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Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Zwölftes Kapitel

Jimmy wußte wohl, daß es nicht anders sein konnte. Er wunderte sich nur, daß sie überhaupt hatte schlafen können. Wieder war er, wie schon einmal vorher, in den Hügeln umhergegangen, aber diesmal war er nicht nach Hause gekommen, ehe der Morgen anbrach. In seiner Seele war abwechselnd ein Jubelschrei gewesen und dann wieder bittere Selbstvorwürfe, und vor allem das überwältigende Bewußtsein, daß er verliebt war. Das sagte er ihr. Aber von der neuen plötzlichen Entdeckung, die er jetzt machte, vermochte er nicht zu sprechen. Er wußte ja kaum selbst, was mit ihm vorging. Die Liebe war nicht wieder vergangen. Der Mensch konnte doch nicht die Liebe entdecken, wie er sie am Abend zuvor in sich entdeckt hatte, und am nächsten Morgen die Erfahrung machen, daß sie wieder geschwunden war. Und doch war alles so anders, als er erwartet hatte.

Er war heute nach Sterrenden herübergekommen, so von seinen Gedanken erfüllt und hingenommen, daß er keine Müdigkeit, kein Bedürfnis nach Ruhe fühlte. Die schlaflose Nacht in den Hügeln lag leicht auf seinen Augen. Er fühlte eine größere Energie als je. Er kam, um ihr Lebewohl zu sagen. Jetzt, da er wußte, daß er sie liebte und es ausgesprochen hatte, durfte er sie nicht mehr wiedersehen. Die ganze Ekstase der Entsagung erfüllte ihn und rollte durch seine Adern. Er mochte sich wohl danach sehnen, ihre Hände noch einmal zu küssen, da er ihre Lippen zu küssen nicht wagte. Aber es sollte überhaupt nicht geküßt werden. Er wollte nicht einmal ihre Hand berühren. Er sah wohl voraus, daß sie sie ihm reichen würde; er aber wollte, mit einer Willensanstrengung, die ihr nicht entgehen konnte, sagen: »Ich wage es nicht!«

Eine Zeitlang, dachte er, würde er die Qual dieses Abschieds ertragen können, und wenn er es nicht länger tragen konnte, wollte er rasch gehen. Vielleicht ergriff er im letzten Augenblick noch ihre Hand – mit einer plötzlichen Bewegung, deren beide sich nicht bewußt sein würden, als bis er ihre Hand fest in der seinen hielt. Dann küßte er die Hand vielleicht – aber nicht ihren Mund. Ja, er küßte dann die Hand vielleicht mit einer Flut von Küssen, die beiden den Atem raubten, aber ehe sie Zeit hatte, ihm zuzurufen, er möchte innehalten, würde er schon fort sein. Und dann durfte sie ihn, er sie nie wiedersehen. Es sollte eine Erinnerung für sein ganzes Leben bleiben. Nie konnte er eine andere lieben. Dies war das große Erlebnis seines Herzens, und nie konnte sein Geist sich nochmals zu solcher Höhe erheben.

Aber es war das auch wert! Er erkannte nun, daß es durchaus nicht unanständig war, eine verheiratete Frau zu lieben, solange der Mann, der sie liebte, die Charakterstärke hatte, fortzugehen. Solch einer Liebe, wie die seine war, brauchte sich niemand zu schämen. Er brauchte sie nicht vor sich selbst und ihr zu verhehlen, er brauchte nichts dagegen einzuwenden. Es war eine Ehre, solch eine Frau zu lieben, wenn er diese Ehre nur dadurch unbefleckt erhielt, daß er fortging. Als er am Morgen die Straße nach Sterrenden entlang gegangen war, da hatte er gewußt, daß es so kommen würde. Der Glanz, der auf dem ganzen Erlebnis lag, mußte nur noch strahlender werden, wenn er ging. Er wußte, sie würde ihn nie vergessen. Daß er sie nicht vergessen konnte, war klar. Die süße Intimität der Liebe mußte nur noch süßer werden, weil sie sie nie gekannt hatten. Es war etwas, woran beide ihr ganzes Leben hindurch denken würden.

Aber als er sie jetzt in dem schiefen Hut vor sich sah, in dem alten Rock, der an ihr hing und gar nicht zu ihr zu gehören schien, da schien der ganze helle Glanz erloschen, und alles lag gedämpft in einem trüben Licht da. Seine Liebe war natürlich noch die gleiche. Die konnte nie anders werden. Aber er wußte jetzt, daß er ihr nicht die Hand küssen würde. Es war nicht mehr nötig, sich plötzlich umzuwenden und mit raschen Schritten das Zimmer zu verlassen. Es brauchte keine plötzliche scharfe Trennung zu sein, die beider Lippen einen leisen Schmerzensruf entrang. Es war, als hätten sie schon Abschied genommen; es war, als er sie jetzt in ihrem häßlichen, unordentlichen Gartenanzug vor sich sah, als wäre das Ganze schon vor Jahren geschehen. Ihm war zumute, als hätten sie in einer fernen Vergangenheit Abschied genommen, und er wäre nach so langer Zeit wiedergekommen, um sie noch immer zu lieben, und hätte eine Frau gefunden, die inzwischen alt geworden war, nicht, weil sie solange auf ihn gewartet hatte, sondern weil sie willig mit einem anderen Mann gelebt hatte.

Was sollte er nur sagen? Wie sollte er fortkommen? Warum war er überhaupt gekommen? Sie sah seine Qual. Es war in seinen Augen deutlich lesbar. Seine Lippen verrieten einen geradezu körperlichen Schmerz. Sie wußte, welche Mühe es ihn kostete, zu sagen: »Ich schwor gestern nacht, daß ich nicht mehr kommen und Sie nicht mehr wiedersehen würde.«

Wenn sie auch keine Gnade für ihn hatte, so empfand sie doch sehr viel Mitleid. Ohne Gnade gab sie ihrem Hut einen kleinen Ruck, daß er noch schiefer und unordentlicher auf ihrem Kopf saß; aber um ihm zu Hilfe zu kommen, sagte sie:

»Aber Sie mußten ja doch noch einmal kommen, Abschied zu nehmen!«

Woher wußte sie das nur? Und wie leicht war nun alles, da sie das gesagt hatte! Gab es je ein Weib in der Welt von so raschem Verständnis wie sie? Dankerfüllt trat er näher.

»Sie können das also verstehen – nicht wahr?« rief er. »Daß Sie alles verstehen, das ist das Wunderbare an Ihnen.«

»Gestern abend haben Sie nicht gerade das wunderbar gefunden«, mahnte sie ihn sanft.

Er schwor, daß es das gewesen war.

Sie schüttelte den Kopf, sanft, zärtlich, mütterlich, so daß ein Hutband herunterrutschte und ihr vor dem Gesicht baumelte.

