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Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt

Stefan Zweig: Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleCastellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1983
isbn3-596-22295-8
firstpub1936
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Gewalt erledigt das Gewissen

Eine entschiedenere Streitschrift gegen einen geistigen Despoten ist selten geschrieben worden und vielleicht niemals eine mit ähnlicher Leuchtkraft der Leidenschaft wie Castellios ›Contra libellum Calvini‹; durch ihre Wahrheit und Klarheit müßte sie auch die Gleichgültigsten der Zeit belehren, daß die Gedankenfreiheit des Protestantismus und darüber hinaus des europäischen Geistes verloren ist, wenn sie sich nicht rechtzeitig der Genfer Meinungsinquisition erwehrt. Aller irdischen Wahrscheinlichkeit gemäß ist darum zu erwarten, daß nach Castellios fugenloser Beweisführung im Falle Servet die ganze moralische Welt das Verdammungsurteil einhellig mitunterzeichnet. Wer von einer solchen Hand in einem solchen Kampf gepackt und niedergestreckt worden ist, der scheint für immer erledigt und das Manifest Castellios ein tödlicher Schlag für den intransigenten Orthodoxismus Calvins.

Aber in Wirklichkeit geschieht – nichts. Die blendende Streitschrift Castellios und sein herrlicher Aufruf zur Toleranz haben nicht die mindeste Wirkung in der realen Welt, und zwar aus dem einfachsten und grausamsten Grunde: weil Castellios ›Contra libellum Calvini‹ überhaupt nicht zum Druck gelangt. Weil dieses Buch im Auftrag Calvins schon im vorhinein von der Zensur abgewürgt wird, ehe es das Gewissen Europas aufrütteln kann.

Im letzten Augenblick – schon zirkulieren Abschriften im vertrautesten Basler Kreise, schon ist der Druck vorbereitet – haben die Genfer Machthaber, gut von Zubringern bedient, Wind bekommen, welchen lebensgefährlichen Angriff gegen ihre Autorität Castellio vorbereitet. Und sofort greifen sie schlagartig zu. Furchtbar tritt bei solchen Gelegenheiten die machtmäßige Überlegenheit einer staatlichen Organisation gegenüber dem einzelnen zutage; Calvin, der die Unmenschlichkeit begangen hat, einen Andersdenkenden lebendig und unter den furchtbarsten Qualen zu verbrennen, bleibt es erlaubt, dank der Einseitigkeit der Zensur sein Verbrechen unbehelligt zu verteidigen; Castellio aber, der im Namen der Menschlichkeit Protest erheben will, wird das Wort verweigert. Zwar hätte die Stadt Basel an sich keinen Grund, einem freien Bürger, einem Lehrer ihrer Universität literarische Polemik zu verbieten, aber Calvin, immer meisterhaft in Taktik und Praktik, setzt geschickt den politischen Hebel an. Eine diplomatische Affäre wird aufgezäumt; nicht Calvin als Privatmann persönlich, sondern die Stadt Genf erhebt ex officio Beschwerde wegen der Angriffe gegen die »Lehre«. Der Rat der Stadt Basel und die Universität sind damit vor die peinliche Wahl gestellt, entweder das Recht eines freien Schriftstellers abzuwürgen oder mit der mächtigen Bundesstadt in diplomatischen Konflikt zu geraten, und wie immer siegt das machtpolitische Element über die Moral. Lieber opfern die Ratsherren den einzelnen Menschen und erlassen ein Verbot, irgendwelche Schriften zu veröffentlichen, die nicht streng orthodoxer Art sind. Damit ist das Erscheinen von Castellios ›Contra libellum Calvini‹ verhindert, und Calvin kann jubilieren: »Es ist ein Glück, daß die Hunde, die so hinter uns herbellen, uns nicht mehr beißen können.« (»Il va bien que les chiens qui aboient derrière nous ne nous peuvent mordre.«)

Wie Servet durch den Scheiterhaufen, so ist Castellio nun durch die Zensur stumm gemacht; wieder einmal ist die »Autorität« auf Erden durch den Terror gerettet. Castellio bleibt die Kampfhand abgeschlagen, der Schriftsteller darf nicht mehr schreiben, und noch ungerechter und noch grausamer sogar: er kann sich nicht mehr wehren, wenn ihn jetzt die triumphierenden Widersacher in verdoppelter Wut anfallen. Fast ein Jahrhundert lang wird es dauern, ehe das ›Contra libellum Calvini‹ überhaupt in Druck erscheint: fürchterliche Wahrheit ist Castellios vorahnendes Wort in seinem Traktat geworden: »Warum tust du den andern, was du selbst nicht erdulden möchtest? Wir stehen hier in einem Prozeß um religiöse Dinge, warum knebelst du uns den Mund?«

Jedoch gegen den Terror gibt es kein Recht und keine Richter. Wo die Gewalt einmal herrscht, da ist den Besiegten kein Appell gelassen, immer bleibt dort der Terror die erste und zugleich die letzte Instanz. In tragischer Resignation muß sich Castellio bescheiden, Unrecht zu erleiden, aber tröstlich für all jene Zeiten, in denen Gewalt sich über den Geist erhebt, ist die souveräne Verachtung des von ihr Besiegten: »Eure Worte und eure Waffen sind nur solche, wie sie jener Despotie zu eigen sind, von der ihr träumt, diesem mehr zeitlichen als geistigen Herrschertum, das nicht auf die Liebe Gottes, sondern auf Zwang gegründet ist. Ich aber beneide euch nicht um eure Macht und eure Waffen. Ich habe andere, die Wahrheit, das Gefühl der Unschuld und den Namen dessen, der mir hilft und Gnade geben wird. Und selbst wenn für eine gewisse Zeit von der blinden Richterin, welche die Welt ist, die Wahrheit unterdrückt wird, so hat doch niemand Gewalt über sie. Lassen wir das Urteil einer Welt beiseite, die Christum getötet hat, kümmern wir uns nicht um ihr Gericht, vor dem immer nur die Sache der Gewalttätigkeit siegreich bleibt. Das wahre Reich Gottes ist nicht von dieser Welt.«

 

Abermals hat der Terror recht behalten, und sogar tragischer noch: nicht erschüttert wird Calvins äußere Macht durch seine schlimmste Tat, sondern noch in überraschender Weise verstärkt. Denn vergeblich, im Raum der Geschichte die fromme Moral und rührselige Gerechtigkeit der Lesebücher zu suchen! Man finde sich damit ab: die Geschichte, dieser irdische Schatten des Weltgeistes, handelt weder moralisch noch unmoralisch. Sie bestraft weder die Untat, noch belohnt sie die Guten. Da sie im letzten Sinn auf Gewalt fußt und nicht auf Recht, schiebt sie den äußeren Vorteil meist den Machtmenschen zu, und hemmungslose Verwegenheit, brutale Entschlüsse gereichen dem Täter oder Untäter im zeitlichen Kampfe eher zum Gewinn als zum Schaden.

Auch Calvin hat, angegriffen um seiner Härte willen, erkannt, daß nur eines ihn retten kann: noch mehr Härte, noch rücksichtslosere Gewalt. Immer erfüllt sich das gleiche Gesetz, daß, wer einmal Gewalt übte, sie weiter üben muß, und, wer mit Terror begonnen, keine andere Möglichkeit hat, als ihn zu steigern. Der Widerstand, den Calvin während und nach dem Prozesse Servets gefunden, bestärkt ihn nur noch in seiner Erkenntnis, daß für eine autoritäre Herrschaft die gesetzmäßige Niederhaltung und die bloße Einschüchterung der Gegenpartei eine unzulängliche Methode ist und nur eine einzige die Totalität der Macht sichert: die totale Vernichtung jedweder Opposition. Ursprünglich hatte Calvin sich begnügt, auf legalem Wege die republikanische Minorität im Genfer Rate lahmzulegen, indem er die Wahlordnung unterirdisch zu seinen Gunsten verschob. In jeder Gemeinderatssitzung wurden neue protestantische Emigranten aus Frankreich, die materiell und moralisch von ihm abhängig waren, zu Genfer Bürgern gemacht und damit in die Wahllisten aufgenommen: auf diese Weise sollte die Stimmung und Meinung des Rats allmählich zu seinen Gunsten umgefärbt, alle Ämter den blind Gefügigen zugeschoben und der Einfluß der alten republikanischen Patrizier gänzlich abgedrängt werden. Aber diese Tendenz der systematischen Überfremdung wird den patriotischen Genfern bald doch zu durchsichtig; spät, spät beginnen nun die Demokraten, die für die Freiheit Genfs ihr Blut vergossen haben, sich zu beunruhigen. Sie halten heimliche Versammlungen ab, sie beraten, wie man die letzten Reste ihrer alten Unabhängigkeit gegen die Herrschsucht der Puritaner verteidigen könne. Die Stimmung wird gereizt und immer gereizter. Auf den Straßen kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Bodenständigen und den Eingewanderten, schließlich sogar zu einem Handgemenge, allerdings einem recht unschuldigen, bei dem im ganzen zwei Personen durch Steinwürfe verletzt werden.

