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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Klein Dorrit und eine müßige Tour.
1855–1857.

Zwischen Harte Zeiten und Klein Dorrit waren Dickens' hauptsächliche literarische Arbeiten die beiden für Household Words geschriebenen Weihnachtserzählungen von 1854 und 1855: »Geschichte Richard Doubledick's« Den Grundriß dieser Skizze bildete eine ebenfalls von Dickens gegebene malerische Beschreibung der berühmten wohlthätigen Stiftung in Rochester, welche im sechzehnten Jahrhundert von Richard Watts gemacht wurde, »für sechs arme Reisende, ausgenommen Spitzbuben und geistliche Anwälte, die für eine Nacht gratis Logis, Beköstigung und vier Pence à Person empfangen können.« Ein für Watts errichtetes originelles Denkmal ist der hervorragendste Gegenstand an der Mauer des südwestlichen Querschiffs der Kathedrale und darunter befindet sich jetzt eine Broncetafel, mit folgender Inschrift: » Charles Dickens. Geboren in Portsmouth, 7. Februar 1812. Gestorben in Gadshill bei Rochester, 9. Juni 1870. Begraben in der Westminster-Abtei. Um sein Gedächtniß mit dem Schauplatz zu verknüpfen, auf dem er seine frühesten und seine spätesten Jahre verlebte, und mit den Erinnerungen an die Kathedrale von Rochester und deren Umgebung, welche sein ganzes Leben erfüllten, wurde, mit der Bewilligung des Dekans und des Kapitels, diese Gedenktafel von seinen Testamentsvollstreckern aufgestellt.« und »Der Hausknecht im Gasthof zum Holly-Tree« gewesen, welche später durch seine Vorlesungen in den weitesten Kreisen populär wurden. In der letzteren Geschichte wurde mit reizender Natürlichkeit und Lebendigkeit die Entlaufung zweier Kinder von dem reifen Alter von sieben und acht Jahren erzählt, die sich in Gretna Green vermählen wollten. Zu Weihnachten 1855 kam das erste Heft von Klein Dorrit heraus und im April 1857 das letzte.

Das Buch hatte seinen Ursprung in Dickens' Vorstellung von der Hauptperson einer Geschichte, die alles Mißgeschick darin herbeiführen, aber Alles der Vorsehung aufbürden und bei jedem neuen Unglück sagen sollte: »Nun, es ist eben eine Schickung, es kann Niemanden zur Last gelegt werden.« Der erste, aus vielen andern gewählte Titel war: » Niemandes Schuld« und vier Hefte waren geschrieben und das erste am Vorabend der Veröffentlichung, ehe dieser Titel abgeändert wurde. Als er im Begriffe stand, an die Arbeit zu gehen, entschuldigte er sich in Bezug auf eine früher eingegangene Verbindlichkeit mit dem Umstande, daß »die Geschichte rings um ihn her hervorbreche und daß er eine Eisenbahnfahrt machen wolle, um sie in guter Laune zu halten«. Doch das in guter Laune Halten war etwas schwer und die Anzeichen eines Nachlassens seiner Erfindungsgabe, die sich zuerst bei Bleak House kundgaben, machten sich von Neuem bemerkbar. »Was die Geschichte betrifft,« schrieb er im August 1855, »so bin ich beim zweiten Hefte, und gestern Abend und heute Morgen war ich halb Willens, von Neuem anzufangen und das, was schon fertig ist, später hinein zu verarbeiten.« Es war ihm vorgekommen, als habe er einen Effekt verloren, indem er, wie der Anfang der Geschichte jetzt steht, die Reisegefährten sofort mit einander bekannt gemacht hatte. »Mir schien, es würde etwas Neues sein, wenn ich zeigte, wie Menschen auf zufällige Weise als Reisegefährten zusammen kommen und ohne einander zu kennen, an dem selben Orte sind, grade wie es im Leben geschieht, und sie dann nachher mit einander in Verbindung zu bringen und das Warten auf diese Verbindung zu einem Theile des Interesses zu machen.« Er führte diese Veränderung nicht aus; aber der Umstand, daß er daran dachte, war für mich eine von mehreren Andeutungen der veränderten Voraussetzungen, unter welchen er damals schrieb, und daß der alte, volle, unwiderstehliche Fluß seiner Phantasie eine zeitweilige Abnahme erfahren habe. Im Hinblick hierauf war es von vielem Interesse für mich, die ursprünglichen Notizen, die er, wie gewöhnlich, für jedes Heft der Erzählung zusammenstellte und die sich, wie alle andern, in meinem Besitz befinden, mit denen zu Chuzzlewit oder Copperfield zu vergleichen, und dabei in den ersteren die Arbeit und die Mühe, in den letzteren die Leichtigkeit und Sicherheit der Behandlung wahrzunehmen. Es schien mir angemessen, einen so merkwürdigen Contrast, mit Herbeiziehung Copperfield's, im Facsimile darzustellen und ich kann dem Leser versichern, daß die umstehend gegebenen Beispiele den allgemeinen Charakter der Notizen zu den beiden Büchern sehr treu ausdrücken.

