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Friedrich Gerstäcker: Californien - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleCalifornien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeZweiter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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2. Ein Streifzug in die kalifornischen Minen während der Regenzeit.

Erst wenn man sich in San Francisco selber um die Mittel und Wege bekümmerte, von der Stadt weg und in die Minen zu kommen, begriff man eigentlich, wie es möglich sey, daß es in einem Hafenplatz an Arbeitskräften fehlen konnte, wo täglich, ja fast stündlich neue Schiffe einliefen und Schaaren von Einwanderern brachten, denen der hier gebotene Arbeitslohn, im Verhältniß zu den verlassenen Ländern, doch enorm, oder nach einem californischen Ausdruck eldoradisch erscheinen und sie verleiten mußte gleich auf solche etwas weniger abenteuerliche Weise, als es vielleicht früher ihre Absicht gewesen, das gesuchte Glück zu machen und Reichthümer oder doch wenigstens recht hübsche Ersparnisse aufzuhäufen. Ueberall an den verschiedenen Landungsplätzen strebte und drängte es von Tausenden, die sich jetzt eben so große Mühe gaben, von San Francisco wieder fort zu kommen, wie sie sich erst gegeben hatten, es zu erreichen; selbst die Zimmerleute ließen sich nur selten und, wenn es wirklich geschah, bloß auf sehr kurze Zeit bestimmen, den ihnen gebotenen Arbeitslohn von 16 bis 18 Dollars täglich anzunehmen. Alles, alles strömte nach den Minen und die kleinen dorthin abgehenden Dampfboote und Schooner schwärmten wirklich von Goldwäschern, die Pfannen, Maschinen und alles mögliche andere Handwerksgeräth und Kochgeschirr triefenden Angesichts an Bord schleppten und, selber rund herum mit Pistolen, Dolchen, Hirschfängern und Gewehren besteckt, endlich ihrem Gepäck nachfolgten, nach dem heißen Tag und von Schweiß naß die kalte Nacht an Deck zu schlafen und als ersten Anfang eine schauerliche, hier selten ausbleibende Dysenterie davonzutragen.

Aehnlich war es mit uns, nur daß unsere kleine Gesellschaft – denn es schließen sich gewöhnlich zu den Ausflügen in die Berge Bekannte oder Leute aneinander an, die für einander passen oder es wenigstens glauben – schon durch ihre wunderliche Zusammenstellung mir eine Art Interesse gewährt haben würde, wäre nicht das ganze neue Leben an und für sich interessant genug gewesen, meine volle Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen und zu fesseln.

Ich hatte mir eigentlich von Anfang an vorgenommen, auf dem Schiff keine Kameradschaft für die Minen einzugehen, sondern ungebunden meinen Weg zu verfolgen und es dem Zufall zu überlassen, mit wem er mich zusammenwerfen würde; aus verschiedenen Gründen änderte ich meinen Plan. Nur im allergünstigsten Fall dachte ich auch in den Bergen zu überwintern; nur ein Streifzug sollte dieß seyn, das Land kennen zu lernen, und je gemischter die Gesellschaft dabei war, desto lieber konnte es mir seyn.

Unserer sieben – ich mußte an die sieben Schwaben denken – gingen wir am 19. Oktober von San Francisco aus, d. h. wir accordirten in einem Bureau, das Reisende nach Sacramento City befördert, unsere Passage für 13 Dollars die Person (Deckpassage natürlich) und wurden beschieden, um 2 Uhr am Ufer zu seyn, wo uns ein Boot des Schooners Pomona an Bord bringen sollte. Unsere kleine Gesellschaft bestand aus zwei jungen Kaufleuten, einem Matrosen, einem Apotheker, zwei Berliner Israeliten und mir selber – die meisten, besonders die letzteren, schwer bewaffnet. Gepäck hatten wir jedoch, auf mein Anrathen, so wenig als möglich mitgenommen; nur etwas Wäsche und eine wollene Decke jeder nebst dem sonst nöthigen Bedarf an Munition und Eß- und Kochgeschirr. Auch ein paar Pfannen zum Goldwaschen waren nicht vergessen worden, Spitzhacken und Schaufeln wollten wir uns aber erst an Ort und Stelle anschaffen. Der Transport steigert solche schwere Artikel sonst zu einem zu hohen Preis.

Schlag 2 Uhr – die Deutschen sind meistens pünktlich – standen wir, des Bootes harrend, am Ufer und hatten dort zwei volle Stunden lang Gelegenheit, das rege Drängen und Treiben des neu und wie der Erde entsprungenen Welthafens zu beobachten. Ueberall keuchten die Leute unter schweren Lasten das steile Ufer herauf – es waren die Passagiere mehrerer eben angekommener amerikanischen Schiffe; in Schweiß gebadet und zum Tod erschöpft stiegen sie herauf und hinunter und ich hörte, wie sich einige mit etwas bedenklichem Kopfschütteln zuriefen – that is California.

Ein kleines Dampfboot war ebenfalls gerade gelandet und hatte Leute aus den Minen zurückgebracht – zwei Wägen hielten unten und in jedem lagen ein paar Kranke, die von ihren Kameraden unterstützt in die Stadt herausgeschafft wurden.

»You are for the mines?« frug mich ein alter, sonngebräunter Amerikaner, der an uns vorüberschlenderte, stehen blieb und mit einer Art halbversteckten spöttischen Lächelns – er hatte übrigens alle Ursache dazu – unsere kleine Karawane beobachtete, »Yes we are,« lautete die kurze Antwort; der Mann war aber nicht so gleich abgefertigt – a wink is as good to a blind horse, as a nod,Nicken nützt einem blinden Pferd gerade so viel wie Winken. fuhr er auf etwas ungenirte Weise fort, »wenn Ihr aber einen guten Rath annehmen wollt, so bleibt Ihr die Regenzeit durch – die schon in vierzehn Tagen anfangen kann – in San Francisco; geht Ihr in die Berge um zu waschen, so könnt' es recht gut seyn, daß Ihr gewaschen würdet – verstanden?«

Ja, du lieber Gott, der gute Mann sprach in den Wind – in der That kam der Rath auch ein bischen spät – ich machte ihm begreiflich, daß wir unsere Passage nach Sacramento City schon accordirt und bezahlt hätten und jetzt unter jeder Bedingung die Folgen auf uns nehmen müßten.

»Schon bezahlt?« sagte er, »und wahrscheinlich auf einem Schooner, Deckpassage?« Ich nickte bloß mit dem Kopf, der Alte aber schob, ohne weiter etwas zu erwiedern, seine beiden Hände so tief als möglich in die Hosentaschen hinein, drehte sich auf dem Absatz herum, pfiff aus Leibeskräften und stiefelte mit langen Schritten die Straße hinunter.

Mir gefiel das Manöver gar nicht – der alte Bursche hatte augenscheinlich schon viel von Californien gesehen; jede weitere Betrachtung wurde aber durch die Ankunft des ersehnten Bootes vom Schooner aus unterbrochen und das Einladen und Einsteigen nahm jetzt unsere Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch um noch an etwas anderes vorderhand auch nur denken zu können. Der Schooner lag zwischen den andern Schiffen und von diesen ziemlich dicht eingeschlossen; aber, lieber Gott, wie sah es an Bord aus! kein Platz war, wohin man auch nur den Fuß setzen konnte, überall Mehlsäcke, Fässer, Bretter und Planken, und Menschen. Mann an Mann standen sie zwischen diesem Chaos von Frachtgut herum und schienen unsere Ankunft, als eine neue Plage, nur sehr ungern mit anzusehen. Hier half aber weiter kein Besinnen, wir sprangen an Bord, stauten unser weniges Gepäck so viel und so eng wie möglich aus dem Weg und suchten uns dann, so gut als das in diesen Verhältnissen anging, einzurichten. Erst mit Sonnenuntergang wurde der Anker gelichtet und der Schooner, einer der größten, die den Sacramento befahren, setzte sich langsam in Bewegung.

Unsere Freude sollte nicht lange dauern; durch schlechte Führung trieb er von seiner Bahn ab und auch gleich darauf mit dem großen Segel, ehe dieses ganz niedergelassen werden konnte, in den Clüverbaum einer zu Leebord liegenden Brigg hinein. Das Segel wurde total zerrissen, und ehe der Schooner frei gemacht und dieses ausgebessert werden konnte, war die Nacht so weit vorgerückt, daß an keinen Aufbruch vor morgen früh mehr gedacht werden durfte.

Ein schöner Beginn der Reise! Die Nacht brach kalt und feucht herein und der Aufenthalt an Deck war wahrhaft traurig. Dazu trug ich besonders ganz leichte Kleidung, und nach dem vielen Herumrennen den Tag über fröstelte es mich so, daß ich mich in meiner Decke, auf ein paar Mehlsäcke und über einige Kistenecken hingestreckt, kaum zu erwärmen vermochte.

Am nächsten Tage gegen Mittag gingen wir allerdings unter Segel, legten aber nur eine ziemlich unbedeutende Strecke, bis zu dem kleinen an der Bai gelegenen Städtchen Benitia, zurück, und liefen am nächsten Tage sogar (der verwünschte Schooner ging 10 Fuß tief und es wurde uns jetzt gesagt, daß einzelne der seichtesten Stellen im Sacramento nur acht Fuß Wasser hätten – Sacrrramento –) auf den Strand. Es war zum Verzweifeln.

So gesund und wohl ich mich bis dahin auch gefühlt hatte, bekam ich jetzt doch durch den wirklich nichtswürdigen Aufenthalt an Bord (am Lande waren uns very good accommodations for deckpassengers mit vielen Betheuerungen zugesichert) eine sehr bösartige Dysenterie, und zum erstenmal zwang sich mir der Gedanke auf, dem ich bis dahin immer absichtlich ausgewichen war, wie entsetzlich es doch seyn müsse, wenn man jetzt hier, in dem fremden Land, in den fernen Bergen, unter lauter Goldsuchern, denen der Mammon Alles, der Mensch Nichts ist – ernstlich krank würde. Schon solche Gedanken beweisen eine Unordnung in unserem Organismus, denn der vollkommen gesunde Körper denkt selten oder nie an solche Augenblicke – er erspart die Furcht solchen Zustands auf die Zeit, wo er wirklich eintreten sollte.

Montag den 22. erleichterten wir den Schooner auf ein kleines Flatboot, das vom Capitän aus dem nächsten Städtchen beigebracht war und segelten dann, Benitia gegenüber, dem kleinen Städtchen Newyork zu, um dort, wie gesagt wurde, für die Nacht wieder Anker zu werfen.

Der Capitän der Pomona – so hieß der Schooner – Peterson mit Namen, ein amerikanisches Exemplar der erbärmlichsten Art, wie sie in den vereinigten Staaten meist nur unter den niedrigsten Volksklassen gefunden werden, der den Mund nicht aufthat, ohne einen widerlichen Fluch auszustoßen und augenblicklich eingeschüchtert war, sobald man ihm fest entgegentrat, tobte indessen an Deck herum und verdammte und verwünschte seinen »Mate« oder Steuermann, ein eben so ruhiges Subjekt, als er roh und wild zu seyn schien. Beide verstanden aber auch gleich viel von der Schifffahrt, sie hatten die Stelle angenommen, weil sie enorm bezahlt wurden und gut Glück mußte ihnen jetzt den Sacramento hinaufhelfen, oder sie blieben unten. Im Anfang ärgerten wir uns über den ungeschlachten, rohen Gesellen, zuletzt hatten wir aber unseren Spaß darüber und sein – take in that flying jib – God damn your souls und ähnliche Ausrufungen, von denen eine der anderen blitzschnell folgten, wurde meist von einem Lachen der Passagiere begleitet.

Das Lachen sollte uns aber doch vergehen, als wir vor Newyork geankert hatten, und jetzt, am fünften Tage unserer Abfahrt, von San Francisco eine Strecke entfernt waren, die ein Ruderboot in einem Tage hätte zurücklegen können, während der Lichter, der uns vorher einen Theil der Fracht abgenommen, wieder zurückkam und Alles das auf's Neue an Bord bringen wollte. Dadurch wurde der Schooner jedenfalls wieder auf seine 10 Fuß gebracht, und wie konnten wir damit über die anderen seichten Stellen hinüberkommen?

