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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Charles Dickens in seinem 56. Jahre. Nach der letzten im Jahre 1868 in Amerika gemachten Photographie

Dritter Band

1850–1870.

 

Berlin 1875
Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei
(R. v. Decker).

 

Erstes Kapitel

David Copperfield und Bleak House.
1850–1853.

Dickens' Ruhm stand nie so hoch als zur Zeit der Vollendung von David Copperfield. Die Popularität, welche dies Werk von Anfang an errang, wuchs in einem Maaße, wie bei keinem vorhergehenden Buche, mit Ausnahme Pickwicks. »Sie erfreuen mich mehr, als ich sagen kann,« schrieb er im Juli 1850 an Bulwer Lytton, »durch das, was Sie über Copperfield sagen, weil ich selbst hoffe, daß einige bisher fehlende Eigenschaften darin zum Vorschein gekommen sind.« Wenn das Talent nicht größer war als in Chuzzlewit, so übte der Gegenstand eine größere Anziehungskraft aus; die Begebenheiten waren mannigfaltiger, das Spiel der Charaktere freier und außerdem herrschte eine, allerdings allgemeine und unbestimmte, Vermuthung, welche das Interesse nicht wenig verschärft hatte, daß nämlich der Dichtung etwas aus dem Leben des Autors zu Grunde liege. Wie viel, erfuhr die Welt erst nach seinem Tode.

Wer mit der englischen Literatur bekannt ist, weiß, daß in ihre berühmtesten Prosadichtungen die Selbstbiographie in Verkleidung einen beträchtlichen Eingang gefunden hat, und daß diejenigen Charaktere, welche uns in dem englischen Roman am geläufigsten sind, Originale hatten im wirklichen Leben. Smollett schrieb keine Geschichte, die nicht bis zu einem gewissen Grade eine Erinnerung an seine eigenen Abenteuer war; und Fielding, der auf alle seine Heldinnen etwas von seiner Frau übertrug, war glücklich genug gewesen, nicht bloß Trulliber, sondern den Pastor Adams selbst unter seinen lebendigen Erfahrungen zu finden. Um auf eine spätere Zeit zu kommen, so hatte Scott kaum je einen Bekannten, von dem sein Gedächtniß nicht etwas aufbewahrte, wodurch er den Gestalten seiner Phantasie größere Wirklichkeit verlieh, und wir wissen ganz genau, wen wir in Dandie Dinmont und Jonathan Oldbuck, in dem Büreau Alan Fairfords und in dem Krankenzimmer von Crystal Croftangry zu suchen haben. Wir müssen die Bemerkung hinzufügen, daß es nie etwas Vollständiges ist, was so von einem ächten Dichter aus dem Leben genommen wird, sondern nur Haupt-Charakterzüge oder Züge, welche eine größere Vollendung geben; daß der wahre Künstler in seinem Bilde von einer Person seine Erfahrungen von fünfzig Personen verkörpert, und daß dies Fieldings Antwort an Trulliber gewesen sein würde, hätte dieser Einwendungen gemacht gegen den Schweinestall, und an Adams, hätte derselbe in dem Vorgang in Mrs. Slipslop's Schlafzimmer eine Verunglimpfung entdecken wollen. Auf solche Weise wurde Dickens während seiner Schriftstellerlaufbahn wiederholt zur Rede gestellt, wenn er, wie wir gesehen, die den Meistern seiner Kunst gemeinsame Methode frei befolgte; aber während er an Copperfield schrieb, kam ein Fall angeblichen Unrechts vor, wo seine Rechtfertigung ihm nicht ganz vollständig erschien, und was er hierauf that, war für ihn charakteristisch.

»Ich habe heute Morgen das seltsamste Abenteuer gehabt,« schrieb er am Vorabend seines zehnten Heftes (28. Dezember 1849) – »den Empfang der Einlage von Miß Moucher! Es ist tragikomisch, aber ohne Zweifel hat man Unrecht, wenn man versucht wird, von seinem Talente einen solchen Gebrauch zu machen.« In der Meinung, eine groteske kleine Wunderlichkeit unter seinen Bekanntschaften werde vor dem Erkanntwerden sicher sein, hatte er gethan was Smollett zuweilen that, aber Fielding nie; und in dem ersten Ausbruch der Heiterkeit, welchen der Gedanke in ihm hervorrief, der Versuchung nachgegeben, Eigenthümlichkeiten der Gestalt und des Gesichtes, die in Wahrheit auf eine Mißgestalt hinausliefen, zu genau zu copiren. Er war betroffen, als er entdeckte, welche Schmerzen er verursacht hatte, und vor mir liegt eine Abschrift der Versicherungen, die er sofort als Antwort an die Beschwerdeführerin schickte: daß er über alle Maaßen betrübt und überrascht sei; daß er sie gar nicht im Sinne gehabt habe; daß alle seine Charaktere aus vielen Leuten zusammengesetzt und nie persönlich seien; daß der Stuhl (statt des Tisches) und andere Dinge unzweifelhaft von ihr hergenommen, aber andere Züge durchaus nicht auf sie anwendbar seien, und daß in Miß Moucher's »Bin ich nicht lebhaft?« seine Freunde ganz richtig den Lieblingsausdruck einer andern Person erkannt hätten; daß er nichtsdestoweniger sein Unrecht empfinde und Alles thun wolle, es gut zu machen; daß es seine Absicht gewesen, den Charakter auf unangenehme Weise anzuwenden, jetzt aber wolle er ihn, trotz alles Wagnisses und aller Unbequemlichkeit, völlig verändern, so daß nichts als ein angenehmer Eindruck übrig bleibe. Der Leser wird sich erinnern, wie dies zu Wege gebracht wurde und wie weit das zweiunddreißigste Kapitel gut machte, was das zweiundzwanzigste verschuldet hatte. Einer viel früheren Zeit gehört der einzige mir bekannte Fall an, in welchem ein als gehässig beabsichtigter Charakter eines seiner Bücher ganz nach einem lebenden Original gezeichnet wurde. Die Benutzung eines solchen Materials, obgleich nie ohne Gefahr, hätte sich hier, wenn irgendwo, rechtfertigen lassen, und es war für Dickens selbst immer eine Befriedigung, die Identität Mr. Fang's in » Oliver Twist« mit Mr. Laing von Hatton-Garden zuzugeben. Aber das Bekenntniß seiner Absicht in diesem Falle und die Art und Weise, wie er dieselbe zur Ausführung brachte, bezeichnen deutlich den Unterschied seines Verfahrens von demjenigen, welches er, großen Vorbildern folgend, in seinen späteren Werken anwandte. Eine Anspielung in einem Briefe aus jener Zeit an einen gemeinsamen Freund – »Ein schrecklicher Gedanke kommt mir! wie glänzend in einem Buche!« – drückt sowohl die fortdauernde Stärke seiner Versuchungen als die Scheu aus, die er schon damals davor empfand, diesen Versuchungen sofort nachzugeben; aber in den Tagen »Oliver Twist's« quälten ihn keine solche Zweifel. Da er einen unverschämten und barschen Polizeirichter nöthig hatte, suchte er nach einem bequem zugänglichen Original in einem der Londoner Büreaus, und statt seine spätere Methode zu befolgen, indem er ein persönliches Aeußere gab, welches die Identifikation der geistigen Eigenthümlichkeiten einigermaßen erschwerte, war er nur zu begierig, den ganzen Menschen, Gestalt und Gesicht ebensowohl als Geist und Wesen, vollständig zur Erscheinung zu bringen.