Facsimile des Entwurfs für das erste Heft von David Copperfield

Facsimile des Entwurfs für das erste Heft von David Copperfield

Facsimile des Entwurfs für das erste Heft von Klein Dorrit

Facsimile des Entwurfs für das erste Heft von Klein Dorrit

»Ich habe jetzt grade die Arbeit an dem dritten Heft angefangen, zuweilen begeistert, öfter unmuthig genug. Es ist eine ungeheure Auslage in dem Kapitel über den Vater des Marshalsea-Gefängnisses, weil dabei eine große Menge Stoff in einen kleinen Raum zusammengedrängt wird. Ich bin noch nicht ganz entschlossen, aber ich habe stark im Sinne, diese Familie mit Reichthum zu überhäufen. Ihre Lage würde sehr merkwürdig sein. Ich kann Dorrit, wie ich hoffe, in der Geschichte sehr bedeutend machen.« Der Theil der Erzählung, welcher von dem Marshalsea-Gefängniß handelt, ist ohne Frage vortrefflich und der Gegensatz in den Charakteren der Brüder Dorrit wird meisterhaft dargestellt; aber von der Familie im Allgemeinen kann man sagen, daß ihre unwichtigsten Mitglieder am meisten von seinem Genie zeigten. Der jüngere der Brüder, der ungerathene Sohn und »lieb Fanny« sind vollkommen wirkliche Menschen in dem was sie nicht anziehend macht, aber was in der Heldin für anziehend gelten soll, ist oft ermüdend aus Mangel an Wirklichkeit.

Das erste Heft erschien am 1. December 1855 und am 2ten schrieb er mir ein triumphirendes Billet. » Klein Dorrit hat selbst Bleak House aus dem Felde geschlagen. Es ist ein höchst glänzender Anfang und ich bin außer mir vor Freude.« Am 6. des folgenden Monats schrieb er aus Paris: Du weißt wohl, daß am Neujahrstage 35,000 Exemplare des zweiten Heftes verkauft sind.« Er war noch in Paris bei dem Erscheinen desjenigen Theiles der Erzählung, wegen dessen man sich ihrer immer am lebhaftesten erinnern wird, und schrieb am 30. Januar wie folgt: »Ich fühle heute Abend ein grimmiges Vergnügen in dem Gedanken, daß das ›Amt der Umschweife‹ das Licht der Welt erblickt und bin neugierig zu hören, was für einen Eindruck es machen wird. Aber mein Kopf ist wirklich gepeinigt durch Visionen des Buches und ich will ihn, wie wir Franzosen sagen, von seiner Last befreien, indem ich mich in einige der wunderlichen Orte stürze, in welche ich Nachts in diesen Breiten hineingleite.« Die Helden des Amts der Umschweife führten zu den Gesellschaftsscenen, zu den Skizzen über die verwittweten Damen in Hampton-Court und zu Mr. Gowan – Alles Theile einer und derselben gegen die herrschenden politischen und socialen Laster gerichteten Satire. Er hatte dabei auf einige lebende Originale gezielt, die hinreichend vor dem Erkanntwerden gesichert waren, um ihn in den Stand zu setzen, seinen Stoß um so treffender zu führen; aber es war eine selbstenthüllte Ausnahme da. »Ich hatte,« schrieb er mir, während er an dem sechsten Heft arbeitete, »den allgemeinen Gedanken zu den Gesellschaftsscenen vor der Sadleir'schen Geschichte, aber Mr. Merdle formte ich nach dem Muster jener herrlichen Spitzbüberei. Die Gesellschaft, das Amt der Umschweife, und Mr. Gowan sind natürlich drei Theile eines und desselben Gedankens und Planes. Merdle's Leiden, das, wie Du schließlich finden wirst, in Betrug und Fälschung besteht, kam mir in den Sinn bei dem letzten Tropfen in dem silbernen Rahmtopf auf Hampstead-Heath. Ich werde Dich, wenn Du das gegenwärtige Heft gelesen hast, bitten, zu untersuchen, ob ›Bar‹ in Bezug auf K. F. als Probe einer angedeuteten Aehnlichkeit in nicht vielen Zügen gelten kann.« Die Aehnlichkeit war nicht zu verkennen, und obgleich dieser specielle Mann der Barre seitdem in eine höhere und glücklichere Sphäre aufgestiegen ist, so laufen die Gerichtshöfe in Westminster doch keine Gefahr, »die einschmeichelnde Verbeugung gegen die Jury und die überredende Lorgnette« zu verlieren, wodurch dieser scharfe Beobachter in einem halben Dutzend Worten eine Charaktergestalt malen konnte.

