Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Californien - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleCalifornien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeZweiter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070213
projectide0821de1
Schließen

Navigation:

12. Schluß.

Und was ist nun Californien für ein Land? Lohnt es sich der Mühe herüberzukommen? Soll man dorthin auswandern? Wird es die Erwartungen die wir davon hegen auch nur zum Theil erfüllen? So fragt jetzt der deutsche Leser vielleicht, und die Goldminen blitzen ihm, von der untergehenden Sonne lieblich verklärt, im reizendsten Licht vor dem sehnsüchtigen Auge.

»Qien sabe,« sagt, mit seiner allumfassenden Redensart, der Californier selber – »wer kann's wissen?« Indeß will ich Dir, lieber Leser, meine einfache Meinung über die Sache, so bündig und so klar als möglich, mittheilen.

Die Minen Kaliforniens sind noch auf viele, viele Jahre hinaus unerschöpflich, denn selbst die Stellen die jetzt für vollkommen ausgearbeitet gelten, werden in einigen Jahren, wenn Provisionen und Arbeitslohn oben erst billiger geworden sind, wieder von frischem in Angriff genommen und noch fast überall mit Nutzen bearbeitet werden. Wirkliche Bergarbeiten sind dabei fast noch gar nicht vorgekommen, man müßte denn das Zerstampfen und Mahlen der Quarzsteine dazu rechnen, was an einigen Orten in Angriff genommen ist, und hie und da schon sehr gut bezahlt hat. Für den wirklichen Bergmann liegt also in Kalifornien noch für spätere Jahre (denn jetzt kann er noch nicht mehr dort leisten als jeder andere) ein weites Feld offen, und dann werden wir auch wohl von reichhaltigen Minen zu lesen bekommen, die in den Eingeweiden der Berge entdeckt wurden.

Die Zeit aber wo in wenigen Tagen, Wochen oder Monaten – außer in kaufmännischen Speculationen, und dann braucht man nicht nach Californien zu gehen – ein Vermögen erworben werden konnte, ist für die Minen, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, vorüber, aber ich weiß nicht, ob nicht gerade die Minen dadurch eher gewonnen als verloren haben. Die Leute werden sich daran gewöhnen mit gemäßigteren Erwartungen ihre Arbeiten zu beginnen, auch Alles was zum Leben gehört ist billiger und in besserer und größerer Auswahl angeschafft worden. – Nur die goldenen Träume muß der Neuankommende hinter sich lassen und Californien einzig und allein als ein Land betrachten, in dem man, wenn man nach Gold graben will, sich auf die härteste Arbeit gefaßt zu machen hat, dann aber auch dafür einen besseren Taglohn erwarten kann, als irgendwo anders.

Und nicht Arbeit allein ist was ihm bevorsteht, denn es sind und bleiben Strapazen und Beschwerden in den Minen die nicht jeder Körper aushält und denen nun einmal nicht abgeholfen werden kann, mögen die übrigen Verhältnisse noch so sehr verbessert werden. Hierher gehören die von der Arbeit selber unzertrennlichen Lokalverhältnisse – das Graben der Löcher in denen der Arbeitende, während ihm eine fast tropische Sonne auf den Kopf brennt, mit den Füßen im eiskalten Quellwasser steht und hundert andere Einzelnheiten. Der Mensch fügt und schmiegt sich freilich in Manches und Gewohnheit überwindet zuletzt das Schwerste, nichtsdestoweniger werden es viele Körper, ihr Wille mag so gut seyn wie er will, doch nie aushalten, und wenn sie dennoch dabei beharren, zu Grunde gehen, wie schon Tausende dabei zu Grunde gegangen sind.

Aber in welche Minen geht man denn am besten, in die nördlichen oder südlichen, an den Juba oder American-River, an den Calaveres oder Stanislaus?

Lieber Leser, wenn du denn doch einmal, trotz allem was du darüber gehört, in die Minen willst, dann mußt du dir auch selber einen Platz aussuchen, und dabei deinem guten Glück vertrauen, etwas Bestimmtes läßt sich darüber gar nicht angeben. Frage hier im Lande selber aus zwanzig verschiedenen Minen aus jeder zwanzig verschiedene Leute, und die vierhundert Menschen werden auch vierhundert verschiedene Urtheile fällen. Das Ganze ist Glückssache, und sollst du's haben, so bekommst du's.

Auch der aber, der nicht in den Minen sondern in den Städten arbeiten will, mag bedenken daß die Zeiten nun einmal vorüber sind, wo man sich hier um Arbeiter förmlich riß, und nur nicht gleich muthlos werden wenn ihm nicht bei seinem ersten Betreten des Landes, Männer im schwarzen Frack entgegenkommen, und ihn um Gotteswillen bitten doch nur aus reiner Gefälligkeit für sie, in der ersten Woche so und soviele hundert Dollars zu verdienen. Das geschieht nicht mehr, und es war überhaupt auch wohl nur eine sehr kurze Zeit, in der es je geschehen – wer jetzt etwas hervorbringen will, muß ordentlich und bedacht dabei zu Werke gehen, und mit Fleiß und Ausdauer kann er dann Wohl gerade in Kalifornien seinen Zweck schneller erreichen als irgendwo anders. Würde mir aber in einem solchen Fall die Wahl gegeben, so möchte ich dennoch, im Vergleich mit all den andern Ländern die ich bis jetzt gesehen habe, unter keiner Bedingung Californien zum Aufenthaltsort wählen, ich müßte denn noch ein ganz junger Mann seyn und dieß Land gleich von Anfang an nur als ganz temporären Aufenthalt betrachten.

