte und sah ihre Hände an.

»Nie gedacht, daß Hände hübsch sein können!« Er sah den Weg zum Ziel. »Das ist doch das erste, was einem Mann an einem Frauenzimmer auffällt.«

Das war ihr ganz neu. Und sie kam innerlich zu dem Entschluß, kein Soda mehr beim Geschirrabwaschen zu gebrauchen. Soda war schlecht für die Hände. Sie sagte das auch. Er sah in eine Zukunft voll schmutziger Teller und erklärte diese Ansicht für einen Irrtum. Aber er hatte sein Ziel erreicht, und nur darum war es ihm zu tun. Er ging ins Atelier, um alles vorzubereiten, und sagte ihr, sie möchte nachkommen, sobald sie für den Tee gedeckt hätte. Tee? Er brauchte keinen. Das richtige Modell zu finden, war weit wichtiger. Er hatte keine Zeit für diese kleinen Annehmlichkeiten des Lebens. Und er schritt aus dem Zimmer.

Das Bild stand noch auf der Staffelei, wie er es verlassen hatte. Er trat davor und sah die Leinwand an. Wieder fiel das gleiche Licht auf ihn. Er sah das Bild mit seiner vortrefflichen Maltechnik, der tadellosen Zeichnung. Aber irgend etwas fehlte. Es war kein rechtes Leben darin, wie es in den Bildern der jungen Leute war, die unten an der Wand in der Ausstellung hingen. Er war fünfundvierzig Jahre alt. War es das? Fing er an alt zu werden? Hatte er den Höhepunkt überschritten und ging es jetzt abwärts? Aber welchen Höhepunkt hatte er je erreicht, der sich mit den glänzenden Traumbildern vergleichen ließ – der Höhe, auf der er sich selbst an dem Tage gesehen, an dem Laetitia in sein Atelier gekommen war und er jene blitzartige Studie von ihr gemalt hatte? Er hatte den Höhepunkt in seiner Arbeit niemals erreicht, überhaupt keinen Höhepunkt. Er war die ganze Zeit mählich abwärts geschritten. Er legte die Hände vors Gesicht und hier, allein in seinem Atelier, stöhnte er:

»O Gott!«

Laetitia hatte indessen die Schachtel die Treppe hinaufgetragen und in ihrem Zimmer aufs Bett gelegt. Das Seidenpapier war völlig verdrückt; das Kleid mußte vollkommen neu verpackt werden. Sie hatte es unten bereits richtig gefaltet und zusammengelegt. Nichtsdestoweniger nahm sie es aus irgendeinem unklaren Grund, auf dessen Untersuchung sie sich nicht erst einließ, noch einmal auseinander, um es neu zu verpacken.

Noch einmal hielt sie es in die Höhe, diesmal vor einem hohen Spiegel, in dem sie es nicht nur in Wirklichkeit, sondern auch als Spiegelbild sehen konnte. Jetzt und hier fühlte sie, daß sie alle ihre Willenskraft aufbieten mußte, um der Sache ein Ende zu machen. Das Kleid mußte endgültig zusammengelegt, in die Schachtel getan und der Schneiderin in Canterbury zurückgeschickt werden. Es hatte gar keinen Zweck, weiter daran zu denken, wie schön es war und wie gut es ihr stehen würde. Mit dem Charmeusekleid war weiter nichts zu machen.

Während sie so vor dem Spiegel stand und es noch immer betrachtete, versuchte sie mit aller Mühe, an irgend etwas anderes zu denken, um nur der Versuchung zu entgehen, ihre Tür abzusperren und das Kleid einmal anzuziehen; nur das eine Mal, nur um zu sehen, wie sie darin aussah, bevor sie es verpackte und zurückschickte. Soviel von der Wahrheit gestand sie sich selber zu. Mehr nicht. Mit aller Gewalt verdrängte sie den in der Tiefe lauernden Trieb, es trotz allem, was Roger eben unten gesagt hatte, für sich zu behalten, aus ihrem Bewußtsein.

