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Gutenberg > Andreas Gryphius >

Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Carden. Und mich noch zehnfach mehr in den gewissen Tod.
Gedencke wie die Seel' in Reu' vnd Angst gebrennet /
Als ich jhr Unschuld vnd Lysanders Trug erkennet:
Wie ich den Eifer-Sinn / wie ich den Tag verflucht /
Da ich so frech verschmäht was ich so steiff gesucht.
Ich fand Gelegenheit / doch nur zu meinen Schmertzen:
Da ich Olympien auß hochbetrübtem Hertzen
Tieff vmb Verzeihung bat / vnd / ob sie vnbewegt
Mir lange wider-stund; in neue Bande legt.
Wir trugen beyderseits Mitleiden mit einander:
Und liebten mehr als vor. Wir schrieben dem Lysander
Und dem Verhängnüß zu was sie vnd mich getrennt:
Und wuntschten seiner Lieb ein so erschrecklich End
Als falsch der Anfang war! schaw wie das Glücke spiele
In dem ich in dem Wahn gantz new Erquickung fühle
Und lesch' in höchster Gunst Lysanders Hoffnung auß:
Schreibt mir mein Vater zu vnd fordert mich nach Hauß /
Theils weil sein alter Leib durch Seuchen hart beschweret
Theils weil sein Beystand jhn ans Königs Hof begehret:
Wie rett' ich beyde nun! Er wil getröstet seyn:
Hier wüntscht Olympe sich entbrochen jhrer Pein.
Er bittet: Sie noch mehr! doch auff sein fünfftes Schreiben:
Schwer ich Olympien unendlich trew zu bleiben /
Und eh der zweytte Mond im Himmel kan vergehn /
Schwer ich vor jhrem Aug' ohn alles falsch zu stehn.
Ich schwere durch Papier sie wöchentlich zu ehren:
Und sie von meiner Reiß vnd Wiederkunfft zu lehren.
Und mache mich von hier! ach! was ein Mensch gedacht;
Steht; was er jmmer thut doch nicht in seiner Macht!
Ich komme glücklich fort / deß Vatern Seuche schwindet
In dem er mich gesund in seinen Armen findet:
Der Hof steht seiner Bitt auff mein ersuchen zu:
Ich setz in kurtzer Zeit mein gantzes Hauß in Ruh
Hier kehr ich alles vmb. Ich schick vnzehlich Schreiben;
Die leider auff der Post gehemmt vnd liegen bleiben
Olympie die gantz nichts von mir wissen kan /
Klagt meinen Wanckelmut vnd duppelt Untrew an.
Mich / der kein Antwort könt' auff alle Brief empfangen /
Legt Kummer / vnd Verdacht vnd Feber-Hitz gefangen.
Doch richt ich mich zuletzt von meinem Siechbett' auff
Und mache / noch nicht recht erquickt / mich auff den Lauff.
Ach leider! viel zu spät. Alsbald ich an war kommen
Und nach Olympien vnd meinem Heil vernommen:
Erfahr ich! daß nunmehr Lysander sie ersetzt:
Ja daß jhr Heuraths-Tag bestimmt vnd angesetzt.
Ich hilts vor Phantasey. Biß mir ein Freund erzehlet:
Es hab Olympie sich lange Zeit gequälet /
Ob meinem aussen seyn / daß keinerley Bericht /
Kein Schreiben je ersetzt: Lysanders Angesicht
Wär jhr zwar wie vorhin unangenehm gewesen /
Lysander hätte selbst auß jhrer Stirn gelesen
Sein Ungunst / jhren Haß: Auch hätt er sich betrübt
Daß er auß Unvernunfft so freventlich geliebt /
Und unbedacht gesucht was er erbitten sollen:
Doch hab er sich selbselbst auffs höchste zwingen wollen
Zu der verlobten Dienst: Die letzlich jhn beklagt /
Daß er sein Glück vmb sie / die jhm doch feind / gewagt
Sie hätte die Geduld Lysanders müssen loben
Und allgemach mich gantz auß jhrem Sinn verschoben:
Lysander hätte diß genommen stracks in acht
Und jhr mitleidend seyn zu höchster Liebe bracht /
Sie wären denn nun zwey / doch zwey mit einem Hertzen:
Und feilte wenig Zeit zu jhren Hochzeit-Kertzen:
Ich nam die raue Post mit solchem Schrecken an /
Als kein verdampter Mensch sein Urtheil hören kan.
Noch unterließ ich nichts (wie kurtz die Zeit!) zu wagen
Ich sucht jhr meine Trew durch Schrifften vorzutragen.
Sie nam kein Schreiben mehr / vnd schickt auff letzte mir /
Stat Antwort / ein verwahrt doch ledig Blat Papir.
Ich ließ mich / als ein Weib / durch meine Freund anlegen:
Und trat jhr ins Gesicht auff offentlichen Wegen /
Und zog mein Unschuld an / sie wegerte Gehör
Und nams als stünd ich ihr nach jhrer reinen Ehr.
Der Himmel / sprach sie / hat mir eine Seel gegeben!
Ich bin Lysanders Braut / Cardenio mag leben!
Der Himmel hat von ihm mich gäntzlich abgeschreckt:
Der mir sein falsches Hertz zum zweytenmal entdeckt –
Mit diesem ging sie durch: Und ließ mich sonder Sinnen:
Wie wenn in Sterbens-Angst die Geister vns zerrinnen.
Mein Feber grieff mich an vnd hilt mich im Gemach
Biß daß jhr Heurath-Fest (O trüber Tag) anbrach!
Da hab ich mich erkühnt mit dreymal drey Gesellen /
Bey jhrem Lust-Panquet ein tantzen anzustellen
Wir traten in den Saal in schwartzer Trauer-Pracht
Verhüllt vnd gantz vermummt: Ich sprang in solcher Tracht
Wie der verliebte Printz: Der den Verstand verloren /
Als seine Lust vor jhn den Medor auserkoren.
Lysander der vns nicht in dieser Wolck erkant /
Danckt vns mit höchster Ehr. Olympie entbrant'
Vor Ungeduld vnd Scham: Und ließ sich doch nicht mercken /
Umb meine Hoffnung nicht durch jhr Gesicht zu stärcken /
Celinde hat allein ich weiß nicht was erblickt
Dadurch sie mich entdeckt / sie schaute mich entzückt
Mit heissen Seuffzen an / die fruchtlos abgegangen /
Weil mich Olympie noch gar zu fest gefangen.

