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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 11
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

All the Year Round und der Ungeschäftliche Reisende
1859–1861.

In der Zwischenzeit vor dem Abschluß der ersten Reihe von Vorlesungen wurden peinliche persönliche Zwistigkeiten, welche aus den Vorgängen des vorhergehenden Jahres entsprangen, beigelegt durch das Aufhören von Household Words und durch die Gründung von All the Year Round an der Stelle jener Zeitschrift. Die Zwistigkeiten drehten sich ausschließlich um Gefühlsgegenstände und schlossen auf beiden Seiten keine Anklage ein, welche eine eingehendere Bezugnahme hier anders als höchst unpassend erscheinen lassen würde. Die Frage, in welche die Meinungsverschiedenheit sich endlich auflöste, war diejenige der beziehungsweisen Rechte der Betheiligten als Eigenthümer von Household Words, und diese wurde von dem Kanzleigerichtshof entschieden durch den Befehl, einen Rechnungsabschluß zu bewerkstelligen, in Folge dessen der gemeinsame Besitz verkauft wurde. Er wurde angekauft von Dickens, der schon vor dem Verkauf, in Gemäßheit mit einer vorhergängigen Ankündigung des beabsichtigten Aufhörens der bestehenden und der Gründung einer andern, jener ganz ähnlichen, aber anders betitelten Zeitschrift an ihrer Stelle, All the Year Round in's Leben gerufen hatte. Es war vielleicht zu bedauern, daß er es für nöthig hielt, diesen Schritt zu thun, aber er that ihn in strenger Uebereinstimmung mit den ihm zustehenden Rechten.

Er kehrte nun für die Herausgabe seiner nachfolgenden Werke zu Chapman und Hall zurück, den Verlegern, welche zuerst mit seinem großen Erfolg in der Literatur verknüpft gewesen waren. Bei jedem neuen Werke behielt er sich seitdem stets das Verlagsrecht vor und traf jedesmal solche Anordnungen, wie sie ihm unter den Verhältnissen wünschenswerth erschienen. Hierbei begegnete er keinen Schwierigkeiten, und in der That ist es nur billig hinzuzufügen, daß, so leicht und schnell sein Zorn in Bezug auf Dinge, welche mit dem Verlagsrecht seiner Werke zusammenhingen, erregt wurde, derselbe doch nie dauernd war. In seiner Lebensbeschreibung war daher die Regel, von solchen Dingen nur so viel zu erwähnen als zur Erklärung der Thatsachen streng nothwendig war, die allein richtige. Diese Regel habe ich demnach befolgt und ich kann mich nicht anklagen, dieselbe bei den verschiedenen Mißhelligkeiten, welche erwähnt werden mußten, irgendwo überschritten zu haben. Man hat mir den erneuerten Hinweis auf Dickens' frühe Differenzen mit Bentley zum Vorwurfe gemacht. Aber das Stillschweigen darüber war unverträglich mit dem, was absolut gesagt werden mußte, wenn Dickens' Bild in seiner interessantesten Zeit, beim Beginn seiner literarischen Laufbahn, nicht vollständig übergangen werden sollte; und während ich Alles unterdrückte, was an dem Streite bloß leidenschaftliche Erregung war, benutzte ich nur diejenigen Briefe, welche die dringende Forderung des jungen Schriftstellers enthielten, mit Recht oder mit Unrecht, von Verpflichtungen losgesprochen zu werden, die er zu unüberlegt eingegangen war. Mit Unrecht, könnten Einige sagen, weil das Gesetz unzweifelhaft auf Bentley's Seite stand; aber alles spätere Nachdenken hat mich nur in der Ansicht bestärkt, die ich mich schon damals gedrungen fühlte entschieden zu vertreten, daß nämlich den Thatsachen ein Element sich zugesellt hatte, welches das Gesetz nicht unberücksichtigt lassen konnte, und daß der Verkauf geistiger Arbeit nie durch Uebereinkunft mit derselben Genauigkeit und Sicherheit geregelt werden kann, wie der Verkauf gewöhnlicher materieller Güter. Indem ich den Gegenstand mit dieser Bemerkung ein für allemal verlasse, liegt es mir nicht minder ob zu sagen, daß der Zwist in kein Stadium eintrat, in welchem Bentley, der ebenso entschieden der entgegengesetzten Ansicht war, diese nicht für hinreichend gerechtfertigt halten konnte, und jedenfalls fehlte es in späteren Jahren auf Seiten Dickens' nicht an freundschaftlichen Gefühlen für seinen alten Verleger. Dies ist bereits erwähnt worden, und bei Gelegenheit des letzten Besuches von Hans Christian Andersen in Gadshill wurde Bentley eingeladen, um den berühmten Dänen dort zu treffen. Auch will ich nicht unterlassen zu erwähnen, daß in dem Jahre, bei welchem unsere Erzählung jetzt angelangt ist, Bentley's bereitwillige Rücksichtnahme auf eine an ihn gerichtete Verwendung zu Gunsten eines gemeinsamen Freundes, Dickens viele Freude machte.

