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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 11
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Die Fünffte Abhandelung.

Viren. Lysander. Olympie.

So ists! er ließ mich hoch vnd überhoch belangen /
Ich wolte dieser Müh bey euch mich vnterfangen
Ja melden / als es mich daucht vnbequem vnd schwer
Daß sein vnd euer Heil hieran gelegen wär.

Olymp. Mein Hertz / es steht bey jhm! sein bitten abzuschlagen
Es steht jhm gleichsfalls frey ob er den Gang wil wagen /
Doch / bitt ich / nicht allein! mich lass' er vnbeschickt
Die nichts mit jhm zu thun. Die keusche Tugend blickt
Nie in ein frembdes Hauß! vnd mag ichs dürr außsagen:
Was hat Cardenio nach mir vnd jhm zu fragen!
Man weiß es leider wol / worein er mich geführt /
Lysander hat von jhm nie keine Gunst verspürt.
Warumb begehrt er denn von vns ersucht zu werden?
Ists solche Wichtigkeit! wir stehn auff einer Erden /
Der Weg in vnserm Hof ist jedem vnverschrenckt /
Er komm vnd find vns selbst / ist etwas das vns kränckt
Darvor er Mittel weiß / so wil es vns obliegen /
Zu forschen wo er sey / vnd sich vor jhm zu schmiegen /
Hier blickt das Gegentheil. Drumb wüntscht ich (möcht es seyn!)
Man stellt' auff meinen Rath / nur diß besuchen ein.

Lysand. Wahr ists / Cardenio ist nie mein Freund gewesen!
Weil ich durch seine Pein in meiner Angst genesen.
Diß aber reitzt mich / daß ich jhm entgegen geh /
Vnd jetzt zu Willen sey! denn (wo ich recht versteh)
Muß freylich dieses Werck was wichtigs auff sich haben /
Daß er / der nie gewohnt / was sänffter her zu traben
So embsig nach vns hofft. Er sprech vns selber zu /
Diß wend sie ein / mein Hertz / wer weiß warumb ers thu.
Daß er vns mehr bey sich / als sich bey vns wil wissen?
Vielleicht sucht er das Werck geheimer einzuschlissen /
Als vnser Hof verträgt / indem so mancher acht
Auff diß was seltsam gibt / ein munter Auge wacht
Vmb alle Heimligkeit auffs beste zu verdecken!

Olymp. Wer etwas guts beginnt / sucht nicht sich zu verstecken.
Ich kenne sein Gemüt / das Haß vnd Eifer treibt /
Wer diese Räth' anhört / vergist sein selbst vnd schreibt /
Mit lauter Menschen-Blut sein jmmer-new Verbrechen!
Wer weiß an wem er sich gesonnen sey zu rechen!
Indem er gleich von hier; wie du mir Zeitung bracht
Mein Bruder / reisen wil / vnd noch vor dieser Nacht.

Viren. Niemand wird wer er sey / dir Schwester besser sagen /
Als der / der seine Wund / auff dieser Brust getragen /
Als er mich bey der Nacht genöthigt überfiel /
Diß glaube / daß ich jhn nicht viel außstreichen wil /
Noch weniger bedacht sein nicht gelobtes Leben /
Durch vngegründten Ruhm vor beyden zu erheben!
Er sey nun wer er sey; ich traw jhm gar nicht zu
Daß er was arges spinn; was weiß ich oder du /
Ob dieser Gang nicht kan zu aller Nutz gedeyen;

Olymp. Ob nicht zu aller Angst! es wolle der verleyen /
Der in die Seelen siht / daß mein Wahn eitel sey.

Lysand. Mein Hertz / sie fürchte nicht / jhr Bruder steht mir bey!

Viren. Traw Schwester / es ist hier was sonders angelegen /
Drumb halt vns nicht mehr auff / vnd laß dich selbst bewegen
Zu gehn wohin man dich so embsig hat ersucht!

Olymp. Ich Bruder bin bereit; wiewol es sonder Frucht!
Kein Vorwitz führt mich mit! wo hier Gefahr verborgen /
Entbrenne sie auff mich; wo wir vergebens sorgen;
So zeige meine Pflicht / daß die sich recht bedacht
Die weniger sich selbst / den Mann vnd Bruder acht.

 

Pamphilius. Virenus. Celinde. Cardenio.
Olympie. Lysander.

