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Friedrich Gerstäcker: Californien - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorFriedrich Gerstäcker
titleCalifornien
publisherJ. G. Cotta'scher Verlag
seriesReisen
volumeZweiter Band
year1853
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070213
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10. Der Mosquito-gulch.

Unser nächstes, für jetzt noch gemeinschaftliches Ziel war der Macalome, Mc. Gualoma, Maggallome, oder wie sonst die hundert und fünfzig Schreibarten dieses kleinen Flusses eigentlich sind, der sich nördlich vom Calaveres in den San Joaquin ergießt, und jedenfalls einen der besten Namen unter den goldreichen Strömen Californiens besitzt, da an ihm und dem Stanislaus, bis jetzt wenigstens, die reichsten Stellen entdeckt wurden.

Der Marsch dorthin bot übrigens, für den daran gewöhnten Minenarbeiter, wenig Neues, wenn ihn auch der eben angekommene Europäer pittoresk und wunderlich genug gefunden haben würde. Wir waren ich glaube acht oder neun Mann, lauter Deutsche, die ihre alten »diggins«, wie die Miner sagen, verließen, ein neues Eldorado aufzusuchen, und wanderten frisch und fröhlich durch den grünen schattigen Wald, steile Hänge auf und nieder oder in kühlen Thälern hin, in denen sonst wohl, als der Hirsch dort noch langsam sichernd zur Quelle niederstieg, in dem crystallhellen Wasser seinen Durst zu löschen, und der Bergbach noch rein und sonnenhell unter Blumen und Blüthen dahin rieselte, die Kelche küßte, die sich rauschend zu ihm neigten, und mit den bunten schimmernden Kieseln spielend seine wilde fröhliche Bahn verfolgte – unter dem feierlichen Rauschen stolzer Cedern und Kiefern heiliger, ewiger Friede geherrscht hatte – aber jetzt? – Lieber Gott, wie sind die armen Kinder der Berge, die klaren Quellen und Bäche von dem gierigen Menschenvolk behandelt worden. Vertreiben konnte man sie nicht aus ihren heimischen Thälern, denen sie selber einst Form, denen sie jetzt noch Nahrung geben, wie ihre Leidensgefährten, die Indianer, aber sie mißhandeln, und was man ihnen mit Hacken und Schaufeln, mit Dämmen und Aexten nur irgend zu Leid thun konnte, das geschah. – Rechts und links wurden sie an den Hängen hingejagt – dort, wo ihre liebsten stillen lauschigen Plätzchen gewesen, warf man ihnen Stein- und Erdmassen entgegen, und drängte sie bald hier bald da hinüber, jetzt quer einlaufend, dann schmutzige Hänge herunterstürzend. Die Blumen aber, die sonst an ihrem Ufer gestanden und ihre liebsten Freunde gewesen, wurden mit Erde und Schutt beworfen, oder abgestochen und beim »Abdecken« als nutzlos bei Seite geworfen – kahl und starr liegen die Ufer – nur gelber Sand und Lehm und Kies, mit ausgebrochenen Wurzeln und Felsblöcken nehmen die Stellen ein, wo sonst die Waldkirsche ihre saftigen Trauben niederhing, und das brennend rothe »Löwenmaul« die Erdbeerblüthe küßte. – Und die Stämme, die sonst stolz und kühn aus den tiefsten »Gulches« emporstiegen und ihre Wipfel mit den niedern Zweigen der Hügeleichen mischten? – sie liegen umgewühlt nach allen Richtungen über den Bach hinüber – mit zerschmetterten Armen und dürr und ängstlich emporragenden Wurzeln, Büsche und Blumen noch zusammenreißend in ihrem gewaltigen Fall, und hie und da selbst hineingeworfen in das Bett des murmelnden Baches, der dann wohl traurig und klagend an dem Gestürzten emporsprang, ihn mit seinen Armen umschlang, der ihm so lange Schatten und Kühlung gegeben, und den er dafür mit seinen besten Säften genährt.

