Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

In den Zeiten, da die Römer nach Britannien kamen, muß das Dorf Sterrenden schon mäuschenstill im Schutz der kentischen Hügel gelegen haben, während die goldenen Adler über den Ebenen rings um Rochester ihre Flügel schlugen.

Und heute liegt es noch, ebenso still verborgen, bald im verschleierten Glanz der Mittagssonne oder im Schatten der Hügel, und der Falke der Zivilisation fliegt hoch darüber hin, ohne an seine Beute zu denken.

Das Postamt ist allerdings durch ein Telephon mit der übrigen Welt verbunden, und gelegentlich setzt ein verirrtes Telegramm die Drähte in Bewegung. Sie sind aber lange nicht so aufgeregt darüber wie der Postmeister Herr Nash oder Frau Nash, sein pflichtgetreues Weib, die das Telegramm verstört und wiederholt auf ein Stück Papier schreiben und es dem Empfänger, wer immer es sein mag, persönlich überbringen.

Keine menschliche Seele kann in Sterrenden leben oder sich aufhalten, ohne daß das ganze Dorf auf das genaueste weiß, was der Betreffende in jedem Augenblick vornimmt; was sich hingegen in Eltringham oder in Harrowden ereignet, das reist so langsam, wie die Neuigkeiten vor den Tagen reisten, in denen die Postkutsche erfunden wurde. Und erst lange, nachdem die Ereignisse vorüber sind, erreicht die Kunde in einem dünnen Strahl weitergetragener Reden Sterrenden. Wenn der junge Laidlaw nicht bei dem Gartenfest erschienen wäre, kein Mensch in Sterrenden würde gewußt haben, daß er auf Urlaub zu Hause war, denn die Leute von Eltringham und die von Sterrenden treffen sich nur zweimal im Jahr auf dem Kricketplatz, einmal in dem einen und dann in dem anderen Ort. Und an diesen beiden Tagen bleibt ihnen wenig Zeit, Neuigkeiten auszutauschen. Aber dank dem Telephon und dem Telegraphenapparat im Postamt von Sterrenden gibt es gelegentlich Verbindungen mit der fernen Welt; Verbindungen, die in jedem Sinne elektrische sind. Sowie Herr Nash festgestellt hat, wer der Empfänger des Telegramms sein mag, zieht er ein merkwürdiges zweirädriges Fahrzeug aus dem merkwürdigen Schuppen an der Rückseite des Hauses. Zwischen die nicht sehr fest sitzenden Stangen schirrt er ein noch merkwürdiger aussehendes Waldpony ein; dann erklettert er das Fahrzeug, das sich, da das eine Rad mit dem anderen einen spitzen Winkel bildet, wie ein Betrunkener bewegt, und macht sich auf die Suche nach dem merkwürdigen und bedeutenden Individuum, das so plötzlich und überraschend mit der Welt in Verbindung getreten ist.

Telegraphenjungen gibt es in Sterrenden nicht, und Fräulein Elsie Nash, die sonst ihren Eltern bei der Arbeit im Postamt hilft, ist manchmal anders beschäftigt, sie muß den Einwohnern von Sterrenden ein Gratiskonzert geben und ihnen auf dem Piano im ersten Stock die »Glockenblumen von Schottland« vorspielen. Wenn sie so beschäftigt ist, darf man sie nicht stören. Dann muß Herr Nash das Telegramm selbst abgeben. Von diesen mechanischen Unterbrechungen abgesehen, schwebt der Falke der Zivilisation hoch über der Ebene dahin, und Sterrenden liegt ungestört in den bunt gemusterten kentischen Gefilden. Nordwärts winden sich die Straßen wie weiße Stränge über die wogende Ebene; gegen Süden wagen sie sich manchmal die steilen Hügelabhänge hinauf, kriechen zwischen den Grasmatten, auf denen Schafe weiden und Kaninchen knabbern, hinauf und verschwinden über den Kamm, um durch das mit Heidekraut und Stechginster bewachsene Hügelland hinzuziehen, bis sie schließlich zum Meer hinabführen.

Als ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren und neuvermählt, aber ohne mehr Lebenskenntnis, als sein Wesen ihm überhaupt zu erwerben gestattete, war Roger Campion nach Sterrenden gekommen, teils weil er gehört hatte, daß es ein ruhiger Ort sei, in dem er die Flitterwochen verbringen konnte, hauptsächlich aber, weil er eine Schafherde als Modell für ein Bild brauchte.

Während seines ganzen Ehelebens verfolgte er diese Politik, zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen, aber für die, die ihn kannten, wurde es immer weniger schwierig, zu erkennen, welche Fliege er eigentlich meinte.

In jenen Tagen, da sie ihren Haushalt begründeten, waren sie sehr arm. Er hatte sich nicht mehr als drei Tage für seine Flitterwochen gestatten können, die er außerhalb Londons verbringen wollte. London war für ihn die Welt. Die Welt der Kunst zum mindesten. Hier nur konnte ein Mann, der den Pinsel führte, die volle und wirkliche Anerkennung für sein Werk finden. Nur in London konnte man gute Modelle bekommen, und man fand in der Stadt, wenn man nur Augen hatte, zu sehen, die wunderbarsten Landschaften der Welt. Mehr als drei Tage konnte er sich nicht frei nehmen. Flitterwochen waren schließlich nicht an die Landkarte gebunden, sie bedeuteten einen Seelenzustand. Der Seelenzustand war zweifellos vorhanden, aber vor allem brauchte er die Schafherde für sein Bild.

In Silgate angekommen – so heißt die Bahnstation, in der man aussteigen muß, wenn man nach Sterrenden will, das etwa fünf Meilen von der Bahn entfernt liegt –, stiegen Roger Campion Zweifel darüber auf, ob er auch nur drei Tage dortbleiben würde. Der Blick auf die öde Landschaft, denn ein Hügelkamm bei Silgate deckt alle anderen Hügel und verbirgt sie dem Blick, beleidigte sein Künstlerauge.

