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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 5
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Andreae Gryphii

Unglücklich Verliebete

Trauer-Spiel.

Die Erste Abhandelung.

Cardenio. Pamphilius.

Der Schaw-Platz bildet Cardenii Gemach ab.

Pamphil. SO ist der Vorsatz denn durch keine Macht zu wenden?

Cardenio. Man halte mich nicht mehr in den verfluchten Enden:
Da ich in schnöder Lust / in toller Eitelkeit /
Und grimmer Angst verthan die beste Lebens-Zeit.
Wol dem / der nicht wie ich den Fuß hieher gesetzet;
Dem kein verfälschter Wahn den blinden Geist verletzet
Dem vor die Weißheit nie ein thöricht Weib beliebt.
Der nie den hohen Sinn durch herbe Lust betrübt
Wer war ich als an mir / sich mein Geschlecht erquickte:
Als mich ein Feind voll Neid nicht ohne Furcht anblickte:
Als die gelehrte Stadt mich mit Entsetzung hört!
Und meine Feder gleich der blossen Klingen ehrt.
Wer bin ich! leider nun! ein Schimpff der alten Ahnen!
Ein Spott deß nechsten Bluts: Was sind die Sieges-Fahnen
Die ich allhier erjagt: Als jmmer neue Schmach:
Ein niemal friedlich Hertz vnd täglich wachsend ach!
Viel besser wenn ich mich in glantzen Stahl beschlossen
Und vor das Vaterland das frische Blut vergossen;
Viel besser wenn ich mich durch Thetis Schaum gewagt /
Und auff der wüsten See ein wüster Land erjagt.
Ich hatte mit mehr Ruhm die Faust an Pflug geschlagen:
Und dieses Feld gebaut das mich vmbsonst getragen
Ja vor der frembden Thür ein schimmlend Brot begehrt
Als hier mit Zeit vnd Gut die einig' Ehr verzehrt.
Ade den Stadt die ich mir zum Verterb geschauet:
Und du dem ich mich selbst bey manchem Fall vertrauet /
Nihm noch mein letztes an: Die Rechnung ist gemacht!
Die Segel sind gespannt: Ich scheide / gute Nacht!

Pamphil. Du scheidest zwar von hier doch nicht auß meinem Hertzen!
Dem nichts dich rauben wird / doch laß mir deiner Schmertzen
Nicht falsches Denckmal zu! vnd gönne mir zu letzt /
Die Nachricht / wie du hier die Jugend auffgesetzt.

Carden. Die Nachricht wie ich hier in Wahnwitz mich verwirret:
Wie fern ich von dem Pfad der Tugend außgeirret?
Wol! wol! geschieht es zwar nicht sonder meine Pein!
So müß es dennoch dir ein Warnungs-Spiegel seyn!
Ich zehlte (wo mir recht) die zweymal eilfften ähren!
Als mich der Eltern Rath nach embsigem begehren /
An diesen Ort verschickt: Durch vnerschöpfften Fleiß
Zu kauffen Wissenschafft vnd nicht geschminckten Preiß
Durch auß gegründter Lehr! Ach freylich wol gemeynet!
Doch / wie wenn vns zu Nacht ein falsches Irrlicht scheinet:
Man offt den Weg verläst vnd in die Täuffen fällt /
In welchen man versinckt. So ists mit mir bestellt.
Zwar erstlich! wust ich nichts als von berühmten Sachen
Die Menschen / trotz der Grufft / vnsterblich können machen;
Dafern Diane kam; gieng Phoebus über mir /
Sie funden bey mir nichts denn köstliche Papier!
Ich lehrt vnd ward gelehrt; vnd klüger vor den Jahren /
Manch greisser Bart erstarrt ob meinen gelben Haren /
Auch muntert ich den Leib zu allen Künsten auff /
Sprang auff ein hurtig Pferd / begab mich in den Lauff.
Begrieff das Lauten-Spiel / gewohnte frisch zu singen:
Bewegte mich im Tantz / verstand die Art zu ringen!
Und wo ich von mir selbst die Warheit melden kan /
Der Degen stand mir gleich der leichten Feder an.

Pamphil. Ich hab es mehr denn offt gesehn vnd rühmen hören!

