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Ernest Temple Thurston: Charmeuse - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorErnest Temple Thurston
titleCharmeuse
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorKarl Federn
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20131106
projectideee16016
wgs9110
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Zehntes Kapitel

Das Gefühl der Feierlichkeit – er hatte seit fünf Jahren nicht mehr den Smoking zum Abendessen angezogen – war nicht hinreichend groß, um Roger dafür zu entschädigen, daß er ein reines Hemd anziehen mußte, obwohl das, welches er trug, noch sauber genug gewesen wäre.

Als er in den Salon trat, kämpfte der Hunger in ihm eine wilde Schlacht mit dem Bratenduft in seinen Nüstern, und die Art, wie er seine Krawatte gebunden hatte, verriet deutlich, in welcher Laune er war. Er sah aus, als hätte er sich in seinen Abendanzug verpackt und sich nicht erst die Mühe genommen, die freien Enden des Bindfadens abzuschneiden. Es war die Krone der Selbstbeherrschung, daß Laetitia keinen Versuch machte, ihm die Krawatte vor den beiden jungen Leuten richtig zu knüpfen, wie es die meisten Frauen getan hätten, und wäre es nur, um zu zeigen, wie sie um ihren Mann besorgt sind. Sie sagte, als sie den Zustand seiner Krawatte sah, nur: »Ach, der Arme!«, sagte es aber nicht in Worten, sondern nur innerlich, mit jenem raschen zärtlichen Gefühl, das eine Frau empfindet, wenn sie merkt, wie sehr der Mann die Kinderstube braucht.

In diesem Augenblick erschien Ellen, genau wie ihr befohlen worden war, an der Tür und überraschte Roger mit der feierlichen Mitteilung, daß »das Essen serviert sei.«

Er drehte sich heftig um und sah sie verblüfft an.

»Warum läuten Sie nicht einfach die Tischglocke?« fragte er; und durch diesen unerwarteten Angriff für einen Augenblick aus der Fassung gebracht, rechtfertigte sich Ellen durch eine genaue Darstellung des Sachverhalts:

»Frau Campion hat mir gesagt, ich sollte es so machen«, sagte sie.

Aber Laetitia war in so glänzender Laune, weil sie einmal eine wirkliche Abendgesellschaft geben konnte, daß sie selbst darüber mit einem Scherz hinwegzugehen vermochte.

»Ich wollte es so feierlich als möglich machen,« sagte sie, »ich hätte einen roten Teppich bis zur Haustür legen lassen, wenn ich einen hätte. Bei Vegetarianern gibt's nicht jeden Tag so ein Abendessen. Und wenn's einmal der Fall ist, dann kann man nicht einfach die Tischglocke läuten.«

Damit ging sie voran ins Speisezimmer, und eine Britannia auf dem höchsten Prunkwagen im Zirkus hätte sich nicht stolzer bewegen können als Laetitia jetzt im Gedanken an den Zug, der ihr folgte. Roger ging mürrisch als der letzte und fragte sich, was in aller Welt in diesen Tagen mit seinem Haus geschehen war. Vor ihm ging Laetitia in einem Kleid, das er für unmöglich gehalten hätte. Dann diese beiden jungen Leute, die eingeladen wurden, um Barbara in Augenschein zu nehmen, als ob sie versteigert werden sollte; und obendrein alle lächerlich und feierlich gekleidet, um Rinderbraten an seinem Tisch zu essen! Er rang buchstäblich nach Atem. Es war unglaublich. Er kam sich wie in einem verrückten Traum vor; das alles war unwirklich, bis er den Rinderbraten auf dem Büfett sah. Der Rinderbraten war eine unbestreitbare Tatsache.

Für einige Augenblicke erfüllte ihn ein dumpfer Fatalismus. Es schien nicht mehr sein Haus zu sein. Ich könnte ebensogut in einem Restaurant in London sitzen, dachte er, oder in einem Hotel, unter lauten Fremden. Aber er sah keinen Ausweg. Er saß bei Tisch an seinem gewohnten Platz, aber die weißen Smokinghemden und der Anblick von Laetitias bloßem Hals ließen alles verändert erscheinen. Er starrte auf seine Manschetten. Sie waren überraschend weiß und glänzend. Das einzig Bekannte, was er in der völlig veränderten Situation wiederfand, waren seine Hände. Er hatte vergessen, sie zu waschen. Der Anblick eines Streifens grüner Farbe auf dem Daumen, den er an seinem Malkittel abgewischt hatte, bot ihm einen gewissen Trost. Sonst war alles verändert.

Während der ersten zwei oder drei Minuten, während alle plauderten und lachten, und Ellen, die es in einer früheren Stellung gelernt hatte, den Braten aufschnitt, saß Roger stumm und mürrisch am Ende des Tisches. Was um ihn vorging, interessierte ihn nicht so sehr, brachte ihn auch nicht eigentlich auf, aber was in ihm selber vorging, war überwältigend. Es war wie das erste warnende Getöse eines kommenden Erdbebens. Laetitia, die durch die hängenden purpurnen Blüten der Bodleya, die in der Mitte des Tisches standen, einen verstohlenen Blick auf ihn warf, wußte, daß er früher oder später losbrechen würde.

Tatsächlich brach der Vulkan in ihm aus, als er mit eigenen Augen sah, wie Ellen eine Bratenschnitte auf Barbaras Teller legte. Das Fleisch war nicht ausgebraten und hatte nicht die braune Farbe, in der es schließlich auch etwas anderes hätte sein können, eine jener geschickten Nachahmungen, mit denen ein vegetarianischer Kochkünstler ein Hammelrippchen oder ein Filetsteak vorzutäuschen vermag. Es war nicht ausgebraten, sondern hatte jene blutigrote Farbe, die kein noch so geschickter vegetarischer Koch seinen Speisen zu geben hoffen kann und die er ihnen vor allem nicht zu geben wünscht. Für Roger war es, als er hinsah, einfach rohes Fleisch! Er sah den Schlachthof im Geist, in dem man das arme Tier getötet hatte. Er hörte das Fallen des Schlachtbeils – wenn man ein Schlachtbeil dazu benutzte –; er hörte das Tier brüllend zu Boden sinken. Er erhob sich halb aus seinem Stuhl.

