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Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleCastellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1983
isbn3-596-22295-8
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Pole berühren einander

Le temps est trouble, le temps se esclarsira
Après la plue l'on atent le beau temps
Après noises et grans divers contens
Paix adviendra et maleur cessera.
Mais entre deulx que mal l'on souffrera!

Chanson de Marguerite d'Autriche

Der Kampf scheint zu Ende. Mit Castellio hat Calvin den einzigen geistigen Gegner von Rang beseitigt, und da er gleichzeitig in Genf die politischen Widersacher zum Schweigen gebracht hat, kann er nun unbehindert sein Werk in immer größeren Ausmaßen fortgestalten. Haben Diktaturen die unausbleiblichen Krisen ihres Anbeginns einmal überwunden, so dürfen sie im allgemeinen für einige Zeit als gefestigt gelten; wie der Organismus des Menschen sich klimatischen Umstellungen und veränderten Lebensumständen nach anfänglichem Unbehagen schließlich anpaßt, so gewöhnen sich auch die Völker erstaunlich bald an neue Formen der Herrschaft. Nach einiger Frist beginnt die alte Generation, die verbittert eine gewalttätige Gegenwart mit der geliebteren Vergangenheit vergleicht, wegzusterben, und hinter ihr ist indes schon in der neuen Tradition eine Jugend herangewachsen, welche diese neuen Ideale mit ahnungsloser Selbstverständlichkeit als die einzig möglichen hinnimmt. Immer kann im Laufe einer Generation ein Volk durch eine Idee entscheidend verwandelt werden, und so hat sich auch Calvins Gottesgebot nach zwei Jahrzehnten aus theologischer Denksubstanz zu einer sinnlich sichtbaren Daseinsform verdichtet. Gerechtigkeit muß nun diesem genialen Organisator zuerkennen, daß er nach dem Siege mit großartiger Planhaftigkeit sein System aus der Enge ins Weite geführt und allmählich ins Welthafte ausgebaut hat. Eiserne Ordnung macht Genf im Sinne der äußern Lebenshaltung zu einer Musterstadt; aus allen Ländern pilgern die Reformierten nach dem »protestantischen Rom«, um hier die vorbildliche Durchführung des theokratischen Regimes zu bewundern. Was straffe Zucht und spartanische Ertüchtigung zu vollbringen vermögen, ist restlos erreicht; zwar ist die schöpferische Vielfalt zugunsten nüchternster Monotonie hingeopfert und die Freude einer mathematisch kalten Korrektheit, aber dafür ist die Erziehung selbst zu einer Art Kunst gesteigert. Tadellos sind alle Lehrinstitute, alle Wohlfahrtsanstalten geführt, der Wissenschaft wird weitester Raum gewährt, und mit der Gründung der »Akademie« schafft Calvin nicht nur die erste geistige Zentrale des Protestantismus, sondern zugleich auch den Gegenpol wider den Jesuitenorden seines einstigen Kameraden Loyola: logische Disziplin gegen Disziplin, gehärteter Wille gegen Willen. Ausgerüstet mit vortrefflichem theologischen Rüstzeug, werden von hier die Prädikanten und Agitatoren der calvinischen Lehre nach genau errechnetem Kriegsplan in die Welt entsandt. Denn längst denkt Calvin nicht mehr daran, seine Macht und Idee auf diese eine kleine Schweizer Stadt zu beschränken; über Länder und Meere greift sein unbezähmbarer Herrschwille, um allmählich ganz Europa, die ganze Welt seinem totalitären System zu gewinnen. Schon ist Schottland durch seinen Legaten John Knox ihm untenan, schon sind Holland und teilweise die nordischen Reiche von puritanischem Geiste durchdrungen, schon rüsten die Hugenotten in Frankreich zu entscheidendem Schlag; ein einziger glückhafter Schritt noch, und die ›Institutio‹ wäre zur Weltinstitution geworden, der Calvinismus die einheitliche Denk- und Lebensform der abendländischen Welt.

