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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel.

Das Ende.
1869–1870.

Der Sommer und der Herbst des Jahres 1869 wurden ruhig in Gadshill verlebt. Er empfing dort im Juni Mr. und Mrs. Fields, die amerikanischen Freunde, denen er für unermüdliche häusliche Fürsorge, während der schwersten Zeit seines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten, am meisten verpflichtet war. Im August nahm er an dem Festmahl der internationalen Ruderwettfahrer theil und brachte in einer Rede, welche die Sieger wohl mit dem Austausch ihrer Plätze mit denen der Besiegten hätte versöhnen können, die Gesundheit der Mannschaften von Harvard und Oxford aus. Die besten Ruderer der amerikanischen Universität Harvard kämpften am 27. August 1869 mit den besten Ruderern der englischen Universität Oxford auf der Themse um den Preis ihrer Kunst, wobei Oxford den Sieg errang. – D. Uebers. Im September ging er nach Birmingham, um seinem Versprechen gemäß die Session des dortigen Instituts zu eröffnen, und dort war es, wo er, nachdem er seinen Zuhörern erklärt, daß seine Erfindungsgabe ihm nie genützt haben würde, wie sie ihm genutzt hätte, wäre sie nicht mit der Gewohnheit alltäglicher, geduldiger, mühsamer Beobachtung verknüpft gewesen, sein oben erwähntes politisches Glaubensbekenntniß ablegte, daß sein Glaube an die regierenden Leute unendlich klein und sein Glaube an das regierte Volk unbegrenzt sei. Verpflichtungen wie diese, welche ihm nichts von derjenigen Anstrengung auferlegten, die er am meisten zu fürchten hatte, enthielten kaum mehr Bewegung und Veränderung als für ihn zum Genuß der Ruhe nothwendig war.

Er war im Stande gewesen, Mr. Fields etwas von den Sehenswürdigkeiten London's, wie von denen seiner kentischen Heimath zu zeigen. Er durchwanderte mit ihm das Haupt-Postamt, führte ihn in die billigen Theater und die armen Logirhäuser und steuerte ihn Nachts durch die berüchtigtsten Diebsviertel. Die Oertlichkeiten, welche für einen Bücherfreund von dem größten Interesse sind, wie Johnson's Bolt-Court und Goldsmith's Wohnung im Temple, durchforschte er mit ihm und auf besonderes Verlangen seines Besuchers stieg er eine Treppe hinauf, die er seit mehr als dreißig Jahren nicht erstiegen hatte, um ihm das Zimmer in Furnival's Inn zu zeigen, wo die erste Seite von Pickwick geschrieben wurde. Noch ein unbeendetes Buch sollte beschließen, was jenes berühmte Werk anfing, und das Original der Scene in seinem ersten Kapitel, die Höhle der Opiumesser, war der letzte Ort, den sie besuchten. »In einem elenden Hofe,« sagt Mr. Fields, »fanden wir in der Nacht ein hageres, altes Weib, das eine Art Pfeife rauchte, die aus einer alten Dintenflasche gemacht war, und die Worte, welche Dickens in Edwin Drood diesem elenden Geschöpfe in den Mund legt, hörten wir sie murmeln, indem wir uns über das zerlumpte Bett lehnten, worauf sie lag.«

Ehe er seinen Roman anfing, hatte er seinen letzten Artikel für seine Wochenschrift geschrieben. Es war eine Besprechung meines Leben Landor's, welche mehrere interessante Erinnerungen an diesen merkwürdigen Mann enthielt. Er verweilte um diese Zeit gern bei den schönen vergangenen Zeiten, wie nur natürlich war, da so manche befreundete Gesichter uns verließen oder verlassen zu wollen schienen, und bei dem Tode eines der Schauspieler aus den alten, glänzenden Tagen von Covent-Garden kam er wieder auf einen Gedanken zurück, der ihn seit seiner Vorlesung in Cheltenham nie verlassen hatte. Vgl. oben S. 409. »Ich sehe in der heutigen Zeitung, daß Meadows todt ist. Ich hatte vor ein paar Wochen bei Coutts eine Unterhaltung mit ihm, wobei er mir sagte, er sei fünfundsiebzig Jahre alt und sehr schwach. Abgesehen davon, daß er ein thränendes Auge hatte, sah er grade so aus wie immer. Ich habe noch beständig böse Ahnungen in Bezug auf Macready. Seltsam genug, ist er mir nie, auch nur zehn Minuten lang, aus dem Sinn gekommen, seit ich zuletzt mit Meadows sprach. Nun, das Jahr, das Schmerz trägt, bringt auch Freude; ich habe Dir einen großen Erfolg in der Knabenwelt anzukündigen. Harry hat das zweite Stipendium in Trinityhall gewonnen, das ihm 50 Pfd. St. einbringt, so lange er dort bleibt, und ich fange an zu hoffen, daß er eine Fellowship bekommen wird.« Ich bezweifle, ob ihm je etwas so wirkliche Freude machte, als dieser kleine Erfolg seines Sohnes Henry in Cambridge. Henry bekam die Fellowship nicht, aber er war neunundzwanzigster Wrangler, in einem guten Jahre, als die Zahl der Wrangler sich auf mehr als vierzig belief.