Von andern Theilen des Buches, die ein starkes persönliches Interesse für ihn hatten, habe ich schon früher gesprochen Vgl. Bd. I. S. 67 ff. und ich will jetzt nur noch eine Anspielung darauf von ihm selbst hinzufügen. »Es kommt im siebenten Heft Mehreres von Flora vor, was mir außerordentlich drollig scheint, und dennoch liegt etwas Ernstes dabei zu Grunde. Ah, nun! hatte es nicht auch einmal eine sehr ernste Bedeutung? Es freut mich zu denken, daß ich bei der Annäherung von Heft zehn, in dem ich endgültig beschlossen habe, Dorrit reich zu machen, die langen Sommermorgen auf dem Lande haben werde. Es sollte ein sehr schöner Punkt in der Geschichte sein . . . Nichts reizte mich bei Flora so sehr zum Lachen als die Ideenverwirrung, zwischen Gicht, die sich nach oben erstreckt und Gicht, die mit Mr. F. in eine andre Sphäre empor fliegt.« Er selbst fand auch kein unbeträchtliches Vergnügen an Mr. F's. Tante; und in dem alten Schurken von einem Patriarchen, dem oberflächlich glatten Casby und andern Umgebungen der armen Flora war Komik genug, um eine ganze Schiffsladung von Charakteren zweiten Ranges über Wasser zu halten, angenommen, daß solche den Stapel des Romans gebildet hätten. Dies zu behaupten, würde jedoch nichts weniger als billig sein. Der Mangel des Buches lag weniger in der Abwesenheit ausgezeichneter Charaktere oder scharfer Beobachtung, als in der fehlenden Natürlichkeit und dem Zusammenhang zwischen den Gestalten des Romans und einem centralen Interesse in der Anlage. Außerdem sind die Einflüsse, welche die Katastrophe herbeiführen, noch weniger erfreulich als selbst in Bleak House und, (worin Klein Dorrit diesem gutangelegten Romane sehr unähnlich ist,) mehrere der am tiefsten durchdachten Dinge darin haben wirklich mit der eigentlichen Geschichte wenig zu thun. So ist, um ein Beispiel anzuführen, die äußere Beschreibung von Miß Wade und Tattycoram nichts weniger als anziehend; dennoch liegt in der Unähnlichkeit zwischen beiden eine seltene Macht der Aehnlichkeit, in der eine große Feinheit der Auffassung sich offenbart; und beide, ebenso wie Gowan, hätten einen bedeutenden Effekt in dem Romane machen müssen, wenn sie wesentlicher zu seinem Interesse oder seiner Entwicklung beigetragen hätten. Das Mißlingen war nichtsdestoweniger keinem Mangel an Sorgfalt und Nachdenken, weder in Bezug auf seine eigenen Pläne, noch in Bezug auf die von Meistern seiner Kunst geschaffenen Muster zuzuschreiben. »Ich zweifle nicht,« schrieb er, »daß ein Haupttheil von Fielding's und auch von Smollet's Gründen für die Einschaltung von Episoden der war, daß es wirklich mitunter unmöglich ist, in einem vollen Buche die Idee, welche dasselbe enthält, zur Anschauung zu bringen, ohne bei dem Leser ein ebenso großes Maaß von Phantasie vorauszusetzen als bei dem Autor. Bei Miß Wade hatte ich, was ich für neu hielt, den Gedanken, die Episode Umständen, welche unmöglich von der Hauptgeschichte zu trennen sind, auf eine Weise anzupassen, daß das Blut des Buches durch beide circuliren müßte. Aber nach dem, was Du sagst, kann ich nur annehmen, daß mir dies nicht ganz gelungen ist.«

Kurze Zeit nach dem Datum dieses Briefes kam er in Geschäften, welche mit dem Ankauf von Gadshill Place zusammenhingen, nach London und ging in den Borough, Ein am Südufer der Themse gelegenes Stadtviertel. – D. Uebers. um zu sehen, welche Spuren noch von dem Gefängniß vorhanden waren, dessen erste Eindrücke sich aus seiner Kindheit herschrieben, das in diesem letzten Roman eine so wichtige Rolle gespielt hatte, und von dem er, lediglich durch die Lebendigkeit seines wunderbaren Gedächtnisses, in seinem Buche jeden Ziegel und jeden Stein wieder aufgebaut hatte. »Ich ging gestern, ehe ich nach Gadshill fuhr, in den Borough, um zu sehen, ob ich noch Trümmer von dem Marshalsea finden könne. Ich fand einen großen Theil des ursprünglichen Gebäudes, jetzt Marshalsea-Place genannt. Ich fand die Zimmer, die mir in dem Romane vorschwebten. Ich fand einen sehr kleinen Jungen, der einen sehr großen Jungen wartete und der, da er mich auf dem Marshalsea-Pflaster stehen und mich umschauen sah, mir sagte, wie Alles früher war. Gott weiß, wie er es erfahren hat (denn er war eine Welt zu jung, um etwas davon zu wissen), aber er hatte Recht genug . . . Zu meinem Erstaunen steht noch ein Zimmer da, das ich mir vielleicht miethen werde. Es ist das Zimmer, durch welches die ewig denkwürdigen Unterzeichner von Capitän Porter's Bittschrift in meiner Kindheit abzogen. Vgl. Bd. I. S. 43 ff. Die Eisenzinken sind fort und die Mauer ist niedriger gemacht, und Jeder kann jetzt hinausgehen, der will, und nicht bettlägerig ist; und ich sagte zu dem Jungen: Wer wohnt dort? und er sagte: ›Jack Pithick‹. – Wer ist Jack Pithick? fragte ich ihn. Und er sagte: ›Joe Pithick's Onkel‹.«