Er schrieb demnach (von Doughty Street, am 3. Juni 1837) an Mr. Haines, einen Herrn, der damals die allgemeine Oberaufsicht über die Polizeiberichte für die Tagesblätter hatte. »In dem nächsten Hefte von »Oliver Twist« gebrauche ich eine Magistratsperson, und als ich mich nach einer Person umsah, deren Barschheit und Unverschämtheit sie zu einem geeigneten Gegenstand öffentlicher Züchtigung machen würde, verfiel ich nothwendigerweise auf Mr. Laing, Hatton-Garden'schen Angedenkens. Ich bin vollkommen mit dem Charakter des Mannes bekannt; aber da auch seine persönliche Erscheinung beschrieben werden muß, sollte ich ihn vorher gesehen haben, was (zu meinem Glück oder Unglück, je nachdem man es nimmt) bis jetzt nicht der Fall gewesen ist. In diesem Dilemma kam mir der Gedanke, daß ich vielleicht unter Ihrem Schutze eines Morgens auf einige Augenblicke in das Büreau in Hatton-Garden eingeschmuggelt werden könnte. Wenn Sie mir für meinen Zweck behülflich sein können, würden Sie mich wirklich recht sehr verbinden.« Die Gelegenheit fand sich; der Polizeirichter wurde dem Novellisten vorgeführt und kurz darauf, nach einem frischen Ausbruch unerträglicher Laune, war es für den Minister des Innern ein leichter und populärer Schritt, Mr. Laing von dem Richterstuhl zu entfernen.

Dies war eine Genugthuung für Jedermann, mit der alleinigen Ausnahme der Hauptperson; aber es war ein seltener Ausnahmefall und höchst selten kommt es vor, daß die in allen solchen Fällen natürlichen persönlichen Einwände keine Berücksichtigung fordern. In dem Buche, welches » Copperfield« folgte, schienen zwei Charaktere in Wesen und Sprache mit zwei berühmten Schriftstellern eine zu lebendige Aehnlichkeit zu haben, als daß ihre persönlichen Freunde sich darüber hätten täuschen können. Gegen Lawrence Boythorn, unter welchem Namen Landor figurirte, wurde keine Einwendung gemacht; aber Harold Skimpole, in dem Leigh Hunt sich erkennen ließ, rief viele Bemerkungen hervor; denn der Unterschied war, daß bei dem Ersteren lächerliche Charakterzüge benutzt wurden, um eine anziehende Persönlichkeit des Romans zu bereichern, ohne ihr Eintracht zu thun, während dem Letzteren eine Rolle zugewiesen wurde, welche keine liebenswürdigen Schwächen oder heitren Reden vor Verachtung retten konnten. Obgleich so dem Freunde, dessen Charakter vermuthlich vielen Lesern dadurch in Erinnerung gebracht wurde, ein Mangel an Achtung widerfuhr, so ist es nichtsdestoweniger gewiß, daß Dickens' Absicht weder zuerst noch später eine unfreundliche war. Er irrte lediglich aus Gedankenlosigkeit. Was ihn überhaupt dazu veranlaßte, hat er selbst erklärt. Hunt's Philosophie der Geldverpflichtung, von diesem immer, obschon laut, doch nur halb scherzhaft bekannt, und sein zur Schau getragener Eigensinn in der Behandlung dieses und jedes andern Gegenstandes, über den es ihm grade gefiel sich auszulassen, waren Dickens so oft grillenhaft und anziehend erschienen, daß diese Eigenthümlichkeiten Hunt's ihm in's Gedächtniß kamen, als er eine »luftige Eigenschaft« für den Mann seiner Erfindung brauchte; Hier sind zwei Stellen aus Artikeln von Hunt im Tatler (einer allerliebsten kleinen Zeitschrift, welche die Firma Chapman und Hall 1830 für Hunt herzustellen suchte), auf welche der Zufall unglücklicherweise Dickens' Aufmerksamkeit gelenkt hatte: »Angenommen, wir bedürften eines Gönners, und besäßen Talent genug, um die Anerkennung desselben zu einer Ehre zu machen, so würden wir viel lieber einen großen und verhältnißmäßig privaten Freund haben, der reich genug wäre, uns zu helfen und liebenswürdig genug, die Verpflichtung gegen ihn zur Freude zu machen, als das öffentliche Eigenthum irgend eines Menschen, oder irgend einer Regierung werden. . . . . Wenn eine Gottheit uns die Wahl gegeben hätte, würden wir gesagt haben, mache uns wie Lafontaine, der hingeht und, arglos wie ein Kind, zwanzig Jahre bei einem reichen Freunde lebt, und, den ganzen Tag unter einem Baume sitzend, Verse schreibt, die er für schön hält.« Solche Aussprüche können vor einem ernsten Lesen und Durchdenken nicht Stand halten, aber alle möglichen Extravaganzen und Seltsamkeiten flossen mit einem eigenthümlichen Zauber von Hunt's Lippen. Gewiß gab es nie einen Menschen von so sonniger Natur, der aus gewöhnlichen Dingen so viel Genuß schöpfen konnte, oder dem Bücher eine so wirkliche, so unerschöpfliche, so entzückende Welt waren. Ich war nicht mehr als siebzehn Jahre alt, als er in mir die Neigungen entdeckte, die seitdem der Trost meines ganzen späteren Lebens gewesen sind, und ich erinnere mich noch sehr wohl meines letzten Zusammenseins mit ihm in Hammersmith, nicht lange vor seinem Tode im Jahre 1859, als er mit seinem zarten, abgezehrten aber geisterfüllten Gesichte, seinen großen, glänzenden Augen, seiner dichten Masse stahlgrauer Haare und einem Mäntelchen von verblaßter schwarzer Seide über den Schultern, aussah wie ein alter französischer Abbé. Er war lebhaft und angenehm wie immer und arbeitete an einer Ehrenrettung Chaucer's und Spencer's gegen Cardinal Wiseman, der sie wegen ihrer vorgeblich sinnlichen und wollüstigen Eigenschaften angegriffen hatte. und theils aus diesem Grunde, theils, wie er seitdem oft zu seinem Bedauern empfunden, wegen des Vergnügens, das es ihm gewährte, eine liebenswürdige Manier sich unter seiner Hand reproduciren zu sehen, gab er der Versuchung nach, den Romancharakter zu oft wie seinen alten Freund sprechen zu lassen.« Diese Vertheidigung wurde nach Hunt's Tode in einem Artikel in All the year round gemacht und Dickens erwähnte darin zugleich eine Umarbeitung der ersten Skizze, auf Veranlassung zweier anderen Freunde Hunt's, mit dem Zweck, die Aehnlichkeit zu verringern. Die Freunde waren Procter (Barry Cornwall) und ich; denn mir hatte es von Anfang an geschienen, daß die Aehnlichkeit zu groß sei. Procter war nicht sofort derselben Meinung, aber einige Ueberlegung brachte auch ihn zu dieser Ansicht. »Du wirst aus der Einlage sehen,« schrieb mir Dickens am 17. März 1852, »daß Procter mir im Wesentlichen beistimmt. Nichtsdestoweniger will ich im Laufe des Nachmittags den Charakter noch einmal wieder durchsehen und hier und da Ausdrücke mildern.« Aber vor dem Ende des Tages hatte Procter ihm noch einmal geschrieben und am nächsten Morgen war das Resultat wie folgt: »Ich habe das Ganze wieder sehr sorgfältig durchgesehen und glaube, daß es nun weit weniger ähnlich ist. Ich habe auch Leonhard in Harold verwandelt. Ich habe kein Recht, Hunt zu kränken, und es ist so sehr mein Wunsch, dies nicht zu thun, daß ich Dich bitte, noch einmal sämmtliche Correcturbogen durchzusehen und mir alle Stellen anzudeuten, wo die Aehnlichkeit Dir besonders auffällt. Worauf ich solche Stellen abändern will.«