Der hier Lebende entbehrt nun einmal vor allen Dingen fast alle die geselligen Vergnügungen an die er im alten Vaterland gewöhnt war, und die ihm gewissermaßen an's Herz wuchsen. Mag mir einer dabei sagen soviel er will: »O das ist nichts, wenn ich weiter nichts zu entbehren habe, das kann ich leicht« – in der Ausführung und auf die Länge der Zeit wird sich's zeigen ob das so leicht war. Und nehmt überhaupt dem Leben des Menschen diese Erholungen, nehmt ihm sein häusliches Glück und laßt ihn in einen Wirkungskreis geworfen werden in dem nur Geld, Geld und immer Geld die Losung ist – was bleibt von ihm übrig als eine todte, ekle Maschine, die zuletzt ganz darüber mit sich einig wird, daß ihr der liebe Gott das Herz nur dazu in den Körper gesteckt habe damit es ihr kaltes Fischblut in der gehörigen Circulation vom Wirbel bis in die große Fußzehe, und von der großen Fußzehe wieder zurück in den Wirbel erhalte.

Ein schönes geselliges Leben kann aber nie gemacht werden, sondern es muß durch die Gegenwart der Frauen von selber und natürlich entstehen. Das weibliche Geschlecht ist nun einmal zu unserem irdischen Wohlbefinden unumgänglich nöthig, und wenn wir auch wirklich in keiner nähern Beziehung zu ihm stünden, so thut es doch schon wohl nur das häusliche Wirken und Schaffen einer Frau um sich zu wissen. Was für ein Surrogat wird dem armen Kalifornien dafür geboten? Andere Länder schicken ihm seine Dirnen, und was die Spielhäuser vorher nicht an Moralität untergruben, geht durch jene Geschöpfe vollständig zu Grund.

Allerdings leben einzelne hier die ihre Familien nachkommen ließen, aber diese gehören doch, im Vergleich zu den übrigen, zu den Seltenheiten. Und weßhalb? Weil unter Tausenden die jetzt hier in Californien leben und Geld verdienen nicht zehn sind die wirklich die Absicht haben – sie mögen öffentlich sagen was sie wollen – Californien zu ihrem bleibenden Aufenthalt zu wählen. Sie alle kommen nur hieher Geld, eben Geld zu verdienen, und dann so rasch als möglich nach den Vereinigten Staaten, oder wo sie sonst hergekommen sind, zurückzukehren. Selbst von denen die mit Frau und Kind jetzt hier trauliche Familiencirkel bilden – und Gott weiß es, es sind wenige genug – selbst von denen denkt nicht der zwanzigste Theil daran sein Leben in Californien zu beschließen.

Ackerbau und Gartenzucht werden allerdings von jetzt an, und besonders die letztere, mehr in Aufnahme kommen, und man wird hie und da Mittel und Wege finden durch künstliche Bewässerungen dem Mangel an Regen im Sommer zu begegnen, aber selbst die welche Farmen anlegen und bearbeiten, beabsichtigen nicht sie zu behalten, es ist keine Heimath die sie sich gründen, es ist ein temporärer Wohnsitz um ebenfalls Geld zu verdienen, und wird dadurch diesem Land stets jener unendliche Zauber vorenthalten, der über dem stillen, selbstzufriedenen, genügsamen Landleben jedes andern Volkes liegt.

Möglich daß es sich vielleicht einmal in späteren Jahren ändert, aber bis auf den heutigen Tag ist es sich in dieser Hinsicht gleich geblieben und, wie gesagt, ich selber möchte es nie zum bleibenden Aufenthaltsort wählen.

Wichtiger ist das Land für den Kaufmann oder überhaupt den Geschäftsmann, und ich kann mir denken wie es für die, welche sich erst einmal in kaufmännische Verbindungen und Combinationen eingelassen, einen Reiz haben muß dem nachher schwer zu widerstehen ist und die dabei Interessirten nicht selten zum Reichthum oder – Bankerott reißt. Das aber liegt hauptsächlich in der Art wie der ganze Handel hier betrieben wird, denn wie die Minen, wie die Spielhäuser an der Plaza, so ist selbst der Kaufmannsstand hier ein Hazardspiel, bei dem der kühne Spieler sein Alles setzt, Alles zu gewinnen oder – zu verlieren.

Bei der Unmöglichkeit der Assecuranz mußte wirklich Alles fortwährend auf eine oder zwei Karten gewagt werden, langsame und sichere Geschäfte existirten nicht – langsame waren nicht möglich wo Geld von 6 bis 17 Procent monatliche Interessen trug und Sicherheit existirte durch die häufigen Brände, und den überhaupt schwankenden Geschäftsgang, gar nicht.

Zu den Speculationen selber gehörte hier mehr als irgend wo anders ein umsichtiger, und am besten schon durch Erfahrung gewitzigter Kopf, nur zu häufig nützte aber selbst die größte Umsicht nicht, und das Ganze, wurde zum reinen Glücksspiel, bei dem der gewann, dessen Schiff gerade mit den eben verlangten Waaren zuerst eintraf. Nichtsdestoweniger haben sich hier auch eine Menge solider Geschäfte von allen Nationen gegründet, deren Eigenthümer einst in ihrem eigenen Vaterlande die Früchte ihres californischen Fleißes verzehren werden.

