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Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Erstes Kapitel

In Upper Beeches fand ein Gartenfest für irgendeinen wohltätigen Zweck zugunsten der Gemeinde Sterrenden statt. Frau Quilter hatte ihr Grundstück dafür zur Verfügung gestellt. Herr Quilter hatte den Gärtnern geholfen, die Wiesen zu mähen und die Hecken zu beschneiden. Zwei Tage lang hatte er nach dem Barometer gesehen, sooft er durch die Halle des Hauses kam. Wenn der Garten den vollen Eindruck machen sollte, mußte schönes Wetter sein. Und der Garten sollte herrlich aussehen und den nötigen Eindruck machen, da ganz Sterrenden, sowohl die Leute, die Frau Quilter kannte, als die, die sie nicht zu kennen wünschte, für einen Schilling am frühen Nachmittag, und von fünf Uhr ab nur für einen halben, durch den Nebeneingang für Lieferanten ihr Grundstück betreten und auf ihren Rasenplätzen frei lustwandeln konnten, als ob sie ihnen gehörten.

Frau Quilter fühlte sich von erhabener Menschenliebe durchdrungen, die nicht unbelohnt bleiben konnte. Herr Quilter zupfte an einer Blase, die sich bei der Gartenarbeit auf seiner Handfläche gebildet hatte.

Dank dieser Menschenliebe und ihrer verdienstvollen Wohltätigkeit mußten sehr viele Leute ihren Park sehen, die ihn sonst nicht betreten hätten; und für das Eintrittsgeld von einem und später von einem halben Schilling kamen wieder andere, die sie um ihre glattgemähten Wiesen, die sorgfältig geschnittenen Hecken und die wohlgepflegten, üppigen Blumenbeete beneiden würden.

Wie manche andere Leute liebte auch Frau Quilter nichts so sehr, wie beneidet zu werden. Und wie manche andere Leute liebte sie es, um ihres Reichtums willen beneidet zu werden. Sie hatte Geld, sie hatte ein schönes Haus und einen Mann, einen immer wohlgekleideten, nett aussehenden kleinen Mann, der jünger schien als er war, der, wenn er über die Gartenwege ging, es in Ergebenheit für seine Gattin tat, und dessen Aufmerksamkeit für sie im Hause wie außerhalb des Hauses einen wahren Ritus bildete.

Am Abend vor dem Fest war alles fertig. Das Zelt, in dem man Tee nehmen konnte, war unter der Zeder errichtet. Die Leinwand zum Kokosnußwerfen war im Paddock ausgespannt. Über dem Nebeneingang war das Wort »Eingang« in großen Buchstaben gemalt, und daneben stand auf einem besonderen Plakat »Automobile« mit einem mächtigen Pfeil, der deutlich sagte, daß unbeschränkter Raum für einen Wagenpark zur Verfügung stand.

Ehe es völlig dunkelte, hatten Herr und Frau Quilter noch einen letzten Rundgang unternommen. Kein abgefallenes welkes Blatt lag auf dem Grase; kein Unkraut war in einem Beet zu entdecken, die Eibenhecke war eine glatte Wand. Der Rosengarten stand in voller Blüte.

»Es werden manche erstaunt sein«, sagte sie. »Ein halber Schilling nach fünf Uhr ist beinahe zu billig.«

Herr Quilter, der geholfen hatte, die Leinwand zum Kokosnußwerfen und das Teezelt unter der Zeder aufzustellen, und noch manche andere Arbeit verrichtet hatte, bis er eine Blase auf der Hand bekommen, sagte: »Sie werden mehr ausgeben, wenn sie einmal drinnen sind.«

»Ich rede nur vom Park«, antwortete sie. »Daß sie den Park nur für einen halben Schilling sehen sollen. Die Leute halten nichts von dem, was sie billig haben können.«

Sie gingen über die Gartenwege, bis der Tau fiel, und malten sich aus, wie dieser und jener sich ärgern und sie beneiden würde. Als sie ins Haus getreten waren, füllte der honigsüße würzige Duft der Levkoien immer noch den leeren Garten, und die Lilien standen ungesehen in gespenstischem Weiß unter den Sternen.