Aber auf einen solchen Vorwand hat Calvin nur gewartet. Jetzt kann er den langgeplanten Staatsstreich, der ihm die Totalität der Macht sichert, endlich durchführen. Sofort wird die kleine Straßenrauferei zu einer »schrecklichen Verschwörung« aufgebauscht, die nur (immer ist das Widrigste bei solchen Praktiken das falsche Ethos und der frömmelnde Augenaufschlag) durch »göttliche Gnade« vereitelt worden sei. Schlagartig werden die Führer der republikanischen Partei, die gar nichts mit dieser Vorstadtbalgerei zu schaffen hatten, verhaftet und so grausam gefoltert, bis sie alles aussagen, was der Diktator für seine Zwecke benötigt: es sei eine Bartholomäusnacht geplant gewesen, Calvin und die Seinen hätten ermordet und ausländische Truppen in die Stadt geführt werden sollen. Auf Grund dieser nur mit den scheußlichsten Martern erzwungenen »Geständnisse« über die geplante »Rebellion« und den konstruierten »Landesverrat« kann endlich der Henker seine Arbeit beginnen. Alle, die Calvin auch nur den geringsten Widerstand geleistet haben, werden hingerichtet, soweit sie nicht rechtzeitig aus Genf geflohen sind. Eine einzige Nacht, und es gibt in Genf keine andere Partei mehr als die calvinistische.

 

Nach einem so restlosen Sieg, nach dieser radikalen Wegfegung seiner letzten Genfer Widersacher könnte Calvin nun eigentlich sorglos und darum großmütig sein. Aber wir wissen seit Thukydides, Xenophon und Plutarch, daß allezeit und allemal die Oligarchen nach dem Siege immer nur unduldsamer werden. Es gehört zur Tragik aller Despoten, daß sie den unabhängigen Menschen selbst dann noch fürchten, wenn sie ihn politisch machtlos und mundtot gemacht haben. Es genügt ihnen nicht, daß er schweigt und schweigen muß. Schon daß er nicht ja sagt, nicht dient und nicht buckelt, daß er sich nicht geschäftig in die Schar ihrer Schmeichler und Diener einreiht, macht sein Vorhandensein, sein Nochvorhandensein für sie zum Ärgernis. Und gerade, weil Calvin seit jenem brutalen Staatsstreich sich aller politischen Gegner entledigt hat und nur dieser eine, der moralische, übriggeblieben ist, wendet er nun mit vervielfachter Heftigkeit seine ganze Kampfleidenschaft diesem einen, Sebastian Castellio, entgegen.

Die einzige Schwierigkeit für diesen Angriff besteht darin, den friedfertigen Gelehrten aus seinem gesicherten Schweigen herauszulocken. Denn Castellio ist für seinen Teil des offenen Streites müde. Humanistische oder erasmische Naturen sind keine Dauerkämpfer. Das fanatische Insistieren der Parteimenschen und ihre beharrliche Proselytenjagd scheint ihnen eines geistigen Menschen unwürdig. Sie bekennen einmal ihre Wahrheit, aber sobald sie ihre Anschauung kundgetan, dünkt es ihnen überflüssig, immer und immer wieder die Welt in propagandistischer Art überzeugen zu wollen, daß sie die einzig richtige und giltige sei. Castellio hat in der Sache Servet sein Wort gesagt, er hat, allen Gefahren trotzend, die Verteidigung der Verfolgten übernommen und ist dem Terror der Gewissensvergewaltigung entschiedener entgegengetreten als irgendein anderer Mann seiner Zeit. Aber die Weltstunde war gegen sein freies Wort gewesen, er sieht, daß die Gewalt für eine gewisse Zeitspanne gesiegt hat. So entschließt er sich, still auf die Gelegenheit zu warten, in welcher der Entscheidungskampf zwischen Toleranz und Intoleranz wieder aufgenommen werden kann. Tief enttäuscht, aber keineswegs in seiner Überzeugung gebeugt, kehrt er zu seiner Arbeit zurück. Endlich hat ihn die Universität zum Lehrer berufen, endlich nähert sich seine große Lebenstat, die zweifache Bibelübersetzung, ihrem Abschluß. In den Jahren 1555 und 1556, nachdem man ihm die Waffe des Worts aus der Hand geschlagen, ist Castellio als Polemiker völlig verstummt.

Aber Calvin und die Genfer wissen durch Späher, daß Castellio im engeren Kreise der Universität seine humanen Ansichten weiterhin aufrechthält, er läßt sich, wenn man ihm die Schreibhand bindet, keineswegs den Mund verschließen, und mit Erbitterung merken die Kreuzfahrer der Intoleranz, daß seine verhaßte Forderung nach Toleranz und seine unwiderleglichen Argumente gegen die Prädestinationslehre bei den Studenten immer mehr Anklang finden. Ein moralischer Mensch wirkt schon durch seine bloße Existenz, denn sein Wesen schafft um ihn eine überzeugende Sphäre, und wenn auch scheinbar auf engen Kreis begrenzt, pflanzt sich diese innere Wirkung doch wie Wellenschlag unmerklich und unaufhaltsam ins Weite fort. Da Castellio also gefährlich bleibt und sich nicht beugen will, muß sein Einfluß rechtzeitig gebrochen werden. Mit viel List wird ihm eine Falle gestellt, um ihn wieder in den Ketzerkampf hineinzulocken, und einer seiner Kollegen an der Universität gibt sich zu diesem Dienste willig als agent provocateur her. Er wendet sich in einem sehr freundlichen Brief, als ob es ihm einzig um eine theoretische Anfrage ginge, an Castellio mit der Bitte, dieser möge ihm doch seine Ansichten über die Prädestinationslehre auseinandersetzen. Castellio erklärt sich zu einer öffentlichen Diskussion bereit, aber schon während seiner ersten Worte erhebt sich prompt einer der Zuhörer und beschuldigt ihn der Ketzerei. Castellio merkt sofort die Absicht. Statt in die gestellte Falle zu gehen und seine These zu verteidigen (damit man genug Material für eine Anklage habe), bricht er die Diskussion ab, und seine Kollegen an der Universität verhindern jedes weitere Einschreiten gegen ihn. Doch Genf läßt so leicht nicht ab. Nachdem dieser hinterhältige Trick mißlungen ist, ändert man rasch die Methode; da Castellio sich nicht zur Diskussion herausfordern läßt, sucht man ihn mit Gerüchten und Pamphleten zu reizen. Man verspottet seine Bibelübersetzung, man macht ihn verantwortlich für anonyme Schmäh- und Flugschriften, man streut in alle Winde die gehässigsten Verleumdungen aus: wie auf ein Signal wird von allen Seiten mit einemmal gegen ihn Sturm gelaufen.

Aber eben durch diesen Übereifer ist es inzwischen allen Unparteiischen offenkundig geworden, daß man diesem großen und wahrhaft frommen Gelehrten, nachdem man ihm die Möglichkeit der freien Rede genommen, geradewegs an Leib und Leben will. Gerade die Perfidie der Verfolgung schafft dem Verfolgten allseits Freunde, und unerwarteterweise tritt plötzlich der Ahnherr der deutschen Reformation, Melanchthon, demonstrativ an Castellios Seite. Auch ihn widert wie einst Erasmus das wüste Treiben all jener an, die nicht in der Versöhnung, sondern im Streit den Sinn des Lebens erblicken, und spontan richtet er einen Brief an Sebastian Castellio. »Bis jetzt«, sagt er darin, »habe ich Dir nicht geschrieben, weil mir inmitten der Beschäftigungen, deren Menge und Widrigkeit mich niederdrückt, wenig Zeit für diese Art von Briefwechsel bleibt, der mir an sich sehr gefiele. Was mich ferner abhielt, war, daß ich mich, wenn ich die fürchterlichen Mißverständnisse zwischen jenen sehe, die sich als die Freunde der Weisheit und der Tugend ausgeben, von einer ungeheuren Traurigkeit überwältigt fühle. Doch habe ich Dich immer geschätzt nach Deiner Art des Schreibens ... Und ich will, daß dieser Brief Dir ein Zeugnis meiner Zustimmung und ein Beweis aufrichtiger Sympathie sei. Möge uns eine ewige Freundschaft vereinigen.

Indem Du nicht nur über die Meinungsverschiedenheiten, sondern auch über den grausamen Haß, mit dem einige die Freunde der Wahrheit verfolgen, Klage führst, mehrst Du nur einen Schmerz, den ich selbst ständig fühle. Die Fabel erzählt, daß aus dem Blut der Titanen die Riesen entstanden. So sind aus der Saat der Mönche die neuen Sophisten entstanden, die an den Höfen, in den Familien und beim Volke zu regieren suchen und sich durch die Gelehrten behindert glauben. Aber Gott wird die Reste seiner Herde zu schützen wissen.