Während sie so vor dem Spiegel stand und das Kleid hochhielt, zwang sie sich, an Barbara zu denken und zu überlegen, was sich tun ließ, um ihre Neigung von diesem jungen Mann abzulenken.

Das Mittel, das Roger vorgeschlagen hatte, konnte nicht in Frage kommen. Wenn man ihm zeigte, daß er im Hause nicht willkommen war, kam er vielleicht nicht wieder, aber zweifellos ging Barbara dann den gleichen Weg. Dann trafen sie sich eben insgeheim. Einen besseren Nährboden für Liebe gab es gar nicht, als wenn sie insgeheim gedieh. Sie erinnerte sich daran, wie sie selbst Roger heimlich in seinem Atelier getroffen hatte. Der bloße Gedanke, daß sie dort mit ihm allein war, und daß ihre Eltern nichts davon wußten, war romantisch gewesen und hatte sie zu allem bereiter gemacht. Nein, forttreiben durfte man den jungen Mann nicht.

Sie legte das Kleid ausgebreitet aufs Bett. Es wogte in der Luft, während sie es niederlegte. Es lag in so herrlichen Falten da, daß sie die Hände zusammenschlug, als sie es betrachtete. Noch nie hatte sie ein Kleid aus Charmeuse gehabt. Der Stoff war noch unbekannt gewesen, als sie ein junges Mädchen war. Als sie noch ein junges Mädchen war! Was würde Roger gesagt und empfunden haben, wenn er sie in so einem Kleide gesehen hätte? Und der Pfarrer von St. Mary Abbots, würde er seine Erklärung so lange hinausgeschoben haben? Und der langweilige Fabrikant aus dem Norden, würde er mehr als einmal in Geschäften nach London haben kommen müssen, um sich zu entschließen? Und was für ein Bild Roger dann erst von ihr gemalt haben würde!

Mit dem Aufgebot all ihrer Willenskraft wendete sie sich ab und legte das Seidenpapier auf dem Boden der Schachtel zurecht. »Barbara, Barbara!« sagte sie laut. Es war tausendmal wichtiger, an Barbaras Schicksal zu denken, als an das Kleid. Dieser Junge war keiner von denen, die warteten. Er überlegte nicht lange und zog die Sachen hin, wie Wilfrid Inglis. Sie sah es in seinem selbstsicheren Blick, in der Art, wie er den Kopf hielt, in den schnellen, starken Schritten seines Ganges. Wenn selbst sie mit ihren neununddreißig Jahren sah, wie hübsch er war, wie mußte er erst die Phantasie eines jungen Mädchens erregen, wie anziehend mußte ihr schon sein Beruf erscheinen im Vergleich zu dem eines stillen Menschen, der im Lande blieb und das Land bebaute, nicht einmal mit seinen eigenen Händen, der lediglich wartete, bis das Korn mit seinen grünen Spitzen aus dem Boden hervorsproß und reifte.

Was war nur zu tun? Sie konnte natürlich Barbara mit klug gewählten Andeutungen begreiflich machen, wie schade es wäre, Wilfrid fahren zu lassen; mit all der Erfahrung und Weltklugheit, die sie selbst in den letzten neunzehn Jahren erworben hatte, konnte sie sie darüber aufklären, daß all die Liebesromantik nur eine vorübergehende Luftspiegelung war. Mit ihr und Roger war es noch gut gegangen, aber wie leicht hätte es auch schlecht gehen können! Sie fragte sich manchmal, was sie noch zusammenhielt, an was sie sich halten konnten. Vielleicht war es die Gewohnheit. Sie wagte es nicht auszusprechen, aber manchmal dachte sie das. Aber gerade dieser Grund mochte bei Barbara nicht verfangen, da sie ja einwenden konnte, daß es sich hier um einen Mann handelte, der oft monatelang auf See und von ihr getrennt sein mußte.

