Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > John Forster >

Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 5
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Drei Sommer in Boulogne.
1853, 1854 und 1856.

Dickens war im Jahre 1853 von Mitte Juni bis Ende December in Boulogne und während der drei nächsten Monate war er, wie wir sahen, in der Schweiz und in Italien. In dem folgenden Jahre ging er wieder im Juni nach Boulogne und blieb, nachdem er »Harte Zeiten« beendigt, bis spät in den Oktober hinein dort. Im Februar 1855 war er mit Wilkie Collins vierzehn Tage in Paris, wo er erst den Winter darauf einen längeren Aufenthalt machte. Von November 1855 bis Ende April 1856 schlug er seine Wohnung in der französischen Hauptstadt auf und arbeitete während dieser ganzen Zeit an »Klein Dorrit«. Dann nach einer Zwischenzeit von einem Monat in Dover und London, begab er sich zum drittenmal für den Sommer nach Boulogne, wohin seine Kinder direkt von Paris gegangen waren, und blieb bis zum September dort, während er »Klein Dorrit« erst im Frühling 1857 in London vollendete.

Die Geschichte des ersten dieser Besuche wird durch einige humoristische und charakteristische Auszüge aus seinen Briefen hinlänglich erzählt werden. Der zweite und der dritte boten größere Anziehungspunkte dar. Es waren die Jahre der französisch-englischen Allianz, der großen Ausstellung englischer Gemälde, der Rückkehr der Truppen aus der Krim und des Besuches des Prinzgemahls bei dem Kaiser Napoleon; und sowohl das Interesse, welches Dickens an diesen verschiedenen Begebenheiten empfand, als die Geschichte seines Lebens auf dem Festlande, tritt in seinen Briefen mit der gewöhnlichen Lebendigkeit hervor. Ein Kapitel für sich wird Paris gewidmet werden. Dieses beschäftigt sich nur mit Boulogne.

Während seines ersten Sommeraufenthalts, im Juni 1853, hatte er ein Haus in dem hochgelegenen Theile an der Straße nach Calais genommen, ein wunderliches französisches Gebäude, mit den seltsamsten kleinen Zimmern und Gängen, aber gelegen in der Mitte eines großen Gartens, mit Gehölz und Wasserfall, einem Gewächshause, das sich nach einem Rosenhügel zu öffnete, und Thoren, die auf einer Seite den Wällen, auf der andern der See zuführten. Vor Allem war ein trefflicher Eigenthümer und Hauswirth da, der die Kosten für die Instandhaltung des Gartens und des Gehölzes (das er einen Wald nannte) selbst trug, während er seinem Miether beide in ihrem ganzen Umfang zur Verfügung stellte, ihm die Blumen umsonst gab, die Gartenfrüchte je nach Bedürfniß verkaufte und eine Kuh auf dem Gute hielt, um die Familie mit Milch zu versorgen. »Wäre dieser Ort nur sechzig Meilen weiter entfernt,« schrieb Dickens, »wie würden die Engländer dafür schwärmen! Ich versichere Dir, daß es hier herum malerisches Volk und Stadt und Land gibt, die Auge und Phantasie ganz erfüllen. Was die Fischerleute (deren Kleidung sich seit vielen vielen Jahren weder in Farbe noch in Form geändert haben kann) und ihr mit großen bequemen Netzen quer über die engen hügeligen Straßen spinnewebbehangenes Stadtviertel angeht, so sind sie so gut wie Neapel, Stück für Stück.« Seine Beschreibung von dem Hause und dem Hauswirth, deren Genauigkeit ich erprobte, als ich ihn besuchte, war in dem alten angenehmen Tone gehalten und erfordert, um Interesse zu erwecken, keinen Zusammenhang mit ihm persönlich, sondern wird durch den Zauber und die Leichtigkeit, womit alles Malerische oder Charakteristische zur Anschauung gebracht wird, in das Gebiet der Kunst erhoben.

»Villa des Moulineaux, 26. Juni. O, wie es gestern hier regnete! Ein großer Seenebel wogte herein, ein starker Wind blies und der Regen goß den ganzen Tag in Strömen nieder . . . Dies Haus steht an einem weiten Hügelabhang, vor einem Hintergrund von Gehölzen mit jungem Baumschlag. Es liegt der Haute Ville mit ihren Wällen und der unbeendeten Kathedrale grade gegenüber. An dem Abhange vor uns, der zur Rechten steil absinkt, ist ganz Boulogne auf sehr malerische Weise angehäuft und durch einander geworfen. Die Aussicht, welche endlich von den Gipfeln schwellender Hügel geschlossen wird, ist entzückend und die Thüre ist nur zehn Minuten vom Postamt und eine Viertelstunde vom Meere entfernt. Der Garten ist in Terrassen am Abhang des Hügels angelegt, wie ein italiänischer Garten, so daß die obersten Gänge sich in den erwähnten Gehölzen befinden. Der schönste Theil fängt auf dem Niveau des Hauses an und steigt nach hinten ungefähr zweihundert Fuß aufwärts. Gegenwärtig umgeben Tausende von Rosen und zahllose andere Blumen das Haus nach allen Seiten. Es sind fünf große Gartenhäuser da und, ich glaube, fünfzehn Fontainen – von denen jedoch (nach der unveränderlichen französischen Gewohnheit) keine je springt. Das Haus ist ein Puppenhaus mit vielen Zimmern. Es ist ein Stock hoch und achtunddreißig Stufen führen tribünenartig auf und ab, nach der Vorderthür – die schönste französische Demonstration, die mir je vorgekommen ist. Es ist ein doppeltes Haus, und da man an der Vorderseite nur vier Fenster und einen Taubenschlag erblickt, sollte man denken, es enthalte etwa vier Zimmer. Da es am Abhange des Hügels gebaut ist, öffnet das oberste Stockwerk des Hauses nach der Rückseite (wo zwei Stockwerke sind) sich auf das Niveau eines andern Gartens. Im untersten Stockwerk befindet sich eine sehr hübsche Halle, fast ganz aus Glas, ein kleines Eßzimmer, das an ein schönes Gewächshaus stößt, ein Fremdenschlafzimmer, zwei kleine ineinander gehende Gesellschaftszimmer, die Schlafzimmer der Familie, ein Badezimmer, ein gläserner Corridor, ein offener Hof und eine Art Küche, mit einer Maschinerie von Oefen und Kochkesseln. Oben sind acht kleine Schlafzimmer, die sich sämmtlich nach einem großen Dachzimmer öffnen, das ursprünglich zu einem Billardzimmer bestimmt war. Im Erdgeschoß ist eine vorzügliche Küche, mit allem erdenklichen Zubehör, einem famosen Keller, einer ausgezeichneten Bedientenstube und Speisekammer, Wagenremise, Stall, Kohlen- und Holzbehälter; und im Garten ist ein Pavillon, mit einem vortrefflichen Schlafzimmer zu ebener Erde. Die Meublirung dieser Räumlichkeiten, die Spiegel, die Uhren, die kleinen Oefen, die ganze Einrichtung muß man sehen, um sie zu würdigen. Das Gewächshaus ist voll von seltenen Blumen von vollendeter Schönheit.«