Wie entscheidend eine solche siegreiche Durchsetzung der calvinistischen Lehre die Kulturform Europas verändert hätte, vermag man zu ermessen an der besonderen Struktur, die der Calvinismus den ihm ergebenen Ländern schon in kürzester Frist aufgeprägt hat. Überall, wo die Genfer Kirche ihr sittlich-religiöses Diktat – und wenn auch nur für eine Spanne Zeit – verwirklichen konnte, ist innerhalb der allgemein nationalen Färbung noch ein besonderer Typus entstanden: der des unauffällig lebenden, des »makellos«, des »spotless« seine sittliche und religiöse Pflicht erfüllenden Bürgers; überall hat sich sichtlich das Sinnlich-Freie zum Methodisch-Gebändigten gedämpft und das Leben zu kälterem Gebaren vernüchtert. Schon von der Straße her – so stark vermag eine starke Persönlichkeit sich bis ins Sachliche zu verewigen – erkennt man noch heute in jedem Lande auf den ersten Blick die Gegenwart oder einstige Gegenwart calvinistischer Zucht an einer gewissen Gemessenheit des Gehabens, einer Unbetontheit in Kleidung und Haltung und sogar an der Prunklosigkeit und Unfestlichkeit der steinernen Gebäude. In jeder Beziehung den Individualismus und den ungestümen Lebensanspruch des einzelnen brechend, überall die Autorität der Obrigkeiten stärkend, hat der Calvinismus in den von ihm beherrschten Nationen den Typus des korrekt Dienenden, des bescheiden und beharrlich der Gesamtheit sich Einordnenden, also des vortrefflichen Beamten und idealen Mittelstandsmenschen plastisch herausgearbeitet, und mit Recht hat Weber in seiner berühmten Studie über den Kapitalismus nachgewiesen, daß kein Element so sehr wie die calvinistische Lehre des absoluten Gehorsams den Industrialismus vorbereiten half, weil in der Schule schon auf religiöse Art die Massen zur Gleichschichtung und Mechanisierung erziehend. Immer aber erhöht eine entschlossene Durchorganisierung seiner Untertanen die äußere, die militärische Stoßkraft eines Staates; jenes großartige, harte, zähe und entbehrungsreiche Seefahrer- und Kolonistengeschlecht, das erst Holland und dann England neue Kontinente eroberte und besiedelte, ist im hauptsächlichen puritanischer Herkunft gewesen, und dieser geistige Ursprung hat wiederum schöpferisch den amerikanischen Charakter bestimmt; unendlich viel ihrer weltpolitischen Erfolge danken alle diese Nationen dem streng erziehlichen Einfluß des picardischen Predigers von Saint Pierre.