»Die Zivilisation und diese fürchterliche Eile, die die Menschen heute haben, ruiniert das Land. Dies war vermutlich ein ganz reizender kleiner Ort, bevor sie die Eisenbahn bauten. Ich glaube, wir täten besser, so schnell wie möglich nach London zurückzufahren.«

Frau Campion hatte ihm einen Blick bitterster Enttäuschung zugeworfen. Sie erwartete keine zweiten Flitterwochen – und sie hatte sich lange, ehe sie Roger begegnet war, eine romantische Vorstellung davon gemacht, wie Flitterwochen sein sollten.

Sie war damals zwanzig Jahre alt und so wonnig anzusehen, daß im selben Augenblick, als Roger sie auf einem kleinen Gartenfest in West Kensington gesehen hatte, er auch sogleich wußte, daß er dieses Weib sein ganzes Leben lang immer wieder gerne malen würde. Zwei Tage später hatte er mit der ganzen leidenschaftlichen Heftigkeit eines Künstlers, der sogleich haben muß, was seine Kunst von ihm verlangt, ihr seinen Antrag gemacht, und verwirrt und von Schrecken über ihre eigene Kühnheit erfüllt, hatte Laetitia diesen Antrag abgelehnt.

Denn Laetitia – schon der Name hatte sein künstlerisches Gefühl geweckt – hatte damals an den jungen Pfarrer der Kirche von St. Mary Abbots gedacht. Alle sagten, daß er ein vielversprechender junger Mann sei, der eine große Kirchenlaufbahn vor sich hatte. Sie dachte an ihn, weil es selbst ihrem schüchternen Geiste völlig klar war, daß er heftig an sie dachte. Und sie fühlte, daß sie einer großen kirchlichen Laufbahn keine Schande machen würde.

Roger Campion, der Künstler, hätte gegen einen so gefährlichen Rivalen, der schon vor ihm da war, wenig Aussichten gehabt, wenn Laetitias Gedanken nicht noch in anderer Richtung beschäftigt gewesen wären.

Sie dachte nämlich auch an einen etwas älteren Herrn, einen Mann von achtunddreißig Jahren, der eine gutgehende Fabrik im Norden Englands besaß. Er stand in Geschäftsverbindung mit ihrem Vater, hatte sie bei einem Mittagessen in dessen Hause gesehen und war in zwei Monaten fünfmal aus Nordengland gekommen, um Geschäftsangelegenheiten zu besprechen, die er ebensogut bei einem Besuch hätte erledigen können.

Er war einer von den starken und schweigsamen Männern. In ihrem Wesen lag eine so süße Sanftmut und ein so zärtliches Verständnis, daß sie jeder Art von Männern gefiel. Es war nicht nur ihre zierliche Schönheit; sondern die Männer fühlten, daß sie gleichzeitig anschmiegsam und eine Beschützerin war; daß sie mütterlich empfinden und sorgen und doch zu ihren Füßen sitzen und auf ihre Weisheit lauschen konnte. Sie fühlten, daß hier eine Frau war, die alles verstehen und alles verzeihen konnte; eine Frau von dieser Art, die überdies noch hübsch ist, würde jeder Mann heiraten, wenn er sie nur finden könnte.

Es tat ihr bitter weh, Roger Campion nein zu sagen. Ein Tränenschimmer war in ihren Augen, als sie ihn ansah und den Kopf schüttelte. Aber sie hätte sich ihr Mitleid sparen können.

»Warum wollen Sie mich nicht heiraten?« hatte er gefragt. »Glauben Sie vielleicht, ich kann nicht malen?«

Diese großartige egoistische Befangenheit in seine Kunst brachte sie zum Lächeln; sie ahnte nicht, daß dieses Lächeln ihm die Gewißheit gab, daß sie doch die Seine werden würde. Noch nie im Leben war er einem Weibe begegnet, das ein so vollkommenes Modell war, und das er zur Frau begehrt hätte. Die Berufsmodelle hatten nur das Geschäft im Auge; sie saßen keine Minute länger, als die Stunde, für die er sie bezahlte. Und sie hatten die selbstsüchtige Gewohnheit, ohnmächtig zu werden, wenn die Arbeit sie nicht mehr interessierte.

Laetitia! Wie war schon der Name süß! Sie war nicht so. Sein Künstlerbewußtsein sagte es ihm, daß sie ihm sitzen würde, bis seine Hand ermüdete, nicht aber sie; und daß sie viel zu liebevoll und rücksichtsvoll war, um seine Inspiration und seine Arbeit je zu stören.

Als sie ihn damals ausgeschlagen hatte, war er in sein Atelier gegangen und hatte aus dem Gedächtnis, ohne daß sie ihm saß, die beste Ölstudie von ihr gemalt, die er seit Jahren gemacht hatte. Er brachte ihr das Bild, die Farben noch feucht und frisch auf der Leinwand, am nächsten Tag.

Ein freudiges Erbeben war in ihr, als sie es ansah, und sie murmelte: »Bin ich das? Sehe ich wirklich so aus?« Und die ganze Zeit stand er neben ihr, und seine scharfen Augen eilten von der Leinwand nach ihrem Gesicht und wieder zurück, beinahe wie ein Hund, der eine Ratte gefangen hat und sie seinem Herrn zu Füßen legt.

Eines war klar: der Pfarrer von St. Mary Abbots konnte sie nicht in dieser Weise sich selber zeigen und ihr Selbstbewußtsein so steigern. Und auch der Geschäftsmann aus dem Norden wußte bei weitem nicht soviel von ihr, wie dieser neue Geist mit seinem heftigen Enthusiasmus, der so plötzlich in ihr Leben getreten war.

Es waren nicht so sehr die Farben, seine Malerei, die ihrem Selbstgefühl, ihrer Vorstellung von ihrer eigenen Schönheit schmeichelte, als die tiefe Gewißheit, daß er die Wahrheit sprach, wenn er sagte, daß er sie brauchte; nicht nur um ihrer selbst willen, weil er sie liebte, sondern für sein Werk. Und sie war jung genug, daß gerade das sie heftig, unwiderstehlich anzog. Der junge Pfarrer von St. Mary Abbots liebte sie vielleicht; aber nie hatte er ihr gesagt oder angedeutet, daß sie seinen Beruf teilen und das Netz mit ihm auswerfen und einziehen sollte, in dem er Menschen fischte. Und der Mann aus dem Norden hatte zweifellos die Absicht, ihr einen Heiratsantrag zu machen, aber nicht ein einziges Mal bei all seinen Besuchen in London hatte er ihr zu erkennen gegeben, daß sie ein unentbehrliches Rad in der Maschinerie seines Lebens war.