Dann kam der schönste Theil des Briefes, seine Beschreibung des Hauswirthes, die er mit den anziehendsten Zügen, welche seine liebende Hand geben konnte, ausführte. »Aber der Hauswirth, Monsieur Beaucourt, ist wundervoll. Jedermann hat hier, ich weiß nicht weshalb, zwei Familiennamen, und M. Beaucourt, wie er immer genannt wird, heißt eigentlich M. Beaucourt-Mütüel. Er ist ein stattlicher jovialer Mensch, mit einem schönen offenen Gesichte, wohnt auf dem Hügel hinten, grade oberhalb des höchsten Punktes des Gartens, und war ein Leinwandhändler in der Stadt, wo er noch einen Laden hat, aber wo man meint, sein Geschäft sei mit Hypotheken belastet und er befinde sich in schlechten Vermögensumständen – trotz dieses Grundbesitzes, den er mit eigner Hand bepflanzt hat, den er tagtäglich pflegt und von dem er nie anders spricht als von ›dem Besitzthum‹. Er ist außerordentlich populär in Boulogne (die Leute in den Läden werden bei Erwähnung seines Namens immer freundlich und wünschen uns Glück, daß wir seine Miethswohner sind) und scheint es wirklich zu verdienen. Er ist ein so liberaler Mensch, daß ich ihn um nichts bitten mag, da er es sofort herbeischafft, was es auch sein mag. Ich erröthe, wenn ich bedenke, was er in Bezug auf unbrauchbare Bettstellen und Waschtische gethan hat. Ich bemerkte neulich in einem der Seitengärten – es sind auch Gärten an jeder Seite des Hauses – eine Stelle, wo ich dachte, der komische Landsmann« (ein Namen, welchen Dickens damals seinem jüngsten Sohne beilegte) »müsse dort unfehlbar sein Gleichgewicht verlieren, und etwa ein Dutzend Fuß hinabstürzen. Ich sagte daher: ›M. Beaucourt‹ – der sofort seine Mütze abnahm und in bloßem Kopfe vor mir stand – ›es liegen einige unbenutzte Stücke Holz beim Kuhstall; wenn Sie die Güte haben wollten, eins hier querüber befestigen zu lassen, so würde es, glaube ich, sicherer sein.‹ – › Ah, mon dieu, Sir,‹ sagte M. Beaucourt; ›es muß von Eisen gemacht werden. Dies ist kein Theil des Besitzthums, wo Sie Holz gern sehen würden.‹ – ›Aber Eisen ist so theuer,‹ sagte ich, ›und es ist wirklich nicht der Mühe werth.‹ – ›Sir, bitte tausendmal um Verzeihung,‹ sagt M. Beaucourt, ›es soll von Eisen gemacht werden. Ganz sicher und gewiß, es soll von Eisen gemacht werden.‹ – ›Dann, M. Beaucourt,‹ sagte ich, ›wird es mir Vergnügen machen, die Hälfte der Kosten zu bezahlen.‹ – ›Sir,‹ sagte M. Beaucourt, ›unter keinen Umständen.‹ – Dann, um auf einen andern Gegenstand zu kommen, ging er aus seiner Festigkeit und Ernsthaftigkeit zu einem anmuthigen Unterhaltungston über und sagte: ›In dem Mondlicht gestern Abend schienen die Blumen auf dem Besitzthum, o Gott, sich in dem Himmel zu baden. Gefällt Ihnen das Besitzthum?‹ – ›M. Beaucourt,‹ sagte ich, ›ich bin davon entzückt, ich bin mit Allem mehr als zufrieden.‹ – ›Und ich, Sir,‹ sagte M. Beaucourt, seine Mütze an die Brust drückend und seine Hand küssend, – ›ich gleichfalls!‹ – Gestern kamen zwei Schmiede und setzten ein gutes solides schönes Stück eisernes Geländer in die steinerne Brustwehr ein . . . Wenn die außerordentlichen Sachen im Hause sich nicht beschreiben lassen, so hätte Niemand an die erstaunlichen Phänomene in den Gärten denken können, ausgenommen ein Franzose, der sich eine Idee in den Kopf gesetzt hat. Außer einem Bilde des Hauses in dem Eßzimmer, befindet sich ein Plan des Besitzthums in der Halle. Derselbe sieht ungefähr so groß aus wie Irland, und für jeden der außerordentlichen Gegenstände ist ein Nachweis da mit einem schrecklichen Namen. Im Ganzen belaufen diese Nachweise sich auf ein und fünfzig, darunter das Landhaus Tom Thumbs, die Austerlitz-Brücke, die Jena-Brücke, die Einsiedelei, die Laube der Alten Garde, das Labyrinth (ich habe keine Ahnung, was das eine oder das andere ist); und dann sind Wegweiser da nach jedem Zimmer im Hause, als wäre es ein Gebäude von so colossalen Verhältnissen, daß man ohne einen solchen Aufschluß unfehlbar seinen Weg verlieren und vielleicht zwischen Schlafzimmer und Schlafzimmer vor Hunger sterben müßte.«

Am 3. Juli eine neue Mittheilung über das Ideal von einem Hauswirth. »Denke Dir, was Beaucourt mir gestern Abend sagte. Als er vor zehn Jahren ›den Gedanken faßte‹, das Besitzthum anzupflanzen, ging er nach England hinüber, um Bäume zu kaufen, miethete ein kleines Haus in den Gemüsegärten bei Putney, wohnte dort drei Monate, gab jeden Abend ein von den Hauptgärtnern von Fulham, Putney, Kew und Hammersmith (welches letztere er Hamsterdam nennt) besuchtes Gastmahl und beschloß seinen Aufenthalt mit einem Souper, bei dem die Gemüsegärtner aufstanden, ihre Gläser erklingen ließen und aus freien Stücken (ich citire ihn genau) ausriefen: Vive Beaucourt! Er war früher Capitän in der Nationalgarde und Cavaignac war sein General. Braver Capitän Beaucourt! sagte Cavaignac, Sie müssen einen Orden bekommen. Mein General! sagte Beaucourt, nein! Es ist genug für mich, daß ich meine Pflicht gethan habe. Ich gehe, den Grundstein zu einem Hause auf einem mir gehörigen Besitzthum zu legen – dies Haus soll mein Orden sein. (Bemerke dies Haus!)« Ein Zusatz zu diesem Bilde kam in einem Briefe vom 29. Juli, zugleich mit einem drolligen Hinweis auf Shakespeare im Theater und auf den sonnabendlichen Schweinemarkt.