Alles in Allem waren die Abänderungen beträchtlich, aber der Grundfehler blieb. Die heitre, glänzende, luftige Redeweise, welche nicht mißzuverstehen war, identificirte einen Freund, der dem Autor nur durch anziehende Eigenschaften bekannt war, mit gehässigen Eigenschaften, und hierfür gab es keine Entschuldigung. Vielleicht die einzige mit dem Original bekannte Person, welche die Copie zu erkennen verfehlte, war das Original selbst (ein gewöhnliches Vorkommniß); aber gutherzige Freunde ließen Hunt zu rechter Zeit Alles wissen, und peinliche Erklärungen folgten, wobei Dickens nichts weiter thun konnte, als was einer freundschaftlichen Vermeidung der wirklich in Frage stehenden Punkte gleichkam. Die Zeit zur Abhülfe war vorüber. Ich erinnere mich noch sehr wohl, mit welch' eifrigem Ernst er bei einer dieser Gelegenheiten bemüht war, Hunt in seiner eigenen Achtung herzustellen. »Trennen Sie,« sagte er zu ihm, »in Ihrem eigenen Geiste das, was Sie selbst von sich sehen, von dem, was die Leute sehen wollen. Da es Ihnen so viel Schmerz verursacht hat, so will ich es von der schlimmsten Seite nehmen und sagen, daß ich es auf's Tiefste bedauere und fühle, daß ich Unrecht hatte es zu thun. Sonst würde ich es im besten Sinne genommen und mich im Gefühle dessen beruhigt haben, was ich lebhaft als Wahrheit empfinde, daß nämlich nichts darin ist, was Ihnen Schmerz verursacht haben sollte. Jeder Autor muß nach seiner Erfahrung schreiben und so auch ich nach meiner Erfahrung von Ihnen; aber so oft ich fühlte, daß ich darin zu weit ging, that ich mir Einhalt, und die am meisten durchstrichenen Stellen meines Manuskript's sind diejenigen, wo ich eifrig bemüht war, die Eindrücke, nach denen ich schrieb, Ihnen ungleich zu machen. Das mit dem Tagebuchschreiben nahm ich von Haydon, nicht von Ihnen. Ich höre jetzt zum ersten Male, daß Sie je Lieder componirt haben, das konnte ich daher nicht von Ihnen nachahmen. Der Charakter ist nicht der Ihrige, denn es sind Züge darin, welche auch fünfzigtausend andern Leuten gemeinsam sind, und ich dachte nicht, daß Sie ihn je erkennen würden. Unter ähnlichen Verkleidungen sind auch mein Vater und meine Mutter in meinen Büchern und Sie hätten ihr Bild ebenso gut erkennen können in Micawber.« Der Unterschied liegt darin, daß die Schwächen Mr. Micawber's und Mrs. Nickleby's, so lächerlich sie auch sind, doch keine dieser beiden Personen in Rede oder Charakter weniger liebenswürdig machen, und daß dies von den Schwächen Skimpole's nicht gesagt werden kann. Der freundliche oder unfreundliche Eindruck macht den wesentlichen Unterschied aus, wenn man sich mit einem Freunde Freiheiten nimmt, und sogar dieser völlig günstige Umstand wird, wenn es sich um nahe Verwandte handelt, bei Vielen die Praxis nicht entschuldigen.

Wegen der schon früher angedeuteten Aehnlichkeiten in Micawber ist Dickens scharf getadelt worden, und auf ähnliche Weise machte man Scott einen Vorwurf daraus, daß er für die Schlußscenen von Crystal Croftangry das Original seines reizbaren Patienten an dem Todtenbette seines eigenen Vaters gefunden hatte. Lockhart, der uns dies erzählt, fügt mit trauriger Bedeutsamkeit hinzu, daß er selbst es erlebt, den Vorhang in Abbotsford über noch eine solche Scene fallen zu sehen. Aber es ist nutzlos, solche Einwendungen zu machen. Alle großen Novellisten werden fortfahren, ihre Erfahrungen über Natur und Thatsachen zu benutzen, einerlei, woher sie dieselben gewinnen, und eine Bemerkung Scott's selbst gegen Lockhart deutet ihre Rechtfertigung an. »Wer nach der Natur zeichnet, wird die meiste Aussicht haben, diejenigen zu interessiren und zu belustigen, welche sie täglich anschauen.«

Das Vergehen mit Micawber war übrigens nicht von ernster Art. Wir haben gesehen, auf welche Weise Dickens durch die rauhen Lehren seiner Kindheit bewegt und beeinflußt wurde und die Grundlage des Charakters wurde unzweifelhaft damals gelegt, aber seine rhetorische Fülle übte erst später ihren Einfluß auf ihn aus; der Hauptreiz der lebensgroßen Gestalt lag eben darin, wie jene Eigenschaft auf tausendfach belustigende Art erweitert und entwickelt wurde. Eine bessere Erläuterung derselben konnte wohl kaum gegeben werden, als durch Stellen aus Briefen von Dickens, lange vor der Zeit, ehe er an Micawber dachte, worin diese Eigenthümlichkeit seines Vaters einen häufigen und immer angenehmen Ausdruck fand. Mehrere solche Stellen wurden in diesem Werke von Zeit zu Zeit mitgetheilt und einige andere mögen hier hinzugefügt werden. Zur Einleitung ist es nur recht zu bemerken, daß Niemand den älteren Dickens kennen konnte, ohne ihn wegen jener Redefloskeln um so lieber leiden zu mögen. Sie paßten sich seinen düstern wie seinen heitern Stimmungen so bequem an, daß man kaum umhin konnte zu denken, sie seien ihm in beiden von beträchtlichem Nutzen gewesen und hätten ihm den Schatten und den Sonnenschein seines wechselvollen Lebens wenn möglicher, so auch erträglicher gemacht. »Ich habe einen Brief von meinem Vater,« schrieb Dickens im Mai 1841, »worin er sich über das schöne Wetter beklagt, sinnverwandte Stürme herbeibeschwört und mich benachrichtigt, daß es ihm nicht möglich sein wird, noch länger als ein Jahr in Devonshire zu bleiben, weil er sich dann nach Paris begeben müsse, um Augustus« (Dickens' jüngsten Bruder) »im Französischen zu befestigen.« »Es ist,« schreibt Dickens im September 1844 aus dem Palazzo Peschiere, »ein charakteristischer Brief von meinem Vater an Kate angekommen. Er datirt denselben aus Manchester und sagt, er habe Grund zu glauben, daß er mit den Fasanen, am oder gegen den ersten Oktober, in London ankommen werde. Er ist fast zwei Monate mit Fanny auf der Insel Man gewesen und hat dort, wie er weiter bemerkt, Haufen von Freunden und allen möglichen festländischen Luxus zu billigen Preisen gefunden.« In der Beschreibung der Abreise eines englischen Arztes und Bekannten aus Genua während desselben Jahres fügt er hinzu: »Wir bedauern sehr, seinen Beistand zu verlieren, – oder, wie mein Vater sagen würde, bis zu einem gewissen Grade der begleitenden Vortheile beraubt zu werden, worin dieselben immer bestehen mögen, welche aus seiner ärztlichen Geschicklichkeit entspringen, soweit dieselbe reicht, und aus seinen professionellen Besuchen, insofern dieselben als solche betrachtet werden können.« So freute es Dickens auch, sich zu erinnern, daß sein Vater von einem seiner Verwandten einen berühmten Satz geschrieben: »Und ich muß meine Neigung zu der Annahme ausdrücken, daß seine Lang1ebigkeit (um das Mindeste zu sagen) äußerst problematisch ist;« und daß er an einen andern, der etwas zudringlich auf der Vortrefflichkeit von Dissentern und Nonconformisten bestand, Worte gerichtet hatte, die nicht weniger berühmt zu sein verdienen: »Das höchste Wesen muß ganz verschieden sein von dem, wofür ich allen Grund habe es zu halten, wenn ihm das Geringste gelegen ist an der Gesellschaft Ihrer Sippe.« In dem Genuß aller dieser Dinge war ohne Frage ein Lachen, aber auch viel persönliche Neigung und das Gefühl des Schöpfers von Micawber, wenn er so an den Schwächen seines Originals Gefallen fand, fand ihren Widerpart in dem Gefühl der Leser für die Schöpfung selbst, während ihre Rolle in dem Roman ausgespielt wurde. Niemand mag Micawber weniger gern wegen seiner Thorheiten, und Dickens liebte seinen Vater um so mehr, je mehr er sich an dessen wunderliche Eigenschaften erinnerte. »Je länger ich lebe, für einen um so bessern Menschen halte ich ihn,« rief er später aus. Wirklichkeit und Phantasie hatten Alles vereinigt, was ihm in beiden am erfreulichsten war.

