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Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleCastellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1983
isbn3-596-22295-8
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die »discipline«

Calvin-Bildnis von Pierre Woeiriot
Aus Calvins »Recueil des opuscules«, Genf 1566

Mit der Stunde, da dieser hagere und harte Mann im schwarz niederwallenden Priesterrock durch das Tor von Cornavin einzieht, beginnt eines der denkwürdigsten Experimente aller Zeiten: ein mit unzähligen Lebenszellen atmender Staat soll in einen starren Mechanismus, ein Volk mit allen seinen Gefühlen und Gedanken in ein einziges System verwandelt werden; es ist der erste Versuch einer völligen Gleichschaltung eines ganzen Volkes, der hier innerhalb Europas im Namen einer Idee unternommen wird. Mit einem dämonischen Ernst, einer großartigen systematischen Durchdachtheit geht Calvin an seinen verwegenen Plan, aus Genf den ersten Gottesstaat auf Erden zu schaffen: ein Gemeinwesen ohne das irdisch Gemeine, ohne Korruption, Unordnung, Laster und Sünde, das wahre, das neue Jerusalem, von dem das Heil des ganzen Erdkreises ausgehen soll – diese eine und einzige Idee ist von nun ab sein Leben, und sein Leben wiederum ein einziger Dienst an dieser einzigen Idee. Furchtbar ernst, heilig ehrlich ist es diesem ehernen Ideologen mit seiner erhabenen Utopie, und niemals in dem Vierteljahrhundert seiner geistigen Diktatur hat Calvin daran gezweifelt, daß man die Menschen nur fördere, wenn man ihnen rücksichtslos jede individuelle Freiheit nimmt. Denn mit allen seinen Forderungen und unerträglichen Überforderungen meinte dieser fromme Despot von den Menschen nichts anderes zu verlangen, als daß sie richtig leben sollten, das heißt, dem Willen und der Vorschrift Gottes gemäß.

Das klingt in der Tat wirklich einfach und unwidersprechlich klar. Aber wie ist dieser Wille Gottes erkennbar? Und wo seine Weisung zu finden? Im Evangelium, antwortet Calvin, und nur im Evangelium. Dort atmet und lebt in ewig lebendiger Schrift Gottes Wille und Wort. Nicht durch Zufall sind die heiligen Bücher uns erhalten geblieben. Ausdrücklich hat Gott die Überlieferung ins Wort gefaßt, damit sein Gebot deutlich erkennbar sei und von den Menschen beherzigt werde. Dieses Evangelium war vor der Kirche und steht über der Kirche, und es gibt keine andere Wahrheit jenseits und außerhalb der Schrift (»en dehors et au delà«). Darum muß in einem wahrhaft christlichen Staate das Bibelwort, »la parole de Dieu«, als die einzige Maxime der Sitte, des Denkens, des Glaubens, des Rechts und des Lebens gelten, denn es ist das Buch aller Weisheit, aller Gerechtigkeit, aller Wahrheit. Am Anfang und am Ende steht für Calvin die Bibel, alle Entscheidung in allen Dingen gründet sich auf ihr geschriebenes Wort.

Mit dieser Einsetzung des Schriftwortes als höchste Instanz alles irdischen Verhaltens scheint Calvin eigentlich nur die wohlbekannte Urforderung der Reformation zu wiederholen. In Wahrheit aber macht er einen ungeheuren Schritt über die Reformation hinaus und entfernt sich sogar völlig aus ihrem ursprünglichen Gedankenkreis. Denn die Reformation hatte als eine seelisch-religiöse Freiheitsbewegung begonnen, sie wollte das Evangelium jedem Menschen frei in die Hände legen; statt des Papstes in Rom und der Konzile sollte die individuelle Überzeugung sich ihr Christentum formen. Diese von Luther eingesetzte »Freiheit des Christenmenschen« nimmt aber Calvin wie jede andere Form der geistigen Freiheit rücksichtslos den Menschen wieder fort; persönlich ist ihm das Wort des Herrn völlig klar, folglich verlangt er diktatorisch, daß ein Ende gemacht werde mit allem weiteren Deuten und Deuteln der göttlichen Lehre; unverrückbar, wie die steinernen Pfeiler die Kathedrale tragen, soll das Bibelwort »bleiben stahn«, damit die Kirche nicht ins Wanken komme. Nicht als der logos spermatikos, als die ewig sich weiterschaffende und umschaffende Wahrheit soll es von nun ab wirken und sich wandeln, sondern ein für allemal soll es in der von Calvin bestimmten Auslegung gelten.

Mit dieser Forderung Calvins ist de facto eine neue, eine protestantische Orthodoxie eingesetzt statt der päpstlichen, und mit Recht hat man diese neue Form dogmatischer Diktatur eine Bibliokratie genannt. Denn ein einziges Buch ist jetzt Herr und Richter in Genf, Gott der Gesetzgeber und sein Prediger der einzig berufene Ausleger dieses Gesetzes. Er ist der »Richter« im Sinne der Mosesbibel, und über den Königen und über dem Volk steht unwidersprechlich seine Gewalt. Ausschließlich die Bibelauslegung des Konsistoriums bestimmt jetzt statt des Magistrats und des bürgerlichen Rechts, was erlaubt ist und was verboten, und wehe dem, der sich in einer Einzelheit diesem Zwang zu widersetzen wagt! Denn als Aufrührer gegen Gott wird jeder gerichtet werden, der sich auflehnt gegen die Diktatur der Predigerschaft, und mit Blut wird in Bälde der Kommentar zur Heiligen Schrift geschrieben werden. Immer ist eine dogmatische Gewaltherrschaft, die aus einer Freiheitsbewegung ihren Aufstieg nahm, härter und strenger gegen die Idee der Freiheit als jede ererbte Macht. Immer werden, die selbst einer Revolution ihre Herrschaft verdanken, späterhin die Unnachsichtigsten und Unduldsamsten gegen jede Neuerung sein.

 

Alle Diktaturen beginnen mit einer Idee. Aber jede Idee gewinnt erst Form und Farbe an dem Menschen, der sie verwirklicht. Unausbleiblich muß die Lehre Calvins als geistige Schöpfung ihrem Schöpfer physiognomisch ähnlich werden, und man braucht nur in sein Antlitz zu blicken, um vorauszuwissen, daß sie härter, moroser und unfreudiger sein wird als je vordem eine Exegese des Christentums. Calvins Gesicht ist wie ein Karst, wie eine jener einsamen, abseitigen Felslandschaften, deren stummer Verschlossenheit nur Gott, aber nichts Menschliches gegenwärtig ist. Alles, was das Leben sonst fruchtbar, füllig, freudig, blühend, warm und sinnlich macht, fehlt diesem gütelosen, diesem trostlosen, diesem alterslosen Asketenantlitz. Alles ist hart und häßlich, eckig und unharmonisch in diesem düster-länglichen Oval: die enge und strenge Stirn, unter der zwei tiefe und übernächtige Augen wie glimmende Kohlen flackern, die scharfe, hakige Nase, herrschsüchtig vorgestoßen zwischen eingefallenen Wangen, der schmale, wie mit einem Messer geschnittene Mund, den selten jemand lächeln gesehen. Kein warmes Inkarnat leuchtet auf der eingesunkenen, trockenen, aschfarbenen, ausgedörrten Haut; es ist, als ob ein inneres Fieber vampirisch das Blut aus den Wangen gesogen hätte, so grau falten sie sich, so krank und fahl, außer in den kurzen Sekunden, da sie der Zorn mit hektischen Flecken überflammt. Vergeblich sucht der lang niederwallende biblische Prophetenbart (den all seine Schüler und Jünger gehorsam nachformen) diesem galligen und gelben Gesicht einen Anschein männlicher Kraft zu geben. Aber auch dieser Bart hat keinen Saft und keine Fülle, er rauscht nicht mächtig und gottvaterhaft nieder, sondern dreht sich in dünnen Zotteln herab, ein tristes Gestrüpp, das aus felsigem Grunde sprießt.