Am nächsten Morgen fiel strömender Regen. In ihrem Nachthemd – das sie nicht in Sterrenden gekauft hatte und das sie heute trug, weil sie dabei empfinden konnte, wie die Leute von Sterrenden sie darum beneiden würden, wenn sie es nur hätten sehen können – stand Frau Quilter am Schlafzimmerfenster und sah hinaus und sagte Dinge über den lieben Gott, die zwar durchaus höflich, aber doch nicht ohne eine gewisse Schärfe waren.

Sie fragte ihren Mann, der noch im Bette lag und von seiner Mühe ausruhte, warum der Schöpfer, zu dessen Ruhm und Ehre sie doch ihre Wohltätigkeit ausübten, es gerade an diesem Tage regnen lassen mußte, so daß die Rosen leiden würden und man auf dem Tennisplatz nicht spielen konnte. Bei gutem Wetter hätte jeder Besucher anerkennen müssen, daß es keinen derartigen Tennisplatz in der ganzen Nachbarschaft gab. Irgendwie brachte sie den lieben Gott mit den wissenschaftlichen Entdeckungen der Neuzeit in Verbindung und fragte, warum das Barometer gelogen hatte, das zwei Tage lang gestiegen war? Der Ton ihrer Frage deutete an, daß das Barometer schließlich doch die Stimme Gottes war, und so warf sie dieser Stimme kühn vor, daß sie gelogen hatte.

Sie wollte wissen, welchen Sinn es hatte, daß man in dieser Welt sein Bestes tat, wenn der Herr der Heerscharen im letzten Augenblick durch einen völlig überflüssigen Platzregen alles über den Haufen warf. Da es doch ihrer Meinung nach ebenso leicht für ihn gewesen wäre, das Wetter schön bleiben zu lassen.

So stand sie am Fenster, sah hinaus und zitterte vor Ärger. Aber sie vergaß doch nicht, daß sie von einem sprach, der mächtiger war als sie, und dessen Wege, wie sie mit düsterer Ironie zugab, eben unerforschlich waren.

»Die Bauern brauchen Regen,« sagte Herr Quilter, »die Ernte vertrocknet, sagen die Leute.«

Männer waren doch nicht zum Aushalten!

Die Ernte, die doch überhaupt nur da war, damit die Leute daran Geld verdienen! Hier handelte es sich um Wohltätigkeit; sie verdienten gar nichts an dem Fest! Im Gegenteil. Vermutlich wurde eine Menge Schaden im Garten angerichtet, wenn die Leute über die Wiesen trampelten. Konnte Er – und wieder erhob sie heimliche Klage gegen ihren Schöpfer –, konnte Er denn nicht zwischen Wohltätigkeit und Geschäft unterscheiden? Diesen Ausführungen gegenüber zog Herr Quilter es vor, zu schweigen. Er hatte sich im Bett aufgesetzt, starrte nach den Fensterscheiben, an denen der Regen niederlief, und drückte das Wasser aus der Blase auf seiner Handfläche.

Um elf Uhr waren die Regenwolken verschwunden. Der Himmel strahlte in reinem Blau, und die Sonne schien hell genug, um selbst allen Ansprüchen, die Frau Quilter im Namen der Wohltätigkeit stellte, zu genügen. Die Rosen erhoben ihr Haupt, noch feucht von Regentropfen. Ein leichter Nebel aufsteigenden Dunstes lagerte über den Wiesen, der um die Mittagszeit schwand. Der Duft der Levkoien war schwer und süß. Frau Quilter, in einem Kleid, das gleichfalls nicht in Sterrenden gekauft war, hatte zuviel zu tun, um all das zu widerrufen, was sie über das Barometer und über vergebliche Bemühungen, sein Bestes zu tun, murrend geäußert hatte.