»Ich muß erwähnen, daß der große Beaucourt die Orthographie dieses Ortes täglich verändert. Er hat sie jetzt festgestellt, indem er außen an das Gartenthor angemalt hat: Entrée particulière de la Villa des Moulineaux. An einem andern Thore höher hinauf hat er anmalen lassen: Entrée des Écuries de la Villa des Moulineaux. An einem andern Thore etwas weiter unten (was auf jedes der unzähligen Gebäude im Garten anwendbar ist) Entrée du Tom Pouce. An dem höchsten Thore von allen, das zu seinem eignen Hause führt: Entrée du Chateau Napoléonienne. Alle diese Inschriften wirst Du schwarz und weiß sehen, wenn Du kommst. Ich sehe jetzt wenig von ihm, da er, nun Alles bien arrangé ist, eine zarte Scheu zeigt, sich sehen zu lassen. Seine Frau hat während der letzten drei Wochen einen Ausflug durch Frankreich gemacht, aber (wie er mit dem Hut in der Hand gegen mich bemerkte) es war nothwendig, daß er hier blieb, um dem Miether des Besitzthums beständig zur Disposition zu stehen. (Um dies um so besser zu thun, hat er jeden Tag große Tischgesellschaften von fünfzehn Personen gegeben und die alte Frau, welche die Kühe melkt, ist unter ungeheuern Lasten von Champagner den Hügel hinauf gekeucht.)

»Wir gingen gestern Abend in's Theater, um den Sommernachtstraum in der – Opéra Comique zu sehen. Es ist jetzt ein schönes kleines Theater, mit einer sehr guten Gesellschaft, und der Unsinn des Stückes kam mit einem in diesem Zusammenhang ganz verwirrenden Verständniß zur Darstellung. Willy Am Shay Kes Peer, Sirzhon Foll Stayffe, Lor Lattimer und jene berühmte Ehrendame der Königin Elisabeth Mies Olivier Die hier in übertrieben französirender Weise entstellten Namen sind: William Shakespeare, Sir John Fallstaff, Lord Latimer, Miß Oliver. – D. Uebers. waren die Hauptcharaktere.

»Außerhalb der alten Stadt ist eine Armee von Arbeitern (und zwar schon seit ungefähr einer Woche) an einem ungeheuern Gebäude beschäftigt, das ich für ein Fort oder ein Kloster, oder eine Kaserne oder für sonst Etwas ansah, dem man eine Jahrhunderte lange Dauer zu geben wünschte. Wie ich jedoch höre, ist es für den Jahrmarkt bestimmt, der am 5. August anfängt und vierzehn Tage dauert. Fast jeden Sonntag haben wir eine Fête, wo man unter freiem Himmel tanzt und wo ungeheure Männer mit gewaltigen Bärten auf kleinen hölzernen Pferden stundenlang Carroussel reiten. Aber der gute Humor und die Heiterkeit sind wirklich allerliebst. Zu den andern Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört ein sonnabendlicher Schweinemarkt, dessen Absurdität vollkommen unerträglich ist. Ein aufgeregter französischer Bauer (Bauer oder Bäuerin) mit einem determinirten jungen Schwein ist das erstaunenswürdigste Schauspiel. Ich sah gestern vor acht Tagen ein kleines Drama von vollendeter Komik. Dramatis personae. 1. Eine hübsche junge Frau, mit kurzen Unterröcken und zierlichen blauen Strümpfen, auf einem Esel mit zwei Körben, in deren jedem ein Schwein. 2. Ein alter Bauer in einer Blouse, der vier Schweine mit einer ungeheuern Peitsche vor sich hertreibt und von jedem der vier bald gegen Mauern, bald in dampfende Läden fortgezogen wird. 3. Ein Karren mit einem alten festgebundenen Schweine, das heraussieht und durch sein entsetzliches Grunzen sechshundert und fünfzig Schweine auf dem Schweinemarkt in Schrecken setzt. 4. Ein Steuerbeamter in ungeheuerm dreieckigen Hut, zwischen dessen Kanonenstiefeln Tag und Nacht ein Strom junger Schweine durchläuft und jede Berechnung unmöglich macht. 5. Der Unnachahmliche, gegenüber einem Kreise älterer Schweine, die alle mit einem Beine an in die Erde eingerammten Stöcken befestigt sind. 6. John Edmund Reade, Dichter, der ewige Liebe und Bewunderung für Landor ausdrückt, ohne zu wissen, daß ein Schwein, welches soeben aus dem Karren entwischt ist, sich ihm nähert. 7. Priester, Bauern, Soldaten &c.«

Er hatte inzwischen befreundete Gesichter um sich versammelt. Frank Stone bezog mit seiner Familie ein Haus an der Straße nach St. Omer, das Dickens für ihn gemiethet hatte, während Dickens selbst in seiner Villa den Besuch von Mr. und Mrs. Leech und von Wilkie Collins empfing. »Leech sagt, als er nach der stürmischen Ueberfahrt aus dem Schiffe trat, sei er von den versammelten Zuschauern mit lauten Beifallsrufen begrüßt worden, als das am intensivsten und unaussprechlichsten elend aussehende Individuum, das bis dahin zum Vorschein gekommen war. Das Gelächter war tumultuarisch und er möchte, daß seine Freunde wüßten, daß er überhaupt einen ungeheuern Eindruck hervorgebracht hat.« So gingen die Sommermonate hin. Zur Erholung von seiner Arbeit an dem Roman unternahm Dickens mit den genannten Freunden Ausflüge nach Amiens und Beauvais, während die bereits beschriebene Reise nach Italien der Vollendung des Romans folgte.

Im Juni 1854 hatte M. Beaucourt seinen berühmten Miethwohner wieder empfangen, aber in einem andern Landhause oder Chateau (für ihn umkehrbare Ausdrücke) auf dem viel geliebten Besitzthum, oben auf der höchsten Spitze des Hügels gelegen – eine wirklich hübsche Wohnung, mit größeren Zimmern als in dem andern Hause, einer herrlichen Aussicht auf's Meer, hübschen Ausblicken nach allen Seiten, einem guten Garten und reichlichen Rasenhängen. Es hieß Villa du Camp de Droite – und hier blieb Dickens, wie bereits angedeutet, bis zum Vorabend seines Winteraufenthalts in Paris. Außer den schon genannten alten Freunden war auch Thackeray und seine Familie während der ersten Wochen dort. Sie »wohnten in einem melancholischen, aber sehr guten Chateau an der Pariser Straße, wo ihr Wirth (ein Baron) sie, wie Thackeray mir sagt, mit einem Milchtopf, als dem einzigen Porzellangeschirr des Etablissements, versehen hat.« Unser Freund wurde dies bald müde, ging nach Spaa und dann, nachdem er auf der Rückreise oben auf dem Hügel mit Dickens eine Lebewohl-Cigarre geraucht, im Oktober nach London und nach Schottland.