Dickens beendete die erste Nummer von Edwin Drood in der dritten Oktoberwoche und am 26. las er sie mit vielem Feuer in meinem Hause vor. Einige Abende vorher hatten wir zusammen in dem Olympic-Theater ein kleines aus Copperfield entlehntes Drama gesehen, das er mit mehr als Geduld, ja, mit einer Art von Genuß, bis zu Ende anhörte, und eine andere Freude wurde ihm an jenem Abend durch Mr. Halliday, den Verfasser des Stückes, bereitet, der einen anderen Dramatiker, Mr. Robertson, Thomas William Robertson, der seitdem verstorbene Verfasser einer Anzahl sehr erfolgreicher Lustspiele (» Caste«, » School«, » Society«), welche noch jetzt unter den besseren Zugstücken der englischen Bühne in erster Reihe stehen. – D. Uebers. in die Loge brachte, gegen welchen Dickens, der ihn damals zum erstenmale sah, bemerkte, daß der Reiz seiner kleinen Lustspiele für ihn selbst in »ihrer anspruchlosen Form« liege, die so erfolgreich gezeigt habe, daß »wirklicher Witz es nicht nöthig habe, irgend welchen Schein des Anspruchs darauf anzunehmen«. Er war in Gadshill bis zum Ende des Jahres und kam nur bei besonderen Gelegenheiten, wie zu Procter's zweiundachtzigstem Geburtstage, in die Stadt; und am Sylvesterabend las er uns in meinem Hause, wieder mit kräftiger Stimme, ein neues Heft seines Buches vor. Dennoch waren diese letzten Decembertage nicht ohne eine Erinnerung an die ernsteren Warnungen des Aprils gewesen. Einige Tage vor unsrer Zusammenkunft waren die Schmerzen in etwas veränderter Form, sowohl in seiner linken Hand als in seinem linken Fuße, wiedergekehrt; und sie belästigten ihn noch an jenem Tage. Aber er selbst machte so wenig davon, dachte so wenig daran, sie mit den Unsicherheiten des Tastens und des Gehens, von denen sie in Wahrheit einen Theil bildeten, in Zusammenhang zu bringen und las mit so überströmendem Humor von Mr. Honeythunders stürmischer Philanthropie, daß damals für nichts Anderes Raum war, als für Heiterkeit. Seine einzige Anspielung auf eine Wirkung seiner Krankheit war die Erwähnung einer jetzt unüberwindlichen Abneigung, die er gegen Eisenbahnfahrten habe. Dies hatte ihn bestimmt, für die letzten zwölf Vorlesungen während der ersten Monate des Jahres 1870 ein Haus in London zu nehmen und er war in Nr. 5 Hyde Park Place Mr. Milner Gibson's Miethsmann geworden.

St. James' Hall sollte der Schauplatz dieser Vorlesungen sein und sie sollten während der Zeit zwischen dem 11. Januar und dem 15. März stattfinden und zwar so, daß bis zum Ende des Januar wöchentlich zwei, die übrigen acht aber an jedem der acht folgenden Dienstage gehalten würden. Keinerlei Besorgnisse wurden laut, als die Zeit herankam, aber bei einer seltsamen Abwesenheit jedes Vorgefühls von Gefahr fehlte es nicht an Mißtrauen und Furcht. Man meinte, man habe hinreichende Vorsichtsmaßregeln getroffen, wenn man bei jeder Vorlesung die Anwesenheit seines Freundes und Arztes Mr. Carr Beard anordne; Ich wünsche, mich gegen die etwaige Annahme zu verwahren, daß ich der Meinung sei, diese Vorlesungen hätten durch die Ausübung ärztlicher Autorität verhindert werden können. Ich bin von dem Gegentheil überzeugt. Dickens hatte sich dazu verpflichtet und der Umstand, daß mehr die Interessen Andrer als seine eignen in Frage kamen, war für ihn ein überwältigender Beweggrund, mit voller Entschiedenheit auf der Durchführung des Unternehmens zu bestehen. In der traurigen Zeit des vorhergehenden Jahres, als er, dem von Sir Thomas Watson gefällten strengen Urtheilsspruch nachgebend, den Stab, den er bei seinen Vorlesungen in den Provinzen beschäftigte, entließ, hatte er (3. Mai 1869) mir geschrieben, wie folgt: »Ich glaube, daß Leute wie die Chappells sehr selten in menschlichen Angelegenheiten gefunden werden. Um nicht zu reden von der edeln und glänzenden Weise, wie sie sämmtliche nutzlos verursachte Kosten und die ihrem Geschäfte auferlegten ungeheuren Unbequemlichkeiten und nutzlosen Arbeiten in den unendlichen Raum hineingefegt haben, kommt heute Morgen ein Brief von dem ältesten Compagnon, des Inhalts, daß sie fühlen, daß meine Ueberanstrengung ›indirekt verursacht sei durch sie und durch meine großen und freundlichen Bemühungen, ihr Unternehmen so erfolgreich zu machen als möglich‹. Es ist etwas so Zartes und Schönes hierin, daß ich es tief empfinde.« Diese Empfindung führte zu seinem Entschluß, die neue Anstrengung dieser letzten zwölf Vorlesungen auf sich zu nehmen und nichts würde ihn davon abgebracht haben, so lange er an seinem Pult stehen konnte. aber im Grunde war dies keine Vorsichtsmaßregel (denn die Lage der Dinge ließ keine solche zu, außer dem völligen Verbot der Vorlesungen), sondern einfach eine Feststellung des genauen Maaßes der Anspannung und des Druckes, die er mit jeder neuen Anstrengung auf eben jene Gehirngefäße ausübte, wo, wie die Vorgänge in Preston nur zu gewiß gezeigt hatten, die Gefahr lag. Kein vermeintlicher Rückhalt von Kraft, keine beherrschende Willensstärke können die Strafen abwenden, welche für die Nichtachtung solcher Gesetze des Lebens, wie derjenigen, welche hier offenbar übersehen wurden, strenge auferlegt werden; und obgleich Niemand sagen kann, ob es nicht schon für Alles, außer für einen verhängnißvollen Ausgang, zu spät war, so wird es doch keine Anmaßung sein, zu glauben, daß sein Leben noch auf einige Zeit hätte verlängert werden können, wenn diese Vorlesungen nicht stattgefunden hätten.

