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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Häusliche Vorgänge und Harte Zeiten.
1853–1855.

David Copperfield wurde größtentheils in Devonshire Terrace geschrieben und erschien zwischen dem Anfang des Jahres 1849 und dem Oktober 1850; sein Verkauf, welcher seitdem denjenigen aller andern Romane von Dickens, mit Ausnahme »Pickwick's«, übertroffen hat, ging damals nie über zwanzigtausend Exemplare hinaus. Aber obgleich es vorläufig bei dieser Zahl blieb, vermehrte die Popularität des Buches den Verkauf seines Nachfolgers beträchtlich. »Bleak House« wurde in Tavistock House, Dickens' neuer Wohnung, zu Ende November 1851 begonnen, inmitten der aufgeregten Zeit der Vorstellungen der Gilde der Literatur und Kunst, während des folgenden Jahres fortgesetzt, im August 1853 in Boulogne beendet und »seinen Freunden und Genossen von der Gilde der Literatur und Kunst« gewidmet.

Im März 1852 erschien das erste Heft, und sein Verkauf wurde in demselben Briefe aus Tavistock House (7. März) gemeldet, der von seinen Mühen beim Beginn des Romans und von andern, dem gewöhnlichen Menschenloos anhaftenden, und von seinen Freuden wie von seinen Leiden unzertrennlichen Aufregungen erzählte, die er damals durchzumachen hatte. »Meine Fahrt gestern nach dem Kirchhof in Highgate war eine traurige. Traurig zu denken, wie alle Fahrten derselben Richtung zustreben. Ich ging den Kirchhof hinauf, mich nach einem Stück Erde umzusehen. Vergl. Band II. S. 456. Ohne Hoffnung auf eine Regierungsbill Dickens interessirte sich sehr für die Bewegung gegen den ferneren Gebrauch von Kirchhöfen innerhalb der Stadtgrenzen, und für die Herstellung von Begräbnißstätten unter der Aufsicht des Staates. und mit einer thörichten Abneigung, das kleine Kind dort in ein Gewölbe einzuschließen, denke ich daran, ein Zelt unter freiem Himmel aufzuschlagen . . . Nichts hat sich hier ereignet; aber ich glaube jede Stunde, daß es in der nächsten Stunde kommen muß. Ich habe wilde Pläne, nach Paris, Rouen, der Schweiz, irgendwohin zu gehen und die übrigen zwei Drittel des nächsten Heftes hoch oben in irgend einem seltsamen Gasthauszimmer zu beendigen. Ich habe darüber gebrütet und bin unruhig geworden. Brauche, wie mir scheint, eine Veränderung. Einfältig. Der Verkauf stand auf 30,000 als ich zuletzt davon hörte . . . Ich bedaure, Dir mitzutheilen, daß ich, nach allen möglichen Ausflüchten, gezwungen bin, morgen in Lansdowne House zu diniren. Doch vielleicht findet die Sache schon heute Abend statt, so daß ich eine Entschuldigung habe! Ich lege die Correcturbogen des zweiten Heftes bei. Browne hat Skimpole gezeichnet und dazu beigetragen, ihn seinem großen Original auffallend unähnlich zu machen. Sieh' es durch und sage mir, was Du darüber denkst. Findest Du Mrs. Gaskell nicht reizend? Mit Ausnahme eines schlecht bedachten Punktes, der wie ein Mangel an natürlicher Auffassung erscheint, halte ich es für meisterhaft.« Seine letzte Anspielung bezieht sich auf die damals in ›Household Word‹ erscheinende Erzählung einer vortrefflichen Schriftstellerin und von den andern braucht nur bemerkt zu werden, daß das Familienereigniß, welches seine Abwesenheit bei dem Dîner in Lansdowne House hätte entschuldigen können, erst vier Tage später stattfand. Am 13. März wurde sein letztes Kind geboren, und der Knabe, sein siebenter Sohn, trägt den berühmten Namen seines Taufvaters, Edward Bulwer Lytton.

Da die Unfähigkeit, »Funken zu schleifen aus seiner stumpfen Klinge«, wie er seine damalige Arbeit an »Bleak House« beschrieb, ihn noch quälte, faßte er den Plan zu einem Ausfluge nach Paris. »Ich könnte um diese Jahreszeit nicht sehr gut in die Schweiz gehen. Der Jura würde mit Schnee bedeckt sein. Und ginge ich nach Genf, so weiß ich nicht, wohin ich nicht gehen könnte.« Das Ende war schließlich eine Flucht nach Dover; aber ehe er abreiste, fand er inmitten vieler Beschäftigungen und einiger Besorgnisse noch Zeit zu einer gutmüthigen Fahrt nach Walworth, um einen jungen Mann, der Talente für die Bühne haben sollte, eine Rolle vortragen zu hören, und er war im Stande, die Freunde desselben (es war der seitdem allgemein bekannt gewordene Komiker Toole) zu erfreuen, indem er sich günstig über seine Aussichten auf Erfolg aussprach. »Ich erinnere mich, was ich selbst einmal in dieser Beziehung wünschte,« sagte er, »und möchte ihm gern behülflich sein.«