Die Bildung des Lagers von Boulogne fing an in der Woche, nachdem er »Harte Zeiten« beendet hatte, und er verfolgte seine Fortschritte, indem es anwuchs und sich längs der Klippen nach Calais zu ausdehnte, mit dem lebhaftesten Interesse. Zuerst war er unangenehm überrascht über die Plötzlichkeit, womit die Soldaten die Straßen besetzten, in allen Häusern einquartiert wurden, die Brücken mit ihren Hosen roth machten »und auf dem Pier phantastisch umhersprangen, wenn die Dampfschiffe ankamen, da viele von ihnen das Meer noch nie gesehen hatten«. Aber das gute Benehmen der Leute übte eine versöhnende Wirkung aus und ihr Genie entzückte ihn. Die Schnelligkeit, mit der sie ganze Massen von Lehmhütten errichteten, die allerdings weniger malerisch waren als die Zelte, aber (wie die meisten unmalerischen Dinge) bequemer, war wie eine Erzählung aus Tausend und Eine Nacht. »Jede kleine Straße hält 144 Mann und jede Eckthür wird mit der Straßennummer versehen, sobald sie eingesetzt wird, und Briefboten können ihre Arbeit so leicht besorgen wie in der Rue de Rivoli in Paris.« Seine Geduld wurde wieder etwas auf die Probe gestellt, als er fand, daß die Bagagewagen seine Lieblings-Spaziergänge aufpflügten und Trompeter zu zweien und dreien neu angeworbene Trompeter an allen waldigen Stellen unterrichteten und ein widerwärtiges Echo hervorriefen. Aber auch dies hatte seine heitre Seite. »Ich begegnete heute einem sonnverbrannten Jüngling aus dem Süden, mit einem so ungeheuern Czako auf dem Kopfe, daß er aussah wie eine Schachtel mit Schwefelhölzchen, die offenbar ihr Leben schnell ausbläst, inmitten zweier ganz aus Haar und Lunge bestehenden Geschöpfe, von solcher Breite zwischen den Schultern, daß ich die Knöpfe auf ihrer Brust nicht sehen konnte, als ich vor ihnen stand.«

Das Interesse erreichte seinen Höhepunkt, als der Besuch des Prinzgemahls mit seinem begleitenden Glanz von Illuminationen und Revüen herankam. Beaucourt gerieth in die höchste Aufregung. Die Villa du Camp de Droite sollte am Abend der Ankunft in vollem Freudenfeuer stralen; Dickens, der eine große englische Fahne mit herübergebracht und auf einem Heuschober in seinem Felde aufgepflanzt hatte, von wo sie zum Ruhme Englands und zur Freude Beaucourt's meilenweit sichtbar war, hißte jetzt daneben die französischen Farben auf, zu Ehren der Allianz beider Völker, und in dem offenen Lande bei Wimereux sollte eine Revüe stattfinden, »wo in einem Augenblick des Maneuvers (ich bin zu aufgeregt, um das Wort richtig zu buchstabiren, aber Du weißt was ich meine) die gesammten in dem großen nördlichen Lager versammelten hunderttausend Mann vor den Augen des Prinzen erscheinen sollen, um ihm zu zeigen, was eine französische Heeresabtheilung sein kann. Ich glaube Alles was ich höre.« Er befand sich in demselben Zustande wie Hood's Landedelmann, nach dem Feuer in den Parlamentshäusern. »Beaucourt, als Mitglied des Stadtraths, erhält alle fünf Minuten Aufforderungen, hinauszueilen und über Etwas zu debattiren, oder Jemanden zu empfangen. So oft ich aus dem Fenster blicke, oder an die Thür gehe, sehe ich an Beaucourt's Portal einen gewaltigen schwarzen Gegenstand, wie ein der Länge nach in die Luft gehobenes Boot, mit einem paar weißer Hosen darunter. Dies ist der dreieckige Hut eines mit einer neuen Vorladung angekommenen Huissiers, der den Kopf zurückwirft, indem er Beaucourt's Wein trinkt.« Endlich kam der Tag heran und ganz Boulogne eilte zu den Festlichkeiten hinaus; »aber ich,« schrieb Dickens, »war um diese Zeit schon etwas abgekühlt, ließ, meine Kräfte für die Illumination aufsparend, die großen Männer laufen und trat meinen gewöhnlichen ländlichen Spaziergang an. Denke Dir, wie ich dafür belohnt wurde. Als ich, von Staub bedeckt, auf der nach Calais führenden Straße zurückkehre, finde ich mich plötzlich Albert und Napoleon grade gegenüber, wie sie auf's gemüthlichste daher geritten kamen, in äußerst lauter Unterhaltung über die Aussicht und geleitet von einem glänzenden Stabe von sechzig oder siebenzig Reitern, in deren Mitte ein paar unserer königlichen Reitknechte mit ihren rothen Röcken sich seltsam genug ausnahmen. Ich nahm meinen Filzhut ab, ohne zum Angaffen stehen zu bleiben, worauf der Kaiser seinen Federhut abnahm und Albert (der vermuthlich sah, daß ich ein Engländer war) den seinigen. Dann gingen wir unserer Wege. Der Kaiser ist breiter in der Brust, als in den alten Zeiten, wo wir ihn so oft in Gore-House sahen, und neigt sich mit den Schultern mehr vor. In der That ist seine Haltung da herum wie die Fonblanque's.« Das Bild hatte sich auf traurige Weise verändert in weniger als anderthalb Jahren, als (17. Febr. 1856) Dickens folgendermaßen aus Paris schrieb. »Mir scheint, als könne kein Sterblicher außer Bette so krank und abgemattet aussehn wie der Kaiser jetzt thut. Er kam zu Pferde dicht an mir vorbei, als ich am Freitag in's Haus trat, und nie sah ich ein so hageres Gesicht. Einige Engländer grüßten ihn und er hob die Hand so langsam, schmerzlich und mühevoll an den Hut, als wäre sein Arm aus Blei gemacht. Ich glaube, er muß Schmerzen haben.« Die Stadt schilderte er, während des weiteren Verlaufs des Besuches, als »eine große Flagge«; und zu dem Erfolg der Illumination trug er selbst bedeutend bei, indem er seine siebzehn Vorderfenster glänzend erleuchtete mit hundert und zwanzig Wachslichtern, die von jener großen Höhe in dem ganzen Orte sichtbar waren. »Bei dem ersten Aufflammen der Lichter tanzte und schrie Beaucourt auf dem Grase vor der Thür umher, und als er etwas beruhigt war, machte er sich mit Madame Beaucourt auf, um das Haus von allen möglichen Seiten zu betrachten und, wie er sagte, den Beifall seiner Landsleute in Empfang zu nehmen.«

