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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 12
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Die zweite Reihe von Vorlesungen.
1861–1863.

Am Ende des ersten Jahres seines Aufenthaltes in Gadshill bemerkte Dickens, daß nichts ihn so sehr erfreut habe, als das Vertrauen, womit seine ärmeren Nachbarn ihn behandelt hatten. Er hatte ihren Werth und ihr gutes Benehmen im Allgemeinen erprobt und sie hatten sich ermuthigt gefühlt, sich in Krankheit oder Noth um Hülfe an ihn zu wenden. Die so erweckte Empfindung machte sich auf angenehme Weise bemerkbar, als im Sommer 1860 seine jüngere Tochter Kate sich mit Charles Alston Collins verheirathete, dem Bruder des Novellisten, und dem jüngern Sohn des Malers und Akademikers, der, hätte er jene Sommer-Morgenscene noch erlebt, in mancher ländlichen Gruppe bei Gadshill Gegenstände hätte finden können, welche seines ergötzlichen Pinsels nicht unwürdig waren. Sämmtliche Dorfbewohner waren zu Ehren Dickens' ausgezogen und die Wagen konnten, bei der Aufeinanderfolge von Triumphbogen, die sie zu durchfahren hatten, kaum nach der kleinen Kirche und von dort wieder zurück kommen. Es war ihm ganz unerwartet, und ich zweifle, ob der scheueste der Menschen je mehr durch eine Ovation überrascht wurde, als in dem Augenblicke, wo auf der Rückfahrt das feu de joie des Schmiedes in der Gasse, dessen Begeisterung ein paar kleine Kanonen in die Schmiede geschmuggelt hatte, auf ihn losbrach.

Wenn ich die Hauptpersonen nenne, welche an jenem Tage zugegen waren, so werden damit die Gestalten derer angedeutet werden, die (außer Miß Mary Boyle, Miß Marguerite Power, Mr. Fechter, Mr. Charles Kent, Mr. Edmund Yates, Mr. Percy Fitzgerald und den Mitgliedern der Familie Mr. Frank Stones', dessen plötzlicher Tod »Es wird Dich schmerzen,« schrieb er Sonnabend 9. November 1859, »von dem armen Stone zu hören.. Am Sonntage war er nicht wohl. Am Montage ging er zu Dr. Todd, der ihm sagte, er leide an Pulsadergeschwulst des Herzens. Am Dienstag ging er zu Dr. Walsh, der ihm sagte, er leide nicht daran. Am Mittwoch traf ich ihn in einer Droschke, hier im Square, und er stieg aus, um mit mir zu sprechen. Ich ging mit ihm in langsamem Schneckengang einige Zeit umher und heiterte ihn auf, aber als ich nach Hause kam, sagte ich ihnen, er komme mir sehr verändert vor und ich halte seinen Zustand für gefährlich. Gestern um zwei Uhr starb er am Herzkrampf. Ich werde nach Highgate hinauf gehen, um ihm ein Grab auszusuchen.« in dem vorhergehenden Jahre ein großer Schmerz für Dickens gewesen war) während dieser späteren Jahre am häufigsten in Gadshill gesehen wurden. Friedrich Lehmann war dort mit seiner Frau, deren Schwester, Miß Chambers, eine der Brautjungfern war; Mr. und Mrs. Wills waren da und Dickens' alter treuer Freund, Thomas Beard. Die zwei nächsten Nachbarn, mit welchen die Familie sehr vertraut geworden war, Mr. Hulkes und Mr. Malleson, nebst ihren Frauen, schlossen sich der Gesellschaft an; unter den übrigen befanden sich Henry Chorley, Chauncy Townshend und Wilkie Collins, und als besondern Freund für diese Gelegenheit hatte der Bräutigam seinen alten Mitstudenten der Kunst, Holman Hunt, mitgebracht. Charles Collins selbst war zum Maler erzogen worden und besaß einige seltene Gaben, um sich in dieser Kunst auszuzeichnen; aber Neigung und Talent führten ihn auch zur Literatur, und nach langem Schwanken zwischen beiden Berufskreisen entschied er sich endlich für die Literatur. Seine Beiträge zu All the Year Round gehörten zu den anziehendsten kleineren Artikeln dieser Zeitschrift, und zwei selbständig veröffentlichte Romane zeigten, daß es ihm auch für höhere Flüge nicht an Schwingen fehlte. Aber seine Gesundheit brach zusammen und sein Geschmack war zu schwer zu befriedigen für seine schwindende Kraft. Es ist jedoch möglich, daß er durch zwei kleine beschreibende Bücher fortleben mag: die Neue Sentimentale Reise und das Umherkreuzen auf Rädern, die einen ungewöhnlich zarten und feinen Humor offenbaren, und wenn diese Bände Leser einer späteren Generation in Bezug auf den Verfasser neugierig machen sollten, so werden sie erfahren, wenn ihnen auf ihre Erkundigungen eine richtige Antwort gegeben wird, daß Niemand so viele gerechtfertigte Hoffnungen durch so geringe eigene Schuld oder Vernachlässigung enttäuschte, wie er, daß seine Schwierigkeit immer darin bestand. sich selbst Genüge zu thun und daß ein untergeordneter Geist in den beiden Künsten, denen er folgte, erfolgreicher gewesen sein würde. Er starb 1873, in seinem fünfundvierzigsten Jahre, und bis dahin hatten selbst die ihm am nächsten Stehenden nicht gewußt, wie groß die Leiden gewesen sein mußten, die er, viele schwere Jahre hindurch, mit klagloser Geduld ertragen hatte.