So ist Californien, wie ich es wenigstens habe kennen lernen – ein Land aus einer förmlichen Wildniß in Civilisation und Cultur hineingewachsen, als ob die Häuser und Städte eben Pilze, und die Bewohner über Nacht ausgebrütete Ameisen gewesen wären, und so wuchs es nicht nur bis dahin, nein so wuchs und gedieh es fort, und neuere Berichte aus San Francisco besonders klingen fast eben wieder so fabelhaft wie uns die ersten von dort her klangen. Wenig mehr als zwölf Monate später schrieb mir ein Freund von dort:

»Das Feuer vom 3. auf den 4. Mai (1851) – verwandelte fast im wahren Sinne des Worts die ganze Stadt in einen Aschenhaufen. Gegen 11 Uhr Nachts brach es, neben dem »»American Hotel«« am Square (der Plaza) aus und nahm von da an bis hinunter in das Wasser und hinauf bis Dupontstreet einerseits, und von Pinestreet bis an Clarkspoint anderseits – die Stadt hinweg. Diese wahrhaft riesenmäßige Ausdehnung desselben ließ sich aber auch nur durch den Sturm erklären der in jener Schreckensnacht wüthete, und von Stunde zu Stunde seine Richtung veränderte.

»Früh um acht Uhr wüthete, das Feuer noch an Clarkspoint; Long-, Sacramento-, Clay-, Washington-, Jackson- und Pacificstreet-Wharfs, also sämmtliche Wharfs an der vollen Länge des Haupttheils der Stadt brannten nieder. Ebenso drei »›Storeships‹«Storeships, abgetakelte Schiffe, die in der Bai vor Anker lagen und zu Waarenlagern dienten, wozu sie gern benutzt wurden, da man sie dem Feuer nicht ausgesetzt hielt. mit Waaren gefüllt, zwei Theater, das steinerne Zollgebäude und alle Backsteinhäuser von Montgomerystreet bis Clarkspoint. – Ich sah nie etwas Schrecklicheres – und vier Wochen später? – war kaum noch eine Spur davon zu entdecken. So fabelhaft rasch wuchsen dabei die Häuser wieder aus dem Boden herauf, daß wir am 22. Juni schon das bis jetzt regelmäßige Junifeuer haben konnten (das vom Mai war auf den Tag wieder gekommen). Das Junifeuer zeigte sich aber nicht so furchtbar als das erste, und betraf einen bis dahin immer verschont gebliebenen Theil der Stadt, nämlich Broadway-, Pacific-, Dupont-, Stockton- bis fast Powelstreet hinauf. Bei diesem letzten brannten zwei schöne Kirchen und das Courthouse nieder.

»Den Tag nach dem Maifeuer wurde abermals Lärm, und was brannte da? – das Bauholz, welches auf der Brandstätte des California Restaurants an der Plaza für das neue Haus schon wieder und zwar die Nacht durch, aufgefahren war und von dem man die untersten Balken bereits wieder gelegt hatte.

»Im Junifeuer räumten wir Nachmittags zwei Uhr noch in der »»stillen Liebe«« und bei Madame Etableau aus, nahmen die Ladentische auseinander, luden sie, nebst Tischen und Stühlen ec., auf Wägen und fuhren sie fort, und zwei Stunden später, wo man völlig Herr des Feuers geworden, fanden wir beide Lokale schon wieder vollständig eingerichtet und restaurirten uns bei einer Flasche Rheinwein.

»Was unsere anderen Improvements betrifft, so gehört zu diesen hauptsächlich eine sehr sinnreich eingerichtete Dampfmaschine, die mit allem Zubehör von New-York kam, und nun schon acht oder neun Monate arbeitet. Sie trägt sämmtliche Sandberge nach der Mission hin ab, und schafft den Sand auf Schienenwagen, die durch die volkreichsten und belebtesten Straßen und Werfte gelegt sind, ohne dadurch den Verkehr auch nur für einen Augenblick zu stören, in's Meer. Auf diese Weise ist jetzt ganz Sansome-, ganz Battery- und ein Theil von Frontstreet (Straßen die bis dahin über der Bai auf Pfählen und durch hölzerne brückenähnliche Werfte verbunden standen) ausgefüllt – ebenso die Straßen welche mit Commercialstreet parallel laufen, so daß wir in sechs bis acht Monaten sicher darauf rechnen können die Bai vom Rincons- bis Clarkspoint ausgefüllt zu sehen.

»In Sansomestreet – wo vor wenigen Monaten noch große Dreimaster ihre Ladung löschten, steht jetzt ein kolossales Theater von Ziegelsteinen errichtet, welches kontraktlich in dreißig Tagen – nebst innerer Einrichtung – erbaut seyn mußte. Am zwei und dreißigsten Tag spielte man bereits darin, und das Innere ist geschmackvoll hergestellt. Das ist Kalifornien.

»Die Plank road oder gedielte Straße nach der Mission hinaus, über die abgetragenen Berge hin, ist ebenfalls, obgleich vor nicht langen Monaten nur eben erst Projekt, schon fertig, und stündlich fahren Omnibusse dort hinaus. Die Mission würden sie gar nicht wieder erkennen – ich habe lange suchen müssen, bis ich mich orientiren konnte.

»Der Longwharf ist jetzt nahe an eine englische Meile lang in See hinausgebaut und der Marketstreetwharf gibt ihm wenig nach, mit einem Wort, das Go-ahead-System Amerika's ist hier auf seine höchste Spitze getrieben.