»Ich fühle mich,« schrieb er am 9. Januar, »durch meine Reise nach Birmingham, wo ich am Dreikönigsabend die von dem Institut gegebenen Preise vertheilte, Vgl. oben S. 456. etwas erschüttert, bin aber guten Muthes und trotz Lowe's Robert Lowe, damals Schatzkanzler in Gladstone's Ministerium. – D. Uebers. lästigem Plane, die Steuern eines Jahres auf einmal einzusammeln, was, wie man mir sagt, Büchern, Bildern, der Musik und den Theatern einen unerhörten Schaden zufügt, ist eine ungeheure Anzahl von Billeten für St. James' Hall verkauft.« Er fing an mit Copperfield und dem Proceß aus Pickwick und ich will, nach den von Mr. Beard gemachten und mir zur Verfügung gestellten Notizen, kurz erwähnen, um welchen Preis von Anstrengung für sich selbst er die gedrängten Zuhörerschaften, welche damals und bis zum Schlusse diese Abende denkwürdig machten, erheiterte. Sein gewöhnlicher Pulsschlag betrug am ersten Abend 72 in der Minute; aber an keinem folgenden Abend war er niedriger als 82 und während der letzten Abende war er auf mehr als 100 gestiegen. Nach Copperfield am ersten Abend stieg er bis zu 96 und nach Marigold am zweiten bis 99; aber am ersten Abend der Scenen von Sikes und Nancy (Freitag, 21. Januar) stieg er von 80 auf 112 und am zweiten Abend (1. Februar) auf 118. Von da an, während der nächsten sechs Abende, war er niedriger als 110, nach dem zuerst gelesenen Stücke und nach den dritten und vierten Scenen der Vorlesungen aus Oliver Twist stieg er von 90 bis 124 am 15 Februar und von 94 bis 120 am 8. März; während er an dem erstgenannten Tage, nach zwanzig Minuten Ruhe, auf 98 und an dem letzten, nach funfzehn Minuten Ruhe, auf 82 fiel. Sein gewöhnlicher Puls, wenn er während dieser letzten sechs Abende in's Zimmer trat, war mehr als einmal über 100 und nie niedriger als 84; von 84 stieg er, nach Nickleby, am 22. Februar, auf 112. Am 8. Februar, als er Dombey las, war er von 91 auf 114 gestiegen; am 1. März, nach Copperfield, stieg er von 100 auf 124, und als er am letzten Abend in die Halle trat, stand er auf 108, und war am Ende der Vorlesung nur um zwei Schläge gestiegen. Die bei dieser Gelegenheit gelesenen Stücke waren das Weihnachtslied und der Proceß aus Pickwick, und wohl nie in seinem ganzen Leben las er so gut. Nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten, wo er auf Zuhörerschaften, die aus einer ungeheuren Volksmenge bestanden, Eindruck machen mußte, war ein gewisser Verlust an Eleganz bemerkbar gewesen; aber die alte Zartheit war jetzt wieder köstlich offenbar und ein gedämpfter Ton, in den humoristischen wie in den ernsten Theilen, gab allen Vorlesungen etwas von der stillen Trauer eines Lebewohls. Der Zauber dieser Stimmung erreichte seinen Höhepunkt, als er den Band von Pickwick schloß und in eigner Person sprach. Er sagte: seit funfzehn Jahren habe er seine eignen Bücher vor Zuhörerschaften vorgelesen, deren verständnißvolle und freundschaftliche Anerkennung ihm eine Belehrung und einen Genuß in seiner Kunst verschafft hätten, derengleichen wohl nur wenigen Menschen zu Theil geworden; aber nichtsdestoweniger halte er es jetzt für besser, zu älteren Beziehungen zurückzukehren und sich in Zukunft ausschließlich dem Berufe zu widmen, der ihn zuerst bekannt gemacht habe. »In nur zwei kurzen Wochen werden Sie, wie ich hoffe, in Ihren eigenen Häusern eine neue Reihe von Vorlesungen beginnen, bei welchen mein Beistand unentbehrlich sein wird; aber aus diesem grellen Lichte verschwinde ich jetzt auf immer, mit einem herzlichen, dankbaren, achtungsvollen, tiefgefühlten Lebewohl.« Die kurze Pause des Schweigens, als er sich von der Platform entfernte und der verlängerte Ausbruch der Klänge, welche plötzlich folgten, ihn aufhielten und wieder auf einen Augenblick zurückführten, wird von Keinem, der gegenwärtig war, vergessen werden.