Aber achtet der Goldwäscher seinen Schmerz? – von der Leiche des Freundes zwängt er ihn fort, und treibt ihn seine Maschinen zu spühlen, sein Gold zu waschen, und kaum dem einen Peiniger entgangen, packt ihn der andere und trüb und schlammig wälzt sich der arme Bach endlich, seinen Quälern glücklich entgangen, ins tiefe Thal hernieder, das er früher im Triumph durchflogen und stiehlt sich beschämt unter den Blumen hin, die sonst ihre lieben Gesichter zu seiner klaren Fluth herniederneigten, ihre Bilder darin zu finden, und jetzt nur ihre Thränen mitgeben können, dem armen Mißhandelten.

Mir ist es immer ein recht wehmüthiges schmerzliches Gefühl gewesen, diese entweihte Natur, aber wie Gold eine Wildniß zum Paradies zu schaffen vermag, so zeigte es uns hier, wie es auch das umgekehrte vermöge, und wir folgten manche lange Meile den Spuren der Verwüstung.

Doch zurück zu unserem Marsch – der Goldwäscher hat selten lange Zeit zur Poesie, denn Alles um was es sich hier handelt, ist nichts weniger als poetisch – nur unser Zug war es dann und wann, und ich blieb doch manchmal stehen die kleine bunte Schaar, sorglos und voll goldener Hoffnungen und Träumen, vor mir herziehen zu sehen und den wilden Luftschlössern zu folgen, die sie sich wolkenhoch in den blauen Aether bauten.

Die Lastthiere mit unseren Zelten, Decken und Minenwerkzeug beladen – Provisionen sind um diese Zeit im Jahre (August) überall zu billig sich damit auf einem Marsch zu bepacken – wir selber die Büchsen auf den Schultern hinter drein schlendernd, und nur zwei von uns im Sattel die beide, der eine durch den Sturz seines Maulthiers, der andere durch Gott weiß was, böse Füße hatten, so zogen wir in den Schluchten und Thälern der californischen Berge hin, und Lachen, Singen und Erzählen würzte gar oft den sonst vielleicht ermüdenden, dann und wann auch wohl monotonen Marsch.

Die Tracht eines Miners ist sehr einfach: Strohhut, wollenes Hemd, leinene Hose, selten Strümpfe, manchmal jedoch an einem oder dem anderen Fuß einen wollenen Socken, und Schuhe, von denen der rechte jedesmal (ein ganz untrügliches Minerzeichen) schief getreten ist. Hat man keine Lastthiere bei sich, so bildet die Schaufel nicht selten einen sogenannten californischen Spazierstock, wir hatten aber sämmtliches Handwerkszeug auf die Thiere vertheilt und marschirten, da die Hitze ziemlich drückend war, unbehindert neben und hinter diesen her.

Am zweiten Abend fanden wir in einem Thale des Calaveres, von dem wir schon ein paar Arme gekreuzt, gutes Trinkwasser und lagerten. Wir näherten uns überhaupt dem allgemeinen Ziele unseres Marsches, dem Macalome selber – denn ich will nur bei der einfachsten Schreibart bleiben – und unsere bisherigen Reisegefährten fingen an geheime Berathungen zu halten. Die Zeit kam jetzt, wo sie wahrscheinlich fürchten mochten wir würden nun, blieben wir länger in ihrer Gesellschaft, den bisher geheim gehaltenen »guten Platz« ausspüren, und ihnen dort durch Besitznahme von ein paar Fuß Grund und Boden Abbruch thun. Es ist das leider eine der tausend Folgen der unersättlichen Goldgier, die mit dem wirklichen Besitz des Goldes nicht abnimmt, sondern eher zu wachsen scheint.

Beim letzten Nachtquartier am Calaveres thaten sie als wenn sie ihren ersten Plan aufgegeben hätten und dort zu bleiben gedächten, und ließen nur den einen ihrer bisherigen Gesellschaft, in Begleitung eines deutschen store-keepers oder Händlers, der sich uns gestern angeschlossen hatte und nach ihrem »guten Platz«, wenn ich nicht irre, Provisionen schaffen sollte, vorausreiten. Natürlich sattelten wir drei augenblicklich und gingen unserer Wege, es ärgerte mich aber doch daß sie uns für so dumm halten sollten einen Platz vor uns verbergen zu können, wohin sie mit Maul- und Packthieren zogen, und ich ließ meine beiden Gefährten unseren bisher beabsichtigten Weg erst einmal allein verfolgen, und blieb in den Spuren jener Thiere, die deutlich genug dem staubigen Boden eingeprägt waren.