Pamphil. Olympie die schon Lysanders eigen war?

Carden. Die Liebe wächst in Noth vnd stärckt sich durch Gefahr.
Und wüntscht / durch was nicht ist / vnd vnerhörte Sachen
Und nie gebahnte Weg' jhr Anschläg auszumachen.
Lysanders Hochzeit-Feur war schon in Asch verkehrt /
Doch meine Flamme nicht die heimlich mich verzehrt
Ich dacht auff neue Stück: Und als er einst verreiset;
Hatt ein erkauffte Magd mich in sein Hauß geweiset /
Ich kam denn als ein Weib die Frücht vnd äpffel trägt
Als sich Olympie zur Mittags-Ruh gelegt /
Es war gleich eins bey jhr / erblicken vnd erkennen:
Ich sah' jhr Angesicht vor Zorn vnd zittern brennen.
Und eh' ich reden könt' ach! sprach sie! ach zu viel!
Zu viel Cardenio! ein Ende mit dem Spiel!
Ich bin von Edlem Stamm; bin unbefleckt geboren:
Und wie du weist / zur Eh' vnd keuschen Ehr erkoren.
Die drey verbitten mir dich ferner anzusehn!
Cardenio von hier! ist nicht zu viel geschehn /
Daß du mein Hochzeit-Fest mit dem verstellten rasen
Ohn alle Schew entweyht: Und Funcken auffgeblasen /
Die / wenn mein sitsam seyn / mit schweigen nicht bedeckt /
Ein vnaußleschlich Feur in Hauß vnd Hauß entsteckt.
Cardenio von hier: Wo nicht so magst du wissen:
Daß man dir auff mein Wort wird beyde Lichter schlissen /
Von hier vnd glaube diß / daß die dich ehrlich libt /
Die jetzt dich tödten kan / vnd dir das Leben gibt /
Wie? Sprach ich / laß ich mir mein rasen hier verweisen
Da man vmb Langmut mich / wo noch Vernunfft / soll preisen!
Laß ich Olympien in dieses Raubers Hand /
Der sie durch List erhält / der nie was Lieb' erkant.
Hat meine lange Trew so rau' ade verdienet:
Ich raß Olympie! Ich habe mich erkühnet
Zu einem Trauer-Spiel! ich komm in dein Gesicht /
(Ade Olympie) von dieser Stund' an nicht /
Als mit Lysanders Blut vnd meinem Blut gezihret;
So sprach ich vnd lieff stracks wo mich mein Grimm hin führet /
Schloß auch denselben Tag zu enden meine Noth.
Zu dämpffen meine Lieb' ins Feindes Blut vnd Tod.