»Gegen 104 Dampfer, einschließlich der Seedampfboote, durchkreuzen jetzt unsere Bai; seit länger als sechs Monaten kann man schon für einen Dollar, und seit einem Monat etwa, für 50 Cent per Dampfer nach Sacramento fahren (vor zehn Monaten kostete es noch von 15 – 20 Dollars). Das Merkwürdigste von allem jedoch, und was Sie jedenfalls am meisten interessirt, ist unser Vigilance-Comité, von dem ich beiläufig gesagt Mitglied bin – und über das Sie in öffentlichen Blättern bereits Manches gelesen haben werden. Trotzdem kann ich nicht umhin etwas näher auf dieselbe einzugehen.

Kurz nach dem Maifeuer war die Frechheit des sich in San Francisco herumtreibenden Gesindels aus allen Theilen der Erde und die Nachläßigkeit und Verworfenheit unserer städtischen Autoritäten auf einen so hohen Grad gestiegen, daß der bessere Theil des Publikums und der Bürger den Zustand der Dinge unerträglich zu finden anfing, und endlich die Frage aufwarf: Sollen Mordbrenner und Diebsgesindel oder sollen ehrliche Leute hinfüro die Gewalt in Händen haben?

Unter Vorsitz der ersten Kaufleute und Banquiers der Stadt wie Brannan, Argenti, James King, Macandray und Anderer bildete sich ein Vigilance-Comité das zum Zweck hatte:

›Unterstützung der Behörden in ihrem Bestreben zu Aufrechthaltung des Gesetzes, und Verurteilung und Bestrafung des Verbrechens, wenn die gesetzlichen Behörden zu schwach oder zu nachlässig sind, dieß selbst zu thun.‹

In Kurzem zählte der Verein mehr als achthundert Mitglieder, die wöchentlich zwei allgemeine Versammlungen in einem dazu gemietheten Lokale hielten. Der Zutritt war bloß Mitgliedern gestattet. Jeder unbescholtene Mann – mit Ausnahme von Advokaten – konnte Mitglied werden. Durch Unterschrift der Constitution machte man sich für fünfzig Jahre verbindlich – Austritt ist während dieser Zeit nicht möglich. – Ebenso verpflichtet man sich mit Vermögen und Leben Einer für Alle und Alle für Einen zu stehen.

»Nun wurden Compagnien von zwanzig Mann mit einem Hauptmann gebildet, Wachen, Patrouillen, Haussuchungen bei Tag und Nacht – Verhaftungen, Verhöre und dergl. mehr, veranstaltet und zwar alles aus eigener Machtvollkommenheit und ohne bei irgend einem Gericht anzufragen oder darüber Rechenschaft zu geben. Alles übelberüchtigte Gesindel, besonders eine Zahl aus Sydney herübergekommener alter Convicts, bekamen von uns schriftliche Aufforderungen binnen 10 Tagen die Stadt zu verlassen. Viele thaten es – die Widerspenstigen wurden gefänglich eingezogen, geschlossen und scharf bewacht – waren deren genug beisammen so accordirten wir ein Schiff und schickten sie, wohl oder übel, aus dem Land.

»Bei unseren Patrouillen und Haussuchungen entdeckten wir förmliche Diebeshöhlen so unter anderem eine auf Angel Island – wo wir eine Menge von Gegenständen fanden; es dauerte auch gar nicht lange so hatten wir eine Masse von Gefangenen, für die in unserem großen Versammlungslokale kleine Gefangenzellen für vier und fünf Mann zusammen, hergerichtet waren. Ueber Tag blieb eine, Nachts aber standen zwei Compagnien auf Wache.

»Jedes Mitglied mußte zur Wache, wie in den Versammlungen stets bewaffnet erscheinen; der, dem Waffen fehlten, bekam sie vom Sergeant at arms geliefert.

»Ein »Executiv-Comité« leitete die Verhöre der Gefangenen und das General-Comité sprach dann, nach Vorlegung der Akten ihr »Schuldig« oder »Nichtschuldig« aus, und bestimmte die Strafen.

»Unser erster Strafakt war an einem gewissen Jenkins, der eines Abends auf der That, bei Diebstahl mit Einbruch ertappt wurde. Da bei dem Verhör noch manches andere Verbrechen an den Tag kam, lautete es einstimmig »der Strang.« – Noch eine Stunde wurde dem Verurteilten zur Beichte bewilligt und er dann, ein Uhr Morgens, auf der Plaza gehangen.

»Die Polizei wollte ihn dem Comité entreißen, wurde jedoch durch unsere revolver zurückgewiesen.

»Sechs Wochen später knüpften wir einen gewissen Stuart auf, der nach einem wohl vierwöchentlichen Verhör mehrerer Mordthaten und Diebstähle überwiesen und geständig war. Dieß geschah Nachmittags zwei Uhr, in Gegenwart von wohl 15,000 Menschen, am Marketstreet Werft.

»Gegen vier bis fünfhundert Mitglieder gingen mit geladenen Revolvern Arm in Arm, so breit der Werft war, den letzten Gang mit dem Verbrecher und trotz allen Anstrengungen gelang es den Behörden nicht unsere Reihen zu durchbrechen, bis der Verurtheilte seine Strafe erlitten hatte – dann machten wir dem Coroner oder Leichenbeschauer Platz.

»Nothwendig zu wissen ist hierbei, daß wir die Sympathie der ganzen Bevölkerung für uns hatten, was soweit ging, daß bei dem zweimaligen Anschlagen der Feuerglocke – für die Mitglieder das Zeichen, daß ein Verhör über Leben und Tod verhandelt werden sollte – alle Karrenführer in gestrecktem Galopp mit ihren Wägen nach dem Comitégebäude jagten und daselbst eine förmliche Wagenburg bildeten, die ein etwaiges Entreißen des Gefangenen durch die Behörden unmöglich machte.