Aber doch, welcher Angsttraum, Calvin und de Beze und John Knox, diese »kill joy« hätten in der krudesten Form ihrer ersten Forderungen die ganze Welt erobert! Welche Nüchternheit, welche Eintönigkeit, welche Farblosigkeit wäre über Europa gefallen! Wie hätten diese kunstfeindlichen, freudefeindlichen, lebensfeindlichen Zeloten gewütet gegen den herrlichen Überschwang und all jene holden Überflüssigkeiten des Daseins, in denen sich der bildnerische Spieltrieb in göttlicher Mannigfaltigkeit kundtut! Wie hätten sie alle die sozialen und nationalen Kontraste, die eben in ihrer sinnlichen Buntheit dem Abendland das Imperium in der Kulturgeschichte verliehen, ausgerodet zugunsten einer trockenen Monotonie, wie den großen Rausch der Gestaltung verhindert mit ihrer fürchterlich exakten Ordnung! So wie sie in Genf den Kunsttrieb für Jahrhunderte entmannten, so wie sie beim ersten Schritt zur englischen Herrschaft eine der herrlichsten Blüten des Weltgeistes, das shakespearische Theater, mit mitleidloser Ferse für immer zertraten, wie sie die Tafeln der alten Meister zerschlugen in den Kirchen und die Furcht Gottes einsetzten statt der menschlichen Freude, so wäre in ganz Europa jede inbrünstige Bemühung, auch anders als bloß mittels einer kanonisierten Frömmigkeit sich dem Göttlichen anzunähern, ihrem mosaisch-biblischen Anathema zum Opfer gefallen. Atemberaubend, es sich innerlich auszudenken, das siebzehnte, das achtzehnte, das neunzehnte Jahrhundert Europas ohne Musik, ohne Maler, ohne Theater, ohne Tanz, ohne seine üppige Architektur, ohne seine Feste, seine verfeinerte Erotik, sein Raffinement der Geselligkeit! Nur kahle Kirchen und strenge Predigten als Erbauung – nur Zucht und Demut und Gottesfürchtigkeit! Die Kunst, dieses Gotteslicht in unserem dumpfen und dunkeln Werktag, hätten die Prädikanten als »sündige« Schwelgerei, als Lustmacherei, als »paillardise« uns verboten, ein Rembrandt wäre Müllerknecht geblieben, Molière ein Tapezierer oder Bedienter. Die üppigen Bilder Rubens' hätten sie entsetzt verbrannt und vielleicht ihn selber dazu, einen Mozart verhindert an seiner heiligen Heiterkeit, einen Beethoven erniedrigt zur Vertonung von Psalmengesang! Shelley, Goethe und Keats – könnte man sie sich vorstellen unter dem »placet« und »imprimatur« frommer Konsistorien? Einen Kant, einen Nietzsche ihre Denkwelt aufbauend im Schatten der »Disziplin«? Nie hätten Verschwendung und Verwegenheit bildnerischen Geistes sich zu so denkwürdiger Pracht versteinern dürfen wie in Versailles und im römischen Barock, nie in Mode und Tanz sich die zarten Farbenspiele des Rokoko entfalten können; verkümmert wäre in theologischer Rabulistik der europäische Geist, statt sich in schöpferischem Wandel zu entfalten. Denn unfruchtbar und unschöpferisch bleibt die Welt, wenn nicht getränkt und gefördert durch Freiheit und Freude, und immer erfrostet das Leben in jedem starren System.

Glücklicherweise hat Europa sich nicht disziplinieren, nicht puritanisieren, nicht vergenfern lassen: Wie gegen alle Versuche, die Welt in ein einziges System zu kasernieren, hat auch diesmal der Lebenswille, der ewige Erneuerung begehrt, seine unwiderstehliche Gegenkraft eingesetzt. Nur in einen kleinen Teil Europas ist die calvinistische Offensive siegreich vorgestoßen, aber selbst, wo sie zur Herrschaft gelangte, hat sie bald freiwillig ihr buchstabenstrenges Bibeldiktat abgetan. Keinem Staate hat auf die Dauer Calvins Theokratie ihre Allmacht aufzwingen können, und vor dem Widerstand der Realität mildert und humanisiert sich bald nach seinem Tode die Lebensfeindlichkeit, die Kunstfeindlichkeit der einstmals unerbittlichen »Disziplin«. Denn immer ist auf die Dauer das sinnliche Leben stärker als jede abstrakte Lehre. Es durchflutet mit seinen warmen Säften jede Starre, es lockert jede Strenge, es mildert jede Härte. Wie ein Muskel nicht ununterbrochen in äußerster Spannung gekrampft bleiben, wie eine Leidenschaft nicht ständig in Weißglut verharren kann, so vermögen auch die geistigen Diktaturen niemals dauernd ihren rücksichtslosen Radikalismus zu bewahren: meist ist es nur eine einzige Generation, die ihren Überdruck schmerzhaft zu erleiden hat.