Zu dem ersten ihrer Bekannten, der kam, sagte sie: »Ich wußte, wir würden schönes Wetter haben. Es durfte doch gar nicht anders sein.«

So weit war Frau Quilter bereit, den lieben Gott zu entschuldigen.

Man konnte und sollte Tennis spielen, Kegel schieben, auf einem Teich nach schwimmenden Korken angeln. Es war alles mögliche vorbereitet, womit man den Leuten aus Sterrenden und den Nachbarorten Geld aus der Tasche ziehen konnte; und es war anzunehmen, daß die Leute, da sie im Garten von Upper Beeches zu Gast waren, gern zeigen würden, daß sie Geld ausgeben konnten. In einem mächtigen ausgehöhlten Eibenbaum saß Frau Lovejoy als Wahrsagerin. Der Eingang zur Höhlung war mit einem Vorhang verschlossen. Es war zu hoffen, daß die geheimnisvolle Ankündigung viele Leute hineinlocken würde, bevor man allgemein wußte, wer die Wahrsagerin war.

Denn dann konnte man, wie Frau Quilter sagte, »doch nicht mehr erwarten, daß irgend jemand einen Schilling ausgeben würde, wenn die Leute erst einmal erkannten, daß es Frau Lovejoy war«.

Man kann das bitterste und genaueste Urteil über seine Mitmenschen haben. Von fünf Uhr an, bis es dunkelte, saß Frau Lovejoy in einem spanischen Kostüm, das mit Zechinen behängt war, allein in der Höhlung des Eibenbaumes, wo ihr die Spinnen in ihre spanische Frisur fielen.

Dann aber wurde dank den unermüdlichen Anstrengungen ihres Mannes das Wahrsagen ein Erfolg. Nicht daß er über eine so bedeutende Macht der Persönlichkeit verfügt hätte, im Gegenteil, sein Gesicht sah aus wie ein engbedrucktes Zeitungsblatt mit zahllosen kleinen Paraffinspritzern; seine Nase war spitz, und das Gesicht schmal und wie zusammengedrückt. Aber nichts und niemand vermochte ihn zurückzuhalten oder abzuschütteln, wenn er einen Zweck erreichen wollte und sich den Menschen aufdrängte. So trat er auch auf Professor Lockart und seine Frau zu, mit der ruhigen Frechheit eines jungen schottischen Terriers, der in den Stall einer Bulldogge eindringt, und als der Professor ihn anknurrte, wie er jeden Menschen anknurrte, lächelte Herr Lovejoy nur gänzlich uneingeschüchtert und bot ihm eine Eintrittskarte zur Höhle der Wahrsagerin an. Und es gelang ihm, eine loszuwerden. Die Frau des Professors kaufte sie, zum Verdruß ihres Gatten, und legte ihre Hände, die so voll von Ringen waren wie die weißen Plüschkästen im Schaufenster eines Juweliers, auf den mit grünem Fries überzogenen Tisch vor Frau Lovejoy.

Es war in der Tat, als ob ein Juwelier den Inhalt seines Ladens auf dem grünen Fries vor ihr ausgebreitet hätte. Vergangenheit und Zukunft der Professorsgattin verschwanden in einem Nebel vor den Augen der Wahrsagerin. Frau Lovejoy war nur ein Weib und nur so weit eine Seherin, als sie das sehen konnte, was vor sie hingelegt wurde. Aber sie sah die Gegenwart sehr genau und nichts anderes, und was immer der Professor über Wahrsagerei im allgemeinen denken und sagen mochte, seine Frau wußte, daß das, was sie gehört hatte, einen Schilling wert war.

Das ganze Fest war ein außerordentlicher Erfolg. Wer ein Automobil besaß, kam im Automobil und brachte es mit Hilfe des Polizeiwächters von Sterrenden in dem Automobilpark unter, der sich, wie das Plakat am Tor anzeigte, auf dem einen halben Morgen großen Paddockgrund hinter dem Park befand. Ein Wagen war sogar ein Rolls-Royce, und der Chauffeur dieses Wagens redete nicht mit den anderen, sondern kaufte sich nach fünf Uhr selbst eine Eintrittskarte für einen halben Schilling und nahm seinen Tee im Garten.