Natürlich dachte keiner von uns daran auch nur in ihrer Nähe zu arbeiten, oder sie gar zu beschränken – es gab Raum genug in den Minen, aber beschämen wollten wir sie wenigstens. Es war nicht einmal eine Kunst den Spuren der Maulthiere im Staub zu folgen, noch dazu da das eine einen etwas eigen gebildeten Vorderhuf hatte. Schon am Mittag kam ich denn auch zu der Stelle wo sie Halt gemacht, und der Eine von ihnen, dem ich dort wahrscheinlich unverhofft genug erschien stand eben an dem einen Hang vor einem der Zelte, fuhr aber rasch genug zurück, und ließ sich nicht wieder blicken.

Ich wußte jetzt Alles was ich wissen wollte, war aber auch dadurch an ein Bergwasser gerathen, an das wir früher gar nicht beabsichtigt hatten zu gehen, und wo ich zufälligerweise frühere Mitpassagiere vom Talisman fand, die mir auf das dringendste zuredeten, hier in ihre Gegend zu kommen da hier nicht allein sehr viele Deutsche arbeiteten, sondern auch außerdem vortreffliche Geschäfte gemacht würden. Gewiß vorhersagen konnte man allerdings Niemanden ob er Glück haben werde oder nicht, weil die ganze Sache doch eben nur Glückssache war, aber die Aussichten seyen dort jedenfalls vorhanden. Ich beschloß diesem Rath, dem ich so zufällig entgegengeführt war, zu folgen.

An diesem Tag passirte mir aber auch wieder einmal etwas, das mich lange Zeit nicht heimgesucht und eigentlich meinem, doch so ziemlich abgehärteten Körper fremd seyn sollte – ich fiel auf dem etwas heißen und anstrengenden Marsche förmlich in Ohnmacht. Als ich fühlte wie mich die Schwäche überkam, hatte ich eben noch Zeit in den Schatten eines Baumes zu taumeln – weiter wußte ich nichts von mir, und als ich wieder zu mir kam, lag ich in der Sonne – ich mußte mehre Stunden dagelegen haben, ehe die Sonne so weit herumgehen konnte mir den Schatten zu nehmen.

Nach bedeutenden Anstrengungen habe ich Aehnliches schon mehrmals gehabt, das Gute nur dabei ist, daß es nicht die mindesten bösen Folgen hat, nicht die geringste Schwäche zurückläßt, und als ich wieder meiner Sinne mächtig wurde stand ich auf, gerade als ob ich die Zeit über geschlafen hätte, und setzte meinen Weg ruhig fort.

Die Nacht ging ich noch zum Macalome Hill, auch einem Minenplatz, zurück und lagerte dort, und am nächsten Morgen suchte ich meine beiden Begleiter auf, die schon, der vielen auch in dieser Gegend circulirenden Mordgeschichten wegen, Angst um mich gehabt hatten.

Ehe wir aber weiter marschiren will ich dem Leser erst eine kurze Beschreibung des allerdings interessanten Macalome, und des bis dahin bedeutendsten Platzes an diesem wirklich schönen Bergstrom geben.

Der Macalome ist, was Scenerie betrifft, einer der malerischesten Bergströme Kaliforniens, dessen klares Wasser zwischen breitschlächtigen stattlichen Gebirgsrücken, oft zwischen steilen Ufern, dann wieder in etwas weiterer Ausdehnung, aber immer rauschend und rasch dem Joaquin entgegensprudelt, und erst dort, zwischen dem sumpfigen Binsenlande, seinen lebendigen freundlichen Charakter verliert. Herrliche Fichten, Kiefern, Cedern und Eichenwälder bedecken seine Hänge, und tief dort hineingeschnittene Gulches oder Bergbäche künden die Stellen wo die Goldwäscher im Schatten von Taxus, Kirschbäumen und Erlen ihre Maschinen schütteln, und hacken und graben im Schweiße ihres Angesichts.

