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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Was sich um diese Zeit begab.
1857–1858.

Ein Gefühl von Unruhe, viel stärker als dasjenige, welches bei Dickens gewöhnlich war, und das sich seit seinem ersten Aufenthalt in Boulogne mehr oder weniger bemerkbar gemacht hatte, wurde um diese Zeit bei ihm fast zur Gewohnheit, und die Befriedigung, welche das häusliche Leben ihm hätte gewähren sollen und die in der That ein wesentliches Erforderniß seiner Natur ausmachte, hatte er in seinem Hause umsonst gesucht. Einige finden bei solcher Enttäuschung eine Alternative in dem was man Gesellschaft nennt; doch eine solche gab es für ihn nicht. Die Gesellschaft behagte ihm nicht, und er maß ihr keinen Werth bei. Niemand war mehr befähigt, jeden Kreis, in den er eintrat, zu schmücken, aber selten ging er über die Kreise von Freunden und Genossen hinaus. Er gab sich ebenso viel Mühe den Häusern der Großen fern zu bleiben, als Andere sich geben hineinzukommen. Nicht immer mit Recht, wie man zugeben mag. Bloße Verachtung von Speichelleckerei und Bediententhum war nicht zu allen Zeiten der vorherrschende Beweggrund bei ihm, wofür er selbst ihn hielt. Unter seinem Abscheu vor jenen Lastern der Engländer seines eignen Lebenskreises lag ein noch stärkerer Groll gegen die gesellschaftlichen Ungleichheiten, welche dieselben erzeugen, ein Groll, dessen er sich nicht so bewußt war und den er weniger bereitwillig eingestand. Nichtsdestoweniger diente derselbe insgeheim zur Rechtfertigung dessen, wozu er sonst nicht geneigt gewesen sein würde. Zu sagen, daß er kein Gentleman war, würde ebenso wahr sein, als zu sagen, daß er kein Schriftsteller war; aber wenn Jemand seine gelegentliche Vorliebe für das behauptete, was unter seinem Niveau lag, vor dem was darüber lag, so würde es schwer sein dies zu widerlegen. Es gehörte zu jenen Mängeln seines Temperaments, für welche seine frühen Prüfungen und seine frühen Erfolge vielleicht in gleichem Maaße als Erklärung dienen konnten. Er war leidenschaftlich empfindlich für Lob und Tadel, während er doch meistentheils einen Stolz darin suchte, gleichgültig dagegen zu erscheinen; die Ungleichheiten des Ranges, die er insgeheim empfand, traten auf noch bittrere und grellere Weise hervor durch den Gegensatz der von ihm durchgemachten Entbehrungen, gegen den von ihm errungenen Ruhm, und wenn die Mächte, die er am meisten zu verachten vorgab, die Form von Schranken annahmen, welche er nicht leicht überspringen konnte, so war die Folge, daß er in Ansichten und Sprache häufig intolerant erschien – denn in Wirklichkeit war er dies selten. Die Leiden seiner Kindheit brachten die heilenden Kräfte der Energie, des Willens und der Beharrlichkeit mit sich und lehrten ihn den unaussprechlichen Werth eines ernsten Entschlusses zur Ueberwindung entgegenstehender Hindernisse; aber die Gewohnheit der Entsagung und der Selbstaufopferung, in kleinen wie in großen Dingen, lehrten sie nicht; und durch seinen plötzlichen Sprung in weltweiten Ruhm und Einfluß wurde er Herr von Allem, was im Leben erreichbar scheinen konnte, ehe er gelernt hatte, was ein Mensch ertragen muß, um seinen schwersten Prüfungen gewachsen zu sein.

Nichts von diesem Allen hat sich bis jetzt bemerkbar gemacht, es sei denn in gelegentlichen Formen von Rastlosigkeit und dem Verlangen nach Ortswechsel, die, während er an seinen Büchern arbeitete, so naturgemäß aus den schöpferischen Erfordernissen seiner Phantasie hervorgingen, daß eine andere Erklärung dafür unnöthig war. Bis zu der Zeit der Vollendung Copperfield's hatte er sich im Besitz allgenügender Hülfsquellen gefühlt. Gegen Alles, was ihm auch begegnen mochte, fand er einen Anhalt in den Schöpfungen seiner Phantasie, einen seiner Kunst abgewonnenen Ersatz, der ihm nie fehlte, weil er dort unbestritten herrschte. Dies war die Welt, die er seinem Willen beugen und allen seinen Wünschen dienstbar machen konnte. Er hatte außerdem unter einem Aeußeren von eigenthümlicher Genauigkeit, Methode und streng ordnungsmäßiger Behandlung in allen Dingen und trotz eines Temperaments, dem ein Haus und häusliche Interessen eine wirkliche Nothwendigkeit waren, etwas gemein mit jenen eifrigen, ungestümen, hochfahrenden Naturen, die auf das Leben losstürzen, ohne sich um seine Kosten zu kümmern und ebenso bereit sind, seine Freuden möglichst zu genießen, als sie durch seine Sorgen leicht und schnell über den Haufen geworfen werden. Es ist schwer, sich einen vollständigeren Gegensatz zu dem Micawber-Typus zu denken als Dickens, und doch gab es Augenblicke (wirklich und wahrhaftig nur Augenblicke), wo Einem der Gedanke kam, daß, unter verschiedenen Bedingungen seines Lebens, etwas von einer Vagabundenexistenz (in dem Sinne wie Goldsmith das Wort gebraucht) bei ihm möglich gewesen wäre. Sie würde ein unsägliches Elend für ihn gewesen sein, aber trotzdem hätte sie kommen können. Die Frage erblicher Uebertragung besaß eine merkwürdige Anziehungskraft für ihn und die damit zusammenhängenden Betrachtungen waren seinem Geiste oft gegenwärtig. Von einem jungen Manne, der in eines Vaters Schwächen gefallen war, ohne die Möglichkeit, sie zum Zwecke der Nachahmung beobachtet haben zu können, schrieb er bei einer Gelegenheit. »Dies erweckt die wunderlichsten Gedanken darüber, in Bezug auf welche unsrer eignen Fehler wir wirklich verantwortlich sind und in Bezug auf welche wir uns vernünftigerweise nicht für ganz verantwortlich halten können. Was A. offenbar von seinem Vater hatte, kann in diesem Falle nicht aus Verkehr und Beobachtung hergeleitet werden, sondern muß recht eigentlich aus den Grundbedingungen seiner Individualität als eines lebenden Wesens hervorgegangen sein.« Aber die Welt, die er in's Leben gerufen hatte, hatte ihn so weit sicher durch diese Gefahren hindurch getragen. Seine eigenen Schöpfungen standen ihm immer zur Seite. Sie waren lebendige, redende Gefährten. Mit ihnen allein war er überall vollständig identificirt. Er lachte und weinte mit ihnen, fühlte sich ebenso sehr erhoben durch ihre Heiterkeit als niedergedrückt durch ihren Kummer und brachte zu ihrer Betrachtung einen Glauben sowohl an ihre Wirklichkeit mit, als an die Einflüsse, welche sie ausüben sollten, der ihn unter allen Verhältnissen aufrecht hielt.