Die Leute von Sterrenden, von Eltringham und Harrowden und aus der ganzen Nachbarschaft unterhielten sich ausgezeichnet. Es bedeutete für Frau Pitman, deren Gatte Grünzeughändler in Sterrenden war, die höchste Befriedigung, in demselben Garten mit Frau Professor Lockart spazierenzugehen, wobei noch zu bedenken war, daß die Professorin ihr bestes Kleid trug, leuchtendes Weiß mit einem breiten schwarzen Hut, wie aus einem alten Gemälde, und einen kurzen fußfreien Rock, der ihre wohlgeformten jugendlichen Knöchel sehen ließ, so daß man, wenn man sie von rückwärts sah, glauben konnte, sie wäre ein junges Mädchen von zwanzig Jahren. Da Frau Pitman stark war und Fesseln hatte, die sie lieber nicht zeigte, und da man ihr ihre Fünfzig ansah, fand sie dies keineswegs anständig. Aber auch das gehörte zu den Genüssen des Tages, so vieles unpassend und nicht anständig finden zu können. Sie erlebte an diesem Nachmittage mehr und lebte schneller, als in ihrem dumpfigen Obst- und Gemüseladen in Sterrenden.

Der einzige Mensch unter den vielen Leuten auf den Wiesenflächen von Upper Beeches, der all diese Wohltätigkeit durchschaute, war Herr Hinds, der Schneider von Sterrenden.

Man konnte ihn allerdings nur aus Höflichkeit einen Schneider nennen. Er besaß zwar einen Laden in Sterrenden, und der Ladentisch war blank gewetzt, aber meistenteils von Hosenböden, die er nicht gemacht hatte, die den Leuten gehörten, die täglich schwatzend darauf saßen, so wie man in Provinzstädten da und dort eine blankgewetzte Mauer sieht, weil täglich alle Müßiggänger der Stadt daran gelehnt stehen und die Zeit verplaudern.

Tom Hinds Laden war gewissermaßen der Dorfklub. Den ganzen Tag saß er vor einer rostigen Nähmaschine hinter dem Ladentisch und hörte dem Klatsch der Leute zu, die gelegentlich eintraten oder auch nur an der Ladentür stehenblieben. Die Zeit und ein Paar schlauer zwinkernder Äuglein hatten ihn zum Philosophen gemacht. Und viel verdankte er der Schule, in der er studiert hatte.

Die freie Natur bildet am meisten. Wälder und Felder lehren nicht nur beobachten, sondern sie geben auch Kenntnisse und Einsicht. Wo immer Tom Hinds auch die Schulbank gedrückt haben mochte, in den Wäldern des kentischen Hügellandes und in ihren Lichtungen hatte er seine Philosophie erworben. Noch in reiferen Jahren wußte er ganz genau, wo der Turmfalke sein Nest baute, vermochte er noch eine seltene Orchidee an einsamen Uferstellen zu finden, kannte die Stunde, zu der die Nachtigallen wiederkamen, wußte, wo man die vielbegehrte Feder aus den Schwingen der Waldschnepfe fand.

Jeden Sonntag während der Frühlingswochen kehrte er in die Lehrsäle seiner Alma Mater zurück und wanderte allein, nur von seinem kleinen Terrier begleitet, durch die Wälder. Und wenn er abends in seinen Laden in Sterrenden zurückkam, fühlte er seinen Sinn für den Humor des Lebens neu erfrischt, seine Beobachtungsgabe geschärft durch die Bilder und Töne, die er in der Natur gesehen und vernommen, dort, wo die Geschöpfe nur um ihre natürlichen Rechte kämpfen und wo alle Sänger nur Liebende sind, die nach einer Genossin suchen.