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf diesem Marterkasten solcher Art noch wochenlang herumtreiben zu müssen, lag hier zu sehr zu Tage, lieber also einen Theil der Passage oder selbst die ganze Passage verloren, und jetzt, wo man noch Gelegenheit bekommen konnte, diesen nichtswürdigen Schooner verlassen, als Gesundheit und Zeit nutzlos auf's Spiel gesetzt.

Wir Deutschen weigerten uns erst, die Güter wieder an Bord zu lassen, da wir aber sahen, daß die Anderen zu gleichgültig dabei waren und uns nicht gehörig unterstützten, beschlossen wir, diese dann auch für sich selber handeln zu lassen und versicherten den Capitän, wir würden ihn seinen Schooner nur wieder nach seinem Gefallen tief laden lassen, wenn er uns durch Rückzahlung eines Theils des Passagegeldes von unserem und dadurch von seinem Contrakte entbinde. Damit schien er ungemein gern einverstanden, wir bekamen Jeder von uns fünf von unsern eingezählten zwölf Dollaren zurück und mietheten jetzt die Jolle eines dort müßig vor Anker liegenden amerikanischen Schiffes, die »Sabine«, deren Capitän selber es unternahm, uns für 10 Dollars per Mann nach Sacramento zu bringen.

Die Sabine war eines jener zahlreichen amerikanischen Schiffe, die von Haus aus darauf berechnet ausliefen, ihren vollen Werth verdient zu haben, wenn sie nur eben San Francisco erreichten – alles Uebrige mußte dann reiner Gewinn seyn. In fast sämmtlichen Städten der östlichen Staaten waren solcher Art Gesellschaften, theils bekannter, theils fremder Leute zusammengetreten, und hatten alte und neue Schiffe, wie sie gerade zum Gebrauch da lagen, gekauft, sie nach San Francisco zu führen. Zweihundert Personen gewöhnlich vereinigten sich (nach der Größe des Schiffes natürlich mehr oder weniger) und indem Jeder einen Theil, wie für seine Passage zuschoß, richteten sie sich auch mit dem Ankauf von Provisionen so billig als möglich ein, und deckten das Uebrige mit der Fracht, die sie hie und da gemeinschaftlich nahmen, oft auch Einzelnen für die üblichen Preise überließen.

Schiffsrheder bekamen aber durch solche Gesellschaften ganz urplötzlich eine vortreffliche Gelegenheit, alte, schon fast vergessene und abgenutzte Kästen von Seeschiffen wieder in den Markt zu bringen und auch fast augenblicklich nach der ersten Ankündigung zu verkaufen. – Die Leute sollen sich oft um neu angezeigte Schiffe gerissen haben, um rasch sich selber und ihre Effekten dem neuen Eldorado zuzuführen. Schiff galt damals als Schiff und wenn es nur auf dem Wasser schwamm und Ruder und Segel hatte, schien es allen Bedürfnissen entsprochen zu haben, die nur je von ihm verlangt werden konnten.

Die Folgen blieben nicht aus. – Fahrzeuge, die schon lebensmüde und pensionirt in den verschiedenen Häfen herum lagen, wurden noch einmal auf die Docks geschleppt, nothdürftig dicht gemacht, neu gekupfert und gemalt; wenige Wochen später standen sie als »neue kupferfeste Schiffe« oft sogar mit anderen Namen als sie früher getragen, in den Zeitungen, und die Eigenthümer brauchten nicht lange zu warten. Schneller als sonst das beste tüchtigste Fahrzeug seinen Kaufmann gefunden, waren sie losgeschlagen, beladen und verproviantirt, und die Goldfieberkranken schifften sich auf ihnen mit gutem und fröhlichem Muth zu der gefährlichsten Seereise ein, die wir für die gewöhnliche Schifffahrt haben, zu einer Reise um das Cap Horn.

Viele haben solchen Leichtsinn auch wohl mit dem Leben gebüßt, manches alte morsche Fahrzeug konnte nicht mehr mit den gebrechlichen Rippen gegen die gewaltige See und den stürmenden Südwest jenes Himmelsstrichs ankämpfen, vergebens war pumpen wie beten – kein rettender schützender Hafen in der Nähe, und Tausende von Unglücklichen haben dort ein kaltes trostloses Grab gefunden; Viele erreichten aber auch, oft selbst wider Erwarten des früheren Eigenthümers, vielleicht von Wind und Wetter gerade an den gefährlichsten Stellen begünstigt, den sicheren Hafen und lagen dann nachher von Eigenthümern wie Mannschaft verlassen, von der mitgebrachten Fracht geräumt, wie ein auf dem Schlachtfeld gefallener Krieger am Strande und mußte nur noch sehen, wie »die Kroaten kamen und ihn plünderten,« wie ihm Takelwerk und Segel, die Raaen und Stengen ausgenommen wurden und man die prüfende Axt sogar in den morschen Mast schlug – aber den durft' es behalten – bis ihn die Nachbarn sich zu Feuerholz holten.

Die Sabine war von einer Anzahl Leute aus Newyork solcher Art gekauft worden, und der Capitän, ein jovialer, wohlbeleibter Bursch mit gutmüthigen blauen Augen und dunkel blonden Haaren, der die Jolle selber steuerte und regierte, und uns bald darauf mit günstigem Winde den schönen, von dichten Sycomoren und Eichen und wilden Reben überhangenen Sacramento hinaufführte, erzählte uns bald die ganze Geschichte.

Die Leute, die mit diesem Schiff gekommen, Passagiere und Eigentümer zusammen, hatten den größten Theil ihrer Provisionen schon mitgenommen und waren erst einmal in die Berge recognosciren gegangen; wenn es ihnen gut da oben ging, oder wenn sie das Andere brauchten, wollten sie es nachholen, und er hatte so lange die Verpflichtung übernommen mit drei seiner Leute an Bord zu bleiben. Die drei Leute waren ihm aber auch kürzlich davon gelaufen und das Schiff lag nun, wenn er es auf eine Zeit lang verließ, ohne eine einzige Seele als Wache da. Er hatte das langweilige Leben übrigens satt und wartete mit Schmerzen auf die Zeit, wo der Rest der Vorräthe abgeholt wurde, um ebenfalls »to the diggings« aufzubrechen.

Ehe wir übrigens in den Sacramento einliefen, hatten wir noch die Genugthuung, die Pomona zu passiren, die wieder fest wie ein Baum auf dem Sande der Barre saß – die Passagiere standen oben und schauten, uns um unseren kleinen raschen Kahn beneidend, herüber, und der Capitän fluchte wieder mit seinem Steuermann an Deck herum. Das Letzte, was wir von ihm hörten, war »take down that mainsail – damn you all together

Den Abend lagerten wir, ein Stück im Strom hinauf, am Ufer, in der Nähe mehrerer indianischer Wigwams, und am nächsten Nachmittage, etwa um drei Uhr kamen wir in Sicht von Suttersville – etwa vier englische Meilen unterhalb Sacramento City.

Die Ufer des Sacramento sind flach, aber fast überall dicht bewaldet, und es war ein eigenthümlich wohlthuendes Gefühl, in dem kleinen sicheren Fahrzeug unter dem düsteren schattigen Laube der herrlichen, von wilden Reben oft dicht durchflochtenen Eichen hinzugleiten und wieder einmal nach so langer Zeit den Blick an dem kräftigen, ja prachtvollen Baumwuchs zu weiden.

Der Wald erstreckt sich übrigens an manchen Stellen auf etwas über eine englische Meile, an anderen nur in schmalem Saum allein am Ufer des Sacramento hin, denn zwischen diesem und den Küsten- wie Goldbergen, wie man jetzt die erste Hügel- oder Bergreihe der Sierra nevada zu nennt, dehnt sich eine weite baumlose Ebene aus, eine Art Steppe, großentheils mit schilfigem Gras bewachsen, oft aber auch herrliche Wiesen bildend, und weite sumpfige Strecken dienen da noch dem Hirsch und Elk (Riesenhirsch), wie zahlreichen Antilopenheerden, ja selbst dem grizzly Bär, dem Schrecken des furchtsamen Jägers, zum Aufenthalt. Der Sacramento hat aber auch hier eine ziemliche Ausdehnung und weniger mit den, den Fahrzeugen so gefährlichen eingeworfenen Baumstämmen oder »snags« gefüllt, als die Gewässer der atlantischen Staaten, wird er in späterer Zeit für die Schiffahrt gewiß bedeutend werden. Selbst größere Schiffe, Barken, Briggs und sogar kleine Dreimaster, gehen schon jetzt bis Sacramento City hinauf, und kleine Dampfboote begegneten uns mehremale, die, mit Passagieren beladen, die Tour von Sacramento City bis San Francisco in sechsunddreißig Stunden zurücklegten.

Einzelne Snags ragten aber doch hie und da aus dem Wasser vor, und wir hatten, eben an einigen vorüberkommend, aufmerksam nach vorn ausgeschaut, wo wieder ein dunkler Gegenstand im Fluß, und zwar mitten im Fahrwasser, die Nähe eines solchen heimtückischen Burschen zu verrathen schien, als der Capitän meinte, es seyen in letzter Zeit, gerade in dieser Gegend etwa, mehre Brandyfässer mit dem besten Brandy gefüllt, aufgefischt worden, und das dunkle Ding davorne komme ihm eher wie ein brandy keg als ein snag vor. Da wir mit unserem leichten Boot immer rasch zur Seite abbiegen konnten, hielten wir also ohne weiteres darauf zu, und näherten uns jetzt schnell dem, jedes Aufmerksamkeit fesselnden Gegenstand.

Ich weiß nicht, warum mir gleich beim ersten Anblick desselben ein Augenblick auf dem rio roxo in Nordamerika einfiel, wo ich, den Strom in einem Canoe hinabgleitend, die Leiche eines Ermordeten traf, die still und unheimlich, mit dem durchstochenen Rücken eben über der Oberfläche des Stromes, diesen niedertrieb. Das im Gedächtniß, schaute ich scharf und mißtrauisch nach dem vermutheten Branntweinfaß hin, und eine Art Schauer war's, mit dem ich auch hier eine Leiche erkannte. Mein Ausruf leitete die Hand des Steuernden, der das Boot rasch daran vorüberschießen ließ, dann aber den Bug desselben wieder der Leiche zuwandte, und unschlüssig hielt, was er damit thun sollte.

Eigentlich muß Jeder, der einen todten menschlichen Körper findet, Anzeige davon machen. Man hat, glaub' ich, dabei auch Anspruch auf eine kleine Vergütung; zugleich sind aber auch eine Masse Umstände damit verknüpft, und nicht einmal im Besitz eines Seils, das wir um den Körper hätten schleifen können, zogen wir es vor, die Leiche ruhig treiben zu lassen, und dafür in dem noch eine halbe englische Meile entfernten Städtchen Suttersville Anzeige davon zu machen. Das thaten wir, schickten aber auch noch vorher ein anderes Boot, dem wir begegneten, dahinter her, und erreichten etwa um 4 Uhr Nachmittags Sacramento City.

Sacramento City – ein etwas hochtrabender Name, da City nur eigentlich den größten Städten beigelegt wird – ist vom Fluß aus, trotz dem flachen Ufer, gar nicht zu erkennen, da man die Bäume unmittelbar am Ufer stehen gelassen hatte; zahlreiche Schiffe jeder Gattung aber – jedoch nur amerikanische, da nur dieser Flagge das Befahren der Inlandströme gestattet seyn soll – zeigten deutlich die Nähe eines bedeutenden Platzes an, und bunt und zahlreich genug waren auch Zelte und kleine hölzerne Wohnungen – die erstern jedoch bedeutend in der Majorität – über einen weiten offenen, vor uns ausgebreiteten Raum zerstreut. Ueberall standen dabei Wägen neu Gekommener, und lagerten Gruppen von Männern, ja hier und da gingen sogar aus den etwas größer und wohnlicher aussehenden Zelten Frauen – eine seltene Erscheinung in Kalifornien – aus und ein, und gaben der sonst so wilden Scenerie einen ordentlich traulichen Anstrich.

Wir mußten, da die Plätze unter den noch stehenden Bäumen in der Nähe schon alle besetzt waren, eine ziemlich offene Stelle zum Lagern wählen, und ich wickelte mich die Nacht, mit meiner Gesundheit eben nicht recht zufrieden, in meine Decke. Wenn ich jetzt – hier krank wurde, dann war in sehr kurzer Zeit meine ganze Baarschaft am Ende und was dann? Ist der Körper, oder eigentlich der Magen nicht recht in Ordnung, so kommen dem Menschen auch allerhand trübe und häßliche Gedanken, und die ganze Welt sieht auf einmal schwarz aus; meine Dysenterie zeigte sich dabei immer bösartiger, und ich war so matt, daß ich mich kaum auf den Beinen erhalten konnte, wieder aber fühlte ich auch, daß hier keine Zeit, kein Ort sey, mich der Krankheit hinzugeben und daß ich mich gewaltsam zusammennehmen mußte; was man muß, geht dann auch gewöhnlich.