»Nein! Gestern nacht fanden Sie mich schön – erinnern Sie sich nicht mehr? ›Wenn ich ein alter Mann sein werde,‹ sagten sie, ›werde ich noch daran denken, wie schön, wie reizend Sie waren.‹« Sie zog den Gürtel ihres Kleides höher und schüttelte ihren Rock, als ob er ein widerspenstiges Kind gewesen wäre.

»Ich habe es nicht vergessen«, sagte er; »und ich fühlte es auch. Ich werde es immer fühlen.« Aber in seiner Stimme war ein leichtes Beben. Er tat sein Bestes, um es zu verbergen; aber trotz aller Anstrengung klangen die Worte nicht völlig sicher, als er sie sprach. »Ich finde Sie reizend!« erklärte er. »Aber es kommt doch nicht bloß aufs Aussehen an, oder? Eines Tages werden Sie ja doch älter werden.«

Dafür hätte sie ihn am liebsten in die Arme genommen und ihm einen Kuß gegeben. Er kämpfte so tapfer. Nicht nur um seines eigenen Stolzes willen, sondern auch um ihretwillen – um den Traum, den er geträumt, das Gesicht, das er geschaut hatte.

»Ich werde schon jetzt älter«, sagte sie.

Es war viel leichter, ihr zu sagen, daß dies Unsinn war, viel leichter, ihrer Selbstherabsetzung entgegen zu treten, als sie selber zu preisen. »Sie sahen so ... so jung aus gestern abend«, sagte er nachdrücklich. »Und auch an dem Nachmittag, an dem ich Sie hier sah.«

Nicht einmal unter diesem Hut sah sie alt aus, wenn sie lächelte. Sie wünschte auch nicht etwa, alt auszusehen. Und sie sah ihn lächelnd an.

»Jede Frau sieht in einem neuen Kleid jünger aus«, sagte sie. »Das macht die Aufregung. Sie trafen mich gerade, als ich es zum erstenmal angezogen hatte.« Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht; sie stand gerade vor ihm. »Jetzt sehe ich nicht so aus, wie?« fragte sie.

Er rang mit seiner Enttäuschung. Es drückte ihm das Herz zusammen, das nur dumpf zu schlagen schien; Enttäuschung lastete auf seiner Seele, eine schwere Mutlosigkeit schien ihn ersticken zu wollen.

»Es ist ja aber auch früh am Morgen«, sagte er tapfer. »Man darf doch eine Frau nicht danach beurteilen, wie sie am frühen Morgen aussieht.«

Er versuchte zu lächeln, als er diese Worte sagte. Es sollte ein leichtes Scherzen sein, in dem das Kompliment, das er ihr damit machen wollte, sich hinter den Worten verbarg. Es war so tapfer, daß sie in impulsiver Dankbarkeit ihre Hand ausstreckte und ihn am Arm ergriff.

»Was für ein guter, großherziger Junge Sie sind!« rief sie. »Sie haben wirklich ein großes Herz. Ich kann fühlen, wie groß und ehrlich es ist.« In ihrer Stimme war ein zärtlicher Ton, und damit kam beinahe seine ganze Illusion wieder. Unter dem schiefen Hut, dem unordentlichen alten Kleid erschien beinahe wieder die Vision, die am Abend vorher das ganze Leben hätte dauern sollen. Er griff nach ihrer Hand, die seinen Arm hielt, und mit dem alten Ton in seiner Stimme schwor er, daß er sie eben darum liebte, weil sie alles fühlte und verstehen konnte.

»Sie spotten und lachen nicht,« sagte er, »wenn ein elender Kerl wie ich Ihnen sagt, daß er Sie anbetet.«

»Warum nennen Sie sich einen elenden Kerl?« fragte sie.

»Nun, was bin ich denn sonst? Wenn ich so zu einer verheirateten Frau spreche?«

»Muß sie dann nicht ebenso ein elendes Frauenzimmer sein, wenn sie zuhört?« fragte sie, »noch dazu, wenn sie ihren Mann liebt?«

»Ja, lieben Sie ihn denn?«

Er versuchte sein Erstaunen gar nicht zu verbergen, als sie ihm einfach und fest sagte, daß dem so war.

»Aber das hätte ich nie gedacht!«

»Warum nicht?«

»Es sah nicht so aus, als ob Sie einander gern hätten. Wenn ich nur daran denke, wie er gestern die Violine spielte, während Sie sangen. Ich würde nicht solch einen störenden Lärm machen, wenn Sie mir vorsingen würden.«

»Nein, mein lieber Junge, Sie würden das nicht, wenigstens jetzt nicht.« Ihre Stimme klang noch sanfter, als sie vorher geklungen. »Aber Sie haben mich auch nur einmal singen hören. Wissen Sie, ich kann eigentlich gar nicht singen. Es macht also wirklich nicht viel aus, wenn jemand dabei Lärm macht.«

Das wollte er nicht hören, das konnte er nicht zugeben.

»Sie haben eine entzückende Stimme!« erklärte er. Sie lächelte. »Ja, ich weiß, Sie glauben das. Und Sie halten mich auch für schön.« Sie zog den Hutrand, der ihr ins Gesicht fiel, auf die andere Seite. »Aber Sie haben mich auch nur dreimal gesehen, nicht wahr? Er sieht mich nun seit beinahe zwanzig Jahren jeden Tag. Vor beinahe zwanzig Jahren sah ich für ihn so aus, wie Sie mich gestern abend sahen. Er sagte es mir. Er malte damals mein Porträt, so, wie er mich sah. Ich werde es Ihnen einmal zeigen, wenn Sie Lust haben sollten, je wiederzukommen, um uns alle wiederzusehen. Er hat nie etwas Schöneres gemacht als dieses Porträt. Und wissen Sie, daß er jetzt wieder mein Porträt in dem gelben Kleid malt? Es wird nicht schöner werden als das andere, aber es wird alles drin sein, was Sie gestern an mir gesehen haben.«

Er stand regungslos da und starrte sie an, und alles, was er sagen konnte, war: »Ich wußte nicht ... ich wußte nicht, daß Sie ihn lieben!«

»Ich liebe ihn«, sagte sie.

»Ja, warum haben Sie mich dann gestern abend nicht aus dem Haus gewiesen? Warum haben Sie mich heute überhaupt vorgelassen?«

»Aber Liebe ist doch keine Sache, deren man sich zu schämen braucht – oder etwa?« fragte sie.

Er entfernte sich von ihr und schritt zum Fenster, sah in den Garten hinaus, sah dort nichts, sondern fragte sich nur, woher es kam, daß ein Mann sich so unbedeutend vorkommt, wenn die Frau, die er liebt, einen anderen liebt.