Es darf als ein Beweis für den durchweg gesunden und männlichen Ton des Romans Copperfield gelten, daß dies das Endresultat der Excentricitäten eines ihrer Hauptcharaktere ist, und die Ueberlegenheit Micawber's in dieser Hinsicht über Skimpole gehört zu den vielen Anzeichen des untergeordneten Ranges, welchen »Bleak House« seinem Vorgänger gegenüber einnimmt. Trotz gewisser auffallender Aehnlichkeiten, die es schwer machen zu sagen, welcher Charakter den Grundsatz oder Nicht-Grundsatz der Geldlosigkeit am besten repräsentirt, kann kein Zweifel darüber bestehen, welcher den andern übertrifft in moralischer und intellektueller Entwickelung. Es ist der Gegensatz ächten Humors und persönlicher Satire. Zwischen den weltlichen Umständen beider ist keine Wahl; aber in Bezug auf alles Andere zeigen sie den Gegensatz zwischen Schäbigkeit und Größe. Man sollte denken, Skimpole's sonnige Rede müsse eben so sehr gefallen als Micawber's prächtige Sprache, da der Zweck beider ist, die Bitterkeit der Armuth abzustumpfen. Aber bei dem Einen erfahren wir keine Befreiung von der begleitenden Niedrigkeit und Noth und sinken aus den luftigsten Phantasieen wieder in Schmutz und Schmerz herab, während bei dem Andern nichts Jammervolles oder bloß Selbstsüchtiges uns je berührt. In der tiefsten Tiefe dessen, was bei ihm das Schlimmste ist, zweifeln wir nie, daß etwas Besseres auftauchen muß, und von einem Manne, der seine Bettstelle verkauft, um seinen Freund bewirthen zu können, weigern wir uns vollständig, nur übel zu denken. Das ist durchweg der freie und heitre Styl Copperfield's. Die Meisterstücke von Dickens' Humor sind nicht darin; aber nirgends hat er seiner Erfindungsgabe so mannigfachen Spielraum gegeben und keines seiner Werke kommt diesem an Vollständigkeit der Wirkung und gleichmäßiger Heiterkeit des Tones nahe.

Was später im Allgemeinen über seine Werke gesagt werden muß, beschränkt, wie auch in früheren Fällen, das hier Gesagte wesentlich auf persönliche Erläuterungen. Die früher über Copperfield gemachten Enthüllungen werden dies Werk auf immer mit der persönlichen Geschichte des Autors verknüpfen; aber in der Annahme einer vollständigen Identität Dickens' mit seinem Helden und einer vorausgesetzten Absicht, sowohl seinen eigenen Charakter als Theile seiner Laufbahn in der Erzählung darzustellen, ist man in Folge jener Enthüllungen zu weit gegangen. Es ist nöthig, den Leser hierauf aufmerksam zu machen. Er kann für sich selbst urtheilen, inwiefern die Erlebnisse seiner Kindheit den Genius Dickens' gebildet haben mögen, ob ihre Bitterkeit seine Natur tief genug durchdrungen hatte, um sich in dem Hasse gegen Unterdrückung, in der Empörung gegen Mißbrauch der Macht und in dem Krieg gegen die Ungerechtigkeit in allen ihren Formen, wie seine frühsten Bücher dieselben zeigen, nur selbst zu reproduciren, und in welchem Maaße bloßes Mitgefühl für seine eigene Kindheit den seltsamen Zauber, welchen die Leiden und Schmerzen der Kindheit immer auf ihn ausübten, erklären kann. Aber so viele Aehnlichkeiten Copperfield's Abenteuer mit Theilen von Dickens' Abenteuern darbieten und so oft David sich in Reflexionen ergeht, in denen Niemand, der Dickens genau kannte, die Reproduktion seiner eigenen verkennen kann, so würde man doch den größten Irrthum begehen, wollte man, mit Ausnahme der Scenen im Hungerford-Markt, eine vollständige Identität des erdichteten Novellisten mit dem wirklichen annehmen, oder voraussetzen, daß der Jüngling, welcher damals seine erste harte Schule im Leben durchmachte, sie so wenig verhärtet oder verletzt verlassen habe, wie David. Die Sprache der Dichtung spiegelt die Erzählung der wirklichen Begebenheiten nur schwach wieder und der Mann, dessen Charakter unter dem Einfluß dieser gebildet wurde, fand einen nicht weniger schwachen Ausdruck in dem lebhaften, empfänglichen Jüngling, der unfähig war, der Führung Anderer zu widerstehen und erst durch die späteren Schmerzen seines Eintritts in's Mannesalter zur Selbstbeherrschung erzogen wurde. Dies war nur ein anderer Beweis dafür, wie gründlich Dickens seinen Beruf verstand, und daß eine ungeschickte Verwebung von Wahrheit und Dichtung die Wahrheit nur weniger wahr machen würde.

In der That findet der Charakter des Helden dieses Romans seinen richtigen Platz in der angeblich von ihm erzählten Geschichte mehr durch seine Unähnlichkeit als durch seine Aehnlichkeit mit Dickens, selbst da, wo eine absichtliche Aehnlichkeit hervorzutreten scheint. Wenn eine Selbstbiographie mit dem Zwecke unternommen wird zu zeigen, daß das Leben eines jeden Menschen als Spiegel des Daseins aller Menschen gelten kann, so tritt die persönliche Laufbahn vor der Mannigfaltigkeit der von ihr empfangenen und reflektirten Erlebnisse in den Hintergrund. Diese besondere Form der Romanliteratur hat nur zu oft eine übertriebene Hingabe an geistige Analyse, Metaphysik und Gefühlsschwärmerei veranlaßt; aber Dickens wurde durch ein gesundes Urtheil und eine schlaflose schöpferische Einbildungskraft sicher über alle diese Lockungen emporgehoben, und selbst die Methode seiner Darstellung ist hier einfacher, als gewöhnlich in seinen Büchern der Fall ist. Die Gewächse seiner Phantasie haben weniger üppiges Unterholz, und das Gedränge äußerer Bilder, das immer so lebendig vor ihm aufsteigt, bleibt mehr unter seiner Herrschaft.

Wenn man Copperfield so den ihm gebührenden Platz in dem Romane anweist, so treten die mannigfachen Abenteuer seiner Kindheit in folgerichtigen Zusammenhang. Das erste warme Nest der Liebe, in welchem seine eitle, zärtliche Mutter und ihre wunderliche, freundliche Magd ihn hegen, der schnell folgende Gegensatz harter Abhängigkeit und knechtischer Behandlung, das Entrinnen aus dieser vorzeitigen, zwerghaften Reise durch einen natürlichen Rückfall in eine vollkommenere Kindheit, das dann folgende gemächliche Wachsthum der Gefühle und der Fähigkeiten in's Mannesalter hinein – dies Alles sind zusammenhängende Theile eines klar gezeichneten Charakters. Die Summe seiner Errungenschaften soll eine erfolgreiche schriftstellerische Thätigkeit sein, und so oft eine solche geistige Erziehung auch zum Gegenstande des Romans gemacht worden ist, so gibt es doch nicht viele glücklichere Auffassungen derselben. Die idealen und die realen Theile in der Natur des Knaben werden in Verhältnissen entwickelt, welche am besten zu dem erstrebten Ziele hinführen; der Hang zu leidenschaftlichen Zuneigungen, der ihn unter fremde Leitung bringt, hat eine Grundlage von Wahrhaftigkeit, worauf er zuletzt sicher ruht; der praktische Mann ist das Resultat des phantasievollen Jünglings; und für die Armuth seiner träumerischen Tage bieten die thätigen Sympathieen, welche das Leben ihm eröffnet hat, mehr als Ersatz. Viele Erfahrungen sind in den Umkreis desselben eingetreten und sein Herz hat für alle Raum gefunden. Das Bewußtsein, wie viel er von dem ausdrückt, was der Autor selbst durchgemacht hatte, muß unser Interesse an ihm vermehren, aber David schließt weit weniger ein als dies, und unendlich viel mehr.