So haben wir mit Weisheit das zu erdulden, was wir nicht ändern können. Für mich ist das Alter eine Linderung meines Schmerzes. Ich hoffe, bald in die himmlische Kirche einzugehen, weit weg von den wütigen Stürmen, welche so grauenhaft die Kirche hier unten erschüttern. Wenn ich am Leben bleibe, will ich mit Dir über viele Dinge sprechen. Lebe wohl.«

 

Als Schutzbrief für Castellio ist dieses Schreiben gedacht, das sofort in Abschriften durch alle Hände geht, und zugleich als Mahnung an Calvin, endlich von der unsinnigen Verfolgung dieses großen Gelehrten abzulassen. Und tatsächlich, mächtig wirkt Melanchthons anerkennendes Wort im ganzen Raum der humanistischen Welt; selbst die nächsten Freunde Calvins drängen nun auf Frieden. So schreibt der große Gelehrte Baudouin nach Genf: »Nun kannst Du sehen, wie sehr Melanchthon die Erbitterung verurteilt, mit der Du diesen Mann verfolgst, und zugleich auch, wie weit entfernt er ist, alle Deine Paradoxe zu billigen. Hat es denn wirklich Sinn, weiterhin Castellio wie einen zweiten Satan zu behandeln und gleichzeitig Melanchthon wie einen Engel zu verehren?«

Aber welch irriger Gedanke, man könnte jemals einen Fanatiker belehren oder beschwichtigen! Paradoxerweise – oder logischerweise – übt der beschirmende Brief Melanchthons genau die gegenteilige Wirkung auf Calvin aus. Denn die Tatsache, daß man seinem Gegner sogar noch Anerkennung zollt, steigert nur seinen Haß. Calvin weiß allzu gut, daß diese geistigen Pazifisten für seine kämpferische Diktatur noch gefährlichere Gegner sind als Rom, Loyola und seine Jesuiten. Denn bei jenen steht nur Dogma gegen Dogma, Wort gegen Wort, Lehre gegen Lehre, hier aber, in Castellios Freiheitsforderung, fühlt er die Urprinzipe seines Wollens und Wirkens, die Idee der einheitlichen Autorität, den Sinn der Orthodoxie in Frage gestellt, und immer ist in jedem Kriege der Pazifist in den eigenen Reihen gefährlicher als der militanteste Gegner. Gerade also, weil der Schutzbrief Melanchthons das Ansehen Castellios vor der Welt erhöht, kennt Calvin kein anderes Ziel mehr, als seinen Namen zu vernichten. Von dieser Stunde an beginnt der eigentliche Kampf, der Kampf bis aufs Messer.

Daß es jetzt an einen Vernichtungskampf geht, beweist schon die Tatsache des persönlichen Vortretens Calvins. Wie er im Falle Servet, sobald der letzte, der entscheidende Schlag nötig war, seinen Strohmann Nicolaus de la Fontaine beiseite schob, um selbst die Klinge zu fassen, so bedient er sich jetzt nicht mehr seines Handlangers de Beze. Jetzt handelt es sich für ihn nicht mehr um Recht oder Unrecht, um Bibelwort und Auslegung, um Wahr oder Unwahr, sondern nur um eines mehr: restlos und rasch Castellio ein für allemal zu erledigen. Ein richtiger Grund, ihn anzufallen, liegt zwar zur Zeit nicht vor, denn Castellio hat sich in seine Arbeit zurückgezogen. Aber da kein Anlaß gefunden werden kann, wird er künstlich geschaffen und aufs Geratewohl nach einem Prügel gegriffen, um auf den Verhaßten loszuschlagen. Zum Vorwand nimmt Calvin ein anonymes Pasquill, das seine Spione bei einem reisenden Kaufmann gefunden; zwar ist nicht der leiseste Schatten eines Beweises vorhanden, daß diese Schrift Castellio zum Verfasser habe, und tatsächlich ist Castellio auch nie ihr Autor gewesen. Aber »Carthaginem esse delendam«, Castellio muß vernichtet werden, und so gebraucht Calvin dieses gar nicht von Castellio verfaßte Buch als Handhabe, um ihn als dessen Autor mit den gemeinsten und wütendsten Beschimpfungen anzupöbeln. Seine Streitschrift ›Calumniae nebulonis cujusdam‹ ist nicht mehr das Buch eines Theologen gegen einen andern Theologen, sondern nur ein Ausstoß rasender Wut: als Dieb, als Schurke, als Gotteslästerer wird Castellio dann mit Schimpfnamen bedacht, wie sie kein Fuhrknecht ordinärer einem andern zuteilen könnte. Nichts Geringeres wird dem Professor der Universität Basel vorgeworfen, als daß er am hellichten Tage Holz gestohlen habe, und von Seite zu Seite sich in trunkenem Haß steigernd, endet dieses wütige Opusculum schließlich mit dem schäumenden Zornschrei: »Daß Gott Dich, Sathan, vernichte!«

 

Diese Lästerschrift Calvins kann als eines der denkwürdigsten Beispiele gelten, wie tief Parteiwut einen geistig hochstehenden Menschen erniedrigen kann. Aber sie stellt auch zugleich eine Warnung dar, wie unpolitisch ein Politiker handelt, wenn er seiner Leidenschaft nicht Zügel anzulegen weiß. Denn unter dem Eindruck der fürchterlichen Ungerechtigkeit, mit der hier ein ehrenhafter Mann überfallen wird, hebt der Rat der Universität Basel das Schreibeverbot für Castellio auf. Eine Universität von europäischem Range kann es nicht mit ihrer Würde vereinbar finden, daß ein von ihr bestallter Professor vor der ganzen humanistischen Welt beschuldigt wird, ein gemeiner Holzdieb, ein Schurke, ein Vagabund zu sein. Da es sich hier offenkundig nicht mehr um eine Diskussion über die »Lehre«, sondern um private Verdächtigung und um niedrige Ehrabschneiderei handelt, wird Castellio vom Senate ausdrücklich die Erlaubnis einer öffentlichen Entgegnung zugebilligt.

Diese Antwortschrift Castellios gestaltet sich zu einem musterhaften und wahrhaft erhebenden Beispiel humaner und humanistischer Polemik. Auch die äußerste Gehässigkeit kann diesen zuinnerst toleranten Mann nicht mit Haß vergiften, keine Gemeinheit ihn selbst gemein werden lassen. Welche Ruhe und Vornehmheit gleich im Rhythmus des Anfangs. »Ohne Enthusiasmus begebe ich mich auf diese Bahn der öffentlichen Diskussion. Um wieviel erwünschter wäre es mir gewesen, mich mit Dir in aller Brüderlichkeit und im Geiste Christi auseinanderzusetzen und nicht nach bäurischer Art mit Beschimpfungen, die dem Ansehen der Kirche nur abträglich sein können. Aber da durch Dich und Deine Freunde mein Traum eines friedsamen Verkehrs unmöglich gemacht wird, glaube ich, daß es mit meiner christlichen Pflicht nicht unvereinbar ist, Dir mit Mäßigung auf Deine leidenschaftlichen Angriffe zu antworten.« Zunächst legt Castellio die unehrliche Handlungsweise Calvins bloß, der in der ersten Ausgabe jener Schrift vom »Nebulo« ihn noch öffentlich als Autor jenes Pamphlets bezeichnet hatte, in der zweiten aber – zweifellos schon über seinen Irrtum belehrt – ihn mit keinem Worte mehr der Verfasserschaft bezichtigte, ohne aber dann auch die Loyalität aufzubringen, ehrlich einzugestehen, daß er Castellio unschuldigerweise verdächtigt habe. Mit hartem Griff drückt Castellio Calvin nun an die Wand: »Ja oder nein, hast Du gewußt, daß Du mir ungerechterweise jene Schrift zuschriebst? Ich selbst kann das nicht entscheiden. Aber entweder hast Du Deine Beschuldigung noch zu einer Zeit vorgebracht, als Du schon wußtest, daß sie unwahr gewesen; dann war es ein betrügerischer Akt. Oder Du warst noch nicht gewiß: dann war die Anschuldigung zumindest fahrlässig. In dem einen wie in dem andern Fall war Deine Haltung keine schöne, denn alles, was Du vorbringst, ist unwahr. Ich bin nicht der Autor jener Broschüre und habe sie niemals nach Paris zum Druck geschickt. Wenn ihre Verbreitung eine verbrecherische war, so bist Du selbst dieses Verbrechens anzuklagen, denn Du hast sie als erster bekanntgemacht.«