Pamphil. Doch ward der raue Schluß nicht schleunig fortgesetzet.

Carden. Weil das Verhängnüß mich mit neuer Glut verletzet /
Ich hatt auß jener Hof kaum heimwärts mich gekehrt
Als von Celinden mir ein Schreiben ward gewehrt.
Die bat / daß ich bey jhr wolt eine Nymfe schauen /
Die mir ein wichtig Stück gesonnen zu vertrauen.
Ich / als ich jhrem Brief in etwas nachgedacht
Begab mich bey jhr Hauß nicht viel vor Mitternacht /
Ich hört vmb jhre Thür Viol' vnd Lauten klingen
Doch mehr zu Schimpff' als Ehr' ich hört ein Liedlein singen
Von ihrem Wanckelmut / das ging mir bitter ein /
Ich fiel den Hauffen an / schlug mit dem Eisen drein.
Sie setzten sich zu Wehr: Und musten doch erliegen:
Man sah Pandor vnd Hut / vnd Kling' vnd Harffe fliegen
Biß ich / vnd unverletzt / die Thür allein einnam
Da mir Celinde selbst erschreckt entgegen kam.
Sie danckte / daß ich sie bey dieser Zeit ersuchte:
Daß ich die Schaar verjagt: Die jhrer Tugend fluchte
Und jhren Ruhm verletzt (wo diß ein Schmach-Lied kan:)
Und bot zur Danckbarkeit sich mir zu eigen an.
Wir traten ins Gemach / da keine sonst zu finden:
Celind' vmbfing mich vnd vertraute mir Celinden:
Entdeckt jhr heisse Lieb' vnd wüntscht sie möchte mein:
Vor viel Olympien vnd strenge Buhlen seyn.
Ich schied' eh Titan kam die Sternen zu verschlissen:
Als ich den Tag hernach sie wolt' auffs new begrüssen;
Kam sie mir schöner vor vnd freyer denn vorhin:
Und fing halb seuffzend an. Cardenio ich bin /
Ich bin / Cardenio, die nur durch ihn kan leben:
Und die sich selbst vor jhn wolt' in die Flammen geben:
Doch wil er meiner Lieb ohn Leiden theilhafft seyn:
So lern' er wer ich sey / vnd geh den Rathschlag ein.
Ich / die von altem Stamm' vnd edlen Blut geboren:
Hab Eltern in dem Glantz der ersten Zeit verloren
Bin durch nicht treue Freund' vmb meiner Mutter Pracht;
Und vmb deß Vatern Gut durch Anverwandte bracht.
Krieg / Mangel / Haß vnd Noth hat mich so weit gerissen:
Daß ich der Keuschheit Blum zu letzt auffsetzen müssen /
Zwar einem / der durch Gold vnd Ansehn mich besprang
Doch durch nicht minder Lieb in dieses Hertze drang!
Und einig mich berührt: Auch wär' ich jhm vermählet
Wenn er nicht zimlich jung den Ritter-Stand erwehlet
Der ihm die Eh verbeut. Er hält mich noch allhier
Mit höchsten Kosten auff / vnd schicket für vnd für /
Was zu ersinnen ist. Sein übergroß Vermögen
Kehrt in die Zimmer ein! wo nun jhm nicht entgegen
Cardenio daß ich dem zu Gebote steh /
Der vns so prächtig nährt / so leb ich sonder Weh
Zwar von Marcellus Gut / doch lieb ich jhn alleine
Cardenio mein Licht: Den ich auff ewig meyne!
Sie schloß mit einem Kuß! vnd ich gab alles nach
So schwimmt der Ulmen-Baum wenn jhn die strenge Bach
Auß seinem Grunde reist. So fiel ich mit Celinden
Durch reitzen schnöder Lust in vor verhaste Sünden
Ich der ein keusches Bild so Eifer voll geliebt
Ward durch befleckte Gunst in heisser Brunst betrübt /

Pamphil. Ich zitter! ists Marcell der vnlängst vmb ist kommen:

Carden. Ja freylich; hör jetzt an wie jhm der Geist benommen;
Hör jetzt den frembden Fall / den ausser mir kein Man /
Umbständlich (wer er auch /) vor Augen stellen kan.
Wir zwey / Celind vnd ich / entbrant in gleichen Flammen:
Verfügten vns zwar offt doch sehr verdeckt zusammen
Und wären Zweiffels ohn noch lange nicht erwischt /
Wenn nicht mein Unverstand Marcellus Geist erfrischt /
Mich daucht es nicht genung daß mich Celind' erwehlet
Wenn ich nicht dieses Glück den Wäldern hätt' erzehlet /
Und in Gedichte bracht die sie mit Anmut sang
Wenn die geschickte Faust auff jhrer Laut' vmbsprang /
Hier rührt sein Unfall her / denn als er einmal kommen
Und in Celindens Hand ein lang Papier vernommen /
Beschwärtzt durch meine Brunst / erstarrt er vnd begehrt /
Zu wissen / welcher ihr so heissen Brief gewehrt /
Sie gibt zwar lachend vor doch zitternd im Gewissen:
Sie hätt' es Sylvien nechst auß der Faust gerissen /
Er zweiffelt vnd verbarg den Eifer der jhn nagt /
Und noch dieselbte Stund auß jhrer Wohnung jagt.
Kaum war Marcellus fort als ich bey jhr erschienen:
Er wolte sich der Zeit zu seiner Spur bedienen
Vnd wie ich noch nicht recht beschritten jhr Gemach /
Kommt er von Zorn erhitzt mir auff der Ferschen nach.
Hilff Gott! wie haben wir vns alle drey befunden /
Die Zungen waren vns vor Grimm vnd Furcht gebunden.
Er fiel Celinden an / die Alabaster bleich /
Vnd plötzlich ward gefärbt durch seinen Backenstreich.
Eh' jhr noch warmes Blut vom Antlitz abgeflossen:
Kam seines durch mein Schwerdt auß seiner Brust geschossen /
Er taumelt vnd verging ich rieff Celind' auff / auff.
Hier ist nicht lange Frist: Wer leben wil der lauff:
Er / als wir in der Eil den besten Schmuck einpackten:
Vnd Gold / Geschmeid / vnd Stein in seidne Tücher stackten:
Erhub / wie schwach er war / sein sterbend Angesicht.
Vnd rieff mit schwacher Stimm: Ich bitt entweichet nicht
Cardenio ich wil dir meinen Tod verzeihen:
Wo du mir wilt dein Ohr vnd Faust vnd Beystand leihen /
Ich red ohn alle List: Komm fahre mich von hier
Ich schwere bey dem Thron deß Richters über mir
Daß ich auffs minste nicht durch Rache dich wil kräncken.
Ich suche nur mein End vnd Elend zu bedencken /
Ich bitte: Daß ich mich versöhnen kan mit Gott
Daß ich mein Hauß befrey von dem so herben Spott:
Als ob ich meinen Stand so schlecht in acht genommen
Daß ich sey durch ein Weib in diesem Ort vmbkommen:
Auch werdet jhr dadurch erlöst von Furcht vnd Flucht /
Wenn niemand meinen Tod von euren Händen sucht.
Siht jemand meine Wund' im Weg' vnd Hause bluten
Dem wil ich weil ich kan einpflantzen diß vermuten
Ich sey durch frembde Feind vmbringet bey der Nacht /
Vnd durch dich auß der Noth zu meiner Wohnung bracht.
Ich bitte schlag nicht ab mein äusserstes begehren /
Komm führe mich von hier vnd von Celindes Zehren /
Vnd ließ auß meinem Blut wie groß jhr Vndanck sey:
Wie leicht jhr Wanckelmut! wie: Aber ich verzeih!
So viel / vnd lehnte sich an meine rechte Seiten.

Pamphil. Vnd hast du dich erkühnt nach Hauß jhn zu begleiten.

Carden. Ich thats / als der mir selbst vnd meinem Leben gram!
Doch hilt er redlich Wort; als er ins Zimmer kam:
Vnd durch der Diener Fleiß entkleidet vnd geleget;
Hat sein der Artzt vmbsonst / wie weiß er auch / gepfleget:
Er schlug die Mittel auß: Vnd sucht in heisser Rew
Deß höchsten Königs Gunst vnd vnerschöpffte Trew.
Vnd gab den zweyten Tag den Geist in meinen Armen!
Nachdem er kurtz zuvor gerühmet mein erbarmen /
In aller Gegenwart; vnd so das Werck beschönt /
Daß anderwerts mich / jhn vnd sein Geschlecht verhönt.

Pamphil. Ist diß Marcellus Fall! O heisser Durst der Ehren!
Den nicht die Rach-Lust kan vnd nicht der Tod versehren!
Der vor deß Feindes Angst / deß Himmels Ruh begehrt!
O Seele beßren Glücks vnd andren Abschieds werth.