Daß die Begebenheiten sich leicht entwickeln und bis an's Ende mit den Charakteren, von denen sie einen Theil ausmachen, in natürlichem und anspruchslosem Zusammenhange stehen, kann wohl mit größerer Wahrheit von »David Copperfield« behauptet werden, als von irgend einem anderen Romane von Dickens. Es ist ein Ueberfluß von eigenthümlichen und deutlich erkennbaren Personen darin und ein verschwenderischer Reichthum an Detail; aber die Einheit des Planes und Zweckes ist immer klar, und der Ton ist durchweg der richtige. Durch den Gang der Ereignisse lernen wir den Werth der Entsagung und der Geduld, des ruhigen Ertragens unvermeidlicher Uebel, des andauernden Kampfes gegen zu beseitigende Uebel kennen, und Alles in den Schicksalen der handelnden Personen fordert uns auf, unsere edeln Triebe zu stärken und die Reinheit des häuslichen Lebens zu wahren. Es ist daher leicht, die außerordentliche Popularität »Copperfield's« zu erklären, auch wenn man nicht das hinzufügt, daß der Roman wohl kaum einen Leser, Mann oder Knaben, gehabt haben kann, der nicht entdeckte, daß er selbst etwas von einem Copperfield war. Kindheit und Jugend leben für uns Alle von Neuem in seinen wunderbaren Knabenerfahrungen. Mr. Micawber's Anwesenheit darf mich nicht verhindern zu sagen, daß Copperfield, in Bezug auf humoristische Schöpfungen, den anderen Romanen nicht voransteht; aber in der Benutzung des Humors, um das Lächerliche in allen Dingen oder Vorfällen zur Anschauung zu bringen, ohne seine bezauberndste Empfindung auszuschließen oder zu schwächen, steht er entschieden in erster Reihe. Er zeigt die höchste Vollendung englischer Heiterkeit. Wir sind geneigt, die Darstellung von zu viel Güte übel aufzunehmen, aber hier ist sie so gemäßigt durch Seltsamkeiten, daß sie nicht bloß schmackhaft, sondern anziehend wird, und selbst das Pathos wird erhöht durch das, wodurch es in andern Händen nur komisch werden würde. Daß das Buch auch seine Fehler hat, ist gewiß, aber keine, die mit den meisterhaftesten Eigenschaften unverträglich sind; und ein Buch wird unsterblich nicht durch den Umstand, daß keine Fehler darin sind, sondern dadurch, daß trotzalledem Genie darin ist.

Ueber seine Methode und die Methode seines Verfassers im Allgemeinen, hinsichtlich der Zeichnung der Charaktere, wird in einem späteren Kapitel die Rede sein. Des Verfassers eigne Lieblingspersonen in »Copperfield« waren die zu der Gruppe der Peggottys gehörenden; und vielleicht hatte er damit nicht ganz unrecht. Es ist ihr Schicksal, wie das aller Hauptgestalten seiner Phantasie, gewesen, ihre Namen auf die Sprache zu übertragen und typisch zu werden und er hat nirgends jene Reinheit einfacher Herzensgüte, welche durch den freundlichen und allversöhnenden Einfluß des Humors die plumpsten Formen der Menschheit zur Anmuth, ja zur Größe veredeln kann, auf glücklichere Weise verkörpert. Was als Hauptreiz in dem Styl des Buches angedeutet wurde, wird hier am lebhaftesten empfunden. Das Lächerliche fördert das Pathos so, und der Humor erhebt und veredelt die Empfindung so, daß bloße rauhe Neigung und einfache Männlichkeit bei den Bootsleuten von Yarmouth, geläutert durch das Feuer unverdienter Leiden und heroischer Ausdauer, halb ritterliche, halb erhabene Formen annehmen. Es gehört zu dem Gewäsch kritischer Ueberlegenheit, wegwerfende Bemerkungen zu machen über die ernsten Stellen in diesem großen Schriftsteller; aber der Sturm und der Schiffbruch am Schlusse »Copperfield's«, wo der Leichnam des Verführers todt in die Trümmer des Hauses geschleudert wird, das er verödet, und an die Seite des Mannes, dessen Herz er gebrochen hat, während der Eine ebenso wenig weiß, was ihm mißlungen war zu erreichen, als der Andre, was er durch seinen Untergang gerettet, ist eine Beschreibung, die sich den ergreifendsten Schilderungen in unsrer Sprache vergleichen kann. Es werden andre Personen in diese Katastrophe hineingezogen, die in Bezug auf Natürlichkeit der Darstellung zu den mißlungenen Theilen des Romans gehören. Aber obgleich Miß Dartle eigenthümlich unangenehm ist, so hat doch auch sie (wie Dickens' am wenigsten natürliche Charaktere überhaupt) einige echt natürliche Züge, und ihre Eigenthümlichkeit, nie etwas grade heraus zu sagen, sondern es bloß anzudeuten und so mehr daraus zu machen, entlehnte er von einer ihm sehr wohl bekannten, befreundeten Dame. Was Mrs. Steerforth betrifft, so verdient es Erwähnung, daß Thackeray eine Art Zuneigung für sie fühlte. »Ich wußte, wie es kommen würde, als ich zu lesen anfing,« sagt er in einem ganz von ihm selbst handelnden Briefe, den er gleich nach Mrs. Steerforth's Auftreten in dem Romane schrieb. »Meine Briefe an meine Mutter sind grade so; aber sie hat sie gern, grade wie Mrs. Steerforth; gefällt Mrs. Steerforth Ihnen nicht?«

In einer andern Gruppe finden wir eine andere ältliche Dame, die man ohne jeden Schatten von Verdacht lieben kann: rauh, eckig, überspannt, aber die Großmuth und Rechtschaffenheit selbst, ein in allen seinen Theilen gründlich durchgeführter Charakter, ein knorriges Stück weibliches Holz, gesund bis in's Mark, eine Frau, welche Kapitän Shandy wegen ihrer auffallenden Wunderlichkeiten geliebt haben würde und die doch durch vollkommene Weiblichkeit den zartesten ihres Geschlechts angehört. Dickens hat an durchgreifender Echtheit und Wahrheit nichts Besseres geschaffen als Betsey Trotwood. Es ist eine ihrer Wunderlichkeiten, einen Narren zum Gefährten zu haben, aber es ist auch eine Wunderlichkeit, in welcher die größte Angemessenheit und Weisheit liegt. Durch eine in »Wilhelm Meister« hingeworfene Zeile: daß die wahre und zugleich vollkommen mögliche Art, Wahnsinnige zu behandeln, darin bestehe, mit ihnen zu verfahren, als ob sie gesund wären, anticipirte Goethe ein Mittel gegen das furchtbarste Leiden der Menschheit, das erst ein Jahrhundert später zur Anwendung gebracht wurde; und was Mrs. Trotwood für Mr. Dick thut, geht noch einen Schritt weiter, indem es zeigt, wie oft man ohne Irrenhäuser fertig werden und wie groß die Zahl schwachsinniger Menschen sein könnte, die sich, mit einiger Geduld, in ihren eigenen Häusern behandeln ließen. Andere, sowohl durch Wahrheit als durch Wunderlichkeit kaum weniger bemerkenswerthe Charaktere sind die freundliche alte Pflegefrau und ihr Mann, der Fuhrmann, dessen Erlebnisse von Liebe wie von Sterblichkeit zusammengedrängt sind in die drei seitdem in die allgemeine Verkehrssprache übergegangenen Worte: ›Barkis ist bereit‹. In der Verwandlung des brutalen Schulmeisters der früheren Kapitel in die milde Obrigkeitsperson von Middlesex am Schlusse liegt eine gesunde und sehr wirksame Satire. Auch begegnet man nirgends einem feineren Humor, als bei dem provinziellen Leichenbesorger, der die Kürze seines Athems durch die Fülle seines Herzens ersetzt und so wenig von dem Vampyrhange des städtischen Leichenbesorgers in »Chuzzlewit« hat, daß er sich nicht einmal nach kranken Freunden erkundigen mag, aus Furcht vor unfreundlicher Deutung. Nach Hazlitt liegt der Prüfstein eines schaffenden Meisters auf dem Gebiete des Romans weniger in der Gegenüberstellung von Charakteren, die einander ungleich, als in der Unterscheidung solcher, die einander gleich sind, und vielen andern Beispielen von Dickens' Kunst, wie dem Schäfer und Chadband, Creakle und Squeers, Charley Bates und dem Dodger, den Guppy's und den Wemmick's, Mr. Jaggers und Mr. Vholes, Sampson Braß und Conversation Kenge, Jack Bunsby, Kapitän Cuttle und Bill Barley, den Perker's und Pell's, den Dodson's und Fog's, Sarah Gamp und Betsy Prig und einem Haufen anderer, muß die Feinheit der Unterscheidung zwischen jenen angesehenen Leichenbesorgern, Mr. Mould und den Herren Omer und Joram, hinzugefügt werden. Die ganze den Roman durchdringende Mischung von Heiterkeit und Trauer wird geschickt in die Behandlung dieses Theils desselben aufgenommen, und unter Heirathswerbungen und Vorbereitungen zu Hochzeiten und dem Läuten der Kirchenglocken zur Taufe hört man das beständige Rat-tat des Hammers auf dem Sarge.