»Du wirst das nicht essen, Barbara!« rief er.

»Doch, Vati – nur heute abend, nur heute bei der Gesellschaft!«

Er sah über den Tisch durch die purpurnen Blüten der Bodleya nach dem bloßen Halse seiner Frau, dessen Schönheit ihm in diesem Augenblick gleichgültig war.

»Und du auch, Letty?« fragte er.

»Ja, Roger. Das eine Mal wird es mir nicht schaden. Ich habe Fräulein Limpnett gesagt, sie möchte ein besonders zartes Stück besorgen.«

»Nicht schaden! Nicht schaden!« Seine Stimme schlug beinahe um, so aufgeregt war er. »Weiß einer von euch ...« Er sah rings um den Tisch, und sein Blick fiel erst auf Jimmy, der seinen Ohren nicht traute, und dann auf Wilfrid, der all dies schon öfters gehört hatte und darauf wartete, daß er bedient wurde. »Weiß einer von euch, welche Zumutungen an den Dünndarm eine derartige Nahrung bedeutet?«

Er sah rund um den Tisch und sah vor allem die beiden jungen Leute an und ganz besonders Jimmy, der diesen verborgenen Bestandteil des menschlichen Organismus noch nie bei Tische erwähnen gehört hatte. Wilfrid hatte es schon gehört, aber er aß sein Brötchen, weil er hungrig war, und sah Roger nicht an. Laetitia und Barbara wußten die ganze Sache auswendig. Diese Frage war stets das erste Zeichen; dann brach der Lavastrom vegetarianischer Propaganda aus dem Krater und wälzte Rogers Kenntnisse vom gesamten Verdauungsprozeß ins Land.

Da er auf keinem Gesicht Erstaunen oder Interesse las, ausgenommen in dem Jimmys, so wendete er sich an ihn mit der Gier eines Raubvogels, der auf seine Beute niederstößt.

»Wissen Sie vielleicht, wie lang der Dünndarm ist?« fragte er.

Mit einer gewissen Zurückhaltung, die der ungewöhnliche Gegenstand ihm aufzuerlegen schien, gab Jimmy zu, daß er es nicht wüßte. Im nächsten Augenblick erkannte er, daß er viel besser getan hätte, zu sagen, er wüßte es.

»Es gibt nicht viel Leute, die es wissen,« sagte Roger triumphierend und in einem Ton, als ob er in einem wissenschaftlichen Verein eine bedeutsame neue Entdeckung mitzuteilen hätte, »der Dünndarm hat eine Länge von sechzehn Fuß!«

Ellen stellte einen Teller mit Rinderbraten vor Jimmy, und dieser sah auf den Teller.

»Lieber Roger!« rief Laetitia. »Es ist doch wirklich nicht nötig, von diesen Dingen bei der Mahlzeit zu sprechen!«

Darauf gab Roger die übliche Antwort. Er sagte ihr, sie sollte nicht so dumm sein. Das klang für Jimmys Ohren noch unglaublicher als alles andere. Dumm! Das waren die Folgen der Intimität zwischen Mann und Frau. Laetitia dumm! Ahnte denn der Mann gar nicht, welche süße Weisheit, welches tiefe Verständnis in jedem Wort lag, das von ihren Lippen kam?! Er versuchte sich vorzustellen, daß er einmal im Verlauf ihrer lebenslangen Freundschaft zu Laetitia »sei doch nicht so dumm!« sagen könnte. Es war undenkbar. Er starrte Roger an, in dessen Augen ein Ausdruck wirklicher Ungeduld und wahrhaften Ärgers geschrieben stand. Er fühlte in seiner Seele die tiefste Befriedigung, daß ihn nur Freundschaft, eine wahre platonische Freundschaft, mit ihr verband, und nicht Liebe, wenn das bei der Liebe herauskam.

Unwillkürlich suchten seine Augen die Laetitias. Auf ihren Lippen war ein sanftes verzeihendes und duldendes Lächeln, als ob Roger nichts wirklich Verletzendes gesagt hätte. O Gott! welche Würde, welchen Stolz sie zeigte! Wenn es auch nicht Liebe war, die er für sie empfand, die ganze platonische Freundschaft in seiner Seele strömte gleichsam von ihm aus und ihr zu! Was für eine Frau wäre sie für einen großen Mann, etwa für einen Admiral gewesen! Admiral Laidlaw und Lady Laidlaw! Unsinn! Dann wäre sie seine Frau gewesen, dann wäre er in sie verliebt gewesen, und von Liebe konnte nicht die Rede sein. Es war ja auch nicht Liebe.

Ohne die geringste Ahnung davon, welche Gedanken er in Jimmys Seele wachrief, und unbekümmert um Laetitias Zurechtweisung, fuhr Roger fort. Jimmys Staunen hielt er für Interesse. Nun glaubte er endlich einen intelligenten jungen Mann gefunden zu haben, der bereit war, das anzuhören, was er aus vegetarischen Schriften gelernt hatte, Dinge, die das geistige Gemeingut aller Menschen hätten sein müssen, die überhaupt Nahrung zu sich nahmen. Vergeblich versuchte Laetitia ihm diesen jungen Mann zu entwinden. Das tat sie immer, gerade wenn die Samenkörner der Wahrheit auf fruchtbaren Grund zu fallen versprachen. Nichts konnte ihn hindern, das zu sagen, was er zu sagen hatte, und er streute den Samen der Wahrheit aus, schleuderte ihn auf den fruchtbaren Boden, wie ein begeisterter Prediger das Evangelium verkündet. Er sprach von der Bedeutung der Eiweißstoffe und der Vitamine, als ob er das Heil durch den Gekreuzigten gepredigt hätte. Er redete vom Magensaft im Ton eines Einsiedlermönchs, der die schlaffen Seelen zu einem Kreuzzug aufzurütteln sucht. Seine Energie und sein feuriger Eifer kannten keine Grenzen, wenn er von einer Sache sprach, an der er so lebendigen Anteil nahm.