Die Heirath seiner Tochter war das Hauptereigniß, welches den ruhigen Gang von Dickens' Leben seit dem Schluß der ersten bezahlten Vorlesungen unterbrochen hatte. Ihm folgte der Verkauf von Tavistock-House, mit dem Entschluß, Gadshill zu seiner künftigen Heimat zu machen. In der kurzen Zwischenzeit (29. Juli) schrieb er mir über seines Bruders Alfred Tod. »Man rief mich Freitag Abend durch ein Telegramm nach Manchester. Ich kam dort an ein Viertel nach Zehn, aber er war schon drei Stunden todt, der Arme! Er soll am Mittwoch in Highgate begraben werden. Ich habe die junge Wittwe gestern mit mir zurückgebracht.« Alles was dieser Tod mit sich brachte, die Unruhen bei seiner Wohnungsveränderung und Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung seines Romans gaben ihm mehr als hinreichende Beschäftigung bis zum nächsten Frühling, Er arbeitete damals eifrig an seinem Roman, und ein Billet, das er mir nach dem Begräbniß aus Gadshill schrieb, zeigt, was sein Beruf so häufig mit sich brachte: die harten Bedingungen, unter welchen traurige Ereignisse und deren Ansprüche auf seine Hülfe oft an ihn herantraten. »Morgen muß ich gegen Zeit und Flut und Alles sonst arbeiten, um eine für mich offen gehaltene Nummer auszufüllen, deren stereotypirte Platten am Freitag nach Amerika abgehen müssen. Aber auch die Untersuchung der Verhältnisse des armen Alfred, die Nothwendigkeit, die Wittwe und die Kinder irgendwo unterzubringen, die Schwierigkeit, das zu finden, was am Besten für sie ist, und mein eigenes lebhaft gefühltes Bedürfniß, so gesammelt und gefaßt zu sein als möglich und doch die Gelegenheit zur Erfüllung dieser Pflicht nicht zu versäumen oder hinauszuschieben – würden mich unter allen Umständen zum Ausruhen hierher zurückgeführt haben.« und als die Zeit für die neuen Vorlesungen herankam, war ihm die Abwechslung nicht unwillkommen.

Der erste Theil dieser zweiten Serie war durch Arthur Smith angeordnet, doch leitete dieser nur die sechs Vorlesungen, welche dieselbe eröffneten. Es waren die ersten Vorlesungen in St. James' Hall (St. Martin's Hall war inzwischen verbrannt) und sie wurden gehalten im März und April 1861. »Wir Alle befinden uns hier auf's Beste«, schrieb er mir am 28. April aus Gadshill. »Am 18. beendete ich meinem Plane gemäß die Vorlesungen. Wir hatten von den Sperrsitzen allein zwischen siebzig und achtzig Pfund St., was, den Sitz zu vier Schilling, in diesen Zeiten etwas ganz Unerhörtes ist. – Das Resultat der sechs Vorlesungen war, daß ich, nach Bezahlung einer großen Anzahl von Leuten und aller andern Kosten und Arthur Smith's zehn Procent von den Einnahmen und nach der Wiederherstellung Alles dessen, was in dem Feuer in St. Martin's Hall verbrannt war (mit Einschluß aller unserer Billete, unsres Gepäcks für die Reisen auf dem Lande, der Wechselkosten, Bücher und einer Menge Gasapparate und was sonst noch), mehr als 500 Pfd. St. einnahm. Ein sehr bedeutendes Resultat. Wir hätten ohne Frage die ganze Saison hindurch arbeiten können, aber ich bin herzlich froh, daß ich mich auf meinen Roman concentrirt habe.«

Es war ein Theil seines Planes gewesen, daß die Vorlesungen in den Provinzen nicht anfangen sollten, ehe eine gewisse Zeit nach dem Abschluß des Romans Große Erwartungen verflossen sei. Sie wurden demgemäß bis zum 28. Oktober verzögert, an welchem Tage sie in Norwich eröffnet wurden, worauf sie mit den sogleich zu erwähnenden Weihnachtsunterbrechungen fortgingen bis zum 30. Januar 1862, als sie in Chester schlossen. Auf England und Schottland beschränkt, umfaßten sie die Grenzstadt Berwick und, abgesehen von den schottischen Städten, die Gegensätze und Abwechslungen von Norwich und Lancaster, Bury St. Edmunds und Cheltenham, Carlisle und Hastings, Plymouth und Birmingham, Canterbury und Torquay, Preston und Ipswich, Manchester und Brighton, Colchester und Dover, Newcastle und Chester. Es folgten ihnen zehn Vorlesungen in St. James' Hall, zwischen dem 13. März und dem 27. Juni 1862, und vier in Paris, im Januar 1863, welche letzteren in der Gesandtschaft zum Besten des British Charitable Fund gehalten wurden. Die zweite Serie war so an Zahl der Vorlesungen der ersten fast gleich gekommen, als sie im Juni 1863 mit dreizehn Vorlesungen in den Hanover Square Rooms in London schloß, und auf sie allein beziehen sich die Erläuterungen und Hinweise dieses Kapitels.