Es war während der Arbeit an Klein Dorrit, als er, glaube ich, zuerst eine gewisse Ermüdung seiner Phantasie empfand, woraus andre Befürchtungen entsprangen. In einer andern Form hatte er dasselbe während der letzten Theile von Bleak House erfahren, von dessen Mängeln nicht wenige auf die schauspielerischen Aufregungen zurückgeführt werden könnten, unter denen es geschrieben wurde; aber das folgende Buch machte es ihm klarer, und es ist bemerkenswerth, daß er in der Zeit zwischen beiden zum ersten- und einzigenmale in seinem Leben zu einem Verfahren seine Zuflucht nahm, das er am Schluß seines nächsten und letzten, in Form von vierundzwanzig Monatsheften veröffentlichten Romans wieder aufgab, indem er nämlich geschriebene Andeutungen von Charakteren und Begebenheiten als Hülfsmittel bei der Arbeit benutzte. Nie zuvor hatte seine fruchtbare Phantasie eine solche Hülfe bedurft; das Bedürfniß war weniger, zu ihrer Fülle beizutragen, als ihr Ueberfließen zu verhindern; aber man hat daran einen andren Beweis, daß er selbst insgeheim wenigstens die Möglichkeit erwogen hatte, daß die Macht, welche immer seine große Stütze gewesen war, ihn eines Tages im Stiche lassen könne. Es war seltsam, daß ein solcher Zweifel ihm gekommen war und er würde es kaum offen eingestanden haben; aber abgesehen von jener wunderbaren Welt seiner Bücher entsprach der Umfang seiner Gedanken nicht immer der Größe und Tiefe seiner Natur. Der gewöhnliche Kreis seiner Thätigkeit, in Bezug auf Neigungen wie auf Gedanken, war voll von so erstaunlichem Leben, daß man geneigt war, ihn für umfassender zu halten, als er wirklich war; und immer wieder, wenn ein weiter Horizont vor ihm zu liegen schien, hielt er plötzlich an und blieb stehen, als ob Nichts darüber hinaus läge. Obgleich jede seiner Ideen ihre Zeit und ihren Wechsel hatte, war er doch gar sehr ein Mann von einer Idee, welche dann die absolute Vorherrschaft über alle andern erlangte, und dies war eins der Geheimnisse der Vollständigkeit, womit Alles was er in die Hand nahm ausgeführt wurde. Was den Stoff seiner Schriften angeht, so ist die einfache Wahrheit, daß sein schöpferisches Genie ihn eigentlich nie verließ. Bis ans Ende seines Lebens waren nicht wenige seiner Charaktere und humoristischen Schöpfungen, seine Marigold, Lirriper, Gargery, Pip, Sapsea und viele andre ebenso frisch und schön als die Schöpfungen seiner größesten Tage. Er hatte jedoch die freie und fruchtbare Methode der früheren Zeit verloren. Er konnte einen weit ausgebreiteten Cannevas nicht mehr mit derselben Leichtigkeit und Sicherheit ausfüllen wie sonst, und er empfand häufig eine ganz unbegründete Furcht vor einem möglichen Zusammenbruch seiner Kräfte, deren Ende in jedem Augenblick beginnen könne. Es kamen daher von Zeit zu Zeit Perioden ungewöhnlicher Ungeduld und Rastlosigkeit, die mir im Zusammenhang mit seinen häuslichen Verhältnissen fremd waren; seine alten Bestrebungen wurden zu oft um andrer Aufregungen und Beschäftigungen willen bei Seite gelegt. Er nahm Theil an einer von administrativen Reformern begonnenen öffentlichen politischen Agitation; er brachte verschiedene quasiöffentliche theatralische Aufführungen in Gang, an denen er hervorragenden Antheil nahm; und obgleich die Anordnung der Aufführungen nach seines Freundes Jerrold Tode nur ein Theil seiner immer großmüthigen Hingabe an jede freundschaftliche Pflicht war, so drückte doch der Eifer, womit er sich in dieselben hineinwarf, sie so anordnete, daß sie eine Masse von Arbeit für schauspielerische Thätigkeit und für Reisen beanspruchten, welche einen erfahrenen Schauspieler erschreckt haben würde, und sie eine Woche nach der andern unausgesetzt in London und den Provinzen fortsetzte, nur das Verlangen aus, wovon er noch erfüllt war, sich auf irgend welche Weise irgend eine Abwechselung zu schaffen, die ihm das Leben leichter machte. Was das Höchste in seiner Natur war, hatte damals aufgehört das Höchste in seinem Leben zu sein, und er hatte sich der Gewalt niedrigerer Zufälle und Bedingungen übergeben. Die bloße Wirkung der umherschweifenden Lebensweise, welche diese schauspielerischen Unternehmungen bei ihm beförderten, konnte nicht anders als ungünstig sein. Aber Einwendungen dagegen waren nutzlos.