In Sacramento City wollten wir aber auch nicht länger liegen bleiben, als unumgänglich nöthig war unsere Reisebedürfnisse in Ordnung zu bringen, und das einzukaufen und herzurichten war jetzt die Hauptsache. Vor allen Dingen brauchten wir ein Maulthier, die nöthigen Provisionen für uns sowohl, wie auch einen Theil unseres Gepäcks zu tragen; ich ging deßhalb am nächsten Morgen mit einem der Unserigen nach dem Theil der Stadt, wo, wie uns gesagt worden, jeden Morgen von zehn Uhr an Auktion aller möglichen Gegenstände, besonders aber von Pferden und Maulthieren sey, um dort ein passendes Thier zu finden und für unsern Gebrauch anzukaufen.

Ich wollte, meine deutschen Leser hätten das Treiben dieses Sacramentoauktionmarktes mit ansehen können. Eine der breitesten Straßen der Stadt, meistens noch aus Zelten oder kleinen Schachtelhäusern bestehend, diente, von alten mächtigen Eichen überschattet, zum Schauplatz dieser ununterbrochenen Verkäufe, und hier versammelten sich deßhalb in der schon bekannten Tageszeit alle Geschäftsleute oder Müßiggänger Sacramento's, sey es nun zu kaufen, zu verkaufen, oder auch bloß das Gewirr und Treiben mit anzusehen, und gelegentlich die Preise der verschiedenen Sachen zu erfahren. An mehreren Stellen standen, auf Baumstümpfen oder Fässern, lange Yankees – die »downeasters« sind unverkennbar, wo sie sich auch in der Welt sehen lassen mögen – und priesen und versteigerten, mit oft fabelhafter Zungengeläufigkeit, und mit nur selten unterbrochenem »going, going, going, going, going,« Kleider, Wäsche, Waffen, Schmuck, Provisionen. Diese hatten jedoch nur ein verhältnißmäßig sehr kleines Publikum, denn der größere Theil bildete mitten in der Straße eine Art Gasse, in welcher, unter einem fortwährenden Durcheinanderschreien, acht oder zehn Verkäufer auf ebenso vielen verschiedenen Thieren, Maulthieren oder Pferden, hin und hersprengten.

»Achtzehn Dollars, Gentlemen, nur achtzehn Dollars!« krächzte der eine von ihnen mit heiserer, kaum noch hörbarer Stimme, und pries dabei ein wahres Gerippe von einem Schimmel an, der wirklich nur noch durch den Sattelgurt zusammengehalten zu werden schien, »achtzehn Dollars für dieß schöne, junge, ausgezeichnete Pferd, Gentlemen – soll ich nicht die zwanzig hören? nur 18 Dollars für dieß vortreffliche Reitpferd, Gentlemen – nur 18 Dollars mit Sattel und Zaum, und beides allein 30 werth in San Francisco?«

»Hundertunddreißig Dollars für dieß feine Maulthier, Gentlemen!« schrie ein anderer, neben dem Heiseren hingaloppirend, und dessen Anpreisungen dadurch förmlich übertönend – nur hundertunddreißig Dollars – Werth hundertundachtzig, ja zweihundert – soll ich die hundertundfünfunddreißig hören?« Es war das wirklich ein ausgezeichnet gutes Maulthier, und wurde bald darauf für 151 Dollars losgeschlagen. Der Preis der Maulthiere wechselt überhaupt von 60 Dollars zu 150, und richtete sich oft nur danach, ob eben Käufer da waren, die entweder ein Thier zu jedem Preis nothwendig haben mußten, oder Geld genug hatten, ihrer Laune halber die Mitbietenden auszustechen. Die vorkommenden Pferde waren sämmtlich von der traurigsten Art, und nur ein einziges steigerte seinen Preis zu 60 Dollars, die meisten gingen, mit Sattel und Zaum, zu 24 und 30 Dollars ab. Die armen Thiere, meist eben erst von der Landreise aus den Vereinigten Staaten herübergekommen, konnten sich kaum noch selber auf den Beinen erhalten und mußten, falls sie nicht erst einmal eine Zeitlang recht tüchtig ausgefüttert wurden, unfehlbar unter einer selbst geringen Last zusammenbrechen.

Ochsengespanne mit großen schweren Wägen, die ebenfalls aus den Vereinigten Staaten durch die Ebenen und über die Gebirge herübergeschafft waren, wurden gleichfalls, und zwar zu ziemlich hohen Preisen verkauft, Provisionen den Minenarbeitern in die entfernteren Distrikte zuzuführen. Ein Wagen mit vier tüchtigen Stieren bespannt steigerte sich oft zu sieben- und achthundert Dollars, und die einfachsten gewöhnlichsten Karren erhielten sogar einen guten Preis.

Wir kauften an diesem Tag kein Maulthier, denn die, welche zu dem Preis, den wir uns gesetzt hatten, wirklich versteigert wurden, waren zu unansehnlich, und wir hofften morgen einen bessern Handel eingehen zu können. Am nächsten Tag kam auch wirklich ein gutes Maulthier zum Verkauf, und wir erstanden es um 75 Dollars. Es war aber schon zu spät geworden, um noch an demselben Tag aufbrechen zu können, wir verwandten die übrige Zeit deßhalb dazu, alles Nöthige noch in Stand zu setzen, Provisionen wie einen Packsattel zu kaufen, und uns, so gut es ging, zu frühem Abmarsch am nächsten Morgen einzurichten.

Sonnabend den 27. brachen wir endlich auf, und verließen, ein abenteuerlicher Zug, mit dem ziemlich schwerbeladenen Maulthier in der Mitte, die Stadt. Unsere Absicht war, die nördlichst gelegenen Minen aufzusuchen, und wir verließen uns in der Richtung des Wegs, vielleicht etwas leichtsinniger Art, einzig und allein auf die Weisung einiger schon längere Zeit dort wohnenden Deutschen, die uns versichert hatten, wir müßten vor allen Dingen auf »Sutters Mühle« losmarschiren, von wo aus man leicht in alle die übrigen Minen gelangen könne. Dorthin richteten wir auch deßhalb unsern Cours, und passirten nach kaum einer Stunde Marschiren das in deutschen wie fremden Zeitungen so vielfach besprochene Sutters Fort.

Weit anders sieht es aber jetzt aus, als vor kaum einem Jahr vielleicht noch, wo es eine Art Mittelpunkt der nordcalifornischen Civilisation bildete, und indianische Horden dort umher lagerten und Handel trieben mit den Bleichgesichtern. Capitän Sutter hat gegenwärtig sogar den ganzen Platz aufgegeben und an andere Leute verpachtet, nur der Name ist noch geblieben, und den Mittelpunkt bildet wie gewöhnlich in dem civilisirten Californien, ein Schenkstand. Das Fort ist übrigens schon zu oft beschrieben, um hier noch einer weitern Schilderung zu bedürfen.

Unser Weg führte uns, gleich vom Fort ab, an der »American Fork« einen schönen breiten Fluß hinauf; aber nur dicht am Ufer desselben standen Bäume und Sträuche, das übrige war öde, staubig, sandige von glühender Sonne gebrannte Ebene, in der nur sehr einzeln zerstreute Eichen standen, und unsere eben nicht mehr an Fußmärsche gewöhnten Körper fühlten sich am ersten Tage, trotz einem sehr kleinen Tagesmarsch, sehr ermattet. Mir besonders wollten die Beine gar nicht mehr mit, ich war noch zu sehr geschwächt. Nichts destoweniger hatte ich mich von dem Anfall, den die Krankheit gemacht, ziemlich erholt, indem ich dem Rath eines alten Amerikaners folgte, der mir eine tüchtige Dosis Baumöl und Opium verordnete. Das erstere kaufte ich in Sacramento für 3 Dollars die Flasche, das andere führte ich selber bei mir und schon nach der zweiten Dosis fand ich mich vollkommen geheilt. Wir lagerten dicht am Ufer des Stromes und schliefen sanft beim Geheul der zahlreichen kleinen Steppenwölfe, die mit ihrem fast komisch lautenden Gelärm mehrmals die Nacht bis dicht an uns herankamen.

Am nächsten Morgen erreichten wir ziemlich früh das sogenannte »ten mile house« – zehn Meilen vom Sacramento entfernt, und hörten hier, zu unserem eben nicht freudigen Erstaunen, daß wir, falls wir wirklich nach den nördlichen Minen wollten, einen ganz falschen Weg eingeschlagen hätten, und auf die andere Seite der American Fork hinüber, und am Sacramento, statt an jenem Flusse hinauf mußten. Wollten wir noch bei unserem frühern Plane, die nördlichen Minen zu besuchen, beharren, so blieb uns weiter nichts übrig, als geradezu umzukehren, und etwa eine Meile diesseits Sutters Fort die Amerikan Fork zu kreuzen, von wo wir dann den richtigen Cours einschlagen konnten. Eine kurze Berathung entschied für den letzten Weg, und dieser Abend fand uns wieder 2½ Meilen von Sacramento City entfernt, jetzt aber auf der richtigen Bahn, unter einer laubigen, von wilden Reben dicht umhangenen Eiche am andern Ufer der Fork.

An diesem Tag wurde uns aber schon einer unserer Gefährten – einer der jungen Kaufleute, der im Anfang sehr mit seiner Kraft und Ausdauer geprahlt hatte – untreu. Die Hitze und Anstrengung des Marsches mochte ihn wohl zu sehr erschöpft haben, und da uns nun noch sogar gesagt wurde, daß der nächste Tagmarsch aus Wassermangel selbst anstrengender als dieser seyn würde, so schien er es für das beste zu halten, french leave zu nehmen, d. h. er blieb, ohne einem Menschen weiter ein Wort zu sagen, hinter dem ersten Busch zurück, ließ uns eine hinreichende Strecke vorangehen, und wurde dann nicht weiter gesehen.

Montag den 29. Oktober hatten wir einen herrlichen sonnigen, freilich etwas heißen Tag, und wanderten auf der ziemlich befahrenen Straße, in der Nähe des Sacramento, an diesem Flusse hinauf. Auch hier waren nur die nächsten Ufer bewaldet, das Uebrige weite baumlose, mit Buchen oder Gras dicht bewachsene Ebene. So still und öde dieselbe aber auch in früherer Zeit gewesen seyn mochte, das blinkende Metall und der Ruf des neuen Eldorado hatte ihren Charakter jetzt verändert, und wo sonst der Elk vielleicht majestätischen Schrittes die Steppe gekreuzt und seinen Durst in dem klaren Wasser des Stromes gelöscht hatte, wo der Indianer, der rothe Sohn dieser Ebenen, mit Bogen und Pfeil seiner Bahn gefolgt, oder die »squaw« in dem spitzen Rohrkorb unter der Last der zum Wintervorrath eingesammelten Eicheln herangekeucht war, führten jetzt mit kräftigen Stieren bespannte Wägen Massen von Provisionen den entfernten Bergen zu; Reiter, aus den Minen kommend, die Büchsen vorne quer über dem Sattelknopf liegend, ihr weniges Gepäck hinter sich befestigt, sprengten rasch, und mit kaum flüchtigem Blick auf die ihnen begegnenden Wanderer, vorüber, und dort dicht am Strom und weiter auf der Ebene draußen, auf dem Fahrweg sowohl wie manchmal ab von jeder betretenen Bahn, zogen kleine Carawanen mit einem oder mehreren Maulthieren, alle aber mit Proviant schwer beladen, den ersehnten Minendistrikten zu. Ja mehrmals trafen wir auch sogar Fußwanderer, die nicht einmal ein einziges Packthier mit sich führten, sondern alles und jedes, was sie zu ihrem Bedarf gebrauchten, auf den eigenen Rücken trugen, das war aber nur selten, und die Leute haben das gewiß später schwer genug bereut.

