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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 8
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Die Dritte Abhandelung.

Der Schaw-Platz stellet Lysanders Hauß vor.

Olympia. Vireno.

Olymp. Du köntest mir fürwahr nicht besser Zeitung bringen
Als daß Lysander nah' / jhr Himmel lasts gelingen
Daß ich jhn heute noch in meinen Armen seh:

Viren. Ich wüntsche daß es bald vnd glücklich auch gescheh.

Olymp. Ich weiß kein grösser Glück in dieser Welt zu hoffen /
Als seine Gegenwart. Mein Hertze steht ihm offen
Nicht nur sein eigen Hauß.

Viren.         Es ist mein höchste Lust:
Daß die so laue Lieb hab endlich deine Brust
Mit wahrer Flamm entsteckt / was hat er nicht gelidten:
Als du vor jener Zeit durchauß nicht zu erbitten.
Wie ging er dir so steiff / so unverdrossen nach /
Vnd duldet allen Hohn; das rauschen stiller Bach
Vnd sein liebreiches Wort war eins in deinen Ohren /
Du hättest nur vor jhn / holdselig seyn / verloren:
Nun hat die Liebe dir / die du bißher bekriegt
Doch durch Lysanders Trew zum letzten obgesiegt.

Olymp. Mein Bruder ich gesteh' es hat mir nie behaget /
Was er bey stiller Nacht durch meine Magd gewaget /
Daß ein beschlossen Hauß er durch sein Geld erbrach
Vnd als Verräther drang in keusche Schlafgemach.
Was kam es mich zu stehn! was Eltern vnd Verwandten;
Ich ward der Zungen Spiel: Vnd die mein Hertz erkanten
Die zogen doch mein Ehr' in Argwon vnd Verdacht!

Viren. Wahr ists! er hats mit vns mehr denn zu grob gemacht!

Olymp. Ach keiner lasse sich so weit den Wahn bethören
Vnd such' ein rein Gemüt durch Tücke zu entehren!
Wer List / Betrug vnd Macht zu Heuraths-Stifftern braucht;
Fängt gar zu übel an. Weil noch die Fackel raucht
Die man der Braut ansteckt: Raucht schon Haß / Eifer / Rache /
Vnd ewig-heisser Grimm / vnd macht die Sinnen wache
Durch rasend' Vngeduld. Die sich verkauffen läst
Vnd ruhig sich verspielt / muß warlich nicht zu fest
Auff jhrer Ehre stehn. Er dachte mich zu fangen:
Vnd hatte leider sich zum ärgsten hintergangen.
Ich ward zuletzt auß Noth jhm auff sein Wort versagt:
Ich / der Cardenio, nicht sein Betrug behagt.
Hilff Gott! wie schlug mein Hertz: Wenn ich jhn must' anschauen
Denn wolte mir vor jhm biß auff das brechen grauen!
Sein Wort war mir im Ohr ein harter Donnerschlag
Ich wüntschte meinen Tod vor seinem Heuraths-Tag.
Er sah' (ob wol zu spät) wie hoch er sich vergessen:
Vnd hub sein Vnglück an mit meinem auszumessen /
Jedoch entschloß er sich zur Busse seine Schuld;
Olympens Vbermut zu lindern durch Geduld.
Vnd diese brach mein Hertz; auch fiel ich in Gedancken
Cardenio wär hin! so trat ich in die Schrancken
Zwar noch nicht grosser Gunst / die täglich stärcker blüht /
Indem Lysander mir zu fugen sich bemüht /
Vnd wieder Liebe spürt. Wir wurden drauff verbunden
Durch Pristerlichen Spruch. Ich habe diß befunden
Daß Lieb unendlich sich in keuscher Eh vermehr;
Vnd wenn sie richtig / nie nach frembdem ruffen hör.

Viren. Doch als Cardenio auffs new' allhier ankommen;
Vnd du sein alte Trew vnd Vnschuld recht vernommen /
Ward nicht dein Geist bestürtzt.

Olymp.         Bestürtzt; doch nicht bewegt!
Ich habe Stand / Geschlecht vnd Zusag überlegt:
Ich schloß für Gottes Rath die stoltzen Knie zu neigen:
Der mir Lysandern ließ zum Eh'-Geferten zeigen.
Vnd ob Cardenio sich vnaußsprechlich müht /
Doch war sein Fleiß vmbsonst / wie man vor Augen siht.