»Wollte Gott, Sie hätten mir nie gestattet, es Ihnen zu sagen!« rief er aus. Dann kam er wieder zurück, sah ihr ins Gesicht und sagte: »Nein, ich möchte das doch nicht! Ich bin froh, daß ich es gesagt habe. Wie konnte ich auch je erwarten, daß Ihnen an einem Menschen, wie ich es bin, etwas gelegen sein könnte? Ich habe es ja auch nie wirklich gehofft. Alles, was ich verlange, ist, Sie zu lieben – und das kann ich mein ganzes Leben lang tun. Ich werde nie heiraten! Ich werde diese Erinnerung nie verderben!«

Je mehr er sich so als Junge erwies und mit Idealen rang, die er nicht bewältigen konnte, mit Idealen, die so gewaltig waren, daß, so oft er sie mit einem Schlachtschrei in die Höhe hob, sie mit ihrem ganzen Gewicht auf ihn fielen und ihn verletzten, um so mehr dachte sie an Barbara.

Sie wußte, daß am Abend vorher etwas geschehen war. Daß es zwischen ihr und Wilfrid zu einer Entscheidung gekommen war. Barbara hatte Laetitia nichts davon gesagt. Aber es war leicht zu erkennen. Wilfrid hatte beim Fortgehen sich verabschiedet, ungefähr wie ein Mann, der zum Schafott geführt wird. Er trug sein Unglück wie ein Sträflingskleid. Er schien völlig beschämt. Er trug seine Niederlage nicht männlich, wie dieser Junge die seine. Er kämpfte nicht. Welche Waffen des Glaubens er in sich gehabt haben mochte, er hatte sie aufgegeben. Entweder waren sie zu schwer und er vermochte sie nicht zu schwingen, oder sie waren zu schwach und waren beim ersten Hieb in seinen Händen zerbrochen.

Diesen Jungen, der so tapfer für seine Ideale kämpfte und einen so unbezwinglichen Mut in einer Lage zeigte, in der manch ein Mann sich schon längst schmachvoll zurückgezogen hätte, ihn wünschte sie mehr als je für Barbara. Wenn er auch ihre Liebe nicht errungen hatte, so war es doch ein Gefühl, das der Liebe nahe genug verwandt war, so daß sie mit ganzem Herzen wünschte, ihn für Barbara zu halten.

Die Köchin hatte ganz recht gehabt, als sie sagte, daß Laetitia wußte, was sie tat. Sie wußte auch jetzt, was sie tat, als sie ihn fragte, ob er denn glaubte, daß sie miteinander glücklich geworden wären, wenn sie geheiratet hätten.

»Glücklich! O Gott!« sagte er; aber er mußte sich abwenden und vermochte nicht, sie anzusehen – mit dem Band, das ihr übers Gesicht gefallen war und dem unordentlichen Kleid, das nur so an ihr hing.

»Wie alt sind Sie jetzt?« fragte sie.

»Zweiundzwanzig.«

Er sprach es so aus, daß es klingen sollte wie vierundvierzig.

»Wie wunderbar!« sagte sie.

Jetzt wendete er sich wieder um und sah ihr ins Gesicht. Er fühlte jeden neuen Ton in ihrer Stimme.

»Sie glauben, ich bin nicht alt genug, um zu wissen, was Liebe ist!« antwortete er bitter.

»O nein, das glaube ich nicht!« erwiderte sie. »Zweiundzwanzig! Wann soll ein Mensch denn wissen, was Liebe ist, wenn er es da nicht weiß! Aber wissen Sie, wie alt ich sein werde, wenn Sie zweiunddreißig sind?«

»Nein.«

»Beinahe fünfzig.« Sie sagte es so, daß die fünfzig Jahre wohl in ihrer Stimme waren, es ihm aber noch immer möglich blieb, sie sich neunundvierzigjährig vorzustellen. »Kommen Sie einmal her und sehen Sie mich an«, fuhr sie fort. Er konnte es nicht weigern. Sie schob den Hut zurück, so daß er noch schiefer auf ihrem Kopf saß als zuvor, und sie stand im vollen Tageslicht, so daß er sie ganz genau sehen konnte. »Jetzt sehe ich nicht so aus, als ob ich schon fünfzig wäre, oder doch?« fragte sie.

Jetzt mußte er sich wieder sehr beherrschen, damit seine Stimme fest klang, als er erklärte, sie sehe nicht so aus. Sie hätte lachen mögen. Sie hätte ihm aber ebenso gerne die Arme um den Hals gelegt.

»Aber ich werde so aussehen, wenn Sie zweiunddreißig sind«, sagte sie.

Mit der ganzen Bitterkeit, die schon so mancher vor ihm gefühlt hat, rief er – und es klang wie ein Schrei: »Oh, ich wollte, wir hätten uns vor Jahren getroffen!«

»O ja«, sagte sie rasch, denn sie sah plötzlich ein Licht. »Aber wenn Sie zweiunddreißig wären, Jimmy, dann würden Sie die Jugend an mir schmerzlich vermissen, und Sie würden so eifersüchtig sein auf all die Jahre, in denen Sie mich nicht gekannt haben. All dieses Verstehenkönnen, um das Sie mich lieben – denn Sie lieben mich doch nicht nur, weil ich hübsch bin, es kommt nicht nur auf das Aussehen an – oder?«

Und da in jedem Weibe eine Schauspielerin steckt, stellte sie sich in all dem alten Zeug, das sie am Leibe trug, bewußt so, daß er sie deutlich sehen mußte.

»Oder doch?« wiederholte sie. »Ist es nur mein Aussehen, das Ihnen so gefällt?«

Mit der letzten schwindenden Kraft der Überzeugung schwor er, daß es nicht nur das war.

»Nun gut – dieses Verstehenkönnen, das Sie an mir lieben, wissen Sie, was es bedeutet?«

»Was?«

»Es bedeutet nichts anderes, als daß die wunderbare Jugend, die niemand je wiederbekommen kann, wenn sie einmal dahin ist, sich langsam von mir fortgeschlichen hat, um die Erfahrung einzulassen. Sie lieben mich jetzt, mein lieber Junge.« Es war noch zu früh, ihn das vergessen zu lassen. »Sie lieben mich jetzt, aber Sie würden mich so viel mehr geliebt haben, als ich noch jung war!«

»Nein, das würde ich nicht!« erklärte er. »Ich könnte Sie gar nicht mehr lieben!«

»Glauben Sie mir, Sie würden es«, sagte sie sanft. »Jetzt scheuen Sie sich nicht, es mir zu sagen. Damals hätten Sie es nicht gewagt. Obschon ich eine verheiratete Frau bin, wagen Sie es mir heute kühl ins Gesicht zu sagen, daß Sie mich lieben. Aber als ich noch jung und frei war, da wären Sie voll Zweifel gewesen, voll Angst – aber welch eine wundervolle Angst! Es ist die Angst, die ein Forscher fühlt, wenn er eine neue Welt entdeckt und alle Wälder jungfräuliche Wälder für ihn sind und alle Flüsse rauschende Pfade ins unbekannte.«

Sie wußte gar nicht, daß sie so poetisch zu reden vermochte. Er aber hatte nie im Leben jemand so sprechen gehört. Er stand staunend da und lauschte, und jedes Wort, das sie sprach, war wie ein Zauber und übte irgendeine geheime Wirkung, die zu begreifen ihm keine Zeit blieb.