Ein heißer, ein von seinem eigenen Geist verbrannter und verbrauchter Ekstatiker, so wirkt Calvin auf den gemalten Tafeln, und schon möchte man Mitleid fühlen mit diesem übermüdeten, überanstrengten, von seiner eigenen Inbrunst aufgezehrten Menschen; aber niederblickend erschrickt man plötzlich vor seinen Händen, die unheimlich sind wie die eines Habsüchtigen, vor diesen abgemagerten, fleischlosen, farblosen Händen, die kalt und knochig wie Krallen alles, was sie einmal an sich raffen konnten, mit ihren zähen, geizigen Gelenken grimmig zu halten wissen. Undenkbar, daß diese beinernen Finger je zart eine Blume umspielten, den warmen Leib einer Frau liebkosten, daß sie sich herzlich und heiter einem Freunde entgegenstreckten; das sind Hände eines Unerbittlichen, und dank ihnen allein ahnt man die große und grausame Kraft des Herrschens und Haltens, die von Calvin zeitlebens ausgegangen ist.

Welch ein lichtloses, freudloses, welch ein einsames und abweisendes Gesicht, das Antlitz Calvins! Unfaßbar, daß jemand wünschte, das Bild dieses unerbittlichen Forderers und Mahners an der Wand seines Zimmers zu haben: der Atem würde einem kälter vom Munde fließen, fühlte man ständig den wachsam spähenden Blick dieses unfreudigsten aller Menschen über seinem täglichen Tun. Von Zurbaran könnte man sich Calvin am ehesten gemalt denken, in der spanisch-fanatischen Art, wie er die Asketen und Anachoreten dargestellt hat, dunkel in dunkel, von der Welt abgeschieden und in Höhlen hausend, vor sich das Buch, immer das Buch und allenfalls noch einen Totenkopf oder das Kreuz als die einzigen Symbole geistig-geistlichen Lebens; ringsumher aber eine kalte und schwarze, eine unnahbare Einsamkeit. Denn dieser Respektraum menschlicher Unnahbarkeit hat ein Leben lang um Calvin gefrostet. Von frühester Jugend an kleidet er sich in das gleiche mitleidlose Schwarz. Schwarz das Barett über der verkürzten Stirn, halb Kapuze eines Mönchs, halb Sturmhaube eines Soldaten, schwarz die weite, bis zu den Schuhen niederwallende Robe, die Kleidung des Richters, der unablässig die Menschen zu strafen, die Kleidung des Arztes, der ewig ihre Sünden und Schwären zu heilen hat. Schwarz, immer schwarz, immer die Farbe des Ernstes, des Todes und der Unerbittlichkeit. Kaum hat sich Calvin jemals anders gezeigt als im Symbol seines Amtes, denn nur als den Diener Gottes, nur im Gewände der Pflicht wollte er sich von den andern sehen und fürchten lassen, nicht als Menschen, als Bruder lieben. Aber hart gegen die Welt, ist er es auch gegen sich selbst gewesen. Ein Leben lang hat er seinen eigenen Körper in Zucht gehalten, nur das Allermindeste an Nahrung und Rast um des Geistigen willen dem Leiblichen zuerkennend. Drei Stunden, vier Stunden höchstens an Schlaf des Nachts, eine einzige frugale Mahlzeit des Tags, und diese rasch genommen neben dem aufgeschlagenen Buch. Nie aber ein Spaziergang, ein Spiel, eine Freude, eine Entspannung, und vor allem niemals eine wirkliche Lust: im letzten hat Calvin in seiner fanatischen Hingabe an das Geistige nur immer gewirkt, gedacht, geschrieben, gearbeitet, gekämpft, aber niemals eine Stunde sich selber gelebt.

Diese absolute Unsinnlichkeit ist neben seiner ewigen Unjugend der charakteristischeste Wesenszug Calvins; kein Wunder, daß er auch der gefährlichste für seine Lehre geworden ist. Denn während die andern Reformatoren glauben, Gott am treulichsten zu dienen, wenn sie alle Geschenke des Lebens dankbar aus seinen Händen nehmen, während sie als urgesunde normale Menschen sich ihrer Gesundheit und des Genießens freuen, während Zwingli bei seinem ersten Pfarrdienst gleich ein uneheliches Kind hinterläßt und Luther einmal lachend das Wort prägt: »Will die Frau nicht, tut's die Magd«, während sie tapfer trinken und schmausen und lachen, ist bei Calvin alles Sinnliche völlig unterdrückt oder nur in schattenhafter Spur vorhanden. Als fanatischer Intellektualist lebt er sich vollkommen im Wort und im Geist aus; nur das Logisch-Klare ist für ihn das Wahre, nur das Ordentliche versteht und duldet er, nie das Außerordentliche. Von nichts, das trunken macht, nicht vom Wein, nicht vom Weibe, nicht von der Kunst, von keiner der Gottesgaben der Erde hat dieser fanatisch Nüchterne jemals Lust gefordert oder empfangen. Das einzige Mal, da er, um der Bibelforderung Genüge zu tun, auf die Freite geht, vollzieht sich die Werbung so komödienhaft sachlich und kalt, als handelte es sich um eine Bücherbestellung oder um ein neues Barett. Statt selbst Umschau zu halten, beauftragt Calvin seine Freunde, ihm eine passende Gattin auszuwählen, und beinahe wäre der grimmige Sinnenfeind dabei an ein liederliches Mädchen geraten. Schließlich heiratet der Enttäuschte die Witwe eines von ihm bekehrten Wiedertäufers, aber ihm ist es vom Schicksal versagt, glücklich zu sein oder glücklich zu machen. Das einzige Kind, das seine Frau ihm zur Welt bringt, ist – man möchte fast sagen: selbstverständlich, weil von so blassem Blut und mit so kalten Sinnen gezeugt – lebensunfähig. Es stirbt nach wenigen Tagen, und als bald darauf seine Frau ihn als Witwer zurückläßt, ist damit für den Sechsunddreißigjährigen nicht nur das Eheliche, sondern auch das Weibliche schon ein für allemal erledigt. Bis zu seinem Tode, also noch die zwanzig besten Mannesjahre lang, hat dieser freiwillige Asket nie mehr eine andere Frau berührt, einzig dem Geistigen, dem Geistlichen, der »Lehre« verschworen.