Ebensowenig hatte es einen Zweck, ihr die Lockungen eines behaglichen Lebens auszumalen. Wer fragte mit achtzehn Jahren nach einem behaglichen Leben? Erst später, erst allmählich, wenn der Trieb zu allen romantischen Ekstasen schwächer wurde, konnte man ihr klarmachen, was ein behagliches Heim, wie Wilfrid es ihr bieten konnte, für eine Frau bedeutete, wenn die Romantik verwelkt ist und fadenscheinig geworden wie ein altes Kleid, und sie nur mehr die eine Sorge hat, daß es ihren Kindern besser gehen möge und sie die Gelegenheiten, die sie selber versäumt hat, sich nicht entgehen lassen möchten.

Welk und fadenscheinig geworden wie ein altes Kleid! Sie sah auf das Gewand herab, das sie trug, das aus Rogers alter Draperie gemacht war. Im Spiegel bemerkte sie den Hut, der schief auf ihrem Kopf saß; und ihre Augen kehrten zu dem Charmeusekleid auf dem Bett zurück.

Die Schachtel lag offen da, bereit, es wieder aufzunehmen. Noch einmal nahm sie es und hielt es in die Höhe. Wieder sah sie es in dem hohen Spiegel. Manchmal macht ein Kleid im Spiegel einen Effekt, der eine Frau noch mehr entzückt als die Wirklichkeit. Wenn sie das Kleid in Wirklichkeit sieht, sieht sie es gleichsam mit den Augen der anderen.

Wie sie es jetzt ansah, atmete sie schneller vor Begier danach, und ihre Wangen brannten wie unter einem heißen Wind. So mußten andere Augen sie sehen, wenn das Kleid ihr gehörte. Es gehörte aber nicht ihr. Roger hatte gesagt, daß sie es nicht tragen könnte. Es war ein Kleid für eine viel jüngere Frau. Das war natürlich richtig. Er hätte es nicht zu sagen brauchen, aber wenn sie gegen sich selbst ehrlich sein wollte, dann mußte sie es zugeben. Sie war neununddreißig Jahre alt. Neununddreißig! Neununddreißig! Sie sagte es zweimal mit lauter Stimme. Sie war noch nicht vierzig – aber sie war neununddreißig!

Das Kleid war zu jugendlich für sie. Aber es gab doch Frauen, die sich bis zu ihrem fünfzigsten Jahre jugendlich kleideten. Die Frau des Professors zum Beispiel! Die Frau des Professors war ihr nur nicht gleich eingefallen. Sonst hätte sie es Roger sagen können. Das war eine Frau über fünfzig, die sich noch wie ein junges Mädchen anzog und auch wie ein junges Mädchen aussah, wenn man sie von rückwärts und besonders ihre Fesseln sah. Die würde sich keinen Augenblick bedenken, so ein Kleid anzuziehen!

Laetitia legte die Taille des Kleides an die Hüften. Es hatte gerade die richtige Länge. Ob sie wohl jünger aussah, wenn sie es anzog? Oder ob es sie lächerlich machte und sie die Jugend nur nachäffte? Sie trat dicht an den Spiegel heran und betrachtete scharf ihr eigenes Gesicht. Es war der Hut! Dieser dumme, lächerliche Hut! Sie nahm ihn ab und warf ihn ins Zimmer. Und ihr Haar! Wie ihr Haar aussah! Keine Frau konnte jung aussehen, deren Haar in solchem Zustand war. Sie eilte zu ihrem Toilettentisch und begann ihr Haar zu kämmen und auszubürsten und ließ dabei die ganze Zeit das Kleid nicht einen Augenblick aus den Augen.

Und jetzt! Sah sie wirklich wie eine Frau von neununddreißig Jahren aus?