Carden. Ach leider! diesen Ruhm den ließ ich mich bethören.
Du triffst den rechten Zweck! der Dünckel nam mich ein!
Ich glaubt es könte mir kaum einer gleiche seyn /
Diß war die erste Bahn die mich von gutem führte:
Das war die erste Gifft die meine Sinnen rührte.
Kam jemand mir die quer vnd gab sich etwa bloß /
So war die Faust bereit / so gieng die Klinge loß.
Hiedurch ward allgemach mein jrrend Ehre kräncker /
Man hieß mich hier vnd dar den vnverzagten Zäncker:
Ich selbst nam in der Brunst mein Laster nicht in acht
Biß mich mein eigen Sinn auff neue Sprünge bracht /
Biß hieher war ich frey vnd hatte nichts geliebet:
Doch daß mir diese Pein die Sinnen nie betrübet /
Kam nicht von Tugend her: Weil mich der Wahn verkehrt
Ich schätzt auß Ubermut / nicht eine / meiner werth
Biß ich das Wunder-Bild Olympien beschauet:
Die mich vor dem ergetzt / ob der mir jetzund grauet:
Die als ein Wirbelwind mich hin vnd her gerückt /
Und mein zerscheitert Schiff in langem Sturm zustückt.
Ich sah sie vnd entbrand! sie fühlte neue Flammen!
Kurtz: Ihr vnd mein Gemüt die stimmten wol zusammen:
Mein Wahn / mein eigen Sinn / verlor sich allgemach.
Und meine Wilder-Art gab jhren Sitten nach.

Pamphil. Die Liebe wenn sie wil verrichtet Wunder-Sachen:
Und kan die wilden zahm /die feigen kühne machen /
Sie meistert vnsern Geist / vnd mustert den Verstand
Sie schärfft den blöden Sinn / vnd stärckt die schwache Hand.

Carden. Wir waren gleich am Stand / wir waren eins von Sinnen:

Pamphil. Kein ander Heurath-Gut hab ich je schätzen können.

Carden. Ihr tapfferes Geschlecht gab meinem nichts bevor /
So daß ich sie zur Braut / nach jhrem Wuntsch / erkor.
Ich ließ / als sie es stimmt / der schönsten Vater grüssen:
Und jhn von dieser Lieb' vnd treuem Anschlag wissen.
Er / wie mir kurtz hernach durch einen Freund entdeckt /
Ward von der Heurath durch mein Rasen abgeschreckt.
Ich sprach er / kenn' jhn wol: Sein Stamm ist sonder Tadel.
Die hohe Wissenschafft vergrössert seinen Adel.
Die Tugend / der Verstand steht seiner Jugend an!
Er ist ein solcher Mensch als jemand wüntschen kan:
Doch die zu freye Faust vertunckelt alle Sachen:
Die jhn in jeder Aug vnd Ohren herrlich machen /
Verzagten bin ich feind / vnd weiß der Ehre Ziel.
Jedoch Cardenio thut leider was zu viel!
Wolt' ich Olympien jhm gleich von Hertzen geben!
Bald wagt er sich zu frech vnd bringt sich vmb sein Leben!
So ist sie sonder Eh: Vielleicht auch sonder Ehr:
Rennt er den ander tod; so schmertzt es noch vielmehr.
Fast jhn der Richter nicht: So muß er flüchtig bleiben /
Und wir die Zeit in Angst vnd Bitterkeit vertreiben!
Drumb besser was zu früh als gar zu spät beklagt
Man meld' jhm daß ich schon Olympien versagt.

Pamphil. O mehr den herber Schluß.