Aber der Körper eines Menschen stellt ebenso seinen Anspruch auf Entfaltung wie der Geist, und grausam büßt, wer ihn vergewaltigt. Jedes Organ in einem irdischen Leibe begehrt instinkthaft, seinen naturgewollten Sinn voll auszuleben. Das Blut will gelegentlich wilder strömen, das Herz heißer hämmern, die Lungen wollen sich ausjauchzen, die Muskeln sich rühren, der Same sich verschwenden, und wer vom Intellekt her diesen vitalen Willen ständig hemmt und sich ihm entgegenstemmt, gegen den lehnen sich die Organe schließlich auf. Furchtbar ist die Rache, die der Körper Calvins an seinem Zuchtherrn genommen hat: um dem Asketen, der sie so behandelt, als ob sie nicht vorhanden seien, ihr Vorhandensein zu beweisen, erfinden die Nerven unablässige Qualen gegen ihren Despoten, und vielleicht wenige geistige Menschen haben je unter der Revolte ihrer Konstitution zeitlebens so sehr gelitten wie Calvin. In pausenloser Folge löst ein Gebrest das andere ab, beinahe jeder Brief Calvins meldet einen neuen tückischen Überfall neuer überraschender Krankheiten. Bald sind es Migränen, die ihn tagelang ins Bett werfen, dann wieder Magenschmerzen, Kopfschmerzen, Hämorrhoiden, Koliken, Erkältungen, Nervenkrämpfe und Blutstürze, Gallensteine und Karbunkel, bald fliegende Fieber und wieder Frostschauer, Rheumatismen und Blasenleiden. Ständig müssen die Ärzte um ihn wachen, denn kein Organ ist in diesem zarten, brüchigen Leib, das nicht boshaft Schmerz und Aufruhr wider ihn sendete. Und stöhnend schreibt Calvin einmal hin: »Meine Gesundheit ist einem ständigen Sterben ähnlich.«

Aber dieser Mann hat sich zum Wahlspruch das Wort gewählt: »per mediam desperationem prorumpere convenit«, mit gesteigerter Kraft aus der Tiefe der Verzweiflung vorzubrechen; die dämonische geistige Energie dieses Mannes läßt sich nicht eine einzige Stunde der Arbeit rauben. Ständig von seinem Körper gehindert, beweist Calvin ihm immer aufs neue den Überwillen des Geistes: vermag er sich im Fieber nicht zur Kanzel zu schleppen, so läßt er sich mit einer Sänfte in die Kirche tragen, um dort zu predigen. Muß er die Ratssitzung versäumen, so holen sich die Magistratspersonen in seinem Hause Rat. Liegt er fieberschauernd im Bett, mit vier und fünf gewärmten Decken den frierenden, frostgeschüttelten Leib beschwert, so sitzen daneben zwei oder drei Famuli, denen er abwechselnd diktiert. Reist er für einen Tag zu Freunden auf ein nahes Landgut, um freiere Luft zu schöpfen, so begleiten ihn die Sekretäre im Wagen, und kaum angekommen, jagen die Boten hin und zurück zur Stadt. Und wieder greift er zur Feder, wieder beginnt die Arbeit. Unmöglich, sich Calvin untätig zu denken, diesen Dämon des Fleißes, der zeitlebens eigentlich ohne eine einzige Pause gearbeitet hat. Noch schlafen die Häuser, noch ist der Morgen nicht wach, und schon brennt in der Rue des Chanoines die Ampel an seinem Arbeitstisch, und wiederum, spät nach Mitternacht, schon ist längst alles zur Ruhe gegangen, und noch immer leuchtet dieses gleichsam ewige Licht an seinem Fenster. Unfaßbar ist seine Leistung, man möchte glauben, daß er mit vier oder fünf Gehirnen zugleich gearbeitet hat. Denn tatsächlich hat dieser ununterbrochen Kranke gleichzeitig die verschiedene Arbeit von vier oder fünf Berufen getan. Das eigentlich ihm zugewiesene Amt, Prediger der Kirche von St. Pierre zu sein, ist nur ein Amt unter vielen Ämtern, die sein hysterischer Machttrieb allmählich an sich gerissen, und obwohl die Predigten, die er in dieser Kirche gehalten, allein schon einen Wandschrank gedruckter Bände füllen und ein Kopist allein damit sein Leben fristet, sie abzuschreiben, so sind sie doch nur ein Kleinteil seiner gesammelten Werke. Als Vorsitzender des Konsistoriums, das ohne ihn keinen Beschluß faßt, als Verfasser unzähliger theologischer und polemischer Bücher, als Übersetzer der Bibel, als Schöpfer der Universität und Initiator des theologischen Seminars, als ständiger Berater des Stadtrats, als politischer Generalstabsoffizier im Glaubenskriege, als oberster Diplomat und Organisator des Protestantismus, lenkt und leitet dieser »Minister des heiligen Worts« alle Ministerien seines theokratischen Staates in einer Person. Er überwacht die Berichte der Prediger aus Frankreich, Schottland, England und Holland, er richtet eine Auslandspropaganda ein, schafft durch Buchdrucker und Kolporteure einen Geheimdienst, der sich über die ganze Erde erstreckt. Er diskutiert mit den andern protestantischen Führern, er verhandelt mit den Fürsten und Diplomaten. Täglich, fast stündlich kommt aus dem Ausland Besuch; kein Student, kein junger Theologe reist durch Genf, ohne bei ihm Rat geholt oder ihm seine Reverenz erwiesen zu haben. Sein Haus ist wie ein Postamt und eine ständige Auskunftsstelle für alle Staats- und Privatangelegenheiten; seufzend schreibt er einmal hin. er könne sich nicht erinnern, zwei Stunden während seiner Amtszeit gehabt zu haben, ohne gestört worden zu sein. Aus den fernsten Ländern, aus Ungarn und Polen kommen täglich die Briefe seiner Vertrauensleute, gleichzeitig aber fordert noch die Seelsorge persönliche Beratung der Unzähligen, die sich hilfesuchend an ihn wenden. Bald will ein Emigrant sich niederlassen und seine Familie herüberbringen: Calvin sammelt die Gelder, sucht ihm Unterkunft und Lebensunterhalt. Hier will einer heiraten, dort einer seine Ehe lösen: beider Weg geht zu Calvin, denn kein geistliches Geschehnis vollzieht sich in Genf ohne seine Zustimmung, seinen Rat. Aber beschränkte sich diese autokratische Lust doch nur auf ihr eigenes Reich, auf die geistlichen Dinge! Jedoch für einen Calvin gibt es keine Grenze seiner Macht, weil er als Theokrat alles Irdische dem Göttlichen und Geistigen Untertan wissen will. Wuchtig legt er seine harte Hand auf alles in der Stadt: kaum gibt es einen Tag, da man nicht in den Ratsprotokollen den Vermerk findet: hier wäre Maitre Calvin zu befragen. Nichts versäumt, nichts übersieht dieses rastlos wachsame Auge, und man müßte wie ein Wunder dieses unablässig tätige Gehirn bewundern, bedeutete ein solcher Asketismus des Geistes nicht zugleich eine ungeheure Gefahr. Denn wer so völlig auf persönlichen Lebensgenuß verzichtet, wird diesen – bei ihm selbst doch freiwilligen – Verzicht zum Gesetz und zur Norm für alle andern machen wollen und versuchen, was ihm natürlich ist, andern als Unnatur aufzuzwingen. Immer ist – Beispiel Robespierres – der Asket der gefährlichste Typus des Despoten. Wer nicht selbst das Menschliche voll und freudig miterlebt, wird immer unmenschlich gegen die Menschen sein.