»Wissen Sie,« sagte er zu Jimmy, dessen ganze Seele den inneren Kampf um ihre platonische Freundschaft kämpfte, »wissen Sie, daß es niemals unsere Bestimmung war, Fleisch zu essen? Der menschliche Organismus ist nicht dafür eingerichtet. Sind Sie sich darüber klar, daß nur diese üble Gewohnheit des Fleischessens uns zu den Materialisten gemacht hat, die wir geworden sind? Wer hat heute noch Sinn für Kunst? Die Albert Hall wird vermietet, damit Boxkämpfer darin auftreten! Nächstens werden sie die Nationalgalerie vermieten und man wird Jazztänze darin aufführen! Wer hat den letzten Krieg verschuldet?« schrie er über den ganzen Tisch.

Jimmy wollte schon antworten, daß es die Deutschen gewesen wären, aber es war zu klar, daß das nicht die richtige Antwort sein konnte, die Roger erwartete, denn auf die Fragen, die Roger stellte, erwartete er sichtlich ganz bestimmte Antworten und ließ andere nicht zu. Wenn man ihm nicht die Antworten gab, die er erwartete, dann mußte seine ganze Beredsamkeit platzen wie eine Blase, in die man mit einer Nadel stach. Und Jimmy hatte viel zu gute Manieren, als daß er einem Manne, an dessen Tisch er als Gast saß, dies angetan hätte. Es kam ihm zwar in den Sinn, daß die Antwort auf die letzte Frage keine andere als »die Deutschen« sein konnte, aber er wollte es lieber doch nicht riskieren. Er fühlte, daß Laetitias Blick auf ihm ruhte, und er wollte nichts tun oder sagen, womit er keinen vorteilhaften Eindruck auf sie gemacht hätte. Daher antwortete er auf diese Frage gar nichts. Und damit war Roger auch völlig zufrieden.

»Man sagt gewöhnlich, die Kapitalisten hätten den Krieg verschuldet«, erklärte er. »Aber es gibt eine bessere Erklärung. Jeder Mensch ist in seiner Art ein Kapitalist, wenn er zwei ersparte Pfennige in der Tasche hat. Den Kapitalismus wird man nie abschaffen können. Aber Gott sei Dank sind noch immer nicht alle Menschen Materialisten, und die Materialisten sind es, die den Krieg verschuldet haben, die Fleischfresser, die Leute, die von Fleischnahrung leben!«

Er war jetzt in jenem Zustand von Erregung, in dem er kaum mehr wußte, was er sagte. Worte waren ohnedies nur Töne für ihn. Er überlegte sie nie und wählte sie nicht nach ihrem Sinn. Er gebrauchte sie instinktiv, genau so wie er beim Malen, wenn die Arbeit gut vorwärts ging, eine Tube aus der Farbschachtel griff und die Farbe auf die Palette ausdrückte, fast ohne hinzusehen.

»Wo ist der Unterschied?« fragte er mit einer Stimme, die eine Stentorstimme gewesen, wenn sie nicht vor Aufregung immer wieder umgeschlagen wäre, »wo ist der Unterschied, ob man ein Lamm von den Wiesen holt und zur Schlachtbank schleppt, oder ob man ein Weib am frühen Morgen mit kaltem Blut niederschießt? Die Leute reden sich ein, daß die Tiere dabei keinen Schmerz fühlen; aber sie fühlen Schmerz! Man redet sich ein, daß sie keine Angst davor haben, aber sie haben eine Todesangst! Und das ist noch lange nicht alles. Wenn man das Tier gemordet hat ...«

»O Roger, was noch alles?« rief Laetitia hinter den Purpurblüten der Bodleya. All dies hatte sie schon hundertmal gehört, aber in seiner Stimme war ein Ton, als hätte er irgendeinen neuen Schrecken der Schlachthöfe entdeckt, und sie wußte, daß nichts ihn abhalten konnte, ihn zu offenbaren. Ihr Wunsch war, daß alle es rasch zu Ende hören sollten; dann war es überstanden.

»Was noch alles?! Dann ißt man es! Und dann liegt es im Dünndarm und erzeugt Reizgifte, die die letzten Ursachen des ganzen überhasteten gierigen Materialismus unserer Zeit sind!«

Es war das erstaunlichste Abendessen, die merkwürdigste Gesellschaft, die Jimmy je mitgemacht hatte. Das Fleisch schmeckte ihm wie rotgefärbte Sägespäne. Da kam das helle Bier vom »Weißen Roß« als wahre Gottesgabe. Er trank einen Zug nach dem anderen.

Die anderen, die Roger längst kannten, aßen in Schweigen. Selbst Wilfrid ließ sich dadurch nicht stören. Roger hatte diesen Bestandteil seiner inneren Organe schon zu oft vor ihm gemessen. Fräulein Limpnett hatte ihren Auftrag glänzend ausgeführt. Der Braten hätte nicht zarter sein können, und Wilfrid genoß ihn in Seelenruhe.

Jimmy hingegen war keineswegs in der gleichen Lage. Einmal mußte die Rede, die Roger hielt, die Grenzen des Außerordentlichen überschreiten. Und da sie vorzugsweise an ihn gerichtet war, so fühlte er die Pflicht, zu tun, was er konnte. Er warf daher eine Bemerkung hin, um diese Redeflut irgendwie einzudämmen und abzulenken.

