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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 9
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Die Vierdte Abhandelung.

Cardenio. Ein Gespenst in Gestalt Olympiens.

Der Schaw-Platz ist vmb Lysanders Hauß.

Die vorhin mehr denn angenehme Zeit
Der stillen Nacht entsteckt der hellen Lichter Reyen!
Vnd meine nimmer todte Traurigkeit
Erwacht / vnd reitzt mich an mich endlich zu befreyen.
Ihr Fackeln die jhr in den Wolcken brennt!
Die jhr vor diesem mir zu meiner Lust geschienen!
Als ich in toller Liebe mich verkennt /
Seyd nun bereit zur Rache mir zu dienen!
Wo jrr ich hin! wie vorhin mich die Lust
Durch Finsternüß hieß als zur Wache gehen /
So zwingt der Durst der heiß entbrandten Brust /
Lysander, mich nach deinem Blutt' zu stehen.
Wo bleibt mein Feind so spät? Die Häuser sind geschlossen.
Die Gassen sonder Volck / die Sternen fortgeschossen:
Diane bringt hervor ihr abgenommen Licht
Vnd schielt den Erdkreiß an mit halbem Angesicht.
Man hört von weitem nur die wachen-Hunde heulen /
Vnd einsames Geschrey der vngeparten Eulen!
Die Fenster stehn entseelt von jhrer Kertzen Schein
Der Schlaff spricht allen zu vnd wigt die Augen ein /
Nur meine Rache nicht! was seh' ich? Ists zu glauben!
Wie? Oder mag ein Traum mich der Vernunfft berauben?
Daß man Olympens Thür bey hoher Mitternacht /
Eh' jemand klopfft so frey vnd sonder Sorg' auffmacht
Wie? Ein verschleirtes Bild vnd zwar so gantz alleine
Nicht Diener! Fackel! Weib! vnd gleichwol nach dem Scheine
Nicht so geringer Art. Ich muß mich vnterstehn
Zu forschen wer sie sey vnd auff sie zu zu gehn.
Holdseligste / wie ists schaut man so schöne Sonnen
Bey trüber Mitternacht? Diane gibts gewonnen
Vnd deckt mit einer Wolck jhr schamroth Angesicht /
Die Sternen sind erblast ob jhrer Augen Licht.

Olymp. Mein Herr verzeih' / ich weiß wie wahr so thanes Schertzen /

Carden. Wie? Glaubt sie / daß mein Wort nicht komm' auß wahrem Hertzen!

Olymp. Mein Herr siht Sonnen hier vnd gleichwol seh' ich Nacht /

Carden. Die Sonne siht sich nicht die alle sehend macht.

Olymp. Mein trüber Schein bezeugt wie nah' ich Sonnen gleiche!

Carden. Vnd jhr Verstand thut dar daß jhr die Sonne weiche.

Olymp. Genung mein Herr ich geh!

Carden.         Wohin so spät? allein?

Olymp. Die Tugend mit sich führt wird nicht alleine seyn.

Carden. Welch Vnfall zwinget sie bey Nacht sich so zu wagen?

Olymp. Kein Vnfall / Gunst vielmehr: Solt ich die Warheit sagen.

Carden. In Warheit grosse Gunst / wol dem / dem sie geschieht /

Olymp. Mir vnd Olympien! die mit mir aufgeblüht:

Carden. Mich daucht ich sahe sie auß jhrem Hause treten.

Olymp. Sie hat den Abend mich zur Malzeit eingebeten.

Carden. Vnd schlägt jhr Herberg' ab in dem so weiten Hauß?

Olymp. Mein Herr / wenn lieber kommt / denn hat wer lieb' war auß:

Carden. Wen mag bey tiffer Nacht Olympe noch erbeiten?

Olymp. Ihr Eh-Schatz wird gewiß vor Morgen noch einreiten.

Carden. Wie daß Olympe sie nicht heim begleiten ließ?

Olymp. Mein Herr ich bin bekand vnd meines Wegs gewiß.

Carden. Vnd gleichwol hab ich nicht die Ehre sie zu kennen!

Olymp. Vielleicht doch wol gehört offt meinen Namen nennen.

Carden. Sie gönne mir / daß ich sie den begleiten mag!

