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Cardenio und Celinde

Andreas Gryphius: Cardenio und Celinde - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleCardenio und Celinde
authorAndreas Gryphius
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008532-2
titleCardenio und Celinde
pages3-86
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1657
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Tyche. Celinde. Cleon.

Der Schaw-Platz stellet einen Kirchhof mit einer Kirchen vor.

Tyche. Der Mond ist zimlich hoch / der kalte Wandel-Stern
Läst sich Nord-Ostlich sehn / das Licht ist gleich so fern
Als vns der Abend steht; die muntern Geister lehren
Ein jhn verknüpffte Seel / in dem sie schnarchen hören
Die jrrdisch sind gesinnt; biß sich der Vogel regt /
Der vnserm Thun ein Ziel durch seine Stimme legt.
Nunmehr ist keine Zeit / O Schönste zu verlieren /
Wo wir entschlossen sind das Werck recht außzuführen:
Sie suche denn das Pfand der vnerschöpfften Lust
Der jmmer-festen Trew in jhres Liebsten Brust /
Indem ich seine Seel in jenem Thal erweiche /
Daß sie vns willig sey zum darlehn jhrer Leiche!
Sie stell' jhr Sorgen ein: Vnd zage ferner nicht.
Vor alles Schrecken dien' jhr diß geweyhte Licht.

Celind. Ach soll ich dieser That allein mich vnterfangen.

Tyche. Vmb immer-feste Lust vnd Ruhe zu erlangen!

Celind. Allein / in diesem Ort:

Tyche.         Steht Cleon nicht bey jhr!

Cleon. Steht jhr ein Vnglück vor so widerfahr es mir!

Celind. Allein den heil'gen Ort die Stunde zu betreten /

Cleon. Diß thu ich für vnd für; es sey daß ich zu beten
Gesetzte Zeichen geb' / es sey daß man bedacht
Zu fordern diß vnd das / worzu die stille Nacht
Viel angenehmer scheint;

Celind.         Diß Stück ist nie gewaget!

Tyche. Von dieser mehr denn offt / die sie vmb Rath gefraget.

Celind. Die leider mehr denn ich auff solchen Fall behertzt.

Tyche. Der Anfang fürchtet offt wormit das Ende schertzt.

Cleon. Was fürchten wir vns doch! es ist ein eitel schwätzen;
Wormit man Einfalt sucht in Traum vnd Wahn zu setzen /
Meynt man daß sich ein Geist vmb Bein vnd Grab beweg /
Daß hier sich ein Gespenst / dort ein Gesichte reg /
Vnd Eifer vmb sein Asch'? Eröffnet nicht die Grüffte
Aegypten sonder Schew vnd bringt in freye Lüffte
Sein balsamirtes Fleisch das über See verschickt
Ein abgekräncktes Hertz im Sichbett' offt erquickt?
Entgliedern nicht die Aertzt' ohn Einred vnd Bedencken
Viel Körper die man wolt in jhre Ruh' einsencken /
Vmb andern dar zu thun woher die Seuch entsteh'?
Wo greifft die Kunst nicht hin! hat man der Menschen Weh /
Nicht offt durch Menschen-Blut / Fleisch / Glieder vnd Gebeine
Vnd feistes Marck gestillt? Durch todter Nieren Steine
Bricht der / der in vns wächst! man gibt nichts neues an!
Doch sucht man hier bey Nacht / in dem der Tag nicht kan
Bedecken derer Neid / die sich auff vns entzünden /
Weil wir zu aller Noth weit schneller Mittel finden
Als jhre Kunst vermag / die so manch weites Land
Vor mehr denn Menschlich hält / Haß rührt auß Vnverstand.

Celind. Man kan ja jedes Bild mit schöner Farb anstreichen.

Tyche. Ich geh' / jhr: Fördert euch; last nicht die Zeit hin schleichen /
Die keinmal wieder kommt.

Celind.         Es sey gewagt.

Cleon.                 Die Thür /
Ist offen; was wir thun bleibt zwischen jhr vnd mir!
Sie folg' ich wil die Grufft deß Ritters leicht entschlissen!

Celind. Wohin verfällt ein Weib die so viel leiden müssen.

 

Cardenio.