Tavistock House

Tavistock House

Bei einem der letzten Dîners in Tavistock House vor seiner Abreise war Mr. Watson von Rockingham zugegen und Dickens war kaum in Dover zur Ruhe gekommen, als er die Nachricht von dem Tode dieses vortrefflichen Freundes erhielt. »Armer lieber Watson! Es war heute vor zwei Wochen, als Du mit uns ausrittest und er bei uns speiste. Wir Alle bemerkten, als er fort war, wie glücklich er scheine, die Wahlcampagne hinter sich zu haben, und wie heiter er sei. Er war voller Weihnachtspläne für Rockingham, und wünschte sehr, wir sollten ein französisches Stück aufführen, dessen Plan ich ihm erzählt hatte. Den folgenden Tag verließ er England, um seine Frau und die Kinder in Homburg zu treffen und dann nach Lausanne zu gehen, wo sie ein Haus auf einen Monat genommen hatten. In Homburg wurde er von einer heftigen innern Entzündung ergriffen und starb – ohne viel Schmerz – in vier Tagen . . . Ich hatte ihn so lieb, daß ich bedaure, daß Du ihn nicht besser gekannt hast. Ich glaube, er war ein so durch und durch guter und wahrhaftiger Mensch, als je einer lebte, und ich bin gewiß, daß ich keine größere Neigung für ihn fühlen konnte, als er für mich fühlte. Wenn ich an sein helles Haus und an sein schönes, einfaches, ehrliches Herz denke, die beide so offen für mich waren, sind die Leere und der Verlust mir wie ein Traum.« Andre Todesfälle folgten. »Der arme D'Orsay!« schrieb er nur sieben Tage später, am 8. August; »es ist ein furchtbarer Gedanke, daß die Freunde um uns her in so schrecklicher Zahl fallen, wenn wir die Mitte des Lebens erreichen. Was für ein Schlachtfeld ist es!« Und kaum war ein neuer Monat ganz vorüber gegangen, als er in Mrs. Macready eine sehr liebe Freundin seiner Familie verlor. »Ach Himmel!« schrieb er, »diese furchtbare Sichel schneidet wahrhaftig tief in das umgebende Korn, wenn unser eigener kleiner Halm reif geworden ist. Aber vielleicht ist dies Alles nur ein Traum und der Tod wird uns erwecken.«

Endlich im Stande, sich fest an die Arbeit zu setzen, blieb er drei Monate in Dover, und fuhr, nachdem er seine Familiencaravane heimgeschickt, zu Anfang Oktober nach Boulogne hinüber, um diesen Ort als Ferienaufenthalt am Meere zu versuchen. »Ich habe,« schrieb er, »nie eine bessere Probe von der Art und Weise unserer Landsleute gesehen als diesen Ort. Weil er zugänglich ist, ist es gentil zu sagen, er habe keinen Charakter, sei ganz englisch, es sei nichts Continentales daran – und so weiter. Es ist ein so eigenthümlicher, malerischer, guter Ort als irgend einer der mir bekannt ist; die Bootsleute und Fischerleute eine Race für sich und einige von ihren Dörfern so gut als die Fischerdörfer am mittelländischen Meere. Die obere Stadt, nebst dem Spaziergang um sie herum auf den Wällen, reizend. Die Landwege köstlich. Es ist die beste Mischung von Stadt und Land (mit Seeluft in den Kauf) die ich je gesehen; Alles billig, Alles gut, und wenn es Gott gefällt, werde ich im nächsten Juli auf besagten Wällen schreiben.«

Vor dem Schlusse des Jahres war die Zeit, auf welche sein buchhändlerischer Vertrag mit Bradbury und Evans beschränkt war, abgelaufen; aber auf seinen Vorschlag sollten sie das Viertel des Ertrages seiner Bücher, das sie jetzt seit acht Jahren empfangen hatten, fortbeziehen, unter der Bedingung, daß die Berechnung ihrer Procente als Verleger aufhöre und daß es ihm selbst freistehen solle, den Contract zu lösen, wann es ihm beliebe. Die erste Begebenheit des neuen Jahres war für ihn eine Festfeier in Birmingham, wo ein silberner Teller und ein Diamantring ihm überreicht wurden, theils für die besondern Dienste, welche er durch seine Beredtsamkeit dem literarischen Institut geleistet, theils als allgemeine Anerkennung »seiner umfassenden literarischen Talente, seiner wohlwollenden Philosophie und seiner edeln moralischen Lehren«. Ein dann folgendes großes Banquet am Dreikönigstage war denkwürdig wegen des bei demselben gemachten Anerbietens, nächsten Weihnachten ein paar Vorlesungen aus seinen Büchern zu halten, zum Besten des neuen Midland-Instituts in Birmingham. Es konnte scheinen, als sei dies ein durch den begeisterten Empfang seiner Wirthe veranlaßter Akt der Dankbarkeit, aber er hatte schon daran gedacht, ehe er London verließ. Es war sein erstes förmliches Unternehmen öffentlicher Vorlesungen.

Sein ältester Sohn hatte damals Eton verlassen, und da die Wünsche des Knaben um diese Zeit auf eine kaufmännische Laufbahn hinwiesen, wurde er zur Vollendung seiner Erziehung nach Leipzig geschickt. Baron Tauchnitz bemerkt in einer an mich gerichteten Beschreibung seines langen und ununterbrochen freundschaftlichen Verkehrs mit Dickens: »Ich theile auch eine Stelle aus einem der Briefe mit, die er mir schrieb, als er seinen Sohn Charles, durch meine Vermittelung, nach Leipzig schickte. Er sagt darin, was er für seinen Sohn wünscht. ›Ich wünsche, daß er an dem ihn umgebenden Leben Interesse nimmt und sich eine Bekanntschaft mit demselben erwirbt, und daß er als Gentleman behandelt wird, ohne doch mit Genüssen überfüllt zu werden. Auf Pünktlichkeit in allen Dingen, großen und kleinen, lege ich großes Gewicht.‹« Damals war es als die Ueberanstrengung des Zuvielversuchens, welche ihm durch die Erfordernisse seiner Wochenschrift auferlegt wurde, mir zuerst bei Dickens bemerkbar wurde. Nicht selten hörte ich von ihm Klagen, die seinen Lippen sonst fremd waren. »Ein hypochondrisches Flüstern sagt mir, daß ich überarbeitet bin. Die Feder schnellt nicht sofort wieder zurück, wie sie sonst immer that, wenn ich meine eigne Arbeit bei Seite legte und sonst nichts zu thun hatte. Und doch habe ich Alles, was mich mit einem tapfern Herzen im Gange hält, Gott weiß!« Muth und Hoffnung konnte er freilich aus dem immer zunehmenden Verkaufe von »Bleak House« schöpfen, der auf fast vierzig tausend Exemplare gestiegen war; aber er konnte nicht mehr leicht tragen, was er früher so leicht trug, und die Vereinigung von Genüssen mit Arbeiten wurde zu viel für ihn. »In Anspruch genommen wie ich bin, durch »Bleak House« und Household Words und die Child's History of England« (er diktirte von Woche zu Woche die Artikel, aus welchen das letztere kleine Buch entstand, und man kann nicht sagen, daß er ganz den richtigen Ton damit traf) »und Miß Coutts wohlthätige Anstalt und die Einladungen zu Gastmälern und Festlichkeiten, ist mir wirklich zu Muth als müßte mein Kopf wie eine brennende Bombe zerspringen, wenn ich hier bliebe.« Er versuchte Brighton zuerst, fand aber daß es ihm nichts nützte und kehrte zurück. Einige Tage ungetrübter Freude wurden dann dem Besuche seines vortrefflichen amerikanischen Freundes Felton gewidmet, und am 13. Juni war er wieder in Boulogne und dankte dem Himmel, daß er einem Zusammenbruch seiner Kräfte entronnen war. »Hätte ich die Kenntniß, welche ein Anderer von mir hat, meiner eigenen substituirt, und wäre ich in London geblieben, ich hätte nie durchkommen können.«