Auf eine sehr ernste Einwendung im Frühherbst 1857, wobei Veranlassung genommen wurde, sein neuliches Hinaufstürzen auf Carrick Fell mit seinem Hineinstürzen in andre Schwierigkeiten zu vergleichen, erwiederte er Folgendes. »Es ist zu spät zu sagen: Lege den Zaum an und stürze nicht die Berge hinauf – Du sagst es dem unrechten Manne. Meine einzige Befreiung liegt jetzt im Handeln. Ruhe ist mir unmöglich geworden. Ich bin vollkommen überzeugt, daß ich rosten, brechen und sterben würde, wenn ich mich schonte. Viel besser, thätig zu sterben. Zu dem, was ich auf diese Weise bin, schuf mich zuerst die Natur, und meine jüngste Lebensweise hat es leider bekräftigt. Ich muß den Nachtheil – da es doch einmal einer ist – mit den Talenten die ich habe hinnehmen, und ich muß leben nach den mir vorgeschriebenen Bedingungen.« Ich muß hinzufügen, daß etwas von demselben traurigen Gefühl, auch im Zusammenhang mit häuslicher Unbefriedigtheit und Besorgniß, von Zeit zu Zeit während der vorhergehenden drei Jahre Ausdruck gefunden hatte; aber ich schrieb dies andern Ursachen zu und beachtete es wenig. Während seiner Abwesenheit auf dem Festlande in den Jahren 1854, 1855 und 1856, als seine älteren Kinder aus der Kindheit heranwuchsen und seine Bücher ihm weniger leicht wurden als im früheren Mannesalter, kamen in seinen Briefen Spuren jenes »unglücklichen Verlustes und Entbehrens eines gewissen Etwas« zum Vorschein, dem er in Copperfield eine durchdringende Bedeutung gegeben hatte. In dem ersten jener Jahre machte er eine ausdrückliche Anspielung auf diejenige Art von Erfahrung, welche er in jenem Lieblingswerke beschrieben hatte, und identificirte dieselbe, im Hinweis auf die Nachtheile seines damaligen Lebens, zum erstenmal mit seiner eigenen: »Die so glückliche und doch so unglückliche Existenz, welche ihre Wirklichkeiten in Unwirklichkeiten sucht und ihren gefährlichen Trost findet in einem beständigen Entrinnen aus den sie umgebenden Enttäuschungen des Herzens.«

Später in demselben Jahre schrieb er aus Boulogne wie folgt: »Ich habe schreckliche Gedanken, ganz allein für mich irgendwohin fortzugehen. Hätte es sich einrichten lassen, so wäre ich vielleicht auf sechs Monate in die Pyreenneen (Du weißt, was dies Wort bedeuten soll, darum schreibe ich's nicht noch einmal) gegangen. Ich habe den Gedanken in eine Perspective von sechs Monaten gestellt, aber ihn noch nicht aufgegeben. Ich habe Visionen, in denen ich ein halbes Jahr oder so an allen möglichen unzugänglichen Orten lebe und ein neues darin anfangen lasse. Eine unbestimmte Idee, in der Schweiz über die Schneelinie emporzuwandern und in einem erstaunlichen Kloster zu wohnen, schwebt mir durch den Kopf. Kurz, könnten die Household Words in guten Zug gebracht werden, so weiß ich nicht, an welchem seltsamen Orte, oder in welcher fernen Erhebung über dem Meere ich zunächst an die Arbeit gehen würde. Rastlosigkeit, wirst Du sagen. Was es auch sein mag, es treibt mich ohne Aufhören und ich kann Nichts dagegen machen. Ich habe neun oder zehn Wochen geruht und öfter ist mir, als wäre es ein Jahr gewesen, obgleich ich die sonderbarsten nervösen Leiden hatte, ehe ich aufhörte. Könnte ich nicht schnell und weit wandern, ich glaube, ich würde explodiren und sterben.« Wieder vier Monate später schrieb er: »Du wirst wahrscheinlich nächsten Montag aus Paris von mir hören und es ist möglich, daß ich bis nach Bordeaux gehe. Ich denke daran, im Sommer in das Bergland zwischen Frankreich und Spanien auszuwandern. Befinde mich überhaupt in einem aufgelösten Zustande. – Stäubchen neuer Bücher fliegen umher in der schmutzigen Luft, Elend von älterem Wachsthum droht mich zu überwältigen. Wie kommt es, daß, wenn ich jetzt in trübe Stimmung falle, immer ein Gefühl über mich kommt wie bei dem armen David, von einem Glück, das ich im Leben verfehlt, und von einem Freunde und Genossen, den ich nie gefunden habe?«

Zu Anfang des Jahres 1856 (20. Januar) beschäftigte ihn von Neuem der Gedanke, ein Buch in der Einsamkeit zu schreiben. »Wieder beunruhigen mich meine früheren Ideen von einem Buche, dessen ganze Geschichte auf dem Gipfel des Großen St. Bernhard spielen soll. Während ich Pläne für Klein Dorrit annehme und verwerfe, kehren sie immer wieder zurück. In zwei oder drei Jahren wirst Du es vielleicht erleben, daß ich einen ganzen Winter bei den Mönchen und den Hunden zubringe – in dem blendenden Schnee, der um jenes Kloster herum fällt. Ich denke ganz ernstlich daran es zu thun, wenn ich noch am Leben bin.« Als er dies schrieb, war er in Paris und als Macready ihn im April desselben Jahres besuchte, nahm er die Selbstenthüllungen von Neuem auf. Der große Schauspieler lebte damals in Zurückgezogenheit in Sherborne, wohin er gegangen war, nachdem er die Bühne verlassen, und Dickens gab erfreuliche Nachrichten über die erfrischende Wirkung, welche diese kurze Vergnügungsreise nach Paris auf ihn ausübte. Dann, nachdem er bemerkt, daß er noch daran denke, sich in Australien niederzulassen, dies aber nicht thun könne, ehe er Klein Dorrit beendet habe, setzte er hinzu: vielleicht werde es Macready, wenn er noch einmal wieder an die Arbeit gehen könne, nicht schaden, solche Nöthe zu erleben wie die, welche ihn selbst quälten. »Es erfüllt mich mit Schmerz zu denken, wie er fernab in jenem einsamen Sherborne lebt. Ich habe immer von mir selbst gefühlt, daß ich, so Gott will, in Rüstung sterben muß, aber ich habe es nie stärker gefühlt, als indem ich ihn ansah und an ihn dachte. So seltsam es auch ist, nie in Ruhe und nie befriedigt zu sein und immer nach Etwas zu streben, das nie erreicht wird, und immer mit Plänen und Sorge und Mühe beladen zu sein, – wie klar ist es doch, daß es so sein muß und daß man durch eine unwiderstehliche Macht getrieben wird, bis die Fahrt vollendet ist. Es ist viel besser, vorwärts zu gehen und sich zu grämen, als stehen zu bleiben und sich zu grämen. Was Ruhe angeht, so gibt es so etwas für einige Menschen im Leben nicht. Das Vorstehende steht wie eine kleine Predigt aus, liegt mir aber in diesen Tagen so oft im Sinne, daß es einmal herauskommen muß. Die alten Zeiten – die alten Zeiten! Wird mir wohl je die Lebensstimmung wiederkehren, wie sie damals war? Vielleicht etwas davon – aber nie wieder ganz wie sie war! Ich finde, daß das Skelett in dem geheimen Verschluß meines Hauses ziemlich groß wird.«