Auch Calvins Lehre hat, schneller als es zu erwarten war, ihre übersteigerte Unduldsamkeit eingebüßt. Fast niemals gleicht nach Ablauf eines Jahrhunderts noch eine Lehre ihrem einstigen Lehrer, und es wäre ein verhängnisvoller Fehler, gleichzusetzen, was Calvin selbst gefordert hat und was der Calvinismus innerhalb seiner historischen Entwicklung geworden ist. Zwar wird noch zur Zeit Jean-Jacques Rousseaus in Genf gestritten werden, ob das Theater erlaubt sein solle oder verboten, und die sonderbare Frage ernstlich erörtert, ob die »schönen Künste« einen Fortschritt oder ein Verhängnis der Menschheit bedeuten, aber schon längst ist die gefährlichste Überspannung der »Disziplin« gebrochen und der starre Bibelglaube organisch dem Humanen angepaßt. Denn immer weiß der Geist der lebendigen Entwicklung, was uns zunächst als grober Rückschritt erschreckte, für seine geheimnisvollen Zwecke zu nützen: jedem System entnimmt der ewige Fortschritt einzig das Förderliche und wirft das Hemmende hinter sich wie eine ausgepreßte Frucht. Diktaturen bedeuten im großen Plane der Menschheit nur kurzfristige Korrekturen, und was den Rhythmus des Lebens reaktionär hemmen will, treibt ihn in Wahrheit nach kurzem Rückschlag nur noch energischer voran: Bileams ewiges Symbol, der fluchen will und wider seinen Willen doch segnet. So ist in sonderbarster Verwandlung gerade aus dem System des Calvinismus, das besonders grimmig die individuelle Freiheit beschränken wollte, die Idee der politischen Freiheit entstanden; Holland und Cromwells England und die Vereinigten Staaten, seine ersten Wirkungsfelder, geben den liberalen, den demokratischen Staatsideen am willigsten Raum. Aus puritanischem Geiste ist eines der wichtigsten Dokumente der Neuzeit gestaltet, die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, die ihrerseits wieder die französische Deklaration der Menschenrechte entscheidend beeinflußte. Und merkwürdigster Umschwung von allen, Berührung der Pole – gerade jene Länder, die am stärksten von der Intoleranz durchdrungen werden sollten, sind überraschenderweise die ersten Freistätten der Toleranz in Europa geworden. Gerade, wo Calvins Religion Gesetz, wird auch Castellios Idee Realität. Nach ebendemselben Genf, wo dereinst Calvin noch Servet um einer Meinungsverschiedenheit in theologicis willen verbrannte, flüchtet der »Feind Gottes«, der lebendige Antichrist seiner Zeit, Voltaire. Aber siehe: freundlich besuchen ihn Calvins Nachfolger im Amte, die Prediger ebenseiner Kirchen, um mit dem Gottverächter humanstens zu philosophieren. In Holland wiederum schreiben, die sonst nirgends Rast auf Erden fanden, Descartes und Spinoza jene Werke, die das Denken der Menschheit befreien von allen Banden des Kirchlichen und Traditionellen. Gerade in den Schatten der rigorosesten Gotteslehre – ein »Wunder« hat der sonst wenig wundergläubige Renan diese Wendung des strengen Protestantismus in die Aufklärung genannt – flüchten aus allen Ländern die um ihres Glaubens und ihrer Meinung willen Bedrohten. Immer sind es die vollkommensten Gegensätze, die sich in ihren Enden am ehesten berühren; und so durchdringen sich in Holland, in England, in Amerika nach zwei Jahrhunderten beinahe brüderlich Toleranz und Religion, die Forderung Castellios und die Forderung Calvins.

 