Wenig bleibt jetzt noch zu erzählen, was nicht voll ist von fast unvermischtem Schmerz und Kummer. Kaum ein Tag ging vorüber, während die Vorlesungen stattfanden, und nachdem sie geschlossen waren, ohne eine oder die andere Wirkung der verderblichen Aufregung, welche die oben erwähnten Notizen Mr. Beard's erkennen lassen. Am 23. Januar, wo er Carlyle zum letztenmale traf, trug er, als er zu uns kam, die linke Hand in einer Schlinge; am 7. Februar, als er seinen letzten Geburtstag bei uns verlebte, und am 25., als er das dritte Heft seines Romans vorlas, war die Hand noch geschwollen und schmerzhaft, und am 21. März, als er sein viertes Heft vorzüglich vorlas, sagte er uns, als er unterwegs Oxford-Street hinaufgegangen sei, sei ihm dasselbe begegnet, wie an einem früheren Tage, als er bei uns dinirte, und er habe auf dem ganzen Wege nicht mehr als die zur Rechten befindliche Hälfte der Namen über den Läden lesen können. Allein er hegte die alte, feste Ueberzeugung, dies sei mehr die Wirkung einer Arznei, die er grade eingenommen, als einer ernsten Ursache, und glaubte noch entschieden, seine andren Leiden seien ausschließlich lokal. Acht Tage später schrieb er: »Nachdem meine Unruhe und Blutung mich, wie ich meinte, ganz verlassen hatten, sind sie mit einer vermehrten Reizbarkeit wiedergekehrt, wie noch nie vorher. Du kannst Dir nicht vorstellen, in was für einem Zustande ich mich durch einen plötzlichen Andrang des Uebels heute befinde; und dennoch hat es, so viel ich weiß, nicht mit den mindesten Einfluß auf meine allgemeine Gesundheit.« Es war dies ein Leiden, das ihn in seiner frühen Kindheit plagte und während der letzten fünf Jahre, in den Zwischenräumen seiner Leiden durch andre Ursachen, hatte es von Zeit zu Zeit eine ernstere Form angenommen.

Sein letztes öffentliches Auftreten fand im April statt; am 5. führte er den Vorsitz bei der Jahresversammlung des Vereins der Zeitungsverkäufer, denen er durch eine geniale Rede half, worin selbst seine Entschuldigung dafür, daß er nur wenig sprach, von unwiderstehlichem Humor überfloß. Er wolle, sagte er, wie Falstaff, ›aber mit einer Modifikation, die fast ebenso groß sei, als dieser selbst,‹ versuchen, weniger selbst zu reden, als Andre zum Reden zu veranlassen. »Auf ähnliche Weise stellt man an der Thüre eines Schnupftabackladens einen Bergschotten aus, mit einer leeren Dose in der Hand, der, nachdem er anscheinend so viel Schnupftaback zu sich genommen hat, als er kann und so viel geniest hat, als er im Stande ist, seine Freunde und Gönner höflich einladet, einzutreten und zu versuchen, was sie in derselben Richtung leisten können.« Am 30. desselben Monats antwortete er auf den Toast zu Ehren der »Literatur«, bei dem Festmahl in der Königlichen Akademie, und ich will meiner Hinweisung auf das, was er bei dieser Gelegenheit sagte, vorausschicken, was er mir den Tag vorher geschrieben hatte. Drei Tage früher war Daniel Maclise dahingeschieden. »Wie Du in Ely, so erlebte ich in Higham die Erschütterung, zuerst an einer Eisenbahnstation von dem Tode unsres lieben alten Freundes und Genossen zu lesen. Welch eine Erschütterung es für mich war, weißt Du nur zu gut. Nur mit großer Anstrengung und indem ich mich in Bezug auf die Sache dadurch härtete und stählte, daß ich zugleich daran dachte und sie auf eine seltsame Weise vermied, habe ich einige Herrschaft über sie und über mich selbst zu erlangen vermocht. Wenn ich fühle, daß ich der nöthigen Fassung gewiß sein kann, werde ich morgen in der Akademie Bezug darauf nehmen. Du wirst wohl kaum dort sein.« Ich bewahre auch die Schlußworte des Briefes auf. »Es ist sehr seltsam – Du erinnerst Dich wohl daran? – daß Du, als wir zuletzt von ihm sprachen, sagtest, wir würden eines Tages hören, das wunderliche Leben, in welches er hineingerathen, sei vorüber und damit das Ende unsrer Kenntniß desselben gekommen.« Die Wunderlichkeit, die bloß darin bestand, daß er sich letzthin zu sehr aus dem alten freundschaftlichen Verkehr zurückgezogen hatte, war in Wahrheit aus den Enttäuschungen hervorgegangen, welche das öffentliche Werk, woran er während jener späteren Jahre arbeitete und dem er jedes eigne Privatinteresse opferte, ihm bereitet hatte. Er theilte nur das Schicksal, das allen Engländern, die so beschäftigt sind, gemeinsam ist, und wenn einmal die wahre Geschichte der »Freskogemälde für die Parlamentshäuser« geschrieben wird, wird dieselbe unsren nationalen Mißgeschicken und Mängeln in Allem, was mit der Kunst und ihren unglücklichen Jüngern zusammenhängt, ein neues Kapitel hinzufügen. Seine Bezugnahme darauf war höchst rührend und männlich. Er sagte Denen, die ihm zuhörten: Seit er zuerst, als ein sehr junger Mann, in die Arena der Oeffentlichkeit eingetreten, sei es sein beständiges Glück gewesen, unter seinen nächsten und liebsten Freunden Mitglieder der Akademie zu zählen, welche deren Stolz gewesen und die jetzt, Einer nach dem Andern, so an seiner Seite hingesunken seien, daß er, wie der spanische Mönch, von dem Wilkie erzähle, anfange zu glauben, die einzigen ihn umgebenden Wirklichkeiten seien seine geliebten Bilder und das ganze bewegte Leben nur ein Schatten und ein Traum. »Während vieler Jahre war ich Einer der zwei vertrautesten Freunde und beständigsten Gefährten von Maclise, auf dessen Tod der Prinz von Wales angespielt und der Präsident mit der Beredsamkeit eines tiefen Gefühls hingewiesen hat. Von seinem Genie in seiner Kunst will ich hier nicht unternehmen zu reden; aber von der Fruchtbarkeit seiner Phantasie und dem Reichthum seines Geistes kann ich zuversichtlich behaupten, daß sie ihn, wäre er so gewillt gewesen, mindestens zu einem ebenso großen Schriftsteller gemacht haben würden, wie er groß war als Maler. Der edelste und bescheidenste der Menschen, der eifrigste in seiner großmüthigen Würdigung jüngerer Talente, und der offenste und weitherzigste im Verhältniß zu seinen ebenbürtigen Genossen, unfähig eines gemeinen oder unedlen Gedankens, muthig die wahre Würde seines Berufs aufrecht erhaltend, ohne jedes Körnchen von Eigennutz, von Anfang bis zu Ende von einer gesunden Natürlichkeit, ›an Geist ein Mann, an Unschuld ein Kind‹; – erkläre ich kühn, daß kein Künstler je zu seiner Ruhe ging, der ein von Schlacken reineres, goldenes Andenken hinterließ, oder sich mit wahrhaftigerer Ritterlichkeit der Kunstgöttin gewidmet hat, die er anbetete.« Dies waren Dickens' letzte öffentliche Worte, und er hätte keine würdigeren sprechen können.