Was ihm in Boulogne begegnete, wird zusammen mit den Vorgängen seines zweiten und dritten Sommeraufenthalts an diesem Orte in einem späteren Kapitel erzählt werden. Er beendete dort in der dritten Augustwoche seinen Roman »Bleak House« und es wurde beschlossen, dies Ereigniß durch einen in Gemeinschaft mit Wilkie Collins und Augustus Egg unternommenen Ausflug nach Italien zu feiern. Man wollte Mitte Oktober, nachdem Dickens' Familie nach London zurückgekehrt war, von Boulogne aufbrechen, und er beschrieb die dazwischen liegenden Wochen als eine furchtbare »Reaktion und Niedergeschlagenheit des Müßigganges«, nur unterbrochen durch die Child's History. Zu Ende September schrieb er: »Ich beendete die kleine Child's History gestern und versuche an etwas für das Weihnachtsfest zu denken. Hierauf werde ich mich auf und davon machen, denn so gering es mir zu jeder andern Zeit erschienen wäre, so habe ich doch ganz genug zu thun gehabt, seit ich »Bleak House« beendete.« Eine Woche vor seiner Abreise fügte er hinzu: »Ich bekomme Briefe aus Genua und Lausanne, als wollte ich an jedem dieser Orte mindestens einen Monat bleiben. Wollte ich meine Verdienste an der Theilnahme der Leute für mich messen, so würde ich ein Wunder von Unerträglichkeit sein. Ich habe mich des Italiänischen, das ich so gut wie vergessen hatte, wieder bemeistert, und bin ein gänzlicher und vollständiger Chrysolit von Trägheit.«

Von diesem Ausflug, dessen Vorgänge ein von meiner Erzählung unabhängiges Interesse haben, kehrte Dickens Mitte December nach London zurück und hielt seinen Freunden in Birmingham sein Versprechen, indem er am 27. sein »Weihnachtslied« und am 29. sein »Heimchen auf dem Heerde« in ihrer Stadthalle vorlas. Die Begeisterung war groß und er willigte ein, das »Weihnachtslied« am Freitag, den 30., noch einmal zu lesen, wenn Sitze zu billigen Preisen für die arbeitenden Klassen vorbehalten würden. Das Resultat war eine Zugabe von 4–500 Pfd. St. zu dem Fonds für die Gründung eines neuen Instituts; und ein hübsch gearbeiteter silberner Blumenkorb für Mrs. Dickens erhielt das Andenken an diese ersten öffentlichen Vorlesungen »vor fast sechstausend Personen« und an den Zweck, den sie großmüthig gefördert hatten. Andre Gesuche folgten dann in solchem Umfange, daß der Bewilligung derselben Grenzen gesetzt werden mußten, und ein Brief vom 16. Mai 1854 ist einer von vielen, die sowohl der Schwierigkeit, worin er sich befand, als seinem vielersehnten Auskunftsmittel dieselbe zu lösen, Worte verleihen. »Dein Einwand gegen bezahlte öffentliche Vorlesungen leuchtet mir gar nicht ein. Er verdient Berücksichtigung, ist aber meiner Ansicht nach nicht von Bedeutung. Im Gegentheil, wenn das Vorlesungenhalten irgend eine bewegende Kraft hätte (das klingt grade wie mein Vater), so würde, glaube ich, dieselbe nach der andern Seite wirken. Was die Sache in Colchester betrifft, so hatte ich schon einen Brief von einem Magnaten von Colchester erhalten, dem ich ehrlich antwortete, daß ich bereits zu Weihnachtsvorlesungen in Bradford und Reading verpflichtet sei, und auf diese öffentliche Weise unter keinen Umständen mehr thun könne.« Das Versprechen an die Leute von Reading hatte er um Talfourds Talfourd, der so oft in diesen Bänden erwähnte, vieljährige Freund Dickens', war Parlamentsmitglied für Reading. – D. Uebers. willen gemacht, das andere gab er nach den Vorlesungen in Birmingham, als ein Institut in Bradford ihn um eine ähnliche Hülfleistung ersuchte und ihm ein Honorar von 50 Pfd. St. anbot. Zuerst ging er hierauf ein, gab es aber dann mit einigem Widerstreben wieder auf, als ich ihm vorstellte, daß es seine öffentliche Stellung als Schriftsteller ändern müsse, ohne dieselbe zu verbessern, wenn er ein öffentlicher Vorleser werde, und daß eine solche Aenderung nur dann zu rechtfertigen sein werde, wenn es seinem höheren Beruf an dem alten Erfolge fehle. Obgleich er jedoch für den Augenblick diesen Gründen nachgab, tauchte doch die Frage bald wieder mit demselben Ungestüm auf; denn sein eigenes Verhältniß dazu war immer dasjenige eines Mannes, der gegen seinen Willen sich dazu verstand, sie unentschieden zu lassen. Aber ein weiterer Entschluß wurde noch nicht gefaßt. Die erwähnten Vorlesungen fanden, dem gegebenen Versprechen gemäß, zum Besten öffentlicher Zwecke statt, Am 28. December 1854 schrieb er aus Bradford: »Die Halle ist von gewaltigem Umfang und man erwartet, daß heute Abend 3700 Leute darin Platz finden werden. Nichtsdestoweniger scheint sie mir ganz gemüthlich – ausgenommen, daß die Plattform dem Auge anfangs so sehr breit vorkommt.« Aus Folkestone, auf dem Wege nach Paris, schrieb er am 16. September 1855: »Ich werde hier am 5. des nächsten Monats vorlesen und habe während der letzten vierzehn Tage dreißig Schreiben beantwortet, worin ich ersucht wurde, in ganz England, Irland und Schottland dasselbe zu thun. Stelle Dir vor, daß ich zu diesem Zwecke im December von Paris herüberkommen muß, um in Peterborough, Birmingham und Sheffield Vorlesungen zu halten – alte Versprechungen.« Dann am 23 September: »Ich werde hier Freitag über acht Tage lesen. Es gibt hier (wie überall sonst) ein Literarisches Institut und einen Handwerkerverein, die nicht die mindeste Sympathie oder Verbindung unter einander haben. Die Sperrsitze kosten fünf Schillinge; aber ich habe darauf bestanden, daß das Eintrittsgeld für die Arbeiter auf drei Pence herabgesetzt wird und hoffe, daß es so gelingen wird, sie zusammen zu bringen. Die Sache findet in einem Zimmermannsladen statt, als der größten Räumlichkeit, deren man habhaft werden konnte.« 1857 las er, auf Sir Joseph Paxton's Bitte, das »Weihnachtslied« zum Besten des dortigen Instituts. und außer andern zwei Jahre später für die Familie eines Freundes gehaltenen Vorlesungen, hatte er auch Instituten in Folkestone, Chatham und dann wieder in Birmingham, Peterborough, Sheffield, Coventry und Edinburgh einen ähnlichen liberalen Beistand zu leisten, ehe die Frage schließlich durch die Ankündigung öffentlicher bezahlter Vorlesungen im Jahre 1858 entschieden wurde.