Carden. Mein Freund Viren' ich bleib' auff ewig dir verbunden /
Daß du auff diesen Tag Gelegenheit gefunden /
Mir diß geliebte Paar zu stellen vor Gesicht;
Lysander glaub es fest / daß er auff Erden nicht
Könt jemand werther Gunst als mir die Stund erzeigen!
Sie / Himmel-werthe Fraw / die Tugend gantz zu eigen /
Vnd Zucht zu Willen hat / die ich zum ersten mal
Mit reinem Aug' anschaw / nachdem die tolle Qual
Die mich so lange Zeit vnsinnig hat gerissen /
Wie! leider! vnd wohin! die Nacht sich enden müssen.
Sie decke nicht vor mir jhr herrlichs Angesicht!
Diß ist mein letzter Wuntsch. Lysander eifre nicht.
Ich bin Cardenio! nicht der ich bin gewesen
Mehr toll als tolle sind! nein! nein! ich bin genesen!
Von Hoffen / Wahn vnd Pein / vnd was man Liebe nennt
Der Höllen heisse Glut die in dem Hertzen brennt /
Vnd vns ans Rasen bringt. Was hab ich nicht begangen?
Als diese Seelen-Gifft den blinden Geist gefangen!
Welch' Vnthat hab ich nicht biß auff die letzte Nacht
So manches schönes Jahr (ich Thörichter!) verbracht.
Ich war! ich wil numehr nur meine Schuld bekennen!
Lysander mit dem Stahl sein Hertze zu durchrennen
Gewaffnet vnd bereit! die Faust schwur (höchster Gott
Verzeih dem frechen Trotz!) Lysander seinen Tod.
Olympe dieses Licht ziehlt auff Lysanders Leichen!
Vnd siht mich selbst vor jhr voll heisser Rew' erbleichen!
Was schafft ich nicht vorhin Olympen Angst vnd Müh'
Jetzt fall' ich vor sie beyd auff mein gebeugtes Knie /
Lysander zage nicht! hier liegt mein mordlich Eisen!
Er stoß es durch mich selbst / ich wil jhm Gänge weisen
Durch mein betrübtes Hertz': Ist mein Gewehr zu schlecht;
Er zucke seinen Stahl vnd schaff jhm selber Recht.
Ich wil den Tod von jhm / mein ein vnd hoch Verlangen /
Vor meine Missethat als ein Geschenck empfangen.

Olymp. O Himmel! was ist diß! was Schwermut greifft jhn an!

Lysand. Cardenio mein Herr! wofern ich bitten kan
Er knie nicht vor vns / ich werd' vnd kan nicht rächen
Was niemal mich verletzt!

Carden.         Lysander mein Verbrechen
Heischt diß befleckte Blut.

Lysand.         Mein Herr / auff von der Erd
Wofern man rechnen soll so bin ich straffens werth
Der jhm vor diesem wol mehr als den Geist verletzet.
Zog er die Kling auff mich; so hab ich sie gewetzet!
Ich bitt jhm meine Faust vnd liefer jhm mein Hertz.

Olymp. Cardenio wofern diß ein benebelt Schertz /
So spielt er nur zu viel mit Leuten von Gewissen!
Ists denn ein rechter Ernst; warumb vor vnsern Füssen /
So Wahnmuts voll gekniet! ich bitte kan es seyn /
Er stelle gegen vns sein langes schwermen ein.
Vnd poche nicht vmbsonst auff sein verwähntes Eisen!
Wird seine Seel' jhm nicht manch schrecklich Beyspiel weisen /
Daß Vbermut gestürtzt: So denck' er / daß es früh /
Vnd man nicht wissen mag wie auch die Nacht auffzieh.

Carden. Ach über-reine Seel! ach sind denn meine Zehren /
Nicht Zeugen ernster Rew; vnd muß ich sie beschweren /
Indem mein zagend Geist von jhr Vergebung sucht.

Olymp. Mein Herr er suche nichts / als vnbefleckte Zucht!
Kans aber möglich seyn / daß er sich selbst gefunden!
Er / der vorhin vor jhm vnd allem Ruhm verschwunden!
Wie gehts doch jmmer zu?

Carden.         Fürwahr ich weiß nicht wie!
Diß fühl ich; daß die Nacht / auß der verfluchten Müh /
Deß Allerhöchsten Faust mich kräfftig hat gerissen
Durch Mittel / darvor ich vnd alle zittern müssen!
Doch mich alleine nicht! Celinde neben mir
Entbrant in keuscher Glut voll heiliger Begier /
Denckt auff ein höher Werck!

Lysand.         Wie / ist er mit Celinden
Durch festen Schluß der Eh' gesonnen sich zu binden?

Carden. Ach nein! der Wahn ist falsch! Celinden Lieb' ist tod.
Celinde liebt mit mir nichts als den höchsten Gott.

Olymp. Ich hör auß seinem Mund jetzt lauter Wunder-Wercke;
Ich bitt' / er zeig' vns doch welch eine frembde Stärcke /
So mächtig über jhm?

Carden.         Wolan / ich bin bereit /
Ob zwar der frembde Fall / nicht sonder Bitterkeit /
Nicht sonder Grauen kan von der gehöret werden /
Der ich / so lang ich leb' auff diesem Kreiß der Erden
Hierdurch verpflichtet bin! die dunckel-braune Nacht
Hatt' in den Mittel-Punct deß Himmels sich gemacht /
Diane stieg hervor mit halb-verwandten Wangen /
Als ich entbrand von Haß / gantz einsam / außgegangen
Lysander, seinen Tod zu fördern durch diß Schwerdt/
Ich wust' es wo er schon vor Abends eingekehrt /
Ich wust' es daß er noch würd' (ob wol spät) ankommen.
Indem ich mir den Schluß zu fördern fürgenommen /
Vnd halt vmb seinen Hof; seh' ich die Thür auffgehn!
Ich schaw ein Frauen-Bild vmbschleiret vor mir stehn!