Von den Heldinnen, welche die lebhafte, leicht gelenkte, nicht treulose, aber arg verwirrte Neigung des Helden theilen, ist die verzogene Thorheit und Zärtlichkeit der liebenden kleinen kindlichen Frau Dora anziehender, als die zu unfehlbare Weisheit und selbstaufopfernde Güte der engelgleichen Frau Agnes. Die Scenen, welche die Liebeswerbung und den Haushalt darstellen, sind unvergleichlich, und die Einblicke in Doktors-Commons, welche jene Ansichten Mr. Spenlow's über die Eitelkeit der menschlichen Erwartungen und die Inkonsequenz seiner Handlungsweise, wenn er es vernachlässigte ein Testament zu machen, einleiten (– Ansichten, über die er an dem Tage, wo er, ohne ein Testament gemacht zu haben, stirbt, ausführlich moralisirt), bilden einen höchst angemessenen Hintergrund zu David's häuslichem Leben. Dies gehörte unter die in den Roman aufgenommenen persönlichen Erlebnisse; aber eine traurigere Erkenntniß stellte sich einige Jahre später mit der Ueberzeugung ein, daß David's Vergleiche, während der ersten Zeit seines ehelichen Lebens, zwischen dem Glück, das er genoß, und dem Glück, das er einst erwartete, »der unbestimmte unglückliche Verlust oder Mangel von Etwas,« worüber er so oft klagte, auch eine persönliche Erfahrung abspiegelten, die in der Wirklichkeit nicht so erfolgreich ersetzt wurde als in der Dichtung. Schließlich sei noch erwähnt, daß »David Copperfield« das letzte Werk von Dickens war, das er in Devonshire Terrace schrieb. Auf der nächsten Seite geben wir ein Bild des Hauses, wo so viele seiner Meisterwerke entstanden, nach einer Zeichnung von Maclise, welche dieser an dem ersten Geburtstage von Dickens' ältester Tochter (29. Oktober 1840) entwarf.

Devonshire Terrace

»Bleak House« folgte »Copperfield« und ahmte diesem, mit Bezug auf die autobiographische Form der Auszüge aus der persönlichen Erzählung seiner Heldin, einigermaßen nach. Aber der Unterschied zwischen der Erzählung David's und dem Tagebuche Esther's bezeichnet, ebenso wie der zwischen Micawber und Skimpole, die Ueberlegenheit des ersteren Werkes über seinen Nachfolger. Eine Erzählerin vorzuführen, welche Sitten, Beweggründe und Charaktere mit der staunenswerthesten Lebendigkeit darstellt, und die man doch für kunstlos unbewußt dabei halten soll, grade wie sie auch von ihren eigenen guten Eigenschaften, die sie naiv in ihrer Erzählung enthüllt, nichts weiß, war ein schwieriges Unternehmen, mißlich in jedem Falle, des Erfolges nicht werth, und hier jedenfalls nicht erfolgreich. Es kommt mehr Scharfsinn dabei zum Vorschein als Frische, die Erfindung ist weder leicht noch zwanglos, und obgleich die alte wunderbare Macht über das Wirkliche wieder reichlich offenbar wird, fehlt es doch nicht an einer künstlichen Beimischung. Auch kann dies nicht von Esther's Erzählung gesagt werden, ohne eine allgemeinere Anwendung auf das Buch, von welchem jene einen so großen Theil ausmacht. Nichtsdestoweniger ist der Roman, in Bezug auf den äußerst wichtigen Punkt der Anlage, wohl das Beste was Dickens geschrieben hat.

In seinen späteren Schriften hatte er dies wesentliche Element seiner Kunst fleißig ausgebildet, und hier brachte er es beinahe zur Vollkommenheit. Der Tendenz einer stückweisen Abfassung eines Romans, größere Sorgfalt in Bezug auf die Theile hervorzurufen als in Bezug auf das Ganze, war er sich immer bewußt gewesen; aber ich erinnere mich auch einer Bemerkung von ihm des Inhalts, daß das Lesen eines Romans in Theilen nicht minder die Tendenz habe zu verhindern, daß der Leser wahrnehme, wie vollständig ein auf solche Weise dargebotenes Werk geeignet sein könne, als Ganzes durchgelesen zu werden. Man blicke von der letzten auf die erste Seite des vorliegenden Romans zurück, und selbst in den höchsten Beispielen dieser Art sorgfältiger Ausarbeitung wird man nicht finden, daß ein Ereigniß folgerichtiger aus dem andern hervorgeht, oder daß die einzelnen Vorgänge mit einer berechnenderen Rücksicht auf den Einfluß angelegt sind, den sie auf das allgemeine Resultat ausüben. Nichts wird auf's Gerathewohl vorgebracht, Alles trägt zu der Katastrophe bei, die verschiedenen Linien des Planes laufen nach dem Mittelpunkt zusammen, und alles Andere wird unwiderstehlich auf das Hauptinteresse hingelenkt. Das Herz der Geschichte ist ein Proceß in dem Kanzleigerichtshof. Um diesen dreht sich der Plan, und Leidenschaft und Leiden entspringen ausschließlich aus den damit zusammenhängenden wichtigen oder unwichtigen Ereignissen. Zufällige anscheinend bedeutungslose Worte oder Handlungen zufälliger Personen beeinflussen überall den Gang einer Reihe von Begebenheiten, deren Ausgang Leben oder Tod, Glück oder Elend ist für Männer und Frauen, welche sie nicht kennen und denen sie selbst unbekannt sind. Advokaten aller möglichen Grade, Advokatenschreiber jeder erdenklichen Art, der Copist, der Gerichtsmaterialienhändler, der Wucherer, sämmtliche Sorten von Geldverleihern, Beschwerdeführende jeder Art, Habitués des Kanzleigerichtshofs und deren Opfer bewegen sich ohne Ende um das Leben der Hauptpersonen des Romans und ziehen sie unvermerkt, aber sicher, dem Ausgang zu, der sie erwartet. Selbst die Anfälle der Magd des kleinen Gerichtsmaterialienhändlers befördern unmittelbar die Entwickelung der kleinen Dinge, welche mittelbar Lady Dedlock's Tod herbeiführen. Eine starke Kette des Interesses hält Chesney Wold und dessen Insassen, Bleak House und die Gruppe der Jarndyce, den Kanzleigerichtshof mit seiner traurigen und schmutzigen Nachbarschaft zusammen. Die Charaktere vervielfältigen sich mit dem Fortschritt der Erzählung, aber das Ziel ist bei allen dasselbe. »Ist kein großer Unterschied zwischen meinem hochgelahrten Bruder und mir,« sagt der groteske Eigenthümer des Flaschen- und Lumpenladens unter der Mauer von Lincolns-Inn; »sie nennen mich Lordkanzler und meinen Laden Kanzleigerichtshof, und wir Beide wühlen umher im Schlamme.« Edax rerum das Motto Beider, aber mit einem Unterschiede. Aus dem Gerümpel des Ladens tauchen langsam Bruchstücke von Thatsachen auf, durch welche die Hauptpersonen des Romans wesentlich beeinflußt werden und denen der Kanzleigerichtshof selbst hätte unterliegen können, wäre seine verschlingende Fähigkeit weniger vollständig gewesen. Aber zu der Zeit, als in dem Gerümpel das Testament gefunden wird, das den ganzen Proceß Jarndyce in Ordnung bringt, findet sich, daß es zu spät ist, irgend etwas in Ordnung zu bringen. Die Kosten haben die Substanz verschlungen, und damit ist die Sache erledigt.