Viren. So ist Cardenio denn gantz auß deinem Hertzen!

Olymp. Lysander hat mein Hertz: Diß red ich / (vnd mit Schmertzen;)
Cardenio hat frey was höher mich geschätzt:
Ja vor mich Ehr vnd Ruhm vnd Leben auffgesetzt /
Sein Geist war meine Seel: Ich wüntscht ohn jhn zu sterben:
Ich wüntscht jhn nur allein vor alles Gut zu erben!
Was aber! ich verspür es sey deß Himmels Schluß
Gar anders auffgesetzt / verzeih es mir / ich muß
Entdecken was ich glaub'. Vnendlich hohe Sinnen
Begehren offt allhier den Vorsatz zu gewinnen
Den jhr Verlangen sucht. Sie wagen Schweiß vnd Fleiß /
Es fällt jhn alles zu / doch wenn der letzte Preiß
Ihn gleichsam in der Faust; so muß es gleichwol müssen /
Vnd als in grosser Hitz ein kaltes Eiß zuflissen.
Warumb? Deß Höchsten Aug' in seinem Himmel siht
Wie hart ein sterblich Mensch vmb seinen Fall bemüht;
Wie theuer es sein' Angst / ja sein Verterben kauffe;
Wie blind es in den Pful deß tiefsten Abgrunds lauffe;
Vnd hält mitleidend vns in diesem Wahnwitz an /
Nimmt was vns schaden mag. Gibt was vns nützen kan.
Was hier vnd dar zu sehn; blickt auch in Heuraths-Sachen!
Zwey Seelen können ja hier ein Verbündnüß machen;
Gott bindet oder trennt! was dem zu wider geht
Geht auffs verterben auß / was durch jhn kommt / besteht.
Wenn mit Cardenio mir nützlich stets zu leben;
Er hatte warlich mir Lysandern nicht gegeben.
Ist jener vielleicht mehr mit Gaben außgeziert;
Ich bin mit dem vergnügt was einig mir gebührt.
Wehlt mich Cardenio? Gott hat vor mich gewehlet:
Ich traure daß vmb mich Cardenio sich quälet:
Mich wundert daß nunmehr sein scharffer Geist nicht seh'
Daß auff deß Herren Welt / nichts ohngefehr gescheh' /
Daß der Olympien zur Eh' ihm abgeschlagen;
Vielleicht was höhers jhm entschlossen anzutragen.
Ich klage daß er sich nicht besser nem' in acht:
Vnd daß er seinen Ruhm auß Wehmut durchgebracht.
Sein Zagen! (wie ich weiß) bringt jhn auff solche Sachen
Die Ehre / Stand / Verstand vnd Lob zu nichte machen!
Der kürtzt sein Leben ab vor dem gesetzten Ziel
Der schwartze Molchen-Gifft vor Artzney brauchen wil.

Viren. Man sagt; er rüste sich auß dieser Stadt zu scheiden /

Olymp. Er wil Gelegenheit / vielleicht / zum bösen meyden.

Viren. Wer weiß wohin sein Sinn jhn etwa wieder führt.

Olymp. Wer weiß ob nicht den Sinn die erste Tugend rührt.

Viren. Lysander wird gewiß den grimm'sten Feind verlieren.

Olymp. Mehr ich / die dadurch frey von seinem steten spüren.

Viren. Der Keuschheit wird vmbsonst gespüret vnd gestellt.

Olymp. Die leicht doch in den Mund deß blinden Pövels fällt.

Viren. Deß Pövels toller Mund wird nicht was keusch entehren;

Olymp. Man soll den Pövel nichts von keuschen Reden hören.

Viren. Sein Hinzug führt mit ihm sein Lieb' vnd Leben hin.

Olymp. Ich schätzt es / wenn er schon verreiset / für Gewinn.

Viren. In zwey drey Tagen wirst du deß Gewins genissen;

Olymp. Man kan ein grosses offt im Augenblicke missen.

Viren. Was missen? Wenn der Feind das Lager schon verläst?

Olymp. Wenn der Cornet erblast; entsteckt er Gifft vnd Pest.
Mein Bruder laß so viel dich meine Furcht bewegen
Gib etwas auff jhn acht / sein Haß kan leicht sich regen /
Indem Lysander sich gleich jetzt anheim begiebt
Vnd er von hinnen wil.

Viren.         Wol! wie es dir beliebt!