»Sie sollten nach den Südseeinseln gehen und dort leben«, sagte er. »Die Samoaner leben eigentlich gänzlich vegetarisch, von Kokosnüssen und Brotfrucht, und es ist eine wunderschöne Rasse. Die Frauen sind prachtvoll.«

Wenn es einen Gegenstand gab, der die Begeisterung, mit der Roger den Klang seiner eigenen Stimme hörte, von vegetarischen Idealen abzulenken vermochte, so war es die Erwähnung eines anderen Ortes, an dem er leben konnte, statt hier in dem Dorf zu bleiben, in dem er seit neunzehn Jahren festsaß. Wohl hundertmal, seitdem sie in Sterrenden lebten, hatte er den Plan gefaßt, seine Zelte abzubrechen und nach einem anderen Lande zu ziehen – einmal nach Südfrankreich, einmal nach Italien, einmal nach Spanien und sogar nach Westindien, alles Orte, die, wie er wußte, für einen Künstler Paradiese waren. Er hatte sich Bücher angeschafft, in denen er sich über die Zustände in diesen Gegenden unterrichten und sehen konnte, welche Vorteile sie boten.

Während Laetitia an den langen dunklen Abenden, wenn der Winter auf den Hügeln lag, am Kaminfeuer saß, dann ging er, wie eine Katze vorsichtig die Pfoten setzt und den Schnee abschüttelt, durch den verschneiten Garten nach dem Atelier hinüber, las in jenen Büchern und redete sich zuletzt in den Entschluß hinein, England zu verlassen und ein besseres Klima aufzusuchen, in dem ein Künstler ganz anders leben und arbeiten konnte. Laetitia hatte wirklich schon angefangen, das Porzellan und anderes Hausgerät einzupacken, um nach Südfrankreich zu übersiedeln. Für die Reise nach Italien hatte sie, da es nur ein Besuch sein sollte, erst ein paar Kleider gepackt. Nach Spanien schien er allen Ernstes gehen zu wollen. Aber da hatte sie nichts mehr eingepackt, sondern gewartet. Westindien war ein schöner Traum. Sie hatte ihn mit ihm geträumt durch einen ganzen Winter, bis er sie tatsächlich gebeten hatte, zu packen. Aber beim Anblick dreier großer Holzkisten, die Herr Wrench ihnen geschickt hatte, hatte ihn der Gedanke an den ganzen Umsturz, den die Übersiedlung mit sich bringen mußte, mit Schrecken erfüllt, und er hatte so viel Arbeit entdeckt, daß es töricht gewesen wäre, gerade in diesem Zeitpunkt von Sterrenden fortzugehen.

Laetitia sah Jimmy über den Tisch hinüber dankbar an, als er Roger die Südseeinseln hinwarf. Die Südsee! Wie das schon klang! Ein Land, wo die Leute ihrer Natur nach unmöglich Materialisten sein konnten! Und die herrlichen Frauen! Roger sah bereits eine Fülle von Modellen auf dem sandbedeckten Strande, dahinter das indigoblaue Meer und einen wolkenlosen azurnen Himmel mit einer chemischen Strahlung, die seine wildesten Träume übertraf. Männer und Frauen – welche Modelle mit dieser wunderbaren dunklen Haut, die zum Malen einlud! Und natürliche Modelle, nicht Geschöpfe, die man auf den Knien bitten mußte, daß sie einem saßen, und die man heimlich malen mußte, damit nicht das ganze Dorf in Aufruhr geriet! Und keine Fräulein Limpnetts, die nachspionierten! Sondern ein freies Leben, und wenn man vielleicht die Bilder nicht verkaufte, so gab es dafür auch keine Einkommensteuer und keine Wassergebühren, keinen Nahrungsmangel, sondern das gesündeste Essen, das der Mensch für seinen widerspenstigen Verdauungsapparat finden konnte. Die Südseeinseln!

»Sind Sie je dort gewesen?« fragte er.

»Zweimal«, sagte Jimmy. »Einmal auf der Fahrt von Auckland nach Frisco, das andere Mal kam ich von Sydney. Samoa, das ist der richtige Ort für einen Künstler. Dort hat auch Robert Louis Stevenson gelebt und ist dort gestorben. Dort ist eine Landschaft für einen Künstler, möchte ich glauben!«

Jimmy fühlte, daß nicht nur Roger, sondern die ganze Tischgesellschaft ihm zuhörte. Er fühlte, daß Barbaras Augen, die ihm gegenübersaß, auf ihn gerichtet waren, und er wurde immer beredter. Die Berge, die Täler, das Meer! Er hatte gar nicht gewußt, daß das alles einen so großen Eindruck auf ihn gemacht hatte.

»Das wäre ein Ort zum Leben!« rief Roger. »Dort gibt's keine Politik! Dort braucht man nicht Geld zusammenzuscharren, um zu leben! Dort braucht man keine Plakate zu malen! Und hat Arbeit fürs ganze Leben, und ein menschenwürdiges Essen, und braucht nicht einmal in der Erde zu harken und zu graben, damit die Früchte aus ihr hervorwachsen. Ich muß mich damit näher beschäftigen. Ich bin dieses Lebens hier müde. Ich fühle seit langem, daß ich davon genug habe. All diese kleinliche Gemeinheit, die Armseligkeit, der schmutzige Materialismus! – Wo kann ich die Einzelheiten erfahren, die ich brauche, um den richtigen Ort zu finden, an dem wir leben können? Wenn Robert Louis Stevenson dort gelebt hat, so kann ich es jedenfalls auch. Wenn er dort arbeiten konnte, so kann ich auch dort arbeiten. Er hat seine Bücher verkauft. Ich könnte meine Bilder verkaufen. Wie kommt man dahin? Ist die Reise lang?«

Das war mehr, als Jimmy gewollt hatte. Roger sprach mit solcher Überzeugung und jedes Wort mit solchem Nachdruck und so zielbewußt, daß Jimmy ihn durchaus ernst nahm und das Ende seiner platonischen Freundschaft kommen sah. Denn, das fühlte er, auch bei solch einer Freundschaft mußte man in einem gewissen Zusammenhang bleiben, und wie war dies möglich, wenn seine Freundin sich auf den Inseln der Südsee begrub? Bitter bereute er, die Inseln erwähnt zu haben.

