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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Carden. Nachdem sich mein Geblüt anfangen zu bewegen;
Vnd ich gleich als erweckt die Glieder konte regen /
Befand ich mich allein auff einem rauen Feld /
Das durch gehäufften Grauß vnd Hecken gantz verstellt.
Ich eilte zitternd weg / als einer / der der Drachen
Vergifftet Nest entdeckt / vnd der dem heissen Rachen
Der Löwen kaum entkömmt / doch find ich für vnd für /
Vnd spür / ob ichs nicht seh' das Traur-Gespenst vor mir /
Diß zwingt mich; kommt mir ein wie rasend es sich wittert /
Wie es den Bogen spannt / wie es den Pfeil erschittert /
Zu dencken wer ich sey! auff welcher Bahn ich steh /
Wie alle Pracht der Welt in Eitelkeit vergeh!
Wie schnell ich dieses Fleisch der Erden soll vertrauen /
Vnd den gerechten Thron deß höchsten Richters schauen /
Der schon mein Lebens-Buch durchsiht vnd überschlägt /
Vnd das geringste Wort auff schnelle Wage legt.
Wie werd ich vor jhm stehn / ich der voll toller Lüste /
Nach keuscher Ehre steh' / der mich erhitzt entrüste /
Auff ein nicht schuldig Blut / mit so viel Blut befleckt
Mit Lastern Scheitel ab / biß auff den Fuß bedeckt.

Viren. Ach ja! der Donner schreckt vnd weckt ein kranck Gewissen.

Carden. Noch hab ich auff den Schlag was mehr empfinden müssen;
Ich jrr'te sonder Rath / mir war kein Weg bekand /
Biß ich mich vnverhofft vor einer Kirchen fand /
Da sanck ich auff die Knie / vnd schwur dem wüsten Leben
Auff ewig gute Nacht / von diesem nun / zu geben /
Es floß auff jeder Wort der Threnen milde Bach
Biß ein Gepolter mir die Red' vnd Andacht brach.
Erschreckte fürchten leicht. Was kont ich anders dencken
Als daß ein new Gespenst erschienen mich zu kräncken /
Vnd gab mich auff die Flucht / doch fiel mir endlich ein /
Es könten Rauber wol daselbst in Arbeit seyn.
Ich glaubte was ich wähnt / vnd schloß mit steiffer Klingen
Den Frev'lern auff der That / die Beuten abzudringen!
Was mich noch mehr verstärckt war das deß Tempels Thür
Gantz Schloß- vnd Riegel-frey / die redliche Begier
Zwang mich ins Heiligthum / in welchem keine Zeichen
Von einem Kirchen-Raub. Doch fand ich eine Leichen /
Am Pfeiler angelehnt halb von der Grufft verzehrt /
Mit diesem läufft ein Mensch den ich mit Kertz vnd Schwerdt
Wiewol vmbsonst verfolgt / auß den geweihten Schrancken!
Diß eben brachte mich auff vorige Gedancken /
Daß eine freche Schaar sich dar vmb Raub versteckt /
Biß mir ein stralend Licht ein offen Grab entdeckt
Als ich nach diesem gieng / in Meinung / sie zu finden!
Traff ich in dieser Höl (O frembder Fall!) Celinden,
Die mich (den neue Furcht vnd grösser Angst betrat)
Mit schier erstarrter Stimm vmb Lebens Rettung bat.
Ich starrt vnd zweiffelt / ob der Himmel mein Verbrechen
Durch solche Traur-Gespenst entschlossen sey zu rächen /
Ja glaubte wenn ich sie mit einer Hand berührt /
Das gleich Olympens Bild / das mich zuvor verführt;
Sie in ein schrecklich Aaß sich werde stracks verkehren
Doch must ich endlich jhr / was sie begehrt gewehren.
Ich halff jhr auß der Grufft / in die der Leichnam eilt
Der an dem Pfeiler sich / wie schon erwehnt / verweilt.
Wir rennten auß der Kirch vnd wie durch gleiche Wunden
Vor beyder Hertz verletzt / so sind wir gleich verbunden!
Sie lescht mit Threnen auß der tollen Liebe Glut
Ich flieh was flüchtig ist / vnd such ein höher Gut.

Olymp. Hat jemand weil der Baw der rundten Welt gegründet /
Weil Gott das grosse Licht der Sonnen angezündet
Dergleichen Stück erhört! welch vngeheure Macht /
Hat in ein Todten-Grab Celinden lebend bracht!