Dieser Besuch wurde erwähnt in der Vorrede, welche mit dem letzten Hefte erschien, und Alles was über das vollendete Buch noch zu bemerken bleibt, ist, daß es, obgleich in dem Humor und der Satire seiner besten Theile Dickens' nicht unwürdig, und obgleich geschrieben mit dem klaren, seiner besonders würdigen Zwecke, den Gegensatz zwischen der Erfüllung der Pflicht und der Nichterfüllung der Pflicht, im Privatleben wie öffentlichen Leben, in Armuth und in Reichthum, zur Darstellung zu bringen, doch seinen Ruhm nicht vermehrte. In der ungeheuern Zahl seines Publikums war dagegen keine Abnahme erkennbar und eine charakteristische Bemerkung in einem seiner Briefe zeigt, wie besorgt er war, die Gegenwirkung zu vermeiden, welche die aus kritischen Unhöflichkeiten für ihn entspringende Unruhe hervorbringen konnte. »Neulich Abends wurde mir ein Entschluß, an dem ich nun schon 20 Jahre festgehalten, nämlich von Angriffen auf mich keine Kenntniß zu nehmen, auf lächerliche Weise vereitelt, indem ich, ehe ich mich aufraffen konnte, über einen kurzen Auszug aus ›Blackwood's Magazin‹ im ›Globe‹ stolperte, worin ich benachrichtigt wurde, daß Klein Dorrit leeres Geschwätz sei. Ich wurde hinlänglich dadurch aufgeregt, um mich über mich selbst zu ärgern, daß ich ein solcher Narr bin und war; dann wieder mit mir zufrieden, weil ich einem guten Entschlusse so lange treu geblieben war.« Kaum vier Monate nach seinem Tode fand eine historisch gewordene Scene statt, die, hätte er noch gelebt, um davon zu hören, ihn hätte mehr als trösten können . . . Es war die Zusammenkunft von Bismarck und Jules Favre unter den Mauern von Paris. Der Preuße war bereit, sein Feuer auf die Stadt zu eröffnen; der Franzose war mit der schwierigen Aufgabe beschäftigt, zu zeigen, daß es weise sein werde, dies nicht zu thun; und »wir hören,« sagen die Zeitungen von diesem Tage, »daß, während die beiden berühmten Staatsmänner sich bemühten, eine Basis für Unterhandlungen zu finden, Moltke in einer Ecke saß und Klein Dorrit las.« Brief aus Paris vom 25. September 1870 in der »Pall-Mall-Gazette« vom 3. Oktober. Wer möchte zweifeln, daß das Kapitel »Darüber wie man es nicht machen muß« die Aufmerksamkeit des alten Soldaten fesselte?

*

Vorbereitungen zu den Aufführungen in Tavistock House waren bis zur Weihnachtszeit unablässig betrieben worden. Das Schulzimmer wurde in ein Theater verwandelt und ein Babel's würdiges Sägen und Hammern dauerte wochenlang fort. Stanfield's unschätzbare Hülfe war wieder gewonnen und ich erinnere mich, daß ich ihn eines Tages damit beschäftigt fand, einige sehr kunstreiche Anordnungen von Dickens über den Haufen zu werfen, wobei er ein aus Stühlen gebildetes Proscenium vor sich hatte und die Scenerie mit Spazierstöcken entwarf. Aber Dickens verstand in derartigen Dingen die Kunst, Rath anzunehmen, und wenn die Vorschläge, die man ihm machte, nur im mindesten zweckmäßig waren, war er immer bereit, danach zu handeln. In einer seiner großen Schwierigkeiten, für die Zuhörer wie für die Schauspieler mehr Raum zu gewinnen, sagte man ihm, Mr. Cooke von Astley's Amphitheater sei ein Mann, der hierin großes Geschick besitze; und an Mr. Cooke wendete er sich daher, mit folgendem Resultat. »Eins der hübschesten Dinge in seiner Art, das ich je gesehen« (18. Oktober 1856), »war die Ankunft meines Freundes Cook, an einem Morgen dieser Woche, in einem offenen Phaeton, gezogen von zwei weißen, ganz mit schwarzen (offenbar gedruckten) Flecken bedeckten Ponies, die zum Thore hereinkamen mit einem kleinen Stoßen und Rasseln, grade wie sie in den Circus kommen, wenn sie etwas ziehen, und um das mittlere Blumenbeet im Vorhofe rund herumliefen, als sähen sie sich nach dem Hanswurst um. Eine Menge Jungen, die merkten, daß dies keine gewöhnlichen Ponies seien, stürzten in athemloser Aufregung herbei – wanden sich wie Epheu um das eiserne Geländer und wurden nur durch das zürnende Auge des Unnachahmlichen abgeschreckt, den Hofraum zu stürmen. Einige dieser Jungen waren ihnen offenbar vom Circus her gefolgt. Ich bedauere hinzuzufügen, daß mein Freund, als unsre Verlegenheiten ihm erklärt wurden, keinerlei Vorschläge zur Ueberwindung derselben machen konnte, nicht die leiseste Idee davon hatte und ebenso gut der populäre Geistliche aus dem Tabernakel in Tottenham Court-Road hätte sein können. Alles was er mir antworten konnte – als ich im Garten vor ihm stand, in ganz derselben Position als wäre ich der Hanswurst, der ihm Abends ein Räthsel aufgibt – war: daß zwei von ihren Stallzelten im November zurückkommen würden, und daß sie einen Umfang von zwanzig Quadratfuß hätten, und daß man sie mir mit dem größten Vergnügen überlassen wolle. Dann sagte er auch: ›Sie könnten ein halbes Dutzend von meinen Trapezen oder meinen Mittleren-Entfernungs-Tischen haben, aber sie messen alle sechs Fuß und sind alle zu niedrig, Sir.‹ Seitdem habe ich beschlossen, es Alles auf meine eigene Weise zu machen, und mit meinem eigenen Zimmermann. Das Aussehn des Zimmers wird Dich überraschen. Es gleicht dem Schulzimmer ebenso wenig als dem Wirthshausschild zu Ambelside in Westmoreland. Die Töne im Hause erinnern mich, in Bezug auf die Gegenwart, an den Dockyard in Chatham – in Bezug auf eine ferne Vergangenheit, an den Bau von Noah's Arche. Die Tischler kommen nie aus dem Hause und der Zimmermann scheint auf Lebenszeit heimathslos (oder ansässig).«