Aber auch am Flusse selbst, der zu einem der reichhaltigsten bis jetzt gehört hat, sind die Arbeiter nicht müßig, besonders bot die »Mittelbar« ein sehr bewegtes lebendiges Bild.

Hier muß ich mich über das Wort »Mittelbar« wie hundert andere ähnliche bei dem Leser erst einmal entschuldigen, der sich unter bar vielleicht irgend gar entsetzliche Gedanken macht, und wunder glaubt was es bedeute. Es gibt nun einmal eine Masse Worte hier in den Minen, die sich der herkommende Deutsche, wenn er nun doch einmal deutsch spricht, auch eben so gut als alle übrigen Redensarten verdolmetschen könnte, wozu er sich aber selten oder nie die Mühe nimmt, und die ihm nun so geläufig werden daß ich fest überzeugt bin, er findet in späterer Zeit kaum noch ein deutsches Wort dafür. Nichts ist dabei komischer als einen alten Goldwäscher – beinah hätt' ich selber »Digger« gesagt – zu hören, wie er einem eben angekommenen deutschen Landsmann, der noch in jeder Hinsicht »grün« und unerfahren ist und gern eine nützliche Belehrung von dem Geprüften zu haben wünscht, Aufschluß über das Leben und Treiben in den Minen und die besten und zweckmäßigsten Arbeitsarten und Handwerksgeschirre, gibt. Er spricht dabei natürlich nur von »guten Claims« suchen oder noch besser »Platz clähmen« von »ein Tuhl hinein stellen«, – ein Loch »diggen«, von »Grawell« und »Cleh«, von »Ledge und Rock streichen« von »cayotenMexikanischer Ausdruck von den wilden Hunden oder Cayotas entnommen, die sich auch Höhlen ausgraben. und crowbar« und Gott weiß was noch für entsetzlichen Dingen, und läßt den unglücklichen Ankömmling, der sich gar nicht einmal getraut eine Erklärung all dieser ihm völlig chinesischen Wörter zu verlangen, in einem wahren Chaos von Begriffen und noch viel verwirrter zurück als er ihn kurz vorher ausgefischt hatte.

Bar heißt also im Sinn dieser Minensprache eine Sand- oder Kiesbank im Fluß, und »Mittelbar« wurde dieser Ort genannt, da er zwischen der großen oder Ober- und der Unterbar lag. Er soll viel Gold enthalten haben und noch enthalten, und deßhalb zogen sich auch, gegen Ende des Sommers, wo das Wasser immer am niedrigsten wird, eine Masse Leute hierher. Kaufläden aller Art wurden dabei errichtet, natürlich auch zu gleicher Zeit eine Schenke, ja sogar Billards und ein Clavier (das letztere bei einem Deutschen, der schon vor mehreren Jahren mit den Freiwilligen nach Californien gekommen war). Spielzelte gab es dabei in Masse, wie sich das von selbst versteht, und sie brachten auch alle ihre fürchterlichen Folgen von Trunk, Mord und Todtschlag.

Einzeln zerstreut sah man auch in dem kleinen Lagerplatz – denn ein Städtchen konnte man es doch noch immer nicht nennen – hie und da eine Señorita, wie sie mit ihrem seidenen Kleid aus einem Zelt in das andere rauschte, oder von den Spielern und Loafern (ein ausgezeichnet edles amerikanisches Wort für das genus Vagabund) umschwärmt hinter einem Schenktisch stand, und sich mit »Dulces« und Champagner tractiren ließ.

Ich habe in sämmtlichen Minen noch keinen Ort gesehen der romantischer gelegen wäre als eben dieser »Mittelbar.« Die Wohnungen bestanden allerdings, wie in allen übrigen Minenplätzen, aus Zelten die förmliche Straßen bildeten und bis ziemlich dicht zum Fluß hinunterreichten, die Straßen waren aber nicht offen und der Sonne preisgegeben, sondern alle dicht mit Laub von grünen Büschen überdeckt und ebenso im Rücken und an den Seiten die einzelnen Zelte wieder durch Buschdächer mit einander verbunden, so daß der ganz kleine Platz eine einzige dicht in einander geschmiegte Laube bildete und der Nähe des Flusses wie des überall freien Zutritt findenden Luftzugs wegen, in der sonst drückenden Mittagsschwüle einen wirklich reizenden und erfrischenden Aufenthaltsort bot.