Hier aber war einer, der ihr stürmisch sagte, daß sie ihm notwendig, daß sie ihm unentbehrlich war, und das mit einem heftigen Flehen und mit einem Schönheitssinn, dem sie sich nicht entziehen konnte.

»Nun,« sagte Roger und wendete auch jetzt die Augen nicht ganz von seinem Bild ab, »wollen Sie mich jetzt heiraten?«

Sie hätte sich einem Manne versagen können, der sie nur begehrte. Aber einem Menschen gegenüber, der sie wirklich brauchte, war sie machtlos. Alles, was an zärtlichem Mitgefühl, alles, was mütterlich in ihrem Herzen war, beugte sich und ergab sich. Sie hatte den Kopf gesenkt, als er sie mit der ganzen triumphierenden Leidenschaft seiner Liebe und seiner künstlerischen Leistung küßte.

Als sie ihre Augen wieder erhob und zu ihm aufschaute, sagte er: »Die Augen, glaube ich, sind noch immer nicht ganz richtig!«

Noch am selben Nachmittag hatte er sie mit in sein Atelier genommen, und sie hatte ihm eine Stunde gesessen, in der er sein Bild beinahe verdorben hatte. Trotzdem blieb es für beide immer wunderbar schön, und es war ein dauerndes Zeichen seiner Liebe zu ihr, daß er nie dazu zu bewegen war, es zu verkaufen.

Einen Monat später heirateten sie, sehr gegen ihres Vaters Wunsch. Aber Roger wußte in jenen Tagen Ansichten über väterliche Autorität zu äußern, die nicht wenig dazu beitrugen, daß sie sich in seinen Willen fügte.

In der Kirche von St. Mary Abbots wurden sie von dem jungen Pfarrer getraut, der, während er den Ritus vollzog, die ganze Zeit nicht begreifen konnte, was sie nur an diesem sonderbaren Menschen mit den unruhigen Augen finden mochte, der doch selbst unter ihrem linden Einfluß niemals hoffen konnte, in so vornehme Kreise zu kommen, wie er sie in Kensington kannte.

Dann waren sie nach Sterrenden gefahren, um dort ihre halbe Flitterwoche zu verbringen. Und auf dem Bahnsteig von Silgate waren ihr die ersten Tränen der Enttäuschung heiß und bitter in die Augen gestiegen, als sie ihn über die Verwüstungen schimpfen hörte, die die moderne Zivilisation in einer Welt anrichtete, die er sich offenbar gleichzeitig in urwüchsiger Schönheit und mit allem modernen Komfort eingerichtet wünschte.

Damals hatte sie das Gefühl gehabt, daß alles ein Irrtum war, und daß die Romantik, an die sie geglaubt, die sie ersehnt hatte, nur ein Traum war.

Aber als er die enge kleine Dorfstraße von Sterrenden sah, die am Friedhof vorüber mit vielen Ecken und Windungen hügelaufwärts führte, da kehrte seine ganze Begeisterung wieder, und als sie bald darauf einem alten Landarbeiter begegneten, der ein leinenes Staubhemd trug, da erklärte Roger, daß man an einem Ort, an dem man solche Modelle fand und der von der Kultur so unberührt war, das ganze Leben verbringen könnte. Nun wuchs auch ihr Mut wieder. Vor ihr lagen sanft hingestreckt die graugrünen Hügel, und sie begann zu glauben, daß es doch eine Romantik gäbe.

Es fand sich ein Haus in Sterrenden, an das man ein Atelier anbauen konnte; drei Tage später, nach wahnsinnigem Hin- und Herfahren von Sterrenden zu den Häuseragenten in Canterbury und wieder zurück, hatte Roger Campion den Mietvertrag unterschrieben.

»Drei Jahre, das taugt mir nicht,« hatte er dem Agenten gesagt, nachdem er am frühen Morgen die Schafherden wie Rosenkränze von grauen Perlen auf den Hügelrücken gesehen hatte, »drei Jahre, das taugt nicht, ich will einen Vertrag auf einundzwanzig Jahre!«

Einundzwanzig Jahre wohnten sie in Sterrenden, aber die Wohnzeit Laetitias in dem romantischen Gebäude, das sie in ihrer Phantasie für sich errichtet hatte, dauerte nicht so lange. Das heißt, sie wohnte wohl darin, aber mehr als eine sanfte, stille Magd denn als ein empfindendes menschliches Wesen, das eine Atmosphäre von Liebe um sich brauchte.

Mit jedem Jahr, das sie in Sterrenden verbrachten, begriff sie allmählich und gewöhnte sich daran, daß Rogers Lebensausdruck in seiner Kunst lag, daß sein Malen ihn völlig ausfüllte. Wenn er sich gelegentlich wieder als Liebender und Werbender zeigte, dann war es nur, weil er sie bewegen wollte, ihm zu sitzen; und sobald sie einwilligte und es tat, bis zur völligen Erschöpfung, dann existierte sie für ihn nicht mehr und nicht anders, als die mit Sägespänen ausgestopfte Gliederpuppe in seinem Atelier, um die er seine alten Stoffe drapierte.

Während des ersten Winters, den sie in Sterrenden verbrachten, hatte er ein Bild gemalt, für das er einen Auftrag bekommen hatte. Aufträge schmeichelten ihm, wenn er sie erhielt, und wurden eine Qual und ein Ärgernis, lange ehe sie ausgeführt waren. Wenn er einen Auftrag bekam, dann ging er durchs Haus und redete davon. Er redete auch im Dorf davon, besonders mit Hinds, dem Schneider, in dem er den Denker und ländlichen Philosophen erkannt hatte. Zunächst brauchte er Modelle. An mehreren Vormittagen, ehe er es in Angriff nahm, fuhr er auf einem alten Fahrrad in Sterrenden hin und her, um das Gesuchte zu finden, und verwünschte das ganze Dorf, als den abgelegensten, zurückgebliebensten, unzivilisiertesten Ort, den er je gesehen hatte.