Ach! tödtlich Anblick! ach! abscheulichstes Gesicht!
Ach grausamstes Gespenst! vmbringt mich noch das Licht?
Wie! oder ist der Geist bereits der Last entbunden
Vnd hat die Frucht der Schuld / der Sünden Sold gefunden?
Wo bin ich! faul ich schon in einer finstern Grufft?
Trägt mich die Erden noch? Zieh' ich noch frische Lufft
In die erschreckte Brust! ich schaw den Himmel zittern;
Ich schaw der Sternen Heer Blut-rothe Stralen schittern!
Wo bin ich! ists ein Traum / heischt mich der Richter vor?
Klingt seine Rechts-Posaun durch mein erschälltes Ohr?
Wie! oder geh ich wol durch dunckel grause Wege
So einsam / so allein / durch vngebähnte Stege /
Wo deß Gewissens Wurm stets die Verbrecher nagt:
Wo ein verdammter Geist der von sich selbst verklagt /
Vnd durch sich überzeugt in ewig-neuem Schrecken
Sucht seine Missethat vergebens zu verstecken?
Ach Gott! der Götter Gott! geh ich noch in der Zeit?
Beschleust mich schon das Ziel der langen Ewigkeit?
Ich fühle ja daß ich mit Gliedern noch vmbgeben!
Ists möglich: Daß ich kan nach solchem Anblick leben!
Doch ja! du grosser Gott du trägst mit mir Geduld
Vnd gönnst mir etwas Frist / die übermaste Schuld
In die ich mich verteufft dir weinend abzubitten:
Ich HErr / bin von der Bahn der Tugend abgeglitten:
Ich bins der in dem Koth der Laster sich gewühlt
Mehr viehisch als ein Vieh / der nimmermehr gefühlt
(Wie hart du angeklopfft) dein innerlich anschreyen /
Der mehr denn lebend tod / (ob schon du wilst befreyen)
Doch an der Sünden Joch / die schwere Ketten zeucht!
Der vor dir (Heil der Welt) in sein Verterben fleucht /
Mein Vater! ich kehr' vmb! ich knie vor diese Thüren
Vor dein geweihtes Hauß. Was aber mag sich rühren?
Was poltern hör ich an! mir stehn die Haar empor!
Verfolgt mich diß Gespenst biß an die heilgen Thor!
Hat sich der gantze Styx die Nacht auff mich verbunden!
Hat sich Cocytus Heer in diese Stadt gefunden.
Mein Gott! ich muß von hier! halt inn! was gibst du an?
Halt inn Cardenio! ob auch ein Rauber kan
Sich an den sichern Ort bey stillem Dunckel wagen
Vnd an geweyhtes Gold die frechen Hände schlagen!
Was weiß ich; ob nicht Gott mich an den Tempel führ
Zu retten seine Kirch! wie fein: Daß ich verlier /
Gelegenheit das Schwerdt einmal vor Gott zu zucken:
Vnd Mördern auß der Faust den schweren Raub zu rucken /
Ist diß mein grosser Mut! ach nein. Die Kling ist frey
Der steh'/ auff den ichs wag / dem guten Vorsatz bey.
Die Thüre wie ich fühl gibt nach vnd ist entschlossen!
Diß zeigt nichts redlichs an! die Riegel weggeschossen!
Gewiß sind Rauber hier! wie komm' ich auff die Spur;
Dort hängt von oben ab an Gold gewürckter Schnur
Ein köstlich hell-Cristall in dem die Flamme lebet
Die durch ein Tacht ernährt auff reinem Oele schwebet /
In reiches Silberwerck / vor Anstoß / eingesenckt.
Wie daß die Rauber nicht den schönen Schmuck gekränckt /
Der sich doch selbst entdeckt? Was kan ich hierauß schlissen!
Es geh nun / wie es geh / so muß ichs dennoch wissen!
Warumb entzünd ich nicht die Kertze vom Altar
Bey dieser Ampel Glantz! vnd suche wo die Schar
Sich zu verbergen sucht! hier ist noch nichts entwendet;
Doch haben sie vielleicht das Stück nicht recht vollendet.
Was aber find ich hier! wie? Ein entseelte Leich
Gelehnt an diese Maur! von Fäule blaw vnd bleich!
Verstelltes Todten-Bild! weit eingekrämpffte Lippen!
Was sind wir arme doch! so bald man an den Klippen
Deß Todes scheitern muß / verschwindet die Gestalt
Die vorhin frische Haut wird vor dem Alter alt /
Vnd Stanck / vnd Staub / vnd nichts! was aber hier zu sagen!
Ob nicht der Cörper wol auß seiner Grufft getragen
Indem man Särg erbricht! vnd mit erhitztem Mut
Durchstanckert Asch vnd Bein' vmb das verfluchte Gut.
Wer rennt der Thüren zu / so lang / so schwartz bekleidet?
Halt an! er ist dahin! der frembde Fall beneidet
Die nie erschreckte Faust! doch einer wird allein
Zu diesem Kirchen-Raub nicht außgerüstet seyn.
Vnd recht! dort stralt ein Licht auß dem entdeckten Grabe!
Wol daß ich in dem Nest das Wild ergriffen habe!
Was habt ihr Mörder vor.

Celind.         Weh! weh! mir! ich bin tod.

Carden. O Gott was find ich!

Celind.         Ach! ich sterb in höchster Noth.