Es würde ungerecht und unaufrichtig sein, nicht zuzugeben, daß diese und andere ähnliche Stellen in Briefen, welche sich über die Jahre seines Aufenthalts auf dem Festlande erstreckten, gewissermaßen als Vorbereitung auf das gedient hatten, was nach seiner Rückkehr nach England im folgenden Jahre kam. Nichtsdestoweniger kam es mit einer großen Erschütterung, weil es deutlich aussprach, was vorher nie eingestanden, sondern nur mehr oder weniger dunkel angedeutet war. Die Bemerkung am Anfang des folgenden Briefes bezieht sich auf eine Erwiederung von mir auf einen vorher von ihm ausgedrückten Wunsch, daß, wie in alten Zeiten, vertrauliche Mittheilungen zwischen uns stattfinden möchten. Ich theile nur das mit, was streng nothwendig ist, um zu erklären was folgte, und auch dies mit tiefem Widerstreben. »Dein gestriger Brief war so freundlich und herzlich und ließ die vielen Saiten, die wir zusammen berührt haben, so sanft erklingen, daß ich ihn nicht unbeantwortet lassen kann, obgleich ich nicht viel von Bedeutung zu sagen habe. Meine Bemerkung über ›vertrauliche Mittheilungen‹ bezog sich nur auf die Erleichterung, ein Wort über das zu sagen, was lange in meinem Innern verschlossen gewesen ist. Die arme Katharine und ich sind nicht für einander gemacht und es gibt keine Hülfe dafür. Es ist nicht bloß, daß sie mich mißmuthig und unglücklich macht, sondern daß ich sie so mache – und noch viel mehr. Sie ist ganz so liebenswürdig und nachgiebig, wie Du sie kennst; aber für das zwischen uns bestehende Band sind wir seltsam schlecht geeignet. Gott weiß, sie würde tausendmal glücklicher gewesen sein, hätte sie einen anders gearteten Mann geheirathet und hätte sie dies Schicksal vermieden, so würde es wenigstens gleich gut gewesen sein für uns beide. Es schneidet mir oft in's Herz, wenn ich denke, was für ein Jammer es um ihretwillen ist, daß ich je in ihren Weg kam, und wäre ich morgen krank oder arbeitsunfähig, so weiß ich, wie leid es ihr thun und welch tiefen Schmerz es mir selbst verursachen würde, zu denken, wie wir einander verloren hätten. Aber ganz dieselbe Unverträglichkeit würde von Neuem hervortreten in dem Augenblick, wo ich wieder wohl wäre, und nichts in der Welt könnte bewirken daß sie mich verstände, oder daß wir für einander paßten. Ihr Temperament stimmt nicht zu meinem. Es bedeutete nicht so viel, als wir nur uns selbst zu berücksichtigen hatten, aber seitdem sind Gründe hinzugetreten, die es so gut wie hoffnungslos machen, daß wir noch auf diese Weise weiter zu kämpfen suchen. Was mich jetzt befällt, habe ich beständig herankommen sehen seit den Tagen, deren Du Dich erinnerst, als Mary geboren wurde, und ich weiß nur zu gut, daß weder Du noch irgend Jemand sonst mir helfen kann. Warum ich dies auch nur geschrieben habe, weiß ich nicht; aber es ist eine elende Art von Trost, daß Du genau weißt, wie die Sachen stehen. Die bloße Erwähnung der Thatsache, ohne jede Klage oder Tadel irgend welcher Art, ist mir in meiner gegenwärtigen Lage eine Erleichterung – und diese kann ich nur durch Dich erlangen, weil ich zu Niemand sonst davon reden kann.« In demselben Tone war seine Erwiederung auf meine Antwort. »Zu dem meisten was Du sagst – Amen! Du zeigst nicht so viel Toleranz, wie Du wohl zeigen könntest gegen das launische und rastlose Gefühl, das, wie ich glaube, einen Theil der Bedingungen ausmacht, unter welchen man ein Dichterleben führt und das ich, wie Du gut genug wissen solltest, oft nur niedergehalten habe, indem ich wie ein Dragoner darüber hinwegritt – doch nichts mehr davon. Ich mache keine sentimentale Klagen. Ich stimme mit Dir überein in Bezug auf die sehr möglichen, ja minder erträglichen Vorkommnisse, als die meinen, die oft im Ehestande eintreten können und müssen, wenn man sich sehr jung hineinbegibt. Ich empfinde auf's tiefste den mir beschiedenen Genuß des Lebens und seiner höchsten Gefühle, und ich habe mir Jahre lang gesagt und es ehrlich und aufrichtig empfunden: das ist der Nachtheil einer solchen Laufbahn und man darf sich nicht darüber beschweren. Ich sage es jetzt und fühle es ebenso stark als je zuvor und, wie ich Dir in meinem letzten Briefe sagte, bringe ich Alles dies nicht von jenem Gesichtspunkte aus vor. Aber die Jahre haben es für Keinen von uns Beiden erträglicher gemacht und eben so sehr um ihret- als um meinetwillen drängt sich mir der Wunsch auf, daß Etwas geschehen möchte. Ich weiß nur zu gut, daß es unmöglich ist. So liegen die Dinge und das ist Alles, was sich darüber sagen läßt. Auch mußt Du nicht glauben, daß ich das vor mir verberge, was auf der andern Seite angeführt werden kann. Ich mache keinen Anspruch auf Tadellosigkeit. Gewiß liegt ein großer Theil der Schuld auf meiner Seite, in Gestalt von tausend Ungewißheiten, Launen und Schwierigkeiten des Temperaments; aber nur Eines wird alles Dies ändern und das ist das Ende, welches Alles ändert.«

Es wird den Meisten nicht scheinen, daß hier Etwas vorlag, was nicht unter glücklicheren Umständen einer umsichtigen Erledigung fähig gewesen wäre; aber alle Umstände waren ungünstig und der mäßige Mittelweg, auf welchen die Eingeständnisse in jenem Briefe weise hinwiesen und den sie vollständig gerechtfertigt haben würden, wurde unglücklicherweise nicht gewählt. Man vergleiche dasjenige, was vorher über Dickens' Temperament gesagt wurde, mit dem, was er selbst hier über dessen Mängel sagt, und die Erklärung wird nicht schwer sein. Alle Einflüsse welche der einen Idee, die ihn jetzt beherrschte, hätten entgegenwirken können, waren so geschwächt, daß sie beinahe machtlos waren. Seine älteren Kinder waren keine Kinder mehr; seine Bücher hatten damals die Bedeutung verloren, welche sie früher vor allen andern Dingen in seinem Leben gehabt hatten, und in sich selbst besaß er nicht die Hülfsquellen, die man bei einem Manne wie ihm, wenn man ihn von der Oberfläche beurtheilte, hätte erwarten mögen. Nicht bloß sein Genie, sondern seine ganze Natur war zu ausschließlich aus der Sympathie für das Wirkliche in seiner intensivsten Gestalt zusammengesetzt, um gegen die Mängel der ihn umgebenden Wirklichkeiten hinreichend gerüstet zu sein. Es gab für ihn keine »Stadt des Geistes«, gegen alle äußern Uebel, zu innerm Trost und Schutz. In und aus dem Wirklichen suchte er noch die Freiheit und die Befriedigung eines Ideals, und eben durch seine Versuche, der Welt zu entrinnen, wurde er mitten in ihr Gedränge zurückgetrieben. Aber was er dort hätte suchen mögen, gewährt sie Niemandem; und das Bemühen, das Unendliche aus etwas so Endlichem zu gewinnen, hat manches starke Herz gebrochen.