»Warum bleiben Sie dann hier?« fragte Tom Hinds.

»Ja, was soll ich denn tun?« sagte Roger. »Ich habe ja einen Mietvertrag auf einundzwanzig Jahre.«

Das Bild, das er in jenem ersten Winter malen sollte, war von einem reichen Mühlenbesitzer im Norden bestellt worden, der die Aufgabe der Kunst darin sah, geschichtliche Vorfälle der Nachwelt bildlich zu überliefern. Seine Frau, eine leidenschaftliche Reiterin, war, als sie im Schnee ausritt, abgeworfen worden. Man hatte sie bewußtlos auf der weißen Fläche gefunden, das Roß neben ihr, während ein roter Blutstrom über den Schnee lief. Dies war in dem Leben des Mühlenbesitzers ein geschichtliches Ereignis von solcher Bedeutung, daß er es durch die bildende Kunst verewigt wissen wollte. Er sah das Bild im Geiste vor sich und kam zum Schluß, daß er es unsterblich in Farben an seiner Wand hängen haben wollte, um an die Befreiung durch ein gütiges Schicksal stets erinnert zu werden. Er hielt sich für einen Kunstmäzen, und da er von Roger Campion gehört und Bilder von ihm gesehen hatte, hatte er ihm den Auftrag erteilt.

Roger Campion fühlte sich geschmeichelt und redete sich alsbald ein, daß der Vorwurf ihm lag und er ein schönes Bild daraus machen könnte. Er redete sich schließlich in eine Art Ekstase und raste auf seinem Fahrrad durch das Dorf, um ein Pferd aufzutreiben.

Es gab aber kein Pferd im Dorf; jedenfalls kein Tier von der Art, wie der Mühlenbesitzer es geschildert hatte, ein schönes, braunes Jagdpferd, dreizehn Faust hoch. Der Schmied hatte ein Pony. Herr Nash, der Postmeister, desgleichen. Er hatte sie sich vorführen lassen und sie in der Dorfstraße in Augenschein genommen, während eine Schar von Kindern umherstand, neugierig, ob er sie etwa ohne Sattel reiten wollte. Aber mit aller schöpferischen Phantasie konnte er mit diesen Tieren nichts anfangen und sie nicht brauchen.

Tom Hinds, der neben ihm in der Straße stand und in einem Künstler offenbar einen Magier und im Pinsel einen Zauberstab sah, hatte gemeint, er könnte doch das Pony von Herrn Nash ein paar Faust höher malen.

Roger warf ihm einen Blick tiefster Verachtung zu. Ein so verständnisloser Banause war ihm noch nicht vorgekommen.

»Ich kann doch aus einem schwarzen Waldpony kein stattliches braunes Jagdpferd machen!« schrie er.

Herr Nash stand mit offenem Munde dabei und hörte zu. Was die beiden redeten, klang für ihn wie das Gespräch zweier Hexenmeister in einem Märchen. Als Roger ihm undankbar zuschrie, er könne sein Vieh wieder heimführen, führte er es in den Stall hinter dem Posthause zurück und fühlte sich für sein Pferdchen tief beleidigt.

»Wenn das kein Pferd ist,« sagte er zu Frau Nash, »dann ist er auch kein Künstler.«

Ein ruhiges altes Wagenpferd, das wenigstens in Farbe und Höhe der Beschreibung des Mühlenbesitzers mehr oder minder entsprach, wurde schließlich aus den Stallungen von Uplands, dem großen Gebäude oben in den Hügeln, verschafft. In großer Angst vor dem Tier zerrte Roger es eines Tags während eines schweren Schneesturms in die Hügellandschaft hinaus. Laetitia, die sein Malzeug trug, folgte.

Er wußte mit seinem widerstrebenden Modell nicht anders umzugehen, als wie er es von den Karrenführern gehört hatte. »Hoi, hü!« schrie er es an oder »Öh! Steh!«

Das arme Tier war nicht weniger verwirrt und verängstigt als Roger. In der Tat vollbrachte Roger damals, als er das Pferd übernahm und ausführte, eine der tapfersten Taten seines Lebens. Seine kräftige Phantasie zeigte ihm klar, daß das Tier ihm die Zügel aus der Hand winden und ihn mit einem Hufschlag töten konnte, wenn es dazu Lust hatte. Diese und andere Möglichkeiten sah er lebhaft vor sich, und doch führte er seine Aufgabe durch. Er ahmte so gut er konnte den gebieterischen Ton nach, in dem er andere zu Pferden reden gehört, und hoffte zu Gott, daß das Tier nicht, wie er manchmal gehört hatte, instinktiv die Furcht fühlen würde, die ihm das Herz klopfen und die Hand zittern machte.

Vierzehn Tage oder mehr wurde dieses Manöver täglich wiederholt, bis das Bild nahezu vollendet war; dann gab es eine noch schlimmere Schwierigkeit zu überwinden. Der Mühlenbesitzer hatte bei seiner Bestellung besonderen Wert auf den scharlachroten Blutflecken im Schnee gelegt. Dieser Blutfleck war für ihn das Künstlerische, das Dramatische an dem Bild. Als Farbwirkung hatte auch Roger Sinn dafür. Der scharlachrote Spritzer, der inmitten purpurner, schwarzer und violetter Töne im Weiß das Auge fesselte, konnte einen trefflichen, starken Effekt geben. Aber wie sollte er hier draußen im Schnee am Hügelabhang das malen? Und für Laetitias Vorschlag, das Bild im Atelier zu Ende zu malen, hatte er nur Hohn.

»Ein so wichtiger Farbenton,« sagte er, »ein Ton, der gleichsam die Basis, der Mittelpunkt des ganzen Bildes ist, kann nur in freier Luft gemalt werden. Es soll nicht geronnen oder gefroren aussehen. Es muß warm und rot und feucht sein.«

Tom Hinds Vorschlag, rote Tinte auf den Schnee zu schütten, verhöhnte er noch mehr.

Er fiel beinahe von seinem Fahrrad, so wild war er, als er schrie: »Rote Tinte! Ich soll das Bild wohl ›die Bleichsüchtige‹ nennen?!«

Das sagte er nicht etwa mit Humor. Im Scherz erzählte er nur Witze aus alten Jahrgängen des Punch.