Auf sein Erscheinen bei dem Festmahl der Akademie waren mehrere Einladungen gefolgt, zu deren Annahme er sich verleiten ließ, sehr zu seinem Bedauern, wie er mir an dem Abend (7. Mai) sagte, als er uns die fünfte Nummer von Edwin Drood vorlas; denn er wünschte jetzt dringend, in die Ruhe von Gadshill zurückzukehren. Er dinirte bei Mr. Motley, dem amerikanischen Gesandten; hatte Disraeli bei einem Dîner bei Lord Stanhope getroffen, hatte bei Gladstone gefrühstückt und sollte am 17. mit seiner Tochter bei einem von der Königin gegebenen Balle zugegen sein. Aber sie mußte ohne ihn hingehen, denn am 16. erhielt ich die Anzeige von einem plötzlichen Krankheitsanfall. »Ich bedaure, Dir melden zu müssen, daß meinem alten widersinnigen Bemühen, zu widersinnigen Stunden und an widersinnigen Orten zu diniren, durch einen scharfen Anfall in meinem Fuße Einhalt gethan ist. Und es geschah mir ganz recht. Ich hoffe bald darüber hinwegzukommen; aber ich fürchte, ich darf nicht daran denken, am Freitag bei Dir zu diniren. Ich habe sämmtliche Einladungen zu Dîners für diese Woche ausgestrichen, und das ist eine sehr geringe Vorsicht, nach den entsetzlichen Schmerzen, die ich ausgestanden, und den Heilmitteln, die ich angewandt habe.« Er mußte sich auch bei dem Festmahl des Allgemeinen Theaterfonds entschuldigen, wo der Prinz von Wales den Vorsitz führen sollte; aber eine Woche später wurde er so sehr gedrängt, zu einem andern Diner, bei Lord Houghton, zu kommen, wo der König der Belgier und der Prinz zugegen waren, daß er, trotz seiner noch fortdauernden Leiden, hinging.