Am Schluß jenes letzten Briefes aus Gadshill (5. September) stand die Frage: »Was meinst Du, wenn ich für diesen Ort bezahlte durch die Ausführung jenes alten Planes zu Vorlesungen aus meinen Büchern? Ich fühle mich sehr stark dazu versucht. Ueberlege Dir's.« Die Gründe dagegen waren sehr stark und gewannen meiner Ansicht nach noch an Stärke durch die Zeit, in welcher der Vorschlag gemacht wurde. Der alte Einwand blieb in Kraft bestehen: es war eine Substituirung niedrigerer für höhere Ziele, ein Hinabsteigen von einem edleren Beruf zum Gewöhnlichen, und es trug so sehr den Charakter einer öffentlichen Ausstellung für Geld, um mit der Frage der Achtung vor seinem Beruf als Schriftsteller auch die Frage der Achtung vor sich als Gentleman in Anregung zu bringen. Diese jetzt mit großer Entschiedenheit wiederholte Ansicht wurde schließlich zwei ausgezeichneten Damen seiner Bekanntschaft vorgelegt, die sich dagegen aussprachen; obgleich nicht ohne augenblickliche Besorgnisse hinsichtlich des theatralischen Charakters des Unternehmens, Besorgnisse welche die Gefahr andeuteten, die Denjenigen welche die entgegengesetzte Ansicht vertraten, vor Allem der Zeit um welche der Vorschlag gemacht wurde, anzuhaften schien. Die Furcht, daß er in Gefahr sei, die Bühne zu seinem Beruf zu wählen, mochte eine wilde Uebertreibung sein, aber jedenfalls war er im Begriff, sich nicht wenigen ihrer Unannehmlichkeiten und Nachtheile auszusetzen. Vielleicht war er sich selbst nicht in vollem Maaße bewußt, wie sehr sein Verlangen, ein öffentlicher Vorleser zu werden, nur das Resultat der ruhelosen häuslichen Unzufriedenheit der letzten vier Jahre war und daß er, indem er demselben und den davon unzertrennlichen wandernden Gewohnheiten nachgab, jeder Hoffnung, sein gestörtes häusliches Leben wieder herzustellen, entsagte. Es gibt im Hinblick aus ein so göttliches Genie wie Shakespeare nichts Rührenderes, als seine entschiedene Abneigung gegen einen Beruf, von dem er, in der eifersüchtigen Wachsamkeit seiner edlen Natur über sich selbst, fürchtete, er möge seinem Geiste schaden. Vgl. Shakespeare's Sonette, 110 und 111. Die lange nachfolgende Reihe von Schauspielern, so bewunderungswürdig im privaten wie im öffentlichen Leben und allen zarten und edeln Beziehungen der Schauspielerkunst, hat das Zeugniß ihres größesten Namens gegen deren weniger günstigen Einflüsse, gegen die nachlässigen Gewohnheiten, welche sie befördern kann und gegen ihre durch die Oeffentlichkeit ausgebildeten, mit häuslichem Glück und häuslichen Pflichten nicht immer verträglichen öffentlichen Sitten nicht geschwächt. Aber so sehr Dickens Rathschlägen in Bezug auf seine Bücher zugänglich war, so verhältnißmäßig unzugänglich war er denselben, aus schon früher erwähnten Gründen, Vgl. Band I. S. 51. Ch. in Bezug auf sein persönliches Verhalten; und wenn weder Mißtrauen gegen sich selbst noch Selbstverläugnung ihn zurück hielten, verfolgte er ausdauernd jeden Zweck, den er im Auge hatte.

Eine zeitgenössische Begebenheit beförderte die Entscheidung in dem vorliegenden Falle. Man hatte ein Unternehmen zur Herstellung eines Hospitals für kranke Kinder in's Werk gesetzt; ein großes altmodisches Haus in Great-Ormond-Street, mit einem geräumigen Garten, war mit mehr als 30 Betten dazu eingerichtet worden; während der vier oder fünf Jahre seines Bestehens hatten innerhalb und außerhalb des Hospitals fast 50,000 Kinder, von denen 30,000 weniger als fünf Jahre alt waren, Hülfe gefunden; aber Mangel an Capitalien bedrohte die Fortdauer der wohlthätigen Anstalt. Man beschloß daher ein öffentliches Dîner als Mittel zur Erlangung frischer Beiträge zu versuchen und die Wahl zum Vorsitzenden fiel auf Einen, der Alle durch seine Schilderung der Freuden und Leiden kleiner Kinder entzückt hatte. Dickens warf sich mit ganzem Herzen in diese Dienstleistung. In seiner Rede vom Präsidentenstuhle war ein einfaches Pathos, das in einer solchen Versammlung eine ganz überraschende Wirkung ausübte, und wohl nie bewegte er eine Zuhörerschaft mehr, als durch das starke persönliche Gefühl, womit er auf die Opfer hinwies, welche für das Hospital von den sehr Armen selbst gebracht worden seien, von denen eine Summe von 50 Pfund Sterl., bestehend aus Beiträgen von einzelnen Pennies, fast während eines jeden, seit der Eröffnung des Hospitals verflossenen Jahres, dem Kassenverwalter zugegangen war. In der That ist die ganze Rede eine der besten ihrer Art, die er überhaupt gehalten, und zwei kleine Bilder daraus, eins von dem Elend, dessen Zeuge er gewesen, und das andre von dem Hülfsmittel, das er dafür gefunden, dürfen dem Bilde seines eigenen Lebens nicht fehlen.