Ueberhaupt gingen wir auch sämmtlich selber viel zu schwer beladen, trotzdem daß wir noch das Packthier mit uns führten, und ich bin deßhalb zu dem festen Entschluß gekommen auf späteren Märschen, wenn es nicht die dringendste Nothwendigkeit erfordern sollte, keine zehnpfündige Last (außer meiner Büchse natürlich) über die Schulter zu hängen, man wird sonst selbst zum Lastthier, und hat nur einzig und allein damit zu thun sich auf der Straße hinzuquälen, dabei nicht den mindesten Sinn für die überall in reichster Fülle ausgebreiteten Naturschönheiten, und ist Abends, todtmüde im Lager angelangt, kaum fähig mehr sein einfaches Abendbrod zu bereiten und zu verzehren, so ermattet sind die Glieder, so erschöpft ist der Körper.

An diesem Abend erreichten wir einen alten aber verlassenen Lagerplatz der Indianer, und blieben dort. Er lag dicht am Ufer des Sacramento, an einer höchst romantischen und zugleich bequemen Stelle. Eine Menge zurückgelassene Gegenstände verriethen übrigens, wie der Stamm diesen Ort erst seit sehr kurzer Zeit – wahrscheinlich erst seit der Errichtung einiger benachbarten amerikanischen Zelte – verlassen haben konnte. Dicht am Strom waren noch die mit Stämmen künstlich errichteten Vorbaue, wo die Fischer gelegen, die in den Strom hinausragenden Planken, wo die squaw das klare Wasser zum Kochen geholt; oben am hohen Ufer lagen noch die runden Steine, mit denen, die gedörrten Eicheln zu Mehl gerieben werden, und vergessene oder absichtlich zurückgelassene, ausgehöhlte Holzgefässe lehnten an verschiedenen Bäumen. Auch wackere Jäger waren die Männer gewesen mit ihrem einfachen Jagdgeschütz, dem Bogen und Pfeil – was für tüchtige Hirschgeweihe lagen neben der einen umgestürzten Weißeiche am Boden! Und daneben gaben die beiden Fittiche eines erlegten Adlers Zeugniß eines andern guten Schützen. Und wo waren die Jäger, wo die squaws die das Wasser geschöpft aus dem blinkenden einsamen Strom? Fortgescheucht von den Gräbern der Ihrigen zogen sie in dem Lande umher, wo der Weiße ihren Frieden gestört, ihr Wild verjagt oder getödtet, und selbst ihr Leben bedroht und genommen hatte. Ein einziges Jahr war im Stande gewesen diesen fabelhaften Unterschied hervorzubringen, und der Indianer existirte in Wirklichkeit schon gar nicht mehr als Stamm, ehe er nur selber zu begreifen anfing, welche verderbliche Veränderung das Einströmen der Bleichgesichter in sein Land hervorgebracht hatte.

In Nordamerika geschah die Unterdrückung der Indianer so allmählig, daß die jungen Leute darin heranwuchsen und, nach und nach westlich gedrängt, im Anfang immer noch die Hoffnung einer Wiedergewinnung ihres Landes hatten, oder doch auf neuen, ihnen angewiesenen Jagdplätzen, den Kindern ruhige Besitzungen gesichert glaubten. Man achtete dabei, so viel sich das mit dem eigenen Vortheil der Weißen vertrug, ihre religiösen Sitten und sonstigen Gebräuche, ja die Pioniere und Ansiedler die sich zuerst in das indianische Gebiet hineinwagten, mußten schon ihrer eigenen Sicherheit halber vorsichtig mit den Eingebornen zu Werke gehen. Der rothe Sohn der Wälder war noch zu mächtig in seiner eigenen Heimath, und der Squatter fürchtete nicht mit Unrecht den gellenden Kriegs- und Racheschrei des nächtlichen Ueberfalls.

Wie anders hier in Californien! Der Ruf des neuen Eldorado zuckte durch die Welt, und ehe nur die eingebornen Kinder des Landes, die wilden Stämme des Sacramento und Feather-River, des Joaquin und der Küstenberge ahnten, welch Wetter über ihren Häuptern zusammenzog, strömten aus allen Welten golddurstige Abenteurer herbei und überschwemmten das Land förmlich mit ihren Zügen. Hier gaben die Indianer nicht das erste Land aus freien Stücken und Gastfreundschaft bewilligend aus, und sahen, wie sich die Blaßgesichter täglich und täglich mehrten und vergrößerten, und sie selbst allmählig verdrängten und zurücktrieben, nein, von allen Seiten zugleich fanden sie sich umzingelt und erdrückt, von allen Seiten zugleich angegriffen und in den Staub getreten, und wenn der Weiße nicht auch ihre Religion angriff und bekämpfte, wie das im Osten der Fall gewesen, so geschah das nicht etwa deßhalb, weil er sie achtete oder auch nur duldete, sondern weil es ihn wenig kümmerte, was der doch nicht mehr schädliche Sohn einer verachteten Race glaubte, wenn er nur für ihn arbeitete und ihm seine Kräfte lieh. Man benützte deßhalb auch die Indianer, besonders in der ersten Zeit, in förmlichen Heerden zum Goldwaschen. Dafür bekamen sie »Kleidung und Nahrung« – eine wollene Decke und im günstigsten Fall eine Handvoll Mehl – und mußten noch froh seyn, um so billigen Preis selbst ihre Existenz erkaufen zu können.

Bei dem geringsten Vergehen nämlich, das sich ein Indianer gegen einen Weißen zu Schulden kommen ließ, folgte die schärfste Strafe auf dem Fuße, und hatte gar einer von ihnen, gleichviel wer und aus welchem Grunde, einen Weißen getödtet, dann wehe dem nächsten Stamm, den die Rächer erreichen konnten; war er nicht im Stande, zeitig genug zu fliehen, so mußten die Männer, wie unschuldig sie auch an dem vergossenen Blute seyn mochten, mit dem ihrigen es bezahlen, und flohen sie wirklich, so zerstörten die Rächer doch wenigstens die strafwürdigen Wigwams, die solchen Verbrechern Schutz und Schirm geboten, und die Frauen, Kinder und Kranken mußten dann, dem ebenso unerbittlichen Sturm und Regen preisgegeben, die Nächte auf offener Haide verbringen.

Doch genug, übergenug von dem schon tausend und tausendmal Besprochenen – es ist derselbe Fall wie er, nur hier etwas rascher noch und plötzlicher, in allen neu entdeckten Ländern der Welt vorgekommen; die Geschichte der Indianer Kaliforniens hört mit dem Jahre 49 auf, und wenn auch noch einzelne Stämme in den nächsten Jahren ihre Wohnplätze behaupten werden, so schwinden sie mehr und mehr zusammen, und einem späteren Zeitalter bleibt allein ihr Name, bleiben ihre Gräber.

Dienstag den 30. passirten wir die kleine Zeltstadt Vernon. Der Feather-River der, östlich vom Sacramento, eine Zeitlang mit diesem Flusse parallel läuft, mündet hier in ihn, und Vernon liegt am linken Ufer des Sacramento, während eine Schwesterstadt, Fremont, am rechten gegenüberliegenden Ufer errichtet ist. Eine Fähre, groß genug Wägen und Stiergespanne überzuführen, läuft zwischen den beiden Orten hin und her; an der gleich darüberliegenden Landspitze, die der Zusammenstuß der beiden Ströme bildet, sind übrigens auch schon Zelte errichtet, und es ist wohl möglich daß dieser Platz einmal in späterer Zeit von nicht unbedeutender Wichtigkeit werden könnte. Jedenfalls ist der Feather-River ein Strom der die volle Aufmerksamkeit nicht allein des Goldwäschers, sondern auch des Ackerbauers verdient, und schon jetzt fahren kleine Dampfboote bis Vernon und Fremont, während Wallfischboote Provisionen bis in die untenliegenden Minen schaffen.

An diesem Abend erreichten wir Bear-River oder Bearcreek, wie er eigentlich heißen sollte. Ein ziemlich bedeutender Bach, nichts weiter, der in den Feather-River mündet. Wir wateten, nicht einmal die Knöchel netzend, hindurch, und lagerten auf der andern Seite. An diesem Abend hatten wir den ersten kleinen, freilich noch ganz unbedeutenden Regenschauer, der uns aber doch schon den Mangel eines Zeltes bemerken ließ. Wir waren nämlich, schon unserer Kasse wegen, genöthigt gewesen von Sacramento City ohne Zelt aufzubrechen, und vertrösteten uns mit der Hoffnung bei eintretendem schlechten Wetter leicht einen Regenschutz für die Nacht herstellen zu können. Als ich aber das Land das wir durchreisen mußten selber sah, fand ich bald mit welchen Schwierigkeiten die Errichtung eines allnächtlichen Regendaches für sechs Personen verbunden seyn müßte, denn erstens eignet sich das Gesträuch nur höchst mittelmäßig selbst zu Zeltstangen, gar nicht zum Decken des Daches, und dann fehlt es gänzlich an der Rinde umgestürzter Bäume, die sich in den nordamerikanischen Wäldern in so bedeutenden Massen findet, und dort so leicht in großen Stücken vom Stamme abschälen lassen. Dennoch hofften wir die Minen in Zeit, d. h. vor dem Eintreten der Regenzeit, die etwa mit Anfang Decembers beginnen sollte, zu erreichen, und dort ließ sich dann leicht im Anfang ein Wetterschutz, später ein ordentliches Blockhaus, herrichten. Das waren unsere Ideen.

Am andern Abend, den Tag über fortwährend in der Nähe des Feather-River und an dessen Ufer hinaufwandernd, erreichten wir die Mündung des Yuba, und kreuzten auch diesen ziemlich bedeutenden Fluß. Allerdings konnten wir ihn in dieser trockenen Jahreszeit und an der seichtesten Furt noch durchwaten. Das Wasser lief uns aber doch in die hohen Stiefel, und die Strömung war ungemein stark.

Am andern Ufer des Yuba trafen wir, mit einem aus den Minen rückkehrenden Geschirr, einen Deutschen, der uns anrieth jedenfalls nach den sogenannten Readings diggings am Sacramento zu gehen, es sey dort – seiner Versicherung nach – alles wie wir es nur wünschen könnten, Provisionen billig, Gold in Menge und viele nette Familien die dort überwinterten. Der Mann hatte leider – es fing schon an dunkel zu werden, und er wollte noch durch den Strom – keine Zeit uns das Nähere der Reise auseinander zu setzen, nur die Entfernung sagte er uns noch, etwa 150 Meilen von wo wir uns befanden. Mir war es aber besonders recht, da Readings Mine eine der nördlichst gelegenen war, und wir kamen bald überein unsern Weg dorthin zu nehmen.

Eins mußte mir jedoch jetzt auffallen, die Verschiedenheit der Berichte nämlich die wir über sämmtliche Minen bis dahin gehört hatten. Die Readingsminen waren uns z. B. als die ungesundesten und unsichersten von mehreren Leuten geschildert. Ebenso rühmten einige Feather-River, während andere nicht genug Schlechtes über diesen Fluß zu sagen wußten; dem Yuba und Bear-River ging es nicht anders, kurz von zehn Menschen konnte man fest überzeugt seyn auch zehn in sich selbst wesentlich verschiedene Ansichten über einen und denselben Ort zu hören. Welchem sollte man nun folgen, welchem glauben? Der Deutsche der sich doch jedenfalls für uns als seine Landsleute hätte interessiren müssen, schien uns noch in diesem Fall den meisten Glauben zu verdienen, und wir schritten, ich möchte fast sagen, rüstiger vorwärts, da wir nun ein bestimmtes Ziel hatten dem wir zustrebten, denn bis jetzt wußten wir eigentlich nur daß wir nördlich wollten, ob aber an diesen oder jenen Ort, schien dem Zufall überlassen zu seyn.

Wir lagerten nicht weit von der Mündung des Yuba, und beabsichtigten am nächsten Tag, etwa 20 engl. Meilen von dort entfernt, den Feather-River zu kreuzen, um die zwischen diesem und dem Sacramento liegenden Berge zu erreichen, in denen sich die Readingsminen befinden sollten. Bis dahin blieben wir fortwährend dicht am Ufer des Feather-River.