Nun erst, nachdem er aufgedeckt, mittels welcher fadenscheiniger Vorwände Calvin ihn angefallen, wendet sich Castellio gegen die rüde Form des Angriffs. »Du bist sehr fruchtbar in Beschimpfungen und Deine Lippe spricht aus der Fülle des Herzens. In Deinem lateinischen Libell nennst Du mich hintereinander Gotteslästerer, Verleumder, Übeltäter, bellenden Hund, ein freches Wesen voll Unwissenheit und Bestialität, einen unfrommen Verderber der Heiligen Schrift, einen Narren, der sich über Gott lustig macht, einen Verächter des Glaubens, eine unverschämte Person, nochmals einen schmutzigen Hund, ein Wesen voll Unehrerbietigkeit und Anstößigkeit, einen krummen und pervertierten Geist, einen Vagabunden und ein mauvais sujet. Achtmal bezeichnest Du mich als einen Lumpen (so übersetze ich mir das Wort nebulo); alle diese Böswilligkeiten breitest Du mit Vergnügen auf zwei Druckbogen aus und betitelst Dein Buch die Verleumdungen eines Lumpens und sein letzter Satz lautet: ›Daß Gott Dich, Sathan, vernichte!‹ Dazwischen gehört alles diesem Stile an; und das soll die Art eines Mannes von apostolischem Ernst, von christlicher Sanftmut sein? Wehe dem Volke, das Du führst, wenn es sich von solcher Gesinnung inspirieren läßt, und falls es sich bewahrheiten sollte, daß Deine Schüler ihrem Meister ähnlich sind. Mich aber berühren alle diese Beschimpfungen keineswegs ... Eines Tages wird die gekreuzigte Wahrheit auferstehen, und Du, Calvin, wirst für Dein Teil Gott Rechenschaft geben müssen für die Beschimpfungen, mit denen Du jemanden überhäuft hast, für den Christus gleichfalls gestorben ist. Fühlst Du denn wirklich keine Schande und nicht die Worte Christi in Deiner Seele: ›Wer ohne Grund in Zorn gerät gegen seinen Bruder, wird dem Gericht verfallen‹, und ›Wer seinen Bruder einen schlechten Menschen nennt, wird ins Dunkel geworfen werden‹?« Beinahe heiter erledigt dann Castellio aus dem souveränen Gefühl seiner Unantastbarkeit die Hauptanschuldigung Calvins, er habe in Basel Holz gestohlen. »Das wäre in der Tat«, spottet er, »ein sehr schweres Verbrechen, vorausgesetzt, daß ich es begangen hätte. Aber ein ebenso großes Verbrechen ist die Verleumdung. Nehmen wir nun an, es sei wahr und ich hätte wirklich gestohlen, weil ich« – (dies ein blendender Hieb auf Calvins Prädestinationslehre) – »dazu vorausbestimmt gewesen wäre, wie Du ja lehrst, warum beschimpfst Du mich dann? Müßtest Du nicht eher Mitleid mit mir haben, daß Gott mich zu diesem Schicksal bestimmt hat und es mir unmöglich gemacht hat, nicht zu stehlen? Warum erfüllst Du also die Welt mit dem Geschrei über meinen Diebstahl? Damit ich in Hinkunft abgehalten sei, zu stehlen? Aber wenn ich zwanghaft, wenn ich infolge einer göttlichen Vorausbestimmung stehle, so mußt Du mich freisprechen in Deinen Schriften wegen des Zwanges, der auf mir lastet. Es wäre mir in diesem Fall ebensowenig möglich, mich vom Diebstahl zurückzuhalten, als einen Zoll meiner Körpergröße hinzuzufügen.«

Nun erst, nachdem er das Sinnlose dieser Verleumdung dargetan, schildert Castellio den tatsächlichen Hergang. Wie hundert andere hatte er bei einer Überschwemmung des Rheins mit einer Harpune Treibholz aus dem Strom gefischt, was selbstverständlich nicht nur eine gesetzmäßig erlaubte Handlung gewesen, da Treibholz bekanntlich überall freies Eigentum darstellt, sondern sogar eine vom Magistrat ausdrücklich gewünschte, weil diese Holzstöße bei Überschwemmungen die Brücken bedrohen. Und Castellio kann sogar nachweisen, daß er ebenso wie die andern »Diebe« – vom Senat der Stadt Basel quaternos solidos (etwa den vierten Teil eines Goldstückes) für diesen »Diebstahl«, der in Wahrheit ein lebensgefährlicher Hilfsdienst war, als Belohnung ausbezahlt bekam; nach dieser Feststellung hat selbst der Genfer Klüngel nie mehr jene stupide Verleumdung zu wiederholen gewagt, die nicht Castellio, sondern nur Calvin entehrte.

Hier hilft kein Leugnen und Schönfärben: Calvin hat in seinem Furor, einen politischen, einen weltanschaulichen Feind um jeden Preis zu beseitigen, die Wahrheit ebenso verwegen zu vergewaltigen versucht wie im Falle Servet. Niemals ist es gelungen, auch nur den geringsten Makel an dem menschlichen Verhalten Castellios zu finden. »Alle mögen urteilen über das, was ich geschrieben habe«, kann Castellio Calvin gelassen entgegnen, »und ich fürchte keines Menschen Meinung, sofern er mich ohne Haß beurteilt. Die Armut meines persönlichen Lebens vermag jeder zu bekräftigen, der mich seit meiner Kindheit gekannt hat, und wenn es nötig wäre, so kann ich zahllose Zeugen beistellen. Aber ist das überhaupt notwendig? Genügt nicht das von Dir selbst gefertigte Zeugnis und das der Deinen? ... Sogar Deine eigenen Schüler haben mehr als einmal anerkennen müssen, daß man nicht den geringsten Zweifel über meine strenge Lebenshaltung hegen könnte. Sie mußten sich, da meine Lehre von der Deinen abweicht, darauf beschränken, zu behaupten, ich sei im Irrtum. Wie wagst Du also, solche Dinge über mich zu verbreiten und den Namen Gottes dabei anzurufen? Siehst Du denn nicht ein, Calvin, wie erschreckend es ist, das Zeugnis Gottes heranzubeschwören für Anschuldigungen, die ausschließlich von Haß und Wut eingegeben sind?

Aber auch ich rufe Gott an, und indes Du ihn anrufst, um mich in der wildesten Weise vor den Menschen anzuklagen, rufe ich ihn an, weil Du mich unwahrhaftig angeklagt hast. Sollte ich lügen und Du die Wahrheit sagen, dann bitte ich Gott, er möge mich nach dem Maße meines Verbrechens strafen, und ich bitte die Menschen, mir das Leben und die Ehre zu nehmen. Habe ich aber die Wahrheit gesagt und bist Du der falsche Ankläger, so bitte ich Gott, daß er mich gegen die Fallstricke meiner Gegner schütze, Dir aber vor Deinem Tode noch Gelegenheit gebe, Reue zu empfinden für Dein Verhalten, damit die Sünde nicht dereinst dem Heile Deiner Seele abträglich sei.«

 

Welcher Unterschied, welche Überlegenheit des freien und unbefangenen Menschen gegenüber dem im Gefühl seiner eigenen Selbstsicherheit Erstarrten! Ewiger Gegensatz zwischen der humanen Natur gegenüber der doktrinären, zwischen dem gelassenen Menschen, der nichts anderes als seine eigene Meinung bewahren will, und den Rechthabern, welche es nicht ertragen können, daß sich nicht die ganze Welt zu ihren Nachsprechern und Nachbetern erniedrigt. Dort spricht das reine und klare Gewissen in gemessener Art, hier überschreit sich in Drohung und Beschwörung die nervöse Herrschgier. Aber die wahre Klarheit läßt sich durch keinen Haß verstören. Immer werden die reinsten Taten im Geiste nicht erzwungen durch Fanatismus, sondern still errungen durch Selbstbeherrschung und Mäßigung.

Parteimenschen dagegen geht es niemals um Gerechtigkeit, sondern nur um den Sieg. Sie wollen nicht recht geben, sondern nur recht behalten. Kaum ist die Schrift Castellios erschienen, so beginnt von neuem der Ansturm. Zwar sind die persönlichen Diffamierungen des »Hundes«, der »bestia« Castellio und das einfältige Märchen von seinem vorgeblichen Holzdiebstahl schmählich in sich zusammengebrochen; nochmals in diese Kerbe zu schlagen, darf selbst Calvin nicht mehr wagen. Deshalb werden die Angriffe schleunigst auf ein anderes Gebiet verlegt, auf das theologische; abermals werden die Genfer Druckerpressen, obzwar noch feucht von den letzten Verleumdungen, in Bewegung gesetzt, und zum zweitenmal wird Theodor de Beze vorgeschickt. Treuer seinem Meister als der Wahrheit, stellt er in seiner Vorrede zu der offiziellen Genfer Bibelausgabe (1558) den heiligen Schriften einen Angriff von derart denunziatorischer Böswilligkeit gegen Castellio voran, daß er an solcher Stelle geradezu als Gotteslästerung wirkt. »Satan, unser alter Gegner«, schreibt de Beze, »der nun erkannt hat, daß er nicht wie einst den Fortgang des göttlichen Wortes aufhalten kann, greift jetzt in noch gefährlicherer Weise ein. Lange Zeit hat es keine französische Bibelübersetzung gegeben, zumindest keine Übersetzung der Heiligen Schrift, die diesen Namen verdiente; jetzt aber hat Satan ebenso viele Übersetzer gefunden, als es leichtfertige und freche Geister gibt, und er wird vielleicht noch mehr finden, wenn Gott nicht rechtzeitig Einhalt gebietet. Wenn man mich da nach einem Beispiel fragen sollte, so weise ich auf die Übersetzung der Bibel ins Lateinische und Französische durch Sebastian Castellio hin, einen Mann, der in unserer Kirche ebenso bekannt ist durch seine Undankbarkeit und Frechheit wie durch die Mühe, die man verloren hat, ihn auf den rechten Weg zu führen. Deshalb halten wir es für eine Gewissenspflicht, seinen Namen nicht länger zu verschweigen (wie wir es bisher getan haben), sondern fürder alle Christen zu ermahnen, sich vor einem solchen Mann zu hüten, den Satan ausgewählt hat.«

Deutlicher und absichtsvoller kann man einen Gelehrten dem Ketzergericht nicht denunzieren. Aber der »von Satan ausgewählte« Castellio braucht jetzt nicht länger mehr zu schweigen; angewidert von der Niedrigkeit der Angriffe und ermutigt durch Melanchthons Schutzbrief, hat der Senat der Universität dem Verfolgten das Wort abermals freigegeben.

