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Charles Dickens' Leben. Dritter Band

John Forster: Charles Dickens' Leben. Dritter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
typebiography
booktitleCharles Dickens' Leben
authorJohn Forster
translatorFriedrich Althaus
year1872-1875
publisherVerlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)
addressBerlin
titleCharles Dickens' Leben. Dritter Band
created20120804
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.

Die ersten bezahlten Vorlesungen.
1858–1859.

Dickens hielt seine bezahlten Vorlesungen nach einander, in nicht langen Zwischenräumen, zu vier verschiedenen Zeiten: 1858–59, 1861–63, 1866–67 und 1868–70, die erste Serie unter der Geschäftsführung von Arthur Smith, die zweite unter derjenigen Mr. Headland's, und die dritte und vierte in Amerika und später, unter derjenigen George Dolby's. Die Hinweisungen in dem gegenwärtigen Kapitel beziehen sich nur auf die erste Serie.

Dieselbe begann in St. Martin's Hall mit sechzehn Vorlesungen, wovon die erste am 29. April, die letzte am 22. Juli 1858 gehalten wurde; und hierauf folgte eine, 87 Vorlesungen umfassende Tour durch die Provinzen, die am 2. August. in Clifton anfing und am 13. November in Brighton endete und sowohl Irland und Schottland, als die Hauptstädte Englands einschloß. Dazu kamen drei Weihnachtsvorlesungen, drei Vorlesungen im Januar und zwei im Februar 1859 in London und vierzehn Vorlesungen im Oktober desselben Jahres in den Provinzen, die in Ipswich und Norwich anfingen, Oxford und Cambridge umfaßten und mit Birmingham und Cheltenham schlossen. Die Serie belief sich im Ganzen auf 125 Vorlesungen, als sie am 27. Oktober 1859 endete, und ohne die Charakterzüge und die Schilderungen seiner Briefe aus der Zeit, während er so beschäftigt war, würde das Bild des Mannes nicht vollständig sein.

Schon die folgende Skizze eines Tagewerks bei der Eröffnung der Vorlesungen wird eine kleine Vorstellung von den Strapazen geben, welche sie mit sich brachten. »Am Freitag kamen wir von Shrewsbury nach Chester, sahen daß Alles für den Abend in Ordnung war und gingen dann nach Liverpool. Kamen zurück von Liverpool und lasen in Chester vor. Verließen Chester um 11 Uhr Abends nach der Vorlesung und gingen nach London. Kamen am Sonnabend Morgen um 5 Uhr in Tavistock House an, verließen es ein Viertel nach 10 Vormittags und kamen hierher.« (Gadshill, 15. August 1858.)

Die »größte persönliche Zuneigung und Achtung« hatte ihn überall begrüßt. Sie hätte »nicht stärker und wärmer ausgedrückt« werden können, und die Vorlesungen waren wunderbar »gegangen«. Was ihm in dieser Hinsicht, beim Beginn seiner Abenteuer, den größten Eindruck gemacht hatte, war Exeter. »Ich glaube, es war die beste Zuhörerschaft, vor der ich je gelesen; ich glaube nicht, daß ich je irgendwie so gut gelesen habe, und ich habe nie etwas der persönlichen Zuneigung Aehnliches gesehen, die sie am Ende über mich ausströmten. Ich werde immer mit Vergnügen darauf zurückblicken.« Er verlor in diesen frühen Tagen oft die Stimme, weil er die Kunst, damit hauszuhalten, noch lernen mußte, und bei dem Versuch, sie wieder zu gewinnen, verschwendete er oft seine Kraft. »Ich glaube, ich sang, während ich umherging, die Hälfte der Irischen Melodieen in mich hinein, um sie zu versuchen.«

Eine Zuhörerschaft von zweitausend und dreihundert Personen (die größte, die er je gehabt hatte) begrüßte ihn in Liverpool, auf seinem Wege nach Dublin, und, abgesehen von den schon vorher verkauften Billetten, wurden 200 Pfd. St. an den Thüren eingenommen. Diese große Einnahme versetzte seine Geschäftsführer in einige Aufregung. »Sie wiesen Hunderte an den Thüren zurück, verkauften alle Bücher, wälzten sich auf dem Boden meines Zimmers knietief in Wechseln und machten aus dem Ganzen eine vollständige Pantomime.« (20. August.) Er mußte die Vorlesung dreimal wiederholen.