Es gelingt nicht vielen, sich dieses Wissen anzueignen und es unbefangen zur Beurteilung seiner Mitmenschen zu verwerten. Tom Hinds war es gelungen, ihm selbst unbewußt, und er war zu einem Beobachter geworden, der wie wenige das Spiel durchschaute, das in jeder Gemeinschaft gespielt wird, in der Menschen sich ansammeln und ihre Wohnstätte aufschlagen.

Und wie er Frau Quilter bei ihrem Wohltätigkeitsfest in Upper Beeches beobachtete und Fräulein Addison im Teezelt unter der Zeder indische Liebeslieder singen hörte, bevor der Tee serviert wurde, fühlte er sich außerordentlich erheitert, so daß seine Äuglein unaufhörlich leuchteten und zwinkerten und er hier und da hinter seinem Schnurrbart in ein kurzes stoßweises Lachen ausbrach.

Tom Hinds wenigstens fand den Schilling, den er beim Eintritt durch den Nebeneingang ausgelegt hatte, reichlich bezahlt. Noch eine Person fand dies gleichfalls: Barbara Campion.

Es war ein wirkliches Fest, vermutlich die einzige einigermaßen elegante Veranstaltung, die Sterrenden in diesem Jahre zu bieten vermochte. Es hatte für sie zunächst ein neues Kleid bedeutet; der Stoff war in Canterbury gekauft worden, ihr Vater hatte ihn vom künstlerischen Standpunkt gutgeheißen – er beurteilte alles nur danach, wie er es für seine Kunst verwerten konnte –, und so war es nach aufregenden Beratungen mit Hilfe der alten Nähmaschine in der Dachstube von ihrer Mutter genäht worden. Sie hatte immer wieder probieren, anziehen und ausziehen müssen; aller Stolz der Frau Lockart oder der Frau Quilters auf ihren Garten war nichts im Vergleich zur Freude, mit der Barbara den Weg nach Upper Beeches gegangen war und den Schilling, den ihr Vater ihr nur knausernd und ungern gegeben, am Nebeneingang bezahlt hatte.

»All diese Wohltätigkeitsfeste«, hatte er gesagt, »sind ja nur dazu da, um die Leute dazu zu zwingen, ihr sauer verdientes Geld auszugeben.« Und er gab ihr noch einen halben Schilling für den Tee, aber sonst keinen Pfennig.

Aber wenn man neunzehn Jahre alt ist, bedeutet Geld nur wenig. Wenn man neunzehn Jahre alt ist, braucht man einen Wunsch manchmal nur zu denken, und schon wird er einem erfüllt. Barbara wünschte sich, im Teich Korken fischen zu können, und Tom Hinds, der gegen Damen immer galant war, hatte bereits den halben Schilling für sie ausgelegt, bevor sie überhaupt Zeit gehabt hatte, zu bedauern, daß sie das Geld nicht hatte. Sie wünschte wahrsagen zu hören, und Herr Lovejoy schmuggelte sie umsonst in den hohlen Eibenbaum ein, als das Wahrsagegeschäft wieder schlecht ging und das Publikum angelockt werden sollte, damit Frau Lovejoy nicht ganz einsam in der feuchten dunklen Höhle sitzen mußte, in der sie seit fünf Uhr abends auf Kundschaft wartete. Den halben Schilling für Tee hatte Barbara; aber Frau Bamfield, die Frau des Dorfschulmeisters, winkte ihr aus der Umzäunung hinter dem Teezelt, und sie bekam ihren Tee und behielt ihren halben Schilling.

Was in dem Garten von Upper Beeches unverkäuflich war, das besaß sie ohnedies bereits. Einmal die freudige Befriedigung über ein neues Kleidchen, das noch niemand in Sterrenden gesehen hatte und das in seiner Art ein neues Erlebnis war. Jetzt konnte alles in der Wirklichkeit geschehen, was sonst nur in Träumen geschah oder in Augenblicken, wenn ihr Geist gleichsam ihrer bewußten Herrschaft sich zu entwinden und in den weiten Räumen ihrer Phantasie frei zu schweifen begann. Jetzt war der Augenblick für ein Erlebnis da.