Zu Anfang des Jahres 1859 war Dickens eifrig mit dem Suchen nach einem Titel für den Nachfolger von Household Words beschäftigt, der seinem Wunsche gemäß die mit jener Zeitschrift verknüpfte Tradition fortsetzen sollte. »Mein Entschluß, den Titel festzustellen, entspringt aus dem Bewußtsein, daß ich nie etwas für das Unternehmen werde thun können, ehe es einen bestimmten Namen hat, sowie aus der Wahrnehmung, daß dasselbe wunderliche Gefühl alle Andern beeinflußt.« Er hatte sich einen Titel vorgesetzt, der, wie bei Household Words, durch einen Shakespearschen Vers erläutert werden könne, und als ihm der Vers in's Auge fiel, worin der arme Heinrich VI. sich über seine Gefangenschaft zu trösten sucht durch den Gedanken, daß er, wie gefangene Vögel, den Verlust seiner Freiheit erleichtern könne »durch Klänge häuslicher Harmonie«, vergaß er für den Augenblick, daß dies kaum als ein glücklicher Commentar gelten dürfe zu den Begebenheiten, aus welchen die angebliche Nothwendigkeit, den alten Hausfreund durch einen neuen zu ersetzen, hervorgegangen war. »Glaubst Du nicht,« schrieb er am 24. Januar, »daß dies ein guter Name und ein gutes Citat ist? Es hat mich sehr gefreut, es für unsern Titel aufzufinden.«

Häusliche Harmonie.

»Endlich durch Klänge häuslicher Harmonie.« – Shakespeare.

Er sträubte sich Anfangs sogar, den Einwand gelten zu lassen, als derselbe gemacht wurde. »Ich fürchte, wir müssen es mit der Möglichkeit persönlicher Beziehungen und Anwendungen nicht zu genau nehmen, sonst ist es klar, daß ich nie wieder ein Buch schreiben kann. Ich würde keine Geschichte erfinden können, die sich nicht irgendwie auf unsinnige Art verdrehen ließe. Es würde völlig unmöglich sein, sie durch ein halbes Dutzend Kapitel hindurch zu winden.« Nichtsdestoweniger gab er natürlich nach und es folgten viele Berathungen über andere in Vorschlag gebrachte Titel. Ich erwähne nur die folgenden: Der Herd. Die Schmiede. Der Schmelztiegel. Der Ambos der Zeit. Charles Dickens' Zeitschrift. Zeitgemäße Blätter. Immergrün. Daheim. Hausmusik. Veränderung. Zeit und Flut. Zwei Pence. Englische Glocken. Wochenglocken. Die Rakete. Guter Humor. Aber es fehlte noch immer das Motto aus Shakespeare, bis er es endlich am 28. Januar frohlockend schickte. »Ich dinire früh, vor meiner Vorlesung und schreibe buchstäblich mit vollem Munde. Aber mir ist grade ein Name eingefallen, den ich wirklich für ausgezeichnet halte – besonders mit dem davorstehenden Citat, an der Stelle, wo unser gegenwärtiges Household Words-Citat steht.

»Von Jahr zu Jahr die Chronik unsres Lebens.« – Shakespeare.

All the Year Round.