»Als ich vor einigen Jahren in Schottland war, machte ich mit einem der menschenfreundlichsten Mitglieder der menschenfreundlichsten Profession eine Morgenwanderung durch einige der ärmsten Viertel der alten Stadt Edinburgh. In den Höfen und Gassen jenes malerischen Ortes (ich bedauere, Sie daran erinnern zu müssen, welch' nahe Freunde das Malerische und der Typhus oft sind) sahen wir in einer Stunde mehr Armuth und Krankheit, als manche Leute in einem ganzen Leben für möglich halten würden. Unser Weg führte uns von einer der elendesten Wohnungen zur anderen; scheußliche Gerüche waren umher verbreitet; vom Himmel und von der Luft ausgeschlossen, schienen es bloße Gruben und Höhlen. In einem Zimmer eines dieser Orte, wo ein leerer Breitopf auf dem kalten Herde stand, und eine zerlumpte Frau und einige zerlumpte Kinder auf der nackten Erde daneben kauerten – und ich erinnere mich in diesem Augenblicke, wie selbst das Licht, von einer hohen feuchtfleckigen Mauer draußen zurückgeworfen, zitternd hereinkam, als hätte das Fieber, das Alles Andere schüttelte, es selbst geschüttelt – lag in einem alten Eierkasten, den die Mutter von einem Krämer erbettelt hatte, ein kleines, schwaches, abgezehrtes krankes Kind. Mit seinem kleinen abgezehrten Gesicht und seinen kleinen heißen abgemagerten, über der Brust gefalteten Händen, und seinen kleinen hellen aufmerksamen Augen kann ich es noch jetzt sehen, wie ich es mehrere Jahre gesehen habe, uns fest anblickend. Da lag es in seinem kleinen zerbrechlichen Kasten, der gar kein übles Sinnbild des kleinen Körpers war, von dem es langsam Abschied nahm – da lag es, ganz ruhig, ganz geduldig, ohne ein Wort zu sprechen. Es schreie selten, sagte die Mutter; es klage selten; ›es liege da und scheine sich zu wundern, was dies Alles bedeute‹. Gott weiß, dachte ich, als ich dastand und es ansah, es hat wohl Ursache sich zu wundern . . . Manches arme, kranke und vernachlässigte Kind habe ich seit jener Zeit in London gesehen, manches habe ich auch liebevoll gepflegt gesehen, in ungesunden Häusern und unter ärmlichen Verhältnissen, wo Genesung unmöglich war; aber immer sah ich dann meinen armen kleinen dahinwelkenden Freund in seinem Eierkasten, und immer hat er mir sein stummes Staunen kundgethan, was es Alles bedeute, und warum im Namen eines gnädigen Gottes solche Dinge geschehen! . . . Aber, meine Damen und Herren,« fuhr Dickens fort, »solche Dinge brauchen nicht zu geschehen und werden nicht geschehen, wenn diese Gesellschaft, die ein Tropfen des Lebensblutes des großen mitleidigen öffentlichen Herzens ist, nur die Mittel zur Rettung und Verhütung annehmen will, die ich ihr zu bieten habe. Fünf Minuten von diesem Platze, wo ich rede, steht ein ehemals vornehmes altes Haus, wo blühende Kinder geboren wurden und aufwuchsen, um verheirathete Männer und Frauen zu werden, und wohin sie ihre eigenen blühenden Kinder zurückbrachten, um die alte eichene Treppe, die noch bis ganz vor Kurzem dastand, hinaufzuklappern und die alten Holzschnitzereien der Kamine anzustaunen. In den luftigen Krankenzimmern, in welche die alten stattlichen Säle und Schlafgemächer jenes Hauses jetzt verwandelt sind, wohnen solche kleine Patienten, daß die Wärterinnen wie gezähmte Riesinnen aussehen und der freundliche Arzt wie ein liebenswürdiger christlicher Währwolf. Gruppirt um die kleinen niedrigen Tische in der Mitte der Zimmer, befinden sich solche kleine Convalescenten, daß es scheint, als spielten sie, daß sie krank gewesen wären. In den Puppenbetten liegen solche diminutive Geschöpfe, daß jeder arme kleine Dulder mit einem Brett voll Spielsachen versehen ist, und wenn man umherblickt, kann man sehen, wie die kleine runde geröthete Wange die Hälfte der thierischen Schöpfung auf ihrem Wege in die Arche umgestoßen hat, oder wie ein kleiner Arm voll Grübchen sämmtliche Zinnheere Europas (ich sah das selbst) niedergemäht hat. An den Wänden dieser Zimmer hängen anmuthige, gefällige, helle Kinderbilder. Zu Häupten der Betten befinden sich Darstellungen der Gestalt, welche die allgemeine Verkörperung aller Gnade und alles Mitleids ist, der Gestalt dessen, der einst selbst ein Kind war und ein armes. Aber ach! wenn der Besucher dieses Kinderhospitals die Zahl der Betten zählt, die dort sind, wird er genöthigt sein, etwas nach dreißig einzuhalten und mit Schmerz und Ueberraschung hören, daß selbst diese im Vergleich mit diesem gewaltigen London so verloren, so kläglich geringe kleine Zahl nicht erhalten werden kann, wenn das Hospital nicht besser bekannt gemacht wird. Ich beschränke mich darauf zu sagen: besser bekannt, weil ich nicht glauben will, daß es in einer christlichen Gemeinschaft von Vätern und Müttern, und Brüdern und Schwestern besser bekannt werden und nicht auch gut und reichlich ausgestattet werden kann.« Es war eine brave und wahre Prophezeiung. Das Kinderhospital hat seitdem nie Mangel gekannt. Jener Abend allein fügte seinen Geldmitteln mehr als 3000 Pfund Sterl. hinzu, und Dickens setzte seinem guten Werk die Krone auf, indem er bald nachher zum Besten des Hospitals seinen Christmas Carol vorlas, worauf der dabei erzielte Ertrag und die nachfolgenden dringenden Bitten, um eine Wiederholung des durch die Vorlesung gewährten Vergnügens jeden ferneren Widerstand gegen den Plan, auf eigene Rechnung öffentliche Vorlesungen zu halten, über den Haufen warfen.