Wenn ich an sein Haus während der ersten Hälfte des Jahres 1854 zurückdenke, so tauchen wenige Dinge erfreulicher in der Erinnerung auf, als die theatralischen Aufführungen der Kinder. Diese fingen an mit dem ersten in Tavistock House verlebten Dreikönigstage und wurden wiederholt, bis die Hauptdarsteller aufgehört hatten Kinder zu sein. Die besten Vorstellungen waren Tom Thumb und Fortunio, in den Jahren 1854 und 1855. Dickens selbst nahm damals zuerst an diesen Belustigungen Theil und Mark Lemon führte seine talentvollen Kinder dabei ein und brachte sich selber als einen wahren Berg kindererfreuenden Scherzes dazu mit. Dickens war sehr intim mit Lemon geworden und seine heitere, fröhliche Art und Weise hatte ihm eine unbegrenzte Popularität verschafft bei dem jungen Volk, das keinen solchen Liebling hatte wie »Onkel Mark«. In Fielding's Posse spielte er die Riesin Glumdalka und Dickens das Gespenst Gaffer Thumb's; die Schauspielernamen, unter denen sie auftraten, waren: das Wunderkind und der moderne Garrick. Aber die jüngeren Schauspieler trugen die Palme davon. Da war ein Lord Grizzle, bei dessen auf allgemeines Verlangen gesungener Ballade: ›Miß Villikins‹, Thackeray in einem Ausbruch von Gelächter, der absurd ansteckend wurde, von seinem Stuhl herunterfiel. Selbst dies aber, nebst den kaum geringeren Späßen der Nudels, Dudels und König Arthurs, kam der hübschen, phantastischen, komischen Grazie Dollalolla's, Hunkamunka's und Tom's nicht gleich. Die Mädchen bewahrten beständig jenen ernsten Ausdruck, der unwiderstehlich ist, wenn kleine Kinder ihn annehmen; und ein noch nicht über sein viertes Lebensjahr hinausgeschrittener Schauspieler, der seine komischen Gesänge und seine tragischen Heldenthaten ohne eine falsche Note und ein unerschlagenes Opfer fertig brachte, stellte den kleinen behelmten Helden dar. Er erschien auf dem Theaterzettel als Mr. H–, trug aber in Wahrheit den Namen des berühmten Autors, dessen Ideen er verkörperte (Henry Fielding Dickens) und der ihn gewiß für Tom's erstes in den Armen Hunkamunka's gesungenes Lied geherzt haben würde, hätte er dem späteren Meister in seiner Kunst es vergeben können, daß er das Lied nach einer damals sehr populären Melodie neu componirt hatte. Die Dacapos waren häufig, und meistens entsprach der kleine Kerl ihnen; aber die schlecht angebrachte Begeisterung, welche bei der heroischen Tiefe des Gefühls, womit er Dollalolla erstach, eine ähnliche Form annahm, bestrafte er, indem er ernsthaft bis zum Schlusse weiter fortspielte. Sein Fortunio an dem nächsten Dreikönigstage war nicht so groß; als er jedoch, als Vorspiel zur Ueberwindung des Drachen (Lemon spielte den Drachen), dessen Getränk mit Sherry mischte, war das schlaue Behagen, womit er die dadurch bewirkte Entartung seines furchtbaren Gegners zu einer hülflosen Schwachheit beobachtete, vollkommen. In diesem Stücke spielte Dickens den trotzköpfigen alten Baron und benutzte die Aufregung, welche im Jahre 1855 gegen den Czaren herrschte, um diesen in einem Liede als den richtigen Vetter eben desjenigen Bären darzustellen, zu dessen Fang Fortunio ausgezogen war. Er schilderte ihn in seiner Einöde der Autokratie, als den Robinson Crusoe des absoluten Staates, der an seinem Hofe manchen Galatag und manchen Festtag habe, aber in allen seinen Reichen nicht einen Freitag. Der Theaterzettel, der diese Einschaltungen »dem Theaterdichter des Hauses« zuschrieb, verdient auch Erwähnung wegen des Spaßes der sechs mit fetten Lettern gedruckten Ankündigungen, die an der Spitze standen und von Crummles selbst nicht hätten verbessert werden können. »Neues Engagement des unwiderstehlichen Komikers« (des Darstellers von Lord Grizzle) »Mr. Ainger!« – »Wiederauftreten Mr. H's, der voriges Jahr einen so gewaltigen Eindruck hervorbrachte!« – »Rückkehr Mr. Charles Dickens' jun. von seiner deutschen Tour!« – »Engagement Miß Kate Dickens', welche die freigebigen Anerbietungen der Direktion während der verflossenen Theatersaison ablehnte!« – »Mr. Passé, Mr. Mudperiod, Mr. Measly Servile und Mr. Wilkini Collini!« – »Allererstes Auftreten Mr. Plornischmaroontigoonter's (der mit einem ungeheuren Kostenaufwand außer Bette gehalten wird).« Der letzterwähnte Darsteller Er ging mit den andern im Sommer nach Boulogne und eine Anekdote, die sein Vater in einem seiner Briefe von ihm erzählt, zeigt, daß er den Ruhm eines Komikers, welchen sein erstes Auftreten ihm errungen, behauptete. » Originalanekdote von dem Plornischghenter. Dieser ausgezeichnete Schöngeist machte, als er mit seiner Familie in Boulogne war, genaue Bekanntschaft mit seinem Wirth, der Beaucourt hieß – das einzige französische Wort, womit er damals bekannt war. Es geschah eines Tages, daß er, während die Flut herankam, mit seinen zwei kleinen Brüdern und einem jungen englischen Kindermädchen ungewöhnlich lange in dem Badekarren gelassen wurde, ohne daß man denselben an's Land zog. Das kleine Kindermädchen, das ängstlich zu werden anfing, rief: Muschö! Muschö! Die beiden kleinen Brüder, die ebenfalls bange wurden, riefen. Joi! Joi! Unser Schöngeist, der sofort erkannte, daß sein Englisch ihm unter diesen fremden Verhältnissen nichts nützen könne, fing an zu schreien Beaucourt! Beaucourt! und fuhr so lange fort, dies so laut er konnte und mit großem Ernst auszurufen, bis er gerettet wurde. – Neues Boulogner Witzbuch, S. 578.« befand sich noch in einiger Entfernung von dem dritten Jahre seines Alters. Dickens war Mr. Passé.