Eine Wochenschrift, herausgegeben von Charles Dickens.«

Mit derselben Entschlossenheit und Energie wurden andre für das Unternehmen nothwendige Vorbereitungen betrieben. »Ich habe das neue Büreau genommen,« schrieb er am 21. Februar aus Tavistock-House, »habe die Arbeiter darin, habe das Papier bestellt, mit dem Drucker Verabredung getroffen und bin mit der Durchführung eines gewaltigen Annoncensystemes beschäftigt. Der Schlag soll geführt werden am 12. März. Inzwischen kann ich mit dem Anfang meines Romans ( Die Geschichte von zwei Städten, womit All the Year Round eröffnet werden sollte) nicht in's Reine kommen und bin gar nicht gestimmt, ernstlich an die Arbeit zu gehen . . . Ich wollte, Du kämst und sähest was für eine, wie ich mir schmeichle, geniale Anwendung ich hier von Stanfield's Scenerie gemacht habe.« Er hatte die Leuchtthurm-Scene in einen einzigen Rahmen gebracht, hatte die Scene aus der Gefrorenen Tiefe in zwei Theile getheilt, ein englisches Kriegsschiff und eine arktische See, die er ebenfalls hatte einrahmen lassen; und das Schulzimmer, welches als Theater gedient hatte, war nun mit Seestücken von einem großen Seemaler behangen. Zu glauben, daß sie nur die rasch hingeworfene Arbeit einiger weniger Morgen waren, war wirklich schwer. Aus der gehörigen Entfernung gesehen, fehlte ihnen nichts an der meisterhaftesten und ausgearbeitetsten Kunst.

Die erste Nummer von All the Year Round erschien am 30. April und das Resultat des ersten vierteljährigen Rechnungsberichtes über den Verkauf wird Alles sagen, was über einen Erfolg gesagt zu werden braucht, der ohne Unterbrechung bis an's Ende fortdauerte. »Ein Wort, ehe ich nach Gadshill zurückgehe,« schrieb er im Juli aus Tavistock-House, »dessen Empfang Dich freuen wird. So gut ist All the Year Round gegangen, daß es mir gestern das ganze für die erste Einrichtung ausgelegte Geld (Papier, Druck, und Alles bis zur letzten Nummer bezahlt) mit fünf Procent zurückerstatten und noch ein Guthaben von mehr als 500 Pfd. St. beim Banquier übrig lassen konnte.« Die so hergestellte Zeitschrift bildete in allen Beziehungen, ausgenommen in einer, ein so vollständiges Seitenstück zu ihrer Vorgängerin, daß eine Erwähnung dieses Unterschiedes die einzige Schilderung ist, welche hier davon gegeben zu werden braucht. Außer seinen eigenen dreibändigen Romanen, The Tale of Two Cities und Great Expectations, nahm Dickens andere Romane von derselben Länge, von bekannten und ausgezeichneten Schriftstellern darin auf, deren Namen genannt wurden. Er veröffentlichte darin Erzählungen von verschiedenem Verdienst und Erfolg von Edmund Yates, Percy Fitzgerald und Charles Lever. Wilkie Collins trug sein Woman in White, No Name und Moonstone dazu bei, von denen das erstere einen außerordentlichen Erfolg hatte, Charles Reade sein Hard Cash und Lord Lytton seine Strange Story. Bei Gelegenheit von Besprechungen über das letztgenannte Werk brachte Dickens im Sommer 1861, gleich nach der Vollendung von Great Expectations, mit seiner Tochter und Schwägerin, eine Woche in Knebworth Dem Landsitze Lord Lytton's in Hertfordshire. – D. Uebers. zu und traf dort Arthur Helps, mit welchem und mit Lord Orford er den sogenannten »Eremiten« bei Stevenage besuchte, den er als Mr. Moses in Tom Tiddlers' Ground beschrieb. Der persönliche Verkehr mit seinem großen Kunstgenossen war, wie immer, für ihn äußerst genußreich, und er berichtete über ihn, er habe ihn »gesunder und heiterer gefunden als seit vielen Jahren – gelegentlich etwas seltsam in Bezug auf Magie und Geister, aber seinen Opponenten gegenüber immer billig und offen. Er war glänzend gesprächig, anekdotisch und heiter, sah jung und wohl aus, lachte herzlich und fand großes Behagen an einigen Spielen, die wir spielten. In seiner Eigenschaft als Künstler, und in seinen Bemerkungen über die Kunst war er höchst interessant und reichhaltig, und sagte die schönsten und feinsten Sachen – aber da fehlt es ihm nie. Ich amüsirte mich köstlich, wie wir Alle.«