Es war das erstemal daß er nach Irland kam, und Dublin überraschte ihn sehr, da es so viel größer und volkreicher schien als er erwartet hatte. Er fand, daß es im Ganzen ein unerwartet blühendes Aussehen habe und, wie er zuerst meinte, beinahe so groß sei als Paris, an welches einige Theile, wie die Quais an dem Flusse, ihn erinnerten. Es bedurfte die Hälfte des ersten Tages, den er dort war, um die Stadt zu durchforschen, wobei er zu Fuße ging bis er müde war und dann einen Wagen nahm. »Power, in dem Kostüm Teddy des Schieferdeckers, fuhr mich. Er hatte einen Anzug von Flicken und trug einen seit zwanzig Jahren nicht gebürsteten Hut. Wunderbar angenehm, leicht, intelligent und sorglos.« Ein Brief an seine älteste Tochter gab humoristische Zusätze zu dieser Beschreibung. »Der Mann, der uns gestern in unserm offenen Wagen fuhr, hatte kein Stück in seinem Rocke, das so groß war wie ein Pennybrot, und hatte seinen Hut (wie es schien ohne ihn zu bürsten) aufgehabt seit er herangewachsen war. Aber er war merkwürdig intelligent und angenehm, und hatte über Alles etwas zu sagen. Zum Beispiel, als ich ihn fragte, was ein gewisses Gebäude wäre, sagte er nicht, ›der Gerichtshof‹ und weiter nichts, sondern ›Wenn's beliebt, Sir, 's ist der Gerichtshof, wo Mister O'Connel früher seinen Proceß hatte, wie Sie sich erinnern werden, Sir, ehe ich's Ihnen sage.‹ Als wir in den Phönix Park kamen, blickte er umher als gehörte der Park ihm und sagte: ›Das ist ein Park, Sir, wenn's beliebt!‹ Ich lobte ihn, und er sagte: ›Ich habe von Herren gehört, Sir, die in ganz Europa gewesen sind, und sagen, daß sie nichts Aehnliches gesehen haben. Drüben ist der vicekönigliche Palast, Sir, in diesen zwei Ecken wohnen die beiden Secretäre, wünschend daß ich sie wäre, Sir. Das ist Luft hier, Sir, wenn's beliebt. Das ist Gegend hier, Sir! Das sind Berge, Sir! Halten Sie's für 'nen Park, Sir? 'S ist ein Park, Sir!‹« Die Anzahl gewöhnlicher Leute, die er auf seiner Spazierfahrt, »auch so schnell als es irgend ging, in offenen Wagen umherfahren sah«, brachte ihm eine entferntere Scene in Erinnerung, und wäre nicht die Kleidung so verschieden gewesen, hätte er denken können, er befinde sich auf dem Toledo in Neapel.