An diesem Tag, Donnerstag den 1. Nov., trafen wir die ersten von Indianern noch wirklich bewohnten Dörfer an. Die Stämme an diesem Fluß bauen sich halb in dem Grund stehende, etwa sechs bis acht Fuß aber darüber hinausragende Erdhütten, in der Form wie es die Mandan-Indianer in Nordamerika thun, aber nicht so luftig und selbst zierlich, sondern mehr stark und plump, ihrem Zweck jedoch vollkommen entsprechend. Der Eingang ist so niedrig daß die Bewohner der Hütten in dieselben hineinkriechen müssen. Das Gestell derselben ist ziemlich fest von Holz gebaut, dicht mit Erde überdeckt, und nur an der einen Seite, ziemlich in der Mitte, ein Luftabzug für den Rauch gelassen.

Eigentümlich sehen diese Hütten aber durch etwa 10 Fuß hohe cylinderförmige Flechtwerke aus, die, etwa vier Fuß im Durchmesser durch die Dörfer bald zerstreut bald in Gruppen von dreien und vieren stehen und dazu dienen den Wintervorrath an gedörrten Eicheln für die verschiedenen Hütten zu halten und zu bewahren. Wir fanden denn auch vor den Eingängen eine Menge von Squaws, die neben ganzen Haufen von Eicheln kauerten, mit den weißen Zähnen die durch das Feuer gehärteten Schalen knackten, und die Frucht dann, ohne sie weiter zu berühren, in den Schooß auf eine ausgebreitete Decke fallen ließen, die Schalen aber bei Seite warfen. Sie zeigten dabei in dieser gerade nicht appetitlichen Behandlungsart, eine solche Fertigkeit und sogar Sauberkeit, daß ich selber nicht den mindesten Anstand genommen haben würde davon zu essen. Die Kleidung der Frauen bestand einzig und allein in einer um die Schultern gehangenen wollenen Decke, während sie um die Hüften noch einen dichten Binsenschurz trugen. Die Männer gingen dagegen desto verschiedener. Einzelne, eine Art Schmuck im Haar abgerechnet, total nackt, andere in Decken geschlagen, andere sogar auf das wärmste und vortrefflichste in gute europäische Wintertracht gekleidet, mit wollener Hose und Hemd, bunter Weste, rother Schärpe und Mütze.

Ihre Nationalzierrathen scheinen sehr, einfacher Art zu seyn – Männer wie Frauen haben die. Ohren durchlöchert, und tragen entweder ein rundes Stück Holz oder zierlich gearbeitete Federspulen und Federn darin. Tättowirt haben sie, und zwar blau, meistens nur das Kinn mit schmalen von den Lippen niederwärts laufenden Streifen. Ihre Farbe ist ganz wie die der nordamerikanischen Stämme, kupferbraun mit langen schwarzen Haaren, auch trifft man unter ihnen einzelne wirklich schöne Gestalten. Die Männer tragen noch eine Art Nadel in den Haaren, mit Federn und Perlen verziert, doch scheint das mehr eine Art Auszeichnung zu seyn, ich konnte wenigstens keinen von ihnen veranlassen mir solchen, selbst den einfachsten Schmuck für eine ganze Handvoll der schönsten Glascorallen zu überlassen. Als Geld, benutzen sie eine Art rund geschnittener Muschel, die in der Mitte durchbohrt ist, und von ihnen um den Hals getragen wird.

Ackerbau treiben sie gar nicht; Fischfang und Jagd, wie die Frucht der Eichen, die in großer Anzahl an den Flüssen wachsen, liefern ihnen allein ihre Nahrung, dennoch sind sie nicht ungeschickt in einzelnen Arbeiten. Besonders fertigen sie Körbe auf höchst zierliche und geschmackvolle Art und so fest an, daß sie zu Wassergefäßen benutzt werden, und in der That auch nicht einen Tropfen hindurchlassen. Auch die Bögen der Jäger sind auf das geschmackvollste geschnitten und verziert, werden aber auch von ihnen sehr hoch geachtet und nur selten, dann aber auch um sehr hohen Preis verkauft. Schießwaffen führen sie nur höchst selten; ich hörte sogar daß es von der amerikanischen Regierung verboten sey ihnen solche zu verkaufen, weiß aber nicht ob das nicht vielleicht nur ein bloßes Gerücht ist.

Das erste Dorf durch das wir kamen mußte ziemlich bewohnt seyn, oder die ganze Einwohnerschaft war wenigstens vor den Thüren und auf den Hütten, welchen letztern Platz besonders die Männer gewählt hatten, versammelt. Diese letztern schienen sich besonders behaglich in der nach kaltem Morgen warm niederscheinenden Sonne zu fühlen, und kauerten, meistens ganz nackt, mit den bloßen Rücken dicht zusammen. Eigenthümlich war es dabei wie sie, jedenfalls absichtlich, nicht die mindeste Notiz von den dicht an ihnen vorbeiwandernden Fremden nahmen, und entweder vor sich nieder, oder gerade über sie hin ins Blaue stierten. Nur auf einer einzigen Hütte saßen vier rauh genug aussehende Bursche, drei nackt und der vierte in eine brennend rothe Decke gehüllt, und zeigten auf uns, schwatzten dann zusammen und lachten daß ihnen die braunen Bäuche wackelten. Die Frauen waren fast sämmtlich mit irgend einer Art Arbeit beschäftigt und nicht selten tauchten sie, wenn sie die weißen Männer bemerkten, rasch in ihre niedern Wohnungen unter.

Einen sonderbaren Zierrath, eine Art Trophäe, fanden wir in diesem Dorf aufgesteckt. Es war dieß eine Stange, an deren Spitze fünf oder sechs ausgestopfte wilde Gänse befestigt waren, und zwar so befestigt, daß es aussah, als liefen sie mit aufgehobenen Hälsen an der Stange hinauf. Die Gänse waren aber wirklich vortrefflich hergerichtet und sahen aus, als ob sie lebten. Damals konnte ich freilich die Ursache und Bedeutung solchen Zierraths oder Zeichens nicht erfahren, und ich sah auch in keinem anderen Dorfe ein ähnliches, späterer Erfahrung nach muß es aber das Symbol des Stammes gewesen seyn, da die californischen Indianer, wie sehr viele Stämme der atlantischen Staaten, die Namen von wilden Thieren angenommen haben. So gibt es bei diesen die Schlangenindianer und grünen Vögel und die Wölfe und Füchse – wie hier in Californien die Kayotas (kleinen Prairiewölfe) und Falken, die Gänse und Eichhörnchen etc. und die ausgestopften Symbole hatten sie eben so aufgesteckt, wie sie ihre Brüderstämme in den östlichen Staaten die ihrigen, gleichfalls auf Stangen mit in den Kampf nehmen und als Banner den Kriegern vorantragen.

Vor allen andern Dingen muß ich dem Leser aber jetzt einmal unsere kleine Reisegesellschaft schildern, die wirklich einer etwas näheren Beschreibung werth war. Ein wunderlicheres Gemisch von Leuten hat wohl schwerlich je San Francisco verlassen, so wunderliche Züge auch von dort schon zweifelsohne ausgegangen sind.

Von Anfang an waren wir, wie schon gesagt, unserer sieben gewesen; der eine junge Mann hatte uns aber verlassen und den Kern unserer kleinen Truppe bildeten jetzt zwei Berliner, Brüder, ich will sie Leopold und Philipp Meyer nennen, der ältere ein Kaufmann, der jüngere ein Schlosser – Israeliten, die trotz früherem Abrathen ihr Glück dennoch einmal in den Minen versuchen wollten. Der ältere Meyer trug eine kurze Jacke, ziemlich enge Hosen, hohe Wasserstiefeln und eine achtfaltige blaugraue Mütze und außerdem noch einen kurzen Hirschfänger umgeschnallt, der aber immer zu tief und zu weit hinten hing und mehr zum Staat als wirklichen Nutzen da zu seyn schien. Ueber die rechte Schulter schlenkerte ihm dabei ein Doppelsack mit allerlei Kleidern und Vorräthen bepackt, und da die eine Bratpfanne auf dem Rücken des Lastthiers fortwährend und zwar auf unangenehme Weise an den Blechkessel geschlagen hatte, so nahm er diese mit in die Hand, und neben oder vielmehr vor dem Hirschfänger sah sie eher aus wie ein Schild, als ein friedliches Kochwerkzeug.

Der jüngere Meyer trug eine Art graue Gärtnermütze mit grauem Doppelschild vorn und hinten zum auf- und niederklappen, einen Ledergürtel mit einer Pistole darin, ein Pulverhorn, eine deutsche einfache Büchse und einen weißleinenen Zwerchsack – die Hosen dabei aufgekrempelt. Den Rock hatte er mit auf das Maulthier gelegt und ging deßhalb in Hemdsärmeln.

Der dritte war ein kleiner Apotheker, Kunitz mit Namen, mit einer grünen viereckigen, mit Pelz verbrämten polnischen Mütze, sehr rothem Bart, einem kleinen schwarzen Tornister auf dem Rücken, der außer den Kochgeräthen sein Ein und Alles enthielt, einen braunen kurzen Rock, grauen Sommerhosen und rindsledernen Stiefeln und einen Handwerksburschenstock in der Hand.

Hühne, der vierte, war ein junger kräftiger Bursch von circa 20 Jahren, mit einer grünen Jagdmütze und erbsgelbem wollenem Ueberzieher, eben solchen Hosen und Stiefeln und über den Schultern einen weißen Zwerchsack, eine wollene Decke zusammengebunden und eine Büchsflinte.

Der fünfte war ein junger Matrose, der sich uns, von der Reform entlaufen, in San Francisco angeschlossen hatte – ein ruhiger, stiller Mensch, den ich bald lieb gewonnen. Gekleidet ging er natürlich in Matrosenart, mit weiten leinenen Hosen, wollenem Hemd und einer blauen Mütze, wie Schuhen und Strümpfen, eine Doppelflinte auf dem Rücken und ein Pulverhorn an der Seite – Gepäck hatte er, außer einer wollenen Decke und ein paar Hemden, da er bei seiner Flucht Alles an Bord lassen mußte, gar nichts.

Ich selber trug eine grauschottische Mütze, mein altes amerikanisches ledernes Jagdhemd, graue Hosen und hohe Wasserstiefeln und Jagdtasche, Messer und Büchsflinte, wie auch ein kleines Jagdpatrontäschchen zum Umhängen mit einigen Medicinen.

Das waren unsere äußeren Menschen, und bis dahin wandelten wir rüstig und gesund durch den Staub und die Hitze der Straße; in den letzten Tagen hatte aber der ältere Meyer heftige Zahnschmerzen bekommen, gegen die selbst mein Chreosot nichts nützen wollte. Endlich entwickelten sie sich in eine dicke Backe – aber so etwas von einer dicken Backe, wie noch gar nicht dagewesen war – es sah nicht aus wie eine, sondern wie ein ganzes Dutzend Backen, pfannkuchenartig aufeinander gelegt und nie im Leben – außer daß ich den eigenen Augen glauben mußte – hätte ich es für möglich gehalten, daß ein menschliches Lippenpaar solcher Ausdehnung fähig gewesen wäre.

Zahnschmerz ist aber ein wunderliches Ding, und wer stark daran gelitten und zwar an verschiedenen Zähnen gelitten hat, weiß auch, auf wie viel verschiedene und oft sonderbare Weise es courirt oder gemildert werden kann. Manche bringen kalt Wasser an den leidenden Theil und betäuben dadurch den Schmerz, während dasselbe Mittel andere wieder rasend machen würde. Bei den meisten, ja bei fast allen Zähnen mehrt daran gebrachtes Salz die Pein, und erst kürzlich habe ich gesehen, daß ein Patient eine Prise Salz förmlich in den Zahn füllte und dadurch den Schmerz beschwichtigte. Viele müssen, wenn sie Zahnschmerzen haben, den Kopf fortwährend aufrecht halten, während andere sich dadurch für kurze Zeit Linderung erkämpfen, daß sie den Kopf niederbiegen, ja sich förmlich auf den Kopf stellen müssen.

Einen solchen obstinaten Zahn hatte der ältere Meyer; mit diesem dicken Gesicht ließen die bösartigsten Schmerzen, wenn sie besonders stark an zu toben fingen, nur dann nach, wenn er sich auf etwa eine halbe Minute förmlich auf den Kopf stellte, und so leid uns allen auch sein Schmerz that, so führte er mit dem Gesicht und diesen Stellungen doch auch manchmal lebende Bilder auf, die wirklich zu komisch waren.