»All dies erfüllt ihn mit Furcht, nicht wahr?« fuhr sie fort. »Mit großer Furcht – aber es ist eine Furcht, die ihn anzieht. Nicht um die Welt vermöchte er umzukehren. Wenn Sie mich damals gekannt hätten, dann würde ein unfreundlicher Ausdruck in meinem Gesicht Ihnen den Tag verfinstert haben, ein Lächeln in meinen Augen wäre wie Sonnenaufgang gewesen. Damals würden Sie nicht gewagt haben, mir zu sagen, daß Sie mich lieben, aus Angst, Sie könnten mich derart erschrecken, daß ich davonliefe. Heute bin ich zu alt, um zu erschrecken. Darum sind Sie so weit gegangen. Damals hätten Sie sich näher und näher an mich heranschleichen müssen, wie ein Jäger, der sich an ein scheues Wild heranpirscht. Dann an irgendeinem Abend draußen im Garten« – sie dachte an Wilfrid – »oder eines frühen Morgens in den Hügeln« – nun dachte sie an ihn und sein nächtliches Umherstreichen – »würden Sie es der Luft zugeflüstert haben, und der Wind hätte es bis zu mir getragen. Ich hätte nie aufgesehen beim Hören, und Sie hätten nie mehr nach Verständnis gefragt!«

Die heftige innere Bewegung gab ihr solche Worte ein. Sie kämpfte für Barbara, deren Stimme sie eben im Garten vernahm. Sie kämpfte aber auch für die Romantik, um die alle Frauen kämpfen, die Romantik, die der Talisman der Natur ist, der sie dienen.

Bezaubert von dem Bilde, das sie in seinem Herzen heraufbeschworen hatte, verbarg er sein Gesicht in den Händen. »O mein Gott!« stöhnte er, »warum habe ich Sie nicht damals gekannt?!«

»Wollen Sie mich sehen, wie ich war, als ich noch jung war?«

»Das Bild?« rief er eifersüchtig, »das Bild, das Ihr Gatte von Ihnen gemalt hat. Kein Bild kann mir das alles zeigen, was Sie jetzt gesagt haben!«

»Besser als ein Bild«, antwortete sie.

»Was soll besser sein?«

»Gehen Sie dort zur Gartentür!« sagte sie.

»Wozu?«

»Gehen Sie – rasch!« sagte sie, und völlig verwirrt und erstaunt tat er, wie sie geheißen, und sah hinaus.

Die Sonne stand beinahe in Mittagshöhe. Roger würde von der Strahlung befriedigt gewesen sein. Eine Flut von Licht lag auf dem Rasenbeet. Die farbigen Blumen überall blendeten das Auge. Die weißen Blüten der Madonnenlilien hoben sich scharf vom Blau des Himmels ab. Die Ritterspornstauden mit ihren blauen Spitzen standen wie ein Heer mit starrenden Spießen.

Und inmitten dieser Blumenorgie sah er Barbara, die, das Gesicht im violetten Schatten eines weißen Sommerhutes, mit den bis zum Ellenbogen bloßen Armen die tägliche Blumenspende pflückte, die der Garten dem Hause bot.

Eine lange Stille folgte. Laetitia sprach kein Wort. Solange er in die gleiche Richtung blickte, solange sie fühlte, daß er die Augen nicht abwenden konnte, ließ sie ihn sich an Barbara sattsehen. Als er im Begriff schien, sich wieder ihr zuzuwenden, redete sie. Und unwillkürlich paßte sich der Ton ihrer Stimme der Distanz an, die sie mählich zwischen sich und ihn gelegt hatte.

»Das bin ich,« sagte sie, »das war ich, noch bevor selbst Roger mich kannte – als ich gerade neunzehn Jahre alt war. Ich bin jetzt neununddreißig, aber genau so sah ich vor zwanzig Jahren aus« – vielleicht bildete er sich nur ein, daß ein Lachen in ihren Augen war, als sie hinzufügte: »Sie waren damals zwei Jahre alt!«

Er hatte es sich vielleicht nur eingebildet. Aber es war doch, als ob sie seine Jugend in die Hand genommen und sie lustig vor seinen Augen wie einen Federball in die Lüfte geworfen hätte.

»Ja, Sie halten mich jetzt für einen dummen Jungen und für einen Narren obendrein!« rief er bitter.

»Ich glaube, ich habe noch niemand so gerne gehabt wie Sie.«

»Gerne gehabt?!«

Das Wort traf ihn mitten ins Herz. Er war tief verletzt.

»Ich würde ein anderes Wort gebraucht haben,« sagte sie, »wenn ich neunzehn Jahre alt wäre.«

Sie streckte ihm die Hand hin. Sie brauchte ihn nicht mehr zu fürchten. Er war besiegt, abgeworfen von dem hohen Roß, auf dem er so stolz in die Schranken geritten war. Er lag völlig im Staube. Und dennoch verlor er den Mut nicht.

»Und trotz allem,« sagte er, »liebe ich Sie! Ich liebe Sie!« Und er ergriff ihre Hand und bedeckte sie wieder mit Küssen.

Ein leichter Schritt kam über das Gras. Eine Karte in der einen Hand und ein Buch in der anderen, stand Roger an der Gartentüre, noch ehe sie ihn gesehen hatten.

Bis zum Abend vorher war Roger überhaupt niemals der Gedanke gekommen, was er tun würde, wenn ein anderer Mann seiner Frau Liebeserklärungen machte. Der Gedanke war ihm nie gekommen, weil die Wahrscheinlichkeit, daß das je geschehen könnte, ihm so völlig fern gelegen hatte. Und da er erst so kurz zuvor zum erstenmal an diese Möglichkeit gedacht hatte, so war er sich noch nicht darüber klar geworden, was er in dem Falle tun würde. Er fühlte, daß es eine Sache war, die reifliches Nachdenken erforderte, und zu reiflichem Nachdenken hatte er noch nicht Zeit und Gelegenheit gehabt.

Er hatte Jimmys leidenschaftliche Erklärung nicht gehört, sonst würden ihm keine Zweifel darüber geblieben sein, was das, was er sah, zu bedeuten hatte. Auch so blieben nicht viel Zweifel. In der verworrenen Erregung, die in seiner Seele brauste, war nur ein klarer Gedanke. Ein Mann küßte einer Frau nicht um halb elf Uhr vormittags die Hand, wenn er nicht ein Franzose war oder so kläglich verliebt, daß ihm nichts mehr daran gelegen war, für einen Franzosen gehalten zu werden.

Einer Frau die Hand zu küssen, besonders wenn jemand anders es tat, und überdies die seiner Frau, schien Roger derart sentimental und weibisch, daß er kaum wußte, was er dazu sagen sollte. Er hatte bisher gedacht, daß die jungen Leute, die in Seiner Majestät Marine dienten, vor allem aufrecht, trotzig und männlich waren. Jetzt sah er, daß die Mannschaften sämtlicher Schiffe, die unter britischer Flagge fuhren, lauter armselige Frauenzimmer waren, die den Hornpfeifer vermutlich nur deshalb tanzten, weil sie keine andere Unterhaltung kannten. Über Seeoffiziere im besonderen dachte er noch manches andere, was er zum Glück in zusammenhängenden Worten nicht äußern konnte. Es kam kaum je vor, daß Roger ein Buch las. Sein Wortschatz war daher gering und auf das zum täglichen Gebrauch Notwendige beschränkt.