In Bezug auf die Zahl seiner Zuhörer und die Art seines Empfanges war Dublin einer seiner bemerkenswerthesten Erfolge. Er bezweifelte etwas ihr Verständniß für das Pathetische, aber über ihren lebendigen Sinn für das Humoristische konnte ebenso wenig ein Zweifel bestehen, als über ihre Herzlichkeit. Er verstand sich ausgezeichnet mit dem Dubliner Volk. Die irischen Mädchen trieben es in einem Punkte noch weiter als die amerikanischen. (Vgl. Bd. I. S. 357.) Er schrieb an seine Schwägerin: »Beiläufig bemerkt, haben die Damen jeden Abend, seit ich in Irland bin, Johann das Bouquet aus meinem Rock abgeschwatzt, und gestern Morgen, als ich bei der Vorlesung vom Kleinen Dombey die Blätter meines Geraniums hatte fallen lassen, stiegen sie, nachdem ich fort war, auf die Plattform und suchten sie alle zum Andenken auf.« Einige Tage vorher hatte er an dieselbe Correspondentin geschrieben: »Die Zeitungen sind voll von Bemerkungen über mein weißes Halstuch und erklären, es sei von ungeheuerer Größe, was eine wunderbare Täuschung ist, denn, wie Du sehr wohl weißt, ist es ein kleines Halstuch. Es freut mich berichten zu können, daß im Allgemeinen die smaragdne Presse mit meiner äußeren Erscheinung zufrieden ist und meine Augen leiden mag. Aber ein Herr veröffentlicht in Cork einen Brief, worin er sagt, daß ich, obgleich erst 46 Jahre alt, wie ein alter Mann aussehe.« Der Stiefelknecht in seinem Hotel drückte die allgemeine Empfindung von einem patriotischen Gesichtspunkte aus. »Er erwartete mich gestern Abend an der Thüre des Hotels. ›Wie g'fallt Ihne unser Haus, Sir?‹ fragte er mich.– ›Ausgezeichnet.‹ – ›Der Herr sei gelobt, zur Ehre Dublin's!‹« Als er am folgenden Morgen aufstand, hatte er in dem Hotel eine Unterhaltung mit einem kleineren Einwohner, einem kleinen Jungen von dem reifen Alter von sechs Jahren, die er in einem Briefe an seine Schwägerin als einen Dialog zwischen Alt-England und Jung-Irland darstellte, – ein ungenügender Bericht, weil zu der vollen Wirkung die lebendige Nachahmung fehlte. »Ich sitze auf dem Sopha, schreibend, und finde ihn neben mir sitzen.

Alt-England. Ei, sieh da, alter Kerl!

Jung-Irland. Ei, – sieh da!

Alt-England (in seiner hinreißenden Art). Was für ein netter alter Kerl Du bist! Ich habe kleine Jungen sehr gern.

Jung-Irland. Hast Du? Hast ganz recht.

Alt-England. Was lernst Du, alter Kerl?

Jung-Irland (Alt-England aufmerksam betrachtend und immer kindisch, außer in seinem Dialekt). Ich lerne Wörter von drei Silleben – und Wörter von zwei Silleben – und Wörter von einer Sillebe.

Alt-England (heiter). Fort mit Dir, Du Humbug, Du lernst nur Wörter von einer Silbe.

Jung-Irland (lacht herzlich). Du kannst sagen, daß es meistens Wörter von einer Sillebe sind.

Alt-England. Kannst Du schreiben?

Jung-Irland. Noch nicht. Eins nach dem Andern.

Alt-England. Kannst Du rechnen?

Jung-Irland (sehr schnell). Was ist das?

Alt-England. Kannst Du Zahlen machen?

Jung-Irland. Ich kann eine Null machen, was nicht leicht ist, da sie rund ist.

Alt-England. Höre alter Junge, warst Du das nicht, den ich am Sonntag Morgen in einer Militärmütze in der Halle sah? Du weißt! – In einer Militärmütze?

Jung-Irland (in tiefem Nachdenken). War es eine sehr gute Mütze?

Alt-England. Ja.

Jung-Irland. Paßte sie ungewöhnlich gut?

Alt-England. Ja.