Nein, sie sah viel besser aus. Es war schwer, gegen sich selber ehrlich zu sein. Vielleicht war es nur die plötzliche Aufregung, aber sie fühlte bestimmt, daß man ihr ihre neununddreißig Jahre nicht ansah, auch nicht entfernt! In ihrem Herzen fühlte sie sich in diesem Augenblick genau so jung wie an dem Tage, an dem sie heimlich in Hut und Mantel geschlüpft und fortgegangen war, um Roger in seinem Atelier zu treffen.

Wie oft hatte Roger ihr in jenen Tagen gesagt, daß ihr Haar das Sonnenlicht einfing und nicht wieder hergab. So gebürstet, wie es jetzt war, lag das Sonnenlicht noch darin. Und wenn es jetzt so aussah, wie mußte es erst in so einem Kleid aussehen? Fing sie an, eine romantische und närrische, alte Frau zu werden? Konnte so eine törichte Sache, wie ein neues Kleid, auf eine Frau ihres Alters noch solch eine Wirkung haben und ihr den Kopf verdrehen? Was war nur mit ihr vorgefallen? Wußte sie, was sie tat? Sie hatte das Charmeusekleid über die Bettlehne gelegt und mit fieberhafter Eile hakten ihre Finger das Kleid auf, das sie trug, und ließen es niedergleiten.

Im nächsten Augenblick zog sie das neue Kleid über den Kopf. Wollte sie es wirklich anprobieren? Ja, wirklich, nur anprobieren, nur einen Augenblick, nur einmal sehen! Ein Freudenschauer durchbebte sie, als es ihr Gesicht berührte und an ihren bloßen Armen niederglitt. Jetzt schmiegte es sich an ihre Schultern. Sie hatte es an. Trotz aller Entschlüsse hatte sie es angezogen. Sie wagte noch nicht in den Spiegel zu schauen, sie sah nur an sich herunter, während sie es zumachte, sie sah die schimmernden Lichtlinien, die wie Wasser, das im Sonnenlicht funkelt, daran auf und nieder liefen.

Jetzt war es zu. Sie wendete sich, während ihr fast das Herz stillstand, zu dem Spiegel. Sie sah sich darin, wie irgendeine andere fremde Frau sie auf der Straße oder in einem Salon sehen mochte. War sie das wirklich? Sah sie wirklich so aus? Ihre Blicke flogen von den leuchtenden, schimmernd bewegten Linien des Kleides zu ihrem Gesicht und wieder zurück, und wieder und wieder. Es war wie die Verwandlungsszene in einer Pantomime. Das war eine Frau von fünfundzwanzig Jahren, nicht eine von vierzig! Und es war nicht nur die Erregung des Augenblicks. Es war wirklich so. Das Geschöpf, das sie im Spiegel sah, die Lippen in atemlosem Erstaunen geöffnet, die Augen vor lautlosem Jubel funkelnd, das war ein junges Weib von fünfundzwanzig Jahren.

Das jubelnde Lachen in ihren Augen steckte ihre Lippen an. Sie begann zu lächeln. Und während sie ein eigentümliches kleines Schlucken in ihrer Kehle fühlte, wurde das Lächeln zu hellem Lachen. Sie stand vor dem Spiegel in ihrem Zimmer und stieß, kurze, scharfe Rufe des Entzückens aus, die nicht mehr Sinn hatten als das Lachen eines Kindes, wenn es irgendein glänzendes farbiges Ding sieht und die Finger ausstreckt, um es zu ergreifen.

Mit ihren Fingern strich sie eine Falte glatt, rührte an eine andere, zog das Schulterband höher, veränderte die Rocklänge ein wenig.