»Die Reise ist sehr lang«, sagte er. »Sie hätten das vielleicht nicht gedacht, aber es sind immer noch mehr als viertausend Meilen von San Francisco.«

Was bedeuteten viertausend Meilen, wenn man dafür zu solch einem Leben gelangen konnte? »Ich muß das alles näher ergründen! Ich werde mich darum kümmern!« erklärte Roger endgültig und nachdrücklich. »Letty, hast du von dem Rinderbraten gegessen?«

Sie bejahte es.

»Nun, wie schmeckt er?«

Er war so völlig zur Reise entschlossen, daß er sich wieder anderen Dingen zuwenden konnte.

»Oh, sehr gut,« sagte sie, »er ist sehr zart.«

»Ellen,« sagte er, und er sprach in einem Ton, als ob sie eine Sklavin auf den Südseeinseln gewesen wäre, »Ellen,« sagte er, bereits vom Gefühl einer neuen Freiheit beseelt, »Ellen, schneiden Sie mir ein kleines Stück von dem Rinderbraten ab, ich will ihn einmal kosten.«

Ellen schnitt ein Stück ab und legte es vor ihn. Alle am Tisch sahen hin, um ihn zu beobachten, wenn er den ersten Bissen in den Mund steckte.

»Mein Gott!« sagte er, »ich kann nicht begreifen, wie Leute dieses Zeug essen können!« Und indem er bei jedem Bissen schimpfte, aß er die ganze Portion auf, die Ellen ihm auf den Teller gelegt hatte.

Nachher trank er im Salon seinen Malzkaffee. Er trank ihn, die Tasse am Munde, und beobachtete Laetitia, die mit den anderen echten Kaffee trank. Sie hatte seit so vielen Jahren mit ihm Malzkaffee getrunken, seitdem das Surrogat überhaupt auf den Markt gekommen war, und jetzt trank sie echten Kaffee! Er hatte nun nicht mehr so sehr das Gefühl, daß ein gewaltsamer Umsturz vor sich ging, sondern beobachtete beinahe mit Neugier, was an diesem Abend alles in seinem Hause geschah.

»Kaffee!« sagte er und beobachtete sie. Es war, als erwartete er, daß sie ein Gesicht schneiden würde. »Was willst du mit diesem Herzgift? Das ist wieder ein Symptom für die gleiche Krankheit! Die Leute sind wie übermüdete Pferde, die man für die Vorstellung aufpeitscht, damit die Leute ihren Spaß haben.« Seitdem von den Südseeinseln die Rede gewesen war, war er nicht mehr in so gereizter Stimmung. Er berauschte sich nicht mehr am bloßen Klang seiner Worte. Ihm gefiel der Ausdruck, den er eben gebraucht hatte: »Übermüdete Pferde, die man für die Vorstellung aufpeitscht, damit die Leute ihr Vergnügen haben.« Das gefiel ihm sehr gut. Während des ganzen Desserts hatte er an Robert Louis Stevenson gedacht, und wie der in Samoa gelebt und gearbeitet hatte und dort gestorben war, und darüber war er selbst literarisch geworden. Er sagte den Satz noch einmal und fügte dann hinzu: »Wie schmeckt er nach so vielen Jahren? Nein, schenke mir keine Tasse ein. Laß mich aus deiner kosten.«

Sie reichte ihm ihre Tasse mit einem süßen Gehorsam, der Jimmy wunderbar schien. Und mit steigender Verblüffung sah er, wie Roger daraus schlürfte und dabei mit dem Kopf Bewegungen machte, wie ein Vogel beim Trinken, und noch einmal kostete und wieder, und dann noch einmal, und ihr zuletzt die Tasse fast leer zurückgab.

»Er ist nicht so gut wie Malzkaffee«, sagte Roger freundlich. »Du tust nur so, als ob er dir schmeckte. Trink aus, und dann komm und sing uns was.« Sie traute ihren Ohren nicht. Die kleine Szene mit dem Kaffee, die Jimmy ein Beweis ungeheuerster Selbstsucht von Seiten Rogers schien, hatte ihr gar nichts bedeutet. Sie hatte gewußt, daß der Kaffee ihm schmecken würde. Wenn etwas sie überraschte, so war es, daß er die Tasse nicht vollkommen leer getrunken hatte. Natürlich schmeckte er ihm. Er hatte Kaffee immer gern getrunken. In der ersten Zeit ihrer Ehe war die Zubereitung des Kaffees nach dem Essen, die er selbst in einem kleinen messingnen Topf vorgenommen hatte, in dem der Kaffee dreimal aufkochen mußte, ehe er ihn trank, eine Art heiliger Handlung gewesen. Ihr war an dem Kaffee nichts gelegen. Der arme alte Junge; er hatte zwar vom Rinderbraten gegessen, aber er hatte sich bei der Gesellschaft doch so gar nicht zu Hause gefühlt. Aber nun hatte er sie ganz von selbst gebeten, zu singen!

Seit Jahren hatte sie im Hause nicht mehr gesungen. Als er es nicht mehr verlangt hatte, hatte sie selber keinen Wunsch mehr danach gefühlt. Es war das einzige bißchen Kunst, oder was doch an Kunst erinnerte, das sie ausgeübt hatte. Sie hatte es gern getan, aber wie eine Pflanze in ihrem Garten war es abgestorben, ohne daß sie recht wußte warum. Und nun hatte er es unaufgefordert aus eigenem Antrieb ins Leben zurückgerufen. Vor Jahren hatte sie oft abends gesungen und er hatte dazu Violine gespielt. Es war vielleicht keine große Leistung gewesen. Sie hatte auch nie daran gedacht, ihr Spiel nach seinem musikalischen Wert zu schätzen. Was sie daran erfreute, war die enge Verbindung ihrer beiden Seelen, die dadurch herbeigeführt wurde.