Ihr Beifall scheint jedoch wesentlich eine andere Richtung genommen zu haben. »Es war wunderbar,« schrieb Dickens, »in den Straßen die kleinen französischen Liniensoldaten unsre Garden bei der Hand fassen und umarmen zu sehen. Es war auch wundersam, die englischen Matrosen in der Stadt zu sehen, wie sie Jedermann die Hände schüttelten und im allgemeinen Alles patronisirten. Wenn das Volk weder eines Soldaten noch eines Matrosen habhaft werden konnte, fand es Vergnügen an den königlichen Stallknechten und umarmte diese. Nichts setzte, wie mir schien, das Volk von Boulogne in größeres Erstaunen als die von der Bemannung der Yacht gegebenen drei Cheers, als der Kaiser zum Gabelfrühstück an Bord ging. Die gewaltige Masse des Klanges und die Regelmäßigkeit und der Umstand, daß weder vorher noch nachher kein Mann sich auf seine eigne Weise dabei umhertrieb, schien den allgemeinen Geist mit Staunen zu füllen. Beaucourt sagte, es wäre grade wie Boxen.« Dies wurde am 10. September geschrieben; aber nur wenige Tage später wurde Dickens gegen seinen Willen überzeugt, daß, so freundschaftlich man auch gegen England gesinnt war, der Krieg mit Rußland entschieden unpopulär sei. Er war zugegen als der falsche Bericht über die Einnahme von Sebastopol den Kaiser und die Kaiserin erreichte. »Ich war bei der Revüe (8. Okt.) gestern vor acht Tagen, sehr nahe bei dem Kaiser und der Kaiserin, als die Einnahme von Sebastopol gemeldet wurde. Es war ein prachtvolles Schauspiel, an einem prachtvollen Tage; und wenn irgend Etwas ihm besondere Bedeutung hätte verleihen können, so hätte man meinen sollen, die Ankunft der telegraphischen Depesche müßte der Culminationspunkt gewesen sein. Es verstimmte und kränkte mich zu sehen, wie matt, schwach und kläglich die Soldaten der Aufforderung der Officiere, Beifall zu rufen, Folge leisteten, indem jedes Regiment vorbei marschirte. Fünfzig aufgeregte Engländer würden mehr Leben und Lärm machen als tausend von diesen Menschen. Die Kaiserin war sehr hübsch und ihre schlanke Gestalt nahm sich vortrefflich auf ihrem Schimmel aus. Als der Kaiser ihr die Depesche zu lesen gab, erröthete sie in sehr angenehmer Aufregung und küßte die Depesche mit einem Impuls, der nicht natürlicher hätte sein können.«

Am Abend jenes Tages ging Dickens in ein Stück, das in einem Café im Lager aufgeführt wurde, und fand sich hier unter einer Zuhörerschaft, die, mit Ausnahme von vier Damen, Officiersfrauen, ganz aus Officieren und Soldaten bestand. Die ernsten, bewegten, verständigen Gesichter um ihn her erzählten ihre eigene Geschichte; und was die Freundlichkeit und Rücksicht gegen die armen Schauspieler anging, so war sie wahrhaftes Wohlwollen.« Einen andren Anziehungspunkt im Lager bildete ein Zauberer, der sich zweimal vor dem kaiserlichen Hofe hatte sehen lassen und den Dickens später immer als den vollendetsten Meister der Taschenspielerkunst erwähnte, der ihm je vorgekommen. Und er war in Bezug auf diesen Punkt keine geringe Autorität; denn wenn er seine Geräthschaften zur Hand hatte, war er selbst ein vorzüglicher Zauberer. Ich erlaube mir, aus der Ankündigung einer seiner Vorstellungen in den alten heitern Tagen von Bonchurch (II., S. 395 f.) Einiges mitzutheilen. Dieselbe war natürlich von ihm selbst verfaßt und er sprach darin von sich als »dem unvergleichlichen Zauberer Rhia Rhama Rhoos, der in den Orangenhainen von Salamanka und den Meeresgrotten von Alum Bay eine kabbalistische Erziehung empfangen.« Einige der in Aussicht gestellten Wunder wurden folgendermaßen beschrieben.

Das Springende Karten-Wunder.

Zwei Karten, die von zwei Personen aus dem Publikum aus dem Pack gezogen und mit dem Pack in den Kasten des Zauberers gelegt werden, werden auf das Geheiß irgend einer Dame von nicht weniger als acht und nicht mehr als achtzig Jahren herausspringen.

Dies Wunder ist das Resultat neunjähriger Zurückgezogenheit in den Bergwerken von Rußland.

Das Pyramiden-Wunder.

Ein Schilling, der dem Zauberer von irgend einem Herrn von nicht weniger als zwölf Monaten und nicht mehr als hundert Jahren geliehen und von besagtem Herrn sorgfältig markirt wird, wird auf das Befehlswort aus einem eisernen Kasten verschwinden und durch die Herzen einer endlosen Zahl von Kasten hindurch passiren, die sich später zu Pyramiden zusammenfügen und auf Geheiß des Zauberers in einen kleinen Mahagonykasten hineinfallen.

Fünftausend Guineen wurden für den Ankauf dieses Wunders an einen chinesischen Mandarin bezahlt, der unmittelbar nach Mittheilung des Geheimnisses aus Gram starb.

Das Verbrennungs-Wunder.

Eine Karte, die von einer Dame, welche nicht direkt und positiv verlobt ist, aus dem Pack gezogen wird, wird sofort von dem Zauberer genannt, durch Feuer verzehrt und aus ihrer Asche wieder hergestellt.

Eine Leibrente von tausend Pfund wurde dem Zauberer von den Direktoren der Sun-Feuerversicherungsgesellschaft für das Geheimniß dieses Wunders angeboten – und abgelehnt!!!

Das Laib-Brot-Wunder.

Die Uhr irgend einer wahrhaft anziehenden Dame, von irgend welchem Alter, unverheirathet oder verheirathet, wird, nachdem sie von dem Zauberer in einen eisernen Kasten verschlossen worden, auf sein Geheiß aus diesem Kasten hinaus in das Herz eines gewöhnlichen zweipfündigen Laibes Brot fliegen, aus dem sie, in Gegenwart der ganzen Gesellschaft, deren Ausrufe des Erstaunens in einer Entfernung von mehreren Meilen hörbar sind, herausgeschnitten werden wird.

Zehn Jahre auf den Hochebenen der Tartarai wurden dem Studium dieses Wunders gewidmet.

Das Reisende-Puppen-Wunder.