Das ist nichts Ungewöhnliches. Es gibt eine Menge Leute, die sich in ihrer eigenen Sprache gerade noch bei Tische verständlich machen können, deren Gespräche an die erinnern, die man in einem französischen Übungsbuch für die erste Unterrichtsstufe findet, und die sich doch ohne Dolmetscher im Leben zurechtfinden und auch ganz zufrieden dabei sind.

Roger konnte beredt werden, wenn es sich um den Dünndarm handelte. Er konnte auch geradezu wissenschaftlich und mit einem beträchtlichen Wortreichtum über chemische Strahlung reden. Aber er fand diese spezifischen Kenntnisse in seiner Muttersprache, die sich auf diese beiden besonderen Gebiete beschränkten, nicht verwendbar, wenn es sich darum handelte, mit einem jungen Mann zu sprechen, der allem Anschein nach seiner Frau eine Liebeserklärung gemacht hatte. Bestimmt wußte er es ja nicht.

Als er an der Gartentür erschien und in der einen Hand die auseinandergefaltete Karte hielt, die im Zugwind flatterte, in der anderen ein Buch, ließ Jimmy Laetitias Hand langsam los und stand da, etwa wie er dagestanden hätte, wenn ein Admiral auf dem Deck seines Schiffes an ihm vorübergeschritten wäre.

Einen Augenblick lang fürchtete Laetitia, die Rogers Heftigkeit kannte, das Schlimmste. Und wenn Roger imstande gewesen wäre, zwei Sachen auf einmal zu bedenken und das, was vor ihm lag, klar zu erfassen, dann hätte Gott weiß was geschehen können. Aber gerade das klare Erfassen dessen, was vor ihm geschah, war nicht seine starke Seite. Seine Gedanken verloren sich von Natur in die entferntesten Vorstellungen. Es war ihm viel leichter und natürlicher, Dinge in Gedanken logisch zu entwickeln, die sich nie ereigneten, Taten, die er nie ausführte, als das, was unmittelbar vor ihm lag, zu übersehen und die klaren Konsequenzen zu ziehen.

Den ganzen Morgen hatte er allein im Atelier Karten und die Literatur über die Südseeinseln studiert. Von dem Augenblick, in dem Jimmy die Inseln am Abend zuvor beim Essen erwähnt hatte, war er den Gedanken nicht losgeworden. Und was er an diesem Morgen gelesen hatte, hatte ihn so entflammt, wie ein Zündholz eine Rakete losgehen läßt. Seine Phantasie war erregt, er ging in den Wolken und sah überall Farben und Funken.

Der Pfarrer, der poetische Neigungen hatte, hatte ihm die Gedichte Rupert Brookes geliehen und den Bericht von Eddie Marsh. Und mit flammenden Augen hatte Roger darin gelesen: »Es ist alles wahr, was über die Südsee berichtet wurde! Ich werde ihrer ja manchmal müde, weil ich schon zu alt für solche Romantik bin. Aber es ist alles wirklich so, das Wunder wird Ereignis: ein ideales Leben, wenig Arbeit, Essen, Tanzen und Singen, nackte Menschen von unglaublicher Schönheit, vollkommenem Benehmen und unerhörter Güte, ein göttliches tropisches Klima und eine Landschaft von berauschender Schönheit: der Himmel auf Erden!«

Dies alles las Roger, gierig wie ein Schuljunge, der unerwartet zum Konditor geführt wird. Seine Augen tanzten wie ein Federball über die Seiten; er konnte sich nicht von dem Buch trennen, bald las er weiter, bald blätterte er wieder zurück und las von neuem. Noch nie im Leben hatte er etwas gelesen, was ihn so vollkommen erfüllte und anzog.

Er hatte bereits am Abend vorher den Verkauf des Hauses und seiner Einrichtung überdacht. Es war nicht anzunehmen, daß man in Samoa die gewöhnlichen englischen Möbel brauchte; und wenn man sie brauchte, waren sie zweifellos dort zu haben. Er hatte auch bereits die ganze Garteneinrichtung verkauft und beim Einschlafen sich lange mit Herrn Wrench gekabbelt, der, wie er wußte, die Gartenwalze gerne gekauft hätte. Nach langem und hartnäckigem Hinundherhandeln, wobei Herr Wrench nochmals auf die Vorschläge angespielt hatte, die Roger seiner Tochter gemacht, hatte er die Walze schließlich für siebenundzwanzig Schillinge hergegeben. Er hatte sie bei einer Versteigerung für fünfundzwanzig erworben.

Ehe der Morgen anbrach, hatte Roger alles verkauft, was sie besaßen, und konnte über eine beträchtliche Geldsumme verfügen. Der Betrag war groß genug, um nicht nur die Reise nach der Südsee zu bezahlen, sondern sich auch in diesem Utopien so lange zu erhalten, bis er seine ersten Bilder nach England schaffen und dort bei seinem Kunsthändler am Haymarket eine Ausstellung veranstalten konnte. Er verkaufte genug, um zu einem für Samoa fabelhaften Reichtum zu gelangen. Er wußte, daß Geld dort keine Rolle spielte, daß das Leben das denkbar einfachste war.

Seine Bilder hatten bei der Kritik in London natürlich einen Sturm erregt. Die Akademie hatte sie zurückgewiesen. Das war ihm eine besonders angenehme Vorstellung. Darauf würden selbst die jungen Leute mit den neuen Ideen eifersüchtig sein. Es war für einen Künstler unter gewissen Umständen eine Ehre, wenn er von der Akademie zurückgewiesen wurde, es bewies, daß seine Arbeiten frei von jeder hemmenden Konventionalität waren, die die Phantasie in Fesseln schlug. So waren die Bilder, die er in Samoa malte. Natürlich fragte er auch jetzt, da er das Mädel aus dem nächsten Dorf malte, den Henker danach, was eine Person wie Fräulein Limpnett dazu sagte. Aber jedenfalls gab es hier ein Fräulein Limpnett! Sie gehörte zu den konventionellen Schranken in diesem sozialen Babel, das man die europäische Zivilisation nannte. Er mußte bei seiner Arbeit doch manchmal an sie denken. In Samoa gab es keine Fräulein Limpnetts!

Er hatte alles überlegt. Es war ganz einfach. Sobald er mit dem Porträt und dem anderen Bilde fertig war, konnten sie abreisen. Es gab eigentlich nur noch eine Frage, über die er sich nicht schlüssig werden konnte, und über die auch der Atlas, den er sich vom Schullehrer ausgeliehen hatte, ihm keinen Aufschluß gab. Unzählige Male hatte er es mit Papierstreifen auf der Karte auszumessen gesucht, und hatte doch nicht entscheiden können, ob es besser war, über Auckland in Neuseeland oder über San Francisco zu fahren.