Sie war denn auch kaum überrascht, als das Erlebnis wirklich kam. Selbst wenn sie sich dessen bewußt gewesen wäre, daß ihr Herz schneller schlug, daß das Blut ihr plötzlich warm in die Wangen stieg, während sie mit der Hand wiederholt besorgt nach ihrem Haar griff, das sie erst seit kurzem aufgesteckt trug, und daß sie fühlte, wie alle Leute nach ihr sahen, auch dann hätte sie sich leise sagen können: »Ich wußte es ja, ich wußte es schon die ganze Zeit.«

Sie hatte ihren Tee genommen, und der halbe Schilling war noch unberührt. Sie beabsichtigte jedoch durchaus nicht, ihn mit nach Hause zu bringen. Halbe Schillinge fand man im Campionschen Haus nicht auf dem Fußboden. Schlimmstenfalls konnte sie sich ein Los kaufen und, da sie ihrem Glück nicht recht traute, ihn auf diese Weise gleichmütig loswerden. Besser freilich schien es, etwas dafür zu kaufen, was sie ihrer Mutter mitbringen konnte. Aber sie hatte in der Galanteriewarenbude bereits nachgesehen und gefunden, daß dort für diesen Preis nichts zu haben war.

Da fiel ihr eine Aufschrift ins Auge, die den Weg zum Kokosnußwerfen im Paddock wies, und das Problem war gelöst. Sie war ein modernes Mädchen und hatte sich in der Schule ein kräftiges und bewegliches Handgelenk, einen in der Schulter gelenkigen Arm erworben. Es war ihr Stolz, daß sie werfen und gut werfen konnte. Sie betrat den Paddock, kaufte für einen Pfennig drei hölzerne Kugeln und warf sie mit der ganzen Kraft und Zielsicherheit eines Jungen, so daß sie hallend gegen die Leinwand schlugen. Ein paar Mädchen sammelten sich an und beobachteten sie mit offenem Munde; ihre Augen wichen nicht von ihr, solange sie die Kugeln warf: sie wollten sehen, was sie getroffen hatte. Auch Männer beobachteten sie, deren Augen dem Holzball über das Gras folgten und mit einem Lächeln der Bewunderung wieder zu ihr zurückkehrten.

All dies gehörte zu den Erlebnissen, die sie dem neuen Sommerkleid verdankte, aber der Höhepunkt kam, als ein junger Mann, den sie noch nie gesehen hatte, mit ihr um die Wette zu werfen begann. Jetzt galt es, wer die erste Kokosnuß herunterkriegen konnte. Je kräftiger der fremde junge Mann warf, mit desto leidenschaftlicherer Energie begann sie selber zu werfen.

Die Anschauungen von weiblichem Reiz sind nicht mehr die gleichen wie früher. Heute wird ein junger Mann nicht mehr von dem jungen Mädchen mit niedergeschlagenen Augen und einer Stickerei im Schoß angezogen. Diana hat wieder ihre Verehrer gefunden.

Für Jimmy Laidlaw, der in der Marine diente und sich auf Urlaub in der Heimat befand, war dieses junge Mädchen, das auf festen Beinen und mit ausgestrecktem Arm kräftig dastand, während ihr Haar von der Anstrengung ein wenig aus der Ordnung geriet, und deren Handgelenk die Holzbälle so kräftig und tönend gegen die Leinwand schlug, wie er selbst es konnte, einfach »großartig«.

Beide hatten schon mehrere Male eine Kokosnuß getroffen, aber noch keine war heruntergefallen. Wohltätigkeit hat kein Interesse daran, die Dinge herzugeben; sie sollen erworben und bezahlt werden. Barbara wurde ihren halben Schilling los, ohne jeden Erfolg, und als er aufgebraucht war, verließ sie zur schweren Enttäuschung des jungen Laidlaw sowie der kleinen Schar von Zuschauern, die sich angesammelt hatte, den Platz.