Olymp. Cardenio so ists / schwermütige Gedancken /
Benebeln die Vernunfft / die ausser allen Schrancken
Auff solche Träume fällt!

Carden.         Man höre mich recht an!
Ich ward Olympie, mehr als sie glauben kan /
Verwirret vnd bestürtzt; als der sie gantz nicht kennte
Biß auff mein Wort sie sich mit eignem Nahmen nennte.
Zwar wand sie erstlich ein; daß sie die halbe Nacht
Bey jhr Olympie am Tische zugebracht!

Olymp. Bey mir! die gestern / Herr! kein frembdes Weib geschauet!

Carden. Geduld! ich der hierauff ohn Argwohn fest gebauet;
Bot mein Geleit jhr an! daß / nun ichs recht betracht;
Nicht hoch! (doch nur zum Schein) noch noth von jhr geacht!
Drauff küst ich jhre Faust / vnd ging an jhre Seiten;
Sie / ob / sie zwar sich ließ die gantze Gaß ableiten;
Gab auff mein Reden doch kein einig' Antwort mehr /
Wie hefftig ich auch bat: Biß Eifer / Rach / vnd Ehr /
Vor jhr / zu Hertzen ging / was? Solt ich diese führen
Die mir den Mund nicht gönn't / vnd dort die Zeit verlieren /
Die nicht mehr wieder kömmt: Die Stunde rennt zu sehr /
Die Nacht so jetzt vergeht / gewinn' ich nimmermehr.
So schloß ich; vnd entschloß sie plötzlich zu gesegnen
Die aber / mehr bereit als vor mir zu begegnen
Fuhr recht entrüstet auß; klagt über meine Trew;
Schalt meinen Wanckelmut; vnd sprach ohn eine Schew /
Daß sie Olympe selbst / die mich so hertzlich liebte /
Die nun von mir veracht / auß Eifer sich betrübte.
Warff mir Celinden vor / bestund auff diesem Wort /
Daß sie bey stiller Nacht in einem wüsten Ort
Gewohnet über mir viel Threnen zu vergissen /

Olymp. Gott / aller Götter Gott! wofern mein rein Gewissen
Mich nicht vnschuldig macht / so sey mein gantzes Hauß
Mir Zeuge! was noch mehr: Lysander sag es auß /
Wenn / wo vnd wie er mich noch diese Nacht gefunden!

Carden. Olympe sie verzeih / wo sie / wie meine Wunden
Von Grund auß sind verheilt / vmbständlich wissen wil
So muß sie in was Noth mein sicher Geist verfiel
Erkennen von mir selbst! ich aber mein verhoffen /
Starrt eine lange Zeit / von diesem Blitz getroffen /
Biß ich mich vnterwand zu lindern jhren Grimm
Doch / wie es schien / vmbsonst. Sie schloß die süsse Stimm /
Vnd eilte neben mir durch nicht bekante Stege
In ein sehr fest vmbzäunt vnd lustiges Gehege /
Voll Blumen / voll Cypreß / vnd was das Aug ergetzt /
Da hat die Schönste sich auff einen Fels gesetzt /
Vnd ich mich neben sie / doch schwieg sie was ich klagte /
Gleich einem Marmel-Bild / mein brennend Hertz verzagte
Weil sie die Lippen schloß. Lieb / Einsamkeit vnd Nacht
Bestritten mich so fern / biß ich schier sonder Macht
Vnd zitternd mich erkühnt jhr Antlitz zu entdecken /
Da sah' ich! vnd erstarrt in vngeheurem Schrecken /
Da sah' ich! vnd erblast! da sah' ich keine Zier!
Da sah' ich! vnd verging / Olympen nicht vor mir!
Ich sah' ein Todten-Bild! ohn Aug / ohn Lipp vnd Wangen /
Ohn Adern / Haut vnd Fleisch / gehärt mit grünen Schlangen /
Daß / eh' ich mich versan die Kleidung von sich riß
Vnd Sehn vnd Pfeil ergrieff / als mich der Geist verließ /
Vnd grimmig auff mich zielt / als ich in Schwindel stürtzte
Vnd Ohnmacht mir zugleich so Furcht als Athem kürtzte /
So fällt ein Rittersmann / der vor dem Feinde steht /
Wenn jhm das heisse Bley durch Brust vnd Rücken geht /

Lysand. Ich wartet als entzuckt / wie sich das Spiel wolt enden /
Nun spür' ich daß Gott selbst den Vnfall wollen wenden /
Der mich doch oder jhn durch / wo nicht beyder Tod /
Doch eines Vntergang / hätt' in gewisse Noth /
Geführt eh' ichs gefürcht.

Olymp.         Was soll mein Hertz vermutten?
Ziehlt diß auff meine Schmach / geschicht es mir zum gutten!
Soll ich zu eigner Schand' vnd eines andern Pein /
Hör an gerechter Gott! der Geister masque sein.

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