Carden.         Schluß der mit tausend Threnen
Schluß der mit tausend Angst vnd vnerschöpfftem sehnen
Und beiderseits betraurt: Ward ich hierdurch verführt:
So ward Olympie wol lebendig gerührt!
Wie (schry sie) bin ich denn / auch eh' ichs weiß versprochen!
Kan diß ein Vater-Hertz! ist alle Trew gebrochen /
Gilt keine Liebe mehr! schlägt er sein werthes Kind /
Und dessen Wolfahrt denn so unbedacht in Wind?
Wer ists denn der mich kriegt: Werd ich auch lieben können:
Den der vmb meine Gunst kein Wort mir dörffen gönnen!
Bin ich so vnversehns vnd als im Traum versagt:
Nicht als ein freyes Kind / als ein erkauffte Magd?
Diß sprach sie vnd noch mehr; sie bat voll heisser Schmertzen:
Setzt mich Cardenio, setzt mich nicht auß dem Hertzen:
Wer weiß wo Zeit vnd Freund vnd Gott ein Mittel findt
Das mich mir wieder gibt vnd gantz mit euch verbindt
Wir schwuren denn auffs new' einander keusche Treue:
In äusserster geheim! ich gieng mit etwas scheue
Vor jhrem Fenster vmb / vnd nicht als wenn die Nacht
Der Himmel-Fackeln Heer in ihre Reyen bracht!
Ein unbefleckt Gespräch war diß was vns ergetzte:
Schaw aber wie auch hier mein Unglück mich verletzte:
Der Jungfraw Bruder gab auff mein besuchen acht
Und zog die reine Lieb' in schändlichen Verdacht.
Diane sah' herab mit gantzem Angesichte /
Als er mich überfiel; die Nacht ist was zu lichte /
Rieff er / Cardenio zu deiner Missethat.
Ist mir der Weg nicht frey? Dir steht die weite Stadt
Gantz offen: Meyde nur die meiner Eltern Gassen:
Und solt ich mir von dir die Bahn verbitten lassen?
Er auff das Wort gefecht griff mich mit Eisen an!
Ich wich gleich einem der den Arm nicht regen kan /
Der Schwester Liebe stieß mich jeden Trit zurücke:
Er schriebs der Zagheit zu / vnd schertzte mit dem Glücke /
Wol! fleucht der alle trotzt! diß Wort war mir zu schwer /
Ich trat jhm auff den Leib vnd stieß die leichte Wehr /
Recht vnter seine Brust. Er sanck' / ich must entweichen
In dem sein weinend Hauß jhn / gleich entseelten Leichen /
Auß seinem Blut auffhub / vnd Artzt vnd Balsam sucht
In dem Olympie dem rauen Unfall flucht /

Pamphil. Diß Schwerdt hat wie ich meyn' der Liebe Band zerhauen.

Carden. Wir Menschen jrren stets. Wo wir vns sicher trauen /
Sinckt vnser Schiff in Grund. Wenn mans verloren hält /
Hat das Verhängnüß offt das beste Glück bestellt.
Denn als Viren ermahnt: Den Stoß an mir zu rechen
Begunt er; er wolt ehr selbst seiner Zeit abbrechen;
Als dem zu wider seyn / der / was er frech begehrt
Ihm langsam / vnd getrotzt / hätt' ohne List gewehrt.
Was sag ich! er war kaum zu ersten Kräfften kommen
Die Feindschafft / wie mans nennt ward freundlich unternommen /
Er ändert allen Haß in vnverfälschte Gunst
Und wüntscht Olympien werth meiner keuschen Brunst.

Pamphil. So bricht die Sonn hervor nach rauen Donnerschlägen
Und dem mit Himmel-Feur vnd Schloß-vermischten Regen.