»Uebrigens hatten wir auch nach fast allen anderen Städten des Landes Deputationen geschickt, dort Zweigcomité's zu organsiren, was sich insofern von außerordentlichem Nutzen zeigte, als man alle von hier flüchtenden Verbrecher oben auffangen und unschädlich machen konnte.

»Durch Stuarts Aussagen kamen wir auf die Spur von noch zwei anderen entwischten Schuften, Whittaker und Mc. Kenzie. Die Verhöre und Zeugenaussagen hierbei dauerten wieder über vier Wochen. Während dem wurde uns, wie bei Stuart auch, durch den Sheriff eine habeas corpus Akte präsentirt, die sich ein Advokat vom Gericht auszuwirken gewußt hatte, und die beide Verbrecher reclamirte. Eine solche mußte in jedem Falle respektirt werden, wenn man nicht geradezu mit den öffentlichen Gerichten brechen, und sich aufrührischer Weise den Gesetzen entgegenstellen wollte, was wir bis jetzt in allen Fällen streng und glücklich vermieden hatten. Wie bei Stuart waren wir aber auch hier zeitig genug von einem solchen Schritt unterrichtet worden, und fuhren deßhalb unsere Gefangenen einen Tag lang in der Umgegend von San Francisco streng bewacht spazieren.

»Als der Sheriff kam, wurde ihm der Eintritt durchaus nicht verweigert, von den Gefangenen aber wußte man durchaus nichts. Nachdem die Zellen durchsucht waren, zog er deßhalb auch mit seiner habeas corpus Akte unverrichteter Sache wieder ab.

»Endlich, nach langem Verhör, wobei böse Dinge an den Tag kamen, wurde beiden Gefangenen der Strang zuerkannt; da erbat sich, am Tage vor der Hinrichtung, der Gouverneur, Mc. Dougal, die Erlaubniß, die »Committee rooms« oder Räumlichkeiten der vigilance committee in Augenschein nehmen zu dürfen. Er erhielt sie und sprach sich lobend über das Institut aus, dabei bemerkend, daß er ganz den Nutzen anerkenne, und die Zwecke desselben – privatim natürlich – nach Kräften unterstützen werde – und Nachts zwei Uhr sendet der biedere Greis den Sheriff mit bewaffneter Mannschaft ab, läßt die Wache in den Zimmern des Comités, die leider gerade nur aus sechs oder acht Mann bestand, da die ganze Zeit über harter und strenger Dienst gewesen war, überrumpeln und die beiden Gefangenen in das neue feste von Steinen erbaute Distriktsgefangenhaus abführen.

Noch in der Nacht riefen die Sturmglocken das ›Comité‹ zusammen, und bei einer höchst aufgeregten Stimmung war man schon nahe daran, den Beschluß zu fassen, auf der Stelle und mit bewaffneter Hand das Distriktsgefängniß zu stürmen; glücklicher Weise gewannen aber die Kaltblütigen die Oberhand, und die Versammlung wurde vertagt.

Dieß war Donnerstag; inzwischen bildete sich aber ganz in der Stille eine freiwillige Compagnie, ebenfalls nur aus Mitgliedern des »Comité's bestehend, die Gefangenen unter jeder Bedingung, mit List oder Gewalt, wieder zu holen. List sollte zuerst und zwar auf eine Weise versucht werden, daß im Fall eines Mißlingens Niemand etwas davon erfahren hätte.

»Sonntag Vormittags, zwischen zehn und elf Uhr, während im Distriktsgefängniß Gottesdienst gehalten wurde, vertheilten sich verabredeter Maßen jene zwanzig Mann zu Trupps, alle geheim, aber scharf bewaffnet, von dreien und vieren in gemessener Entfernung, um das Gefängniß herum, und zwar so, daß sie gegenseitig ihre geheimen Zeichen bemerken konnten. Die Hauptschwierigkeit zu überwinden war der Anfang, nämlich der Versuch des Anführers, sich mit vier oder fünf Mann Eintritt in die Kapelle zu verschaffen; gelang dieß, so sollten die ersten die Thüre offen halten, und durch ein Zeichen die übrigen herbeirufen. – Gelang der Eintritt nicht, so blieb nichts weiter übrig als ruhig wieder abzuziehen.

»Der Anführer klopfte jetzt an die Thüre, und sie wurde ein klein wenig geöffnet – man wollte bloß ihm, nicht aber seinen Gefährten den Zutritt gestatten. Während einer kurzen und leise geführten Unterhaltung drängen die andern aber die Thür ein klein wenig mehr auf, setzen plötzlich dem Mann an derselben die Pistole auf die Brust, und rufen die übrigen Verschworenen herbei.

»Die beiden Verbrecher wurden glücklich ergriffen, und zwar Mc. Kenzie durch von K–, einen Deutschen, der einen schweren Stand mit dem starken Burschen hatte, in einen zu diesem Zweck bereit gehaltenen Wagen geworfen, und nach den »committee rooms« gebracht.

»Nur zwei Schüsse fielen bei dem ganzen Unternehmen, und zwar ohne Jemanden zu verwunden, und laut Verabredung waren auf verschiedenen hohen Häusern von Comitémitgliedern, wie bei Argenti, Wells &. Wachen ausgestellt, die sogleich bestimmte Zeichen gaben, als sie die Verbrecher einsteigen sahen. Kaum saßen diese im Wagen, als auch schon die Lärmglocken sämmtliche Mitglieder zusammenriefen.