Als Große Erwartungen im Juni 1861 schloß, nahm Bulwer Lytton auf Dickens' ernsten Wunsch seinen Platz in All the Year Round mit der › Strange Story‹, worauf Dickens sich eine Zeitlang dem Nichtsthun hingab. »Das Nachlassen jener qualvollen Gesichtsschmerzen, sowie ich mit meiner Arbeit fertig war, brachte mich zu dem Entschluß, nach dieser Seite hin einige Zeit nichts zu thun, wenn es irgend möglich ist.« Derselbe Brief fügt hinzu: »Die vierte Auflage von › Große Erwartungen‹ wird jetzt gedruckt, da die dritte fast vergriffen ist. Bulwer's Roman schreitet wacker voran. So weit wir sehen können, hat unsere Abonnentenzahl sich um 1500 vermehrt.« Aber sein ›Nichtsthun‹ war selten mehr als eine Redefigur, und was es in diesem Falle bedeutete, erfuhr ich bald nachher. »Zwei oder drei Stunden täglich übe ich mich in meinen neuen Vorlesungen und thue sonst (ausgenommen meine Büreauarbeit) nichts. Mit großer Mühe habe ich aus Copperfield eine zusammenhängende Erzählung gemacht, die, wie ich glaube, die Anstrengung, welche sie mich wahrscheinlich kosten wird, belohnen wird. Wenn ich mich nicht sehr irre, wird sie in London sehr werthvoll sein. Ich habe auch Nicholas Nickleby in der Schule in Yorkshire bearbeitet und hoffe, daß ich aus Squeers und John Browdie und Comp. einige Komik gewonnen habe. Auch den Bastille-Gefangenen aus der Geschichte zweier Städte. Auch den Zwerg, aus einem unserer Weihnachtshefte.« Nur die beiden ersten wurden der Liste für die damalige Rundreise hinzugefügt.

Inmitten dieser thätigen Vorbereitungen erreichten ihn schmerzliche Nachrichten. Eine Krankheit, an welcher Arthur Smith schon eine Zeit lang gelitten, nahm plötzlich eine gefährliche Wendung, so daß nur geringe Aussicht auf seine Genesung übrig blieb. Eine peinliche Zusammenkunft am 28. September gab Dickens wenig Hoffnung. »Und doch sind seine Gedanken im Wachen und im Träumen so beständig mit den Anordnungen für die Vorlesungen beschäftigt und er ist so verzweifelt abgeneigt, den Gedanken morgen und morgen und morgen ›mit der Sache voran zu gehen‹, aufzugeben, daß ich nicht den Muth hatte, ihm die Papiere abzufordern. Er sagte mir, er glaube, es seien noch 70–80 Briefe unbeantwortet. Du kannst Dir vorstellen, wie unruhig mich dies macht und wie meine Pläne dadurch in's Stocken gerathen sind.« Noch eine Woche ging vorüber und mit ihr die Zeit, welche an den Orten festgesetzt war, wo seine Arbeit beginnen sollte; aber er vermochte es nicht über sich, zu handeln als wäre alle Hoffnung dahin. »Gegen einen kranken Mann, der so eifrig und treu gewesen ist, fühle ich die Verpflichtung, sehr zart und geduldig zu sein. Als ich ihm neulich sagte, ich habe Headland engagirt – ›um den ganzen persönlich beunruhigenden und ermüdenden Theil Ihrer Arbeit zu thun‹, sagte ich – nickte er sehr befriedigt mit seinem schweren Kopfe und brachte mit schwacher Stimme die Worte heraus: ›Natürlich bezahle ich ihn und nicht Sie‹.« Der arme Mensch starb im Oktober, und an dem Tage nachdem Dickens bei dem Begräbniß zugegen gewesen war, hörte er von dem Tode seines Schwagers und Freundes Henry Austin, dessen Talente und Charakter er ebenso sehr schätzte, wie er ihn als Menschen liebte. Er verlor viel, indem er den verständigen und zuverlässigen Rath verlor, der ihn bei so vielen öffentlichen Fragen, woran er ein lebhaftes Interesse nahm, geleitet hatte, und mit schwerem Herzen trat er endlich seine zweite Rundreise an. »Mit welcher Mühe ich mich nach diesen Verlusten und Beschwerden an die Vorlesungen zurückgewöhne, oder, mit welcher Abneigung ich die nöthige Kraft sammle, ihnen in's Gesicht zu sehen, kann ich kaum sagen. Mir ist diese ganze Zeit, als hätte ich mit Arthur Smith meinen rechten Arm verloren. Ich bin nur grade im Stande, eins der Bücher zu öffnen und den Text auf eine flache eintönige Art aus mir herauszuschrauben. Anliegend findest Du die Liste dessen, was ich zu thun habe. Du wirst sehen, daß ich zehn Tage im November für die Weihnachtsnummer frei gelassen habe und auch eine gute Zwischenzeit zu Weihnachten, für unsere Zusammenkunft in Gadshill. Es wird mich sehr freuen, das Geld zu bekommen, das ich erwarte, aber es will verdient werden.« Während jener Pause im November fand auch die Verheirathung seines ältesten Sohnes mit der Tochter von Mr. Evans statt, der in Compagnie mit Mr. Bradbury so lange sein Verleger und Drucker gewesen war.