Jung-Irland. Dann war ich's.«

Der letzte Abend in Dublin bot ein außerordentliches Schauspiel dar. »Du kannst es Dir kaum vorstellen. Den ganzen Weg vom Hotel nach der Rotunde (eine halbe Stunde weit) mußte ich gegen den Strom von Leuten ankämpfen, die keine Plätze mehr hatten bekommen können. Als ich hinkam, hatte man die Fenster in den Zahlbüreaus zerbrochen und manche boten 5 Pfd. St. für einen Sperrsitz. Die Hälfte meiner Plattform mußte abgenommen werden und die Leute wurden in die Ruinen hineingehäuft. Nie hatte ich eine solche Scene gesehen.« Aber er wollte trotzdem nach seinen andern Vorlesungen in Irland nicht noch einmal nach Dublin zurückkehren. »Ich habe entschieden Nein gesagt. Die Arbeit ist zu anstrengend. Es ist nicht wie wenn es in einem bequemen Zimmer und immer in demselben Zimmer geschähe. Jeden Abend an einem verschiedenen Orte und jeden Abend vor einer verschiedenen Zuhörerschaft mit ihren besonderen Eigenthümlichkeiten, ist es eine gewaltige Anstrengung. Mir ist als wäre ich immer entweder in einem Eisenbahnwaggon, oder läse, oder ginge zu Bett; und so oft ich eine freie Minute habe, daran zu denken, werde ich so müde, daß ich dann selbstverständlicherweise zu Bette gehe.«

Belfast gefiel ihm in seiner Art ebenso sehr als Dublin. »Ein schöner Ort mit einem rauhen Volke; Alles sieht wohlhäbig aus; die Eisenbahnfahrt von Dublin ist ganz staunenswerth durch die Ordnung, Nettigkeit und Reinlichkeit von Allem was man sieht; jedes Bauernhaus sieht aus, als wäre es den Tag vorher geweißt und viele haben hübsche wohlgepflegte Gärten, mit schönen Blumen geziert.« Auch war sein Erfolg ebenso groß als in Dublin. »Ungeheuere Zuhörerschaften. Wir schicken die halbe Stadt fort. Die Zuhörerschaft scheint mir im Ganzen besser als die in Dublin und die persönliche Zuneigung ist ganz überwältigend. Ich möchte, Du und die lieben Mädchen« (er schreibt an seine Schwägerin) »hätten sehen können, wie die Leute in der Straße mich anblickten, oder hören können, wie sie mich baten, als ich nach der Vorlesung gestern Abend in's Hotel zurückeilte: ›Erlaubt mir Euch die Hand zu drücken, Mister Dickens, und Gott segne Euch, Sir; nicht bloß für das Licht, das Ihr mir heute Abend gewesen seid, sondern für das Licht, das Ihr mir in meinem Hause gewesen seid (und Gott möge Euer Gesicht lieben! ) viele Jahre lang!‹« »Ich wurde dem, was ich zuweilen über meinen Ruhm träume, sehr nahe gebracht,« sagt er in einem Briefe an mich von späterem Datum, aus York, »als eine Dame, deren Gesicht ich nie gesehen, mich gestern in der Straße anhielt und zu mir sagte. Mr. Dickens, lassen Sie mich die Hand berühren, die mein Haus mit so vielen Freunden angefüllt hat.« Oktober, 1858. Nie hatte er Menschen so rückhaltslos weinen sehen, wie in Belfast, als er Dombey vorlas; und was den Stiefelknecht und Mrs. Gamp betraf, so »war es bei mir und bei ihnen ein schallendes Gelächter. Denn sie machten mich so lachen, daß es mir zuweilen unmöglich war, eine ernsthafte Miene anzunehmen und fortzufahren.« Die größte Probe dieser Art hatte er jedoch etwas später in Harrogate zu bestehen, »dem wunderlichsten Ort, mit den seltsamsten Leuten, die das kurioseste, aus Tanzen, Zeitungslesen und Table d'Hote zusammengesetzte Leben führen« – wo er, während derselben Vorlesung, Verkörperungen der Thränen sowohl als des Gelächters wahrnahm, zu denen er seine Mitgeschöpfe so reichlich bewegt hat. »Bei dem kleinen Dombey gestern Morgen« (er schreibt noch an seine Schwägerin) »war ein Herr da, der den tiefsten Kummer zur Schau trug, oder vielmehr verbarg. Nachdem er ziemlich viel geweint hatte, ohne es zu verbergen, bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen und legte es auf die Lehne des Sitzes vor ihm und zitterte wahrhaft vor innerer Erregung. Er war nicht in Trauer, aber ich dachte mir, daß er in alten Zeiten ein Kind verloren hätte . . . Dann war auch ein merkwürdig guter Mensch von etwa dreißig Jahren da, der in Toots etwas so ungeheuer Lächerliches fand, daß er sich nicht wieder beruhigen konnte, sondern lachte, bis er sich die Augen mit dem Taschentuch trocknen mußte, und so oft er fühlte, daß Toots wiederkam, fing er von Neuem an zu lachen und sich die Augen abzuwischen; und als Toots noch einmal kam, gab er eine Art Schrei von sich, als wäre es zu viel für ihn. Es war außerordentlich komisch und machte mich herzlich lachen.«