Und jetzt plötzlich, ohne sich des Gedankens überhaupt bewußt zu werden, wendete sie sich zu ihrem Toilettentisch. Eine Flasche mit Parfüm stand darauf, die seit einem Jahr oder länger nur zur Zierde dort gestanden hatte und nie benutzt worden war. Der Stöpsel saß ganz fest. Sie drehte und riß ihn heraus. Mit einer Verschwendung, die sie sich seit ihren Jugendjahren nicht mehr erlaubt hatte, schüttete sie das Parfüm auf ihre Hände und sprengte ein wenig davon auf ihr Haar. Dann drehte sie sich ebenso plötzlich wieder um, eilte zur Tür und rief laut, obschon sie es selber nicht wußte noch hörte, »Wo ist Roger? Roger!« und lief die Treppe hinab.

In der Halle traf sie Ellen, die gerade den Tee in den Salon getragen hatte. Das überraschte Mädchen wich an die Wand zurück, als Laetitia an ihr vorübereilte.

»Gott, gnädige Frau!« rief sie.

»Ja, ich weiß, ich weiß!« sagte sie. »Ist es nicht herrlich?«

Weit mehr aus Freundlichkeit als aus dem bloßen Wunsch nach Bewunderung, kehrte sie sich an der Salontür um und zeigte sich Ellen, die sie mit offenem Munde anstarrte.

»Gefällt es Ihnen, Ellen?«

»Das ist ja ein Traum, gnädige Frau!«

So war es auch, obschon vielleicht nur ein Dienstmädchen es so ausdrückte. Es war ein Traum. Es gehörte ihr ja gar nicht. Es konnte nie wahr werden. Aber solange sie schlafwandelte, gehörte dieser Glanz ihr. Und es war ein Traum, in dem alles möglich war. Und während sie im Schlaf die Wonne des Seidenrauschens beim Gehen genoß, wußte sie wohl, daß sie gleich wieder aufwachen mußte. In dem Augenblick, in dem sie ihr Gesicht im Zimmer im Spiegel gesehen hatte, war sie eingeschlafen. Sie wußte, daß sie im nächsten Augenblick geweckt werden mußte. Vielleicht rauh geweckt zum frostigen Licht des wirklichen Tages, und daß sie, das Gefühl des Schlafes noch auf ihren Augen, wieder die Treppe hinaufgehen, das Kleid wieder in die Schachtel legen, wieder mit Seidenpapier zudecken und den Deckel darauf tun würde. Aber der Gedanke konnte ihr die Traumfreude nicht verderben. In diesen wenigen Augenblicken war sie eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren, hatte das ganze erschauernde Leben vor sich und fühlte alles Feuer der Jugend.

»Wo ist Roger?« sagte sie wieder in dem gleichen unwillkürlich verzückten Ton, der fast wie ein Schrei klang. Und während Ellen ihr mit unvermindertem Erstaunen nachblickte, verschwand sie im Salon und schloß die Tür hinter sich.

Aufgeregt lief sie im Zimmer hin und her. Sie überlegte, ob sie sitzen oder Tee einschenken sollte, wenn er eintrat. Nein, das alles paßte zu dem Kleide nicht. Sie fühlte genau, der erste Anblick mußte sie völlig ungestört darin zeigen. Es war ein Abendkleid.

Es war nur ein einziger Spiegel in dem Zimmer, der zu hoch hing, als daß sie sich darin hätte sehen können. Aber es gab ja Stühle. Sie hörte das Kleid wonnig um sich rauschen, als sie durch das Zimmer eilte, um einen Stuhl zu holen, den sie unter den Spiegel stellte. Wenn sie ihre Gäste in der richtigen Stimmung empfangen sollte, mußte sie noch einen letzten Blick auf sich werfen, ehe Ellen die Tür öffnete und die Besucher anmeldete.

Denn dazu hatte sich der Traum jetzt in ihrer Seele entwickelt. Seit langem hatte sie gewünscht, eine kleine Abendgesellschaft zu geben und die Wirtin zu spielen.

Auch auf dem Stuhl mußte sie sich noch auf die Zehenspitzen stellen und konnte sich selbst dann nur teilweise sehen. Mit plötzlichen, krampfhaften Rucken versuchte sie zu beurteilen, wie der Rock fiel.