Der Anfang der Vorlesungen in Norwich war nicht gut, weil die vielen verdrießlichen Abänderungen, welche den ersten Anzeigen folgten, Zweifel erweckt hatten, ob die Sache überhaupt zu Stande kommen würde. Aber am zweiten Abend, als die Scenen aus Nickleby versucht wurden, »hatten wir eine prächtige Halle voll und ich glaube, Nickleby wird alle andern Vorlesungen übertreffen. Er scheint irgendwie, durch Zufall, ganz genau mit den zweckentsprechendsten Eigenschaften ausgestattet zu sein, und lief gestern Abend nicht bloß unter lautem Gelächter, sondern unter einer allgemeinen Heiterkeit ab, die ich nie übertroffen gesehen habe.« Ueber seinen früheren Geschäftsführer schreibt er in demselben Briefe: »Ich vermisse ihn schrecklich. Das Gefühl der Vollständigkeit und Bequemlichkeit um mich her, das ich sonst beim Lesen zu haben pflegte, ist ganz dahin und die zehn Minuten Pause, in denen ich ihn immer mit einer heitern Bemerkung bereit fand, sind nun öde und traurig. Außerdem sind H. und alle Andern immer irgendwo und er war immer überall.« Von diesem Abend an war sein Erfolg ununterbrochen. Folgendes ist der Bericht, den er mir am 8. November aus Brighton schickte. »Wir wiesen halb Dover und halb Hastings und halb Colchester ab, und wenn Du so etwas glauben kannst, will ich Dir sagen, daß wir in runden Zahlen 1000 Sperrsitze für Brighton bereits genommen finden. Ich verließ Colchester in einem heftigen Schneesturm. Heute ist es hier so warm, daß ich das Feuer kaum ertragen kann und mit bis zum Fußboden geöffnetem Fenster schreibe. Gestern hatte ich ein allerliebstes Publikum für Copperfield, mit einer Zartheit des Verständnisses, welche wirklich aus der Arbeit ein Vergnügen machte. Es ist sehr hübsch zu sehen, wie die Mädchen und die Frauen im Allgemeinen die Sache mit Dora aufnehmen; und überall habe ich jenes eigenthümliche persönliche Verhältniß zwischen meinen Zuhörern und mir selbst gefunden, worauf ich am meisten rechnete, als ich mich mit diesem Unternehmen befaßte. Nickleby erregt noch immer die wildeste Begeisterung.«

Ein Sturm fegte damals um die Küste herum und während seines Aufenthaltes in Dover hatte Dickens darüber an seine Schwägerin geschrieben (7. November): »Das schlechte Wetter hat uns nicht im Mindesten berührt und der Sturm war in Dover prachtvoll. Die ganze große, der See zunächst gelegene Seite des Lord Warden Hotels mußte geräumt werden; der Ansturm der Wellen war so gewaltig und der Lärm so vollständig betäubend. Das Meer flutete herein, wie ein großer Himmel gewaltiger Wolken, die fortwährend in plötzlichen wilden Regen ausbrechen; alle möglichen Schiffstrümmer wurden hereingewaschen, unter andern eine sehr hübsche mit Messing beschlagene Kiste, die herumgeworfen wurde wie eine Feder. Das unglückliche Packetboot von Ostende, das weder hereinkommen noch zurückfahren konnte, trieb sich die ganze Dienstag-Nacht und bis gestern Mittag im Kanal umher, als ich es mit fünf Männern am Steuerruder, ein Bild unbeschreiblichen Elends, einfahren sah . . . Die Wirkung der Vorlesungen in Hastings und Dover scheint wirklich den besten gewöhnlichen Eindruck übertroffen zu haben und in Dover wollte man gar nicht fortgehen, sondern saß wie toll applaudirend da. Die feinfühlendsten Zuhörer, die ich noch in einer Provinzialstadt gesehen, waren in Canterbury (›es ist eine verständnißvolle, herzerfreuende Antwort in ihnen‹, schrieb er an seine Tochter, ›wie die Berührung eines schönen Instruments‹), aber den größten Sinn für Humor hat jedenfalls Dover. Die Leute in den Sperrsitzen gaben auf die seltsamst rückhaltlose Weise das Beispiel zum Lachen und sie lachten mit so wirklich herzlichem Vergnügen als Squeers die Briefe des Knaben las, daß die Ansteckung sich auf mich selber ausdehnte – denn man konnte sie nicht hören, ohne auch zu lachen . . . So freue ich mich denn sagen zu können, daß Alles gut geht, und der Lohn für die Mühe ist in jeder Hinsicht groß.«