Ernste Dinge waren mit diesen Belustigungen vermischt. »Ich möchte,« schrieb er am 20. Januar 1854, »daß Du Dir die beiliegenden Titel für die Geschichte in Household Words ansähest, wo möglich vor zwei Uhr, um welche Zeit ich zu Dir kommen werde. Es ist, wie Du bemerken wirst, mein gewöhnlicher Tag, an dem ich sie niedergeschrieben habe: Freitag! Mir scheint, daß drei sehr gute darunter sind. Ich möchte wissen, ob Du dieselben herausfindest.« Auf dem beiliegenden Papier war geschrieben: 1. Cocker zufolge. 2. Beweist es. 3. Halsstarrige Dinge. 4. Mr. Gradgrind's Thatsachen. 5. Der Schleifstein. 6. Harte Zeiten. 7. Zwei und zwei sind vier. 8. Etwas Greifbares. 9. Unser hartköpfiger Freund. 10. Rost und Staub. 11. Einfache Rechenkunst. 12. Eine Sache der Calculation. 13. Eine bloße Frage der Zahl. 14. Gradgrind's Philosophie. Die drei Titel, die ich auswählte, waren 2, 6, 11; seine eigenen drei Lieblingstitel 6, 13 und 14, und da 6 von uns Beiden gewählt war, wurde dieser Titel genommen.