Das war die Frage, die ihn im Augenblick völlig beschäftigte. Damit war er in den Salon getreten und sah dort Jimmy, der Laetitias Hand mit Küssen bedeckte. Und sein erster Gedanke war der gewesen, wie sentimental und verweichlicht die ganze englische Marine sein mußte! Seit dem Abend vorher war er von einem einzigen Gedanken erfüllt, dem er hartnäckig nachgegangen war; darin plötzlich gestört und unterbrochen, war es ihm, als stürze die Welt um ihn zusammen. Zum Glück tauchten die Worte San Francisco und Auckland aus dem Chaos auf und retteten ihn, und die Welt schien wieder in Ordnung. Zunächst mußte er über diese Frage Klarheit erhalten.

Er warf die Karte ausgebreitet aufs Sofa und sagte: »Sie sind in Samoa gewesen; welche Reise wäre für uns die beste, über Auckland oder über San Francisco?«

Und das war der Mann, den sie liebte! Er konnte einen anderen Mann seiner Frau die Hand küssen sehen und nach einer Sache fragen, die ihm vor zwölf Stunden zum erstenmal eingefallen war!

Er beherrschte sich, zwang sich, mit möglichst ruhiger Stimme zu sprechen, erklärte, was seiner Meinung nach die schnellste und billigste Route wäre.

Seine Auskunft machte auf Roger einen starken Eindruck. Wenn sie auch weichlich und sentimental waren, so kannten diese Leute von der Marine doch immerhin die Wege, die übers Weltmeer führten.

Sobald er allen Rat gegeben hatte, den er wußte, wendete Jimmy sich wieder zu Laetitia.

»Donnerstag ist mein Urlaub zu Ende«, sagte er. »Darf ich morgen noch einmal kommen und Sie aufsuchen, bevor ich abreise?«

»Natürlich dürfen Sie«, antwortete sie. »Ich bin gewöhnlich hier oder« – und er hörte, wie der Ton ihrer Stimme sich veränderte, » draußen im Garten. Irgendwo werden Sie mich schon finden, wenn Sie nach mir suchen.«

Sie wechselten einen Blick des Einverständnisses. Roger stand über die Karte gebeugt und maß die Entfernung von Southampton bis Auckland mit dem Daumennagel.

Und mit einem plötzlichen Aufleuchten antwortete Jimmy: »Ich will lieber gleich jetzt nach Ihnen suchen«, und er wendete sich rasch um, verließ das Zimmer und schritt in den Garten hinaus.

Roger sah von der Karte auf.

»Ist er fort?« fragte er.

Sie nickte.

»Ich bringe das mit dem Daumen nicht fertig«, sagte er gereizt, als ob sie ihn darum gebeten, und etwas Unmögliches von ihm verlangt hätte. »Bis zu meinem ersten Daumengelenk sind's fünfzig Meilen, aber das würde nur fünfhundert bis Port Said geben. Es muß mehr sein.«

Er unterbrach sich plötzlich. Es fiel ihm jetzt auf, daß sie ihren alten Gartenanzug, ihren alten schiefen Gartenhut trug.

»Warum in aller Welt,« rief er, »hast du wieder dieses alte Zeug angezogen?«

»Ich dachte nicht, daß dir etwas daran gelegen wäre«, sagte sie. »Ich dachte gar nicht, daß du es bemerken würdest!«

»Ich nicht bemerken?!«

Und da nun wieder zwei neue Gedanken sich in seinem Hirn kreuzten, vergaß Roger die Südseeinseln für den Augenblick und erinnerte sich daran, was er vorhin gesehen hatte, als er ins Zimmer getreten war.

»Hat dieser junge Mann dir eine Liebeserklärung gemacht?« schrie er plötzlich. »Habe ich ihn nicht dir die Hand küssen sehen? Was wollte er denn?«

Sie hatte diese Frage früher oder später erwartet und hatte noch nicht überlegen können, was sie darauf antworten sollte. Aber nun kam die Antwort wie von selbst.

»Wenn du mich fragst,« erwiderte sie, »so ist er in Barbara verliebt, und ich habe ihm etwas mehr Mitgefühl und Verständnis gezeigt, als er erwartete.«

Es war genau so, als ob sie vor einem scheuen Pferd, das durchging, plötzlich die Hände hochgehoben hätte. Mitten im Sturm seiner Gedanken hielt er inne, die Füße fest auf den Boden gesetzt, und starrte diese neue Tatsache an.

»Gütiger Himmel!« schrie er. »Du willst doch jetzt nicht das wieder unterstützen?! Du hast doch gesagt, du würdest der Sache ein Ende machen! Du hast doch gesagt, sie habe sich wieder Wilfrid zugewendet und würde vernünftig sein und ihn schließlich heiraten! Sind wir uns nicht darüber ganz einig gewesen, daß eine Heirat mit einem Burschen, der keinen Pfennig Geld hat, wie so einer in der Marine, für Barbara nicht taugt? Daß sie mit ihm nicht glücklich werden kann! Daß er ihr nie ein behagliches und gesichertes Leben schaffen kann!«

Er sah, wie ihre Augen einen Moment zur Karte auf dem Sofa schweiften; dann sagte sie: »Wenn wir nach den Südseeinseln gehen und dort leben, wozu sollen wir uns dann noch nach all den Vorurteilen und falschen Anschauungen über Sicherheit und Behaglichkeit richten, die man hier hat?«

Ihre Frage war so einfach, so selbstverständlich, so unbeantwortbar, daß er, der die letzten zwölf Stunden im Geist schon in Samoa verbracht hatte, nichts zu erwidern wußte. Seit zwanzig Jahren hatten sie nach falschen Anschauungen gelebt. All ihre Ansichten über Lebensführung und Behaglichkeit waren verkehrt gewesen. Nur ein Zweifel erfüllte ihn noch. Sie hatte selbst zugegeben, daß dieser junge Mann in seinen Neigungen schwerlich so stetig und verläßlich war, wie der friedliche Wilfrid. Nicht nur eine gesicherte Existenz, auch Barbaras Glück mußte schließlich bedacht werden.

Daran erinnerte er sie jetzt. »Wenn ich nicht irre, sagtest du doch auch, er hätte nicht so solide Grundsätze und Neigungen wie Wilfrid?«

Sie tat einen kühnen Schritt. Sie spielte, wie Frauen spielen, wenn der Einsatz innerhalb ihrer Berechnungen liegt.

»Da wußte ich noch nicht, wie tief er lieben kann«, sagte sie.

»Hat er denn davon gesprochen?«

»Ja.«

»Ja, kann denn ein Mann einer Frau sagen, wie sehr er in eine andere verliebt ist?«

Da dies nicht seine Art war, so versuchte er gar nicht erst, sich hineinzudenken.