So durchwanderten wir auch wieder eines der indianischen Dörfer – das dritte an diesem Tage, denn die sämmtlichen Stämme scheinen sich zum Fluß hergezogen zu haben, da sie ja auch nur hier Wasser und Holz und mit diesem all ihre Nahrung, Fische, Wild und Eicheln finden. Auf den runden Lehmhütten saßen auch hier, wie in den früheren Dörfern, die Männer ernst und theilnahmlos und warfen nur dann und wann einen gleichgültigen mürrischen Blick auf die Weißen Fremden, die den »Schaaren« ihrer Feinde folgten und das Land zwischen ihnen und den Bergen »ausfüllten«. Plötzlich, mitten im Dorf, der Zahnschmerz kümmert sich weder um Ort noch Zeit, bekam Meyer wieder einen seiner Anfälle, und ohne sich auch nur erst umzusehen wo er sich befand, stützte er sich ganz urplötzlich, mitten im Dorfe, mit beiden Händen auf die Erde, senkte den Kopf, so weit er konnte, herunter und hob, theils zur Balance, theils seinen Oberkörper weiter nieder zu bringen, das rechte Bein hoch in die Höhe – die Mütze fiel ihm dabei vom Kopf, was er trug, rutschte ihm über die Schulter und nur der Hirschfänger, der sich mit dem Griff in eine Falte festgestemmt hatte, stand hinten, wie er vorher gehangen, starr und grad empor und vermehrte dadurch nur das Sonderbare der ganzen Figur.

Merkwürdig war aber der Eindruck, den diese Stellung auf die Indianer machte – im ersten Augenblick sprangen ein paar Frauen, die nicht weit davon auf der Erde saßen und Eicheln ausschälten, empor und krochen rasch in ihre Hütten, und die Männer, die so ernst und gravitätisch auf dem Gewölbe ihrer Dächer gekauert hatten, als ob für sie die neuen Eindringlinge gar nicht in der Welt wären, richteten sich ebenfalls hoch und voll empor und blickten erstaunt, ja fast bestürzt nach dem Fremden hinüber, der sich ihnen in so wundersamer – was wußten sie, ob feindlicher Stellung, präsentirte. Das rothe dicke Gesicht, das ihnen dabei, zwischen den Armen durch, dicht über der Erde sichtbar wurde, diente ebenfalls nicht dazu, sie eines anderen zu überzeugen. – Erst als wir Anderen alle nicht mehr an uns halten konnten und, trotz unserem Mitleid mit dem armen Teufel, laut herausplatzten, schienen sie der Sache ebenfalls eine komische Seite abzugewinnen, und ob sie nun glaubten, daß Meyer diese gymnastischen Uebungen einzig und allein zu ihrer Ergötzlichkeit aufführte, ihnen eine kleine Freude zu machen, oder ob ihnen die Stellungen an und für sich so gut gefielen, kurz, sie brachen bald darauf ebenfalls in ein schallendes Gelächter aus, nachdem die Frauen erstaunt wieder aus ihren höhlenartigen Wohnungen vorschauten.

Meyer richtete sich jetzt allerdings empor, war aber keineswegs in der Stimmung irgend einen Humor zu begünstigen. Er drehte sich nur nach den tobenden Wilden um, warf ihnen einen grimmigen Blick zu, und setzte seinen Weg fort.

An demselben Abend kreuzten wir den Feather-River an der untern Furt, und lagerten an der andern Seite – er war hier ziemlich breit, mit starker Strömung, doch konnten wir ihn immer noch durchwaten. In derselben Nacht regnete es wieder, und der Himmel fing an gar bedenklich auszusehen, doch ging die Sonne noch freundlich genug auf, nur die Färbung und Gestalt der einzelnen Wolken wurde bedenklich.

Unsere Wachen hatten wir uns so eingetheilt daß wir, dem Maulthier zu Liebe, abwechselnd anderthalb Stunden aufsaßen. Weil wir nämlich fürchten mußten daß es uns davon lief, mußten wir es anbinden, und um es nicht zugleich am Grasen zu hindern, geschah dieß an einem langen Seil. Da es aber den Platz, auf dem es befestigt war, und es stand zu der Zeit nicht viel Gras mehr, bald abweidete, mußten wir ihn mit jeder Wacht verändern und das Terrain brachte es dann wohl manchmal mit sich, daß der Weideplatz zwei- oder dreihundert Schritt von da entfernt war, wo wir wegen Wasser und Holz am bequemsten unser Lager aufschlagen konnten.

Hierbei zeichneten sich nun die Gebrüder Meyer und Kunitz aus, die nie, wenn sie außer Sicht vom Lager gingen, den Weg wieder zurück fanden, ohne ein Zetergeschrei zu erheben, damit wir antworten mußten, und nachher brachten sie fortwährend die wunderbarsten Entschuldigungen wie es gekommen sey, daß sie sich auf eine dem Lager ganz entgegengesetzte Seite hinübergefunden hätten. Umsonst bat ich sie mehrmals auf das inständigste doch nur stets, wenn sie den Lagerplatz verließen, ein klein wenig auf Mond, Sterne oder Wolken, was nun zu sehen war, selbst auf den Wind und die einzelnen dunklen Gruppen der Bäume acht zu geben, es blieb alles vergebens, ihnen fehlte der Ortssinn, und die nächste Nacht wußten sie es jedenfalls schon wieder möglich zu machen, das ganze Lager mit ihrem »Hallo, Hallo« wach zu schreien.

Wir hatten an diesem Tag, nach Niels Range am Bute Creek zu, einen Marsch von 30 Meilen zu machen, da wir früher kein fließendes Wasser und nur sehr wenig Holz fanden; wir wanderten also tüchtig darauf zu, uns mit dem Gedanken tröstend, ja auch mit jeder Meile unserem endlichen Ziele und Rastplatz näher zu rücken. Um 9 Uhr umwölkte sich aber der Himmel immer bedenklicher, und um halb 10 Uhr fing es denn endlich an erst langsam, dann immer stärker zu regnen. An Halten war gar nicht zu denken, und nicht einmal ein Baum in der weiten Ebene unter den wir hätten treten können; also vorwärts hieß die Losung, und Abends, gerade mit Dunkelwerden, erreichten wir endlich den Bute Creek und den Rancho oder Range (wie es die Amerikaner nennen), eines gewissen Niels. Wäre aber auch unsere Kasse in einem bessern Zustand gewesen als sie wirklich war (unserer sechs besaßen, außer den Provisionen, die noch etwa auf zehn Tage reichen mochten, vier und einen halben Dollar Gesammtvermögen), so ließ sich in der engen Wohnung der Leute doch kein Unterkommen hoffen. Alles hatte sich schon bei dem Regen unter Dach und Fach gedrängt, nur der mit Binsen gedeckte Vorbau eines alten Blockhauses war erst zum Theil von einer andern Gesellschaft eben so durchnäßter Reisender wie wir eingenommen, und hierher flüchteten wir uns, froh für die Nacht wenigstens eine Art Schutzdach gefunden zu haben, und nicht ganz und gar dem noch immer in Strömen niederfallenden und vom Winde gepeitschten Regen preisgegeben zu seyn. An dem Feuer der Amerikaner konnten wir uns wenigstens einen Kaffee und etwas zu essen kochen, und die Nacht schliefen wir – wenn auch nicht trocken, denn unsere Decken waren durchnäßt und der Regen tropfte überall durch die Binsen, doch in etwas geschützt vor dem Wetter.

Der nächste Morgen brach allerdings etwas freundlicher an, der kleine Fluß aber, der sogenannte Bute Creek, war während der Nacht so angeschwollen, daß wir ihn hätten durchschwimmen müssen; es war uns daher selbst lieb eine Entschuldigung zu haben, einmal einen Tag auszuruhen und unsere Decken und Kleider zu trocknen.

Sonntag den 4. November wollten wir mit Tagesgrauen wieder aufbrechen, hier machte uns aber unser Maulthier einen Strich durch die Rechnung, denn als wir es am Morgen anzuschirren und zu packen gedachten, war es verschwunden. Nach verschiedenen Richtungen machten wir uns jetzt auf, und ich fand es endlich etwa eine Meile von unserm Lagerplatz, entfernt wieder, der Tag war aber auch zugleich zu weit vorgerückt als daß heute noch ein Aufbruch rathsam gewesen wäre. Die dritte Nacht mußte also in diesem nichts weniger als angenehmen Aufenthaltsort verbracht werden. Fast kam es uns aber vor, als ob wir von diesem Ort gar nicht wieder weg sollten, denn in der nämlichen Nacht fing es wieder furchtbar an zu regnen, und an ein Fortkommen, wollten wir nicht gleich von Haus aus total durchnäßt werden, durfte gar nicht gedacht werden.

Unsere Provisionen fingen dabei an bedenklich auf die Neige zu gehen, Salz hatten wir schon nicht mehr, und mußten einige Pfund zu einem halben Dollar das Pfund kaufen. Ueberhaupt fingen hier schon die Minenpreise an und ließen uns ahnen, welche Auslagen wir in den Bergen gezwungen seyn würden für Provisionen zu machen. Mehl kostete, als wir zu Niels kamen, 50 Cents das Pfund; an diesem Tage aber, da der Regen die Straßen unfahrbar machte, und Wägen nur sehr schwer, oft gar nicht dorthin kommen konnten, schlug es gleich 50 Procent auf und galt 75. Frischgeschlachtetes Rindfleisch 50, Schweinefleisch 75 Cents per Pfund. Weiter war übrigens gar nichts mehr zu bekommen, als Cognac oder Brandy zu 3 Dollars die Flasche oder 50 Cents das einzelne Glas.

Hier trafen wir auch eine Menge Leute aus den verschiedenen Minen, die, eben nur durchreisend, sich gleichfalls von dem Regen überrascht sahen und besseres Wetter abwarteten. Ich versäumte nicht soviel als möglich, näheres von ihnen über die Beschaffenheit der diversen Minen zu hören, nicht zum Trost aber gereichte es uns, hier gerade die schlechtesten Berichte über den Ort zu hören, dem wir eben entgegensteuerten. Und zwar nicht bloß Gerüchte waren es was uns die Leute lieferten, sondern nicht wegzuleugnende Thatsachen sprachen für ihre Angaben. Provisionen waren allerdings auch, wie sie bestätigten, ungemein billig dort oben, aber nur weil alles von dort wegzog und um jeden Preis ausverkaufte; die Minen sollten dabei die unsichersten des ganzen Landes, und das Schlimmste von allem seyn, daß man, wenn die Regenzeit einmal ordentlich eingetreten sey, wohl oder übel dort überwintern müsse, da an ein Fortkommen von dort oben in diesem Falle nicht mehr zu denken sey.

Das war eine bitterböse und jedenfals bedenkliche Geschichte – sollte ich an einem vielleicht höchst traurigen Aufenthaltsort, von jeder Nachricht von Europa abgeschnitten, ja nicht einmal im Stande einen Brief sicher nach San Francisco gelangen zu lassen, in den Bergen mich einschließen? und weßhalb? – Diese letzten Nachrichten lauteten weder über Jagd noch Goldwaschen günstig – die meisten dieser Leute waren Monate lang gerade dort oben gewesen, und hatten nicht einen einzigen Grizzly-Bären zu sehen bekommen, selbst Hirsche sollten nur sehr sparsam seyn; und darauf zu rechnen war gar nicht, und saß man einmal dort oben und war eingeschneit, was nachher verdienen und welche Beschwerden warteten dann unserer, wenn wir wieder zurück mußten und nachher gezwungen waren uns durch Schnee und angeschwollene Bergwasser in solcher Wildniß eine Bahn zu suchen? – Nein, auf die Gefahr hin mochte ich meine Wintertour nicht beschließen, und es kam jetzt nur darauf an einen passenden Aufenthaltsort zu wählen. Von mehreren Seiten wurde uns der Feather-River angeraten, sogar von Leuten, die selbst dort arbeiteten; zugleich kamen wir aber da auch hoch genug in die Berge hinein, und konnten doch, falls es gar nicht gehen und fördern wollte, wieder zu civilisirteren Plätzen zurückkehren.

Um jedoch zu den Wassern des Feather-River zu kommen – denn an dem Hauptstrom, der das flache Land durchfließt, sind keine Minen, nur in den Bergen – mußten wir unsern Weg zum Theil wieder zurücknehmen, und zwar nach einem Punkt oder kleinen Ansiedlungsort zu, der unter dem Namen von »Longs Store« oder Laden bekannt war. Von hier aus hielten wir uns dann den Fluß hinauf, soweit es uns beliebte, und konnten uns, wo wir einen passenden Platz fanden, niederlassen. Diesen Montag hindurch aber, wie den darauffolgenden Dienstag und Mittwoch, regnete es unerbittlich weiter, und erst am Mittwoch Nachmittag klärte sich das Wetter so weit, an Aufbruch denken zu können.