Rote Tinte taugte nicht. Er brauchte wirkliches Blut, einen warmen lebendigen Strom.

Tom Hinds schlug vor, er sollte ein lebendes Huhn mitnehmen und an der Stelle schlachten, ein Gedanke, der ihn mit Schauder erfüllte. Denn er war Vegetarier, teils infolge bestimmter Anschauungen, die er von der Verdauungstätigkeit des Dünndarms hatte, teils weil er nicht daran mit schuld sein wollte, daß ein lebendes Wesen getötet wurde.

»Wir können doch leben, ohne anderen Geschöpfen das Leben zu rauben!« pflegte er auszurufen, »oder etwa nicht? Wir sind ganz einfach Kannibalen, nichts anderes! Leute, die Fleisch essen, sind nicht besser als Kannibalen!«

Und seinen Grundsätzen getreu, aß er nur Pflanzennahrung, Obst, Gemüse und Käse, abgesehen von jenen merkwürdig zubereiteten Gerichten, wie Nußfleischkoteletten, mit denen erfahrene Vegetarianer durch rasches Aussprechen der Bezeichnung den Hörer zu täuschen suchen.

Als Laetitia ihn zum erstenmal ein Ei essen sah, hatte sie in sanftem Ton gefragt, ob er denn damit nicht einem Geschöpf das Leben nahm.

»Das kann ich doch nicht wissen!« rief er. »Das Ei kann doch auch faul werden, wenn ich es nicht esse.«

Dennoch hatte es ihn tagelang bedrückt. Monatelang berührte er kein Ei mehr. Er litt unter seinem Gewissen und kämpfte mit ihm wie mit dem bösen Feind. Aber der schlimmste Kampf war der um das Huhn. Indessen, die Kunst ging allem vor. Nur auf diese Weise konnte er die Wirkung zustande bringen, die er haben mußte. Und als sie das nächste Mal in die Hügellandschaft hinauszogen, hing auf dem Rücken des alten Wagenpferdes an den Sattel gebunden ein Sack, in dem ein unglückliches Huhn auf dem ganzen Wege Klagetöne ausstieß.

Diese Töne quälten Rogers Gewissen, als ob es mit einer Feile abgeraspelt würde. Als sie den Ort erreichten, den er zum Schauplatz der Tat gewählt hatte, befand er sich in einem derartigen Zustand nervöser Gereiztheit, daß Laetitia ihn nicht anzusprechen wagte.

»Kannst du das elende Vieh nicht töten?« rief er. »Du bist eine Frau. Es gehört einfach zu den Pflichten einer Hausfrau, daß sie ein Huhn zu schlachten und zu rupfen verstehen muß!«

Laetitia war dem Weinen nahe. Sie standen beide zähneklappernd vor Kälte in hilflosem Schweigen da, während das Wagenpferd seinen dampfenden Atem zu ihren Häupten ausschnob, und sahen auf den Sack nieder, der sich auf dem Schnee zu ihren Füßen wand und bewegte.

Endlich, mit verzweifeltem Ausdruck und mit einem Schuldgefühl im Herzen, wie nur je ein Verbrecher, der in dem alten Strafgerichtsgebäude in London vor den Geschworenen stand, zog Roger ein Messer aus der Tasche.

Laetitia wendete sich ab und steckte die Finger in die Ohren. Dennoch vernahm sie das Flügelschlagen, und in dem tiefen Schweigen der winterlichen Hügel hörte sie Roger leise fluchen. Er griff das Huhn an, wie ein Soldat das Bajonett handhabt, und gebrauchte dabei Worte, von denen er selbst nicht gewußt hatte, daß er sie kannte. Als er ihr sagte, daß sie sich wieder umsehen könnte, sah sie ihn, die Hände blutbedeckt, das Gesicht totenbleich, während das Huhn mit abgeschnittenem Kopf im Schnee lag und ein Blutstrom sich aus seinem Halse ergoß.

»Mein Gott! Ich hab's geschafft!« sagte er mit einem heiseren Flüstern.

Damals hatte Laetitia erkannt, was seine Kunst für Roger bedeutete. Aber er, der an diesem Morgen wohl die Wirkung von kaltem weißen Licht auf vergossenem Blut erfahren haben mochte, erkannte darum noch lange nicht, wie groß und vollkommen Laetitias Hingebung war. Mehr als eine Stunde lag sie für ihn im Schnee, bis ihre Glieder zu erstarren begannen, gleich denen des toten Huhnes; und erst, als er sich einmal über sie beugte, um ihren Kopf richtig zu legen, bemerkte Roger, daß nichts mehr an ihr warm war, als die Tränen der Erschöpfung und des Übelseins, die langsam über ihre Wangen liefen.

Er ärgerte sich vermutlich, weil das Blut im Bilde sich so glänzend machte. Er hatte den ganzen Schauder hineingemalt, den er empfunden hatte. Es starrte aus dem Bilde mit tragischem Rot, wie es in seinem Geiste starrte. Immerhin, wie groß sein Verdruß über Laetitias Versagen auch sein mochte, er bekämpfte und überwand ihn mit der alten Liebe. Er half ihr aufstehen, wärmte ihre Hände, rieb ihre Wangen und brachte sie zum Leben zurück, wobei allerdings der Hauptzweck der schien, daß sie sein Bild einmal ansehen und in seinem vollen Wert zu würdigen imstande sein sollte.

Dies war während des ersten Winters in Sterrenden gewesen. Im Sommer darauf wurde Barbara geboren, und Rogers Vorstellungen von seinen Vaterpflichten offenbarten sich in zahlreichen Studien von Kinderköpfen, die Laetitia sämtlich behalten wollte. Es war stets ihre Aufgabe, seine Bilder zu verpacken, wenn er eines verkauft hatte; bei diesen Studien war sie nicht dazu imstande. Ihm selbst wurde es nicht leicht, sich von ihnen zu trennen – wie es ihm übrigens mit den meisten seiner Arbeiten erging –, und eines behielt er trotz allen Angeboten, so wie er jene erste Skizze behielt, die er von Laetitia gemalt hatte.