In Harrogate las er zweimal an einem Tage (einem Sonnabend) und mußte einen Extrazug bestellen, der ihn an jenem Abend nach York zurückführte. Er erreichte York um ein Uhr Morgens und mußte, wegen der sonntäglichen Reisebeschränkungen, an demselben Morgen um halb fünf Uhr wieder von dort aufbrechen, um zur rechten Zeit für eine Vorlesung am Montage in Scarborough einzutreffen. Solche Strapazen wurden selbstverständlich, aber ihre Folgen waren ernst, obgleich er es damals nicht bemerkte. »In York hatte ich ein prächtiges Publikum und hätte das Lokal eine Woche lang füllen können . . . Das Publikum scheint mir dort ein besseres Urtheil zu besitzen, als irgend ein andres, vor dem ich bis jetzt gelesen. Der Verkauf von Plätzen in Manchester für nächsten Sonnabend ist ungeheuer, allein vierhundert Sperrsitze. Ich werde Dir bald die Liste der Orte bis zum 15. November schicken können, dem Ende. Ich werde, o recht herzlich froh sein, wenn diese Zeit kommt! Aber ich muß sagen, daß die Intelligenz und die Wärme der Zuhörer ein mächtiges erhaltendes Element bilden, das mich immer wieder kräftigt. Zuweilen, ehe ich in die Vorlesung gehe (besonders, wenn sie mitten am Tage stattfindet), drückt der Gedanke daran mich so nieder, daß ich mich der Aufgabe nicht im mindesten gewachsen fühle. Aber die Leute heben mich sofort über diese Stimmung empor und ich finde, daß ich in einer Viertelstunde Alles, außer ihnen und dem Buche, vollständig vergessen habe.«

Der Empfang, der ihn in Manchester erwartete, war von ganz besonderer Wärme, wegen des feindlichen Tones, welchen eine der lokalen Zeitungen in Bezug auf den Brief angenommen hatte, der vor Kurzem durch einen Treubruch gedruckt worden war. ›Meinen verletzten Brief‹, nannte Dickens ihn immer. »Als ich am Sonnabend nach Manchester kam, fand ich, daß siebenhundert Sperrsitze verkauft waren. Als ich Abends in die Halle ging, hatten 2500 Personen bezahlt und mehr wurden an allen Thüren abgewiesen. Das Willkommen, das sie mir gaben, war gewaltig in seiner liebevollen Anerkennung meiner jüngsten Leiden und übermannte mich wirklich einmal. Nie sah ich einen solchen Anblick, oder hörte einen solchen Klang. Als sie dies gründlich gethan hatten, ließen sie sich nieder, um ihr Vergnügen zu genießen und sie genossen es mit ganzem Herzen, bis zur letzten Minute.« Auch während des Restes seiner englischen Tour, in keiner der Städte, die ihm noch zu besuchen blieben, hatte er Grund, sich über den Mangel an herzlicher Begrüßung zu beklagen. In Leeds floß die Halle in einer halben Stunde über. In Hull mußte Arthur Smith an die gewaltige Versammlung von der Treppe der Galerie eine Ansprache halten, und neue Vorlesungen mußten Tag und Nacht gegeben werden, »für die Leute außerhalb der Stadt und für die Leute in der Stadt«.