Olymp. Gar wol: Doch mir ist Nacht so sicher als der Tag.

Carden. Ich wolte diese Nacht dem Tage weit vorziehen
Wenn sie O schönstes Licht / nicht wolte von mir fliehen!
Wo lencken wir vns hin! nun sich die Gasse theilt
Mein Engel! wie so still! hab etwan ich gefeilt
Daß sie den süssen Mund durchauß vor mir wil schlissen!
Sie melde nur die Schuld ich wil den Frevel büssen
Sie sprech' ein Vrtheil auß; was mag der Vrsprung seyn!
Ist meine Gegenwart die Vrsach jhrer Pein?
Sie melde was sie kränckt / ich wil / wo es zu glauben /
Mich dieser süssen Lust nur jhr zur Lust berauben!
Holdseligste! kein Wort! sie räche sich an mir
Hier ist der scharffe Stahl! die blosse Brust ist hier.
Dafern ich was verwirckt das ihr so sehr entgegen!
Druckt sie ein ander Schmertz? Kan etwa mein Vermögen
Zu jhren Diensten seyn! kein Vnheil ist zu groß:
Sie gebe sich / vnd nur mit einem Seuffzer bloß!
Begleit ich sie zu fern? Sie wil kein Wort verlieren!
Ich kan nur mehr denn wol / O grause Schönste! spüren /
Daß ich / in dem ich jhr wil dienen / sie beschwer.
Ich geh denn / sie verzeih! mich trägt mein Weg die quer.
Auch fordert mich von hier ein nöthiger Geschäffte!

Olymp. Brich Jammer-schwangres Hertz! brecht jhr erstarrten Kräffte.
Brich meiner Lippen Schloß! wie? oder ists ein Wahn!
Hab ich in solcher Angst die beste Zeit verthan?
Ich / die du falscher Mensch nicht wilst / nicht kanst mehr kennen!
Soll ich Cardenio dir meinen Nahmen nennen!
Erzitter vnd erschrick! Olympen hast du hir!
Die bey geheimer Nacht nur winselt über dir /
Weil sie den Tag nicht darff! hab ich mich raw gestellet
So offt du vnbedacht dich zu mir hast gesellet!
Hieß ich dich hitzig gehn; diß fordert Ehr vnd Glimpff
Jagt dich ein ernstes Wort vnd ein falsch-zornig Schimpff?
Heist diß beständig seyn! auff ewig sich verschweren!
Bist du so meiner Gunst / so indenck meiner Zehren?
So indenck meiner Glut! daß auch der Namen nicht
Dir in die Sinnen kommt: Ob schon dir im Gesicht'
Olympe lebend steht! ob die vor süssen Worte!
Schon streichen in dein Ohr! ob sie schon auß dem Orte
Hervor trit / den du mehr; mehr denn zu viel besucht!
Vnd fragst du wer sie sey! vnd machst dich auff die Flucht.
Indem sie vmb dich zagt! fragst du wohin ich eile?
Bey vngeheurer Nacht! warumb ich nicht verweile
In dem verhasten Bett'? Es ist nicht fern von hier
Ein Garten: Angenehm nicht wegen seiner Zier
Vnd Blumen-reicher Pracht vnd wolgesetzten Heyne.
Ach nein / ich liebe mehr alldar die rauen Steine:
Die man an dessen Seit auß tieffen Hölen bricht!
In welchen Echo sitzt vnd jeder Wort nachspricht /
Daß ich vor weinen offt verschluck vnd in mich fresse /
Ich / die / Cardenio, dein ewig nicht vergesse /
Dein! / dem Olympe Tod! mit welcher in dir starb /
Was vnvergleichlich Ehr' vnd Ansehn dir erwarb.
Dein / den die tolle Brunst verknüpfft hat mit Celinden:
Dem Fräulin sonder Zucht / dem Zunder ärgster Sünden!
Dem Vrsprung deiner Noth! der Quälle meiner Pein /
Vnd die Cardenio, dein Vntergang wird seyn!