Die Zuschauer zerstreuten sich und dachten nicht weiter an die Sache. Aber für Barbara fing, als sie allein nach dem Park zurückschritt, das Abenteuer erst eigentlich an.

Sie wußte sehr genau, daß jemand ihr in respektvoller Entfernung folgte. Sie wußte, daß bei einer so ungewöhnlichen Gelegenheit, wie es ein Gartenfest zu wohltätigem Zweck war, alles mögliche sich ereignen konnte. Ohne einen direkten Blick auf ihn zu werfen, als sie gemeinsam die Kugeln nach den Kokosnüssen fliegen ließen, hatte sie doch einen jungen Mann gesehen, mit glattrasiertem Gesicht, um dessen Mund die meiste Zeit ein Lachen spielte, und in dessen grauen Augen – wenigstens hatte sie sie grau in Erinnerung – trotz aller Lustigkeit ein seltsamer Ausdruck von Ferne war, der ihm etwas Geheimnisvolles gab. Wilfrid Inglis hatte nichts von diesem Ausdruck. Trotz aller Aufmerksamkeiten, die er ihr erwies, hatte Barbara immer das Gefühl, daß seine Augen in seinem Gesicht wie welke Blätter auf dem Wasser eines flachen, dumpfigen Teiches lagen. Es waren gute braune Augen – aber es war nichts Geheimnisvolles darin. Mit der Zeit konnten sie höchstens noch stumpfer werden, und aller Voraussicht nach würden sie immer gleich ruhig und ausdruckslos bleiben und zuletzt sogar noch die Farbe verlieren. Und wenn sie auch zugab, daß sie Wilfrid Inglis gern hatte, so war sie sich doch darüber klar, daß braune Augen ihr nicht gefielen.

All diese ungreifbaren Werturteile und Unterscheidungen waren nur halbbewußt in ihrem Geist. Sie hatten sich in ihren Gedanken noch nicht zu klaren Worten geformt. Aber etwas im Ton ihrer Stimme, wenn sie mit ihm sprach, ein plötzliches Wegwenden, verriet sie; und manchmal wich sie ihm aus wie ein Füllen, das frei in einem weiten Feld umherspringt und weiß, daß in der Ferne irgend jemand über den Zaun klettert, eine Handvoll Futter in der einen Hand, während die andere eine Halfter hinter dem Rücken verborgen hält.

Und je näher er kam, desto unruhiger wurde sie. Den Kopf heftig aufwerfend, wich sie aus, warf wohl hier und da einen Blick hin, wendete aber zumeist die Augen von der geöffneten ausgestreckten Hand ab, die ihr so großmütig Futter bot und in ihr die Ahnung aufsteigen ließ, daß sie eines Tages doch eingefangen werden würde.

Hier aber war einer, der gleichsam außerhalb der Umzäunung stand, ein Fremder ohne Ansprüche, der draußen auf der Landstraße ging, die Hecke aller Anstandsregeln schützend zwischen ihm und ihr. Sie brauchte nichts zu fürchten. Frei und sicher konnte sie auf ihrem Felde spielen. Es war ein Erlebnis des neuen Kleides. Sie dachte nicht darüber nach, aber innerlich war sie ganz bereit, wenn die Gelegenheit es mit sich brachte, den Kopf über die schützende Hecke zu strecken und sich den Hals streicheln zu lassen.

Vielleicht ist die Gelegenheit immer bereit, diese unbewußten Forderungen des Lebens auszunützen und zu erfüllen.

Er hatte sie keinen Augenblick aus dem Auge verloren und in dem tiefgelegenen Rosengarten von Upper Beeches fand Jimmy Laidlaw sie allein.

»Diese Kokosnüsse waren ordentlich festgemacht«, sagte er.

Er hatte graue Augen.