Diese Antwort Castellios an de Beze ist von einer tiefen und, man möchte sagen, von einer geradezu mystischen Trauer erfüllt. Nur Mitleid erregt es in dem reinen Humanisten, daß Menschen seiner geistigen Art so unbändig hassen können. Zwar weiß er genau, daß es den Calvinianern nicht um die Wahrheit geht, sondern nur um das Monopol ihrer Wahrheit, und daß sie nicht früher ruhen werden, ehe sie ihn nicht ebenso aus dem Wege geräumt haben wie bisher alle ihre geistigen oder politischen Gegner. Dennoch aber weigert sich sein adeliges Gefühl, in solche Niederungen des Hasses hinabzusteigen. »Ihr hetzt und ermuntert den Magistrat zu meinem Tode«, schreibt er in prophetischem Vorgefühl. »Wäre dies nicht öffentlich durch Eure Bücher belegt, so würde ich nicht wagen, eine solche Behauptung niederzuschreiben, obwohl ich davon überzeugt bin; denn einmal tot, kann ich Euch keine Antwort mehr geben. Daß ich noch lebe, ist für Euch ein wahrer Alptraum, und da Ihr seht, daß der Magistrat Eurem Druck nicht nachgibt oder zumindest noch nicht nachgibt – dies kann sich aber bald ändern –, so sucht Ihr mich vor der Welt verhaßt zu machen und zu verfemen.« Völlig im klaren, daß seine Gegner offen nach seinem Leben trachten, zielt Castellio nur gegen ihr Gewissen zurück. »Sagt mir doch«, fragt er diese Diener am Wort Christi, »in welcher Hinsicht kann sich Euer Verhalten gegen mich auf Christus berufen? Selbst im Augenblick, da ihn der Verräter den Häschern überliefert, spricht er voll Güte zu ihm und am Kreuz bittet er noch für seine Henker. Und Ihr? Weil ich in einzelnen Lehren und Meinungen von Euch abweiche, verfolgt Ihr mich über alle Länder der Welt mit Gehässigkeit und reizt die andern auf, gleich gehässig gegen mich zu handeln ... Welche Bitterkeit müßt Ihr heimlich fühlen, wenn Euer Verhalten von ihm eine so restlose Verurteilung empfängt wie die: ›Wer seinen Bruder haßt, ist ein Mörder ...‹ Das sind klare Vorschriften der Wahrheit, zugänglich für jeden, sofern man sie nur von allen theologischen Verhüllungen loslöst, und Ihr lehrt sie doch selbst mit dem Worte und in Euren Büchern. Warum bekennt Ihr sie nicht auch in Eurem Leben?«

Aber de Beze, das weiß Castellio, ist nur ein vorgeschickter Handlanger. Nicht von ihm geht dieser mörderische Haß aus, sondern von Calvin, dem Gesinnungsdespoten, der jeden Deutungsversuch außer dem seinen verbieten will. Darum spricht er über de Beze hinweg Calvin direkt an. Ohne Erregung, Blick in Blick, stellt er sich ihm gegenüber. »Du erkennst Dir den Titel eines Christen zu, Du bekennst das Evangelium, Du pochst auf Gott und rühmst Dich, seine Absichten durchdrungen zu haben. Du behauptest die evangelische Wahrheit zu wissen. Nun warum, wenn Du die andern belehrst, warum belehrst Du Dich nicht selbst? Warum erfüllst Du, der Du von der Kanzel herab predigst, man solle nicht verleumden. Deine Bücher mit Verleumdungen? Warum verurteilt Ihr mich, angeblich um meinen Stolz endgiltig niederzuschlagen, mit soviel Hochmut, soviel Arroganz und Selbstbewußtsein, als säßet Ihr im Rate Gottes und er hätte Euch die Geheimnisse seines Herzens entschleiert? ... Geht doch endlich in Euch selbst und sorgt, daß es nicht zu spät sei. Versucht doch, wenn es möglich ist, einen Augenblick an Euch selbst zu zweifeln, und Ihr werdet sehen, was schon viele andere sehen. Legt diese Selbstliebe ab, die Euch verzehrt, und den Haß gegen die andern, und insbesondere jenen gegen meine Person. Wetteifern wir miteinander in Nachsicht und Ihr werdet entdecken, daß meine Unfrömmigkeit ebenso unwirklich ist wie die Schande, mit der Ihr mich zu belasten sucht. Duldet doch, daß ich von Euch in einigen Punkten der Lehre abweiche. Sollte es denn wirklich nicht zu erzielen sein, daß zwischen frommen Menschen zugleich Verschiedenheit in der Meinung und doch Einheit des Herzens bestehen könnte? ...«

Milder hat nie ein humaner und versöhnlicher Geist Eiferern und Doktrinären erwidert, und wenn schon vordem großartig im Wort, so verwirklicht Castellio nun vielleicht noch vorbildlicher die Idee der Toleranz durch seine menschliche Haltung in dem ihm aufgezwungenen Kampf. Statt Hohn mit Hohn, Haß mit Haß zu erwidern – »ich kenne keine Erde und kein Land, in das ich hätte flüchten können, wenn ich ähnliche Dinge gegen Euch vorgebracht hätte wie Ihr gegen mich« –, versucht er lieber noch einmal, den Streit durch humane Auseinandersetzung zu enden, wie sie seiner Gesinnung nach zwischen Geistigen immer möglich sein sollte. Noch einmal bietet er den Gegnern die Friedenshand, obzwar jene schon mit dem Mordbeil nach ihm zielen. »So bitte ich Euch um der Liebe Christi willen, respektiert meine Freiheit und stehet endlich ab, mich mit falschen Beschuldigungen zu überhäufen. Laßt mich meinen Glauben ohne Zwang bekennen, so wie man Euch den Euren verstattet und wie ich meinerseits ihn Euch willig zuerkenne. Vermeint nicht immer von all denjenigen, deren Lehre von der Euren abweicht, daß sie im Irrtum seien, und schuldigt sie nicht immer sogleich der Ketzerei an ... Wenn ich wie so viele andere Fromme die Schrift anders auslege als Ihr, so bekenne ich mich doch mit allen meinen Kräften zum Glauben Christi. Gewiß ist einer von uns beiden im Irrtum, aber lieben wir doch darum einer den andern! Der Meister wird einst dem Irrenden schon die Wahrheit dartun. Das einzige, was wir mit Sicherheit wissen, Ihr und ich, oder wenigstens wissen sollten, ist die Verpflichtung zur christlichen Liebe. Üben wir sie aus und indem wir sie üben, laßt uns dieserart allen unseren Gegnern den Mund verschließen. Ihr haltet Eure Meinung für richtig? Die andern glauben das gleiche von der ihren: mögen also die Weiseren zugleich sich als die Brüderlichsten erzeigen und sich nicht hochmütig machen lassen durch ihre Weisheit. Denn Gott weiß alles und er beugt die Stolzen und erhebt die Demütigen.

Ich sage Euch diese Worte aus einem großen Liebesverlangen. Ich biete Euch die Liebe und den christlichen Frieden. Ich rufe Euch auf zur Liebe, und daß ich es von ganzer Seele tue, bezeuge ich vor Gott und dem lebendigen Geist.

Wenn Ihr aber nichtsdestoweniger fortfahren solltet, mich mit Haß zu bekämpfen, wenn Ihr mir nicht erlaubt, daß ich Euch zur christlichen Liebe bezwinge, so kann ich nur mehr schweigen. Möge Gott unser Richter sein und nach dem Maße, mit dem wir ihm getreu gewesen, zwischen uns beiden entscheiden.«

 

Unfaßbar für das Gefühl, daß ein so hinreißender, ein so tiefmenschlicher Anruf zur Versöhnung einen geistigen Gegner nicht beschwichtigen sollte. Jedoch es gehört zum Widersinn der irdischen Natur, daß gerade die Ideologen, die immer nur einer einzigen Idee verschworen sind, für jeden andern Gedanken als den ihren, und sei es auch der allermenschlichste, völlig unfühlsam werden. Einseitigkeit im Denken nötigt aber unausweichlich zur Ungerechtigkeit im Handeln, und wo immer ein Mann oder ein Volk ganz erfüllt ist vom Fanatismus einer einzigen Weltanschauung, bleibt kein Raum für Verständigung und Toleranz. Nicht den geringsten Eindruck macht auf einen Calvin die erschütternde Mahnung dieses nur nach Frieden verlangenden Menschen, der nicht öffentlich predigt, nicht wirbt und streitet, den nicht der kleinste Ehrgeiz bewegt, irgendeinem andern Menschen auf Erden seine Gesinnung gewaltsam aufzuzwingen; als eine »Ungeheuerlichkeit« weist das fromme Genf jene Aufforderung zum christlichen Frieden zurück. Und sofort beginnt ein neues Trommelfeuer mit allen Giftgasen des Hohns und der Verhetzung. Eine andere Lüge wird jetzt in Szene gesetzt, um Castellio verdächtig oder zumindest lächerlich zu machen, und vielleicht die perfideste von allen. Während dem Genfer Volke alle theatralischen Lustbarkeiten als Sünde streng verboten sind, wird im Genfer Seminar von Calvins Schülern eine »fromme« Schulkomödie einstudiert, in der man Castellio unter dem durchsichtigen Namen »de parvo Castello« als ersten Diener Satans auftreten läßt und ihm die Verse in den Mund legt:

»Quant à moy, un chacun je sers
Pour argent en prose oy en vers
Aussi ne vis-je d'aultre chose ...«

Sogar diese letzte Verleumdung, daß dieser in apostolischer Armut lebende Mann seine Feder für Geld verkaufe und nur als bezahlter Agitator irgendwelcher Papisten für die reine Lehre der Toleranz kämpfe, wird unter Calvins Erlaubnis und zweifellos auf Ermutigung dieses Führers der Christenheit, dieses Predigers am Gotteswort schamlos gewagt. Aber Wahrheit oder Verleumdung, das ist dem calvinistischen Parteihaß längst gleichgiltig geworden – nur der eine Gedanke erfüllt sie alle, Castellio vom Katheder der Universität Basel zu reißen, seine Schriften zu verbrennen und womöglich ihn selbst dazu.