Aber Zucht und mitleidlose Strenge sind die eigentlichen Fundamente des calvinischen Lehrgebäudes. Nach Calvins Auffassung hat der Mensch keineswegs das Recht, aufrecht erhobenen Blicks und hellen Gewissens unsere Welt zu durchschreiten, sondern ständig hat er in der »Furcht des Herrn« zu verharren, zerknirscht im demütig gebeugten Gefühl einer unrettbaren Unzulänglichkeit. Von Anfang an setzt Calvins puritanische Moral den Begriff des heitern und unbefangenen Genießens dem der »Sünde« gleich, und alles, was unser irdisches Dasein schmuckhaft und schwunghaft gestalten, alles, was die Seele selig entspannen, erheben, erlösen und entschweren will – in erster Linie also die Kunst –, verpönt sie als eitle und ärgerliche Überflüssigkeit. Selbst in das religiöse Reich, das seit Ewigkeiten immer dem Mystischen und Kultischen verbunden war, bringt Calvin seine eigene ideologische Sachlichkeit; ausnahmslos wird alles aus Kirche und Kult beseitigt, was die Sinne beschäftigen, das Gefühl weich und vage beschwichtigen könnte, denn nicht mit künstlerisch erregter Seele soll der wahre Gläubige sich dem Göttlichen nahen, nicht umnebelt von süßem Weihrauch, nicht betört von Musik, nicht verführt von der Schönheit der angeblich frommen (in Wahrheit lästerlichen) Bilder und Skulpturen. Nur in der Klarheit ist die Wahrheit, nur im deutlichen Worte Gottes Gewißheit. Weg darum mit den »Idolatries«, den Bildern und Statuen, aus den Kirchen, weg mit den farbigen Ornaten, den Meßbüchern und Tabernakeln von dem Tisch des Herrn – Gott braucht keinen Prunk. Fort mit allen schwelgerischen Betäubungen der Seele: keine Musik, kein Orgelspiel während des Gottesdienstes! Sogar die Kirchenglocken müssen in Genf von nun an schweigen: nicht mit totem Erz soll der wahrhaft Gläubige erinnert werden an seine Pflicht. Niemals durch Äußerlichkeiten bewährt sich die Frömmigkeit, niemals durch Opfer und Spenden, einzig durch inneren Gehorsam; weg darum mit dem Hochamt und allen Zeremonien aus der Kirche, fort mit allen Symbolen und Praktiken, ein Ende mit allen Feierlichkeiten und Festen! Mit einem Riß streicht Calvin die Festtage aus dem Kalender. Abgestellt wird das schon in den römischen Katakomben gefeierte Oster- und Weihnachtsfest, gestrichen werden die Tage der Heiligen, verboten die altvertrauten Gebräuche: Calvins Gott will nicht gefeiert sein und nicht einmal geliebt, sondern immer nur gefürchtet. Überhebung ist es, wenn der Mensch versucht, mit Ekstase und Überschwang sich ihm aufzudrängen, statt ihm in ständiger Ehrfurcht von ferne zu dienen. Denn dies ist der tiefste Sinn der calvinischen Umwertung: um das Göttliche möglichst hoch zu erheben über die Welt, drückt Calvin das Irdische unermeßlich tief herab; um der Idee Gottes die vollkommenste Würde zu geben, entrechtet und entwürdigt er die Idee des Menschen. Nie hat dieser misanthropische Reformator in der Menschheit etwas anders zu sehen vermocht als eine heillose, zuchtlose Rotte von Sündern, und mit einem mönchischen Grauen und Entsetzen hat er zeitlebens Ärgernis genommen an der herrlich-unaufhaltsam aus tausend Quellen strömenden Lust unserer Welt. Welcher unbegreifliche Ratschluß Gottes, stöhnt Calvin immer wieder auf, seine Geschöpfe so unvollkommen und so unmoralisch erschaffen zu haben, ständig zum Laster geneigt, unfähig, das Göttliche zu erkennen, ungeduldig, sich an die Sünde zu verlieren! Ein Schauer faßt ihn jedesmal, wenn er seine Mitbrüder anblickt, und nie vielleicht hat ein großer Religionsstifter den Menschen in seiner Würde so erbärmlich tief hinabgestoßen; eine »bête indomptable et féroce«, und ärger noch, »une ordure« nennt er ihn, und wörtlich schreibt er in seiner ›Institution Chrétienne‹: »Blickt man den Menschen nur auf seine natürlichen Gaben hin an, so findet man an ihm vom Scheitel des Kopfes bis zur Sohle des Fußes nicht die geringste Lichtspur des Guten. Alles, was in ihm noch ein wenig lobenswert ist, kommt von der Gnade Gottes ... All unsere Gerechtigkeit ist Ungerechtigkeit, unser Verdienst Dreck, unser Ruhm Schande. Und die besten Dinge, die aus uns entstehen, sind noch immer verseucht und lasterhaft gemacht durch die Unreine des Fleisches und mit Schmutz vermengt.«

Wer im philosophischen Sinne den Menschen als derart mißlungenes und mißratenes Machtwerk Gottes betrachtet, wird als Theologe und Politiker selbstverständlich nie zugeben, Gott hätte einem solchen Unwesen auch nur die geringste Art von Freiheit oder Selbständigkeit verstattet. Unbarmherzig muß darum ein so verderbtes und von seiner Lebensgier gefährdetes Geschöpf entmündigt werden, denn »wenn man den Menschen sich selbst überläßt, ist seine Seele einzig des Bösen fähig«. Ein für allemal muß der Anmaßung des Adamsohnes das Rückgrat gebrochen werden, er hätte irgendein Recht, seine Beziehung zu Gott und zur irdischen Welt gemäß seiner Persönlichkeit zu gestalten, und je härter man diesen Eigenwillen bricht, je mehr man den Menschen subordiniert und zügelt, desto besser für ihn. Nur keine Freiheit, denn immer wird der Mensch sie mißbrauchen! Nur mit Gewalt ihn kleinmachen vor der Größe Gottes! Nur ihn ernüchtern von seiner Überhebung und verschüchtern, bis er sich widerspruchslos einfügt in die fromme, folgsame Herde, bis alles Außerordentliche spurlos in der allgemeinen Ordnung sich aufgelöst hat, das Individuum in der Masse!