Die Zeit brachte natürlich keine Besserung und als Weihnachten herankam, befand das Haus sich in Belagerungszustand. »Den ganzen Tag über macht ein Arbeiter Kleister in einem großen Topfe über dem Feuer heiß. Wir essen ihn, trinken ihn, athmen ihn und riechen ihn. Siebenzig Malertöpfe (die in einem Frachtwagen ankamen) schmücken die Bühne; und darauf sind zu sehen Stanny und drei Dansons (aus dem Zoologischen Garten in Surrey), die alle zugleich malen!! Inzwischen ist Telbin in einem einsamen Zimmer in Brewerstreet, Golden-Square, mit seinem Antheil an dem kleinen Unternehmen beschäftigt.« Wie ausgezeichnet dasselbe endlich gelang, die Vortrefflichkeit der Aufführungen und das Entzücken der Zuhörerschaften, wurde in ganz London bekannt, und die Bemühungen um Einlaß nahmen endlich die Form einer aus lächerlichen Nothbehelfen und düstern Enttäuschungen zusammengesetzten Tragi-Komödie an, der selbst Dickens' Hülfsquellen nicht gewachsen waren. »Mein Publikum beträgt jetzt 93,« schrieb er eines Tages in Verzweiflung, »und wenigstens 10 werden weder hören noch sehen.« Es blieb weiter nichts übrig, als die Zahl der Vorstellungen zu vermehren und erst am 20. Januar schilderte er »die Zertrümmerung der letzten Atome des Theaters durch die Arbeiter.«

Sein Buch brachte er bald nachher zum Abschluß in Gadshill Place, das er im vorigen Jahre gekauft hatte und im Februar bezog; und in dem Briefe, welcher diese Thatsache ankündigte, unterschrieb er sich als »den kentischen Freisassen, auf seiner heimathlichen Haide, sein Name Protektion«. Sein neuer Aufenthalt beschäftigte ihn während des Frühsommers auf verschiedene Weise, und der Däne Hans Andersen war grade zu einem Besuche bei ihm dort angekommen, als ein unerwarteter Tod Douglas Jerrold dahinraffte. Es war ein Stoß für Alle und ein besonderer Schmerz für Dickens. Jerrold's Witz und sein glänzender scharfsinniger Geist, der so viele Triumphe errang, bedürfen keines Lobes von mir; aber der schärfste der Satiriker war zugleich einer der liebenswürdigsten Menschen, und Dickens empfand für Jerrold eine Neigung, welche ebenso aufrichtig war als seine Bewunderung für ihn. »Zufällig weiß ich ziemlich viel über die Krankheit des armen Menschen, denn ich traf den letzten Tag als er ausging mit ihm zusammen. Es war vor zehn Tagen, auf dem Wege zu einem von Russell Dem bekannten Times-Correspondenten. – D. Uebers. in Greenwich gegebenen Dîner. Er klagte sehr über sein Befinden, sagte, er sei drei Tage krank gewesen und schrieb es dem Einathmen weißer Oelfarbe vom Fenster seines Studirzimmers zu. Für den Augenblick machte dies keinen besondern Eindruck auf mich; aber als wir durch Leicester-Square gingen, fiel er plötzlich in einen weißen, heißen, kranken Schweiß und mußte sich an das eiserne Geländer anlehnen. Dann sollte er auf meine dringende Bitte in eine Droschke steigen und nach Hause fahren; aber bald nachher erholte er sich und beschloß, als wir Russell begegneten, mit uns zu kommen. Wir drei fuhren mit dem Dampfboote den Fluß hinunter, um das große Schiff Den Great Eastern, der damals in einem der Themsedocks gebaut wurde. – D. Uebers. zu sehen; und nahmen dann einen offenen Wagen und fuhren auf Blackheath umher, wo der arme Douglas die frische Luft gewaltig genoß und fortwährend sagte, sie mache ihn gesund. Bei dem Dîner war er ziemlich still – saß neben Delane Redacteur der Times. – D. Uebers. – war aber sehr humoristisch und in guter Stimmung, obgleich er kaum irgend etwas genoß. Wir nahmen unter Verabredungen in Bezug auf seinen Besuch in Gadshill Abschied und ich sah ihn nicht wieder. Am folgenden Morgen wurde er sehr krank, als er versuchte aufzustehen. Am Mittwoch und Donnerstag befand er sich sehr schlecht, erholte sich aber am Freitag und war überzeugt, daß er wieder besser werden würde. Am Sonntag war er wieder sehr krank und Montag Vormittag starb er, ›in Frieden mit aller Welt‹, wie er sagte, und mit Abschiedsgrüßen an seine Freunde. Erst wenige Minuten vor dem Ende war er unverständlich und bewußtlos geworden. Ich wußte nichts davon, außer daß er krank gewesen und in Besserung war, bis, als ich gestern Morgen mit der Eisenbahn in die Stadt fuhr, ein Mann in dem Waggon seine Zeitung öffnete und zu einem andern sagte: ›Douglas Jerrold ist todt‹. Ich ging sofort hin und dann nach Whitefriars. – Ich schlage vor, daß eine Aufführung in einem Theater stattfindet, wo die Schauspieler den Rend Day und Black-ey'd Susan Zwei der populärsten Dramen von Douglas Jerrold. – D. Uebers. spielen sollen; daß an einem andern Abend Thackeray eine Vorlesung hält; dann eine Tagesvorlesung von mir, eine Abendvorlesung von mir, eine Vorlesung von Russell und eine Subscriptionsvorstellung der Frozen Deep in Tavistock-House. Ich beabsichtige nicht, dies bittweise zu thun, sondern nur, den Tag nach dem Begräbnisse die ganze Serie anzukündigen: ›Zum Gedächtniß Douglas Jerrold's‹, oder einem Ausdruck der Art. Ich habe Arthur Smith als den besten mir bekannten Geschäftsmann dafür gewonnen und werde morgen früh mit ihm an die Arbeit gehen. Unterdessen werden schon Nachfragen angestellt über die passendsten Lokale, die für diese verschiedenen Zwecke zu haben sind. Ich hoffe zuversichtlich, daß beinahe 2000 Pfund dabei herauskommen werden.«