Ein willkommener Fund für diese grimmigen Hasser ist es darum, daß man bei einer der üblichen Genfer Haussuchungen zwei Bürger bei einem Buche überrascht, welches – schon dies eine verbrecherische Tat – nicht mit dem feierlichen Imprimatur Calvins versehen ist. Weder ein Autorname noch ein Druckort ist angegeben bei dieser kleinen Schrift ›Conseil à la France désolée‹; um so stärker riecht das Opus nach Ketzerei. Sofort werden die beiden Bürger vor das Konsistorium gezerrt. Aus Furcht vor den Daumenschrauben und der Folterwinde bekennen sie, ein Neffe Castellios habe ihnen diese Schrift geliehen, und mit fanatischem Ungestüm verfolgen nun die Jäger die frische Spur, um endlich das gehetzte Wild zur Strecke zu bringen.

Tatsächlich ist dieses »üble Buch, weil voll von Irrtümern« ein neues Werk Castellios. Noch einmal ist er in seinen alten unheilbaren »Irrtum« verfallen, zur friedlichen Austragung des Kirchenstreits in erasmischer Bemühung zu mahnen. Nicht schweigend wollte er mitansehen, wie die religiöse Verhetzung in seinem geliebten Frankreich endlich blutige Früchte zu tragen beginnt, wie (unter Genfs heimlichem Zuspruch) die Protestanten dort gegen die Katholiken die Waffen ergreifen. Und als ob er die Bartholomäusnacht und die grauenhaften Schrecken der Hugenottenkriege vorausahnen könnte, fühlt er sich verpflichtet, neuerdings und in letzter Stunde die Sinnlosigkeit solchen Blutvergießens darzutun. Nicht die eine Lehre und nicht die andere, führt er aus, ist an sich die irrige – falsch und verbrecherisch ist immer nur der Versuch, einen Menschen mit Gewalt zu einem Glauben zu zwingen, an den er nicht glaubt. Alles Unheil auf Erden geht aus von diesem »forcement des consciences«, von den immer erneuten und immer wieder blutdürstigen Versuchen des engstirnigen Fanatismus, Gewissen zu vergewaltigen. Aber es ist nicht nur unmoralisch und widerrechtlich, weist Castellio nach, irgend jemanden zu einem Bekenntnis zu nötigen, zu dem er sich innerlich nicht bekennt; es ist überdies noch sinnlos und widersinnig. Denn jede zwangsmäßige Rekrutierung zu einer Weltanschauung schafft bloß Scheingläubige; nur nach außen hin und zahlenmäßig mehrt die Daumenschraubenmethode jeder Zwangspropaganda die Anhängerschaft einer Partei. Aber in Wahrheit täuscht jede Weltanschauung, die auf solche gewaltsame Art sich Proselyten erzwingt, nicht so sehr die Welt mit ihrer falschen Mathematik wie vor allem sich selbst. Denn – und diese Worte Castellios haben Gültigkeit für alle Zeiten – »diejenigen, welche nur eine möglichst große Zahl von Anhängern haben wollen und deshalb viel Menschen benötigen, gleichen einem Narren, der ein großes Gefäß hat mit wenig Wein darin und es mit Wasser füllt, um mehr Wein zu haben; aber damit vermehrt er keineswegs seinen Wein, sondern er verdirbt nur den guten, den er darin hatte. Nie werdet ihr behaupten können, daß diejenigen, welche ihr zu einem Bekenntnis genötigt habt, es auch wirklich von Herzen bekennen. Würde ihnen die Freiheit gelassen, so würden sie sagen: ich glaube von Herzen, daß ihr ungerechte Tyrannen seid und daß das, was ihr mir abgezwungen habt, ohne Wert ist. Ein schlechter Wein wird nicht besser, wenn man die Leute zwingt, ihn zu trinken.«

Immer von neuem und immer mit neuer Leidenschaft wiederholt Castellio deshalb sein Bekenntnis: Intoleranz führt unweigerlich zum Krieg und nur Toleranz zum Frieden. Nicht mit Daumschrauben und Streitäxten und Kanonen kann eine Weltanschauung durchgesetzt werden, sondern einzig individuell und von der innersten Überzeugtheit her; nur durch Verständigung können die Kriege vermieden und die Ideen verbunden werden. Man lasse also Protestanten sein, die Protestanten sein wollen, und Katholiken bleiben, die sich ehrlich zum Katholizismus bekennen; man nötige nicht diese und nicht jene. Ein Menschenalter, bevor sich in Nantes die beiden Bekenntnisse über den Gräbern von Zehntausenden und Hunderttausenden unsinnig geopferten Menschen zum Frieden einigen, entwirft hier ein einsamer und tragischer Humanist schon das Toleranzedikt für Frankreich. »Der Rat, den ich dir, Frankreich, gebe, ist, daß du aufhören mögest, die Gewissen zu vergewaltigen, zu verfolgen und zu töten, und statt dessen mögest du erlauben, daß in deinem Lande jedem, der an Christus glaubt, verstattet sei, Gott nicht nach fremder Meinung, sondern nach seiner eigenen zu dienen.«

 

Ein solcher Vorschlag zur Verständigung zwischen Katholiken und Protestanten in Frankreich gilt selbstverständlich in Genf als das Verbrechen aller Verbrechen. Denn Calvins Geheimdiplomatie ist eben zur gleichen Stunde beschäftigt, den Hugenottenkrieg in Frankreich gewaltsam anzufachen; nichts kann seiner aggressiven Kirchenpolitik darum unwillkommener sein als dieser humanitäre Pazifismus. Sofort werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, Castellios Friedensschrift zu unterdrücken. Nach allen Windrichtungen jagen die Boten, an alle protestantischen Autoritäten werden beschwörende Briefe geschrieben, und tatsächlich erreicht Calvin mit seiner organisierten Agitation, daß auf der reformierten Generalsynode im August 1563 der Beschluß durchdringt: »Die Kirche wird hiermit in Kenntnis gesetzt von dem Erscheinen des Buches ›Conseil à la France désolée‹, dessen Autor Castellio ist. Dies ist ein sehr gefährliches Buch und man muß sich davor hüten.«

Abermals ist es gelungen, ein – dem Fanatismus! – »gefährliches Buch« Castellios noch vor seiner Verbreitung zu unterdrücken. Aber nun an den Menschen heran, an diesen unerschütterlichen, unbeugsamen Antidogmatiker und Antidoktrinär! Endlich ein Ende mit ihm machen, endlich ihm nicht nur den Mund stopfen, sondern auch für immer das Rückgrat brechen! Abermals wird Theodor de Beze herangeholt, um Castellio den Genickfang zu geben. Seine ›Responsio ad defensiones et reprehensiones Sebastiani Castellionis‹, den Pastoren der Stadt Basel gewidmet, zeigt allein schon mit dieser Widmung an die kirchlichen Behörden, wo der Hebel gegen Castellio angesetzt werden soll. Es sei Zeit, höchste Zeit, insinuiert de Beze, daß sich die geistliche Justiz mit diesem gefährlichen Ketzer und Ketzerfreunde beschäftige. In wildem Durcheinander prangert der fromme Theologe deshalb Castellio als Lügner, Gotteslästerer, schlimmsten Wiedertäufer, Schänder der heiligen Lehre, stinkenden Sykophanten, Schutzherrn nicht nur aller Ketzer, sondern auch aller Ehebrecher und Verbrecher an; schließlich wird er auch freundlichst Mörder genannt, der seine Verteidigung in der Werkstatt Satans hergestellt habe. Zwar sind in der Eile der Wut alle die wüsten Beschimpfungen so kreuz und quer aufeinandergehäuft, daß sie sich gegenseitig widersprechen und erdrücken. Klar aber und deutlich erhellt eines aus diesem geifernden Tumult: der mörderische Wille, endlich, endlich, endlich Castellio mundtot und am besten tot zu machen.