Was aber in einem Sinne ein Verdienst ist, kann in anderm ein Mangel sein, und dies Buch hat grade durch die Vollständigkeit gelitten, mit welcher seine Kanzleimoral ausgearbeitet ist. Das lehrhafte Element in Dickens' früheren Romanen gewann seine Stärke dadurch, daß es nur beiläufig mit Interessen von höherer und dauernderer Art in Zusammenhang gebracht wurde, und in nicht geringem Maaße auch durch das heitre Spiel der Phantasie, welches seine ernsteren Darstellungen aufhellte. Hier ist es von zu unvermischt und alldurchdringend ernsterem Stoffe. Der in dem Eröffnungskapitel so wunderbar gemalte Nebel hat sich kaum verzogen, als in dem Proceß Jarndyce versus Jarndyce eine Atmosphäre aufsteigt, in der sich eben so schlecht athmen läßt, und von da bis an's Ende haftet sie den Leuten der Geschichte, wie sie kommen und gehen, als trüber Nebel oder schwere Wolke an und ist selten abwesend. Dickens selbst hat erklärt, es sei seine Absicht gewesen, bei der romantischen Seite bekannter Dinge zu verweilen. Aber es ist die Romantik der Unzufriedenheit und des Elends, mit einer sehr rastlosen unbefriedigten Moral, und sie wird zu sehr herbeigeführt durch unangenehme und schmutzige Einflüsse. Die Guppy's, Weevle's, Snagsby's, Chadband's, Krook's und Smallweed's, selbst die Kenge's, Vhole's und Tulkinghorn's sind viel zu wirklich, um angenehm zu sein; und die Nothwendigkeit von Gegensätzen und Gegenwirkungen einer schöneren Menschlichkeit wird dringend empfunden. Es fehlt an diesen nicht; dennoch muß gesagt werden, daß wir selbst mit ihnen kaum in die alte Freiheit und Frische der Phantasiewelten des Autors entrinnen, und daß die zu bewußte Unbewußtheit Esther's sogar auf die stralende Güte John Jarndyce's etwas wie einen Schatten wirft. Nichtsdestoweniger enthält der Roman schöne Charakterzeichnungen. Die schwachsinnige kleine Kanzlei-Irre, Miß Flite; das lautstimmige, zartfühlende Kanzlei-Opfer, Gridley; der arme, gutherzige, junge Mann Richard, dessen Leben und Charakter durch die Hinschleppung des Kanzleiprocesses, dessen Erfolg ihm den Weg in die Welt öffnen soll, gebrochen werden, der meint, er spare Geld, wenn er verhindert wird, es zu verschwenden und denkt, weil er es gespart habe sei er berechtigt, es fortzuschleudern; Reitersmann George nebst den Bagnets und ihrem Haushalt, wo die lächerlichsten Dinge größern Eindruck hervorbringen durch die pathetischen Züge, welche ihnen zu Grunde liegen; das Familienleben der Jellyby's und dessen philanthropische, starkgeistige Herrin, ruhig und lächelnd inmitten eines Haushalts, der den Kanzleigerichtshof selbst an Verworrenheit überbietet; jenes Muster von Haltung, Turveydrop der Aeltere, dessen Beziehungen zu den jungen Leuten, die er so prächtig patronisirt, während er in allen Dingen auf ihren Beistand angewiesen ist, ebenso seine als wahre Beobachtungen hervortreten lassen; der unerforschliche Tulkinghorn und der unsterbliche Bucket – diese alle, und ganz besonders die letzten, sind durch dieses Buch der Liste der Personen hinzugefügt worden, mit denen wir genauer und dauernder bekannt sind, als mit der Menge wirklicher vertrauter Bekannten, die wir um uns her leben und sterben sehen.

Aber wie kennen wir sie? Viele wollen uns glauben machen: es sei mehr durch die Lebhaftigkeit äußerer Beobachtung, als durch die Tiefe phantasievoller Einsicht, mehr durch Kunstgriffe der Manier und des Ausdrucks, als durch die Wahrheit der Charakterschilderung, mehr durch äußerliche Darstellung als durch das, was dahinter liegt. Es wird sich uns eine andere Gelegenheit zu einigen Bemerkungen über diese Art von Kritik darbieten, eine Kritik, deren besonderer Stolz es immer gewesen ist, die spitzfindigen Verschiedenheiten ihrer Ansichten von dem geltend zu machen, was die Welt geneigt gewesen ist zu bewundern. »In meines Vaters Bibliothek,« schrieb Landor an Southey's Tochter Edith, »war die ›Critical Review‹ von ihrem ersten Erscheinen an; und sie würde mich gelehrt haben, hätte ich mich selbst schon in einem sehr frühen Lebensalter nicht besser lehren können, daß Fielding, Sterne und Goldsmith im Grunde nichts werth seien.« Diese Art von Kritik wird nie ohne Vertreter sein, und wie häufig sie gegen Dickens angewandt wurde, wird sich später zeigen. Aber wenn wir von einem Buche sprechen, in dem zuerst ein Mangel der ganzen Frische seines Genies offenbar wurde, würde es unrecht sein, nicht auch hinzuzufügen, daß seine Methode der Charakterdarstellung in den bessern Theilen mit ebenso großer Kraft zum Vorschein kommt, als in seinen besten Schriften. Es ist schwer zu sagen, wann eine Eigenthümlichkeit zu grotesk, oder eine Ausgelassenheit zu possenhaft wird, um innerhalb der Grenzen der Kunst zu bleiben; denn es ist sowohl in Bezug hierauf als in Bezug auf ernstere Dinge wahr, daß sie in der Welt in ganz denselben Verhältnissen und demselben Grade vorhanden sind, in welchen das Genie sie entdecken kann. Aber kein Mensch besaß je eine so überraschende Fähigkeit wie Dickens, selbst das zu werden, was er darstellte, und unter den verschiedensten Lebensverhältnissen so vollkommen in geistige Phasen und Entwickelungen einzugehen, daß er sie, ohne eines erklärenden Wortes zu bedürfen, im Dialog vollständig reproducirte. Nur einmal wich er von dieser Methode ab, mit einem Resultat, von welchem später die Rede sein wird. Als wir bei einer früheren Gelegenheit von dem erstaunlichen Eindruck von Wirklichkeit sprachen, den er hervorbringe, wurde bemerkt, daß, wo die Charaktere sich so selbst enthüllten, die Arbeit des Autors an ihnen gethan sei; und in dem vorliegenden Buche ist keiner, auch die am wenigsten anziehendsten, die anscheinend nur hervorstechende oder auffallende Eigenschaften darstellen, nicht ausgenommen, bei dem man nicht finden wird, daß der darin verkörperte eigenthümliche Charakterzug, oder die darin personificirte Hauptidee, nicht auch ebenso gewiß eine allgemein anwendbare menschliche Wahrheit enthält. Seine Schöpfungen zu erklären oder zu erörtern, sie psychologisch offen zu legen, ihre Organismen zu analysiren, ihre Fasern und sonstigen Gewebe einer genauen Darstellung zu unterwerfen, war durchaus nicht Dickens' Sache. Sein Genie war sein Gemeingefühl mit seinem Geschlecht; seine bloße Persönlichkeit war nie die Grenze seiner Vorstellungen, so stark sie dieselben auch mitunter färben mochte; er hielt sich nie damit auf, seine Arbeit anatomisch zu seciren; aber Niemand verstand es besser, die äußern und sichtbaren Sonderbarkeiten eines Charakters seiner innern und unveränderlichen Wahrheit anzupassen. Die allgemeinen Urtheile, welche wir uns über Charaktere bilden, sind, wenn wir nur einige Schärfe der Auffassung besitzen, im Ganzen richtig; aber die Menschen wirken auch durch die Berührung ihrer Extreme auf einander ein und sehr oft kann es nothwendigerweise das Hauptgeschäft eines Novellisten werden, bloß die hervorspringenden Punkte und die scharfen Winkel zu Tage treten zu lassen.