Denn auch Castellios Ideen überdauern seine Zeit. Nur für einen Augenblick scheint mit dem Menschen auch seine Botschaft verstummt; noch einige Jahrzehnte umgibt Schweigen so dicht und dunkel seinen Namen wie die Erde seinen Sarg. Niemand fragt mehr nach Castellio, seine Freunde sterben oder verlieren sich, die wenigen gedruckten Schriften werden allmählich unzugänglich, die unveröffentlichten wiederum wagt niemand in Druck zu geben; vergeblich scheint sein Kampf gekämpft, sein Leben gelebt. Aber die Geschichte geht geheimnisvolle Wege: gerade der Sieg seines Gegners verhilft Castellio zur Auferstehung. Ungestüm, vielleicht allzu ungestüm ist der Calvinismus in Holland vorgedrungen. Die Prädikanten, gehärtet in der fanatischen Schule der Akademie, meinen, die Strenge Calvins im neubekehrten Lande noch überbieten zu müssen. Aber bald regt sich bei diesem Volke, das eben erst sich des Kaisers zweier Welten erwehrt, ein Widerstand; nicht will es diese neuerrungene politische Freiheit mit einem dogmatischen Gewissenszwang bezahlen. In den Kreisen der Geistlichkeit remonstrieren einige Prediger – später die Remonstranten genannt – gegen den Totalitätsanspruch des Calvinismus, und als sie in diesem Kampfe wider die unerbittliche Orthodoxie nach geistigen Waffen suchen, entsinnt man sich plötzlich des verschollenen und fast schon sagenhaft gewordenen Vorkämpfers. Coornhert und die andern liberalen Protestanten weisen auf Castellios Schriften hin, und von 1603 an erscheint in Neudrucken und holländischen Übertragungen eine nach der andern, überall Aufsehen erregend und immer steigende Bewunderung. Mit einemmal erweist es sich, daß die Idee Castellios keineswegs begraben gewesen, sondern nur gleichsam die härteste Zeit überwintert hat; nun naht die Stunde ihrer wahren Wirkung. Bald genügen nicht mehr die veröffentlichten Schriften, man sendet Boten nach Basel hinüber, um die nachgelassenen aufzuspüren; sie werden nach Holland gebracht, dort im Original und in Übersetzungen aber und abermals gedruckt, und ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode wird dem Verschollenen sogar, was er nie zu hoffen gewagt hätte, eine Gesamtausgabe seiner Werke und Schriften gewidmet (Gouda 1612). Damit steht Castellio wieder mitten im Streit, sieghaft auferstanden und zum erstenmal von treuer Gefolgschaft umschart; unabsehbar ist seine Wirkung, wenn auch eine fast unpersönliche und anonyme. In fremden Werken, in fremden Kämpfen leben sich Castellios Gedanken aus; bei der berühmten Diskussion der Arminianer um liberale Reformen im Protestantismus sind die meisten Argumente seinen Schriften entlehnt, der Graubündner Prediger Gantner – eine prachtvolle Gestalt, würdig, daß ein Schweizer Dichter sie formte – erscheint bei der selbstaufopfernden Verteidigung eines Wiedertäufers vor dem Churer geistlichen Gericht mit dem »Martin Bellius«-Buche in der Hand, und wenn es auch kaum je dokumentarisch nachweisbar sein wird, daß bei der ungemeinen Verbreitung seiner Werke in Holland sowohl Descartes als auch Spinoza in geistige Fühlung mit Castellios Gedanken getreten sind, so hat die Vermutung hier beinahe die Kraft einer Tatsache. Aber in Holland sind es nicht bloß die Geistigen, die Humanisten allein, die von der Idee der Toleranz sich gewinnen lassen; allmählich dringt der Gedanke tief in die Nation, die müde ist des Theologengezänks und der mörderischen Kirchenkriege. In dem Frieden von Utrecht wird die Idee der Toleranz zu staatspolitischer Erscheinung und tritt damit aus dem Abstrakten tatkräftig in den realen Raum: den hinreißenden Appell zur gegenseitigen Meinungsachtung, den Castellio dereinst an die Fürsten gerichtet, erhört ein politisch freies Volk und erhebt ihn zum Gesetz. Aus dieser ersten Provinz ihrer zukünftigen Weltherrschaft dringt die Idee der Achtung vor jedem Glauben und jeder Gesinnung sieghaft in die Zeit weiter, ein Land nach dem andern verdammt im Sinne Castellios jede religiöse und weltanschauliche Verfolgung. In der Französischen Revolution wird dem Individuum endlich sein Recht gegeben, frei und gleichberechtigt seinen Glauben und seine Meinung zu bekennen, und in dem nächsten Jahrhundert, dem neunzehnten, beherrscht die Idee der Freiheit – Freiheit der Völker, der Menschen, der Gedanken – schon als unveräußerliche Maxime die ganze zivilisierte Welt.