 

Die Schrift de Bezes bedeutet die längst schon fällige Anklage vor dem Ketzergericht; ohne Schamtuch zeigt sich jetzt die denunziatorische Absicht in ihrer herausfordernden Nacktheit. Denn ganz unmißverständlich ist die Basler Synode aufgefordert, stracks die bürgerlichen Behörden anzurufen, daß sie sich Castellios wie eines gemeinen Übeltäters bemächtigen mögen, und in persona taucht de Beze für einige Tage in Basel auf, um das Justizrad in Schwung zu bringen. Leider steht noch eine äußere Formalität seiner Ungeduld entgegen: nach dem Basler Gesetz ist immer erst eine schriftlich und namentlich an die Behörde gerichtete Anzeige notwendig, damit ein Verfahren eingeleitet werden könne; und als solche gilt niemals ein gedrucktes Buch. Das Natürliche, das Selbstverständliche wäre nun, daß, wenn Calvin und de Beze Castellio tatsächlich anklagen wollten, sie jetzt unter ihrem eigenen Namen eine solche schriftliche Anzeige der Behörde einreichten. Aber Calvin bleibt bei seiner alten im Falle Servet so gut bewährten – Methode, lieber eine Anklage durch einen gefälligen Dritten anzustiften, als sie unter eigener Verantwortung einer Behörde vorzubringen. Ganz genau wiederholt sich derselbe heuchlerische Vorgang wie in Vienne, wie in Genf: im November 1563, prompt nach dem Erscheinen des Buches von de Beze, reicht ein völlig unzuständiger Mann, ein gewisser Adam von Bodenstein, bei dem Basler Magistrat eine schriftliche Beschwerde wegen Ketzerei gegen Castellio ein. Nun wäre dieser Adam von Bodenstein selbst der letzte, der sich zum Anwalt der Rechtgläubigkeit aufspielen dürfte, denn er ist niemand anderer als der Sohn des berüchtigten Karlstadt, den Luther als gefährlichen Schwarmgeist von der Universität in Wittenberg gejagt hat; und als Schüler des gleichfalls höchst unfrommen Paracelsus kann er kaum als aufrechter Pfeiler der protestantischen Kirche gelten. Jedoch anscheinend ist es de Beze bei seinem Besuch in Basel auf irgendeine Weise gelungen, Bodenstein für den erbärmlichen Dienst zu gewinnen, denn wörtlich wiederholt dieser in seinem Brief an den Rat alle die wirren Argumente jenes Buches, Castellio einerseits als Papisten und andererseits als Wiedertäufer, drittens als Freigeist und viertens als Gottesleugner und überdies noch als Schutzherrn aller Ehebrecher und Verbrecher beschimpfend. Doch wahr oder falsch: immerhin ist mit seinem (heute noch erhaltenen und offiziell an den Magistrat gerichteten) Anklagebrief der formelle Rechtsweg beschritten. Da ein protokolliertes Dokument vorliegt, hat das Basler Gericht keine andere Möglichkeit, als eine Untersuchung einzuleiten. Calvin und die Seinen haben ihr Ziel erreicht: Castellio sitzt als Ketzer auf der Armesünderbank.

 

An sich wäre es für Castellio leicht, sich gegen den törichten Wust all dieser Anschuldigungen zu verteidigen. Denn in blindem Übereifer beschuldigt Bodenstein ihn gleichzeitig so vieler widersprechender Dinge, daß ihre Unglaubwürdigkeit offen zutage tritt. Außerdem kennt man Castellios untadeligen Lebenswandel in Basel zu genau; nicht, wie es bei Servet so bequem gelungen, wird ein Castellio gleich gefangengesetzt, in Ketten gelegt und mit Fragen gefoltert, sondern als Professor der Universität vorerst aufgefordert, sich vor dem Senate gegen die vorgebrachten Anschuldigungen zu rechtfertigen. Und es genügt seinen Kollegen, daß er der Wahrheit entsprechend seinen Ankläger Bodenstein für einen vorgeschobenen Strohmann erklärt und verlangt, wenn Calvin und de Beze, die wirklichen Antreiber, ihn anklagen wollten, so mögen sie persönlich erscheinen. »Da man mich mit so viel Leidenschaft verdächtigt, ersuche ich Euch aus ganzer Seele um die Erlaubnis, mich verteidigen zu dürfen. Wenn Calvin und de Beze guten Glaubens sind, so mögen sie selber vortreten und vor Euch die Verbrechen beweisen, deren sie mich anklagen. Haben sie das Bewußtsein, richtig gehandelt zu haben, so brauchen sie das Tribunal von Basel nicht zu scheuen, nachdem sie doch keinerlei Bedenken hegten, mich vor der ganzen Welt anzuklagen ... Ich weiß, groß und mächtig sind meine Anschuldiger, aber auch Gott ist mächtig, er, der ohne Unterschied der Person richtet. Ich weiß, daß ich nur ein armer, dunkler Mann bin, sehr niedrig und ohne Ruhm, aber gerade auf die Niedrigen blickt Gott und läßt ihr Blut nicht ungesühnt, wenn es ungerecht vergossen wird.« Er selbst, Castellio, erkenne darum das Gericht gerne an. Könne auch nur eine einzige der gegnerischen Anschuldigungen bewiesen werden, so biete er selber sein Haupt zur verdienten Sühne dar.

Selbstverständlich hüten sich Calvin und de Beze, einen so loyalen Vorschlag anzunehmen; weder er noch sein de Beze erscheinen vor dem Basler Senat. Und schon hat es den Anschein, als ob die tückische Denunziation im Sande verlaufen würde, da bringt ein Zufall den Gegnern Castellios unvermutete Hilfe. Denn verhängnisvollerweise kommt gerade jetzt eine dunkle Sache zutage, die den Verdacht der Ketzerei und Ketzerfreundschaft gegen Castellio gefährlich bestärkt. In Basel hat sich Sonderbares ereignet: durch zwölf Jahre hatte dort ein reicher ausländischer Edelmann unter dem Namen Jean de Bruge auf seinem Schloß in Binningen gelebt, dank seinem wohltätigen Sinn in allen bürgerlichen Kreisen höchst geachtet und beliebt. Und als dieser vornehme Fremde im Jahre 1556 stirbt, nimmt die ganze Stadt feierlich an seinem prunkvollen Begräbnis teil; an würdigster Stelle wird der Sarg in der Kirche von St. Leonhardt beigesetzt. Wiederum vergehen Jahre; da verbreitet sich eines Tages das erst kaum glaubhafte Gerücht, dieser vornehme Fremde sei gar kein ausländischer Edelmann oder Kaufmann gewesen, sondern niemand anderer als der berüchtigte und geächtete Erzketzer David de Joris, der Verfasser des ›Wonderboeks‹, der während des grausamen Massakers unter den Wiedertäufern auf geheimnisvolle Weise aus Flandern verschwunden war. Welches Ärgernis nun für ganz Basel, daß man diesem heillosen Kirchenfeind im Leben und Sterben öffentlich die höchsten Ehren erwiesen hat! Um nun sichtbare Sühnung zu nehmen für den betrügerischen Mißbrauch der Gastfreundschaft, wird nachträglich dem längst Verstorbenen von den Behörden der Prozeß gemacht. Eine greuliche Zeremonie findet statt; man holt den halbverfaulten Leichnam des Ketzers aus seinem Ehrengrab und hängt ihn auf den Galgen, bevor man ihn, zugleich mit einem Stoß aufgehäufter Ketzerschriften, auf dem großen Marktplatz von Basel vor Tausenden von Zuschauern verbrennt. Auch Castellio muß gemeinsam mit den andern Professoren der Universität dem ekelerregenden Schauspiel zusehen man mag sich denken, mit welchen bedrückten und angewiderten Gefühlen! Denn mit diesem David de Joris hat ihn durch all diese Jahre gute Freundschaft verbunden; gemeinsam haben sie seinerzeit versucht, Servet zu retten, und es besteht sogar viel Wahrscheinlichkeit, daß David de Joris, der Erzketzer, auch einer der anonymen Mitarbeiter an des Martin Bellius Buche ›De haereticis‹ gewesen sei. Jedenfalls ist nicht zu bezweifeln, daß Castellio den Schloßherrn von Binningen nie für den schlichten Kaufmann gehalten hat, als den er sich ausgab, sondern von Anfang an um den wahren Namen des angeblichen Jean de Bruge wußte; aber tolerant im Leben wie in seinen Schriften, dachte er nicht daran, den Denunzianten zu spielen und einem Mann seine Freundschaft zu entziehen, nur weil er geächtet war von allen Kirchen und Obrigkeiten der Welt.

Diese plötzlich aufgedeckte Beziehung zu dem berüchtigtsten aller Wiedertäufer gibt nun der Anschuldigung der Calvinisten, Castellio sei ein Protektor und Hehler aller Ketzer und Verbrecher, fast lebensgefährliche Bestätigung. Und wie der Zufall immer mit doppelter Zange zupackt, offenbart sich zur gleichen Stunde eine zweite nahe Verbindung Castellios mit einem andern schwer belasteten Ketzer, mit Bernardo Ochino. Ursprünglich ein berühmter Dominikanermönch, in ganz Italien durch seine unvergleichlichen Predigten bekannt, war Ochino plötzlich aus seiner Heimat vor der päpstlichen Inquisition geflüchtet. Aber auch in der Schweiz erschreckt er bald die reformierten Pfarrer durch die Eigenwilligkeit seiner Thesen; vor allem enthält sein letztes Buch, die ›Dreißig Dialoge‹, eine Bibelauslegung, die in der ganzen protestantischen Welt als unglaubliche Lästerung empfunden wird: Bernardo Ochino erklärt nämlich dort unter Berufung auf das Gesetz Mosis die Vielweiberei, ohne sie anzuempfehlen, dem Prinzipe nach für bibelerlaubt und darum zulässig.