Carden. O Schönste! daß sie mich erstarrend vor jhr schauet /
Mich / welchem vor sich selbst vnd seiner Vnthat grauet /
Daß ich so lang' erstumm't; entsteht auß meiner Rew
Die keine Worte findt / Krafft welcher jhre Trew;
Die übertreue Trew / von mir recht außzustreichen!
Olympe! welche Glut wird jhrer Flamme gleichen!
Sie führe mich von hier! die dunckel Einsamkeit
Vorhin durch jhr Gewein / bethrenet vnd beschreyt /
Soll numehr Zeuge seyn (ich haß! ich flieh Celinden!)
Daß sie Olympe nur / nur mächtig mich zu binden!
Ich wandel als entzuckt! mir ist ich weiß nicht wie:
Sie zeige mir den Ort in dem ich auff dem Knie
(Ihr O mein Licht) gesteh / mein überhäufft Verbrechen!
Sie selbst / Olympe sie / sie mag ein Vrtheil sprechen
Das strengste das sie weiß / sie glaube daß ich frey
Vnd hurtig vnd behertzt es auß zu führen sey.

 

Lysander, zwey Diener / vnd die wahre Olympia.

Entzäumt die Ross' vnd helfft sie vnterdessen führen /
Für vnsern Hinterhof / biß auff mein Wort die Thüren
Entschlossen / Storax folg vnd komm.

Storax.         Mein Herr ein Wort!
Wir reisen durch die Nacht! vnd könten an dem Ort /
Da wir den Abend spät zum füttern abgestiegen /
Wol biß auff morgen früh' ohn Eckel sicher liegen!
Was ists drey Stunden eh'r in seiner Wohnung seyn!
Was diese Nacht versäumt bracht vns die Früe-Stund ein.

Lysand. Wer in drey Stunden kan sein eigen Hauß erreichen /
Vnd lieber anderswo sich auffhalt; gibt ein Zeichen
Daß er kein rechter Wirth / kein lieber Ehmann sey.

Storax. Jetzt wandeln wir zu Fuß da vns das reiten frey!

Lysand. Was nützt die Nachbarschafft mit dem Geraß erschrecken
Vnd durch ein wiegrend Roß bey stiller Ruh' entdecken
Daß ich von Hofe komm'?

Storax.         Es liegt mir dar nicht an /
Nur daß ein Vnglück vns so überfallen kan /
Das zu vermeiden stund / der Mann hat nicht gelogen:
Der vorgab daß die Nacht nicht jeden gleich gewogen.

Lysand. Wer kan dir Schaden thun vor deines Herren Thür?

Storax. Wie / wenn man schadete dem Herren neben mir?

Lysand. Erschreckter! fürchst du dich den Degen zu entblössen?

Storax. Zwey Klingen thun nicht viel / bey zehn / bey zwantzig Stössen:

Lysand. Ist die genaue Wach nicht hier / nicht dar bestellt?

Storax. Sie wacht dem nur zu träg / der auff den Sand gefällt.

Lysand. Das Schwerdt der Oberkeit kan diese Schwerdter dämpffen.

Storax. Es wär' jetzt fern von hier / dafern wir solten kämpffen.
Mein Herr / die grosse Stadt beherbergt manchen Geist /
Der sich auß Vbermut / auß Zanck / auß Argwon schmeist:
Der den verdeckten Haß durch Meuchelmord außführet /
Denckt ob jhr aller Freund. Was diesen Himmel zieret /
Vnd durch das dunckel gläntzt; siht manche Thaten an:
Die auch im Mittag nicht die Sonn' entdecken kan!

Lysand. Genung von dem! wir sind / (der Höchste sey gepreiset.)
Auff eigner Schwell' ey klopff! klopff an!

Knecht.         Er ist verreiset!

Storax. Wer ist verreist?

Knecht.         Mein Herr.

Storax.                 Thue auff / er ist schon hier.

Knecht. Wir gingen über Feld.

Storax.         Wie Dorus? Traumet dir?

Lysand. Klopfft an / er ist voll Schlafs.

Knecht.         Wer da?

Storax.                 Der Herr ist kommen!

Dorus. O wol! mein Herr! ich hatt' es vor nicht recht vernommen!

Lysand. Nun munter! öffne bald! wie ists mit dir bewand.

Dorus. Mein Herr / die Schlüssel sind in vnser Frauen Hand.
Ich geh' vnd zeig es an!