Die freundschaftliche Unternehmung wurde mit einer Kraft, einer Schnelligkeit und einem Erfolge durchgeführt, welche diesem Anfange vollkommen entsprachen. Außer den erwähnten Aufführungen fanden andre, ebenfalls von Dickens organisirt, auf dem Lande statt, an denen er thätigen persönlichen Antheil nahm, und das Resultat blieb nicht hinter seinen Erwartungen zurück. Die Summe wurde schließlich für unsres Freundes unverheirathete Tochter angelegt, welche das Einkommen noch jetzt von mir, dem letzten überlebenden Administrator, empfängt.

So ging der größere Theil des Sommers dahin und als die Aufführungen in den Provinzen zu Ende August vorüber waren, empfing ich folgende Nachricht. »Ich habe mit Collins verabredet, daß er und ich am nächsten Montag zu einer Expedition von zehn oder zwölf Tagen nach abgelegenen Orten aufbrechen, in Gasthäusern und Küstenwinkeln eine kleine Tour machen, zur Aufsuchung eines Artikels und mit Vermeidung der Eisenbahnen. Ich muß einen guten Namen dafür finden und es sollen fünf Artikel werden, einer für den Anfang jeder Nummer in dem Oktoberheft.« Tags darauf: »Wir haben uns für einen Streifzug in die Felsenberge von Cumberland entschieden, da ich in den Büchern einige vielversprechende Moore und Einöden dortherum entdeckt habe.« So gingen sie denn in das Land der Seen und » Die müßige Tour zweier müßigen Gesellen«, die in den Household Words erschien, war eine Erzählung dieses Ausflugs. Aber Dickens' Briefe enthielten beschreibende Züge und einige launige persönliche Erlebnisse, welche in dem veröffentlichten Bericht nicht enthalten sind.

Indem er vor seiner Abreise von London die »Schönheiten von England und Wales« durchblätterte, hatte die Erwähnung des Carrick Fell, »eines finstern alten Berges von 1500 Fuß Höhe«, seinen Ehrgeiz entflammt, und er beschloß insgeheim, den Berg zu ersteigen. »Wir stiegen gestern (9. September) hinauf. Niemand besteigt ihn. Die Führer haben ihn vergessen. Der Besitzer eines kleinen Wirthshauses, ein vortrefflicher Nordländer, bot sich uns als Führer an. Wir gingen hinauf in einem furchtbaren Regen. C. D. schlug Mr. Porter (Name des Wirths) in 15 Minuten. Mr. P. ermattete ehe man sich's versah. Drei marschirten nichtsdestoweniger vorwärts. Mr. P. wieder als Führer. C. D. und C. (Wilkie Collins) folgten. Schrecklicher Regen, schwarze Nebel, nächtige Finsterniß. Mr. P. in Aufregung. C. D. zuversichtlich. C. (eine lange Strecke abwärts in Perspective) ergeben. Alle durch und durch naß. Keine Bergstöcke. Nicht einmal ein Spazierstock in der Gesellschaft. Erreichen den Gipfel um ein Uhr am Tage. Undurchdringliche Finsterniß wie in der Nacht. Mr. P. (bis zuletzt ein vortrefflicher Kerl) unruhig. C. D. holt einen Compaß aus der Tasche hervor. Mr. P. beruhigt sich. Das Bauernhaus, wo wir unsern Wagen gelassen hatten, Nordnordwestlich. Mr. P. ergeht sich in Complimenten. Das Hinabsteigen beginnt. C. D. mit seinem Compaß triumphirt, bis der Compaß durch die Hitze und Nässe von C. D's Tasche zerbricht. Mr. P. (der nie einen Compaß hatte) untröstlich, gesteht, daß er in zwanzig Jahren nicht auf Carrick Fell gewesen ist und den Weg hinunter nicht kennt. Finsterer und finsterer, Keiner in Entfernung von zwei Schritten durch die beiden Andern zu erkennen. Mr. P. macht Vorschläge, aber keinen Fortschritt. Es wird C. D. und C. klar, daß Mr. P. rund um den Berg herum geht und nicht hinunterkommt. Mr. P. setzt sich auf einen eckigen Granitblock und sagt: »er kann nicht weiter«. C. D. belebt Mr. P. durch Gelächter, dem einzigen in der Gesellschaft vorhandenen Belebungsmittel. Mr. P. ergeht sich wieder in Complimenten. Man versucht von Neuem hinabzusteigen. Mr. P. fühlt sich schlechter und schlechter. Kriegsrath. Vorschlag C. D's grade der Nase nach hinunter zu gehn. Unterstützt von C. Mr. P. macht Einwände wegen eines ›die schwarzen Bögen‹ genannten Abgrundes und wegen der Gefahren des Landes. Mehr Umherwandern. Mr. P. von Schrecken erfüllt, aber ausdauernd. Man erreicht ein donnernd hinunterrauschendes Bergwasser. C. D. erlaubt sich die Bemerkung, daß dasselbe in den Fluß fließen muß und daß es am besten sein würde, ihm zu folgen, trotz aller gymnastischen Zufälle. Mr. P. widersetzt sich, gibt aber nach. Man folgt daher dem Laufe des Bergwassers. Sprünge, Platschen und Stürze zwei Stunden lang. C. geht verloren. C. D. erhebt ein lautes Geschrei. Hülferufe von hinten. C. D. kehrt zurück. C. mit entsetzlich verrenktem Knöchel liegt im Flusse.«