Der Kinderhospitalsabend war den 9. Februar, die Vorlesung zum Besten des Hospitals war auf den 15. April festgesetzt, und fast einen Monat vorher hatten neue Versuche zu Einwendungen stattgefunden. »Ich glaube noch immer,« antwortete Dickens, »daß Deine Ansicht in Bezug auf die Vorlesungen durch Deinen eigenen eigenthümlichen Gesichtspunkt bedingt ist. Mir scheint, als gingest Du mit Deinen Erwägungen nicht aus Dir selbst heraus. Noch ein Wort darüber. Du mußt nicht denken, daß ich schon fest entschlossen bin. Wäre ich es, warum sollte ich es nicht sagen? Aber Deine Einwendungen machen es mir sehr schwer, einen festen Entschluß zu fassen, denn ich erkenne, daß die Frage in einem Gleichgewicht von Zweifeln besteht und ich empfinde in meinem innersten Herzen, in dieser Sache wie in allen andern, seit vielen Jahren die Ehre des Berufs, an dem ich immer auf's gewissenhafteste festgehalten habe. Aber bedenkst Du auch ganz, daß die öffentliche Ausstellung so wie so stattfindet, wer auch das Geld bekommt? Und weißt Du, daß in diesem Augenblick, eben jetzt, wenigstens die Hälfte des Publikums denkt, ich würde bezahlt? Mein lieber Forster, von den zwanzig oder fünfundzwanzig Briefen, die ich jede Woche in Bezug auf Vorlesungen erhalte, fragen zwanzig, für welchen Preis, oder unter welchen Bedingungen es geschehen kann. In der That, die einzigen Ausnahmen sind die, wo der Correspondent ein Geistlicher, oder ein Banquier, oder ein Parlamentsmitglied für den betreffenden Ort ist. Ja eben jetzt glaubt halb Schottland, daß ich dafür bezahlt werde, daß ich nach Edinburgh gehe! – Da ist ein Brief aus Greenock, worin man mich fragt, ob ich es für 100 Pfd. St. thun würde. Da ist einer ans Aberdeen, der von der Geräumigkeit der dortigen Halle spricht und sich erkundigt, ob dies, wennschon weit weniger einträglich als die sehr große Halle in Edinburgh, nicht doch genug sein würde? W. hat fortwährend solche Briefe zu beantworten. (Hier kommt Beale herein. Er war gestern Morgen hier und fragte dann brieflich an, ob ich ihn heute sehen könne. Ich antwortete ›Ja‹, und so kam er denn. Nach einer langen Vorrede erklärte er, er sei gekommen, um zu fragen, ob es möglich sei, etwas wie solche Vorlesungen für diesen Herbst auf ungefähr sechs Monate zu arrangiren. Ein großes Kapital stehe ihm zu Gebote. Er könne für ein solches Unternehmen Theilhaber gewinnen, ebenfalls mit großem Kapital. Der Ertrag werde ungeheuer sein. Ob ich eine Summe nennen wolle, die geringste Summe, auf die ich unter allen Umständen Anspruch mache? Ob ich es als ein Vermögen betrachten wolle und von keinem andern Gesichtspunkt? Ich schüttelte den Kopf und sagte, meine Zunge sei augenblicklich in Bezug auf diese Sache gebunden; ein anderes mal werde ich vielleicht mittheilsamer sein können. Exit Beale; verwirrt und enttäuscht.) – Es wird Dich freuen, zu hören, daß am Freitag um 1 Uhr der Lord Provost, der Dekan der Gilde, die Magistrate und der Rath der alten Stadt Edinburgh (in Procession) ihrem Mitbürger in der Musikhalle aufwarten werden, um ihn gastlich zu bewillkommnen. Ihr Mitbürger hat seit dem Empfange der sothanen feierlichen Ankündigung ihren Sternen und seinem eigenen geflucht.« Aber sehr erfreulich war nichtsdestoweniger die begeisterte Begrüßung, als sie kam, und sehr willkommen das Geschenk des silbernen Humpens, welches dem Lesen des Carol folgte. »Ich hatte keine Gelegenheit, irgend Jemand in Edinburgh um Rath zu fragen,« schrieb er nach seiner Rückkehr. »Die Menschenmenge war zu ungeheuer und die Aufregung zu groß. Aber mein Entschluß ist so gut wie gefaßt. Ich muß Etwas thun, oder mein Herz wird sich verzehren. Ich kann nichts Besseres sehen, was ich thun könnte, nichts was an sich halb so hoffnungsvoll, oder meinem rastlosen Zustande halb so angemessen ist.«

Was in diesen letzten Worten angedeutet wurde, war als ein Grund zu Einwendungen benutzt worden, er dagegen benutzte es als Grund nach der entgegengesetzten Seite. Während aller dieser Monate hatten viele traurige Mißverständnisse in seinem Hause fortgedauert, und die Erlösung von dem Elend, wonach er suchte, hatte nur die Wirkung, jede Hoffnung auf ein besseres Verständniß hoffnungslos zu machen. »Es wird nothwendig,« schrieb er zu Ende März, »im Hinblick auf die Anordnungen, welche im nächsten Monat beginnen müssen, falls ich mich für die Vorlesungen entscheide, die Frage des Hineinstürzens in diese neue Thätigkeit zu erwägen und zu erledigen. Sieh vollständig ab von jedem Bezuge auf meine gegenwärtigen häuslichen Zustände. Nichts kann diese in Ordnung bringen, bis wir Alle todt und begraben und wieder auferstanden sind. Es ist für mich nicht mehr eine Sache des Willens, oder des Versuchs, oder der Geduld, oder des guten Humors, oder des zum Besten Wendens, oder des zum Schlechten Wendens. Es ist Alles hoffnungslos vorbei. Gib keiner zögernden Hoffnung auf mich oder für mich nach dieser Seite Raum. Ein trauriges Mißgeschick muß ertragen werden, und das ist das Ende. Willst Du also versuchen, an diesen Vorlesungsplan zu denken (wie ich selbst es thue), abgesehen von allen persönlichen Neigungen und Abneigungen, einzig und allein hinsichtlich seiner Wirkung auf das eigenthümliche Verhältniß (ein persönlich liebevolles Verhältniß wie das keines andern Menschen), welches zwischen mir und dem Publikum besteht? Ich bitte Dich um Deine sorgfältigste Ueberlegung. Wenn Du, nachdem Du darüber nachgedacht hast, die Sache mit mir und Arthur Smith (der alles Geschäftliche, womit ich mich nie abgeben würde, besorgen wird) besprechen möchtest, so wollen wir eine Verabredung treffen. Aber ich muß hinzufügen, daß Arthur Smith einfach sagt: ›Ueber den ungeheuern Geldgewinnst habe ich keinerlei Zweifel. Ueber das Hineinstürzen in die neue Stellung bin ich jedoch kein so guter Richter.‹ Ich lege eine Skizze meines Planes bei, Hier ist die Skizze, in der es den Leser interessiren wird, die ursprünglich dem Plane gesetzten Grenzen zu bemerken. Dickens hatte noch nicht das volle Vertrauen zu seinem Talent und seiner Vielseitigkeit als Schauspieler gewonnen, welches seine spätere Erfahrung ihm gab. »Ich beabsichtige, in einer kurzen und einfachen Annonce anzukündigen (was ganz wahr ist), daß ich die in Bezug auf Vorlesungen an mich gerichteten zahlreichen Anfragen nicht einmal beantworten kann, und daß eine Zusage zu noch so wenigen völlig unmöglich ist. Daß ich deshalb beschlossen habe, eine Reihe von Vorlesungen des Christmas Carol in London und in den Provinzen zu veranstalten und daß die Vorlesungen in London an gewissen Abenden in St. Martin's Hall stattfinden werden. Diese Abende werden entweder vier oder sechs Donnerstage sein, im Mai und zu Anfang Juni. Ich beabsichtige eine Herbsttour in den Provinzen, die sich über den August, September und Oktober ausdehnen wird. Dieselbe würde die östlichen Grafschaften, den Westen, Lancashire, Yorkshire und Schottland umfassen. Ich würde auf dieser Tour mindestens 35 bis 40 mal lesen. An jedem Orte, wo der Erfolg groß ist, würde ich selbst ankündigen, daß ich nach Weihnachten zurückkommen werde, um eine zu diesem Zweck geschriebene neue Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Diese Geschichte würde ich erst verschiedene Male in London vorlesen. Ich hege die feste Ueberzeugung, daß auf diese Weise bis zum April des folgenden Jahres eine sehr große Geldsumme gewonnen sein würde. Irland würde dann noch unberührt sein und ich glaube, daß Amerika allein (wenn ich mich entschließe dorthin zu gehen) 10,000 Pfd. St. werth sein wird. Bei allen diesen Unternehmungen würde das Geschäftliche vollständig von mir getrennt bleiben und ich würde nie dabei zum Vorschein kommen. Ich würde in London ein Büreau eröffnen lassen, das sich mit den Vorlesungen beschäftigen würde und mit nichts Anderem, ich würde die Annoncen von dort ausgehn und auch von Jemandem, der dazu gehört, unterzeichnen lassen, und man würde mich immer als eine dritte Person erwähnen, grade so wie z. B. das Kinderhospital in seinen Ansprachen an das Publikum mich erwähnt.« wie er vor meinem Geiste steht.«