Lysand.         O angenehm erwecken!
Wird jhr ein süsser Traum mein Ankunfft auch entdecken?
Mein einig Eigenthum / dein treues Hertze macht /
Daß ich der Fürsten Gunst vnd Hofes Zier veracht.

 

Olympe durch die Fenster. Lysander. Storax.

Wer dar! mein Hertz!

Lysand.         Mein Licht!

Olymp.                 O Tausendmal willkommen!
Mein Trost / jetzt schließ ich auff.

Lysand.         Ist dir die Furcht benommen!
Nun wir versichert sind.

Storax.         Wir stehn noch vor der Thür.
Man fällt im Augenblick offt zwischen dar vnd hier /

Lysand. Du Blöder! du wirst nicht so leicht dein Leben wagen.

Storax. Leicht wagen / aber Herr euch auch die Warheit sagen /
Vnd diß auß treuem Geist / mir ist die Seele feil
Mein Herr vor seinen Leib vnd seines Hauses Heil.

 

Olympia. Lysander.

Olymp. Willkommen süsses Hertz! O hochgewünschte Stunden!

Lysand. O liebreich Angesicht! O höchst gewünscht gefunden.
Leid ist mir / daß ich sie gestört in jhrer Ruh.

Olymp. Mir lieb! mir setzte Furcht vnd grauses Schrecken zu /
In einem herben Traum! wie wol bin ich erwachet /
Sein Ankunfft hat mich Angst- vnd Sorgen-frey gemachet.
Mein Hertz folg ins Gemach!

Lysand.         Stracks! Wo mag Dorus seyn?
Laß durch den Hinterhof die Ross' vnd Diener ein.
Du Storax schleuß das Thor! gib acht auff alle Sachen /
Die mit von Hofe bracht.

Storax.         Ich werd es richtig machen.
Mein Herr sey vnbesorgt.

Olymp.         Last vns nicht länger stehn!
Es ist die tieffste Nacht.

Lysand.         Wolan mein Licht / wir gehn.

 

Cardenio. Das Gespenst in Gestalt Olympiens.

Der Schaw-Platz verwandelt sich in einen Lust-Garten.

Mein Trost! wir gehn so fern! vnd wechseln keine Worte!
Treugt mich das Auge nicht / so sind wir an dem Orte
Den sie bey stiller Nacht zu trauren jhr erwehlt!
Mein Engel! dessen Grimm mein reuend Hertze quält;
Ist jhr gerechter Zorn denn nicht zu überbitten!
Ich hab / es ist nicht ohn / weit ausser Pflicht geschritten!
Mehr auß verzweiffeln / denn aus Abgunst gegen jhr!
Sie Göttin! sie verzeih! die Seel' erstirbt in mir!
Wofern sie Schönste nicht hier wil den Haß ablegen /
Den meine Schuld entsteckt; sie lasse sich bewegen
Der heissen Threnen Fluß! der sanffte Westen-Wind /
Der durch die Sträucher rauscht beseuffzet vnd empfindt
Die vnaußsprechlich' Angst die meine Seele drücket /
Diane die bestürtzt vnd tunckel vns anblicket /
Bejammert meine Noth vnd bittet / wie es scheint /
Vor diesen / der für ihr auff seinen Knien weint:
Sie gönne mir doch nur jhr lieblich Angesichte /
Das Mond vnd Sternen trotzt! vnd mach in mir zu nichte
Durch einen süssen Kuß wo etwas allhier lebt
Das nicht Olympen lieb! die Nacht so vmb vns schwebt
Sey jhr statt einer Wolck der zart-gewirckten Seiden!
Mein Engel! ja sie wird von jhrem Diener leiden!
Daß er / dafern jhr Haß beständig zürnen wil /
Doch nur die Hüll abzieh' / vnd recht das blitzen fühl
So auß den Augen stralt – – – –

 

Der Schaw-Platz verändert sich plötzlich in eine abscheuliche Einöde / Olympie selbst in ein Todten-Gerippe welches mit Pfeil vnd Bogen auff den Cardenio zielet.

Carden. – – – O Himmel ich verschwinde!

Olymp. Schaw an so blitzt mein Stral / dein Lohn / die Frucht der Sünde.

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