Aus der entgegengesetzten Weltgegend, aus Berwick am Tweed, schrieb er wieder inmitten eines Sturmes. Aber zunächst muß sein Bericht aus Newcastle, das er auf dem Wege nach Edinburgh berührt und wo er zwei Vorlesungen gehalten hatte, mitgetheilt werden. »In Newcastle machte ich, trotz sehr beträchtlicher Ausgaben, mehr als hundert Guineen Profit. Ein besseres Publikum gibt es nicht in England und ich halte sie für ein besonders ernstes Volk; denn während sie lachen können, bis sie das Haus erschüttern, haben sie zugleich eine sehr ungewöhnliche Sympathie mit dem, was pathetisch oder leidenschaftlich ist. Etwas Außerordentliches ereignete sich an dem zweiten Abend. Die Halle war entsetzlich überfüllt – und mein Gasapparat fiel nieder. Einen Augenblick entstand eine furchtbare Bewegung unter den Leuten und Gott weiß was für einen Verlust an Menschenleben ein Hineilen nach den Treppen verursacht haben würde. Glücklicherweise lief eine Dame in der vordersten Reihe der Sperrsitze auf mich zu, grade an einem Platze, wo, wie ich wußte, die ganze Halle sie sehen konnte. So redete ich sie lachend an und bat sie halb und befahl ihr halb, sich wieder zu setzen, und in einem Augenblick war Alles vorüber. Aber die Bühnendiener hatten eine so furchtbare Empfindung von dem; was hätte geschehen können (abgesehen von der wirklichen Feuersgefahr), daß sie mit ihrem Zittern die Bretter, auf denen ich stand, faktisch erschütterten, als sie kamen um Alles in Ordnung zu bringen. Ich bin stolz, berichten zu können, daß der Gasmann später seine Meinung über mich selbst dahin aussprach: ›Je mehr Ihr von dem Herrn wollt, desto mehr werdet Ihr in ihm finden.‹ Mit welcher schmeichelhaften Huldigung und mit einem Winde, der so stark weht, daß ich mich kaum schreiben hören kann, ich schließe.« Der ausführlichere Bericht über diese Scene, den er an seine Tochter schrieb, verdient ebenfalls mitgetheilt zu werden. »Eine gewaltige Zuhörerschaft hier gestern Abend. Etwas fast Schreckliches in dem Gedränge. Etwas Furchtbares hätte geschehen können. Plötzlich, als sie bei Smike sehr still waren, fiel mein Gasapparat herunter und es war, als ob das Zimmer einstürzte. Es waren drei große Galerieen da, gedrängt voll bis unter's Dach, und eine hohe steile Treppe und ein panischer Schreck hätte einer Menge Leute das Leben kosten müssen. Eine Dame in der vordersten Sperrsitzreihe schrie und lief wild auf mich zu und einen Augenblick entstand eine schreckliche Bewegung in der Menge. Ich redete jene Dame lachend an (denn ich wußte, daß Alle sie dort sahen) und rief aus, als geschehe das jeden Abend: ›Es hat nichts zu bedeuten, ich versichere Sie, seien Sie unbesorgt, setzen Sie sich‹ – und sie setzte sich sofort und ein Beifallssturm folgte. Das Ausbessern nahm etwa fünf Minuten und ich sah mit den Händen in der Tasche zu, denn ich glaube, hätte ich mich nur einen Augenblick umgekehrt, so hätte noch eine Bewegung entstehen können. Meine Leute waren in furchtbarer Aufregung – besonders Boycott (der Gasmann), der, wie mir schien, der Meinung war, daß das ganze Gebäude hätte Feuer fangen können – ›aber da stand der Herr‹, erwies er mir die Ehre nachher zu sagen, indem er sich an die Andern wendete, ›so kühl als ich ihn je an einer Eisenbahnstation herumschlendern sah‹.«

Es wehte noch in Gestalt eines Sturmes vom Meere her, als er, eine Stunde vor dem Beginn der Vorlesung, aus dem Hotel in Berwick am Tweed schrieb: »Ein so sonderbarer und ungewöhnlicher Aufenthaltsort, so scheint mir, als ich je einen sah. Und ein so lächerliches Lokal, in dem ich meine Vorlesung halten soll. Eine ungeheure Kornbörse, aus Glas und Eisen erbaut, rund, mit einer Kuppel, hoch, völlig abgeschmackt für einen solchen Zweck und voll von donnernden Echos, mit einem kleinen hohen Krähennest von einer steinernen Galerie, in das man beabsichtigte mich zu setzen. Ich rebellirte dagegen natürlich sofort und erklärte, ich würde entweder in einem mit diesem Hause in Verbindung stehenden sehr hübschen Saale, der hundert Leute fassen kann, lesen, oder gar nicht. Erschreckte Lokalagenten zürnten, fielen aber schließlich vor mir nieder und meine Leute brachten das primitive Lokal in Ordnung. Seitdem sind zu meinem Schrecken die Leute (welche um die Ehre des Besuches gebeten hatten) in einer Anzahl gekommen, die mit dem Lokal ganz unvereinbar ist, und wie es enden wird, weiß ich nicht. Es war des armen Arthur Smith's Grundsatz, daß eine Stadt am Wege die Kosten einer langen Reise ohne Aufenthalt bezahle und deshalb kam ich hierher.« Die Vorlesung bezahlte mehr als jene Kosten.

Ein begeisterter Empfang erwartete ihn in Edinburgh. »Wir hatten in der Halle grade doppelt die Anzahl, die wir das vorige mal am ersten Abend hatten. Der Erfolg von Copperfield war völlig beispiellos. Vier große Beifallsstürme mit einem Ausbruch von Cheers am Ende und alle charakteristischen Punkte auf's verständnißvollste aufgefaßt.« Aber dies war nichts im Vergleich mit dem, was am zweiten Abend geschah, als, durch ein Versehen der Lokalagenten, die ausgegebenen Billette zu dem verfügbaren Raum außer Verhältniß standen. In einem Briefe aus Glasgow vom nächsten Tage (3. December) beschrieb er die Scene. »Von solch einem Hereinströmen in ein Lokal, das schon bis an die Kehle voll war, von solch unbeschreiblicher Verwirrung, solch einem Drängen und Zerreißen der Kleider und doch im Ganzen von solch einer Scene guten Humors, habe ich nie auch nur etwas Annäherndes gesehen. Während ich die Menge in der Halle anredete, hielt G. eine Anrede an die Menge in der Straße. Fünfzig leidenschaftliche Menschen standen in allen Theilen der Halle auf und redeten mich Alle auf einmal an. Andre leidenschaftliche Menschen hielten Reden an die Wände. Die ganze Familie B. wurde auf der Höhe einer Volkswelle hinein getragen und landete mit ihren Gesichtern an der Vorderseite der Platform. Ich las auf einer Platform, die gedrängt voll war von Leuten. Ich brachte sie dahin, daß sie sich niederlegten, und es war wie ein unmögliches Tableau oder gigantisches Picnic – ein hübsches Mädchen in Abendtoilette lag den ganzen Abend auf ihrer Seite, wobei sie sich an einem der Füße meines Tisches festhielt. Es war ein höchst außerordentlicher Anblick. Und doch entging ihnen von dem Augenblicke als ich zu lesen anfing bis zu dem Augenblick als ich aufhörte, kein einziger Punkt und sie endeten mit einem allgemeinen Ausbruch von Beifall . . . Der Aufwand von Lunge und Kraft war (wie Du Dir vorstellen kannst) für mich ziemlich groß und gut zu schlafen war außer der Frage. Ich bin daher heute etwas angegriffen, und da die Halle, in der ich heute Abend lese, groß ist, muß ich meinen Brief kurz fassen . . . Meine Leute wurden gestern Abend zu Fetzen zerrissen. Keiner von ihnen hat einen Hut und kaum einer einen Rock.« Er reiste zu seiner Weihnachtsruhe über Manchester nach Hause und bemerkte über seine dortige Vorlesung am 14. December: » Copperfield in der Freihandelshalle am vorigen Sonnabend war eine wirklich großartige Scene.«