In All the Year Round, wie in dessen Vorgänger, wurden natürlich die Weihnachtsgeschichten fortgesetzt, aber mit erstaunlich vermehrter Popularität; und keine von Dickens' Schriften fand je einen solchen Verkauf wie seine Weihnachtsstücke in jener Zeitschrift. Vor seinem Tode belief die Zahl der verkauften Exemplare sich auf fast dreihunderttausend. Die erste Weihnachtsgeschichte führte den Titel Haunted House und enthielt eine Erwähnung eines wahren Vorganges aus seiner Knabenzeit, der in dem früher mitgetheilten bitteren Bericht nicht eingeschlossen ist. »Ich wurde nach Hause gebracht und zu Hause waren Schulden und Tod und wir hatten eine Auktion dort. Mein eignes kleines Bett wurde von einer mir unbekannten Macht, die man nebelhaft als ›das Geschäft‹ bezeichnete, mit solcher Geringschätzung angesehen, daß ein messingner Kohlenschütter, eine Bratmaschine und ein Vogelbauer hineingethan werden mußten, um ein Verkaufsstück daraus zu machen, und dann ging es hin für ein Lied. So hörte ich die Leute sagen, und ich hätte wissen mögen, was für ein Lied das war, und dachte, wie traurig es sein müsse, ein solches Lied zu singen.« Die andern Gegenstände werden in einem andern Kapitel erwähnt werden.

Seine Romane waren nicht Dickens' einzige bedeutende Arbeiten für All the Year Round. Die kleineren Artikel, die er hineinschrieb, hatten einen aus ihrem Plane und aus dem persönlichen Tone, sowie aus häufigen individuellen Bekenntnissen entspringenden Charakter und eine Vollständigkeit, die ihr Interesse erhöhten und wodurch sie immer besonders anziehend bleiben werden. Ihr Titel gab einer persönlichen Neigung Ausdruck. Von allen wohlthätigen oder sich selbst erhaltenden Gesellschaften, denen sein Takt und seine Beredtsamkeit im Präsidentenstuhle so oft Beistand gewährte, hatte keine, durch die Art der Dienste, welche sie ihren Mitgliedern leistete, wie durch ihre ausgezeichnete Verwaltung, ihn so sehr interessirt als die Gesellschaft der Geschäftsreisenden ( Commercial Travellers). Seine Bewunderung für die von dieser Gesellschaft begründeten Schulen machte ihn mit dem Manne bekannt, der damals ihr Kassenführer war und den er, wie ich glaube, von allen ihm bekannten Menschen am höchsten schätzte, wegen der Vereinigung unvergleichlicher geschäftlicher Talente mit einer Natur, die umfassend genug war, um Massen von Menschen, so verschieden dieselben auch in Glauben und Ansichten sein mochten, menschlich und gerecht zu behandeln. So oft er später Hülfe für ein gutes Werk bedurfte, dachte er immer zuerst an Mr. George Moore, Erlaubte es der Raum, so könnte ich aus seinen Briefen viele Beweise liefern für sein Interesse an Mr. George Moore's vortrefflichen Unternehmungen; aber ich kann eine Ausnahme nur zu Gunsten einer charakteristischen Anspielung auf einen Vorfall machen, der seine Phantasie damals sehr kitzelte. »Ich hoffe,« (20. August 1863) »Du hast Dich ebensosehr amüsirt als ich über den Bericht der Rede des Bischofs von Carlisle in der Schule meines ganz besonderen Freundes, Mr. George Moore. Nie ist mir ein komischeres Beispiel von Schwäche vorgekommen als seine Auslassungen über Colenso gegen jene unglücklichen Kinder. Ich kann das lächerliche Bild nicht wieder los werden, das sich mein Geist von dem Schaufelhut und der Schürze entworfen hat, wie sie in jener sichern Entfernung vor jener sichern Zuhörerschaft darauf lospredigen. Es gibt nichts so Ausschweifendes in Rabelais, nichts so Satirisch-Humoristisches in Swift oder Voltaire.« und nie wendete er sich an ihn umsonst. »Rechtschaffenheit, Unternehmungsgeist, Gemeingeist und Wohlwollen,« erklärte er den Geschäftsreisenden bei einer Gelegenheit, »hätten ihr Synonym in Mr. Moore's Namen«; und es war eine andre Form derselben Neigung, als er für sich den Charakter und Titel eines Ungeschäftlichen Reisenden annahm. »Ich bin sowohl ein Stadtreisender als ein Landreisender und bin immer unterwegs. Bildlich gesprochen, reise ich für das große Haus der Gebrüder Menschliche-Interessen und habe viele Kunden in der Branche der Phantasiegüter. Buchstäblich gesprochen, wandre ich aus meiner Wohnung in Coventgarden in London immer hierhin und dorthin, bald durch die Straßen der City, bald auf ländlichen Nebenpfaden, sehe sehr viele kleine Dinge und einige große Dinge und denke, daß dieselben, weil sie mich interessiren, auch Andre interessiren könnten.« In wenigen Worten war dies der Plan und Gedankengang der Artikel, welche er im Jahre 1860 anfing und seitdem von Zeit zu Zeit fortsetzte bis in den letzten Herbst seines Lebens.