Carden. Sie brach vns freylich vor / doch wie sie schöner steht
Im fall der Tag verkürtzt vnd sie zu rasten geht
Und schwartzen Nächten rufft. So lieff die schönste Wonne
In höchste Trübsal auß. Sie meine Seelen Sonne
Hatt' ander Hertzen auch in heissen Brand gesetzt /
Die sich unwissend' jhr an jhrem Glantz verletzt /
Doch keiner war so kühn sein Angst jhr zu entdecken:
Und jeder fand vor sich was mächtig jhn zu schrecken:
Lysander nam allein ein seltsam Mittel vor /
Und kauffte durch viel Gold der Kammer-Jungfer Ohr /
Die (O Verräther Stück) jhn in das Ruhe-Zimmer
Der keuschen Seele führt: Und (was unendlich schlimmer)
Sich gantz vnwissend hilt. Wie nun die Nacht anbrach
Und mein' Olympie besucht jhr Schlaf-Gemach
Und der versteckte sich sie anzusprechen wittert
Und jhr zu Fusse fällt; erstarrt sie vnd erzittert
Und als das Schrecken jhr den Athem wieder gibt /
Rennt sie hell schreiend fort; Lysander laufft betrübt
Ob diesem Mißschlag durch: Wird heimlich ausgelassen
Durch die mit schuldig war. Er hatte schon die Gassen /
Als das entweckte Hauß sich ob der That bewegt
Und mit Gericht vnd Licht durch alle Kammern regt.
Olympe die nicht recht bey Nacht den Feind erkennet:
Hat als sie ward befragt auß Argwohn mich genennet /
Die Meynung ward verstärckt / weil man mich zimlich nah
Und bey noch offner Thür die Straß abwandeln sah.
Man hilt mich eilend fest / mir ward die That verwiesen.
Viren der anderwerts so trefflich mich gepriesen;
Zog diesen Schimpff zu Mut / vnd eiferte behertzt
Das ich sein Hauß vnd Stamm vnd Schwester so geschertzt /
Ich wand mein Unschuld vor / die man nicht hören wolte.
Weil der Beweiß zu viel nach jhrer Meynung golte.
Biß daß nach hartem Sturm die Sorgen-volle Nacht /
In Kummer / Unlust / Angst vnd Schwermut durchgebracht.
Und der betrübte Tag vns all' auffs neue quälte /
Mich der Olympens Ehr vor gantz verloren zehlte:
Die Eltern die im Zorn sich über mich erhitzt:
Und den Verräther selbst den sein Gewissen ritzt
Olympiens Geschlecht trat bey dem Fall zusammen:
Die meisten suchten mich auß Eifer zu verdammen:
Die minder Anzahl doch gestützt durch mehr Verstand
Schlug besser Mittel vor vnd schloß daß meine Schand
Dem Ruhm Olympiens zu nahe lauffen könte:
Nichts besser denn: Als daß man mir die Jungfraw gönte
Und dämpffte den zu weit auß brechenden Verdacht.
Der Meynung fiel man bey: Es ward an mich gebracht.

Pamphil. Diß gieng nach deinem Wuntsch.

Carden.         Es gieng hier gantz verkehret
Auß Eifer hasst ich jetzt / was Lieb vnd Trew begehret
Ich sagt es klar herauß: Ich hätte sie geehrt
Als ihre Keuschheit nicht durch solchen Fall versehrt
Ich hätte sie geliebt: Als ich jhr nur behaget
Jetzt nun sie frembde selbst ins Schlaf-Gemach vertaget
Acht' ich mich was zu hoch vor eines andern Rest
Ich stellte Zeugen auff / die Sonnen-klar bevest;
Daß ich vmb selbte Stund' als mir Viren begegnet /
Geschieden vom Panquet vnd nüchtern sie gesegnet:
Daß weil bey ihnen Tag vnd Abend ich verzehrt;
Nicht möglich / daß durch List ich heimlich eingekehrt /
In ein verwahrtes Hauß das allerseits beschlossen:
Wenn schon bey später Nacht die Riegel vorgeschossen!
Sie zeugten! ich verfuhr. Der Vater ward bestürtzt
Und hätt auß Hertzeleid schier seine Zeit verkürtzt;
Als auch Olympie die er auff schärff'st ausfragte
Ihm vmb die Füsse fiel vnd naß von Threnen klagte:
Sie hätt in Furcht vnd Eil sich nicht recht vmbgeschaut
Und auß Vermuttung nur die That mir zugetraut.

Pamphil. O wahres Ebenbild durch auß vermischter Dinge!
Wie ein erhitztes Roß durch ungewohnte Sprünge /
Den Ritter mit sich reist: Und führt nicht wie er wil;
So zeucht der Himmel vns von dem auff jenes Ziel.

Carden. Als nun durch diesen Sturm das Wasser recht getrübet:
Gibt sich Lysander an; streicht auß wie er geliebet
Entdeckt auch seine Schuld vnd bittet die zur Eh /
Die durch sein freveln ist gestürtzt in höchstes Weh.
Nichts daß mehr vnwerth sey / als Jungfern die die Zungen
Deß vnbedachten Volcks begeyvert vnd beschwungen:
Der Vater schlägt sie zu: Sie die in Haß entbrand
Gibt bloß / nur mir zu Trotz / Lysandern jhre Hand /
Lysandern auff den sie auß heisser Rach erzittert;
Und mir zu Trotz! weil sie mein Abschlag höchst erbittert.

Pamphil. Und so vertäufft sie sich in ungeheure Noth.

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