Mit der Zeit mußte sie erkennen und sich damit begnügen, daß dies das einzige Zeichen war, das sie an ihren romantischen Traum erinnerte. Infolge dieser Erkenntnis verlor sie, obwohl sie noch sehr jung war, jeden Wunsch, irgendeine Mühe oder sonst etwas auf ihre eigene Person zu verwenden. Gelegentlich fuhr sie wohl nach Canterbury, um dort bei einer Modistin oder einer Schneiderin ein neues Kleid zu kaufen, aber je mehr sie erkannte, daß Rogers Wunsch, sie darin zu malen, der einzige Maßstab dafür war, daß sie ihm darin gefiel, und die einzige Folge davon, um so mehr suchte sie die Kleider möglichst einfach und möglichst haltbar aus, und trug sie um so länger, bis sie völlig unansehnlich geworden waren.

Als Barbara zehn und Laetitia erst dreißig Jahre alt war, hatte sie beinahe das Aussehen einer gesetzten Matrone, und alle Romantik in ihrem Herzen schien erloschen. Nur selten noch, in Augenblicken, erwachte überhaupt etwas von der alten Sehnsucht in ihr.

Manchmal – sie trug vielleicht gerade einen alten Gartenhut und beugte sich über die Blumen in den Rabatten – sah Roger plötzlich, wie anziehend sie noch war; eine ferne Erinnerung stieg in ihm auf, wie er sie vom Atelierfenster aus sah, und er rief sie bei dem Kosenamen, den er ihr während der wenigen Wochen ihrer Brautzeit gegeben hatte.

Ihr schlug das Herz rascher, während sie aufsah und ihn fragte, was er wolle.

»Bleib so! Bleib so!« rief er zurück, und einen Augenblick später stand er in seinem weißen Malerkittel mit leuchtenden Augen neben ihr im Garten und sagte ihr, wie süß sie aussähe. Anfangs hatten solche Augenblicke sie erbeben gemacht und ihr den Augenblick zurückgerufen, in dem er ihr in seinem Atelier die Skizze gezeigt und mit dem ganzen Stolz auf seine Leistung ausgerufen hatte: »Wollen Sie mich jetzt heiraten?«

Aber sehr bald erkannte sie, daß dies immer nur ein Vorspiel für das Verlangen war, daß sie ihm sitzen sollte. Und dann war all die freudige Erregung fort, und ihr Herz klopfte nur noch schmerzlicher, und dann stand es beinah stille, wenn sie eine halbe Stunde in der gleichen Stellung, über die gleiche Blume im Beet gebückt, gestanden hatte.

Das Leben sucht sich einen Zweck und findet ihn, wie das Wasser seinen Weg sucht und findet. Laetitia fand ihren Lebenszweck in Barbara. Roger bemerkte kaum, daß er eine Tochter hatte, ausgenommen soweit sie ihm gelegentlich als Modell für seine Bilder diente. Als sie mit siebzehn Jahren ihr Haar aufsteckte, bemerkte er erst, daß sie herangewachsen war, weil er erkennen mußte, daß er ein Kindermodell verloren hatte, das unwiederbringlich war.

Den ganzen Tag hatte er im Hause gewettert und auf die moderne Sucht der Jugend geschimpft, sich älter zu machen und die unsinnigen Gewohnheiten und die Erfahrung älterer Leute nachzuäffen. Es half ihm nichts. Mit der ruhigen Sicherheit ihrer Kraft und Unabhängigkeit hatte Barbara einen Arm um seinen Hals gelegt und ihm einen Kuß gegeben.

»Armer, alter Vati!« sagte sie, »er möchte am liebsten, daß die ganze Welt stillstünde und ihm säße, daß er sie malt.«

Die außerordentliche Wahrheit dieser Worte überraschte ihn. Einen Augenblick war er sichtlich betroffen. Er entfernte ihren Arm von seinem Hals und starrte sie an, als hätte er für einen Augenblick eine Kraft wahrgenommen, die noch stärker war, als der Trieb zu malen in ihm.

Die Kraft dieses Triebes hatte Laetitia längst erkannt und auch erkannt, daß er stärker war als ihre romantische Sehnsucht. Ohne Auflehnung, ohne Bitterkeit hatte sie sich darein gefügt. Was ihr an Romantik blieb, hatte sich Barbara zugewandt. Sie beobachtete die jungen Leute, die im Hause zu erscheinen begannen, die Barbara vom Tennisspielen zurückbegleiteten, die wie aus dem Nichts auftauchten, um sie zum Tanzen abzuholen. Sie beobachtete sie scharf und aufmerksam.

Bei ihrem eigenen Liebeserlebnis mit Roger hatte weltkluge Berechnung keine Rolle gespielt. Ihr Herz hatte plötzlich gesprochen, mit gebieterischer Stimme, und sie hatte gehorcht. Jede Rücksicht auf materielle Interessen war ausgeschaltet. Der junge Pfarrer von St. Mary Abbots mit seiner vielversprechenden Zukunft und der wohlhabende Fabrikant im Norden waren beide sogleich abgetan gewesen, und sie hatte ihnen mit keinem Gedanken nachgetrauert, von dem Augenblick an, in dem Roger ihr sein Bild gezeigt und mit dem ganzen Stolz auf seine Leistung gerufen hatte: »Wollen Sie mich jetzt heiraten?«

Sie litt auch nicht aus materiellen Gründen. Bei der tiefen Liebe, die sie für dies Kind des Mannes empfand, den sie geheiratet hatte, bedauerte sie nichts; aber irgend etwas in ihrem Unterbewußtsein hatte sie zu dem Beschluß geführt, daß ihre Barbara mit mehr Weltklugheit handeln sollte. Sie sollte es sich gründlicher überlegen, ehe sie heiratete, als Laetitia es getan hatte. Gewiß, auch sie sollte ihr romantisches Erlebnis haben, aber das Kind mußte wissen, daß es nur ein Wort, nur ein Traum war, ein Schleier, der über dem Leben lag, wenn man es aus der Entfernung sah, und den nur die Entfernung ihm gab. Wenn man näher kam, löste sich der Nebelschleier und war nicht mehr. Es verlor alle Farbe. Die graue Erde lag unter dem zartesten Nebelschleier.