Manche derselben, wie »Reisen im Auslande«, »Citykirchen«, »Dullborough«, »Ammenmärchen« und »Geburtstagsfeiern« haben Charakterzüge, besonders aus seinen jüngeren Jahren, zu dieser Lebensbeschreibung beigetragen und Abschnitte seines späteren Lebens empfangen Aufschlüsse aus andern, wie »Landstreicher«, »Nächtliche Spaziergänge«, »Scheue Nachbarschaften«, »Der italiänische Gefangene« und »Die Docks von Chatham«. In der That ist kaum ein einziger ohne persönliches Interesse oder merkwürdige Anspielungen. Man kann daraus unter Anderm lernen, welche Behandlung er gegen die Krankheit der Schlaflosigkeit in Anwendung brachte, von der er inmitten seines jüngsten Kummers oft gelitten hatte. Im Bette dagegen zu experimentiren, war für ihn ein zu langsames und ungewisses Verfahren; aber er besiegte seinen Feind sehr bald durch eine energischere Behandlung, indem er sofort, nachdem er sich niedergelegt, wieder aufstand, ausging und beim Sonnenaufgang müde nach Hause kam. »Mein letztes specielles Unternehmen bestand darin, daß ich, nach einem durch lange Spaziergänge und sonst ermüdenden Tage, um zwei Uhr aufstand und zum Frühstück sechs Meilen weit auf's Land hinausging.« Eine Beschreibung gab er in seinem Artikel nicht, aber ich erinnre mich, daß er sagte, ihm sei selten etwas so Merkwürdiges vorgekommen als die Art und Weise, wie die Wunder einer äquinoctialen Morgendämmerung (es war am 15. Oktober 1857) sich während jenes Spazierganges entfalteten. Er hatte nie vorher die Nacht so vollständig im Kampfe mit dem Morgen gesehen. Eine andre Erfahrung seiner nächtlichen Wanderungen fand Ausdruck in lebendigen Skizzen über die Rastlosigkeit einer großen Stadt und über die Art, wie auch diese sich unruhig umherwirft, ehe sie Schlaf finden kann. Auch sollte Niemand, der etwas über seine Gewohnheiten und seine Lebensweise wissen möchte, versäumen, ihn mit seinen »Landstreichern« auf die Landwege bei Gadshill zu begleiten, oder ihm in seine »scheuen Nachbarschaften« von Hackney-Road, Waterloo-Road, Spitalfields oder Bethnal-Green zu folgen. Durch köstliche Beobachtungen auf dem Lande und in der Stadt, durch den Witz, der zwischen fernen und bekannten Dingen Aehnlichkeiten auffindet, und durch humoristische persönliche Skizzen und Erlebnisse sind diese in ihrer Art vollkommen.