Sie gab zu, daß das Ganze ein Schwindel war, und wiederholte, was sie ihren Vater darüber sagen gehört, daß die Wohltätigkeitsfeste nur dazu da wären, den Leuten das Geld aus der Tasche zu stehlen. Es dünkte ihn liebliche Weisheit. Er war in dem Alter, in dem eine gewisse Welterfahrung seine Bewunderung ebenso anzog, wie der bloße Zauber der Jugend. Nie hätte er es für möglich gehalten, beides vereint zu finden. Wenn sie auch manchmal ihren Reiz hatten, die gewöhnlichen jungen Mädchen, die mit ihm kokettierten, waren allzu hohlköpfig. Die Frauen aber, die eine so wohltuende Welterfahrung besaßen, sahen wieder zuzeiten unangenehm müde aus und brachten einen auf den Gedanken, daß sie heimlich krank sein müßten.

Hier aber hatte er plötzlich eine gefunden, die beide Eigenschaften zu besitzen schien. Sie machte keine Geschichten. Sie sah ihm beim Sprechen gerade ins Auge. Die schützende Hecke, die zwischen ihnen stand, sah er nicht; er fand sie frei und unbefangen, als er sich ihr näherte; sie lockte ihn nicht an, und sie wehrte ihn auch nicht ab.

So schritten sie zusammen über das Grundstück und genossen die ersten aufregenden Augenblicke des gegenseitigen Kennenlernens. Eine halbe Stunde später, als ihr Mund alle Weisheit ausgesprochen hatte, die sie von dem sprunghaften Egoismus ihres Vaters und der zärtlichen Aufopferung ihrer Mutter geborgt hatte, war er so heftig verliebt, wie ein junger Seemann auf Urlaub es nur immer sein kann.

Er wußte nun, daß sie nächste Woche zu einem Tennisspiel ging, und er fragte, ob sie Tennis so gut spielte, wie sie Holzbälle warf?

Er hatte vier Wochen Urlaub, während sein Schiff in Portsmouth im Trockendock lag. Sie konnten vielleicht in einem Tennisturnier zusammen spielen. Er fragte, ob sie nicht manchmal auf den Hügelkämmen spazierenging? Er war einmal den ganzen Kamm entlang bis ans Meer gegangen. Wie kam es, daß sie sich noch nie begegnet waren? Wie sonderbar, daß sie Roger Campions Tochter war!

»Warum sonderbar?« fragte sie.

»Ich hörte doch immer, daß er ein Künstler sei«, sagte Jimmy.

»Und warum sollte er kein Künstler sein?« sagte sie.

»Natürlich gibt's Künstler«, murmelte er verwirrt und verriet damit, wieviel er von Roger Campions Absonderlichkeiten gehört hatte.

Sie wußte wohl, was man von ihrem Vater sprach. Aber was wußten die Leute in diesem abgelegenen Winkel der Welt auch von Kunst und Künstlern? Dieser junge Mann offenbar ebensowenig wie die anderen. Es mochte ihm nichts bedeuten, daß es eine königliche Akademie gab, und daß Mitglied dieser königlichen Akademie zu sein – obwohl ihr Vater auf diese Auszeichnung nur schimpfte – eine Ehre war, die weit über das Verständnis solch eines Jünglings hinausging!

Der Ton, in dem er sprach, und was seine Worte andeuteten, machte sie ärgerlich; sie zog sich zurück. »Man muß etwas Hirn im Kopf haben, um ein Künstler zu sein«, sagte sie.

Er wußte, was Hirn im Kopf haben bedeutete, aber er hatte Intellektualität noch nie notwendig gefunden. Er fand Bildermalen weder interessant noch aufregend. So war noch keine Stunde vergangen, und sie hatten ihren ersten Streit. Sie fand, daß es Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, und seine Begleitung, die er anbot, lehnte sie ab.

Aber auf dem ganzen Weg hörte sie im Geist den Klang seiner Schritte neben sich, und manchmal wendete sie den Kopf um und glaubte seine grauen Augen zu sehen, als ob er neben ihr ginge.

Er aber hatte sich auf sein Motorrad geschwungen, und fuhr in einem Tempo nach Hause, als ob der Teufel hinter ihm her wäre, und ließ seine Hupe laut und heftig ertönen, sooft er irgend jemanden auf der Straße sah.

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