Für diese drakonische Entrechtung der Persönlichkeit, für diese vandalische Ausplünderung des Individuums zugunsten der Gemeinschaft setzt Calvin eine besondere Methodik ein, die berühmte »discipline«, die »Kirchenzucht«. Und ein härterer Zaum zur Zügelung ist der Menschheit bis in unsere Tage kaum je aufgezwungen worden. Von der ersten Stunde an hürdet dieser geniale Organisator seine »Herde«, seine »Gemeinde« in ein Stacheldrahtnetz von Paragraphen und Verboten ein – die sogenannten »Ordonnanzen« – und begründet gleichzeitig ein eigenes Amt, um die Durchführung seines Sittenterrors zu überwachen, das »Konsistorium«, dessen Aufgabe zunächst höchst zweideutig damit definiert wird, »die Gemeinde zu überwachen, damit Gott rein verehrt werde«. Aber nur scheinbar beschränkt sich die Einflußsphäre dieses Sitteninspektorats auf das religiöse Leben. Denn durch die völlige Verknüpfung des Weltlichen mit dem Weltanschaulichen in Calvins totalitärer Staatsauffassung fällt automatisch von nun ab auch die privateste Lebensäußerung unter die Kontrolle der Obrigkeit; ausdrücklich ist den Schergen des Konsistoriums, den »anciens«, vorgeschrieben, »auf das Leben eines jeden achtzuhaben«. Nichts darf ihrer Aufmerksamkeit entgehen, und nicht nur »das gesprochene Wort, sondern auch die Meinungen und Ansichten sind zu überwachen«.

Selbstverständlich gibt es von dem Tage an, da eine solche Universalkontrolle in Genf eingesetzt wird, kein Privatleben mehr. Mit einem Sprunge hat Calvin die katholische Inquisition überholt, die immerhin erst auf Anzeigen oder Denunziationen ihre Spitzel und Späher aussandte. In Genf jedoch ist gemäß Calvins weltanschaulichem System, daß jeder Mensch ständig zum Bösen gewillt sei, jeder von vorneweg als sündeverdächtig angesehen, und jeder muß sich Überwachung gefallen lassen. Seit Calvins Rückkehr haben alle Häuser mit einemmal offene Türen, und alle Wände sind plötzlich aus Glas. In jedem Augenblick, bei Tag und bei Nacht kann der Klopfer hart an die Pforte schlagen und ein Mitglied der geistlichen Polizei zur »Visitation« erscheinen, ohne daß der Bürger ihm wehren könnte. Der Reichste wie der Ärmste, der Größte wie der Geringste muß mindestens einmal im Monat diesen professionellen Sittenschnüfflern ausführlich Rede stehen. Stundenlang – denn es heißt in den Ordonnanzen: »Man soll sich gute Zeit lassen, um die Untersuchung mit Muße vorzunehmen« – müssen sich weißhaarige, ehrenwerte, erprobte Männer wie Schulknaben prüfen lassen, ob sie die Gebete gut auswendig wissen oder warum sie etwa eine Predigt Calvins versäumt hätten. Aber mit solchem Katechisieren und Moralisieren ist die Visitation keineswegs beendet. Denn in alles mengt sich diese Moral-Tscheka ein. Sie fingert die Kleider der Frauen ab, ob sie nicht zu lang sind oder zu kurz, ob sie nicht überflüssige Rüschen enthalten oder gefährliche Ausschnitte, sie mustert das Haar, ob die Frisur nicht zu kunstvoll getürmt sei, und zählt an den Fingern die Ringe nach und die Schuhe im Schrank. Vom Toilettenraum geht es an den Küchentisch, ob nicht durch ein Süppchen oder ein Stück Fleisch das einzig verstattete Eingericht überschritten sei oder irgendwo Naschwerk und Marmelade verborgen. Und weiter wandert der fromme Polizist durch das Haus. Er greift in den Bücherschrank, ob sich nicht dort irgendein Buch ohne den erlauchten Zensurstempel des Konsistoriums befinde, er durchstöbert die Laden, ob nicht darin ein Heiligenbild oder ein Rosenkranz sich verstecke. Die Dienstleute werden ausgefragt nach den Herren, die Kinder nach ihren Eltern. Gleichzeitig horcht er hinaus auf die Straße, ob nicht jemand dort ein profanes Lied singe oder Musik mache oder gar dem Teufelslaster des Frohsinns fröne. Denn ständige Treibjagd wird von nun an in Genf auf jede Form des Vergnügens abgehalten, auf jede »paillardise«, und wehe einem Bürger, der sich ertappen läßt, wenn er nach der Arbeit einmal zu einem Schluck Wein eine Taverne besuchen will oder gar am Würfel- oder Kartenspiel Gefallen findet! Tag für Tag geht diese Menschenjagd, und selbst am Sonntag halten die Sittenspione keine Rast. Da werden neuerdings alle Gassen abgegangen, und von Tür zu Tür wird geklopft, um festzustellen, ob nicht irgendein Fauler oder Lässiger vorgezogen habe, im Bett zu bleiben, statt sich an der Predigt des Herrn Calvin zu erbauen. In der Kirche stehen indessen schon wieder andere Aufpasser bereit, um jeden zu denunzieren, der das Gotteshaus zu spät betritt oder vorzeitig verlassen will. Allgegenwärtig und unermüdlich arbeiten diese amtlichen Sittenhüter; abends durchstreifen sie die dunklen Lauben am Rhoneufer, ob nicht irgendein sündiges Paar kleinen Zärtlichkeiten sich hingegeben, in den Gasthöfen durchwühlen sie die Betten und Koffer der Fremden. Sie öffnen jeden Brief, der von Genf kommt oder nach Genf wandert, und weit über die Stadtmauern hinaus reicht die wohlorganisierte Wachsamkeit des Konsistoriums. Im Reisewagen, im Boot, im Schiff, auf den ausländischen Märkten und in den nachbarlichen Gasthöfen, überall sitzen seine bezahlten Spione; jedes Wort, das irgendein Mißvergnügter in Lyon oder Paris gesagt, wird unfehlbar zurückgemeldet. Aber was diese an sich schon unerträgliche Überwachung noch unerträglicher macht, ist, daß jenen beamteten oder bezahlten Aufpassern sich bald unzählbare unberufene beigesellen. Denn überall, wo ein Staat seine Bürger in Terror hält, blüht die widerliche Pflanze der freiwilligen Angeberei. Wo es prinzipiell erlaubt und sogar erwünscht ist, daß man denunziert, werden sonst rechtliche Menschen aus Angst selber zu Denunzianten: nur um den Verdacht von sich abzulenken, sich »gegen die Ehre Gottes vergangen zu haben«, schielt und blickt jeder Bürger auf seinen Mitbürger hinüber. Der »zelo della paura«, der Eifer der Angst läuft allen Angebern noch ungeduldig voraus. Und nach einigen Jahren könnte eigentlich das Konsistorium schon jede Überwachung einstellen, denn alle Bürger sind zu freiwilligen Kontrolloren geworden. Tag und Nacht strömt die trübe Flut der Denunziation und hält das Mühlrad der geistlichen Inquisition in ständigem Gang.