Es war der erste Roman, den er für Household Words schrieb, und im Fortgange desselben kehrten die alten Mühen der »Wanduhr« wieder, mit dem Unterschied, daß die größere Kürze der Wochenhefte es leichter machte, sie zu rechter Zeit fertig zu haben, aber viel schwerer, jedem Abschnitt ein genügendes Interesse zu verleihen. »Die Schwierigkeit des Raumes,« schrieb er nach einem mehrwöchentlichen Versuche, »ist überwältigend, Niemand kann sich eine Vorstellung davon machen, der nicht erfahren hat was es ist, wenn man geduldig an einem Roman arbeitet und dabei immer etwas freien Raum und freie Aussicht in die Ferne hat. In dieser Form ist davon, bei einiger Rücksichtnahme auf das laufende Heft, gar keine Rede.« Er schrieb jedoch weiter und führte von den zwei Plänen, mit welchen er anfing, den einen sehr vollkommen und den anderen wenigstens theilweise aus. Er erweiterte die Circulation seiner Zeitschrift um mehr als das Doppelte und schrieb einen Roman, der, wenn er auch nicht zu seinen besten gehört, doch Sachen enthält, welche ebenso charakteristisch sind, als irgend etwas Anderes in seinen Werken. Ich gehe nicht so weit als Ruskin, der ihm einen hohen Platz anweist; aber Allem, was von diesem Autor kommt, so verschiedener Meinung man auch sein mag, gebührt ernste Beachtung und jedes Wort, das er hier über Dickens' Absicht sagt, ist im strengsten Sinne gerecht. Man muß sich auch an das erinnern, was Dickens selbst über diesen Roman an Charles Knight schrieb. »Sein Zweck sei nicht,« sagte er, »den wirklich nützlichen Wahrheiten der Politischen Oekonomie Abbruch zu thun, er sei vielmehr nur gegen diejenigen gerichtet, die Zahlen und Durchschnittsberechnungen sehen und weiter nichts, die aus der durchschnittlichen Jahreskälte in der Krimm den Grund hernehmen, die Soldaten in Nächten, wenn sie in Pelzkleidung erfrieren würden, in Nanking zu kleiden und die den Arbeiter, der täglich drittehalb Meilen weit zu und von seiner Arbeit zu wandern hat, mit der Bemerkung trösten möchten, daß die Durchschnittsentfernung von einem bewohnten Orte zum andern auf der ganzen Bodenfläche von England nicht mehr als dreiviertel Meilen beträgt.« »Der wesentliche Werth und die Wahrheit von Dickens' Schriften,« sagt Ruskin, »werden durch manche denkende Menschen unweise genug nur deshalb aus den Augen verloren, weil er seine Wahrheit mit einer Färbung von Carrikatur darstellt. Unweise, weil Dickens' Carrikatur, obgleich stark aufgetragen, doch nie irrthümlich ist. Wenn man von seiner eigenthümlichen Darstellungsweise absieht, sind die Dinge, die er darstellt, immer wahr. Ich wünschte, er könnte sich bewogen fühlen, seine glänzenden Uebertreibungen auf Werke zu beschränken, welche nur für die öffentliche Unterhaltung geschrieben werden, und wenn er sich mit einem Gegenstande von hoher nationaler Wichtigkeit, wie dem in » Harte Zeiten« behandelten, befaßt, eine strengere und genauere Analyse zur Anwendung zu bringen. Der Nutzen dieses Werkes (meiner Meinung nach in mehrfacher Hinsicht des größesten, das er geschrieben) wird in den Augen Mancher ernstlich vermindert, weil Mr. Bounderby ein dramatisches Ungeheuer ist, statt ein charakteristisches Exemplar eines weltlich gesinnten Meisters, und Stephen Blackpool eine dramatische Vollkommenheit, statt ein ehrlicher Arbeiter. Aber verlieren wir den Nutzen von Dickens' Witz und Einsicht nicht, weil er es für gut findet, inmitten eines Kreises von Bühnenfeuer zu reden. In der Hauptrichtung und dem Hauptzweck aller seiner Bücher hat er vollkommen recht und alle, besonders aber » Harte Zeiten«, sollten von denen, die sich für gesellschaftliche Fragen interessiren, ernst und sorgfältig studirt werden. Sie werden Vieles finden, was parteiisch, und weil parteiisch, anscheinend ungerecht ist; aber wenn sie alle auf der anderen Seite angeführten, von Dickens scheinbar übersehenen Beweisgründe prüfen, werden sie nach allen ihren Bemühungen finden, daß seine Ansicht die schließlich richtige ist, stark und scharf aufgetragen wie sie sein mag.« Es ist merkwürdig, daß Taine mit einer ebenso entschiedenen Ansicht nach der entgegengesetzten Seite und einer ebenso irrthümlichen Erhebung eines Werkes, das im Ganzen unzweifelhaft unter dem gewöhnlichen Niveau des Autors steht, über dasselbe, von » Harte Zeiten« als demjenigen Romane Dickens' spricht, welcher ein Inbegriff aller übrigen sei: insofern er den Instinkt über die Vernunft und die Anschauungen des Herzens über die praktische Erkenntniß erhebe, alle auf statistische Zahlen und Thatsachen gegründete Bildung angreife, Schmach und Spott auf das praktische Volk der Kaufleute häufe, gegen den Stolz, die Härte und die Selbstsucht des Kaufmanns und des Adeligen kämpfe, die Fabrikstädte verfluche, weil sie die Körper in Rauch und Schmutz und die Seelen in Falschheit und Unnatur einkerkern, – während er dieser Satire auf die gesellschaftliche Tyrannei eine erhabene Lobrede auf die Unterdrückten gegenübersetzt und arme Arbeiter, Taschenspieler, Findelkinder und Kunstreiter aufstellt als Typen des gesunden Menschenverstandes, des Wohlwollens, der Großherzigkeit, der Zartheit und des Muthes, zur ewigen Schande der vorgeblichen Erkenntniß, des vorgeblichen Glückes, der vorgeblichen Tugend der Reichen und Mächtigen, welche sie zu Boden treten. Dies ist ein gutes Beispiel der Uebertreibungen, womit andere Uebertreibungen getadelt werden, in Taine's Kritik und in der Kritik vieler Anderen. Das beste in dem Roman außerhalb des Kreises von Bühnenfeuer (ein Ausdruck der in weiterem Sinne auf diese Epoche in Dickens' Leben anwendbar ist als sein Erfinder dachte) waren die Kunstreiter-Skizzen und der Haushalt Bounderby's; aber es ist eine weise Bemerkung Ruskin's, daß in der allgemeinen Tendenz eines Romans Wahrheiten liegen können, die von hinreichender Bedeutung sind, um die Mängel der Darstellung aufzuwiegen, und hier nahmen dieselben eine umfassende Aufmerksamkeit in Anspruch. Eine gute Erziehung ist unmöglich, ohne die Ausbildung der Phantasie und ohne daß den Gemüthsbewegungen ein genügender Spielraum gegeben wird. Es ist unmöglich, die Menschen nach dem Grundsatz von Durchschnittsresultaten zu regieren; und auf dem billigsten Markt zu kaufen, und auf dem theuersten zu verkaufen, ist nicht das summum bonum des Lebens. Es ist unmöglich, den Arbeiter gerecht zu behandeln, wenn man nicht zugleich mit seinen Beschwerden und seinen Täuschungen auch die Einfachheit und die Zähigkeit seiner Natur berücksichtigt, welche theilweise aus mangelhafter Erkenntniß, aber noch mehr aus Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit der Absichten entspringt. Eine Dichtung kann eine Sache nicht beweisen, aber sie kann einer gerechten Empfindung einen kraftvollen Ausdruck geben, und dies geschieht hier auf schonungslose Weise, in Bezug auf Gegenstände von allgemeinem Interesse. Das Buch wurde Mitte Juli in Boulogne beendet und ist Carlyle gewidmet.