Alle Gefahr war vorüber, als Dickens seine Beschreibung schickte; aber es hatte viele Mühe gekostet, den Knöchel des Leidenden zu verbinden und ihn unter Schmerzen, wechselsweise schiebend, stützend und tragend, von der Stelle zu bringen, bis terra firma erreicht wurde. »Wir kamen endlich an der wildesten Stelle hinunter, unsinnig weit vom rechten Wege, und schickten, nachdem C. an aufgeschichteten Steinen eine Stütze gefunden, Mr. P. an die gegenüberliegende Seite von Cumberland nach dem Wagen, gelangten so nach seinem Gasthause zurück und zogen uns um. Schuh oder Strümpfe auf dem verletzten Fuß außer der Frage. Der Fuß in ein Flanellhemd eingewickelt. C. D. trägt C. melodramatisch (ein lebendiges Bild von Wardour) Es war eine Situation in der Frozen Deep, wo Richard Wardour, den Dickens spielte, Frank Aldersley in der Person von Wilkie Collins so umhertragen mußte. überall hin: in und aus dem Wagen, auf und ab die Treppen, in's Bett, jeden Schritt. Und so nach Wigton, ließen einen Arzt kommen, und hier sind wir nun!! Eine allerliebste Affaire, wie wir uns schmeicheln.«

Wigton beschrieb Dickens als einen Ort voll kleiner Häuser, alle in halber Trauer, von gelben oder weißen Steinen und schwarzen, mit der wunderbaren Eigenthümlichkeit, daß es, obgleich ohne der Rede werthe Bevölkerung, Geschäft und Straßen, doch bloß von dem Fenster der Reisenden aus fünf Leinwandläden aufwies, noch einen Leinwandladen im anstoßenden Hause und fünf andere Leinwandläden um die Ecke herum. »Ich bestellte ein Nachtlicht für mein Schlafzimmer. Eine sonderbare kleine alte Frau brachte mir eins der gewöhnlichen Child'schen Nachtlichter und sagte, offenbar in der Meinung, daß ich es mit Interesse betrachte: ›S'ist grade ein sehr curioses Ding, Sir, und grade neu hierher gekommen. Es brennt immer acht Stunden zu Ende und ohne Rinnen und ohne Verschwendung oder irgend was der Art, wenn Sie den Artikel ansehen und glauben können, was ich sage.‹« In diesen primitiven Gegenden ergab sich eine Schwierigkeit in Bezug auf Briefe, die Dickens auf eine ihm ganz besonders eigene Weise löste. »Den Tag nach Carrick kamen wir mit unsern Briefen in Verlegenheit, weil wir nicht nach einem Orte Namens Mayport gegangen waren. So machte ich mich denn, während der Wirth noch überlegte, wie man sie bekommen könne (sie waren nur drittehalb Meilen entfernt), zu seinem großen Erstaunen auf den Weg und brachte sie her.« Den Abend, nachdem sie Wigton verlassen, waren sie in dem Ship-Hotel in Allonby.