Wie sich aber auch sicher fühlen unter solchem ständigen Sittenterror und keiner Übertretung des Gottesgebots schuldig, da von Calvin doch eigentlich alles verboten ist, was das Leben freudig und lebenswert macht? Verboten sind Theater, Belustigungen, Volksfeste, Tanz und Spiel in jeder Form; sogar ein so unschuldiger Sport wie der Eislauf erweckt Calvins gallige Mißgunst. Verboten jede andere als die nüchternste und fast mönchische Tracht, verboten also den Schneidern, ohne Erlaubnis des Magistrats neuartige Schnitte anzufertigen, verboten den Mädchen, vor dem Alter von fünfzehn Jahren Seidenroben und nach diesem Alter wieder Samtroben zu tragen, verboten Kleider mit Gold- und Silberstickerei, goldenen Tressen, Knöpfen und Spangen wie überhaupt jede Verwendung von Gold und Geschmeide. Verboten den Männern langgescheiteltes Haar, den Frauen jedes Aufkämmen und Kräuseln der Frisur, verboten Spitzenschauben, Handschuhe, Rüschen und geschlitzte Schuhe. Verboten, die Sänften und die voitures roulantes zu benützen. Verboten Familienfeste von mehr als zwanzig Personen, verboten, bei Taufen und Verlobungen mehr als eine bestimmte Anzahl von Gängen oder gar Süßigkeiten, wie etwa eingemachte Früchte, zu servieren. Verboten, anderen Wein zu trinken als den Rotwein des Landes, verboten das Zutrinken, verboten Wildbret, Geflügel und Pasteten. Verboten den Eheleuten, bei ihrer Hochzeit oder sechs Monate nachher einander Geschenke zu machen. Verboten selbstverständlich jeder außereheliche Verkehr; auch gegen Verlobte gilt keine Nachsicht. Verboten den Einheimischen, ein Wirtshaus zu betreten, verboten dem Wirt, einem Fremden Speise und Trank zu verabreichen, ehe er sein Gebet verrichtet, und außerdem ihm streng die Pflicht auferlegt, den Spion seiner Gäste zu machen, »diligemment« auf jedes verdächtige Wort oder Gehaben zu achten. Verboten, ein Buch drucken zu lassen ohne Erlaubnis, verboten, ins Ausland zu schreiben, verboten die Kunst in allen ihren Formen, verboten Heiligenbilder und Skulpturen, verboten die Musik. Selbst bei dem frommen Psalmengesang befehlen die Ordonnanzen, »mit Sorgfalt darauf zu achten«, daß die Aufmerksamkeit sich nicht auf die Melodie richte, sondern auf den Geist und den Sinn der Worte, denn »nur im lebendigen Wort soll Gott gepriesen werden«. Nicht einmal die freie Wahl des Taufnamens wird von nun ab den einstmals freien Bürgern für ihre Kinder verstattet. Verboten werden die seit Jahrhunderten vertrauten Namen Claude oder Amade, weil sie nicht in der Bibel stehen, und dafür biblische wie Isaak und Adam aufgezwungen. Verboten wird, das Vaterunser lateinisch zu beten, verboten die Feier der Festtage Ostern und Weihnachten, verboten alles, was festlich die graue Nüchternheit des Daseins unterbricht, verboten selbstverständlich jeder Schatten und Schimmer einer geistigen Freiheit im gedruckten oder gesprochenen Wort. Und verboten – als Hauptverbrechen aller Verbrechen – jede Kritik an Calvins Diktatur: Ausdrücklich wird unter Trommelschall gewarnt, »anders als in Gegenwart des Rates über öffentliche Angelegenheiten zu reden«.

Verboten, verboten, verboten: ein schauerlicher Rhythmus. Und bestürzt fragt man sich: was ist dem Genfer Bürger nach so vielen Verboten noch erlaubt? Nicht viel. Erlaubt ist, zu leben und zu sterben, zu arbeiten und zu gehorchen und in die Kirche zu gehen. Oder vielmehr, dies letztere ist nicht nur erlaubt, sondern gesetzlich unter strengster Strafe anbefohlen. Denn wehe dem Bürger, welcher versäumt, die Predigten seines Sprengels zu hören, zwei des Sonntags, drei in der Woche, und die Erbauungsstunde für die Kinder! Nicht einmal am Tag des Herrn wird das Joch des Zwanges gelockert, unerbittlich geht der Kreisgang der Pflicht, der Pflicht, der Pflicht. Nach dem harten Dienst um das tägliche Brot der Dienst an Gott, die Woche für die Arbeit, der Sonntag für die Kirche; so und nur so kann Satan in dem Menschen abgetötet werden und freilich damit auch jede Freiheit und Freude des Lebens.

 

Wie aber konnte, fragt man sich verwundert, eine republikanische Stadt, die jahrzehntelang in helvetischer Freiheit gelebt, eine solche savonarolische Diktatur ertragen, wie ein bislang südländisch heiteres Volk eine derartige Abwürgung der Lebensfreude? Wie vermochte ein einziger intellektueller Asket die Daseinsfreude von Tausenden und Tausenden so völlig zu vergewaltigen? Calvins Geheimnis ist kein neues, sondern nur das ewig alte aller Diktaturen: der Terror. Man täusche sich nicht. Gewalt, die vor nichts zurückschreckt und jeder Humanität als einer Schwäche spottet, ist eine ungeheure Kraft. Ein systematisch ersonnener, ein despotisch ausgeübter Staatsterror lähmt den Willen des einzelnen, er löst und unterhöhlt jede Gemeinschaft. Wie eine zehrende Krankheit frißt er sich in die Seelen ein, und – dies sein letztes Geheimnis – bald wird die allgemeine Feigheit ihm Helfer und Hehler, denn weil jeder sich verdächtigt fühlt, verdächtigt er den andern, und aus Angst laufen die Ängstlichen den Befehlen und Verboten ihres Tyrannen sogar noch eilfertig voraus. Immer vermag ein organisiertes Schreckensregiment Wunder zu vollbringen, und wenn es um seine Autorität ging, hat Calvin niemals gezögert, dies Wunder immer wieder wahr zu machen; an Unerbittlichkeit hat ihn kaum irgendein geistiger Despot überboten, und es entschuldigt seine Härte nicht, daß sie – wie alle Eigenschaften Calvins – eigentlich nur ein Produkt seiner Ideologie war. Gewiß hat persönlich dieser Geistmensch, dieser Nervenmensch, dieser Intellektuelle den äußersten Abscheu vor Blut gehabt, und unfähig wie er selbst gesteht –, Grausamkeit zu ertragen, wäre er nie imstande gewesen, nur einer einzigen der in Genf geübten Marterungen oder Verbrennungen beizuwohnen. Aber dies ist ja allemal die schlimmste Schuld der Theoretiker, daß dieselben, die selbst nicht die Nervenkraft aufbringen, einer einzigen Hinrichtung zuzusehen oder sie gar zu vollziehen – nochmals: Typus Robespierre –, unbedenklich Hunderte solcher Urteile anbefehlen werden, sobald sie sich von ihrer »Idee«, ihrer Theorie, ihrem System innerlich gedeckt fühlen. Hart zu sein und mitleidlos gegen jeden »Sünder«, betrachtete Calvin als oberste Satzung in seinem System, und dieses System restlos durchzuführen, wieder weltanschaulich als einen ihm von Gott auferlegten Dienst; somit hielt er es nur für seine Pflicht, sich gegen seine eigentliche Natur zur Unerbittlichkeit zu erziehen, sie mit Zucht systematisch zur Grausamkeit zu härten; er »übt« sich in Unnachsichtigkeit wie in einer hohen Kunst: »Ich übe mich in meiner Strenge zur Bekämpfung der allgemeinen Laster.« Freilich, furchtbar gut ist diesem ehernen Willensmenschen diese Selbstdisziplinierung zur Ungute gelungen. Offen bekennt er, daß er es lieber sehen würde, wenn ein Unschuldiger Strafe erleide, als daß ein einziger Schuldiger dem göttlichen Gericht entzogen werde, und als einmal eine der vielen Hinrichtungen durch die Ungeschicklichkeit des Henkers zur ungewollten Tortur verlängert wird, schreibt Calvin entschuldigend an Farel. »Es ist gewiß nicht ohne Gottes besonderen Willen geschehen, daß die Verurteilten eine solche Verlängerung der Qualen erleiden mußten.« Besser zu hart als zu milde, wenn es »Gottes Ehre« gilt, argumentiert Calvin. Nur durch fortwährende Bestrafung kann eine moralische Menschheit entstehen.