Olymp. Cardenio von hier?
Der mit Lysanders Blut vor mir zu prangen draute?
Lysander kommt zu mir?
Den wider meinen Wuntsch der Himmel mir vertraute!
Cardenio zeuch hin!
Vergiß Olympiens, vergiß der heissen Rache!
Nim mit dir zum Gewin:
Du habest schlimmer Glück / doch wolgerechter Sache.
Cardenio zeuch fort;
Du mussest anderswo weit angenehmer leben;
Nur gönne mir den Port
Den nach dem rauen Sturm die Liebe mir gegeben.
Dein Hinzug rette mich /
Auß der so schweren Furcht in die du mich gestecket!
Dein Hinzug saubre dich
Von überhäuffter Schuld damit du dich beflecket.
Dein könt ich doch nicht seyn!
Weil das Verhängnüß mich Lysandern zu erkennet;
Dem laß mich nur allein:
Vnd glaube daß vns Gott / doch nicht vmbsonst getrennet.
Lysander komm. Ich lebe nur in dir!
Komm vnd verkürtze mein so schmertzliches Verlangen;
Lysander komm vnd lebe stets in mir
Die du von Furcht befreyt wirst recht erfreu't vmbfangen.

 

Cardenio.

Der Schaw-Platz ist Cardenii Gemach.

Cardenio zündet ein Feuer an / vnd verbrennet
etliche Briefe vnd Liebes-Geschencke.

Ich bin nicht ferner dein! die Ketten sind gebrochen!
Dein Zorn / mein Eifer hat mich von dir loß gesprochen!
Die Flamme zehr es auff was ich je von dir trug /
Als ich vor dich mich selbst blind in die Schantze schlug!
Brennt hitzige Papir! voll Seelen / Sinnen / Hertzen /
Voll Seuffzer / Küsse / Gunst; jhr Zunder meiner Schmertzen!
Die offt wir beyderseits mit Threnen gantz durchnetzt
Als vns der blinde Wahn zu hoffen hat verletzt!
Brenn' eitel Pergament mit falschem Blut beschrieben!
Die liebt weit ander jetzt die mich wolt ewig lieben!
Weg du beperltes Haar! du Strick der mich gefast
Den die geflochten hat die mit gehäuffter Last /
Mein dienend Hertz geprest! wie fest jhr Haar gewunden:
So fest war ich vorhin / doch nun nicht mehr / gebunden!
Weg vor mein höchster Schatz / nun ein zurissen Band
Weg du nicht reines Gold! du Ring von meiner Hand!
Dein Bildniß ist noch hier! ach soll es denn verbrennen!
Wie anders! werd ich dich denn ewig nicht erkennen?
Was hilffts? Ach must du denn / du gar zu wahrer Schein
Von meiner Seelen Sonn' vergehn vnd Aschen seyn!
Nein! daß zum minsten noch mir diß zum Denckmal bleibe!
Daß höchste Grausamkeit wohn in dem schönsten Leibe!
Was thu' ich? Steht sie mir nicht täglich im Gesicht
Weil etwas in mir lebt? Diß Bild erstürbet nicht
Das sie mir in die Seel' auff ewig eingedrücket
Als meine Freyheit ward schnell durch jhr Garn berücket.
Könt jhr Gedächtnüß nur so leicht seyn außgethan
Als diß Gemälde brennt: Ich schifft in festem Kahn
Weg alles was mich hilt! wie schnell ist es verschwunden!
Was hatt mich Thörichten? Was hilt mich doch gebunden?
Die leichte Handvoll Asch! der Rauch! der schwartze Dunst!
Vnd nur mein eigen Wahn vnd jetzt verfluchte Brunst!

Reyen.

Die Zeit / der Mensch / die Vier Theil deß Jahres / in Gestalt der Vier Zeiten Menschlichen Alters / welche schweigend eingeführet werden.

Zeit. Mensch / diß ist deß Himmels Schluß /
Dem was sterblich folgen muß /
Daß du sonder Mitgefertin nicht dein Leben sollst vollbringen
Viere wird man dir vorstellen: Möchte dir die Wahl gelingen.
Wer sich hier nicht nimmt in acht
Wer sein Glück einmal versiht
Ist vmb das was er verlacht
Für vnd für vmbsonst bemüht.

Der Frühling wird von der Zeit auffgeführet.