Der Reinertrag für ihn selbst hatte sich bis dahin auf mehr als 300 Pfd. St. wöchentlich belaufen, »Das ist ohne Frage sehr bedeutend, denn unsre Ausgaben sind nothwendigerweise groß und unsre Reisegesellschaft besteht immer aus fünf Personen.« Eine andre Quelle des Gewinns war der Verkauf von Exemplaren der von ihm selbst arrangirten Vorlesungen. »Unsre Leute allein verkaufen sechs, acht und zwölf Dutzend den Abend.« Ein späterer Brief sagt: »Die Leute mit den Vorlesungsbüchern verkauften in Manchester zwanzigmal jeden neuen Vorrath. Nachdem von dem Armen Reisenden, dem Stiefelknecht und Gamp elf Dutzend in ungefähr zehn Minuten verkauft waren, hatten sie keine mehr übrig, und Manchester wurde grün von den kleinen Heften, in jedem Buchladen, auf jedem Omnibus und in allen Straßen. Ihr Verkauf muß, auch abgesehen von uns, sehr groß sein.« – »Habe ich Dir erzählt,« schreibt er in einem andern Briefe, »daß die buchhändlerischen Agenten für unsre Billette allgemein sagen, daß die Vorlesungen den Verkauf der Bücher, woraus sie genommen sind, entschieden vermehren? Wir hörten dies zuerst von einem Mr. Parke, einem reichen alten Herrn, mit einem großen Geschäft in Wolverhampton, der Alles aus Liebe that und nicht einen Heller von mir annehmen wollte. Seitdem begegnen wir derselben Ansicht überall und M'Glaschin und Gill in Dublin äußerten sich sehr stark in diesem Sinne.« aber dies war nichts im Vergleich zu dem Ertrage in Schottland, wo sein Profit in einer Woche, nach Bezahlung aller Kosten, 500 Pfd. St. betrug. Das Vergnügen wurde vermehrt durch die Gegenwart seiner beiden Töchter, die sich ihm auf der Reise nach Schottland angeschlossen hatten. Zuerst war das Aussehen von Edinburgh nicht viel versprechend. »Wir fingen an in einem für uns ärmlichen Zimmer. Aber die Wirkung jener Vorlesung (es waren die Sylvesterglocken) war ungeheuer und am nächsten Abende hatten wir für den Kleinen Dombey ein volles Zimmer. Er ist überall unser größter Triumph. Am Abend darauf ( Der arme Reisende, der Stiefelknecht und Gamp) mußten wir viele Hunderte von Leuten abweisen und gestern Abend, bei dem Carol, mußten die Leute, trotz der schon am Morgen erlassenen Ankündigung, daß keine Billette mehr zu verkaufen seien, sich durch eine solche Menschenmenge hindurchdrängen, daß es die größte Mühe kostete, einen Gang in den Saal frei zu halten. Sie saßen um mich her auf der Plattform, standen in der Thür des Wartezimmers, drückten sich in jeden erdenklichen Platz hinein, und doch mußte wieder eine Menge fortgeschickt werden. Ich glaube, ich bin mit dem was in Edinburgh gethan ist, zufriedener als mit dem was irgendwo sonst gethan ist. Es wurde so vollständig mit Sturm genommen und sich selbst zum Trotz fortgerissen. Mary und Katey hat Edinburgh außerordentlich gefallen und interessirt. Wir sind eben im Begriff uns zu Tische zu setzen; daher breche ich meine Epistel hier ab. Reisen, Diniren, Lesen und alles Andre drängt sich in dieses seltsame Leben zusammen.«