Wir trafen uns zum letztenmale am Sonntag, den 22. Mai, als ich bei ihm in Hyde-Park-Place dinirte. Der Tod Lemon's, von dem er an diesem Tage gehört, hatte seine Gedanken auf die Schaar befreundeter Genossen in der Literatur und Kunst hingelenkt, die, seit wir zusammen Ben Jonson spielten, so aus den Reihen verschwunden waren, daß wir fast allein gelassen wurden. »Und Keiner älter als sechzig Jahre,« sagte er, »wenige sogar älter als funfzig.« – »Es nützt nichts, darüber zu reden,« bemerkte ich. – »Wir werden deshalb nicht weniger daran denken,« war seine Erwiederung, und wir hatten eine sehr eindringliche Erläuterung dazu in einem Vorfall, welcher in dieser Geschichte erwähnt zu werden verdient. Nicht viele Wochen vorher hatte ihm ein Correspondent aus Liverpool geschrieben, der sich als einen selbstgemachten Mann schilderte, seine erfolgreiche Laufbahn dem zuschrieb, was Dickens ihm im Beginn derselben über die Weisheit der Güte und Sympathie gegen Andre gelehrt hatte und ihn um Verzeihung bat für die Freiheit, die er sich nahm, zu hoffen, daß es ihm erlaubt sein möge, ein Zeichen der Dankbarkeit für das darzubringen, was ihn nicht bloß während seines ganzen Lebens ermuthigt und angefeuert, sondern so viel zu dem Erfolge desselben beigetragen habe. Der Brief enthielt eine Einlage von 500 Pfd. St. Dickens wurde hierdurch sehr gerührt und erklärte dem Schreiber, indem er den Wechsel zurückschickte, er würde denselben jedenfalls angenommen haben, wäre er nicht selbst, obgleich kein reicher, doch ein wohlhabender Mann gewesen, aber der Brief und der Geist, in welchem das Anerbieten gemacht worden, habe ihn so gerührt, daß er, wenn der Schreiber ihm ein kleines Andenken in einer anderen Form schicken wolle, dasselbe mit Vergnügen annehmen werde. Das Andenken kam bald. Ein reich gearbeiteter silberner Korb, mit der Inschrift: »Von Einem, der durch Dickens' Schriften ermuthigt und angefeuert worden ist und den Verfasser unter seine ersten Erinnerungen zählte, als sein Wohlstand gegründet war,« war begleitet von einem außerordentlich schönen, silbernen Tafelaufsatz, dessen Plan für Figuren der Jahreszeiten angelegt war. Aber es widerstrebte dem freundlichen Geber, den Winter an den zu schicken, den er gern nur mit helleren und milderen Tagen in Verbindung setzen wollte und er hatte die vierte Figur aus dem Plane ausgestrichen. »Ich sehe es nie an,« sagte Dickens, »ohne daß ich am meisten an den Winter denke.«

Eine Angelegenheit, welche er an jenem Tage mit Ouvry erörterte, wurde wieder kurz erwähnt in einem Briefe vom 29. Mai, dem letzten, den ich von ihm empfing, und der mich in Exeter erreichte und folgendermaßen schloß: »Du und ich können später einmal in Gadshill darüber sprechen. Fuß nicht schlimmer. Aber auch nicht besser.« Sein altes Leiden quälte ihn wieder, als wir uns trennten, und dies muß so ziemlich der letzte Brief gewesen sein, den er schrieb, ehe er London verließ. Er war am 30. Mai in Gadshill und ich hörte nicht wieder von ihm, ehe mich das Telegramm vom Abend des 9. Juni in Launceston erreichte, welches mir sagte, daß jenes »später einmal« in dieser Welt nicht kommen werde.

Die wenigen Tage in Gadshill waren ganz der Arbeit an seinem Romane gewidmet gewesen. Hand und Fuß hatten ihm weniger Schmerzen gemacht und obgleich er an der obenerwähnten örtlichen Blutung stark litt, klagte er nicht über Krankheit. Aber man bemerkte einen sehr ungewöhnlichen Ausdruck von Ermüdung an ihm. »Er schien äußerst abgemattet.« Er war zum letztenmale mit seinen Hunden aus am Montag, den 6. Juni, als er seine Briefe nach Rochester auf die Post brachte. Am Dienstag, den 7., als seine Tochter Mary auf einen Besuch zu ihrer Schwester Kate gereist war, fuhr er, da er sich keiner großen Anstrengung gewachsen fand, mit seiner Schwägerin nach dem Walde von Cobham, entließ dort den Wagen und ging zu Fuß um den Park herum und zurück. Er kehrte zu rechter Zeit zurück, um in seinem neuen Gewächshause einige am Nachmittage von London angekommene chinesische Laternen aufzuhängen, und während des ganzen Abends saß er mit Miß Hogarth in dem Eßzimmer, um den Effekt zu sehen, als sie angezündet waren. Mehr als einmal äußerte er dann seine Befriedigung, daß er endgültig jeder Absicht, London mit Gadshill zu vertauschen, entsagt habe; und dasselbe hatte er noch eindringlicher einige Tage vorher gethan. So lange er lebe, sagte er, sei es sein Wunsch, seinen Namen mehr und mehr mit diesem Orte zu verknüpfen, und wenn er gestorben sei, meinte er, möge er gern in dem kleinen Kirchhofe am Fuße der Schloßmauer ruhen, welcher der Kathedrale zugehöre.