Nun mußte aber vor allen Dingen unser Maulthier, dem wir nur die Vorderbeine zusammengebunden hatten damit es frei weiden konnte, gesucht, und dann eingefangen werden, und damit wir nicht zu lange damit zubrächten, vertheilten wir uns nach verschiedenen Richtungen hinaus, es zu finden. Niels Range lag in einem kleinen Wäldchen recht hübscher Eichen, und rings umher war eine weite schöne, natürliche Wiese, auf der meist alle Thiere grasten, so daß wir den Platz eigentlich gar nicht verfehlen konnten. Es dauerte auch nicht lange, so fand ich das Maulthier und kam damit zum Lager zurück, etwas später trafen auch die Andern ein, nur der jüngere Meyer fehlte noch, und als es zuletzt stockfinster wurde und er sich noch immer nicht blicken ließ, feuerten wir ein paar Pistolen mehrmals ab, und schrien und spektakelten; doch alles umsonst, er kam nicht, und trotz der Nähe des Platzes blieb uns zuletzt nichts anders übrig als zu glauben, er habe es wirklich möglich gemacht sich zu verirren.

Und so war es auch; am nächsten Morgen, etwa eine Stunde nach Tagesanbruch traf er naß, todesmüde, hungrig und halb erfroren ein. Er hatte etwa eine Viertelstunde Weges von dort gestern Abend nicht mehr zurückfinden können, war in eine sumpfige Wiesenstelle gerathen, und die ganze Nacht, um sich nur etwas warm zu halten, um einen Baum, die einzige nur einigermaßen trockene Stelle dort, herumgelaufen. Heute Morgen hatten ihn ein paar zufällig dort vorbeigekommene Viehtreiber zurecht gewiesen.

Am Mittwoch Morgen, als der Regen noch in Strömen niedergoß, und die Wege fast unbefahrbar schienen, kamen zwei Wägen mit Einwanderern die Straße herunter und zwar direkt über die Felsengebirge aus den Vereinigten Staaten. Die armen Leute waren, durch ihrem Vieh zugestoßenes Unglück, hinter der Caravane, mit der sie gleichzeitig von Missouri ausgegangen, zurückgeblieben, und mußten ungemein viel ausgestanden und ertragen haben. Mich dauerten besonders die armen Kinder – (die Mutter lag krank im Wagen) – die von dem Regen bis auf die Haut durchnäßt in ihren dünnen abgetragenen Kleidchen, fröstelnd in Schlamm und Wasser, hinter dem Fuhrwerk herwaten mußten, da die beiden noch übrigen letzten Stiere kaum im Stande waren, den Wagen mit der noch darauf befindlichen Ladung fortzubringen.

Der Mann, der zugleich die Ochsen trieb, hielt mit seinem Fuhrwerk nicht weit von unserem Lagerplatz an, um einmal in das nächste Haus zu gehen, dort den Weg zu erfragen, wahrscheinlich aber auch um ein Glas Brandy, sey es um welchen Preis es wolle, zu trinken, denn er selber sah kalt und unbehaglich genug aus, und die Kleinen kamen zu unsrem Feuer, sich etwas zu wärmen. Es war ein Knabe von etwa elf, ein Mädchen von neun und ein anderes von vielleicht sieben Jahren, und ich machte ihnen, da wir glücklicher Weise kochend Wasser am Feuer stehen hatten, rasch eine Tasse Kaffee, die sie doch in etwas aufzuthauen schien.

Als ich sie dabei bedauerte, meinte ein ebenfalls zum Feuer herangetretener Amerikaner, den Kindern käme das gerade am wenigsten ungewohnt an, denn die hätten es in der Heimath kaum besser gehabt, wo sie auch bei eben solchem Wetter und nicht viel besseren Straßen, oft vier bis fünf Meilen weit in die Schule mußten.

»Aber wenn wir Abends zu Hause kamen, zog uns Mutter warme trockene Kleider an –« sagte da plötzlich das Jüngste der Kinder, das kleine Mädchen – »und vor dem Kamin stand das warme Essen für uns und der heiße Kaffee.«

Dem armen kleinen Ding stiegen, bei der Erinnerung an den verlassenen häuslichen Frieden, an all die jetzt entbehrten Bequemlichkeiten, vielleicht an die Schulzeit selbst, ein paar funkelnde Thränen in die großen schwarzen Augen, aber sie fielen nicht, es kämpfte den Schmerz wacker hinunter und senkte nur das Köpfchen, während es die kalten nassen Händchen gegen das lodernde Feuer ausstreckte.

Und nur schnöden Goldes wegen hatte der Mann nicht etwa eine Heimath verlassen, wo er nur mühsam gegen ein hartes Geschick ankämpfen mußte, jedem einzelnen Tage sein Brod abzuringen, wie das Loos in den überfüllten europäischen Staaten dem armen Arbeiter gefallen, nein ein schönes fruchtbares Land, sein freies glückliches Vaterland, das ihm Alles im reichsten Maße bot, was er zum Lebensunterhalt brauchte, jetzt mit seiner Familie, mit Frau und Kindern monatelange Strapazen zu ertragen, denen Tausende von Männern schon erlegen waren. Starb ihm jetzt die krank im Wagen liegende Mutter, konnte er dann seinen Kindern je wieder frei ins Auge sehen? – konnte er ihnen je wieder ersetzen, was sie durch seinen Leichtsinn verloren, und hatte er sich nicht selber den Frieden auf immer zerstört?

Tausende von Familien sollen auf diese Art über die Berge gekommen, ja viele sogar bis jetzt noch in Eis und Schnee zurückgeblieben seyn, daß selbst diese Wägen an deren Fortkommen in dem immer unfreundlicher und stürmischer werdenden Wetter verzweifelten. Auch schon in den Ebenen, welche zwischen den Felsengebirgen und den Vereinigten Staaten liegen, sind Unzählige einer dort ausgebrochenen choleraartigen Krankheit erlegen, und mehre Amerikaner versicherten mich, an einer besonderen, aber viele Meilen lange Stelle brauche man die Spur der Wägen gar nicht, die genommene Straße zu erkennen, man könne ihrer Bahn nach den Gräbern folgen.

Am Donnerstag Morgen brachen wir, nachdem das Wetter, wie gesagt, heller geworden war, etwa um zehn Uhr auf. Der Weg von hier aus durch die Ebene zurück nach Feather-River war aber entsetzlich; der Regen hatte nicht allein alle die bis dahin trockenen Gruben ausgefüllt, so daß wir mehreremale bis fast zum Gürtel durchwaten mußten, sondern die trockenen Stellen – d. h. die nicht unter Wasser stehenden – bestanden auch noch aus einem so zähen Schlamm, daß man ihn von den Stiefeln fast gar nicht wieder losbekam. Wir brauchten den größten Theil des Tages acht englische Meile zu marschiren, und erreichten Abends den sogenannten »trockenen Bach,« jetzt aber wahrhaftig auch nichts weniger als trocken.

Schon in Niels Rancho und auch in dieser Nacht hörten wir von zwei Amerikanern, die zu unsrem Feuer kamen, und von denen der eine krank war, daß es nicht weit von da, wo wir gerade lagerten, eine große Anzahl von Antilopen gebe. Freilich sollten sie ungemein scheu seyn, möglich war es ja aber doch, daß wir zum Schuß kommen könnten.

In früheren Jahren hätte mir nun freilich schon der Gedanke an eine Antilopenjagd gar keine Ruhe gelassen, meine sonst so unermüdliche Jagdbegier hatte sich aber sehr gelegt, und wirklich nur unser förmlicher Mangel an Lebensmitteln bewog mich, wenigstens den Versuch zu machen, zum Schuß zu kommen. Ich brauchte überdieß nur einen Umweg von wenigen Meilen zu machen, und konnte das, besonders wenn ich früher ausging, leicht wieder einholen. Den Uebrigen also das Maulthier und dessen Gepäck überlassend, wanderte ich mit dem jungen Matrosen, eines Jägers Sohn aus Deutschland, noch vor Tagesanbruch links quer über die Ebene hinüber, den Bergen gerade zu, an deren Fuß wir das Wild finden sollten.

Spuren fanden wir auch schon mit Tageslicht in großer Menge und diese führten sämmtlich dem bezeichneten Platz zu; wir folgten ihnen also und trennten uns erst auf dem wirklichen Jagdgrund, von zwei verschiedenen Seiten eher Gelegenheit zu haben, Wild anzutreffen, wie auch vielleicht das aufgejagte einander zuzuscheuchen.

Ich mochte so etwa eine Viertelstunde marschirt seyn, als sich plötzlich, indem ich eine kleine Anhöhe erklommen, der untere Theil des Thales vor mir ausbreitete, und ich nun, wirklich zu meinem Erstaunen, sah, daß der ganze weite Plan von weidenden Antilopen förmlich schwärme. Wohin ich auch schaute, traf der Blick auf ganze Heerden von drei bis vierhundert Stück, und mit meinem kleinen Taschentelescop konnte ich deutlich die schönen, weiß und braun gezeichneten Thiere erkennen. Aber an hinanschleichen war nicht zu denken denn kein Busch, nicht einmal ein Grasbüschel stand auf der ganzen Fläche zwischen mir und dem Wild, der mich den scheuen Thieren hätte verbergen können. Allerdings machte ich bei drei verschiedenen förmlichen Heerden den Versuch, und schlich einmal sogar im Bett eines angeschwollenen Baches hin, bis über den Gürtel im Wasser, die Antilopen zu täuschen, doch vergebens; eine der ordentlich ausgestellten Wachen gab den Alarm, und mit Windesschnelle stob die ganze Schaar ins Weite hinaus. Meinem Gefährten ging es nicht anders; er hatte gleiche Massen angetroffen, aber nicht eine einzige zum Schuß bekommen können.

Wir ließen jetzt Antilopen Antilopen seyn, und wanderten, mit einem leisen Fluch auf das flüchtige Wild zwischen den Zähnen, einer Bergschlucht zu, die uns wieder auf den verlassenen Weg bringen mußte. Kleine, niedere, hartbraune, grasartige Sträuche standen hier, zu offen fast irgend einem Wilde Schutz zu geben, gerade aber als wir einen schmalen Bach passirt waren und auf der andern Seite eine solche Gruppe betreten wollten, sah ich auf etwa achtzig Schritte eine dunkle Gestalt darin hingleiten. Es war einer jener Steppenwölfe, die Nachts oft zu Hunderten auf so jämmerlich komische Weise unser Lager umheulten, und ich wünschte mir einmal einen der nächtlich heimtückischen Burschen in der Nähe zu besehen. Ich pfiff den leise und geräuschlos davonschleichenden scharf an, er stutzte bei dem unbekannten Laut, und ihn rasch aufs Korn nehmend, drückte ich ab. Schon glaubte ich ihn gefehlt zu haben, denn weit hinaus hörte ich nach dem Schuß meine Spitzkugel den Hang entlang über die tiefer liegende Ebene zischen, gleich darauf sah ich aber, wie sich Freund Isegrim an Ort und Stelle wälzte, und beim Näherkommen fanden wir, daß ihm die Kugel das linke Vorderblatt zerschmettert hatte und durch den Körper wieder ausgefahren sey. Der Wolf maß mit dem Schwanze vier Fuß und war von gelbgraulicher Farbe. An Höhe und Stärke übertraf er übrigens nur wenig einen rechten starken deutschen Fuchs, obgleich er wohl etwas schärferes Gebiß haben mochte.

Wir erreichten nach einem ziemlich starken Marsch die Straße wieder die unsere Gefährten vor uns genommen; ihre Spuren waren wenigstens tief genug in den weichen Boden eingedrückt. Sonderbarerweise ist hier nämlich das gefährlichste Gehen für Packthiere gerade im hohen Lande, wo man doch glauben sollte daß der Boden hart und trocken selbst bei stärkerem Regen wäre; aber Gott bewahre, die rothsandige Erde der Hänge zieht das Wasser wie ein Schwamm an sich, und die Lastthiere, wenn sie nur einmal von dem härter getretenen Pfade abweichen, versinken nicht selten bis an den Bauch in dem weichen Boden, daß man sie nicht allein vollkommen abladen muß, sondern auch noch mit vieler Mühe nur selber wieder heraus bringt.