Unschwer auszudenken, wie mörderisch eine solche These vom unerbittlichen Christus, von einem unablässig »in seiner Ehre zu schützenden« Gott sich in einer noch mittelalterlichen Welt in Tat umsetzten mußte. Gleich in den ersten fünf Jahren von Calvins Herrschaft werden in der verhältnismäßig kleinen Stadt dreizehn Menschen gehenkt, zehn geköpft, fünfunddreißig verbrannt, außerdem sechsundsiebzig Personen von Haus und Hof gejagt, die vielen nicht eingerechnet, welche rechtzeitig dem Terror entflohen sind. So überfüllt sind bald alle Kerker in dem »neuen Jerusalem«, daß der Stockmeister dem Magistrate mitteilen muß, er könne keine weiteren Gefangenen mehr übernehmen. Derart gräßliche Martern werden nicht nur gegen Verurteilte, sondern auch gegen bloß Verdächtige angewandt, daß die Beschuldigten vorziehen, sich lieber selbst zu entleiben, als sich in die Folterstube schleifen zu lassen; schließlich muß der Rat sogar die Verfügung erlassen, die Gefangenen seien bei Tag und Nacht mit Handschellen zu versehen, »um Vorfälle solcher Art zu verhindern«. Nie aber vernimmt man ein Wort Calvins, solche Gräßlichkeiten abzustellen; im Gegenteil, auf sein ausdrückliches Anraten wird neben der Daumenschraube und dem Streckseil noch das Chauffement des pieds, die Röstung der Fußsohlen, bei der peinlichen Befragung eingeführt. Furchtbar ist der Preis, den die Stadt für die »Ordnung« und »Zucht« bezahlt, denn nie hat Genf so viele Bluturteile, Strafen, Foltern und Exile gekannt, als seitdem dort Calvin im Namen Gottes herrscht. Mit Recht nennt Balzac darum den religiösen Terror Calvins noch schauervoller als alle Blutorgien der Französischen Revolution. »Die wütende religiöse Intoleranz Calvins war moralisch geschlossener und unbarmherziger als die politische Intoleranz Robespierres, und wäre ihm ein weiterer Wirkungsraum als Genf gegeben gewesen, so hätte Calvin noch mehr Blut vergossen als der furchtbare Apostel der politischen Gleichheit.«

Dennoch waren es aber nicht so sehr diese barbarischen Bluturteile, mit denen Calvin das Freiheitsgefühl der Genfer zerbrochen hat; die eigentliche Zermürbungsarbeit besorgten die systematischen Plackereien und täglichen Einschüchterungen. Auf den ersten Blick scheint es vielleicht lachhaft, in was für Nichtigkeiten Calvins »discipline« sich einmengt. Aber man unterschätze nicht die Raffiniertheit dieser Methode. Mit Absicht hat Calvin das Netz der Verbote so engmaschig und kleinmaschig gewoben, daß ein Durchschlüpfen und Freibleiben eigentlich unmöglich ist: mit Absicht häuft er die Verbote gerade in Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, damit jeder einzelne sich ununterbrochen schuldig fühle und ein Permanenzzustand der Angst vor der allmächtigen, allwissenden Autorität entstehe. Denn je mehr Fußangeln man rechts und links dem Menschen auf den täglichen Weg legt, desto schwerer wird es für ihn, frei und aufrecht auszuschreiten, und bald ist es in Genf unmöglich, sich sicher zu fühlen, da das Konsistorium doch eigentlich jeden unbekümmerten Atemzug als Sünde erklärt. Man blättere nur in der Liste der Ratsprotokolle, um die Raffiniertheit der Einschüchterungsmethode zu begreifen. Ein Bürger hat bei einem Taufakt gelächelt: drei Tage Gefängnis. Ein anderer ist, von der Sommerhitze ermüdet, bei der Predigt eingeschlafen: Gefängnis. Arbeiter haben zum Frühstück Pasteten gegessen: drei Tage bei Wasser und Brot. Zwei Bürger haben Kegel geschoben: Gefängnis. Zwei andere um ein Viertel Wein gewürfelt: Gefängnis. Ein Mann hat sich geweigert, seinen Sohn auf den Namen Abraham taufen zu lassen: Gefängnis. Ein blinder Geiger hat zum Tanz aufgespielt: aus der Stadt verwiesen. Ein anderer Castellios Bibelübersetzung gelobt: aus der Stadt verwiesen. Ein Mädchen wurde beim Eislaufen betreten, eine Frau hat sich auf das Grab ihres Mannes hingeworfen, ein Bürger hat während des Gottesdienstes seinem Nachbarn eine Prise Tabak angeboten: Vorladung vor das Konsistorium, Vermahnung und Buße. Und weiter und weiter ohne Ende und Pause. Lustige Leute haben am Dreikönigstag sich eine Bohne in den Kuchen getan: vierundzwanzig Stunden bei Wasser und Brot. Ein Bürger hat »Monsieur« Calvin gesagt statt »Maître« Calvin, ein paar Bauern nach uraltem Brauch nach dem Kirchgang über Geschäfte gesprochen: Gefängnis, Gefängnis, Gefängnis! Ein Mann hat Karten gespielt: an den Pranger gestellt, die Karten um den Hals. Ein anderer hat auf der Straße übermütig gesungen: angewiesen, »draußen zu singen«, das heißt aus der Stadt verbannt. Zwei Schifferknechte haben gerauft, ohne dabei jemanden zu töten: hingerichtet. Drei unmündige Knaben, die untereinander Unanständigkeiten begingen, erst zum Feuertod verurteilt, dann begnadigt, öffentlich vor dem brennenden Scheiterhaufen zu stehen. Am grimmigsten wird natürlich jede Regung gegen die staatliche und geistliche Unfehlbarkeit Calvins bestraft. Ein Mann, der gegen die Prädestinationslehre Calvins öffentlich gesprochen, wird an allen Kreuzwegen der Stadt bis aufs Blut gegeißelt, dann verbannt. Einem Buchdrucker, der Calvin in der Trunkenheit beschimpft, die Zunge mit glühendem Eisen durchbohrt, ehe man ihn aus der Stadt jagt; Jacques Gruet, nur weil er Calvin einen Heuchler genannt, gefoltert und hingerichtet. Jedes Vergehen, auch das nichtigste, wird überdies sorgfältig in den Akten des Konsistoriums vermerkt, so daß das Privatleben jedes einzelnen Bürgers ständig in Evidenz gehalten bleibt; Calvins Sittenpolizei kennt ebensowenig wie er selbst ein Vergessen oder Vergeben.