»Von allen Seiten stürmten diese heran, und eine Stunde später waren beide Verbrecher vor dem Hause des Comité im Batterystreet, im Beiseyn einer wirklich unzähligen Menschenmenge, aufgehängt. Hierauf brachte uns die versammelte Menge dreimal drei »cheers«,« verlangte dann das prachtvolle Banner zu sehen, welches wir einige Wochen zuvor von den Ladies aus Trinity pansch geschenkt bekommen hatten, und entfernte sich ruhig.

»Seit dieser Zeit haben wir fast vollkommen Ruhe und Sicherheit in San Francisco und dem ganzen Lande – die schlechtesten Richter legten aus Furcht vor dem Comité ihre Aemter freiwillig nieder und sind durch bessere ersetzt worden.

Wir alle wußten dabei recht gut, daß unser Verfahren ganz ungesetzlich und strafbar ist, aber dennoch wurde es zur Notwendigkeit und von sieben Achteln der ganzen kalifornischen Bevölkerung gebilligt.«

So weit dieser Brief; die vigiliance comitee war wirklich der Nothschrei eines ganzen Landes – man muß diese stete Angst von Feuerlärm, die feste Ueberzeugung dabei, daß nur auf Raub ausgehendes Gesindel in der Stadt von den Behörden unbelästigt herumstreiche und auf solche Unglücksfälle warte, ja sie wo nur irgend möglich sogar selber herbeiführte, auch selber gekannt und mit durchgemacht haben, um zu begreifen, wie eine ganze Bevölkerung endlich aufstehen und sagen konnte: »bis hieher und nicht weiter!« Nur solche Umstände dürfen ein solches Verfahren entschuldigen, dann aber auch nicht allein mehr bloß entschuldigen, sondern sogar als Ehrensache der Bürger hinstellen, die Gut und Leben daran setzten, Stadt und Staat von einer solchen Pest zu befreien oder doch wenigstens hie und da ihre Kraft und Frechheit zu brechen.

Onkel Sam hat dem allen gewiß kopfschüttelnd genug zugesehen, und es läßt sich denken, was für entsetzliche Berichte ihm seine eigenen Beamten darüber geschickt haben, er fand sich aber in dem wunderlichen Fall einer Regierung, dem ganzen einigen Volke gegenüber, und da hat das Volk immer recht.

Doch genug von Californien. – Seelenfroh, den Zeitpunkt endlich erreicht zu haben, wo ich meine fast zu lang aufgehaltene Reise weiter fortsetzen konnte, blieb mir weiter nichts zu thun, als zu diesem Zwecke ein Schiff zu suchen. Da ich übrigens kein besonderes Ziel hatte, dem ich entgegenstrebte und nur vor allen Dingen ein Fahrzeug verlangte, das westlich, der untergehenden Sonne nachging, den nächsten Anhaltepunkt dann ziemlich vertrauungsvoll dem Schicksal überlassend, so glaubte ich auch darin nicht viel Schwierigkeiten zu finden und konnte und mußte vor allen anderen Dingen meinem äußeren Leichnam eine kleine Aufmerksamkeit schenken.

»Ich sah nämlich wahrhaft schauerlich aus, denn in den »Originalkleidern«, die ich oben bei der Arbeit getragen, mit einem alten Strohhut, der nur noch gewissermaßen aus Gefälligkeit für mich, an zwei Stellen zusammenhielt, einem grauwollenen, an unzähligen Stellen geflickten und ungeflickten Kittel und Schuhen, so schief getreten, daß ich schon die letzten vierzehn Tage neben den Sohlen hergegangen war, so kam ich direkt aus den Minen nach San Francisco, und in keinem anderen Land der Welt hätte ein Mensch in einem solchen Aufzug in der Cajüte eines Dampfboots zwischen sehr elegant gekleideten Herren, sogar einigen Damen, bei Tisch sitzen oder überhaupt existiren können; hier aber kommen jeden Tag Massen von solchen Gestalten aus den Bergen, und man nimmt nicht allein leine Notiz von solcher Kleidung, sondern behandelt die Leute gerade am häufigsten mit besonderer Achtung, weil man nie wissen kann, ob sie nicht vielleicht sehr anständige Säcke mit Goldstaub unter dem Minerkittel tragen.

Wer direkt nach San Francisco geht, schaffte sich auch nie gern in Stockton oder Sacramento Kleider an, weil er dort derartige Gegenstände alle schon zu halben Minenpreisen bezahlen mußte, und die Gestalt solcher »Miner im Urzustände« war etwas viel zu Gewöhnliches an Bord der Dampfschiffe, auch nur irgend Jemanden der Passagiere zu überraschen. Ueberdieß hatte ich selber auf der Mission noch meinen Koffer und einen Theil meiner Sachen in einer Kiste stehen, die ich dort gleich in Empfang nehmen konnte.

Auf der Mission Dolores war aber indessen eine sehr bedeutende Veränderung vorgegangen, die Brauerei existirte nicht mehr und die ganze Firma hatte sich nach verschiedenen Richtungen hin zerstreut. Das frühere Wohnhaus war dabei in zwei Hälften getheilt und zwar aus der einen eine Trinkstube, aus der anderen eine Bäckerei – beide von Deutschen gehalten, gemacht worden. Mein Koffer und meine Kiste standen allerdings in der ersteren, das war aber auch alles, was ich von meinem sämmtlichen Gepäck wieder finden sollte – in der Kiste lag noch eine alte verrostete Harpune, einer von meinen argentinischen Sporen und ein paar spanische und französische Bücher; in dem Koffer lag ein alter Rock, ein paar Hosenträger, ein paar Socken und noch einige andere Kleinigkeiten.