 

Ein ganzes Jahrhundert bis knapp an den Rand unserer Zeit herrscht diese Idee der Freiheit mit absoluter Selbstverständlichkeit über Europa. In die Grundfesten jedes Staates sind die Menschenrechte als das Unantastbarste und Unabänderlichste jeder Verfassung eingemauert, und schon meinten wir die Zeiten der geistigen Despotien, der aufgezwungenen Weltanschauungen, der Gesinnungsdiktate und Meinungszensuren für immer versunken und den Anspruch jedes Individuums auf geistige Unabhängigkeit so gesichert wie das Recht auf seinen irdischen Leib. Aber Geschichte ist Ebbe und Flut, ewiges Hinauf und Hinab; nie ist ein Recht für alle Zeiten erkämpft und keine Freiheit gesichert gegen die immer anders geformte Gewalt. Immer wird jeder Fortschritt noch einmal der Menschheit bestritten sein und auch das Selbstverständliche von neuem in Frage gestellt. Gerade wenn von uns Freiheit schon als Gewöhnung und nicht mehr als heiligster Besitz empfunden wird, entwächst aus dem Dunkel der Triebwelt ein geheimnisvoller Wille, sie zu vergewaltigen; immer, wenn zu lange und zu sorglos sich die Menschheit des Friedens gefreut, überkommt sie die gefährliche Neugier nach dem Rausche der Kraft und die verbrecherische Lust nach dem Kriege. Denn um weiter vorzustoßen auf ihr unergründliches Ziel, schafft die Geschichte sich von Zeit zu Zeit uns unbegreifliche Rückschläge, und wie bei einer Sturmflut die festesten Dämme und Deiche, so stürzen dann die ererbten Mauern des Rechts; rückzuentwickeln scheint sich die Menschheit in solchen schaurigen Stunden zu der blutigen Wut der Horde und zur sklavischen Fügsamkeit der Herde. Aber wie nach jeder Flut müssen die Wasser sich verlaufen; alle Despotien veralten oder erkalten in kürzester Frist, alle Ideologien und ihre zeitlichen Siege enden mit ihrer Zeit nur die Idee der geistigen Freiheit, Idee aller Ideen und darum keiner erliegend, hat ewige Wiederkehr, weil ewig wie der Geist. Wird ihr äußerlich zeitweilig das Wort genommen, dann flüchtet sie zurück in den innersten Raum des Gewissens, unerreichbar für jede Bedrängnis Vergeblich darum, wenn Machthaber meinen, sie hätten den freien Geist schon besiegt, weil sie ihm die Lippe versiegeln. Denn mit jedem neuen Menschen wird ein neues Gewissen geboren und immer wird eines sich besinnen seiner geistigen Pflicht, den alten Kampf aufzunehmen um die unveräußerlichen Rechte der Menschheit und der Menschlichkeit, immer wieder wird ein Castellio aufstehen gegen jeden Calvin und die souveräne Selbständigkeit der Gesinnung verteidigen gegen alle Gewalten der Gewalt.

 

Von den Werken Sebastian Castellios sind Neuausgaben zur Zeit noch nicht vorhanden, mit Ausnahme eines Neudrucks des ›Traicté des hérétiques‹, besorgt von Pfarrer A. Olivet, mit Vorwort von Professor E. Choisy (Genf 1913); eine erstmalige Publizierung des ›De arte dubitandi‹ bereitet Fräulein Dr. Elisabeth Feist nach dem in Rotterdam befindlichen Manuskript für die ›Accademia di Roma‹ vor; die Zitate in dem vorliegenden Buche sind teils den Originalausgaben, teils den beiden Werken von Ferdinand Buisson, ›Sébastien Castellion‹(Paris 1892), und Étienne Giran, ›Sébastien Castellion et la Reforme Calviniste‹ (Paris 1914), entnommen, den einzigen wesentlichen, die bisher Sebastian Castellio gewidmet wurden. Bei der Spärlichkeit und Verstreutheit der Materie muß ich Fräulein Liliane Rosset in Vésenay für entscheidende Anregung und dem Herrn Pastor an der Kathedrale Calvins in Genf, Jean Schorer, für gütige Hilfe um so dankbarer sein. Zu besonderer Erkenntlichkeit haben mich außerdem verpflichtet die Universitätsbibliothek in Basel, die mir bereitwilligst Einsicht in die Handschriften Castellios gestattete, sowie die Zentralbibliothek in Zürich und das Britische Museum in London.

April 1936.
St. Z.

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