Unendliche Arbeit haben nach solchen Regen die Geschirre die unterwegs sind, Provisionen in die entfernteren Districte der Gebirge zu bringen; nicht selten bleiben die Wägen sogar rettungslos im Schlamme stecken, und die Provisionen müssen auf Lastthieren weiter geschafft, oder auch an Ort und Stelle gleich an Vorüberwandernde verkauft werden. Ein vierundzwanzigstündiger Regen soll deßhalb auch wesentlichen Einfluß auf den Preis der Provisionen in den Minen haben, und wir betrachteten nicht ganz ohne Besorgniß unsere Baarschaft (die jetzt, nach dem Ankauf von etwas Salz und frischem Fleisch, zu 2½ Dollar auf sechs Mann, heruntergeschwunden war). Wir hatten in den letzten Tagen mehrere solche Carawanen, oft im traurigsten Zustande, gesehen, und leer zurückkehrende meinten sie würden wohl in diesem Jahr gar nicht wieder Gelegenheit bekommen Provisionen in die Berge zu schaffen, da die Regenzeit so außergewöhnlich früh eingetreten sey, und die Wege fast unverbesserlich verdorben habe.

Mit Dunkelwerden erreichten wir »Long's store« oder doch wenigstens den Feather-River dem sogenannten Orte gerade gegenüber; das aber, was ich mir bis dahin als einen einzeln stehenden Laden gedacht hatte, wies sich plötzlich als ein förmliches kleines aus Zelten an einem Hügel erbautes Städtchen aus. Wohin der Blick auch traf, an allen Hängen, in allen Schluchten, bis dicht zum Ufer des Flusses hinunter, standen Zelte, von denen mit einbrechender Dunkelheit von rechts und links herüber die Lagerfeuer funkelten.

Es war ein prächtiger Anblick, und wir freuten uns dessen um so mehr, da wir hier nun zum erstenmal wirklich die californischen Minen betreten hatten, und uns, wenigstens dem Namen nach, an der »Goldquelle« befanden.

Unsere Gefährten, die wir nicht weit vom Fluß gelagert fanden, hatten aber ihrer Waldkenntniß alle Ehre gemacht, oder sich besser gesagt in ihrer Unkenntniß consequent bewiesen. Zuerst mußten sie sich den steilsten und abschüssigsten Platz ausgesucht haben, der am ganzen Ufer nur zu finden war, dann lagen unsere sämmtlichen Provisionen gerade im Bett einer kleinen Schlucht, in der, wenn ein starker Regen kam, das Wasser herunter sickern mußte und allem die Krone aufzusetzen – bestand der ganze von ihnen herbeigetragene Holzvorrath für die Nacht in ein paar grünen Zweigen bei denen sich Kunitz und der ältere Meyer schon fast die Augen im Rauch ruinirt hatten, sie nur in Brand zu bringen.

Indessen war es stockdunkel geworden und da, bei einem so bedeutenden Lagerplatz das nächste und bequemste Holz natürlich schon sämmtlich fortgeschleppt war, so läßt sich denken daß wir nur vergeblich nach solchem in der Nähe und in der finstern Nacht gesucht hätten; wir fügten uns also in das Unvermeidliche, quälten uns etwa eine Stunde bis wir unser frugales ja fast dürftiges Abendbrod im Stand hatten, verzehrten es dann – eine Arbeit von zwei Minuten – und rollten uns in unsere Decken, wobei sich jeder einen so geraden Platz als möglich überall am Hügel herum und nur etwas in der Nähe unseres Gepäcks, suchen mußte, denn dort zu liegen wo es die Gebrüder Meyer und Kunitz für uns ausgesucht, war rein unmöglich.

Kaum lagen wir übrigens, so öffneten sich wieder die Schleußen des Himmels und der Regen goß die ganze Nacht in Strömen herab. Das grüne Holz konnte dabei natürlich kein Feuer halten, so daß wir am nächsten Morgen nicht einmal an Kaffeekochen denken durften. Naß wie die Pudel, mit leeren Mägen, und kalt und mürrisch brachen wir auf, unseren Weg fortzusetzen. Das war unsere erste Nacht in den Minen.

Unsere nächste Arbeit aber war über den Fluß zu setzen; wir hatten schon gehört daß es hier am Feather-River eine Fähre geben sollte, und dieser wandten wir uns jetzt zu. Diese Fähre bestand aber merkwürdiger und gewiß höchst einfacher Weise nur aus einem, zu einem Boot umgewandelten und so gut als möglich kalfaterten und verpichten Wagenkasten, in dem höchstens, und dann mit wirklicher Lebensgefahr, vier Personen Platz finden konnten. Wir waren also nur im Stande erst einmal einen Theil der Unsrigen hinüberzusetzen, dann trieb ich das Maulthier in's Wasser, das auf eigene Faust, und zwar sehr vortrefflich, hinüberschwamm, und zuletzt folgten wir andern, hätten aber beinahe Schiffbruch gelitten, denn noch nicht halb hinüber, und der Fluß zeigte hier zwischen den engen Felsen eine wahrhaft reißende Strömung, wurden wir leck und ließen das Wasser so rasch ein daß wir das eben verlassene Ufer kaum wieder erreichen konnten. Wir schöpften das Wasser hier wieder aus, und fanden und verstopften die mißliche Stelle, unser Charon versicherte uns aber der Clipper wäre, nur noch eine Minute länger im Strome, rettungslos gesunken.

Beim zweiten Ansatz kamen wir glücklich hinüber, zahlten unsere Fähre – hier ungemein billig mit nur ¼ Dollar pr. Mann, und behielten jetzt noch – wieder einmal »e pluribus unum« – einen einzigen Dollar auf sechs Mann, als baaren Cassebestand übrig. Vortreffliche Aussichten! Wir waren aber doch nun einmal in den Minen, hatten noch für ein paar Tage Lebensmittel, und durften deßhalb unter keiner Bedingung an unserem guten Glück verzweifeln.

Es regnete indessen immer unverdrossen fort, und wir klommen, gerade nicht in der besten Laune, den ziemlich steilen Uferberg zwischen mehren wie daran hingeklebten Zelten hinauf. Arbeiten hatten wir übrigens niemanden unten im Strom gesehen, der Regen schien sie alle in die Zelte getrieben zu haben. Oben auf dem Hügel fanden wir jedoch einen alten Pennsylvanier, der uns als Deutsche – einige unserer Gefährten sahen auch wahrhaftig deutsch genug aus – anredete, und einige interessante Auskunft über die Minen gab.

Die meisten Arbeiter hätten der Regenzeit wegen die Minen verlassen, und nur solche seyen zurückgeblieben die Provisionen genug hätten den Winter hindurch auszuharren. Hier am Feather-River sey übrigens noch einer der besten Plätze, und er könne den Tag über seine Unze bequem auswaschen.

Er zeigte uns etwas Goldstaub, was seine Tochter, ein junges etwa vierzehnjähriges Mädchen, mit ihm am vorigen Tage in etwa drei Stunden ausgewaschen hatte – es mochte ungefähr sechs oder acht Dollars werth seyn. Er selbst gedachte ebenfalls den Strom noch etwas weiter hinauf, bis dahin zu gehen, wo er gutes Bauholz finde sich ein Haus zu bauen, der Weg sey aber jetzt gar zu sehr durch den Regen verdorben, und er müsse erst eine etwas trockene Zeit abwarten. Dort hinauf, vielleicht noch 12 oder 16 Meilen entfernt, rieth er uns ebenfalls zu gehen, wo eine Art Ceder oder Lebensbaum stünde, dessen Holz leicht zu hauen und zu spalten und zum Häuserbau vortrefflich sey. »Und Gold?« Dessen sey dort oben genug, wer nur die rechten Stellen finde.

Also dort hinauf jetzt; es war ja ebenfalls unsere eigene Absicht gewesen, denn vor allen Dingen sehnten wir uns nach einem Dach unter dem wir wenigstens trocken schlafen konnten; unsere Ansprüche hatten sich schon sehr gemildert.

An diesem Tage regnete es fast ununterbrochen fort, und wir mußten gegen Mittag im Regen ein Feuer anmachen, um nur wenigstens etwas zu kochen und in den Magen zu bekommen – es marschirt sich, hungrig und naß wie wir waren – nur höchst mittelmäßig.

Wir blieben auf diesem Marsch nicht dicht am Fluß, sondern schnitten eine Biegung desselben ab, so daß wir erst zum Abend wieder einen neuen Goldwäscherplatz erreichten. Diese Orte werden immer gewöhnlich nach dem genannt, der hier zuerst einen Laden oder sogenannten Store angelegt hat, und einige fünfzig Zelte standen auch hier wild, zerstreut am Abhang der Berge umher. Unten am Fluß, den wir hier wieder erreichten, sah ich aber zum erstenmal das wirkliche Goldwaschen, und eigenthümlich war der Anblick dem Auge eines frisch Eingewanderten. Trotz dem Sonntag, wo sonst eigentlich nicht gearbeitet werden soll, fanden wir Massen von Leuten beschäftigt; die Schuld trug aber das letzte Regenwetter, und die Leute durften den ersten, nur mittelmäßig guten Tag der sich ihnen bot, nicht unbenutzt vorübergehen lassen.

Unten im Fluß, an einer sogenannten »bar« d. h. an einem solchen Platz, wo der Fluß nur bei hohem Wasser hinkam, und bei niedrigem eine ziemlich steile breitausgedehnte Kiesbank zurückließ, standen und saßen, dichter beisammen als ich mir die Goldwäscher bis dahin gedacht, eine Menge Männer und je zu zweien, manchmal auch zu dreien, selten aber Einer allein, hatten sie eine dieser in Deutschland so häufig besprochenen Wiegen, und arbeiteten frisch darauf los. Den obern Sand der Bank warfen sie in den Strom, und nur die untere Schicht schienen sie zu benutzen. Mit Pfannen wurde fast gar nicht mehr gearbeitet, nur das letzte aus der Wiege oder sogenannten »Maschine« wurde mit einer Pfanne ausgewaschen.

Lange wollten wir uns aber nicht bei diesem Anblick aufhalten; es war das ein Geschäft das wir selber zu betreiben gedachten, und deßhalb auch wohl noch genug, und weit genauer zu sehen bekamen. Hier schien sich uns jedoch eine neue Schwierigkeit entgegenzustellen. Es kam nämlich ein Amerikaner zu uns, und was er uns sagte wurde von mehreren andern bestätigt: daß wir, der vergangenen Regen wegen, mit unserem nicht einmal sehr schwer bepackten Maulthier die Bergstraßen gar nicht würden passiren können, und deßhalb jedenfalls wohl thäten das Maulthier zu verkaufen und lieber hier, in dem, oder bei dem sogenannten »Bidwells Store« zu bleiben. Er erbot sich auch, uns das Maulthier – obgleich er keinen besondern Gebrauch dafür habe – abzukaufen. Der gute Mann mochte vielleicht ganz recht haben, aber doch nicht in dem Sinne wie er es meinte, und ich hatte mich nicht umsonst so lange zwischen den Yankees herumgetrieben, um nicht zu wissen, was ich von dem guten Rath zu halten habe. Ich dankte dem Herrn freundlich für seine uneigennützige Theilnahme, erkundigte mich aber zugleich bei einem anderen, der kein Maulthier zu kaufen wünschte, nach dem rechten Weg, und wanderte dann getrost die allerdings etwas aufgeweichten und schlüpfrigen, aber doch passirbaren Wege weiter, dem weiter aufwärts gelegenen District des Feather-River zu.

Das Geburtsland der Ceder war unser Ziel, und noch vor Abend sahen wir die hohen majestätischen Bäume kerzengerade die Hänge der Berge schmücken. Mitten zwischen hohen herrlichen Kiefern stiegen sie mit ihren schlanken glatten Stämmen empor und die dunkelgrünen einzelgeschnittenen Wipfel glichen eher den Bäumen eines Parks, als den wilden Kindern des Urwaldes, wäre ihre Höhe nicht so kolossal, ihre Anzahl nicht so gewaltig gewesen.

Unten am Feather-River lagerten wir, und am nächsten Morgen suchten wir uns, noch einige Meilen am Fluß hinaufwandernd, einen passenden Ort, unsere kleine bescheidene Hütte aufzuschlagen.


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