Ein amerikanischer Bewunderer erklärte sich die Lebhaftigkeit der Kunstreiterscenen, indem er bemerkte, »Dickens habe mit dem Besitzer von Astley's Circus ein Uebereinkommen getroffen, viele Stunden bei den Kunstreitern und unter den Pferden hinter der Scene zubringen zu dürfen« – was grade so wahrscheinlich ist, als daß er einen Cursus als wandernder Schauspieler durchmachte, um sich für die Rolle Mr. Crummles in »Nicholas Nickleby« zu qualificiren. Solche Erfolge gehörten den Erfahrungen seiner Jugend an; er brauchte demjenigen, womit seine wunderbare Beobachtungsgabe ihn seit seinen Kindertagen vertraut gemacht hatte, Nichts hinzuzufügen, und die Einblicke, welche die »Skizzen von Boz« uns in dieser Hinsicht gewähren, sind so vollkommen als irgend etwas, was seine spätere Erfahrung ihm zuführen konnte. Ein Vorkommniß jedoch ließ die Wahl seines Gegenstandes ihm nichtsdestoweniger wünschenswerth erscheinen zu bewahrheiten, während er an » Harte Zeiten« arbeitete; und das war ein Strike in einer Fabrikstadt. Er ging Ende Januar nach Preston, um einen zu sehen und wurde etwas enttäuscht. »Ich fürchte, ich werde hier nicht viel Stoff sammeln können. Mit Ausnahme der Menschenhaufen an den Straßenecken, die die Plakate pro und contra lesen, und der kalten Abwesenheit des Rauches aus den Fabrikschornsteinen ist sehr wenig in den Straßen, was die Stadt merkwürdig macht. Man sagt mir, daß die Leute zu Hause sitzen und die Zeit verträumen. Die Abgeordneten mit dem Geld von den benachbarten Orten kommen heute hierher, um Bericht zu erstatten, wie viel sie bringen, und morgen soll das Volk bezahlt werden. Wenn ich diese beiden Ceremonieen gesehen habe, werde ich abreisen. Es ist ein häßlicher Ort (ich dachte, es wäre eine Musterstadt), und ich wohne in dem Bull-Hotel, vor dem das Volk sich vor einiger Zeit versammelte, in der Meinung, die Meister feien dort, und von der Wirthin zurechtgewiesen wurde, als es verlangte, die Meister sollten herauskommen. Ich sah einen Bericht darüber in einer italiänischen Zeitung, wo bemerkt wurde, ›das Volk umstellte dann den Palazzo Bull, bis die Padrona des Palazzo heroisch an einem der oberen Fenster erschien und eine Ansprache hielt!‹ Man kann sich kaum denken, daß einem italiänischen Geiste durch diese Beschreibung irgend etwas weniger zur Anschauung gebracht wird, als das alte, niedrige, rauchige, gemeine, entsetzlich steife, alte rothe Haus von Ziegelsteinen, mit einem engen Thorwege und einem schmutzigen Hofe, worauf sie sich bezieht. Im Theater sah ich gestern Abend Hamlet, und würde besser gethan haben, ›zu Hause zu sitzen und die Zeit zu verträumen‹, wie die müßigen Arbeiter. In der letzten Scene antwortete Laertes, als er gefragt wurde, wie er sich fühle, wörtlich: ›Nun, wie eine Schnepfe, wegen meiner Verrätherei‹.« (29. Januar.)

Die häuslichen Vorgänge im Herbst und Sommer des Jahres 1855 mögen kurz erwähnt werden. Es war für ihn ein Jahr ruheloser Unzufriedenheit, und bei seiner Rückkehr von einem kurzen Ausfluge nach Paris mit Wilkie Collins warf er sich mit einiger Leidenschaft in die zum Zwecke der Verwaltungsreform begonnene Agitation und hielt bei einem der großen Meetings im Drurylane-Theater eine Rede. Im folgenden Monat (April) nahm er sogar als Vorsitzender des Allgemeinen Theaterfonds Veranlassung, seiner politischen Unzufriedenheit von Neuem Ausdruck zu geben. Während des Sommers öffnete er vielen seiner Freunde das Theater in Tavistock-House, nachdem es ihm gelungen war, Mr. Crummles als Direktor, Wilkie Collins als Dichter, »in einem vollständig neuen und originalen häuslichen Melodrama« und den »königlichen Akademiker Stanfield als Dekorationsmaler« zu gewinnen. » Der Leuchthurm« von Wilkie Collins wurde dann aufgeführt, unter Betheiligung des Direktors Mr. Crummles' (in andern Worten Dickens'), des Verfassers des Stückes, Lemon's und Egg's, und der Schwägerin und der ältesten Tochter des Direktors. Hierauf folgte die von der Gilde gespielte Posse »Mr. Nightingale's Tagebuch«, woran außer den schon genannten Darstellern die jüngste Tochter des Direktors und Mr. Frank Stone theilnahmen. Der Erfolg war wunderbar, und unter den drei entzückten Zuhörerschaften, die sich dem zudrängten, was die Theaterzettel als »das kleinste Theater in der Welt« schilderten, befanden sich nicht wenige der Berühmtheiten Londons. Carlyle verglich Dickens'‹ wild malerische Darstellung des alten Leuchtthurmwärters mit der berühmten Gestalt in Nicolaus Poussin's Bacchantentanz in der Nationalgalerie, und bei einem der heiteren Abendessen, welche an jedem Abend auf die Vorstellung folgten, erklärte Lord Campbell der Gesellschaft, er möchte viel lieber »Pickwick« geschrieben haben, als Oberrichter von England und ein Pair des Parlaments sein. Bei einer nicht lange vorher stattgehabten Sitzung in einem der Londoner Gerichtshöfe hatte der Oberrichter, mit derselben excentrischen Liebe zur Literatur, sich zu Schulden kommen lassen, was man damals ein Vergehen gegen den richterlichen Anstand nannte. »Der Name,« sagte er, »des berühmten Charles Dickens' ist in der Reihe der Geschworenen verlesen worden, aber er hat nicht darauf geantwortet. Wenn sein großer Proceß im Kanzleigerichte noch im Gange wäre, würde ich ihn gewiß entschuldigt haben; aber da der zu Ende ist, hätte er uns die Ehre erweisen können, hier zu erscheinen, um zu sehen, wie wir nach dem gemeinen Recht verfahren.«

Dann kam der Anfang von »Niemandes Schuld«, wie Dickens bis zum Vorabend der Veröffentlichung fortfuhr »Klein Dorrit« zu nennen; eine Flucht nach Folkestone, um seiner trägen Phantasie zu Hülfe zu kommen, und seine Rückkehr nach London im Oktober, wo er bei einem Festessen den Vorsitz führte, das für Thackeray veranstaltet wurde, als dieser England verließ, um in Amerika Vorlesungen zu halten. Mehr als sechzig bewundernde Freunde waren bei dieser Gelegenheit versammelt, und Dickens' Rede gab dem Geiste, welcher Alle beseelte, einen glücklichen Ausdruck, indem er Thackeray nicht allein versicherte, wie hoch seine Freundschaft von den Anwesenden geschätzt werde, sondern ihm im Namen der Zehntausende von Abwesenden, die nie seine Hand berührt oder sein Gesicht gesehen, lebenslangen Dank darbrachte für die in »Pendennis« und »Vanity Fair« niedergelegten Schätze der Heiterkeit, des Witzes und der Weisheit. Peter Cunningham, einer der Söhne Allan Cunningham's, fungirte als Sekretär bei dem Festmahl, und wegen der vielen Freuden, die er dem Gegenstande dieser Lebensbeschreibung, der eine herzliche Achtung für ihn empfand, bereitete, dürfen hier seinem Andenken einige erinnernde Worte nicht fehlen.