Nach Weihnachten befand er sich in südlichen Breiten und schrieb am 8. Januar aus Torquay: »Wir sind jetzt in der Region kleiner Lokale und diese Reise wird daher nicht so einträglich sein als die lange. Das hiesige Lokal kommt mir sehr klein vor. Exeter kenne ich und auch das ist klein. Ich fühle mich im Allgemeinen sehr abgemattet, denn ich kann dies feuchte warme Klima nicht vertragen. Es würde mich sehr bald tödten . . . Dies ist ein wunderhübscher Ort, eine Mischung von Hastings, Tunbridge-Wells und kleinen Stücken der Berge um Neapel. Aber ich begegnete, als ich von der Station heraufkam, vier Respiratoren und drei blassen Pfarrverwesern ohne dieselben, die sich sehr schlecht zu befinden schienen.« Sie waren indeß keine schlechten Vorbedeutungen gewesen. Der Erfolg war sowohl in Torquay als in Exeter zufriedenstellend und Dickens beschloß den Monat und diese Reihe von provinciellen Vorlesungen in den großen Städten Liverpool und Chester. »Die schöne St. George's Hall war gestern bis zum Ueberfließen voll,« schrieb er am 28. Januar 1862 aus Liverpool, »und viele Leute mußten abgewiesen werden. Wenn sie erleuchtet ist, bietet sie einen glänzenden Anblick und zum Vorlesen ist sie gradezu vollkommen. Du erinnerst Dich, daß ein Liverpooler Publikum gewöhnlich unempfindlich ist, aber gestern stellten sie meine Kraft auf die Probe. Denn nie sah ich eine solche Zuhörerschaft – nein, sogar nicht in Edinburgh! Die Agenten allein, ohne Rücksicht auf das Geld was an den Thüren bezahlt wurde, hatten für die zwei Vorlesungen 200 Pfd. St. einkassirt.« Aber als das Ende herankam, hatten die Anstrengungen ihn stark mitgenommen. Er schrieb, daß er entsetzlich schlecht schlafe, daß der Kopf ihm geblendet und ermattet sei durch Gas und Hitze. Ruhe war, ehe er im März in St. James' Hall wieder anfangen konnte, eine absolute Nothwendigkeit geworden. Zwei kurze Auszüge aus Briefen vom 8. April Dieser Brief bezog sich auch auf den Tod seines amerikanischen Freundes Professor Felton. »Deine Nachricht von des armen Felton Tode war mir eine ebenso überraschende als schmerzliche Erschütterung, denn ich hatte noch kein Wort davon gehört. Mr. Fields erzählte mir, als er hier war, daß die Wirkung jenes Unglücksfalles im Hotel mit dem schlechten Trinkwasser noch nicht vorübergegangen sei, so stelle ich mir vor, wie auch Du thust, daß dies seinen Tod verursachte. Es sind jetzt zwanzig Jahre verflossen, seit ich Dir von der Freude einer ersten Bekanntschaft mit ihm erzählte [Vgl. Bd. I. S. 288], und bis auf diese Stunde empfinde ich dieselbe nach. Ich wollte, unsre Wege hätten sich etwas öfter gekreuzt; aber das würde es jetzt nicht besser für uns gemacht haben. Ach, ach! alle Wege haben an ihrem Anfang und an jeder ihrer Wendungen denselben Wegweiser.« und vom 28. Juni werden die Vorlesungen in London hinreichend beschreiben. »Der Ertrag ist ganz erstaunlich gewesen. Denke Dir, 190 Pfd. St. an einem Abend! Die Wirkung Copperfield's übertrifft alle Erwartungen, die sein Erfolg auf dem Lande in mir erweckt hatte. Er scheint die Leute vollständig zu überrumpeln. Wenn dies nicht neu für Dich ist, so habe ich keine Neuigkeiten mitzutheilen. Der Regen, welcher täglich regnet, scheint die Neuigkeiten fortgespült oder unter Wasser gesetzt zu haben.« Dies war im April. Im Juni schrieb er: »Ich beendete meine Vorlesungen am Freitag Abend vor einer ungeheuern Zuhörerschaft – fast 200 Pfd. St. Der Erfolg ist durchweg vollständig gewesen. Es scheint fast selbstmörderisch, jetzt aufzuhören, da die Stadt so voll ist, aber ich mag nicht von meinem öffentlich gegebenen Versprechen abweichen. Es ist ein Mann aus Australien in London, der sich bereit erklärt, mir für acht Monate dort 10,000 Pfd. St. zu bezahlen. Wenn –« Es war ein Wenn, das ihn eine Zeitlang beunruhigte und zu aufregenden Erörterungen führte. Da in Amerika der Bürgerkrieg wüthete, verlockte eine Erhöhung des eben erwähnten Anerbietens ihn nach Australien zu gehen. Er suchte sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß er so auch neuen Stoff der Beobachtung gewinnen würde und er ging soweit, den Plan zu einem ›Von oberst zu unterst gekehrten Ungeschäftlichen Reisenden‹ zu entwersen. Ich theile den Brief mit, worin er mir den Plan in aller Form vorlegte, nachdem ihm die erneuerten und größeren Anerbietungen gemacht waren. »Wenn vernünftige Hoffnung und Aussicht da wäre, so könnte ich mich entschließen, nach Australien zu gehen und Geld zu machen. Ich würde die Anerbietung der Leute aus Australien nicht annehmen. Ich würde kein Geld von ihnen annehmen, würde keinerlei Verpflichtungen gegen sie eingehen, sondern würde sie bloß zu meinen Agenten machen, mit einer Commission von so und so viel Procent, und hingehen und dort lesen. Ich würde einen Mann von literarischem Talent mitnehmen und unter seiner Mithülfe für All the Year Round den oberst zu unterst gekehrten