Celind. Das euch / Cardenio, sein Vnrecht zu bekennen
Gantz kein Bedencken trägt; möcht jemand Wahnwitz nennen
Ich fühl in mir / daß der noch wol zu retten sey /
Der seine Seuch entdeckt. Man wird von Sünden frey
Wenn man die Sünden nicht entschuldigt / schmückt vnd färbet /
Ich bins Olympie die auff den Tod verterbet /
Die / wie sie selber weiß / nie nach dem Schmuck getracht /
Der keuscher Frauen Geist vor allen herrlich macht.
Zwar hat die erste Zucht gar viel bey mir versehen /
Doch meine Jugend ließ selbst jhre Blum abwehen /
Als mich der Westen Wind der Geilheit überfiel
Bald riß ich weiter auß vnd überschrit das Ziel
Der vorhin schweren Schuld / vnd ward durch den gefangen /
Der jhr Olympie so hefftig nachgegangen.
Cardenio als er an der verzweiffeln must
Der Ihre Treu zu werth / ergetzte meine Lust.
Doch leider kurtze Zeit: So wenn die Rosen liegen
Auff die die Sonne fällt / siht man die Bienen fliegen
Die vor der Honig-Thaw' auff jedem Blat erquickt!
Ich / die weit mehr durch jhn / als er durch mich verstrickt /
Verging durch seine Kält / vnd als er mich verlassen /
Begont ich Sonn' vnd Tag vnd Leben selbst zu hassen /
Ich sucht / vnd nur vmbsonst / durch alles seine Gunst
Biß mir Verschmachtenden / die tolle Zauber-Kunst /
Versprach ein Feur in jhm / das ewig / zu entzünden /
Wofern ich könt ein Hertz auß einer Leichen finden /
Daß ich / weil sie der Zeit auff dieser Welt genaß /
Durch vnverfälschte Gunst biß auff den Tod besaß /
Was solt ich arme thun? Die Noth hat mich gezwungen /
Vnd in Marcellens Grufft bey stiller Nacht gedrungen /
Die Cleon den mehr Geitz als mich die Liebe quält
Mir mit der Kirch entschloß / als er mein Gold gezehlt.
Er halff Marcellens Sarg mir in geheim entdecken
Da ich die Leich erblickt: Erzittert ich vor Schrecken.
Wo war der Stirnen Glantz / wohin der Augen Paar?
Wohin Marcellus selbst? Was läst vns doch die Baar
Als ein verstelltes Aaß / das blauer Schimmel decket
Das eine braune Fäul ansteckt vnd gantz beflecket /
Vnd ob ich zwar bestürtzt; erkühnt ich doch die Händ /
Zu öffnen seine Brust / als ich die Leinwand trennt /
In die sein Leib verhüllt (O grause grimme Sachen!)
Begönt er auß dem Schlaf deß Todes zu erwachen /
Er zuckt vnd richte sich von seinem Lager auff /
Vnd sprach: (weil Cleon mir entsprang in vollem Lauff)
    Ha! grausamste / was führt dich her zu mir?
    Ists nicht genung daß vmb dich vnd vor dir /
    Ich diese Stich in meine Brust empfangen /
    Durch die mir Blut vnd Seel ist außgegangen?
    Erbrichst du noch die stille Todten-Klufft
    Vnd wilst diß Hertz? Kan denn die heilge Grufft
    Nicht sicher seyn / vnd ich in der nicht rasten
    Must du mich hier / auch nun ich hin / antasten.
So sprach er: Vnd erhub sich auß dem Staub der Erden;
Ich sanck auff seinen Sarg. Was noch erzehlt kan werden
Hat schon Cardenio vor mir euch dar gethan.
Der seiner Faust entging durch vnbekante Bahn /
Ist Cleon Zweiffels ohn / vnd die erblaste Leichen /
Die an dem Pfeiler stund war meines Lasters Zeichen /
Es war deß Ritters Leib / an den ich mich gewagt /
Den meine freche That auß seiner Grufft verjagt.
Hab ich nun / was vorhin ich suchte / nicht gefunden;
So bin ich doch der Angst vnd aller Band' entbunden.
Veracht Cardenio mein vor geliebt Gesicht:
Ich / die das Grab erkühlt / fühl auch sein Feuer nicht /
Kont ich jhn nicht vorhin zu meiner Liebe zwingen /
Jetzt kan die Liebe nicht Celinden mehr bespringen.
Zeigt jhre Fackel mir hoch angenehmen Schein;
Deß Todes Fackel zeigt das Ende meiner Pein.
Marcell dein blasser Mund / dein rauh' vnd heischer Stimme
Läst nun vnd ewig nicht / daß hier ein Funck entglimme /
Von dem verfluchten Brand / den du in mir ersteckt
Als dein entseelter Mund mich Thörichte geschreckt /
Ade verfälschte Lust! Ade nicht reine Flammen!
Ihr Vorbild höllscher Glut! Celinde wil verdammen /
Was jhr Verdammen würckt! Celinde wil allein
Von dieser Stund an Gott ein reines Opffer seyn!
Weg Perlen! weg Rubin / vnd Indiansche Steine!
Die Threnen darmit ich mein Vbelthat beweine;
Siht der vor Perlen an / dem ich befleckte Fraw
Zu einer Magd mich selbst auff ewig anvertraw.
Ade Cardenio, den ich von Gott gezogen!
Cardenio, den ich vmb Ehr vnd Ruhm betrogen!
Cardenio, den ich vmb alles / was geacht /
Vmb Redligkeit vnd Trew vnd rein Gewissen bracht /
Ade Cardenio! durch den ich bin entgangen
Als meiner Straffen Heer mich diese Nacht vmbfangen!
Ade Cardenio! mein Hertze bricht entzwey
Vor Wehmut / noch ein Wort; Cardenio verzeih!