Am 8. Juni brachte er den ganzen Tag mit Schreiben in dem Schweizerhäuschen zu. Er kam zum Gabelfrühstück herüber und kehrte dann, sehr gegen seine Gewohnheit, an sein Schreibpult zurück. Ein Theil der damals geschriebenen Sätze, der letzten seines langen literarischen Lebens, wurde auf einer früheren Seite in Facsimile mitgetheilt und der Leser wird darin mit schmerzlichem Interesse nicht bloß den Beweis sorgfältiger Arbeit in diesen, dem Ende seines Lebens so kurz vorhergehenden Stunden bemerken, sondern auch die Richtung, welche seine Gedanken genommen hatten. Er stellt sich einen so strahlenden Morgen vor, wie den, welcher an jenem achten Juni über der alten Stadt Rochester leuchtete. Er sieht in unvergleichlicher Schönheit, mit dem in der Sonne glänzenden üppigen Epheu und den in der balsamischen Luft wehenden grünen Bäumen, ihre Alterthümer und ihre Ruinen, ihre Kathedrale und ihr Schloß. Aber seine Phantasie weilt nicht bei den ernsten, todten Formen, sondern bei dem, was die kalten Grabsteine der Jahrhunderte erwärmt und sie aufhellt mit einem Lichte, »das wie mit Flügeln darüber hin flattert«. Für ihn war an jenem sonnigen Sommermorgen der Wechsel des glorreichen Lichts in den wehenden Zweigen, der Gesang der Vögel, der Duft der Gärten, Wälder und Felder in die Kathedrale eingedrungen, hatte ihren Erdgeruch überwunden und predigte die Auferstehung und das Leben.

Er verließ das Schweizerhäuschen spät; aber vor dem Dîner, das auf sechs Uhr bestellt war, da er nachher noch einen Spaziergang auf's Land machen wollte, schrieb er einige Briefe, darunter einen an seinen Freund Charles Kent, worin er eine Zusammenkunft mit diesem in London für den folgenden Tag verabredete; und das Dîner hatte bereits angefangen, als Miß Hogarth mit Bestürzung einen eigenthümlichen Ausdruck von Unruhe und Schmerz auf seinem Gesichte sah. »Seit einer Stunde,« sagte er ihr dann, »sei er sehr krank gewesen,« aber er wünschte, daß das Dîner seinen Verlauf nehme. Dies waren die einzigen wirklich zusammenhängenden Worte, die er sprach. Es folgten ihnen einige Worte über ganz andre Dinge, die ihm unzusammenhängend entfielen: über eine bevorstehende Auktion in dem Hause eines Nachbars; darüber, ob Macready's Sohn bei seinem Vater in Cheltenham sei und über seine eigne Absicht, sofort nach London zu gehen; aber bei diesen letzten Worten war er aufgestanden und nur die Unterstützung seiner Schwägerin hinderte es, daß er da hinfiel, wo er stand. Sie bemühte sich dann, ihn nach dem Sopha zu führen, aber nach einem kurzen Kampfe sank er schwer auf seine linke Seite nieder. »Auf dem Boden,« waren die letzten Worte, die er sprach. Es war jetzt etwas mehr als zehn Minuten nach sechs Uhr. Seine beiden Töchter kamen noch an demselben Abend mit Mr. Beard, an den man auch telegraphirt hatte und den sie an der Station trafen. Sein ältester Sohn traf in der Frühe des nächsten Morgens ein und am Abend folgte ihm (zu spät) sein jüngerer Sohn aus Cambridge. Alle mögliche ärztliche Hülfe war herbeigerufen worden. Der Arzt aus der Nachbarschaft war von Anfang an da, und außer Mr. Beard war noch ein anderer Arzt von London gekommen. Aber alle menschliche Hülfe war vergeblich. Es hatte ein Bluterguß auf das Gehirn stattgefunden und obgleich ein röchelndes Athmen noch die ganze Nacht hindurch und bis zehn Minuten nach sechs Uhr am Donnerstag Abend, den 9. Juni, fortdauerte, war während der vierundzwanzig Stunden nie ein Hoffnungsstrahl aufgetaucht. Er hatte 58 Jahre und vier Monate gelebt.

Die Aufregung und der Schmerz bei seinem Tode sind noch in frischer Erinnerung. Ehe die Nachricht auch nur die abgelegeneren Theile Englands erreichte, war sie schon über Europa hingeblitzt, war sie bekannt in den fernen Continenten von Indien, Australien und Amerika, und hatte nicht bloß unter englisch redenden Völkern, sondern in jedem Lande der civilisirten Erde Schmerz und Sympathie erweckt. In seinem eignen Vaterlande war es, als wäre ein Jeder von einem persönlichen Verluste betroffen worden. Die Königin telegraphirte aus Balmoral »ihr tiefstes Bedauern über die traurige Nachricht von Charles Dickens' Tode«, und dies war die Empfindung aller Klassen ihres Volkes. Es gab keine englische Zeitung, die ihr nicht einen rührenden und edeln Ausdruck verlieh und die Times war es, welche zuerst die Ansicht aussprach, daß die einzige passende Ruhestätte für die Reste eines von dem englischen Volke so geliebten Mannes, die Abtei sei, in welcher die berühmtesten Engländer bestattet sind. Es ist eine Pflicht, diese beredten Worte anzuführen. »Staatsmänner, Männer der Wissenschaft, Philanthropen, die anerkannten Wohlthäter ihres Geschlechts könnten dahinscheiden und doch keine solche Lücke hinterlassen, wie die, welche Charles Dickens' Tod verursachen wird. Sie mögen die Achtung der Menschheit errungen haben, ihre Tage mögen dahingeflossen sein in Macht, Ehre und Glück, sie mögen umringt gewesen sein von Schaaren von Freunden, aber so hervorragend durch Rang, Fähigkeit und öffentliche Dienste sie auch waren, sie werden nicht, wie unser großer und genialer Novellist, die vertrauten Freunde gewesen sein eines jeden Haushalts. In der That wird eine solche Stellung nicht einmal von einem Menschen in jedem Zeitalter errungen. Es bedarf einer außerordentlichen Vereinigung geistiger und sittlicher Eigenschaften, ehe die Welt geneigt wird, einen Menschen so als ihren unangreifbaren und dauernden Liebling auf den Thron zu erheben. Das ist die Stellung, welche Dickens bei dem englischen und auch bei dem amerikanischen Publikum während des Drittheils eines Jahrhunderts eingenommen hat . . . Die Westminster-Abtei ist die besondere Ruhestätte des literarischen Genies von England, und unter Denen, deren heiliger Staub dort ruht, oder deren Namen an den Mauern eingegraben sind, gibt es wenige, die einer solchen Heimath würdiger sind als Charles Dickens. Noch wenigere, glauben wir, werden in dem ferneren Verlaufe der Zeit, wenn seine Größe uns immer fühlbarer werden wird, in höheren Ehren gehalten werden.«