Geld, oder vielmehr Gold (denn Silbergeld ist in den Minen so selten daß man jeden Viertel- und Achtel-Dollar abwiegen läßt) schien ziemlich viel umgesetzt zu werden. Die Kaufleute und Ausschenker hatten sehr viel zu thun, und Abends waren die Spieltische – stets ein gutes Zeichen für die benachbarten Minen selber – zahlreich besetzt. Die meisten hier unternommenen Arbeiten, einzelne ausgenommen die in den Uferbänken des Flusses wühlten, bestanden aber aus größeren Compagnien, die an mehreren Stellen den ganzen Fluß abdämmten um sein Bett zu bearbeiten. Der Ertrag ist in solchem Falle gewöhnlich sehr reichlich, die Arbeiten und vorherigen Kosten derselben aber auch enorm, und das Risico steht sogar mit den Auslagen oft in keinem Verhältniß. Der Fluß hat nämlich eine sehr starke Strömung, und ist doch wenigstens 80 Schritt breit; gewaltige Steindämme mußten also aufgeführt, Baumstämme dagegengelegt, Erde und Sand angefahren und kurz ein Damm hergestellt werden, der die gegen ihn anströmende Wassermasse im Stande war ordentlich abzuhalten, und nicht in stets neuen Reparaturen stets neue Kosten hervorbrachte, sondern auch in dem Fall die Ausbeute und ihren Nutzen unterbrach. Ein entsprechender Canal leitete zu gleicher Zeit natürlich den Strom in ein anderes Bett, das ebenfalls tief und breit genug gegraben seyn mußte die ganze zusammengedrängte Wassermasse zu fassen, und Arbeiten wurden dadurch nöthig die nicht selten 100 Mann in einer einzigen Compagnie erforderten.

Dazu kommt nun noch daß solche Dämme nicht eher angefangen werden können bis das Wasser seinen ziemlich niedrigsten Stand erreicht hat, also erst spät im Sommer, und die Regenzeit, die oft, wie voriges Jahr z. B., sehr früh einfällt, solchen Flußarbeiten ein totales Ziel setzt. Die Regenzeit hat nun in diesem Jahr allerdings länger auf sich warten lassen, und scheint selbst jetzt noch den Goldwäschern einige Zeit zu gönnen, den armen Teufeln an den Flüssen aber, die den ganzen Sommer solchen Arbeiten aufgeopfert hatten, sollte das wenig helfen. Im September schon bekamen wir zwei Regenschauer, die allerdings nicht zur Regenzeit gerechnet werden konnten und auf den Bergen den Staub auch kaum löschten, von denen der eine aber doch gute vierundzwanzig Stunden anhielt. Möglich ist dabei auch daß es weiter oben in den Bergen noch stärker geregnet hatte, denn der Macalome fing an dem Tag nach dem Regen plötzlich an zu steigen, und zwar so schnell daß er, ehe nur irgend Vorkehrungen dagegen getroffen werden konnten, an der Mittelbar und noch einigen andern Orten die Dämme wegriß, und dadurch in wenig Minuten die monatlange Arbeit von Hunderten zu nichte machte, ehe diese auch nur einmal im Stande gewesen waren die ausgelegten Kosten für solches Werk herauszuschlagen. Natürlich war so spät in der Jahreszeit an einen neuen Damm nicht zu denken, und die Compagnie bankerott.

Von der »Mittelbar« aus zogen wir weiter am Fluß, und später an dem südlichen Arm desselben (der sogenannten South-fork) hinauf, bis zu den Quellen des Rich-gulch, eines der reichstgewesenen Bergströme Kaliforniens, und darüber noch hinaus zum Mosquito-gulch, sieben Meilen etwa von der »Rich-gulch-flat« und eine Meile höchstens von dem südlichen Arm des Macalome entfernt, in den er sich auch zwischen steilen Hängen hinab tief ins Thal sprudelnd ergoß.