Nach dieser freudigen Ueberraschung ging ich nach San Francisco zurück und kaufte mir Kleider und Wäsche und Schuhwerk, füllte mir damit meinen Koffer und sah mich nun nach einem Schiff um, das an einer der Südseeinseln, gleichviel welcher, anlegen würde. – Tahiti wäre mir die liebste gewesen, dahin lag aber leider keines segelfertig, doch dafür waren genug nach den Sandwichinseln angezeigt. Cajütenpassage von 50 bis 75 Dollars.

Auf der Barke Magnolia accordirte ich meine Passage zum ersteren Preis, schaffte meinen Koffer an Bord, beförderte meine Briefe nach Deutschland, da am nächsten Tag der Dampfer schon abgehen sollte und ging dann noch einmal zu dem Agenten des Schiffes, meine Passage zu bezahlen und die genaue Zeit zu wissen, wo ich an Bord seyn müsse; als mir dort die angenehme Nachricht ward, daß der Capitän des Schiffes sich anders besonnen habe und gar nicht, nach Manila bestimmt, an den Sandwichinseln oder einer andern Gruppe anlegen werde. Meine Sachen wollten mir die Rheder wieder an Land schaffen lassen.

Das war ächt californisch – »for freight and passage« hatte das Schiff eine ganze Woche lang unverdrossen in der Zeitung gestanden, und jetzt änderte es seinen Cours. Die Sache mit dem Koffer wieder an's Land bringen, kam mir auch nicht so ganz richtig vor; was kümmerte es den Capitän, ob ich meinen Koffer wieder hatte oder nicht, und kam er nicht so noch einmal selber in die Stadt, des Koffers wegen setzte er das Boot gewiß nicht aus.

Ein alter Capitän, mit dem ich darüber sprach, gab mir dabei den guten Rath, selber ein Boot zu nehmen und so rasch als möglich hinauszufahren, wenn ich meinen Koffer überhaupt je wieder sehen wolle. Am nächsten Morgen spätestens sollte die Barke segeln, wenn der Capitän heute nicht mehr fertig wurde und wer stand mir dann für meine eben erst mit schwerem Gelde angeschafften Sachen? Ich nahm guten Rath an, ging noch an dem nämlichen Abend an den Strand hinunter, nahm ein Boot und fuhr an die Stelle hin, Rincons Point gegenüber, wo ich wußte daß die Magnolia lag, meinen Koffer selber von Bord zu haben. Als ich dort hinkam – und ich hatte mir den Ort, in der Nähe einer amerikanischen Kriegscorvette, gut genug gemerkt – kann man sich mein freudiges Erstaunen denken, als ich keine Spur mehr von der Magnolia fand. Rasch fuhr ich an eines der nächsten Schiffe an, und auf meine Frage nach ihr, erhielt ich zur Antwort: sie sey heute Nachmittag unter Segel gegangen.

Meinem Bootsmann mußte ich jetzt 5 Dollars versprechen, wenn er mich nachbrächte, denn als wir ein Stück hinausgerudert waren, sahen wir wirklich in weiter Entfernung eine Barke, die unter Besan-Vormarssegel und Außenklüver langsam mit einer leichten, aber günstigen Brise und der Strömung, die Bai hinunter und zwischen die Schiffe hinaustrieb. Mein Kahnführer legte sich jetzt aus Leibeskräften in die Ruder – es wurde schon dämmerig und wir hatten gar nicht mehr so viel Zeit zu verlieren. Nach etwa dreiviertelstündigem Rudern überholten wir endlich das Schiff und ich nahm ohne Weiteres meinen Koffer von Bord; als wir aber das Land endlich wieder erreichten war es schon stockfinster geworden und ich hatte jetzt das Vergnügen, mein Gepäck, da ich Niemanden zum Tragen dort fand und auch nicht drei Dollars noch außerdem für eine Fähre bezahlen wollte, auf der eigenen Schulter etwa eine englische Meile weit, durch die ganze Länge der Stadt hindurch zu dem Laden der Herren Esche und Wapler, die mich freundlich bei sich aufgenommen, hinzutragen.

Als ein kleines Intermezzo bekam ich in diesen Tagen, um von jedem eine Probe zu haben, auch noch etwas mit der wohllöblichen californischen Polizei zu thun. Die Sache betraf nämlich eine Schuldforderung von 39 Dollars, die sich Böhm, mein früherer Compagnon, schriftlich wie durch Ehrenwort verbindlich gemacht hatte, zu berichtigen, weil sie ihm eben auf meinen Credit zugeschickt war. Böhm hatte sich aber auch hier in San Francisco ebensowenig wie in Stockton bei irgend Jemand sehen lassen, sondern sich wahrscheinlich an Bord irgend eines zu Hause oder nach Nordamerika bestimmten Schiffes geschlichen; es blieb mir deßhalb nichts anderes übrig, als die Summe aus meiner Tasche zu bezahlen.