Dieses Buch mit der skandalösen These und vielen andern der Orthodoxie unerträglichen Auffassungen sofort wird das Verfahren gegen Bernardo Ochino eingeleitet – hat nun niemand anderer als Castellio aus dem Italienischen ins Lateinische übersetzt. In seiner Übertragung ist das Ketzerwerk in Druck gegangen; dadurch hat er sich tätig der Verbreitung solcher lästerlicher Auffassungen schuldig gemacht. Selbstverständlich ist er jetzt als Mitwissender vom Religionsgericht kaum weniger bedroht als der Verfasser. Über Nacht haben die vagen Anschuldigungen Calvins und de Bezes, daß Castellio der Hort und das Haupt der wildesten Ketzereien sei, durch seine vertraute Freundschaft mit David de Joris und Bernardo Ochino eine beunruhigende Wahrscheinlichkeit bekommen. Einen solchen Mann kann und will die Universität nicht weiterhin schützen. Und ehe der eigentliche Prozeß begonnen hat, ist Castellio schon verloren.

 

Was dem Anwalt der Toleranz von der Intoleranz seiner Zeitgenossen bevorsteht, kann er an der Grausamkeit ermessen, mit der die kirchlichen Behörden gegen seinen Kameraden Bernardo Ochino einschreiten. Über Nacht wird der Verfemte aus Locarno, wo er Priester der italienischen Emigrantengemeinde war, ausgetrieben und ihm nicht einmal die Gnade eines flehentlich erbetenen Aufschubs zuerkannt. Daß er siebzig Jahre alt ist und mittellos, schafft ihm kein Erbarmen. Daß er wenige Tage zuvor seine Frau verloren hat, gewährt ihm keine Frist. Daß er mit unmündigen Kindern in die Welt wandern soll, mildert nicht den Grimm der frommen Theologen. Daß es Winter ist, die Gebirgspässe fußhoch verschneit und weglos geworden sind, kümmert seine fanatischen Verfolger nicht: möge er krepieren auf der Straße, der Hetzer, der Ketzer! Mitten im Dezember treibt man ihn aus, über die vereisten Berge und Grate muß der sieche und weißbärtige Mann sich mit seinen Kindern schleppen, um irgendwo in der Welt ein neues Asyl zu suchen. Aber auch diese Grausamkeit ist den Haßtheologen, den frommen Predigern des Gotteswortes noch nicht grausam genug. Denn am Ende könnte das Mitleid von Mildtätigen dem wandernden Greis und seinen Kindern unterwegs einmal des Nachts eine warme Stube gönnen oder ein Bündel Stroh. So jagen sie dem Geächteten mit ihrem widerlich frommen Eifer Briefe voraus von Ort zu Ort, kein guter Christ dürfe ein solches Ungeheuer unter seinem Dache dulden, und sofort schließen sich in allen Städten und Dörfern wie vor einem Leprakranken die Türen und Tore. Ohne eine Ruhestätte zu finden, muß dieser greise Gelehrte sich durch die ganze Schweiz als Straßenbettler durchkämpfen, in Scheunen übernachtend und vom Frost erschöpft, um weiter und weiter zu wanken bis an die Grenze, dann noch durch das riesige Deutschland, wo gleichfalls alle Gemeinden bereits vor ihm gewarnt sind; nur die Hoffnung hält ihn aufrecht, endlich in Polen bei menschlicheren Menschen für sich und die Kinder Unterkunft zu finden. Aber zu hart wird die Anstrengung für den gebrochenen Mann. Bernardo Ochino ist niemals ans Ziel, niemals zum Frieden gelangt. Ein Opfer der Unduldsamkeit, bleibt der entkräftete Greis auf irgendeiner Landstraße in Mähren mitten am Wege liegen, und dort in der Fremde scharrt man ihn wie einen Vagabunden in ein seitdem längst schon vergessenes Grab.

In diesem grauenhaften Zerrspiegel kann Castellio klar sein eigenes Schicksal vorauslesen. Schon wird der Prozeß gegen ihn gerüstet, und auf kein Mitleid, auf keine Menschlichkeit kann in einer Zeit solcher Unmenschlichkeit der Mann hoffen, dessen einziges Vergehen gewesen, zu menschlich gefühlt und mit zu vielen Verfolgten Mitleid gezeigt zu haben. Schon ist für den Verteidiger Servets das Schicksal Servets in Aussicht genommen, schon hat die Intoleranz der Zeit ihrem gefährlichsten Gegner, dem Anwalt der Toleranz, die Hand an der Kehle.

Aber eine gütige Fügung will, daß seinen Verfolgern nicht der sichtbare Triumph gegönnt sei, Sebastian Castellio, den Erzfeind jeder geistigen Diktatur, im Kerker, im Exil oder auf dem Scheiterhaufen zu sehen. Ein plötzlicher Tod errettet in letzter Stunde Sebastian Castellio vor dem Prozeß und dem mörderischen Ansturm seiner Feinde. Schon lange war sein durch Überarbeitung entkräfteter Körper geschwächt gewesen, und als nun Sorgen und Aufregungen auch die Seele ermüden, hält der unterhöhlte Organismus nicht mehr länger stand. Bis zum letzten Augenblick zwar schleppt sich Castellio noch in die Universität und an den Schreibtisch, jedoch vergebliche Gegenwehr! Schon obsiegt der Tod über den Willen zum Leben und zum geistigen Wirken. Man trägt den Fieberschauernden ins Bett, heftige Magenkrämpfe lassen ihn jede Nahrung außer Milch verweigern, immer schlechter arbeiten die Organe, endlich kann das erschütterte Herz nicht mehr weiter. Am 29. Dezember 1563 stirbt Sebastian Castellio, achtundvierzig Jahre alt, »den Klauen seiner Gegner durch die Hilfe Gottes entronnen«, wie ein teilnehmender Freund bei seinem Tode sich äußert.

Mit diesem Tode bricht auch die Verleumdung zusammen; zu spät erkennen seine Mitbürger, wie schlecht und lau sie diesen ihren besten Mann verteidigt. Sein Nachlaß erweist unwiderleglich, in welcher apostolischen Armut dieser reine und große Gelehrte gelebt hat; kein einziges Silberstück findet sich im Hause, Freunde müssen den Sarg und die kleinen Schulden bezahlen, für die Kosten der Bestattung aufkommen und die unmündigen Kinder zu sich nehmen. Aber gleichsam als Entgelt für die Schmach der Anklage wird das Begräbnis Sebastian Castellios zu einem moralischen Triumphzug; alle, die ängstlich und vorsichtig geschwiegen, solange Castellio unter dem Verdacht der Ketzerei gestanden, drängen nun heran, um darzutun, wie sehr sie ihn liebten und ehrten; denn immer ist es bequemer, einen Toten zu verteidigen als einen Lebenden und Unbeliebten. Feierlich folgt die ganze Universität dem Leichenzuge, auf den Schultern der Studenten wird der Sarg in die Kathedrale gebracht und im Klostergang bestattet. Auf ihre eigenen Kosten lassen drei seiner Schüler auf den Grabstein die Widmung meißeln: »Dem hochberühmten Lehrer als Dank für seine große Wissenschaft und die Reinheit seines Lebens.«

Aber während Basel den reinen und gelehrten Mann betrauert, herrscht in Genf heller Jubel; nur daß sie nicht die Glocken läuten lassen bei der willkommenen Nachricht, dieser kühnste Verfechter der geistigen Freiheit sei glücklich vernichtet, der beredteste Mund, der gegen ihre Vergewaltigung des Gewissens gesprochen, endlich verstummt! Mit unziemlicher Freude beglückwünschen sie einander, alle die bibelfrommen »Diener am göttlichen Wort«, als ob das Wort »Liebet eure Feinde« niemals in ihrem Evangelium eingeschrieben gewesen wäre. »Castellio ist tot? Um so besser!« schreibt der Herr Pfarrer von Zürich, Bullinger, und ein anderer spottet: »Um seine Sache nicht vor dem Basler Senat rechtfertigen zu müssen, hat Castellio sich zu Rhadamanthys (dem Höllenfürsten) geflüchtet.« De Beze, der mit seinen denunziatorischen Pfeilen Castellio zu Boden gestreckt, lobpreist Gott, die Welt von diesem Ketzer befreit zu haben, und rühmt sich selbst als inspirierten Verkünder: »Ich war ein guter Prophet, als ich Castellio sagte: der Herr wird Dich für Deine Lästerungen strafen.« Selbst mit dem Tod dieses alleinstehenden Kämpfers und darum doppelt ehrenvoll Besiegten hat sich die Wut noch nicht müde gehaßt. Aber vergeblich wie immer der Haß: den Toten vermag keine Höhnung mehr zu kränken, und die Idee, für die er gelebt und gestorben, steht wie alle wahrhaft humanen Gedanken über aller irdischen und zeitlichen Gewalt.

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