Dann kam Dundee. »Ein sonderbarer Ort,« schrieb er, »wie Wapping, mit hohen schroffen Bergen dahinter. Wir hatten die seltsamste Reise hierher, Stücke See und Stücke Eisenbahn mit einander abwechselnd, was mir die Erinnerung an das Reisen in Amerika wachrief. Die Halle ist neu und von gewaltiger Größe und gehört Lord Kinnaird, Lord Panmure und einigen Andern der Art. Sie sieht aus, wie ein Mittelding zwischen dem Krystallpalast und der Westminsterhalle (ich kann mir nicht denken, wer sie an diesem Orte gebraucht) und ist nie zu öffentlichen Vorträgen benutzt worden. Ich hoffe, ganz selbstlos natürlich, daß sie ihren Zweck erfüllen wird.« Die Leute fand er, in Bezug auf Geschmack und Einsicht, tieferstehend als alle andern in Schottland, aber sie wachten in überraschender Weise auf und der Rest seiner Caledonischen Tour war eine Reihe von Triumphen. »In Aberdeen war unser Lokal zweimal an einem Tage bis an die Straße gedrängt voll. In Perth (wo ich bei meiner Ankunft meinte, es sei buchstäblich Niemand da, der kommen würde) kam der Landadel sieben bis acht Meilen weit in der Runde hereingefahren und die ganze Stadt kam außerdem und füllte eine ungeheuere Halle. Sie waren so voll von Einsicht, Feuer und Begeisterung als irgend ein Publikum, das ich gesehen. In Glasgow, wo ich an drei Abenden und an einem Nachmittage las, nahmen wir die erstaunlich große Summe von sechshundert Pfund ein! Und zwar bei den Manchester-Preisen, die niedriger sind als die in St. Martin's Hall. Was die Wirkung betrifft, so wünsche ich, Du hättest sie sehen können, nachdem Lilian in den Sylvesterglocken gestorben war, oder als Scrooge in dem Weihnachtsliede aufwachte und mit dem Knaben aus dem Fenster sprach. Und am Ende von Dombey gestern Nachmittag, im kalten Lichte des Tages, standen sie Alle nach einer kurzen Pause leise und einfach auf und donnerten und schwenkten die Hüte mit so erstaunlicher Herzlichkeit, daß ich zum erstenmal in meiner öffentlichen Laufbahn wirklich vollständig die Fassung verlor und die ganzen achtzehnhundert Leute mir auf die Seite zu taumeln schienen, als hätte ein Stoß von außen die Halle erschüttert. Nichtsdestoweniger muß ich Dir bekennen, daß ich sehr danach verlange an's Ende meiner Vorlesungen zu kommen und wieder zu Hause zu sein und mich hinsetzen und in meinem eigenen Studirzimmer denken zu können. Nur eine Freude ist ganz unvermischt gewesen. Die lieben Mädchen haben sich herrlich amüsirt und ihre Reise mit mir war in jeder Hinsicht ein großer Erfolg.«

Die Gegenstände seiner Vorlesungen während dieser ersten Tour waren das Weihnachtslied, die Sylvesterglocken, der Prozeß in Pickwick, die Kapitel über Paul Dombey, der Stiefelknecht in dem Holly Tree Inn. der arme Reisende (Capitän Doubledick) und Mrs. Gamp, und auf diese beschränkte er sich auch in den späteren Vorlesungen, welche im Herbst 1859 zum Abschluß kamen. Von diesen letzteren waren ohne Frage die erfolgreichsten immer das Weihnachtslied, die Scene aus Pickwick, Mrs. Gamp und Dombey, da die Lebendigkeit, Mannichfaltigkeit und Vollständigkeit seiner Charakterdarstellungen in diesen den größten Spielraum hatte. Hier lag, wie ich glaube, seine Stärke, mehr als in dem Pathos oder den ernsteren Stellen; doch dies ist weiter nichts als eine persönliche Ansicht, und seine Zuhörer gaben ihm viele Gründe andrer Meinung zu sein. Ich will hier zwei angenehme kleine Bücher nennen, die ganz besonders der Schilderung der verschiedenen Vorlesungen gewidmet sind – von seinem Freunde Charles Kent in England ( Charles Dickens as a Reader) und von Miß Kate Field in Amerika ( Pen Photographs).