Die pathetischen Theile von »Bleak House« leben nicht stark in der Erinnerung, aber der Tod Richard's und der Tod Gridley's, die schwärmenden Phantasieen Miß Flite's und die äußerst rührende Art, wie die gentlemännische Natur des pomphaften alten Baronet Dedlock sich unter Leiden behauptet, nehmen als schriftstellerische Leistungen einen hohen Rang ein. Ein andres höchst rührendes Beispiel, das an der Spitze der übrigen steht, ist der arme Straßenfeger Jo, der wohl einen eben so tiefen Eindruck hervorgebracht hat als irgend etwas Anderes in Dickens. »Wir haben »Bleak House« laut gelesen,« schrieb mir der gute Dekan Ramsay ganz kurz vor seinem Tode. »Gewiß ist es eins seiner talentvollsten und erfolgreichsten Werke! Was für ein Triumph ist Jo! Wir haben hier eine ungebildete Natur mit Andeutungen wahrer und tiefer Gefühle, mit der Ahnung eines höheren Gefühls, aber doch Alles folgerichtig und in Harmonie. Wunderbar ist das Genie, welches dies Alles zeigen und es dabei wirklich innerhalb der Grenzen des Charakters halten kann, so niedrig oder gewöhnlich dieser auch ist, und keine krankhafte oder falsche Färbung dabei gebraucht. Meiner Ansicht nach gibt es auf dem Gebiete des Romans nichts in der englischen Literatur, was den Tod Jo's übertrifft.« Was bei und nach der Todtenschau vorfällt, ist eben so sehr der Erinnerung werth. Jo's Zeugen-Aussage wird zurückgewiesen, weil er nicht genau erklären kann, was ihm nach seinem Tode widerfahren wird, falls er eine Lüge sagt; aber es gelingt ihm nachher sehr genau zu erklären, was der Verstorbene ihm that, während er lebte. Daß in einer kalten Winternacht, als er in einem Thürwege, nahe bei seinem Straßenübergang, vor Kälte zitterte, ein Mann sich nach ihm umdrehte und zurück kam und sagte, nachdem er ihn befragt und gehört, daß er keinen Freund in der Welt habe: »Auch ich habe keinen, nicht einen!« und ihm Geld für ein Abendessen und ein Nachtquartier gab; daß der Mann seitdem oft mit ihm gesprochen und ihn gefragt habe, ob er des Nachts schlafe und wie er Kälte und Hunger ertrage, oder ob er je zu sterben wünsche, und im Vorbeigehen bemerkt habe: »Ich bin heute so arm als Du, Jo!« wenn er kein Geld hatte, aber wenn er etwas hatte, ihm immer welches gegeben. »Er war sehr gut zu mir,« sagt der Junge, indem er sich die Augen mit seinem zerrissenen Aermel wischt. »Wenn ich ihn nun so da ausgestreckt liegen seh', möcht' ich, er könnte hören, daß ich ihm dies sage. Er war sehr gut zu mir, sehr gut.« Nachdem die Todtenschau vorüber ist, wird der Körper in einen pestathmenden Kirchhof in der nächsten Straße geworfen, den auf beiden Seiten Häuser überblicken, und zu dessen eisernem Thore ein dumpfiger kleiner Tunnel von einem Hofe hinführt. »Bei Anbruch der Nacht kommt eine schlotternde Gestalt durch den Tunnelhof auf das eiserne Thor zu. Sie hält das Thor mit den Händen und blickt durch die Eisenstäbe hindurch, steht da und blickt eine Weile hinein. Dann fegt sie mit einem alten Besen, den sie trägt, leise die Stufen und fegt den Eingang rein. Sie thut dies sehr geschäftig und nett, blickt wieder eine Weile hinein und entfernt sich dann;« das gehört zu den Sachen in Dickens, die nicht vergessen werden können; und hätte »Bleak House« noch viel mehr Fehler als man darin gefunden hat, solches Salz und solcher Geschmack werden es für einige Generationen frisch erhalten.

Dickens' erste Absicht war, Jo in dem Roman eine hervorragendere Rolle spielen zu lassen, und sein frühester Titel war von den unter dem Kanzleigerichtshof stehenden verfallenden Miethwohnungen »Tom-all-Alone« hergenommen, wo Jo seine elende Wohnung findet; aber dies wurde aufgegeben. Andrerseits wurde Dickens in seiner Absicht, die Mißbräuche und Verschleppungen des Kanzleigerichtshofs anzugreifen, ermuthigt und bestärkt, indem er wenige Tage vor dem Erscheinen seines ersten Heftes eine merkwürdige Brochüre über diesen Gegenstand empfing, welche so zweckentsprechende Details enthielt, daß er, ohne in irgend einem wesentlichen Punkte etwas zu ändern, den denkwürdigen Fall daraus entnahm, den er in seinem fünfzehnten Kapitel erzählte. Wer die Brochüre Von W. H. Challinor in Leek, in Staffordshire, der die Freundlichkeit hatte, sie mir, nebst einer Abschrift von Dickens' Brief, worin dieser dem Verfasser den Empfang (11. März 1852) anzeigt, zu überschicken. Am 1. März 1852 war das erste Heft von Bleak House erschienen; aber zwei Hefte waren damals bereits geschrieben. liest, kann sich überzeugen, wie genau wahr Dickens' Hinweis auf dieselbe in dem Vorworte ist. »Die Geschichte Gridley's entspricht, ohne wesentliche Abänderung, einer wirklichen Begebenheit, welche durch eine mit dem ganzen abscheulichen Unrecht von Anfang bis zu Ende professionell bekannte unparteiische Person veröffentlicht wurde.« Der Proceß, der in allen seinen Einzelnheiten mitgetheilt wird, bezog sich auf ein Pachtgut von einem Werthe von nicht mehr als 1200 Pfd. St., aber es war Alles, was der Eigenthümer in der Welt hatte, und gegen dies Pachtgut war eine Klage auf ein Vermächtniß von 300 Pfd. St. anhängig gemacht, welches in dem das Gut vermachenden Testamente ausgesetzt war. In Wahrheit war nur ein Beklagter da, aber in der Klageschrift waren kraft eines Erlasses des Gerichtshofes siebenzehn; und nachdem zwei Jahre über dem Vernehmen der siebenzehn Antworten hingegangen waren, mußte Alles noch einmal wieder von vorne anfangen, weil zufällig eine achtzehnte ausgelassen worden war. »Welch' ein Hohn auf die Gerechtigkeit dies ist,« sagt Mr. Challinor, »thun die Thatsachen genügend dar, und für ihre Richtigkeit kann ich mich persönlich verbürgen. Die in Bezug auf dies Vermächtniß von 300 Pfd. St. bereits getragenen Kosten belaufen sich auf nicht weniger als 8–900 Pfd. St. und die streitenden Parteien sind dadurch nicht weiter gekommen. Schon fast fünf Jahre sind verflossen und der Kläger würde mit Freuden seine Aussicht auf das Vermächtniß fahren lassen, könnte er dadurch seiner Haftbarkeit für die Kosten entgehen, während die Beklagten, denen das kleine von dem Erblasser vermachte Pachtgut gehört, kaum eine andere Aussicht vor sich haben, als völlige Verarmung.«

 

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