Carden. Celind' ich bin durch mich / vnd nicht durch sie verführet!
Dafern sie meinen Gang als auff der Jagt verspüret;
Rieth mir doch mein Verstand den Netzen zu entgehn /
In die ich willig lieff; gläntzt jhr Gesichte schön /
Das mich bezaubert hat; so hieß doch mein Gewissen
Vor diesen Sonnen mich die blöden Augen schlissen /
Strit lieblichste Syren jhr artiger Gesang
Mit jhrem Harffen-Spiel / mit jhrer Lauten Klang;
Mir stund mit jenem frey die Ohren zu verstopffen /
Geliebt jhr an mein Hertz so lieblich anzuklopffen?
Ich ließ sie selber ein! der Mensch fällt nur durch sich.
Sucht sie Verzeihung hier! ich selbst verklage mich.
Ich / der in Lust entbrand jhr' Uppigkeit gepriesen
Ich / der sie mehr vnd mehr zu Lastern angewiesen;
Ich / der jhr selbst vertrat der keuschen Tugend Bahn!
Ach was ich nicht gewehrt / das hab ich selbst gethan!
Hat mir Olympie, die ich vmbsonst bekrieget /
Nach starcker Gegen-wehr so herrlich obgesieget;
Kont ich Celinden denn nicht vnter Augen gehn
Vnd vnverletzt dem Pfeil der Liebe widerstehn?
O Wunder dieser Zeit / die ich allein erhebe
Vnd vorhin stets verfolgt / Olympe sie vergebe /
Dem der vor ausser sich / sie / vnd sich selbst verkennt
Der als ein toller Löw / jhr keusches Lamb / nachrennt.
Ich war jhr grimmster Feind; als mich bedaucht ich liebte /
Sie Schönste liebte mich / mich dunckte sie betrübte:
Jetzt lob ich jhre Zucht vnd vnvergleichlich Ehr!
Vor diesem war ich blind vnd raast je mehr vnd mehr
Nach eignem Vntergang. Ich bin durch sie gestiegen /
Vnd schaw Cupido dich vor meinen Füssen liegen /
Der Köcher ist entleert / der Bogen Sehnen-frey /
Deß Todes strenge Faust bricht seine Pfeil entzwey /
Die Fackeln leschen auß von meinen steten Zehren /
Vor hast du mich verletzt / jetzt kan ich dich entwehren /
Vnd mangelt mir noch was zu dämpffen deine Pein;
So soll Olympens Sieg deß meinen Richtschnur seyn.

Olymp. An mir Cardenio wird man nichts preisen können /
Ich preise mehr / was jhm der Höchste wollen gönnen!
Was bißher je von jhm / zu wider mir geschehn /
kührt daher / daß er mich nicht selbst hat angesehn /
Ihn hat mein nichtig Fleisch / der falsche Schnee der Wangen
Vnd deß Gesichtes Larv / vnd dieser Schmuck gefangen
Den mir die Zeit abnimmt / nun hat die wahre Nacht
Mein Antlitz recht entdeckt. Herr! dieser Liljen Pracht /
Deß Halses Elffenbein sind nur geborgte Sachen
Wenn das gesteckte Ziel mit mir wird ende machen;
Vnd mein beklagter Leib / den er so werth geschätzt
Nun zu der langen Ruh' in seine Grufft versetzt /
Vnd Cynthie dreymal mit vollem Angesichte
Vnd wieder noch dreymal mit new entsterktem Lichte
(Nicht länger Bitt ich Frist /) der Hörner Flamm erhöht;
(Wie nichts ist! was an vns so kurtze Zeit besteht)
Denn such' er meinen Rest! was jhm der Sarg wird zeigen
In den man mich verschloß / das schätz er vor mein eigen /
Das ander war entlehnt!

Celind.         O wol vnd mehr denn wol!
Dem / der so fern sich kennt; weil er noch leben soll /
Nicht / wenn der Tod schon rufft.

Pamphil.         Wol dem der stets geflissen
Auff ein nicht flüchtig Gut / vnd vnverletzt Gewissen!

Lysand. Wol dem der seiner Zeit / nimmt (Weil noch Zeit) in acht!

Viren. Wol diesem der die Welt mit jhrer Pracht verlacht.

Pamphil. Wol dem / dem GOttes Hand wil selbst das Hertze rühren!

Olymp. Wol dem der sich die Hand deß Höchsten lässet führen!

Celind. Wol dem der jeden Tag zu seiner Grufft bereit!

Pamphil. Wol dem / den ewig krönt die ewig' Ewigkeit.

Carden. Wer hier recht leben wil vnd jene Kron ererben /
Die vns das Leben gibt; denck jede Stund ans Sterben.

E N D E.

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