Unvermeidlich, daß ein solcher ewig wachsamer Terror schließlich dem einzelnen wie der Masse die innere Würde und Kraft zerbrechen mußte. Wenn in einem Staatswesen jeder Bürger unablässig gewärtig sein muß, befragt, untersucht, verurteilt zu werden, wenn er ständig unsichtbare Späherblicke auf jede seiner Handlungen und jedes Wort gerichtet weiß, wenn unerwartet bei Tag und bei Nacht sich die Haustüre zu schlagartigen »Visitationen« öffnen kann, dann lockern sich allmählich die Nerven, eine Massenangst entsteht, der auch die Mutigsten durch Ansteckung allmählich erliegen. Jeder Selbstbehauptungswille mußte in so vergeblichem Kampfe schließlich erlahmen, und dank seinem Zuchtsystem, dank dieser »discipline« ist die Stadt Genf wirklich bald genau so geworden, wie Calvin sie wollte: gottesfürchtig, schüchtern und nüchtern und ohne Widerstand willig Untertan einem einzigen Willen: dem seinen.

 

Ein paar Jahre dieser Disziplin, und Genf beginnt sich zu verändern. Wie ein grauer Schleier liegt es über der einstmals freien und fröhlichen Stadt. Die bunten Gewänder sind verschwunden, die Farben erloschen, keine Glocken klingen mehr von den Türmen, keine muntern Lieder mehr in der Straße, kahl und schmucklos wie eine calvinistische Kirche wird jedes Haus. Die Gasthöfe veröden, seit die Fiedel nicht mehr zum Tanz aufspielt, seit nicht mehr lustig die Kegel in den Schuppen kollern, nicht mehr beinern und leicht die Würfel auf dem Tische scheppern. Die Tanzplätze bleiben leer, die dunklen Alleen, wo sonst die verliebten Paare sich fanden, verlassen; nur der nackte Raum der Kirche sammelt sonntags die Menschen zu ernster und schweigsamer Gemeinschaft. Ein anderes, strenges und moroses Antlitz hat die Stadt bekommen, das Antlitz Calvins, und allmählich nehmen alle ihre Bewohner aus Angst oder in unbewußter Anpassung seine steife Haltung, seine finstere Verschlossenheit an. Sie schreiten nicht mehr leicht und locker dahin, ihre Blicke wagen nicht mehr, Wärme zu zeigen, aus Furcht, Herzlichkeit könnte für Sinnlichkeit gehalten werden. Sie verlernen, unbefangen zu sein, aus Scheu vor dem finsteren Manne, der selbst niemals Frohsinn zeigt. Sogar im engsten Kreise haben sie sich angewöhnt zu flüstern, statt zu sprechen, denn hinter den Türen könnten Knechte und Mägde lauschen, überall spürt ihre schon chronisch gewordene Angst unsichtbare Schleicher und Horcher im Nacken. Nur sich unscheinbar machen! Nur nicht auffallen, weder durch Kleidung noch durch ein übereiltes Wort noch durch muntere Miene! Nur sich nicht verdächtig machen, nur sich vergessen lassen! Am liebsten bleiben die Genfer zu Hause, da schützt bis zu einem gewissen Grade immerhin noch der Riegel und die Wand vor Einblick und Verdacht. Aber sofort schrecken sie scheu vom Fenster zurück und werden blaß, wenn sie zufällig einen von den Leuten des Konsistoriums die Straße entlang kommen sehen; wer weiß, was der Nachbar über sie gemeldet oder über sie gesagt hat? Müssen sie dann die Straße betreten, so schleichen sie mit gesenktem Blick stumm und still in ihren dunklen Mänteln, als ob sie zur Predigt gingen oder zu einem Begräbnis. Selbst die Kinder, aufwachsend in dieser neuen strengen Zucht und kräftig eingeschüchtert in den »Erbauungsstunden«, spielen nicht mehr übermütig und laut, auch sie ducken sich schon wie in Furcht vor einem unsichtbaren Schlag; unfrisch und scheu wachsen sie heran wie Blumen, die nicht in der Sonne, sondern im kalten Schatten ihre arme Blüte haben. Regelmäßig wie ein Uhrwerk, niemals unterbrochen von Festtagen und Feiertagen, geht im tristen und kalten Tick und Tack der Rhythmus dieser Stadt, eintönig, ordnungshaft und verläßlich. Wer neu und fremd durch die Straßen kommt, müßte glauben, die Stadt hielte Trauer, so düster und kalt blicken die Menschen, so stumm und freudlos sind die Gassen, so festlos und bedrückt ist die geistige Atmosphäre. Die Zucht freilich und die Disziplin, sie ist wunderbar; aber dieses strenge Maßhalten und Mäßigsein, das Calvin der Stadt aufgezwungen, ist erkauft mit unermeßlichem Verlust an all den heiligen Kräften, die immer nur aus Übermaß und Überschwang entstehen. Und wenn diese Stadt auch eine Unzahl frommer, gottesfürchtiger Bürger, fleißiger Theologen und ernster Gelehrter ihr eigen nennen wird, so erschafft doch noch zwei Jahrhunderte nach Calvin Genf keinen einzigen Maler, keinen Musiker, keinen Künstler von Weltruf mehr. Das Außerordentliche ist aufgeopfert dem Ordentlichen, die schöpferische Freiheit der widerspruchslosen Servilität. Und als endlich dann wieder ein Künstler in dieser Stadt geboren wird, so wird sein ganzes Leben eine einzige Revolte sein gegen die Vergewaltigung der Persönlichkeit; erst in seinem unabhängigsten Bürger, in Jean Jacques Rousseau, wird Genf sich völlig befreien von Calvin.

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