Ungeschäftlichen Reisenden machen, während ich fort wäre. Wenn diese Geschäftsleute irgendwie richtig speculiren, würde ich als reicher Mann zurückkommen. Ich würde außerdem sehr viel Neues gesehen haben. Ich würde auch sehr unglücklich gewesen sein . . . Man kann natürlich nicht auf das Geld rechnen, das sich durch eine Abwesenheit von sechs Monaten gewinnen läßt, aber 12,000 Pfd. St. wird für einen sehr niedrigen Anschlag gehalten. Mr. S. brachte mir Briefe von Mitgliedern der gesetzgebenden Versammlung, von Zeitungsredakteuren und andern, die mich ermahnen zu kommen, sagen, wie viel die Leute von mir reden und die Art von Empfang ausmalen, die mich erwartet. Ohne Zweifel ist dies wahr, und natürlich würden außer dem Gelde auch sehr viele merkwürdige Erfahrungen zu späterem Gebrauch gewonnen werden. Da ich mein eigner Herr sein würde, könnte ich auch mit mehr Rücksicht auf mich selbst arbeiten, als wenn ich mich vorher für eine gewisse Geldsumme bände. In einigen Jahren möchte ich, wenn auch alle andern Umstände dieselben wären, die unmäßige Anstrengung wohl kaum so gut aushalten. Dies ist so ziemlich Alles, was über die Sache zu sagen ist. Aber bitte, glaube nicht, daß ich meinerseits dafür bin, daß ich gehe, oder daß ich irgend welche Lust spüre zu gehen.« Dies war zu Ende Oktober. Aus Paris, im November 1862, schrieb er: »Ich erwähnte die Sache gegen Bulwer, als er hier am vorigen Sonntag bei uns dinirte, und er war ganz dafür, daß ich ginge. Er sagte, er glaube nicht nur, die ganze Bevölkerung werde zu den Vorlesungen kommen, sondern das Land würde mir ganz neuen Stoff zu einem Buche liefern und man werde mit einem solchen Buche hinsichtlich des Ertrages sowohl dort als hier Wunder thun können.« Es ist jedoch sehr zweifelhaft, ob er einen solchen Plan auch nur für einen Augenblick würde erwogen haben, hätten die Schwierigkeiten der Erfindung eines zwei und zwanzig Monatshefte füllenden Romans ihn damals nicht bedrängt. Ein solcher Roman hatte ihn seit Kurzem beschäftigt und er hatte grade den Titel dafür gewählt ( Unser gegenseitiger Freund); aber doch zögerte und schwankte er beträchtlich. »Wenn nicht,« schrieb er am 5. Oktober 1862, »die Hoffnung auf einen Gewinn dabei wäre, der mich von dem Schlimmsten unabhängiger machen würde, könnte ich der Reise und der Abwesenheit und der Anstrengung nicht in's Gesicht sehen. Ich weiß schon jetzt vollkommen, wie unaussprechlich elend ich sein würde. Aber diese erneuten und größeren Anerbietungen locken mich an. Ich kann mich zwingen, an Bord eines Schiffes zu gehen, und ich kann mich zwingen, an jenem Lesepult zu thun, was ich hundert mal gethan habe; aber ob ich bei all dieser rastlos wogenden Gemüthsunruhe ein originelles Buch herauszwingen könnte, ist eine andre Frage.« Am 22., während er noch eifrig bemüht war, Gegenbeweise zu finden gegen die fast unwiderstehlichen Gründe, welche von einem solchen Unternehmen abriethen, das in der That in seinen damaligen Verhältnissen kaum etwas anderes als Wahnsinn gewesen sein würde, sprach er sich hinsichtlich seiner Erfahrungen über die beiden Reihen öffentlicher Vorlesungen folgendermaßen aus. »Bedenke, daß hier in England die Sache nie ihres Eindrucks verfehlt hat, sondern regelmäßig das zweitemal stärker wirkt als das erstemal und auch, daß ich mich so daran gewöhnt und so viel dafür gearbeitet habe, daß ich mehr daraus mache, als ich je für möglich hielt. In einem Lande wie Australien halte ich alle Wahrscheinlichkeiten für ungeheuer.« Die schreckliche Schwierigkeit lag darin, daß das von England hergenommene Argument zweischneidig war. »Wenn ich ginge, würde es eine Buße und ein Elend sein, und ich fürchte den Gedanken mehr, als ich auszudrücken vermag. Das häusliche Leben der Vorlesungen ist mir fast unerträglich, wenn ich nur wenige Wochen hintereinander fort bin und was würde es sein –.« Auf der andern Seite war es auch ein Gedanke an sein Daheim, weit hinaus über den bloß persönlichen Verlust oder Gewinnst, der ihn willig machte, selbst so viel Elend und Buße auf sich zu nehmen, und er meinte, es würde möglich sein, daß seine älteste Tochter ihn begleitete. »Es ist nutzlos und unnöthig, daß ich sage, worin der Conflikt in meinem Innern besteht. Wie schmerzlich unwillig ich bin, zu gehen und wie schmerzlich ich es doch empfinde, daß ich vielleicht gehen sollte – wenn so viele Hände auf meinen Rocktaschen liegen, die ich nicht umhin kann dort zu fühlen und zu sehen, so oft ich mich umblicke. Es ist kein Kampf gewöhnlicher Art, wie Du, der Du die Umstände des Kampfes kennst, wohl glauben wirst.« Der Kampf endete, sowie er klar sah, daß es unmöglich sein würde, Jemand aus seiner Familie mitzunehmen und während einer solchen Abwesenheit für die Uebrigen befriedigende Anordnungen zu treffen. Um diese Zeit fing er auch an seinen Weg zu dem neuen Roman zu finden, und bessere Hoffnung und Muth kehrten zurück.