Oft, wenn er in sein Werk versunken war, wenn sie den Ehrgeiz und den Idealismus erkannte, die ihn völlig beherrschten, fühlte sie sich durch einen Abgrund von ihm getrennt. Sie hatte den sonderbaren Künstlerjargon sprechen gelernt; sie konnte jene komischen kleinen Bewegungen mit dem Daumen machen, aber in dem, was er beim Malen seiner Bilder empfand und dachte, war etwas, wo sie nicht mit konnte. Er war dann für sie wie ein Mensch, der sich in einem Wald verirrt hat und von Zeit zu Zeit einen hallenden Ruf ausstößt, damit jemand kommt und ihm den Weg heraus zeigen soll. Sie hörte ihn rufen, aber sie kannte die Wege in dem Wald nicht, kannte sie weniger als er selber. Sie konnte ihn nicht finden. Wenn der Tag anbrach und die Sonne wieder aufging, wie gewöhnlich, dann kam er aus dem Wald heraus zu ihr und sie fanden sich wieder, aber entweder konnte er oder wollte er ihr nicht sagen, was er darin gesehen hatte.

Aber bei ihrer Musik an jenen Abenden hatten sie sich gefunden; da sprachen sie eine gemeinsame Sprache, die auch sie verstand. Es waren zumeist alte Lieder und Balladen, die sie sang. Dann stand er hinter ihr und versuchte eine Art Begleitung auf der Violine, die ungefähr an das Heulen eines Hundes erinnerte, wobei es unklar blieb, ob der Hund vor Schmerz oder Freude heulte.

Und ohne ein Wort von ihr, ohne daß sie überhaupt daran gedacht hätte, hatte er sie wieder aufgefordert, zu singen!

Ganz überrascht, sie so bereit dazu zu sehen, beobachtete Jimmy, wie sie in das Zimmer beinahe rannte, in dem die Noten aufbewahrt waren. Barbara und Wilfrid waren in den Garten hinausgegangen. Erkannte denn niemand in diesem Haus, wie wunderbar diese Frau war? Ihm schwoll das Herz bei dem Gedanken, daß keiner ahnte, daß er ihr eine ewige Freundschaft angeboten und sie sie angenommen hatte.

Sie setzte sich an das alte Pianino, das Roger bei einer Versteigerung gekauft hatte, als sie heirateten. Schüchtern schlugen ihre Finger die ersten Noten an, als fürchtete sie ein Kind zu wecken, das man in seinem Schlaf nicht stören durfte. Die Töne klangen wie aufgeschreckt. Sie begann zu singen, sie hatte gerade die Stimme, die Jimmy bei ihr erwartet hatte, rein und süß, jeder Ton richtig, aber ganz dünn und fein, wie durchsichtig; nicht der volle Ton einer Singdrossel, sondern mehr wie das versteckte Zwitschern eines Zaunkönigs; eine Stimme, die, während er ihr lauschte, in seinem Herzen zu erklingen schien und im nächsten Augenblick leise von einem fernen Ast im Busch hertönte, auf dem er sie nie erreichen konnte.

Und warum hatte sie gerade dieses Lied gewählt? Hatte es eine besondere Bedeutung? Sollte es ihm etwas sagen? Er befand sich in jenem Gemütszustand, in dem jede künstlerische Wirkung auf sein Gefühl zum Symbol wurde. Wollte sie ihm zu verstehen geben, daß sie für Liebe erstorben war? Er war bereit, alles zu glauben, alles anzunehmen. Und was tat der merkwürdige Mensch dort auf den Knien unter dem Fensterbrett? Es sah aus, als zerre er einen Sarg hervor. Es war ein Geigenkasten. Was wollte er damit?

»Hätt' ich's gewußt, vor deinem Kuß ...« sang Laetitia an dem erklingenden Pianino. Tat ihr ihr Leben leid? Hatte die platonische Freundschaft, die er ihr bot, sie gelehrt, daß es Größeres im Leben gab als eine Liebe, die enden konnte wie diese?

Roger hatte die Violine aus dem Kasten genommen. Sie hatte nur drei Saiten. Er blies geräuschvoll den Staub davon, so daß Laetitia sich am Klavier umsah. Selbst diese ungehörige Unterbrechung nahm sie nicht übel. Was für eine wunderbare Frau! Welche Geduld! Welche Haltung! Er schraubte und drehte an den Wirbeln. Durch ihr süßes Singen drang störend und disharmonisch das Schwirren einer Saite, die er anzog. Er stimmte das Instrument. Während sie sang, begann er mit den greulichen Tönen des Violinstimmens! Am liebsten hätte er Roger das Instrument aus den Händen gerissen und es in eine Ecke des Zimmers geschleudert. Fühlte der Mensch denn nicht, wie süß ihr Singen war? Nein, er fühlte es nicht! Er hatte den Bogen aus dem Kasten genommen und kratzte mit gerunzelter Stirn und angestrengter Miene auf den drei Saiten, um sie richtig zu stimmen. Wie sollte sie da singen? Es war auch unmöglich, und sie hielt inne.

»Stimme doch später, Lieber«, sagte sie ohne das geringste Zeichen von Bitterkeit oder Verdruß über das diabolische Geräusch, das er verursachte. »In einer Minute bin ich zu Ende!«

»Ich bin fertig,« sagte er, »ich bin fertig. Es sind nur drei Saiten daran. Die E-Saite fehlt. Aber das geht ja nicht so hoch. Ich kann in der dritten Lage mitkommen!«

Das war für Jimmy Spanisch. Wenn die dritte Lage ebenso komisch war, wie die Stellung, in der Roger dastand und sein Instrument versuchte, dann konnte seine Musik ja recht erheiternd werden. Aber als Laetitia mit ihrem Gesang fortfuhr und Roger mit seiner Begleitung einsetzte, kam es Jimmy gar nicht komisch vor. Ein sonderbares Grinsen war in Rogers Gesicht, während er spielte. Er zeigte die Zähne, als bisse er auf etwas Hartes, das unter seinem Biß knirschte.