In der Zwischenzeit hatte ich mich nach einem anderen Schiffe, Californien zu verlassen, umgesehen und nahm endlich Passage auf einer nach Manilla bestimmten Barque, Jane Remorino, die vorher in Honolulu auf Oahu, einer der Sandwichsinseln, um Erfrischungen anlegen wollte. Meine Passage bis Honolulu betrug fünfzig Dollars.

Sonntag den 17. November ging ich, mit dem Supercargo des Schiffes, einem alten sehr liebenswürdigen Herrn aus der Schweiz, Herrn Landerer, an Bord, und nahm schon in Gedanken Abschied von Californien; der war aber ein wenig voreilig gewesen, denn am 19. Morgens wehte ein fliegender Sturm, der uns selbst da wo wir lagen der Gefahr aussetzte, mit den benachbarten Schiffen zusammen geworfen zu werden. Als daher gegen Abend der Wind etwas nachließ, beschloß der Capitän die für uns günstige Strömung zu benützen und zu versuchen, ob wir nicht aus den Schiffen her austreiben könnten.

Die Barque war noch fast neu, erst zwei Jahre alt und in Malta gebaut – der Capitän ein geborener Spanier, aus Gibraltar, ebenfalls mit Namen Remorino – das Schiff nach einer Schwester von ihm benannt – und das Fahrzeug selber aus vortrefflichem Holz hergestellt, mit dem die innere Einrichtung ebenso harmonirte – nur mit dem Takelwerk sah es hie und da etwas windig aus, und besonders führte die Jane Remorino noch eine ziemliche Partie auf spanischen Schiffen häufig angewandter Taue von ungegerbtem Leber.

Als wir nun zwischen den Schiffen durchtrieben war es nöthig, daß wir nach beiden Seiten hin, wo es nur möglich wurde, an den dort liegenden Schiffen Taue ausbrachten, damit uns Wind oder Strömung nicht in das Takelwerk eines der Fahrzeuge hineintriebe. Auf all' diesen in der Bai vor Anker liegenden Schiffen war aber selten mehr als zwei oder höchstens drei Mann Besatzung, unter diesen, bei dem schlechten Wetter jetzt, meistens der Capitän, und so trieben wir wieder dicht an einer alten englischen Brigg vorüber, deren Capitän vorn mit dem Koch (die beiden schienen außer einem Neufoundländer die einzigen Personen an Bord) auf der Back stand, unser hinübergeworfenes Tau in Empfang zu nehmen, fest zu machen, und nachher wieder loszuwerfen; denn ihnen selber lag natürlich daran ein Schiff, das ihnen vor dem Bug herumtrieb und alle Augenblicke an Bord kommen konnte, so schnell als möglich in Lee zu bekommen.

Der Steuermann der Jane Remorino, der mit dem zusammengerollten Tau vorne auf dem Backbordankerkrahn stand, rief ihnen sein guarda se hinüber und der Capitän des englischen Schiffes fing es selber auf, kaum aber fühlte er den fremden ungewohnten Stoff in der Hand, und noch ehe er daran dachte, das Tau festzumachen, hob er es überrascht in die Höhe, betrachtete es einen Moment und rief dann in wirklich komischem Erstaunen:

»Leather by God!« (Leder! bei Gott!)

Wir kamen auch glücklich hier, etwas schwieriger weiter unten an einem amerikanischen Schooner vorüber, und ließen in etwas größerer Sicherheit, gerade unterhalb der kleinen Insel Yerba buena wieder beide Anker niederfallen. Der Sturm dauerte bis zum 21. und im vollen Unwetter kam das Dampfschiff mit der Vereinigten Staaten Post, durch das goldne Thor und an uns vorübergefahren.

Da der Capitän nun noch einmal wegen Briefen und Zeitungen an Land fuhr, begleitete ich ihn, und Zeitungen bekamen wir auch bis zum 12. Oktober von Newyork, Briefe aber wurden noch nicht ausgegeben und mit der festen Ueberzeugung, daß hinter den Fenstern, vor denen still und schweigend die unerbittliche hölzerne Klappe stand, Briefe für mich aus der Heimath lagen, die ich nun nicht bekommen sollte, da sich das Wetter besserte und der Capitän unter jeder Bedingung am nächsten Morgen mit Tagesdämmerung in See gehen wollte, mußte ich Californien verlassen.

Der nächste Abend brachte uns auch wirklich eine leichte aber günstige Brise; nicht weit entfernt schaukelte eines der kleinen trefflichen amerikanischen Lootsenboote, die ebenfalls nur erst seit einigen Monaten ihre Thätigkeit begonnen; auf das bestimmte Zeichen kam der Lootse zu uns an Bord, die Anker knarrten und klirrten wieder in die Höhe, und mit noch fünf anderen Fahrzeugen, die uns durch frühere Benützung der ausgehenden Ebbe einen kleinen Vorsprung abgewonnen hatten, näherten wir uns jetzt dem »goldenen Thore« Californiens, das wir etwa eine Stunde später passirten.

Noch im Thor und eigentlich viel zu früh verließ uns der Lootse schon wieder und gegen den Wind an mußten wir jetzt schon von den Felsen, welche die schmale Einfahrt umdrohen, abzukreuzen.

Ade, Californien, wie Glockengeläute der Heimath erklang mir das rauhe Singen der Matrosen die an den Brassen hingen und das Schiff bald auf Backbord- bald auf Steuerbordseite legten – ade – in der einbrechenden Dunkelheit verschwanden bald die schroffen zackigen Hänge der Küste, und nur der weiße Schaum der Brandung glänzte noch aus der Nacht halb drohend halb grüßend zu uns herüber.

 << Kapitel 12 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.