Die Reisende Puppe besteht ganz aus solidem Holz, wenn man ihr aber ein Reisekleid von der einfachsten Zusammensetzung anzieht, wird sie unsichtbar, macht in einer halben Minute ungeheuere Reisen und geht mit so staunenswürdiger Schnelle von der Sichtbarkeit zur Unsichtbarkeit über, daß kein Auge ihren Wandlungen folgen kann.

Der Gehülfe des Zauberers fällt gewöhnlich in Ohnmacht, wenn er dieses Wunder sieht, und kann nur durch die Einflößung von Brandy und Wasser wieder zum Bewußtsein gebracht werden.

Das Pudding-Wunder.

Nachdem die Gesellschaft unter sich übereingekommen ist, dem Zauberer den Hut irgend eines Herrn, dessen Kopf seine volle Größe erreicht hat, als Darlehn anzubieten, wird der Zauberer, ohne jenen Hut auch nur einen Augenblick den Augen der entzückten Gesellschaft zu entziehen, ein Feuer darin anzünden, in seinem Zauberkessel einen Plum-Pudding machen, denselben über besagtem Feuer kochen, ihn in zwei Minuten vollständig gar machen, ihn zerschneiden und in Scheiben zu unmittelbarem Genuß, an die ganze Gesellschaft vertheilen, endlich aber den Hut, vom Feuer völlig unverletzt, seinem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten.

Die außerordentliche Freigebigkeit dieses Wunders erregte, als es in Mailand gezeigt wurde, die Eifersucht der wohlwollenden österreichischen Regierung, so daß der Zauberer die Ehre hatte, verhaftet und fünf Jahre lang in der Festung jener Stadt gefangen gehalten zu werden.

Aber der Franzose verschmähte jede äußere Hülfe, stand vor der Gesellschaft ohne jeden Apparat da und führte lediglich durch mechanische Gewandtheit und ein staunenswerthes Gedächtniß Dinge aus, derengleichen Dickens nie gesehen und die seinem wachsamsten Nachdenken völlig unerklärlich waren. »So weit ich sehen kann, ein völlig eigenthümliches Genie, das allen Kenntnissen von der Taschenspielerei, insofern ich solche zu besitzen meinte, Trotz bietet.« Der Bericht, den er gab, erzählte von nur zwei und zwar den am leichtesten zu beschreibenden Kunststücken, die, da keine Karten dabei zur Anwendung kamen, nicht die merkwürdigsten waren; denn Dickens pflegte auch von diesem Franzosen zu sagen, er habe Karten in wahre Dämonen verwandelt. Er habe nie eine menschliche Hand Karten auf dieselbe Weise berühren, sie so wunderbar umherwerfen, oder sie in seiner, seiner eigenen, oder eines Andern Hand vertauschen sehen, mit einem Geschick, dem zu folgen unmöglich gewesen sei.

»Du mußt bedenken, daß er in der Gesellschaft war, nicht im mindesten von ihr entfernt, und daß wir die vorderste Reihe Sitze einnahmen. Als er herein kam, brachte er Schreibpapier und einen schwarzen Bleistift mit und schrieb einige Worte auf halbe Bogen Papier. Einen dieser Bogen faltete er zweimal und gab ihn Katharinen zu halten. Madame, sagte er laut, wollen Sie an irgend eine Art von Gegenständen denken? – Ich habe es gethan. – An was für eine Art, Madame? – Thiere. – Wollen Sie an ein bestimmtes Thier denken, Madame? – Ich habe es gethan. – An welches Thier? – An den Löwen. – Wollen Sie an eine andere Art von Gegenständen denken, Madame? – Ich habe es gethan. – An welche Art? – Blumen. – Die besondere Blume? – Die Rose. – Wollen Sie das Papier öffnen, das Sie in der Hand haben? – Sie öffnete es und es stand hübsch und deutlich mit Bleistift darauf geschrieben: Der Löwe. Die Rose. Kein Umstand irgendwelcher Art hatte den Gedanken an diese Worte hervorgerufen und sie lagen Katharinens Gedanken so fern als möglich, als sie das Zimmer betrat. Er hatte mehrere gewöhnliche Schul-Schiefertafeln, von etwa einem Quadratfuß Umfang. Er ging mit einer derselben zu einem Stabs-Officier aus dem Lager, dekorirt und was sonst noch, der an der Seite eines ernsten finstern Freundes, etwa sechs Schritt von uns entfernt saß. Mein General, sagt er, wollen Sie einen Namen auf diese Tafel schreiben, nachdem Ihr Freund dasselbe gethan hat? Zeigen Sie es mir nicht. Der Freund schrieb einen Namen und der General schrieb einen Namen. Der Zauberer nahm dem Officier die Tafel schnell weg, warf sie mit der beschriebenen Seite heftig zu Boden und bat den Officier, seinen Fuß darauf zu stellen und darauf zu halten, was er that. Der Zauberer bedachte sich ungefähr eine Minute, während er den General verteufelt scharf ansah. – Mein General, sagt er, Ihr Freund hat Dagobert auf die Tafel unter Ihrem Fuße geschrieben. Der Freund gibt dies zu. – Und Sie, mein General, haben Nikolaus geschrieben. Der General gibt es zu und Alle lachen und klatschen Beifall. – Mein General, wollen Sie mir verzeihen, wenn ich jenen Namen in einen Namen verwandle, welcher die Macht eines großen Volkes ausdrückt, das in glücklichem Bunde mit der Tapferkeit und dem Geiste Frankreichs, jenen Namen ins Innerste erschüttern wird? – Gewiß will ich es verzeihen. – Mein General, nehmen Sie die Tafel auf und lesen Sie. – Der General liest: Dagobert, Victoria. Das erste in seines Freundes Schrift, das zweite in einer neuen Hand. Ich habe nie etwas gesehen, was diesem im mindesten gleichkam, oder auch nur annähernd die absolute Sicherheit, die Vertraulichkeit, die Schnelligkeit, die Abwesenheit aller Maschinerie, die offene unmittelbare Billigkeit zwischen dem Zauberer und der Zuhörerschaft erreicht, womit dies durchgeführt wurde. Ich habe nicht die leiseste Ahnung von dem Geheimniß. – Noch ein anderes. Die Augen wurden ihm mit mehreren Servietten verbunden und dann über diese und auch über seinen Kopf ein großes Tuch geworfen, so daß seine Stimme klang, als läge er unter einem Bette. Ungefähr ein halbes Dutzend Daten wurde auf eine Schiefertafel geschrieben. Er nimmt die Schiefertafel in die Hand und wirft sie wie vorher heftig zu Boden, bleibt eine Minute still, scheint in Aufregung zu gerathen und bricht folgendermaßen aus: ›Was sehe ich da? Eine große Stadt mit engen Straßen und altmodischen Häusern, von denen viele aus Holz sind, die in Trümmer fällt. Wie fällt sie in Trümmer? Horch! Ich höre das Prasseln des großen Brandes und indem ich emporblicke, sehe ich eine ungeheure Feuer- und Rauch-Wolke. Der Boden ist auch mit heißer Asche bedeckt und die Leute fliehen in die Felder und suchen ihren Besitz zu retten. Dies große Feuer, dieser große Wind, dieser brüllende Lärm! Es ist das große Feuer von London und das erste Datum auf der Tafel muß sein eins, sechs, sechs, sechs – das Jahr worin dies stattfand.‹ – Und so mit allen andern Daten. Wenn Du nun eine Droschke nehmen und diese Mysterien an Rogers mittheilen willst, so wird es mich sehr freuen, seine Meinung darüber zu hören.« Rogers hatte unsere Leichtgläubigkeit mit einigen seiner eigenen Clairvoyant-Erfahrungen in Paris belastet und hier war endlich eine Parallele dazu gefunden.