Sie hatte es erfahren, und Barbara stand die gleiche Erfahrung bevor. In dem Kampf, den jeder Künstler führen muß, der es nicht zu populären Erfolgen bringt, hatte Roger ihr nicht die Annehmlichkeiten des Lebens schaffen können, die sie gehabt hätte, wenn sie den wohlhabenden Fabrikanten geheiratet hätte. So vollkommen treu sie ihrer Liebe blieb, dachte sie doch manchmal, wieviel leichter das Leben gewesen wäre, wenn sie hübschere Kleider hätte tragen können, wenn im Hause weniger zu tun gewesen wäre, und wenn Roger in bezug auf das Essen etwas menschlicher gewesen wäre. Mit den sittlichen Gründen, die er gegen das Töten der Tiere anführte, hatte er sie vollkommen zum Vegetarianertum bekehrt; aber es gab doch Gerichte und Speisen, die sie nicht ganz vergessen konnte.

Manchmal bei den Mahlzeiten, wenn ihre Augen sich auf irgendeinen Gegenstand auf dem Tisch hefteten, den sie gar nicht wirklich sah, und Roger fragte, woran sie dächte, dann war es ein feines Hammelrippchen oder ein Beefsteak mit Zwiebeln, das in ihren Gedanken aufgestiegen war, – sicherlich ein sehr gewöhnlicher Gedanke, der sie aber doch an ein Bedürfnis mahnte, das ebenso unbefriedigt geblieben war wie ihre romantische Sehnsucht. So wie Roger sich mehr und mehr in seine Arbeit vergrub, waren ihre Gedanken zu den materielleren Dingen des Lebens zurückgekehrt, und instinktiv beschloß sie, daß Barbara sie nicht vollkommen beiseiteschieben und aus den Augen verlieren sollte, wie sie es getan hatte.

Aus diesem Grunde hatte sie mit tiefer, innerer Befriedigung beobachtet, wie für Inglis der Augenblick näher und näher kam, in welchem die Debatte im Geist eines Mannes, ob er heiraten soll oder nicht, plötzlich in der Ratskammer seines Herzens überstimmt und entschieden wird.

Wilfrid Inglis war kein junger Mann. Ja, man konnte bezweifeln, ob er jemals wirklich jung gewesen war. Als er in Roger Campions Haus seinen ersten Besuch machte, war er siebenunddreißig Jahre alt und sah so gesetzt und solide aus, als ob er noch zehn Jahre älter sei. Wenn Sterrenden mehr Gelegenheiten zum Vergleich geboten hätte, so hätte Barbara seinen Aufmerksamkeiten vielleicht keinen weiteren Gedanken geschenkt. So aber nahm er unter den wenigen anderen jungen Leuten, die mit ihr Tennis spielten oder tanzten, in ihrem Geist eine Sonderstellung ein, weil sie instinktiv wußte, daß er ans Heiraten dachte.

Es stand für sie vermutlich in keiner Weise fest, daß sie ihn je heiraten würde. Sie wußte keineswegs, welche Antwort sie ihm geben würde, wenn er ihr einen Antrag machte, und dachte auch nicht darüber nach. Sie war achtzehn Jahre alt, und der Gedanke an die Ehe hatte etwas Endgültiges, das sie erschreckte. Nur ein Augenblick heftiger Erregung hätte, wie Laetitia seinerzeit, auch ihr das Jawort abringen können. Aber all das änderte nichts an der Tatsache, daß, während die anderen sich nur mit ihr unterhalten wollten, Wilfrid Inglis sie ernst nahm.

Mit dem scharfen Auge der Mutter erkannte Laetitia, daß sie sich dadurch geschmeichelt fühlte. So hatte sie sich einst durch die Aufmerksamkeiten des wohlhabenden Fabrikanten und des Pfarrers geschmeichelt gefühlt.

Wilfrid Inglis war ein Mann aus ganz guter Familie, der in der Nähe von Sterrenden ein Gut gepachtet hatte. Er hatte Geld genug, um von den Schwankungen des landwirtschaftlichen Ertrages unabhängig zu sein. Es war just die Ehe, die Laetitia mit ihrem schwindenden Gefühl für die Romantik des Lebens ihrer Barbara wünschen mußte.

Und nun hörte sie am Tage nach dem Gartenfest bei Frau Quilter mit jäher Ahnung von einem jungen Leutnant Jimmy Laidlaw, der auf Urlaub in der Heimat war. Wie sehr sie sich auch bemühte, das Interesse, das sie an diesem jungen Manne nahm, zu verbergen, so verriet Barbara sich doch in jedem Augenblick. Laetitia beobachtete sie beim Sprechen, lauschte auf ihre Stimme und vernahm den gleichen Ton, mit dem, wie sie jetzt wußte, sie selbst seinerzeit von Roger gesprochen hatte. Aber sie war viel zu klug, um dagegen zu sprechen.

»Junge Marineoffiziere haben immer viel Anziehendes«, sagte sie. »Sie haben so eine Art, mit jedem nett zu sein. Ich glaube, sie bleiben eben nicht lang genug an einem Ort, so daß man sie nie wirklich kennenlernt.«

Das war für den Anfang wohl genug. Sie säte einen Gedanken und hoffte, daß er keimen und sich entwickeln würde. Er keimte auch, aber ganz anders, als sie erwartet hatte. Barbara traf den Leutnant bei einer Tennispartie und traf ihn wieder bei einem Tanz. An unverkennbaren Zeichen nahm Laetitia wahr, daß, als Winfrid Inglis das nächste Mal ins Haus kam, er mit seinem Gespräch über die Ernte und den Stammbaum seiner Rinder Barbaras Aufmerksamkeit nicht mehr fesselte, und sie ärgerte sich über ihn.

Sie sah noch ein anderes Zeichen, eine Gewohnheit, die Barbara vielleicht instinktiv von Laetitia übernommen hatte. Sie begann in langem Schweigen bei Tische Brotkügelchen zu machen. Wie gut Laetitia sich erinnerte, das gleiche getan zu haben!

»Hast du Freundinnen, die mit Murmeln spielen?« fragte Roger eines Tages ärgerlich. Barbara hielt sogleich inne, als ob sie all ihre Gedanken verraten und preisgegeben hätte. Laetitia sah die Röte in ihre Wangen steigen; sie erriet, was für Gedanken es waren, sprach aber kein Wort. Sie fühlte, daß sie diesen jungen Mann unverzüglich kennenlernen mußte.