Im Januar 1863 war er mit seiner Tochter und seiner Schwägerin nach Paris gegangen und las dort in dem Gesandtschaftshotel zweimal zum Besten des British Charitable Fund und zwar mit solchem Erfolge, daß er versprach noch zweimal zu lesen. Jemand, der dabei war, schrieb an Miß Dickens über den zweiten Abend (1. Februar 1863). »Niemand kann sich die Scene am vorigen Freitag Abend in der Gesandtschaft vorstellen – ein zweistündiger Sturm der Aufregung und des Vergnügens. Sie applaudirten thatsächlich bis in die Wagen und auf die Straße hinunter.« Er brachte seinen Geburtstag (7. Februar) in diesem Jahre in Arras zu. »Ich weiß, Du wirst heute an mich denken. Habe Dank dafür. Ein sonderbarer Geburtstag, aber ich bin so wenig muthlos wie Du mich zu haben wünschtest – dann und wann niedergeschlagen, aber immer wieder zum Kampfe bereit. Ich wollte diese Stadt, den Geburtsort unseres liebenswürdigen See-Grünen, Eine Bezeichnung, welche Thomas Carlyle in seiner Geschichte der französischen Revolution als ständiges Beiwort auf Robespierre anwendet. – D. Uebers. sehen und ich finde einen so sehr merkwürdigen und malerischen Grande Place, daß ich mich wundre, wie die Leute ihn unbeachtet lassen können. Hier fand ich auch in einem benachbarten Dorfe einen Jahrmarkt im Gange, mit einem Théâtre Religieux – › donnant six fois par jour, l'histoire de la Croix en tableaux vivants, depuis la naissance de notre Seigneur jusqu'à son sepulture. Aussi l'immolation d'Isaac, par son père Abraham.‹ Die Nacht brach grade herein, als ich dorthin kam und einer der drei weisen Männer, der mit dem Aufhängen der Lampen beschäftigt war, war bis zu den Augen hinauf in Oel. Eine Frau in Blau und Tricots (ob ein Engel oder Joseph's Frau weiß ich nicht) redete die Volksmenge durch ein ungeheures Sprachrohr an; und ein sehr kleiner Junge mit einem Theaterlamme (ich überlasse es Dir zu rathen, wer er war) stand auf einer Drehorgel auf dem Kopfe.‹ Als er in demselben Jahre über Boulogne nach England zurückkehrte, begegnete er, indem er das nach Folkestone fahrende Dampfschiff betrat, einem Freunde, Mr. Charles Manby, (denn wenn ich von einem so erfreulichen und ehrenhaften Charakterzug erzähle, ist es nicht nöthig den Namen zu unterdrücken), der ebenfalls nach England fuhr. »Ein schäbiger Mann, an den ich eine gewisse Erinnerung hatte, aber dem ich in meinen Gedanken seine Stelle nicht anweisen konnte, nahm von Manby Abschied. Da ich, als wir aus dem Hafen hinausfuhren, bemerkte, daß er auf dem Rande des Piers stand und traurig seinen Hut schwenkte, sagte ich zu Manby: Ich bin gewiß, ich kenne diesen Mann. – ›Natürlich kennen Sie ihn,‹ sagte er, ›es ist Hudson!‹ Er lebt– lebt grade – in Paris und Manby hatte ihn so weit mitgenommen. Er sagte beim Abschiede zu Manby: ›Ich werde kein gutes Dîner wieder haben, bis Sie zurückkommen.‹ Ich fragte Manby, warum er an Hudson festhalte? Er sagte, weil er (Hudson) so viele Leute in seiner Gewalt gehabt und sich freundlich gegen sie benommen habe; und weil er (Manby) so viele Notabilitäten vornehm gegen ihn thun sehe, die in den Tagen seiner Größe immer um Aktien vor ihm krochen.« Der hier erwähnte Hudson ist der einst so berühmte ›Eisenbahnkönig‹ George Hudson. Er machte zu Anfang der fünfziger Jahre Banquerott, ging nach Frankreich und starb dort 1871. – D. Uebers.

Nach Dickens' Ankunft in London kam die zweite Reihe seiner Vorlesungen zum Abschluß und ich benutze diese Gelegenheit, ehe die dritte beschrieben wird, von dem unter seinen Papieren gefundenen Manuscriptbande zu reden, welcher Aufzeichnungen enthält, die er zum Zweck der Benutzung für seine Schriften gemacht hatte.

 

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