»Ich habe,« sagt er in einem dieser Artikel, »vor mir ein Stück kentischer Landstraße, das auf einer Seite von einem Walde begrenzt ist und auf der andern, zwischen dem Straßenstaube und den Bäumen, von einem Grasflecken besäumt wird. Wilde Blumen wachsen im Ueberfluß an dieser Stelle und sie liegt hoch und luftig da, mit der Aussicht auf einen fernen Fluß, der langsam dem Ocean zufließt, wie eines Menschen Leben. Um hier den Meilenstein zu erreichen, den Moos, Primeln, Veilchen, Glockenblumen und wilde Rosen bald unleserlich machen würden, wenn hinschauende Reisende sie nicht mit ihren Stöcken bei Seite schöben, muß man einen steilen Hügel hinaufsteigen, von welcher Seite man auch kommen mag. So finden sämmtliche Landstreicher, mit Karren oder Karavanen – der Zigeuner-Landstreicher, der Marktbuden-Landstreicher, der Hausirer –, es unmöglich, den Versuchungen des Ortes zu widerstehen und alle spannen die Pferde aus, wenn sie hinkommen und setzen ihre Töpfe auf's Feuer. Sei der Ort gesegnet! Ich liebe die Asche der Vagabundenfeuer, welche sein Gras versengt haben.« Dort war es, wo er Dr. Marigold und Chops, den Zwerg und die weißhaarige Dame mit den rothen Augen fand, die mit dem Riesen eine Fleischpastete aß. So hat auch in seinen »Scheuen Nachbarschaften«, wo er seine Erfahrungen über die schlechte Gesellschaft mittheilt, welche die Vögel lieben und über die Wirkung, welche das Leben in schlechten Quartieren auf das Federvieh ausübt, seine Art den Gegenstand zu behandeln den ganzen Zauber einer Entdeckung. »Daß irgend etwas aus einem Ei Geborenes und mit Flügeln Begabtes so weit kommen kann, daß es zufrieden eine Leiter in einen Keller hinunterhüpft und das nach Hause gehen nennt, ist eine so erstaunliche Thatsache, daß man sich über nichts dahin Gehöriges mehr wundern kann.« Eine seiner Illustrationen zu diesem Gegenstande ist eine herunter gekommene Familie von Bantam-Hühnern, deren einziger Genuß darin besteht, sich in dem Seiteneingang eines Trödelladens zusammenzudrängen, die aber aussehen, als wären sie eben erst zur Welt gekommen und immer von ängstlich flatternder Sorge erfüllt sind, daß man sie entdecken möchte. Er vergleicht sie mit andern. »Ich kenne einen gemeinen Gesellen, ursprünglich ans einer guten Familie in Dorking, der seinen ganzen Haushalt von Weibern der Reihe nach zu dem einen Eingange einer Schenke in der Nähe des Haymarket hineinführt, sie zwischen den Beinen der dort versammelten Gesellschaft hindurchleitet, mit ihnen an dem andern Eingang wieder auftaucht und so sein Leben hinbringt, wobei er, während der Saison, selten vor zwei Uhr Morgens zu Bette geht . . . Aber die Familie, mit der ich am besten bekannt bin, wohnt in dem bevölkertsten Theile von Bethnal-Green. Ihre Abstraktion von den Gegenständen, unter denen sie wohnen, oder vielmehr ihre Ueberzeugung, daß diese Gegenstände alle zu dem besonderen Zweck in's Dasein gerufen sind, den Hühnern zu dienen, hat mich so bezaubert, daß ich sie zum Gegenstande vieler, zu verschiedenen Stunden unternommener Wanderungen gemacht habe. Nach sorgfältiger Beobachtung der zwei Herren und der zehn Damen, aus welchen diese Familie besteht, bin ich zu dem Schlusse gekommen, daß ihre Ansichten repräsentirt werden durch den Hauptherrn und die Hauptdame, die Letztere, wie mir scheint, eine alte Person, behaftet mit einem Mangel an Federn und einer Sichtbarkeit der Federkiele, die ihr das Ansehn eines Bündels von Büreaufedern gibt. Wenn ein Güterwagen, der einen Elephanten zermalmen würde, auf der Pferdebahn um die Ecke kommt und über diese Hühner dahin eilt, tauchen sie unverletzt unter den Pferden hervor, vollkommen überzeugt, daß das ganze Vorüberrauschen ein durch die Luft fliegendes Besitzthum war, das etwas zu essen zurückgelassen haben mag. Sie sehen alte Schuhe, Reste von Kesseln und Töpfen und Fragmente von Hüten als eine Art meteorischen Niederschlag an, der dazu da ist, daß die Hühner daran herumhacken . . . Gaslicht kommt ihnen grade so natürlich vor, wie jedes andre Licht und es ist mehr als ein bloßer Verdacht bei mir, daß das früh öffnende Bierhaus an der Ecke in dem Geist der beiden Herren die Sonne ersetzt hat. Sie fangen immer an zu krähen, wenn die Laden des Bierhauses abgenommen werden, und sie begrüßen den Kellner, sowie er erscheint, um diese Pflicht zu erfüllen, als wäre er Phöbus in eigner Person.« Die Wahrheit des persönlichen Abenteuers in demselben Essay, das als Beweis für eine Neigung zu schlechter Gesellschaft bei den civilisirteren Mitgliedern des befiederten Geschlechts erzählt wird, bin ich selbst im Stande zu verbürgen. Als er eines Tages an einem schmutzigen Hofe in Spitalfields vorbeikam, zog der schnelle geschäftige kleine Verstand eines Goldfinken, der sich in seinem Käfig selbst Wasser schöpfte, ihn so an, daß er den Vogel, der auch andre Talente besaß, kaufte; aber kein einziges dieser Talente wollte das kleine Geschöpf in seiner neuen Wohnung in Doughty-Street zeigen und Wasser schöpfte er nur verstohlen, oder unter dem Schutze der Nacht. »Nach einer Zwischenzeit vergeblicher und endlich hoffnungsloser Erwartung wandte ich mich an den Händler, der ihn erzogen hatte. Der Händler war ein Mann mit krummen Beinen, mit einer flachen, kissenartigen Nase, wie die letzte neue Erdbeere. Er trug eine Pelzkappe und Kniehosen und war von der Race, die sich in Manchester-Sammt kleidet. Er ließ sagen, er wolle ›herumkommen‹. Er kam herum, erschien an der Thüre des Zimmers, und richtete sein böses Auge leise gegen den Goldfinken. Sofort befiel den Vogel ein rasender Durst, und als derselbe gestillt war, zog er noch mehrere unnöthige Eimer Wasser, sprang auf seinem Stock umher und schärfte sich den Schnabel mit ununterdrückbarer Befriedigung.«