Die Gelegenheit kam schneller, als sie erwartete.

Es war der Firnistag in der Königlichen Akademie. Roger war nach London gefahren. Das war eine Reise, die er alljährlich einmal machte. Wenn er die Welt überhaupt noch sah und ihrer gedachte, so war es an dem Tag, an dem er in Silgate in den Frühzug stieg, um abends wieder zurückzukehren.

Es war um die Teestunde. Laetitia arbeitete im Garten. Sie trug einen alten Hut und ein altes Kleid, das aus Stoffen gemacht war, die Roger vorher zu Draperien im Atelier verwendet hatte. Den ganzen Vormittag war Barbara ruhelos gewesen. Laetitia hatte es beobachtet, der Sache jedoch keine besondere Bedeutung beigemessen. Aber als sie Barbara nach dem Mittagbrot in ihrem Zimmer beim Umkleiden fand und sah, daß sie an Stelle ihres Hauskleides jenes anlegte, das sie bei dem Gartenfest zum erstenmal getragen hatte, da kam ihr ein schneller Verdacht.

»Bleibst du heute nachmittag nicht bei mir zu Hause?« fragte sie mit kluger Zärtlichkeit.

»Ja, Mutti!«

Die Antwort war mit aufrichtigem Erstaunen gesprochen, das geschickt genug geheuchelt war, um jedes Ohr zu täuschen, ausgenommen das einer Mutter, die ihre eigenen Erinnerungen hat, ihr das Gehör zu schärfen. Barbara hatte sich mit vor Überraschung hochgezogenen Brauen umgesehen. Sie waren nur ein bißchen zu hoch gezogen, und auch die Überraschung im Ton war etwas zu stark gewesen.

»Willst du das neue Kleid schon jetzt im Hause tragen?« fragte sie.

»Das eine Mal wird es ihm nichts schaden, Mutti. Ich kann das alte nicht mehr ausstehen.« Sie ging quer durchs Zimmer und legte die Arme um Laetitias Hals. »Nur das eine Mal, Mutti«, flüsterte sie. »Ich hab' ja nicht so viel hübsche Sachen.«

Grund und Bitte waren zweifellos ausreichend, aber beide wußten sie genau, was die andere davon hielt. Barbara spielte die Überraschte und Laetitia die Ahnungslose. Ihren alten Hut auf dem Kopf und in ihrem alten Kleid kehrte Laetitia in den Garten zurück und flüsterte, was sie dachte, halblaut, während sie sich über die Lilien beugte, mit jener vollkommenen Aufrichtigkeit, mit der eine Frau zu sich selber spricht.

»Sie wird doch nicht so dumm sein«, flüsterte sie sich selber zu. »Sie hat einen ganz guten klaren Kopf, dieses Kind. Es ist nur eine augenblickliche Betörung, sonst nichts.« Und sie wendete sich zu einer Lilie, die sie an einen kleinen Pfahl band, und fragte sich, ob sie nicht auch leicht zu betören gewesen, als sie noch so jung war, wie Barbara. Von wie vielen Männern hatte sie sich nicht eingeredet, daß sie sich in sie verlieben könnte! Die Lilie schüttelte sich mit Laetitias Lachen. Mindestens in ein Dutzend. Dann hatten sie irgend was getan oder gesagt, und all ihr Zauber war weg gewesen.

»Man war eben verliebt,« flüsterte sie unter den Lilien, »so geht's jedem Mädel zum erstenmal.« Aber so ehrlich sie jetzt mit sich selber sprach, eins erwähnte sie nicht und wagte sie sich nicht zu gestehen, daß sie nur aus Liebe geheiratet hatte und sich vergeblich danach sehnte, jetzt, da Roger ganz in sein Werk versunken war.

Aber während sie sich in all diese unbestimmten Gedanken verlor, fühlte sie innerlich, daß an diesem Nachmittag etwas bevorstand. Unzweifelhaft kam der junge Laidlaw ins Haus. Sie war überzeugt davon, daß er kommen würde, und hatte bereits aus allem, was in ihr an Weltklugheit war, eine Mauer gegen ihn aufgerichtet.

Und weil sie das fühlte, sprach sie jetzt ganz laut, um sich vor sich selber zu rechtfertigen, als ob sie die Stimme ihres Gewissens übertäuben müßte: »Ich bin gewiß nicht materiell und weltlich gesinnt, das kann mir niemand vorwerfen. Ich habe Roger nur deshalb geheiratet, weil ich ihn liebhatte.«

Aber ihre Stimme verlor ihre Sicherheit. Sie fühlte, was sie geworden war, was die langsam nahende vollkommene Enttäuschung aus ihr gemacht hatte. Sie sprach nicht mehr laut mit sich selber, sondern band die Lilien mit fester Hand an ihre kleinen Holzstützen, als wollte sie das ganze Leben auf die gleiche Weise fest und in Bande legen.

Im Haus aber saß Barbara in ihrem besten Kleid im Empfangszimmer mit einem Buch, einer Tüte mit Schokoladebonbons und einem Nagelpolierer.

Mit achtzehn Jahren hat man noch nicht viel mit sich selber zu sprechen. Alles, was zu Streitigkeiten zwischen den eigenen Gedanken und Wünschen und dem Gewissen führt, steht noch vor einem.

Barbara saß und starrte auf das Buch, das offen in ihrem Schoße lag; die aufgeschlagene Seite war leer und unbedruckt. Sie fuhr mit der Hand in die Papiertüte und steckte ein Bonbon in den Mund, aber es schmeckte nicht anders als Brot. Das einzige, was noch irgendeinen Sinn hatte, war der Gebrauch des Polierers. Krampfhaft rieb sie ihre ohnehin schon glänzenden Nägel, und nur das schien noch Sinn und Zweck zu haben.

Als die Tür sich öffnete und Ellen, das Hausmädchen, Leutnant Laidlaw meldete, steckte sie ihr Manikürwerkzeug in die Tasche und sah auf, als ob sie gerade bei dem aufregendsten Kapitel des Buches gestört worden wäre.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.