Als er zu Anfang Juni 1856 zu seinem dritten Aufenthalt in Boulogne von Paris abreiste, hatte er von dem neunten Hefte seines neuen Buches noch kein Wort geschrieben und erwartete nicht vor dem Ablauf noch eines Monats »von der hohen See Klein-Dorrit's Land zu erblicken«. Er hatte wieder das Haus gemiethet, das er zuerst bewohnt hatte, die Villa des Moulineaux, und nachdem er einige Tage in der blauen Blouse, dem Ledergürtel und der Militärmütze eines französischen Farmers mit überraschendem Fleiß im Garten vertändelt hatte, schrieb er mir, daß er »jetzt wieder an die Arbeit komme – an die Arbeit! Die Geschichte liegt, wie ich hoffe, fest und klar vor mir. Nicht leicht zu erzählen; aber Nichts der Art läßt sich, soviel ich weiß, leicht thun.« Es wurde seine Gewohnheit, lange bei der Arbeit sitzen zu bleiben, dann seinen gewöhnlichen Spaziergang bis zum Abend aufzuschieben und bis nach dem Thee lesend zwischen den Rosen zu liegen (»ein Liebesgott von mittleren Jahren in Blouse und Gürtel«), worauf er nach dem Pier hinunter ging. »Besagter Pier ist am Abend eine Phase des Ortes, die wir nie sehen und mit der ich kaum bekannt war. Aber nie erblickte ich solche Exemplare der Jugend meines Vaterlandes, männliche und weibliche, wie sie diesen Ort durchwandern. Ihre Gemeinheit und Unverschämtheit macht Einen wirklich ganz verzagt. Man schämt sich ihrer so furchtbar und sie bilden einen so unvortheilhaften Gegensatz zu den Eingeborenen.« Wilkie Collins war wieder sein Gefährte während der Sommerwochen und Jerrold's Anwesenheit während des größeren Theiles der Zeit trug viel zu ihrem Genusse bei.

Das Lager war damals seinem Ende nahe. Es war nur noch ein Bataillon Soldaten darin und in wenigen Tagen sollten auch diese abmarschiren. Zuerst war das Wetter entsetzlich: »Stürme, Regengüsse, heftige Windstöße, rauhe Luft, Seenebel, zuschlagende Fensterläden, klappernde Thüren und umgewehte Rosenbäume zu Hunderten.« Aber dann kam eine köstliche Woche zwischen den Kornfeldern und den Bohnenfeldern und hierauf das Ende. »Das Lager sieht sehr eigenthümlich und sehr traurig aus. Da der Boden aus Sand besteht und das Gras während dieser beiden Jahre weggetreten ist, treibt der Seewind den Sand in die Ritzen und Vorsprünge aller Thüren und Fenster, und verstopft sie – grade als ob sie zu arabischen Hütten in der Wüste gehörten. Eine Anzahl von Unterofficieren hatte vor ihren Hütten Rasenbänke angelegt und es waren Rasen-Orchester da, in denen die Militärmusik spielte; aber alle diese versanden nun schnell, auf die ägyptischste Weise. Unter den Wällen der Obern Stadt drüben ist ein Jahrmarkt. In einer Schaubude wird der Malakoff jede halbe Stunde zwischen 4 und 11 Uhr genommen. Heftige Explosionen künden jeden Erfolg der französischen Waffen an (die Engländer haben nichts damit zu thun) und in den Zwischenakten bläst ein Mann draußen auf einer Eisenbahnpfeife grade in das Eßzimmer hinein. Weißt Du, daß die französischen Soldaten die englische Medaille ›die Rettungsmedaille‹ nennen – was bedeutet, daß sie sie bekommen, weil sie die englische Armee gerettet haben? Ich glaube nicht, daß es tausend Leute in Frankreich gibt, die glauben, daß wir irgend etwas anderes gethan haben als uns von den Franzosen retten lassen. Und ich bin überzeugt, daß die Resultatlosigkeit unsrer herrlichen Untersuchungscommission in Chelsea diesen Glauben wunderbar gestärkt hat. Niemand bei uns in England, das ist für mich eine traurige Gewißheit, hat eine nur einigermaßen genügende Vorstellung von dem, was die Barnacles und das ›Amt der Umschweife‹ Anspielung auf die berühmte Darstellung des englischen Beamten- und Verwaltungswesens in » Klein-Dorrit«. – D. Uebers. an uns gesündigt haben. Aber wenn wir wieder in den Krieg ziehen, wird man anfangen, es zu entdecken.«