Die Artikel des Ungeschäftlichen Reisenden, die beiden Romane und die Weihnachtsgeschichten waren Dickens' wichtigste Beiträge zu All the Year Round; aber nach der Vollendung des ersten jener Romane druckte er auch eine kurze Erzählung mit dem Titel »Niedergejagt« darin ab, die er ursprünglich für eine amerikanische Zeitung, den New York Ledger, geschrieben hatte. Den Gegenstand hatte er dem Leben eines schon erwähnten notorischen Verbrechers entlehnt und ihr Hauptanspruch auf Beachtung war das dafür bezahlte Honorar. Für eine Erzählung, die nicht länger war als die Hälfte eines der Monatshefte von Chuzzlewit oder Copperfield hatte er tausend Pfund erhalten. Acht Jahre später schrieb er »Ferienroman« für ein von Fields herausgegebenes Kindermagazin und »George Silverman's Erklärung« – von derselben Länge und für dasselbe Honorar. Es gibt, glaube ich, keine andern Fälle der Art in der Geschichte der Literatur. Es war eins der Anzeichen des lebhaften Verlangens, welches sein Eintreten in die Laufbahn eines öffentlichen Vorlesers in Amerika erweckt hatte, ihn zu einem nochmaligen Besuch jenes Welttheils zu bewegen, und um dieselbe Zeit, als ihm jene großartige Anerbietung von der New-Yorker Zeitung gemacht wurde, drängte Mr. Fields aus Boston, der damals zum Besuche in Europa war, ihn so sehr, zu gehen, daß sein Entschluß beinahe erschüttert wurde. »Ich bringe jetzt,« schrieb er mir am 9. Juli 1859 aus Gadshill, »die Geschichte zweier Städte so weit, daß ich, wenn ich mich entschließen sollte, zu Ende September nach Amerika zu gehen, zu allen Zeiten wieder anfangen und mit großer Energie weiter schreiben könnte. Mr. Fields ist auf einen Tag hier gewesen und weist mit der größten Entschiedenheit darauf hin, daß keinerlei Nachtheil, keine commercielle Aufregung oder Krisis, keine politische Agitation zu fürchten ist, und daß eine so in jeder Hinsicht günstige Gelegenheit sich in vielen Jahren nicht wieder finden möge. Ich würde einer der unglücklichsten Menschen sein, wenn ich ginge, und doch kann ich nicht hindern, daß die mir vorgeführte goldne Aussicht mich sehr aufregt und beeinflußt.«

Er gab nichtsdestoweniger einer andern Ueberzeugung nach und vorläufig sollte der Besuch nicht stattfinden. Achtzehn Monate später begann der Bürgerkrieg und Amerika wurde jedem solchen Unternehmen auf fast fünf Jahre verschlossen.

 

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