Aber das war nichts gegen die Geräusche, die er hervorbrachte. Jimmy verstand nichts von Musik, aber so weit war sein Ohr für Klang und Ton empfindlich, daß, ganz abgesehen davon, daß ihm eine Freude verdorben wurde, er auch zu erkennen vermochte, daß Rogers Spiel eine Katastrophe war. Es kam ihm vor, als drehe ein Hund sich rasch um sich selber, um seinen eigenen Schweif zu erwischen. Der ganze Versuch, Solo und Violinbegleitung, schien ein verrücktes Rennen, das zu keinem Ziel kommen konnte.

Und er war durchaus nicht überrascht, als Laetitia innehielt und sagte:

»Du hältst nicht Takt, Roger! Du bist um einen ganzen Ton hinter mir zurück!«

»Tut nichts,« sagte er, »kümmere dich nicht drum, sing' du nur weiter; ich hol' dich ein.«

Aber er holte sie nicht ein. Im Gegenteil, es schien Jimmy, daß er bei jedem Schritt mehr zurückblieb. Als sie am Schluß war und die letzten Akkorde anschlug, war der merkwürdige Mensch seines Erachtens um weit mehr als einen Ton zurück und spielte für sich allein.

»Jetzt sing das Lied von Phyllis«, sagte er; und er rieb seinen Bogen mit Geigenharz, schraubte wieder an den Wirbeln und kratzte auf den Saiten, bis sie gestimmt waren.

Sie gehorchte, ja man hätte denken können, daß es ihr geradezu Freude machte! Sie war offenbar zu stolz, ihn vor anderen zu verletzen. Und sie begann das Lied von Phyllis:

»Meiner Phyllis süße Reize ...«

»Ich bin schrecklich aus der Übung«, sagte Roger, während er geigte; und er redete während der ganzen ersten Strophe des Liedes, soweit er es mit dem auf dem Instrument aufruhenden Kinn vermochte. Es klang, wie wenn einer spräche, der Sand im Munde hatte. Er konnte nicht gleichzeitig die Zähne weit genug öffnen und das Kinn auf dem Instrument halten. Jedes Wort schien nur mit schmerzlicher Anstrengung aus seinem Munde zu kommen, aber das hinderte ihn nicht, weiterzusprechen.

Die fehlende E-Saite brachte ihn schließlich zur Strecke. Es war selbst für die dritte Lage zu hoch; er kletterte zur vierten und zur fünften empor, verlor das Gleichgewicht und stürzte ab. Zu Jimmys großer Erleichterung legte er die Geige weg.

»Ich muß neue Saiten bestellen«, sagte er, während Laetitia das Lied allein zu Ende sang. »Ich muß eine ganze neue Besaitung bestellen. Sie sind alle verdorben, durch die Bank. Man kann auf diesen alten Saiten nicht spielen«, belehrte er Jimmy, »sie werden zu leicht feucht, und dann sind sie unbrauchbar.«

Da fielen ihm die Südseeinseln wieder ein.

»Ja, um auf die Südseeinseln zurückzukommen,« sagte er, »wir müssen noch über die Südseeinseln sprechen. Übrigens, ich habe ja meine Palette noch nicht gereinigt!«

Damit verließ er das Zimmer, ging in den Garten und über den Rasen nach dem Atelier hinüber.

Im Garten hatte Barbara ihre Mutter singen hören und lauschte verwundert. Unwillkürlich sagte sie laut:

»Das macht alles das Kleid!«

»Wer macht das alles?« fragte Wilfrid.

Sie antwortete nicht. Ihre plötzliche Erkenntnis machte sie klug; instinktiv wahrte sie jene Verschwiegenheit, die der Instinkt jedes junge Mädchen lehrt, wenn das Leben sich ihr zu enthüllen beginnt. In diesem Augenblick wußte sie etwas von ihrer Mutter, und was sie eben durchschaut hatte, war etwas Geheimes und mußte geheimbleiben, wie bestimmte Geschenke verborgen bleiben müssen. Nicht um eine Welt würde sie die Worte, die ihr eben entschlüpft waren, noch einmal gesagt haben. Sie hatte ein Geheimnis entdeckt, das nun das ihre war. Sie fühlte eine erschauernde Freude über den Besitz dieses Geheimnisses, die nur dadurch ein wenig verringert wurde, daß sie niemanden hatte, dem sie es sagen konnte. Sie hätte ein Mädchen ihres Alters haben müssen, dem sie diese außerordentliche Entdeckung hätte mitteilen können, dann erst wäre der Genuß vollkommen gewesen. So, da sie keine Freundin besaß, der sie es anvertrauen konnte, empfand sie eine schmerzliche Wonne darin, es für sich zu behalten. Sie fühlte sich dem Manne an ihrer Seite unendlich überlegen, und während er weitersprach und drinnen im Zimmer gesungen wurde, stand sie in Gedanken versunken und achtete nicht, worauf er mit all seinen Reden hinauswollte.