»Oh, das geht sehr wohl,« sagte sie, »das kann er mit allen möglichen kleinen Zeichen und Dingen verraten. Ich weiß jedenfalls, wie sehr er Barbara lieben wird, ich weiß es vermutlich besser, als er selbst es weiß. Vor ihr wird er scheu sein, vor mir hatte er keine Scheu. Er wird der Liebe nicht so schnell müde werden, wie du, Roger.«

»Ich müde?!«

Wer gab ihr das Recht, so zu ihm zu sprechen?! Müde! Malte er nicht schon wieder ihr Bild, heute, nach zwanzig Jahren? Hatte er sich nicht eben entschlossen, ein neues Leben mit ihr am anderen Ende der Welt zu beginnen? Hieß das müde sein?

Sie schüttelte den Kopf.

»Das kommt nie wieder und beginnt nicht wieder«, sagte sie; und er ahnte nicht, und sie wußte kaum, wie schamlos sie sich betrug; es war wirklich völlig unpassend für eine Frau von neununddreißig Jahren, sich ihrem Mann gegenüber so zu betragen. Sie lockte ihn mit den Augen und mit der Stimme. Die Aktstudie, die er in seinem Atelier malte, der kleine Vorgang in ihrem Schlafzimmer, als sie sich zum Abendessen anzog, selbst dieser plötzliche Entschluß, nach den Südseeinseln auszuwandern; instinktiv fühlte sie mit dem Wissen der Natur, daß dies seine Verjüngung bedeutete, und sie war völlig entschlossen, mit berechnender Lockung seine neue Jugend für sich zu erobern und zu nützen.

Denn auch sie war wie verjüngt. Jimmys leidenschaftliche Erklärungen, der Ton seiner Stimme, hatten in ihr die lebendige Erinnerung an Rogers Liebeswerben erweckt. Nur daß sie jetzt ihre ganze Erfahrung hatte, die sie verwerten konnte. Keine Kurtisane hätte feiner und schlauer vorgehen können, als Laetitia es jetzt tat, da sie Roger erst in die Augen sah und dann ihre Blicke abwendete. Fräulein Limpnett, ja das ganze Dorf, dessen Bewohner sämtlich die Ehe nur als die zwangsmäßige Gewohnheit kannten, mit der zwei Menschen einander ertragen und nebeneinander hinleben müssen, wären sämtlich entsetzt gewesen.

Es war mehr als ein bloßer Flirt mit ihrem eigenen Mann. Schamlos und schändlich lockte sie ihn von allen Wegen anständiger Gewohnheit weg; und es muß leider auch gesagt werden, daß sie sehr wohl wußte, daß sie ihr Ziel in diesem Kleid aus der alten Atelierdraperie und in dem schiefen Gartenhut nicht wirklich erreichen konnte. Und da sie ihn bereit sah, auf ihr Spiel einzugehen, flüchtete sie rasch zur Tür.

»Wenn du vielleicht willst, daß ich dir jetzt noch einmal für das Porträt sitze,« sagte sie, »so gehe ich hinauf und ziehe mich um.«

Er wußte nicht genau, was er eigentlich wollte; teils lebte er in der Phantasie bereits auf den Südseeinseln, dazwischen tauchte das Bild Jimmys auf, wie er Laetitia die Hände küßte; zugleich sah er eine so völlig veränderte Laetitia, daß seine Seele, gewöhnt, immer nur von einer Sache zugleich erfüllt und beschäftigt zu sein, sich in völliger Verwirrung befand.

Er ließ sie gehen, obschon er gerade jetzt heftig wünschte, daß sie bliebe. Einige Augenblicke später folgte er ihr auf ihr Zimmer, aber die Tür war verschlossen.

»Ich komme gleich hinunter,« rief sie von innen, »geh nur und richte alles her!«

Er starrte die verschlossene Tür einen Augenblick an wie ein Hund, der nicht begreift, warum er nicht eingelassen wird, und kehrte dann um. Langsam und ungern ging er die Treppe wieder hinunter. Am Rasenbeet standen Jimmy und Barbara beisammen. Aber er sah sie gar nicht, als er durch den Garten nach dem Atelier ging.

Er wußte nicht, wie ihm geschehen war. Zu jeder anderen Zeit würde er sich auf sein Malzeug gestürzt haben, um nur keinen Augenblick zu verlieren, wenn sie kam. Jetzt stand er in der Mitte des Ateliers und tat gar nichts, sondern sah nur immer wieder nach der Tür und wunderte sich, daß sie so lange ausblieb.

Als sich die Tür endlich öffnete und er sie im Charmeusekleid zögernd auf der Schwelle stehen sah, da zitterte er plötzlich selbst, und ein eigentümliches Gefühl von scheuer Scham war in ihm, als hätte sie ihn dabei überrascht, wie er gerade einer anderen Frau eine Liebeserklärung machte.

Da trat sie schüchtern ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich, und die Schüchternheit ihrer Bewegung steigerte die seltsame Empfindung, die in ihm war. Sie waren allein. Nach zwanzig Jahren hatte er plötzlich das Gefühl, mit ihr allein zu sein, mehr allein wie selbst damals, als sie an jenem Tag zu ihm ins Atelier gekommen war.

Sie wußte nicht recht, wie er sich verhalten würde. Trotz ihrer zwanzigjährigen Erfahrung war sie plötzlich nicht mehr so gewiß, daß sie ihn völlig kannte. Sie fühlte, daß seine Hand zitterte, die die ihre hielt. Aber er blieb so vollkommen still. Sie staunte, daß er kein Wort sprach und wunderte sich, was er wohl sagen würde. Aber er sprach auch weiter kein Wort. Er richtete nur ihre Stellung.

Als er damit fertig war, blieb er lange in einer kleinen Entfernung stehen und sah sie an. So unzählige Male sie in dem Atelier gewesen war, sie hatte nie geahnt, daß es so still darin war. Plötzlich drehte er sich um, ging quer durch den Raum und sperrte die Tür ab ...

 

Barbara hatte ihren Korb mit Blumen gefüllt. Sie wollte eben ins Haus zurückgehen, als Jimmy auf dem Fußweg bei dem Rasenbeet erschien.

Er sei gekommen, Abschied zu nehmen, sagte er. Sein Urlaub endete am folgenden Tag. Er redete alles mögliche, lauter Dinge ohne besondere Bedeutung, als redete er nur, um die Zeit hinzubringen. Und doch fühlte Barbara, daß irgend etwas sich geändert hatte und daß seine Worte etwas zu bedeuten hatten.

Irgendwie begriff sie, daß dies ihre letzte Möglichkeit war; wenn er jetzt ging, ging er für immer. Er kam vielleicht nach Eltringham zurück, aber nie wieder zu ihr. Sie hätte vielleicht später einmal gehört, daß er auf Urlaub nach Hause gekommen und wieder abgereist war. Vielleicht flitzte er auf seinem Motorrad auf der Straße an ihr vorüber, und sie sah eine Staubwolke, aber nicht ihn.