Arthur Smith, ein Mann, der manche Eigenschaften besaß, welche Dickens' Vertrauen zu ihm rechtfertigten, mochte kein guter Richter über das »Hineinstürzen« in die neue Stellung gewesen sein; aber Niemand kannte besser alle damit verknüpften Nachtheile, oder war weniger der Mann, sich dadurch aus der Fassung bringen zu lassen. Eben der Umstand, daß er für die Betreibung des Unternehmens so ausgezeichnet paßte, machte ihn zu einem gefährlichen Rathgeber über dasselbe. Binnen einer Woche von dieser Zeit an sollte die Vorlesung für das Kinderhospital stattfinden. »Man hat,« schrieb Dickens am 9. April, »fünfhundert Sperrsitze für den Hospital-Abend verkauft, und da alle Tage noch Leute kommen, die mehr haben wollen, und es unmöglich ist mehr zu machen, so kann es nicht verhindert werden, daß man in St. Martin's Hall Unterschriften für andere Vorlesungen in Empfang nimmt.« Dies machte allen Versuchen zu ferneren Einwendungen ein Ende. Genau vierzehn Tage nach der Vorlesung für das Kinderhospital, Donnerstag, 29. April, fand die erste öffentliche Vorlesung auf seine eigene Rechnung statt; und ehe der nächste Monat vorüber war, war diesem Auslaufen in ein neues Leben eine Veränderung in seiner alten Heimath gefolgt. Seitdem lebten er und seine Frau getrennt. Der älteste Sohn blieb bei seiner Mutter, (welchem von ihr ausgedrückten Wunsche Dickens sofort seine Zustimmung gab) und die andern Kinder blieben bei ihm, während ihr Verkehr mit Mrs. Dickens ganz ihnen selbst überlassen wurde. Es war soweit eine Anordnung streng privater Natur und kein anständiger Mensch hätte sie in irgend einem andern Lichte betrachten können, wäre die öffentliche Aufmerksamkeit nicht unerwarteter Weise durch eine in Household Words abgedruckte Erklärung darauf hingelenkt worden. Dickens wurde dazu angestachelt durch ein elendes Geschwätz, worüber unter gewöhnlichen Umständen Niemand ein entschlosseneres Stillschweigen beobachtet haben würde als er; aber er mußte sich jetzt zu bestimmten Zeiten als öffentlicher Vorleser vor dem Publikum zeigen, und dies zu thun, während sein Name auch nur auf solche Weise verläumdet war, war ihm unmöglich. Alles was er meinem ernsten Widerstand gegen eine solche Veröffentlichung zugestehen wollte, war das Anerbieten, dieselbe zu unterlassen, falls die Ansicht eines (noch lebenden) ausgezeichneten Mannes, dem die Sache vorgelegt werden sollte, mit meiner Ansicht übereinstimmte. Unglücklicherweise stimmte sie zu seiner eigenen und die Veröffentlichung fand statt. Es folgte ihr eine andere Erklärung, ein mit seinem Namen unterschriebener Brief, der ohne seine Genehmigung gedruckt wurde, und von dem öffentlich nichts bekannt war (ich war unter denen, die ihn privatim gelesen hatten), ehe er in der »New York Tribüne« erschien. Er war an Arthur Smith gerichtet und diesem gegeben als Autorität zur Berichtigung falscher Gerüchte und Scandale, und Smith hatte eine Abschrift davon, zu gleichem Zwecke, an den Londoner Correspondenten der Tribüne gegeben. Dickens sprach später immer davon als von seinem »verletzten Briefe«.

Der Verfasser dieses Buches wird hier nicht von dem Verhalten abweichen, welches er zur Zeit dieser Vorgänge beobachtete. Ich habe es nicht vermieden, die durch diese Begebenheit seines Lebens veranlaßte Beleuchtung ernster Mängel in Dickens' Charakter den Entschuldigungen zur Seite zu stellen, auf deren Beherzigung er einen ebenso unzweifelhaften Anspruch besaß. Inwiefern der Rest seiner Geschichte dadurch und besonders durch die veränderte Laufbahn, in welche er gleichzeitig eintrat, Ton und Farbe erhielt, wird so hinreichend erklärt werden und mit etwas Anderem hat das Publikum Nichts zu thun.

 

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