Carden. Ist diß Celinde; wil mich ein Gespenst erschrecken!

Celind. Wil mich Cardenio auß dieser Grufft erwecken!

Carden. Celinde schaw ich sie!

Celind.         Schickt ihn der Himmel mir!

Carden. Zu ihr in diese Grufft!

Celind.         Mein Herr ich sterb allhier!

Carden. Ists möglich daß ich sie Celind' allhier soll schauen!

Celind. Er schau't mich hier verteufft in vnerhörtes Grauen.

Carden. Wer führt sie in ein Grab.

Celind.         Verzweiffeln Herr / vnd er!

Carden. O grauses Wunderwerck!

Celind.         Mir leider viel zu schwer.
Wofern sein Haß auff mich noch wie vorhin erbittert;
So schaw er auff ein Hertz / das in der Angst erzittert
In die es sich gestürtzt / mein Herr / vmb jhn allein!
Vnd stosse seinen Stahl zu enden diese Pein
Durch die entblöste Brust: Dafern er mit mir armen
Mitleiden tragen mag / so woll' er sich erbarmen /
Vnd führe mich von hier!

Carden.         Ists! oder ists ein Schein!
Soll sie Celinde denn in lauter Warheit seyn!
Nein; das Gespenst / das durch Olympen mich gefället;
Hat in Celinden sich den Augenblick verstellet /
Vnd läst wofern ich sie mit einer Hand berühr!
Ein schändlich Todten-Bild / gleich als vorhin / für mir.
Celind. Er rette wo er kan! er rette mich Betrübte!
Er rette dieses Hertz / das jhn so hertzlich liebte.
Carden. Sie steige zu mir auff.

Celind.         Es hält mich etwas an!
Doch schaw ich nichts als jhn. Er reiche (wo er kan.)
Mir den behertzten Arm! O Gott! last vns von hinnen!

Carden. Celinde möcht ein Mensch so frembden Fall ersinnen!
Wie kommt sie an den Ort bey vngeheurer Nacht?

Celind. Mein Herr / er forsche nicht! wenn ich von hier gebracht
Wil ich mein Elend ihm ohn Vmbschweiff glatt außlegen
Mein Herr von hier!

Carden.         Schaw ich den Todten sich bewegen?
Er eilt dem Grabe zu; die Glieder zittern mir!
Die Schenckel sind erstarrt:

Celind.         Mein Herr! mein Hertz von hier.

 

Das Gespenst deß Ritters.

        Deß Höchsten vnerforschliches Gerichte
Schreckt eure Schuld durch dieses Traur-Gesichte
Die jhr mehr tod denn ich! O selig ist der Geist
Dem eines Todten Grufft den Weg zum Leben weist.

 

Reyen.

            Dennoch kan die letzte Macht
Die vns sterben heisset /
Vnd ins Grabes lange Nacht /
Von der Erden reisset:
Dennoch kan sie über dich
Mensch nicht gantz gebitten /
Weil der Geist von jhrem Stich
Wird vmbsonst bestritten.

    Zwar der Leichnam gehet ein
Hertz vnd Augen brechen
Wenn sich in der letzten Pein
Arm' vnd Glieder schwächen /
Das geliebte Fleisch verfällt
Wie bey heisser Sonnen
Sich ein Bild von Wachs verstellt /
Biß es gantz zerronnen.

    Bringt Aspaltens Hartz hervor
Balsam / Nard' vnd Myrrhen.
Was Socotor' je erkor /
Was die / so stets jrren
Vmb Sarunbun lasen auff /
Bringet Specereyen /
Die Molucc je gab zu kauff /
Hier wird nichts gedeyen.

    Was du an dir trägst ist Staub /
Es kam von der Erden.
Vnd muß durch der Jahre Raub
Staub vnd Erden werden.
Was verwahrt die raue Grufft
Vnter jhrem Steine /
Der auch stumm / von sterben rufft /
Als verdorrt Gebeine?

    Aber vnser bestes Theil
Weiß nichts von verwesen /
Es bleibt in den Schmertzen Heil /
Sterben heist's genesen /
Es ergetzt sich ob dem Licht /
Das es vor nicht kante
Als es in deß Leibes Pflicht
Zeit vnd Welt verbante.

    Doch / dafern es nicht verkehrt
Mit deß Fleisches Wercken;
Die deß höchsten Richters Schwerdt
Heist zur Straff auffmercken.
O wie selig ist die Seel
Die von Leib vnd Sünden
Loß / nach jhres Kerckers Höl
Kan die Freyheit finden.

    Sie weiß nichts von Ach vnd Leid
Das die Menschen quälet /
Weil sie in der Ewigkeit
Ihre Ruh' erwehlet /
Doch wird keine für vnd für
Dieser Lust genissen /
Die nicht einig lernt in dir
HErr den Lauff beschlissen.

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