Als sie wieder auf dem Boden stand, konnte sie gerade noch ihren Kopf und ihre Schultern im Spiegel sehen.

In rascher Folge traten alle ihre Traumgäste ein und standen vor ihrer Phantasie. Sie selbst stand im Zimmer, hielt die Hände gefaltet und lachte leise vor sich hin. Ein plötzliches Geräusch, vielleicht die Bewegung eines Fußes auf dem Kiesweg draußen bewog sie, sich umzusehen: Jimmy Laidlaw stand in der Gartentür.

Sie tat einen raschen Atemzug, und das Lachen schwand von ihren Lippen. Ein warmes Erröten, wie es trotz der neununddreißig Jahre oft in ihre Wangen stieg, breitete sich über ihr Gesicht und färbte es mit echterer Jugend, als irgendeine Schminke oder Puder oder sonst ein schlau erdachtes Kunstmittel der Spezialisten für Kosmetik in Bondstreet es vermocht hätte. So sah er sie, so konnte er sie im Geist mit dem ersten Eindruck vergleichen, der der einer vernachlässigten Frau von neununddreißig Jahren gewesen war, die einen alten Gartenhut schief auf dem Kopfe sitzen hatte.

Er war nicht weniger verwirrt als sie, denn auch er hatte in diesem Augenblick die Welt des Wachens verlassen und war in die Traumwelt eingetreten. So, wie sie da vor ihm stand, das Lachen eben von den Lippen fortgeschreckt, war sie eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren und von einer Schönheit, die bei aller wirklichen Ähnlichkeit mit Barbara den größeren Reiz reifer und sicherer Empfindung hatte.

Er trat die Stufen von der Gartentür ins Zimmer hinab, wie ein Mensch, der noch kaum schwimmen kann, in die gefährlichen Tiefen grundloser Wasser steigt.

Als sie aber seine Augen sah, in denen ein verwirrter, fast komischer Ausdruck entzückten Erstaunens zu lesen war, kam das Lachen wieder. Es war ein seltsames, verlegenes Lachen, gleichsam von der Angst erfüllt, daß jemand es hören könnte.

»Wie lange sind Sie schon da?« flüsterte sie.

Er machte einen Schritt ins Zimmer und starrte sie an, ohne den geringsten Versuch, die Bewunderung, die ihm im Gesicht geschrieben stand, zu verhehlen.

»Eben nur diese eine Sekunde.«

Selbst seine Stimme gehörte bereits der Traumwelt an. Sie klang hohl und wie aus weiter Ferne in seine eigenen Ohren. Sie aber fühlte bei ihrem Klang, ohne daß sie hätte sagen können oder auch nur Zeit gehabt hätte, sich zu fragen warum, ein triumphierendes Erbeben.

»Haben Sie ... haben Sie mich ... noch oben auf dem Sessel stehen sehen?«

»Ja.«

»Hätten Sie je gedacht, daß eine Frau sich so lächerlich machen kann?«

»Ich hätte nie gedacht, daß eine Frau so großartig aussehen kann!« sagte er.

Seine Pulse schlugen schneller bei dieser Kühnheit. Noch nie im Leben hatte er zu einer verheirateten Frau etwas Ähnliches gesagt. Es waren die ersten Worte gewesen, die ihm auf die Lippen gekommen waren; er hatte sie unwillkürlich ausgesprochen, ehe er bedenken konnte, was sie bedeuteten.

Und aus dem gleichen Impuls des Herzens antwortete sie ihm.

»Oh, Sie lieber Mensch!« sagte sie, und dann lachte sie wieder – lachte in einem überwältigenden Gefühl heller Freude, das dann in ein lautes lustiges Lachen überging, da sie sich wieder bewußt wurde, was für ein komischer und lächerlicher Traum das Ganze war.

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