Carden. Man glaub': Ich hab jhn offt geehrt mit meinen Threnen
Mit innerlicher Rew' vnd Kummer-vollem Sehnen!
Sein sterbendes Geberd' ermuntert mich die Nacht /
Vnd nimmt Celinden mir vnd alles auß der acht.
Ach wo verfiel ich hin: Wer bin ich vor gewesen!
Wer jetzt! wo werd' ich doch! wenn werd ich doch genesen!
Was stehst Olympie! was stehst du strenge mich!
Was hab ich auff gesetzt? Doch hat ein ander dich!
Auff! last vns denn von hier; du über-trew Gemüte!
Verzeihe daß ich noch mißbrauche deiner Güte
Verrichte was ich bat' vnd sey nach Mitternacht /
Wo meine Wohnung ist zu suchen mich bedacht.

Cardenio, Diener.

Geh werther Freund / geh hin / was ich dir noch verborgen;
Mein letztes Abscheid'-Stück entdecke dir der Morgen.
Die Reiß ist zwar bestimmt. Doch eh' ich komm ins Feld
Muß durch gerechten Zorn Lysander auß der Welt /
Ist diß mein Diener? Recht! wie? Hast du was vernommen?

Diener. Lysander wird gewiß noch diese Nacht ankommen:
Er ist nicht fern von hier / ich hab jhn selbst gesehn
Vnd rennt alsbald voran!

Carden.         So ists vmb ihn geschehn.
Ich wil das falsche Blut vor morgen noch vergissen /
Vnd durch gewüntschte Rach ein langes Leid beschlissen
Der ist Olympie nicht deiner Liebe werth:
Der dich dem Rauber läst / dem du durch List beschert.

Reyen.

                  Der hohe Geist der in der Sterbligkeit /
Vnsterblich herrscht: Der seines Fleisches Kleid
Als eine Last / (so bald die Stunde schlägt
Die scheiden heist) gantz unversehrt ablegt;

    Der hohe Geist würd' alles was die Welt /
Was Lufft vnd See in jhren Schrancken hält /
Was künfftig noch / vnd was vorlängst geschehn;
Mit lachen nur vnd Miß-Preiß übersehn /

    Dem Vogel Trotz! der in die Lufft sich schwingt
Ob schon der Schall der harten Donner klingt /
Vnd ob der Sonn' auff die er einig harrt /
Mit steiffem Aug sich wundert vnd erstarrt.

    Der hohe Geist würd über alles gehn /
Vnd bey dem Thron der höchsten Weißheit stehn;
Wenn beyde Flügel jhm nicht fest gehemmt /
Vnd Füß vnd Leib mit schwerer Last beklemmt.

    Alsbald er auff den Kreiß der Dinge trat
Erschrack der Fürst der zu gebitten hat
Der Vntern-Welt / der wenn er vmb sich blickt /
Neid / Haß vnd Grimm in vnser Licht außschickt.

    Er schüttelte dreymal sein Schlangen-Har
Die Höll erbeb't; was vmb vnd vmb jhn war
Versanck in Furcht / die Glut schloß einen Ring
Als er entsteckt von heissem Zorn anfing;

    Auff! Götter auff! die mit mir von dem Thron
Hieher gebannt: Es steht nach jener Kron
Die ich besaß / ein hoch-glückselig Bild
Das leider mehr bey seinem Schöpffer gilt!

    Man ging zu Rath: Es ward ein Schluß erkist
Zu dämpffen was deß Menschen himmlisch ist /
Mit Macht vnd Trug! bald drungen auß der Nacht
Geitz / Hochmut / Angst / Einbildung / Wahn vnd Pracht.

    Doch allen flog erhitzte Brunst zuvor
Die voll von List den Nahmen jhr erkor
Von steter Lieb' vnd vnter jhrem Schein
Die Hertzen nam mit Gifft vnd Gallen ein.

    Ihr bot alsbald die Rach-Lust treue Hand
Die / leider! jetzt der allgemeine Tand
Auff dem Altar der tapffern Ehren ehrt /
Indem die Burg der Ehren wird zustört.

    Die Rasereyen pochen was man schätzt /
Vnd heilges Recht auff festen Grund gesetzt;
Sie stecken Reich vnd Land mit Flammen an
Die auch kein Blut der Völcker dämpffen kan.

    Sie färben See vnd Wellen Purpur-roth
Sie stürtzen Stül vnd Kronen in den Koth /
Vnd treten was auff Erden sterbens-frey
Vnd ewig / mit entweyhtem Fuß entzwey.

    Sie reissen (ach!) deß Menschen reine Seel
Von jhrem Zweck in deß Verterbens Höl
Vnd ziehn / die den Gott gab den Himmel ein
Auß stiller Ruh / in jmmer-strenge Pein.

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