Sie hörte auch das Kratzen auf der Violine. Wenn sie darin auch weniger klar sah, so fühlte sie doch sogleich, daß auch mit ihrem Vater etwas los war. Es war wiederum das Kleid – das Charmeusekleid. Wenn ihre Mutter nichts davon ahnte, wieviel weniger konnte er es ahnen! Aber sie hatte es gemerkt. Sie hatte es schon gesehen, als er Laetitias Porträt begann. Das neue Bild im Atelier würde sie verwirrt und irregeführt haben, aber davon wußte sie nichts. Zwei Dinge, an sich ganz einfach, aber bedeutungsschwer, waren geschehen, seitdem Laetitia das Kleid zum erstenmal angezogen hatte. Wenn Barbaras Beobachtungen unvollständig waren, so hatte sie doch scharf beobachtet. Hätte sie noch mehr gesehen, so hätte sie, von so vielen Ereignissen verwirrt, vielleicht nicht soviel Einblick in das, was um sie vorging, gewonnen, wie es jetzt der Fall war.

Indessen redete Wilfrid neben ihr fort, während sie längs dem Rasenbeet auf und ab gingen. Er sprach von den Zielen, die er erreichen wollte, von der künftigen Entwicklung seines Guts, erzählte ihr, wie er hoffte, derart erstklassiges Vieh zu züchten, daß seine Zucht eines Tages in der ganzen Welt gesucht sein würde. Sie lauschte seinen Worten in dem dunklen Garten, so wie sie den Duft des frisch geschnittenen Heus auf einer nahen Wiese roch, ohne wirklich auf ihn zu hören, so wie sie den schwirrenden Schlag eines Wachtelkönigs in der Ferne wahrgenommen hätte, ohne viel zu denken, woher er kam.

Sie wußte ein Geheimnis. Es glich dem Licht in der Blendlaterne eines Wächters. Sie konnte es leuchten lassen oder nicht, und über die Dinge hingleiten lassen, wie sie wollte. In Gedanken konnte sie den Lichtschein auf das unbedeutendste Ereignis fallen lassen, so daß es im Strahl ihrer Erkenntnis hell erleuchtet wurde; und ehe jemand wußte, wieviel sie gesehen hatte, konnte sie sich wieder in der Finsternis vollkommener Ahnungslosigkeit und Unschuld verbergen. Dieses Bewußtsein gab ihr ein Machtgefühl, daß sie eine Würde und Wichtigkeit empfand, wie nie zuvor, sie vermochte viele Dinge zu entdecken und zu erkennen, es war, als ob sie allwissend gewesen wäre, und jeder Gedanke in ihrem Geist bekam eine neue Bedeutung.

Die ganze Zeit, während sie sich so im Geist sachte bewegte und dieses blendende Licht ihrer neuen Erkenntnis auf bestimmte Augenblicke und Vorfälle der letzten Tage fallen ließ, die sie sich ins Gedächtnis rief, kam Wilfrid mit den vorsichtigen Schritten eines Mannes näher, der da weiß, daß er im nächsten Augenblick alle Vorsicht wird aufgeben müssen. Er handelte jetzt keineswegs impulsiv. Im Beginn des Abends hatte er den Impuls gefühlt, nach dem er jetzt handelte; im ersten Augenblick, als er in den Salon getreten war und Jimmy erblickt hatte, war er in eine gewisse Erregung geraten. So langsam von Begriffen war er nicht, daß er in der Anwesenheit dieses jungen Mannes bei diesem unerhörten Ereignis, wie eine Abendgesellschaft in Rogers Haus es war, nicht eine besondere Bedeutung gesehen hätte, und sein Temperament war auch nicht so träge, daß die sichtliche Anwesenheit eines Nebenbuhlers nicht seine Eifersucht erregt hätte. Und wenn sein Ahnungsvermögen auch ein schwerfälliges war, so wurde ihm doch irgendwie klar, daß hier und jetzt keine Zeit zu verlieren war. Ihm wäre es viel lieber gewesen, einen Schritt noch lange zu überlegen, den man, seiner Ansicht und seinem Temperament entsprechend, nicht anders unternehmen durfte, als so wie man das erste Eis im Winter auf einem gefrorenen Teich versucht. Man schickte am besten zunächst mehrere kleine Jungen, einen immer schwerer als den anderen, darauf, bevor man seine Tragfähigkeit selbst versuchte. Eine angeborene Furcht, ins Leben zu versinken, hatte ihn bisher zurückgehalten.

Aber im ersten Augenblick, in dem er Jimmy erblickte, erriet er auch bei diesem eine Schnelligkeit des Entschlusses, die seine eigenen Entschlüsse beschleunigte. Jetzt wollte er unverzüglich sprechen. Bei der ersten Gelegenheit, die sich nach dem Essen geboten hatte, hatte er Barbara aufgefordert, mit ihm in den Garten zu kommen. Und zu seiner Überraschung war sie sofort darauf eingegangen. So weit ging seine Menschenkenntnis nicht, daß er geahnt hätte, wie schmerzlich es für Barbara war, Jimmys Blicke immer wieder auf Laetitia gerichtet zu sehen.

Er war sich darüber klar, daß er in Barbara verliebt war, aber daraus ergaben sich bei ihm keine flammenden Worte, keine begeisterten Erklärungen. Im Gegenteil, jetzt, da sie zusammen am Rasenbeet hin und her gingen, konnte er noch vorsichtig sein. Er ging daran, ihr sein Leben anzubieten, etwa wie er den Kauf eines Gutes eingeleitet hätte. Zunächst mußte darauf geachtet werden, ob das Gut ihm paßte und brauchbar war, dann erst, ob es ihm gefiel. Er maß die Felder des Lebens lieber genau aus, als daß er sich auf die Abschätzung mit dem bloßen Auge verließ. Wenn möglich, würde er erst sein Vieh darauf haben weiden lassen, ehe er das Kaufgeld erlegte. Man muß bei allem klug zu Werke gehen, war sein Grundsatz, und er fand ihn so richtig und so für seine Zwecke passend, daß er fast glaubte, ihn entdeckt zu haben.

Und er war in diesen letzten Augenblicken so klug zu Werke gegangen, daß Barbara, ganz in ihre eigenen Gedanken versunken, gar nicht ahnte, wie nahe er bereits herangekommen war.

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