Sein eigner Haushalt war schon in einen kleinen Krieg hineingerathen, dessen Oberbefehlshaber sein Diener French war, während die Hauptmasse der kämpfenden Streitkräfte aus seinen Kindern bestand und die Angreifer aus zwei Katzen. Geschäfte führten ihn beim Ausbruch der Feindseligkeiten nach London, und als er einige Tage später zurückkehrte, wurde ihm die Geschichte des Krieges erzählt. › Dick‹, muß im voraus bemerkt werden, war ein Kanarienvogel, den Dickens und seine älteste Tochter sehr liebten und dessen wildes kleines Herz ihre liebende Hand so gezähmt hatte, daß er der gelehrigste Gefährte geworden war. Dick starb 1866 in Gad's Hill, im sechzehnten Jahre seines Alters, und wurde durch ein kleines Grab und eine Grabschrift geehrt. »Die einzige Neuigkeit in diesem Garten ist, daß ein Krieg wüthet gegen zwei ganz besonders tigerhafte und furchtbare Katzen (wahrscheinlich sind sie aus der Mühle), die unsern wunderbaren kleinen Dick fortwährend aus dunkeln Ecken anglotzen. Da das Haus nach allen Seiten offen steht, ist es unmöglich, sie auszuschließen, und sie verstecken sich auf die schrecklichste Weise, indem sie sich wie Fledermäuse hinter Vorhängen anhängen und mitten in der Nacht mit furchtbarem Miauen hervorstürzen. Hierauf leiht French sich Beaucourt's Flinte, ladet dieselbe bis an die Mündung, schießt sie zweimal vergeblich ab und fällt durch den Rückschlag wie ein Hanswurst hinten über. Aber endlich (während ich in London war) zielt er auf die liebenswürdigere der beiden Katzen und schießt dies Thier todt. Durch seinen Sieg unerträglich aufgeblasen, ist er jetzt von Morgen bis Abend damit beschäftigt, sich hinter Büschen zu verstecken, um die andere Katze in seine Schußlinie zu bekommen. Weiter thut er nichts. Sämmtliche Jungen ermuthigen ihn und lauern dem Feinde auf, bei dessen Erscheinen sie einen Lärm machen, der dem Geschöpfe sofort zur Warnung dient, so daß es wegläuft. In diesem Augenblicke liegen sie alle (für die Kirche angezogen) in verschiedenen Theilen des Gartens auf dem Leibe. Entsetzliches Pfeifen deutet der Flinte an, auf welchen Punkt sie sich richten soll. Ich fürchte mich auszugehen, um nicht etwa erschossen zu werden. Mr. Plornisch sagt Abends sein Gebet mit flüsternder Stimme, damit die Katze ihn nicht etwa hört und sich beleidigt fühlt. Die Händler schreien, wenn sie die Allee heraufkommen: › Me voici! C'est moi - boulanger - ne tirez pas, Monsieur Franche!‹ Wir leben wie in einem Belagerungszustande, und die wunderbare Art, wie die Katze sich den Ruhm bewahrt, die einzige Person zu sein, welche durch die Heftigkeit dieser Monomanie nicht sehr beunruhigt wird, ist höchst lächerlich.« (6. Juli.) . . . »Ungefähr vier Pfund Pulver und eine halbe Tonne Schrot sind (13. Juli) während der letzten Woche auf die Katze (und das Publikum im Allgemeinen) abgefeuert worden. Das schönste ist, daß, sowie ich den edlen Jäger im Vordergarten nach ihr habe schießen hören, ich aus der Thür meines Zimmers in den Drawing-Room hineinblicke und ziemlich gewiß bin, die Katze in der ruhigsten Weise durch das Hinterfenster zur Vogeljagd hereinkommen zu sehen. Aus einer Quelle, auf die ich mich verlassen kann, ist mir die Nachricht zugegangen, daß French neuerdings den schändlichen Gedanken gefaßt hat, sie durch Fleisch und Freundlichkeit in die Wagenremise zu locken und ihr dort von einem großen Koffer aus den Kopf abzuschießen. Es ist meine Absicht, dies strenge zu verbieten, und zwar soll dies heute geschehen, als Werk der Frömmigkeit.«

Außer den ernsteren Arbeiten, welche ihn selbst und Wilkie Collins während dieser Monate beschäftigten und die besonders den Household Words zu gute kommen sollten, füllten auch leichtere Angelegenheiten die Muße Beider aus. Zu Weihnachten sollten wieder theatralische Aufführungen in Tavistock-House stattfinden, bei denen die Kinder, unter dem Beistande ihres Vaters und anderer Freunde, den Erfolg des Leuchtthurms erneuern sollten, indem sie sich wieder als erwachsene Schauspieler bewährten; und Collins war damit beschäftigt, ein neues Drama für sie zu schreiben, das den Titel » Die gefrorene Tiefe« führen sollte, während Dickens den Plan zu einer Posse entwarf, dessen Ausführung Lemon vorbehalten blieb. Aber diese angenehme Thätigkeit erfuhr eine plötzliche und traurige Unterbrechung.

Es brach eine Epidemie in der Stadt aus, von welcher die Kinder mehrerer mit Dickens bekannten Familien befallen wurden, darunter auch die seines Freundes Gilbert A'Becket, welcher, als er bei seiner Ankunft von Paris einen kleinen Lieblingssohn gefährlich krank fand, selbst einer Krankheit erlag, an der er gelitten, und zwei Tage nach dem Knaben starb. »Während dreier Tage hatten die Symptome sich gebessert und wir hatten einige Hoffnung auf seine Genesung; aber dann wurde es schlimmer und schlimmer und er starb, ohne zu wissen, daß das Kind ihm vorangegangen war. Eine traurige, traurige Geschichte.« Dickens hatte inzwischen seine eignen Kinder mit seiner Frau nach England geschickt und die übrigen folgten bald. Der arme Beaucourt war untröstlich. »Die Verödung unsrer Villa ist kläglich. Als Mamey und Katey fortgingen, kam Beaucourt herein und weinte. Das Herz scheint ihm wirklich fast gebrochen. Er hatte für den nächsten Monat alle möglichen Blumen gepflanzt und hat nun den Spaten hingeworfen und mit dem Ausjäten des Gartens aufgehört, so daß er aussieht wie ein wüster Vogelkäfig, aus dessen Gitter alle möglichen Gräser und Unkraut herausstecken und im Sande liegen. ›Auch für Monsieur Dickens,‹ sagt er, ›ist es ein solcher Verlust.‹ Dann blickt er (was sein einziger Trost zu sein scheint) in das Küchenfenster hinein und seufzt sich nach seinem Hause auf dem Hügel hinauf.« Ich kann von Beaucourt nicht Abschied nehmen, ohne zu sagen, daß ich genöthigt bin über die rührendsten von Dickens mitgetheilten Charakterzüge zu schweigen, weil sie sich auf die Großmuth beziehen, die er einer englischen Familie bewies, welche ein andres Haus von ihm bewohnte und ihm beträchtliche Verluste verursacht haben mußte, für die er aber trotzdem nichts als Hülfe und Sympathie zeigte. Auf Fragen, welche Dickens eines Tages über diese Familie an ihn richtete, hatte er sich nur über ihre Leiden und selbstauferlegten Entbehrungen ausgelassen. »›Ach die unglückliche Familie!‹ Und Sie, Monsieur Beaucourt, sagte ich zu ihm, sind auch unglücklich, Gott weiß! – Worauf er in der angenehmsten Weise von der Welt sagte. ›Ach, Monsieur Dickens, ich danke Ihnen, sprechen Sie nicht davon!‹ Und damit entfernte er sich, die Mütze in der Hand, mit dem Rücken voran, die Allee hinunter, als wolle er sich gradesweges in den Abendstern hinein entfernen, ohne die vorhergängige Ceremonie des Sterbens. Nie sah ich ein so mildes freundliches Herz.«

Ich komme nun zu der Beschreibung seines Aufenthalts in Paris, während der Zeit zwischen diesen beiden letzten Besuchen in Boulogne.

 

*

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.