Mensch. Du wunder-schönes Bild / du Himmel-hohe Zir!
Kommst du auff Erden mich zu grüssen?
Ach! möcht ich stets mich vmb dich wissen!
Die Schönheit selbst ist blöd vnd vngestalt vor dir.
Was sind die Liljen noth? Worzu der Rosen Pracht?
Dein Rosen-frisches Angesichte
Macht aller Blumen Schmuck zu nichte /
So gläntzt das Morgen-roth / wenn es den Tag anlacht.

Ihr zarten Glieder jhr / jhr Gold-geferbten Haar
Seyd starck mein Hertze zu bestricken.
Das über euch / als im entzücken
Nicht fühlt worinn es schweb' in Lust ob in Gefahr
Wie hurtig ist der Gang! wie artig steht das Kleid
Doch kan der Himmel höher Gaben;
Den übrigen verliehen haben.
Das erst' ist nicht das best / stracks schlissen schafft offt Leid.

Reyen. Wer sich hier nicht nimmt in acht / etc.

Die Zeit führet den Frühling ab / vnd den Sommer ein.

Mensch. Ich dacht es wol vorhin! die sich jetzt zu mir macht
Gibt kaum der ersten nach.
Wie schmückt der ihren Krantz der schwartzen Haare Tracht!
Die Perlen tausendfach
Als Sternen vnsre Nacht entzünden
Wenn nun Diane soll verschwinden.

Ob schon der Sonnen Glantz die lichten Wangen färbt
Spielt doch der Glieder Schne
Der auß der Mutter Leib / von Schmincke nichts geerbt /
Als wenn von Taurus Höh'
Die überdeckte Klippen malen
Mit Wider-Glantz der Wolcken pralen.

Die Sichel in der Faust / der Arm schier gantz entblöst /
Gibt warlich zu verstehn /
Daß sie nicht ruhen kan vnd Faulheit von sich stöst.
Zwar / last sie auch hingehn!
Schön ist sie. Doch mir was zu strenge
Ich leide Mangel bey der Menge.

Reyen. Wer sich hier / etc.

Die Zeit führet den Herbst ein.

Mensch.     Noch ist biß hieher nichts verloren /
Trit nicht deß Reichthums Göttin auff?
So prächtig als zu jhrem Lauff
Dafern Matuta new-geboren
Die Stralen-volle Sonn erwacht
Vnd die erquickte Welt anlacht.

    Hier pralt was Osten je gewehret;
Was Peru auß der Klippen Nacht
Hat in den lieben Tag gebracht /
Vnd Amfitrit' jemals bescheret /
Deß Hauptes welcken Blatter-Krantz
Ersetzt der Diamante Glantz.

    Mein Aug erstarrt ob diesem Lichte:
Wie treffen mit dem Widerschein
Der schütternden Rubinen ein
Die in dem Schoß gehäuften Früchte?
Von jhrem Haupt / biß auff den Fuß /
Ist nichts denn Pracht vnd Vberfluß.

    Doch sind die Wangen fast erblichen:
Der vorhin weissen Glieder Schne
Wird gelblicht / der Corallen Höh'
Ist von den Lippen schier gewichen.
Sie ists nicht die mein Hertz ergetzt!
Das Beste kommt wol auff die letzt.

Reyen. Wer sich hier / etc.

Die Zeit führet den Winter ein.

Mensch. Weh mir! was seh ich hier! ist diß mein gantz verlangen
    O häßlich Frauen-Bild! was ist die Fackel noth!
Bist du mir in mein Grab zu leuchten vorgegangen!
    O lebend Sichen-Hauß / O Muster von dem Tod.
Weh mir! was find ich hier! ist diß mein langes wehlen?
    Wie schlägt mein hoffen auß! O möcht' ich nun zurück
Soll' ich mich für vnd für mit diesem Scheusal quälen
    O allzu späte Rew' / O höchst-verschertztes Glück.

Zeit. Die ists / die du haben must /
Weil der andern dreyen keine
Würdig deiner wilden Lust /
Zage / schrey / lach / oder weine /
Da die frische Jugend nicht /
Nicht der vollen Jahre Blum /
Nicht ein blödes Angesicht /
Tüchtig dir zum Eigenthum
So nim / wofern du nicht wilst gantz verloren seyn /
Was noch das Alter läst / statt aller Gütter ein.

Reyen.     Kein höher Schatz ist in der grossen Welt
    Als nur die Zeit / wer die nach Würden hält
Wer die recht braucht / trotzt Tod vnd Noth / vnd Neid
Vnd baut jhm selbst den Thron der Ewigkeit.

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