Der Dekan von Westminster verlor keine Zeit, dem auf diese Weise ausgesprochenen allgemeinen Wunsche ein bereitwilliges Gehör zu schenken und machte schon am Morgen des Tages, an welchem jener Artikel erschien, der Familie und deren Vertretern eine entsprechende Mittheilung. Die öffentliche Huldigung eines Begräbnisses in der Abtei mußte versöhnt werden mit Dickens' eignen Verordnungen, daß er still, ohne vorhergehende Ankündigung der Zeit und des Ortes und ohne Denkmal oder Erinnerungszeichen begraben werden wolle. Er hätte selbst am liebsten in dem kleinen Kirchhofe unter der Schloßmauer in Rochester geruht, oder in den kleinen Kirchen von Cobham oder Shorne; aber es fand sich, daß alle diese geschlossen seien, und man war schon auf den Wunsch des Dekans und des Kapitels von Rochester, ihn in ihrer Kathedrale zu bestatten, eingegangen, als die Bitte des Dekans von Westminster und die rücksichtsvolle Freundlichkeit seiner edeln Versicherung, daß kein andres Ceremoniel stattfinden solle, als ein solches, welches mit allen Erfordernissen eines Privatbegräbnisses im Einklang stehe, die Annahme dieses Anerbietens zu einer wohlthuenden Pflicht machte. Die Stätte war bereits von dem Dekan ausgewählt worden und vor Mittag, am folgenden Morgen, Dienstag, den 14. Juni, war, unter dem ausschließlichen Mitwissen Derjenigen, welche an dem Begräbniß theilnahmen, Alles vollendet. Die Feierlichkeit hatte nichts verloren durch ihre Einfachheit. Nichts so Großartiges oder Ergreifendes hätte sie begleiten können als die Stille und das Schweigen der gewaltigen Kathedrale. Dann, später am Tage und den ganzen folgenden Tag, kamen freiwillige Leidtragende in solchen Schaaren, daß der Dekan um Erlaubniß bitten mußte, das Grab bis Donnerstag offen zu halten; aber auch nachdem es geschlossen war, hörten sie nicht auf zu kommen, und »während des ganzen Tages,« schrieb Doktor Stanley, »war ein beständiges Gedränge nach der Stätte hin und viele Blumen wurden von unbekannten Händen gestreut, viele Thränen von unbekannten Augen vergossen.« Er bezog sich darauf in der ergreifenden Leichenrede, welche am Sonntag Morgen, dem 19. Juni, in der Abtei von ihm gehalten wurde, indem er hinwies auf die von Neuem gestreuten frischen Blumen (wie sie noch immer gestreut werden in diesem vierten Jahre nach Dickens' Tode), und sagte, daß »diese Stätte hinfort eine heilige sein werde, in der Alten wie in der Neuen Welt, als die Ruhestätte des Repräsentanten der Literatur, nicht dieser Insel allein, sondern aller Derer, welche die englische Zunge reden.« Der darauf gelegte Stein trägt die Inschrift:

Charles Dickens.

Geboren den siebenten Februar 1812.   Gestorben den neunten Juni 1870.

Die höchsten Erinnerungen an die beiden Künste, welche er liebte, umgeben ihn, wo er ruht. Ihm zunächst ist Richard Cumberland. Mrs. Pritchard's Denkmal blickt auf ihn nieder und unmittelbar dahinter ist das David Garrick's. Auch ist die entzückende Kunst des Schauspielers nicht würdiger vertreten als das edlere Genie des Autors. Dem Grabe gegenüber und zu seiner Linken und Rechten sind die Denkmäler Chaucer's, Shakespeare's und Dryden's, der drei Unsterblichen, die am meisten gethan haben, die Sprache zu schaffen und zu gestalten, welcher Charles Dickens einen andern unvergänglichen Namen gegeben hat.

Das Grab

Das Grab, nach einem Aquarellbilde von S. L. Fildes, gestochen von J. Saddler

 

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