Jetzt war die letzte Gelegenheit, und mit raschem Instinkt fühlte sie, daß er sie ihr hatte geben wollen, daß er sein Fortgehen hinausschob, um zu sehen, wie sie es aufnahm, ob sie die Gelegenheit benützte. Der gleiche Instinkt sagte ihr, daß es eine heikle Sache war; es hieß sich sehr zurückhalten und jede Minute hinausziehen. Er durfte nicht merken, wie sehr sie es wünschte, daß er blieb. Sie machte das Verweilen zu einer Pflicht: die Wicken mußten noch in voller Blüte gepflückt werden, ehe die Blumenblätter abfielen und die Schoten reiften.

Er bot ihr seine Hilfe an. Sie lehnte sie ab. Wozu sollte er sich bemühen? Blumenpflücken war keine Männerarbeit.

»Warum sollte es ausschließlich Frauenarbeit sein?« fragte er.

»Oh, wir müssen die geringeren Sachen machen«, sagte sie. »Jemand muß sie schließlich machen.« Woher wußte sie, daß er gerade das gerne hörte, daß es ihm gleichsam Freiheit in den ernsten Aufgaben des Lebens verbürgte? Sie wußte es nicht, ihr Instinkt sagte es ihr.

Sie ahnte auch nicht, wie sehr Laetitia ihr den Weg gebahnt hatte. Er sah noch immer Laetitia in ihr, und er staunte nur, wie sehr sie einander glichen. Sie hatte dieselben kleinen Bewegungen, der Ausdruck der Augen und des Mundes war immer wieder der gleiche. Aber es war natürlich immer noch Laetitia, die er liebte. Er sagte es sich mehrmals, während er Barbara ansah.

Es war die Laetitia, die er für sich erobert hätte, wenn er ihr damals begegnet wäre. Der Gedanke gab seiner Stimme einen liebevollen Ton, der sie beide irreführte. Ihm war es, als müßte seine Liebe zu Laetitia nun erst neu anfangen. Und jetzt täuschte er sich keine platonische Freundschaft mehr vor. Keinen Augenblick zweifelte er daran, daß er Laetitia liebte, und alles, was sie gesagt hatte, stimmte.

Er war jetzt scheuer vor ihr als gestern, obwohl gestern auch die Schranken ihrer Ehe zwischen ihnen standen. Wenn das die Laetitia gewesen wäre, die er liebte, nie hätte er ihr das alles sagen können, was er ihr gestern gesagt hatte. Dieses Mädchen, das im Garten die Blumen pflückte, weil irgend jemand die geringeren Sachen tun mußte, wäre ja nur erschrocken.

Nun waren auch ihre Hände voll. Sie kam um die Ritterspornstauden herum aus dem Beet und stand auf dem Gartenweg neben ihm – eine leibhaftige Laetitia, als sie neunzehn Jahre alt war, noch ehe Roger Campion sie gekannt hatte!

Er starrte sie an, als ob in diesem Augenblick, da sie aus dem Beet heraus neben ihn trat, ein Wunder mit ihr geschehen wäre.

»Was ist denn?« fragte sie.

»Was denn?«

»Warum sehen Sie mich so an?«

»Wie sehe ich Sie denn an?«

Sie zwang sich zu lachen, als sie sagte: »Als ob Sie jemanden aus einer anderen Welt sehen würden.«

»Vielleicht tue ich das!« murmelte er.

Sie verbarg ihr Gesicht in den Wicken, so daß ihr Mund versteckt war, und hielt den Atem an – nur ihre Augen blieben frei und sahen nach ihm.

»Wenn ich jemand aus einer anderen Welt bin, wie sehe ich denn aus?« fragte sie, und ihre Stimme klang gedämpft durch die Blumen, die sie ans Gesicht gedrückt hielt.

»Wie Ihre Mutter, als sie neunzehn Jahre alt war«, sagte er.

Sie lachte, diesmal, weil sie lachen mußte. Und nun war ihr Instinkt in ihren Fingern, die eine Blume aus dem Strauß zogen. Mit gerade ausgestrecktem Arm bot sie sie ihm, er nahm die Blume und sah Barbara dabei immerfort an.

Er liebte Laetitia, das wußte er, das war einfach Ehrensache. Er brauchte sich auch gar nicht erst daran zu erinnern. Die Frage war nur, welche Laetitia er liebte, die neununddreißigjährige, verheiratete Laetitia, die ihren Gatten liebte, oder diese neunzehnjährige Laetitia, ehe noch Roger Campion sie je gesehen, ehe irgend jemand außer ihm sie gesehen hatte.

Sie wartete, daß er die Blume ins Knopfloch stecken sollte. Statt dessen zog er seine Brieftasche hervor und legte die Blume hinein.

Nun lachte sie wieder, und ihr Lachen stieg durch die warme Luft empor wie Glocken, die von einem hohen Kirchturm läuten.

 

Ein paar Wochen später erhielt Jimmy, als sein Schiff in Malta anlegte, einen Brief. Der Brief war von Laetitia. Der Poststempel war Sterrenden. Er kam von der neununddreißigjährigen Laetitia:

»Barbara sagt mir, daß Sie ihr schreiben. Haben Sie mich also wirklich gefunden, wie ich neunzehn Jahre alt war? Und wie war ich da? Sie können es ihr wohl nicht sagen – aber mir können Sie es sagen. Ich möchte es gerne wissen. War ich sehr ungeschickt und scheu? Habe ich sehr Dummes gesagt? Ich vermute, daß es mir schrecklich an Verständnis fehlte. Wieviel Sie mich mit Ihrem großen Herzen lehren mußten und müssen, ehe ich neununddreißig bin!

Das ist wirklich ein schamloser Liebesbrief für eine verheiratete Frau, aber wenn man einmal über dreißig ist, wird man schamlos. Wir haben hier eine Freundin – ein gewisses Fräulein Limpnett –, der Name genügt, ich brauche gar nicht mehr von ihr zu schreiben. Wenn die wüßte, wie Roger und ich es treiben, sie würde zu Tode entsetzt sein. Und daran sind nur Sie schuld. Sie haben die Jugend wieder in unser Haus gebracht, und ich glaube immer, Sie sind mit dem gelben Kleid auf dem Arm gekommen. Erinnern Sie sich, wie ich es zum erstenmal anprobierte? Ach, wenn Sie wüßten, wie abgenutzt es jetzt ist, weil ich so oft darin für das Porträt sitzen mußte, das nun endlich fertig und wirklich sehr schön geworden ist.

Wir sind nun frei, um auf Abenteuer auszugehen, und wir gehen nun endlich wirklich von Sterrenden fort. Nicht nach den Südseeinseln, was Sie sich ohnehin hätten denken können, wenn Sie Roger kennen würden. Immerhin machen wir einen Schritt in der gleichen Richtung. Wir fahren für einen ganzen Monat nach Southsea. Schreiben Sie mir und erzählen Sie mir von der neunzehnjährigen Laetitia. – Immer Ihre neununddreißigjährige Freundin.«

 

Ende.

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