Allonby schilderten seine Briefe als einen kleinen unreinlichen ausländischen Ort, unbehauene Steine in halber Trauer, einige grobe Logirhäuser von gelben Steinen, mit schwarzen Dächern (Anschlagszettel in allen Fenstern), fünf Badekarren, fünf Mädchen in Strohhüten, fünf Männern in Strohhüten (die wünschten, sie wären nicht gekommen), ungefähr grade so wie Broadstairs gewesen sein würde, wäre es in Irland geboren und hätte es keine Klippe geerbt. »Aber dies ist ein vortrefflicher, gemüthlicher kleiner Gasthof, mit der Aussicht auf's Meer, die gebirgige und romantische Küste von Schottland unsern Fenstern gegenüber, und obgleich ich in meinem Schlafzimmer nur so eben aufrecht stehen kann, sind wir doch wirklich gut einquartiert. Es ist ein reinliches nettes Haus in einem rauhen wilden Lande, und wir haben eine zuvorkommende und angenehme Wirthin.« In der That hatte er in der Letzteren eine Bekannte von altem Datum gefunden. »Die Wirthin in dem kleinen Gasthof in Allonby wohnte in Greta-Bridge in Yorkshire, als ich vor Nickleby dorthin ging, und wurde in's Zimmer hineingeschmuggelt, um mich zu sehen, nachdem man insgeheim entdeckt hatte, wer ich war. Sie ist jetzt eine ungeheuer fette Frau. ›Aber damals konnte ich meinen Arm um ihre Taille legen, Mr. Dickens,‹ sagte der Wirth, als sie mir die Geschichte erzählte, als ich vorgestern Abend zu Bette ging. ›Und können Sie es jetzt denn nicht?‹ sagte ich. ›Sie unempfindlicher Mensch! Sehen Sie mich an! Das ist ein Bild.‹ So umspannte ich denn so viel von ihr, als ich konnte, und diese galante That war so ziemlich die erfolgreichste, die mir je gelungen ist.«

Auf ihrem Heimwege gingen die Freunde nach Doncaster, bei welcher Gelegenheit Dickens die erste Bekanntschaft mit dem St. Leger-Rennen und dessen Saturnalien machte. Sein Gefährte hatte sich damals so weit erholt, um vorsichtig mit einem dicken Stocke gehen zu können, »in welchem Zustande er genau dem gichtischen Admiral in einer Comödie glich, dessen Namen ich ihm daher gegeben habe.« Die Eindrücke, die er von der Woche des Wettrennens empfing, waren nicht günstig. Es war Lärm und Getümmel den ganzen Tag und eine Zusammenkunft von Vagabunden aus allen Theilen der wettrennenden Erde. Jedes schlechte Gesicht, das je durch ein unschuldiges Pferd schlecht geworden war, hatte seinen Repräsentanten in den Straßen, und indem Dickens, wie Gulliver, als er aus dem Pferdelande kam und auf seine Mitmenschen herabblickte, von seinem Gasthausfenster in die Hochstraße von Doncaster niedersah, glaubte er überall eine damals berüchtigte Person zu erblicken, die grade ihren Wettgefährten vergiftet hatte. »Ueberall sehe ich den verstorbenen Mr. Palmer mit seinem Wettbuche in der Hand. Mr. Palmer sitzt mir zunächst im Theater. Mr. Palmer geht vor mir die Straße hinunter; Mr. Palmer folgt mir in den Apothekerladen, wohin ich nach dem Frühstück gehe, um Rosenwasser zu kaufen, und sagt zu dem Apotheker: ›Gebt mir etwas Sal Volatile oder sonst ein verdammtes Ding der Art in Wasser – ich habe Kopfschmerz.‹ Und ich sehe mir seinen leidenden Kopf, der sich in langen, langen Reihen auf der Rennbahn und auf dem Wettplatz und außerhalb der Wettzimmer in der Stadt wiederholt, von hinten an, und schwöre zu Gott, daß ich in diesem ganzen Treiben nichts erblicken kann als Grausamkeit, Begehrlichkeit, Berechnung, Gefühllosigkeit und niedrige Schlechtigkeit.«

Selbst eine halb erschreckende Art von gutem Glück mangelte den Erfahrungen meines Freundes auf der Rennbahn nicht, da ihm das begegnete, was er ein »wunderbares, lähmendes Zusammentreffen der Umstände« nannte. Er kaufte eine Wettkarte, schrieb im Scherze drei Namen für die drei Gewinner der drei Hauptrennen darauf (obgleich er nie in seinem Leben von einem der Pferde gehört oder daran gedacht hatte, außer daß der Gewinner des Derby, der hier aber weit hinter den andern zurückblieb, gegen ihn erwähnt war) »und, wenn Du es glauben kannst, ohne daß die Haare Dir zu Berge stehen, diese drei Rennen wurden, eins nach dem andern, von diesen drei Pferden gewonnen!!!« Es war der St. Leger-Tag, von dem Dickens es auch für bemerkenswerth hielt, daß, obgleich die Verluste ungeheuer waren, Niemand gewonnen hatte, denn man hörte nichts als Zähneknirschen und Flüche über schlechtes Glück. Dies besserte sich auch an dem Becher-Tage nicht, nach welchem Feste »ein stöhnendes Phantom« am Eingang seines Schlafzimmers lag und die ganze Nacht heulte. Der Wirth kam am Morgen herauf, um Entschuldigung zu bitten, und sagte, »es sei ein Herr, der 1500 oder 2000 Pfd. Sterl. verloren habe; und er habe nachher stark getrunken und dann hätten sie ihn zu Bette gebracht, und dann – wurde ihm schlecht und er stand auf und heulte bis zum Morgen.« Dickens konnte wohl glauben, wie er am Schluß seines Briefes erklärte, daß, wenn man einen Knaben von nur einigermaßen gutem Charakter, aber mit einer dämmernden Neigung zum Pferderennen und Wetten, nur früh genug die Wettrennen von Doncaster sehen lasse, dies ihn heilen würde.

 

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