Seine Gegenwart war Dickens und in der That Allen, die ihn kannten, immer willkommen, denn sein Geschmack an gesellschaftlichem Verkehr war groß und etwas von seinem eignen lebhaften Behagen ging unwillkürlich auf seine Gefährten über. Sein heiteres Temperament würde auch dann eine frohe Empfindung hervorgebracht haben, hätte es für sich allein gestanden, aber es wurde getragen durch sehr bedeutende Kenntnisse. Er kannte die Werke der großen Schriftsteller und Künstler und hatte ein lebhaftes Interesse für ihr Leben und für die Orte, wo sie gelebt, die er zum Gegenstande genauer und selbstständiger Forschungen gemacht hatte. Dieser Schatz von Kenntnissen verlieh seiner Unterredung Gehalt, störte aber nie seinen Frohsinn und seine Lustigkeit, weil er nur bei passenden Gelegenheiten davon Gebrauch machte und ihn nicht auskramte, um damit zu prunken. Aber die glückliche Verbindung von Fähigkeiten, die ihn zu einem angenehmen Gesellschafter machte und viele Freunde erwarb, erwies sich endlich nachtheilig für ihn selbst. Er hatte in seiner Jugend auf gewissen Gebieten der Forschung viel gearbeitet, ja, sich dieselben fast zu eigen gemacht und es war alle Aussicht vorhanden, daß er auf dem Felde biographischer und literarischer Untersuchungen mit vorrückenden Jahren weit bedeutendere Werke schaffen würde. Diese Hoffnung sollte jedoch nicht erfüllt werden. Die Freuden guter Kameradschaft beschränkten seine literarischen Arbeiten mehr und mehr, bis er seine frühern Lieblingsstudien fast ganz fallen ließ und alle höheren Lebenszwecke der gegenwärtigen Versuchung einer festlichen Stunde opferte. Dann brach seine Gesundheit zusammen und er ging sowohl seinen Freunden als der Literatur verloren. Aber der Eindruck des heitern und liebenswürdigen Wesens seiner besseren Zeit überlebte diesen Verfall und seine alten Genossen hörten nie auf, mit Bedauern und Wohlwollen an Peter Cunningham zu denken. Er wurde 1816 geboren und starb 1869. Seine bekanntesten Schriften sind die Handbücher für die Westminster-Abtei und für London und das Life of Inigo Jones. Außerdem veranstaltete er neue Ausgaben der Werke Goldsmith's und der Briefe Horace Walpole's. – D. Uebers.

Dickens ging zu Anfang Oktober nach Paris und wurde am Ende des Monats wieder nach London zurückgerufen durch den plötzlichen Tod eines Freundes, ein Ereigniß, welches er selbst sehr beklagte, und das noch mehr beklagt wurde durch eine ausgezeichnete Dame, der jener Freund zu allen Zeiten treue Dienste geleistet hatte. Ein Vorfall vor seiner Rückkehr nach Frankreich ist einer kurzen Erwähnung werth. Er war an einem regnerischen Herbstabend (8. November), voll von Gedanken an seinen Roman, zu einem seiner nächtlichen Spaziergänge hinausgeeilt, und »that sich Einhalt« vor der Thür des Arbeitshauses in Whitechapel, wo ein fremdartiger Anblick ihn fesselte. Gegen die dunkle Umfassungsmauer des Hauses lehnte, inmitten des niederströmenden Regens und Sturmes, was er für sieben Haufen von Lumpen hielt: »stumme, nasse, schweigende Schreckbilder«, so beschrieb er sie, »Sphinxe an jene todte Mauer hingestellt und Niemand da, der sich die Mühe geben mochte, sie zu lösen vor dem allgemeinen Umsturz.« Er schickte seine Karte an den Vorsteher des Arbeitshauses. Gegen diesen lag kein Grund zur Klage vor. Er nahm die Sache sofort persönlich in die Hand, aber die für obdachlose Arme bestimmte Abtheilung war voll und keine Abhülfe möglich. Die Lumpenhaufen waren Mädchen und Dickens gab jedem einen Schilling. Ein Mädchen »von zwanzig Jahren oder so«, hatte einen Tag und eine Nacht nichts zu essen gehabt. »Seht mich an«, sagte sie, indem sie den Schilling ergriff und ohne Dank fortwatschelte. Gerade so die übrigen. Nicht eine einzige bedankte sich. Inzwischen hatte sich ein Menschenhaufen, der nur etwas weniger arm war als diese Gegenstände des Elends, um die Scene gesammelt; aber obgleich sie sahen, daß sieben Schillinge fortgegeben wurden, baten sie für sich nicht um Almosen; sie erkannten in ihrer traurigen wilden Weise das andere größere Elend an und machten Dickens schweigend zum Weitergehen Platz.

Nicht toleranter gegen die Art und Weise wie Gesetze, die menschlich gemeint sind, nur zu oft in England zur Ausführung gebracht werden, reiste er einige Tage später ab, um »Klein Dorrit« in Paris wieder aufzunehmen. Aber ehe sein Leben dort beschrieben wird, nehmen einige Skizzen aus seiner Ferienreise nach Italien mit Wilkie Collins und Augustus Egg und aus seinen drei Sommeraufenthalten in Boulogne zwei Kapitel für sich in Anspruch.

 

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