Andre Vorgänge des in diesem Kapitel behandelten Zeitraums, sofern dieselben ein allgemeines Interesse haben, fordern jetzt noch eine kurze Erwähnung. Zu Ende des Jahres 1857 präsidirte Dickens bei der vierten Jahresversammlung der Warehausemen and Clerk's Schools, wobei er mit dem schärfsten Witz und dem heitersten Humor die Art von Schulen beschrieb und unterschied, welche ihm gefiel und mißfiel. Dem Frühling und Sommer des Jahres 1858 gehört die erste Sammlung seiner Schriften in einer gedrungenen Bibliothekform an, in der jeder der größeren Romane zwei Bände umfaßte. Im März brachte er Thackeray (der bei der Jahresversammlung des General Theatrical Fund den Vorsitz führte) ein warmes öffentliches Lob dar, als Einem für dessen Genie er die lebhafteste Bewunderung hege, der der Literatur zur Ehre gereiche und in dem die Literatur geehrt werde. Im Mai führte er den Vorsitz bei dem Artists Benevolent Fund und hielt eine ergreifende Rede zu Gunsten dieses vortrefflichen wohlthätigen Vereins. Im Juli nahm er ernsten Antheil an den Bemühungen um die Gründung des Royal Dramatic College und später ergänzte er dieselben durch eine Rede zu Gunsten der Herstellung von Schulen für die Kinder von Schauspielern, worin er Veranlassung nahm, seine Meinung auszusprechen, daß es keine Anstalten in England gebe, welche in geselliger Hinsicht so liberal seien als seine öffentlichen Schulen, und daß nirgends im Lande eine so vollständige Abwesenheit von Servilität gegen bloßen Rang, Stellung oder Reichthum zu finden sei. »Ein Knabe ist dort immer das, wozu seine Fähigkeiten oder persönlichen Eigenschaften ihn machen. Wir mögen in Bezug auf den Lehrplan und andre Dinge verschiedener Meinung sein, aber ich glaube nicht, daß über den in unseren Schulen aufrecht erhaltenen offenen, freien, männlichen unabhängigen Geist der mindeste Zweifel obwalten kann.« Im December gab man ihm ein öffentliches Festmal in Coventry, wo ihm, zum Dank für den Beistand, den er dem dortigen Literarischen Institut geleistet, eine von den Uhrmachern des Ortes verfertigte goldne Repetiruhr von besonderer Construktion überreicht wurde, hinsichtlich deren er das den Gebern gemachte Versprechen: sie solle hinfort die unzertrennliche Gefährtin seiner Arbeiten und Wanderungen sein und sein künftiges Tagewerk regeln, bis er mit dem Messen der Zeit fertig sei, treu hielt. An dem Tage, welcher dieser Feier folgte, präsidirte er bei der Institutional Association von Lancashire und Cheshire in der Freihandelshalle in Manchester, vertheilte Preise an Candidaten von hundert und vierzehn mit der Association zusammenhängenden Arbeiterbildungsvereinen, schilderte in seiner anziehendsten Sprache die wackern Arbeiter, welche die Preise gewonnen hatten, und schloß mit der Ermahnung, welche er nie unterließ mit seinen Lobreden auf die Erkenntniß zu verknüpfen: daß sie der Lehre des Erlösers folgen und nicht bloß den Verstand befriedigen solle. »Die Erkenntniß besitzt eine sehr beschränkte Macht, wenn sie nur den Kopf aufklärt; aber wenn sie auch das Herz bildet, hat sie Macht über Leben und Tod, über Leib und Seele und beherrscht die Welt.«

Dies war auch das Jahr, als Frith Dickens' Porträt vollendete, und im folgenden Frühling wurde es in der Akademie ausgestellt. »Ich möchte,« sagte Edwin Landseer, indem er davor stand, »er sähe weniger eifrig und geschäftig aus und nicht so sehr außer sich, oder über sich hinaus. Ich möchte ihn gern dann und wann schlafend und ruhig antreffen.« Es liegt Etwas in diesem Einwande und auch Dickens fühlte zu Zeiten Neid um Das, was, wie er wohl wußte, nie sein Loos sein konnte. Aber wer würde andrerseits die Früchte einer im Ganzen gesunden und heilsamen Thätigkeit gern verloren haben?

 

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