Der Name des Creeks lautete allerdings nicht einladend, jedoch ging es ihm, wie ich bald fand, gerade wie Maria Stuart – er war besser als sein Ruf. Die Deutschen die ihn »Mosquito-gulch« genannt, hatten eben noch keine wirklichen Mosquito-Plätze gesehen, und glaubten sich nun durch die paar, in den schattigen Büschen des schönen Bergbaches schwärmenden Insekten an die Ufer des Mississippi und Orinoko versetzt.

Die Scenerie unseres dortigen Lagers wie der benachbarten Gegend war wirklich reizend. Hoch oben in den Bergen bildeten wir das letzte Minenlager zwischen den Schneegebirgen und dem niederen Land, doch befanden wir uns noch, beiläufig gesagt, weit genug von den Schneegebirgen entfernt um nicht von dorther »Eis zur Kühlung unserer Getränke« zu holen, wie es in einem Bericht des Hrn. Thomas Butler King (ein nach Kalifornien geschickter Regierungscommissär der Vereinigten Staaten) wörtlich lautet. Es ist überhaupt wirklich fabelhaft was über dieß gesegnete Californien für Gerüchte im Umlauf sind. Buchhändlerspeculationen tragen das ihrige redlich dazu bei. Jeder der die Nase nur einmal in das Land hineingesteckt hat, will lange Berichte darüber schreiben, fragt nun natürlich Leute die aus den Minen in die Städte zurückkommen, und diese, ächtem Minerbrauche treu, machen sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus ihm die Tasche so voll als möglich zu lügen. Das wird nachher gedruckt, und darauf hin verlassen Tausende ihr Vaterland. Doch ich komme darauf später zurück, und will erst den wirklich interessanten Ort beschreiben den wir uns zu unserm jetzigen Arbeitsplatz ausgesucht hatten.

Oben auf dem Gipfel des Hügelrückens, der zugleich das rechte Ufer des Mosquito-gulches bildete, dicht unter riesengroße Fichten und schattige Eichen geschmiegt standen vier Zelte, von lauter Deutschen bewohnt (und noch außerdem, mit nur einigen Ausnahmen, sämmtlich Mitpassagieren des Talisman und der Reform). Steil und hoch ging dabei die Bank bis zu dem klaren Bergbach hinab, der unter dem schattigen Laub von einer Art wilder Kirschen, Erlen, Taxus und Haselbüschen dahinfloß, während aus den niederen Gebüschen riesenhohe Cedern und verschiedenartige Gattungen schlanken gewaltigen Nadelholzes hervorschauten, und selbst in der Mittagszeit dem tief darunter hinmurmelnden Bach Dämmerschatten liehen. Den Hintergrund bildete die hohe breitlaufende ebenfalls mit Nadelholz bewachsene Hügelkette, die zwischen dem nördlichen und südlichen Arm des Macalome etwas weiter unten die Spitze bildet. Weiter rechts schloß sich, über eine kleine Schlucht hinüber, ein anderer Hügel, ebenfalls mit Nadelholz und Eichen bewachsen, an, und das Ganze bot mit den weißen Zelten in der Mitte ein wirklich herrliches Panorama.

Unter dem Buschwerk des Mosquito-gulch fand ich auch eine Art von wilden Kaffee, mit schwarzen kirschartigen Beeren, die Kerne derselben gerade so doppelt wie beim Kaffee, und genau mit derselben Farbe. Um ganz sicher zu gehen, trockneten wir später eine kleine Quantität, und brannten und mahlten sie wie Kaffee und das Getränk hatte einen, dem ächten Kaffee fast ganz ähnlichen Geschmack.

Der Strauch, der übrigens auch über die anderen Minen vertheilt ist, hat in den Blättern keine Aehnlichkeit mit dem Kaffee, wird auch nicht so hoch als dieser, die Beeren dagegen sitzen ähnlich an den Zweigen und schmecken roh fast genau so wie die Kaffeekirsche.

Der Mosquito-gulch war erst vor wenigen Wochen ordentlich bearbeitet worden, und die Deutschen hatten schon an einigen Stellen ganz hübsches Gold herausgenommen; die Bearbeitung war aber insofern schwierig, da der Platz wo das Gold lag genau getroffen seyn wollte, sonst hatte man ein oft ziemlich tiefes Loch umsonst gegraben. Man fand entweder viel oder gar nichts, und da wir bis dahin wirklich merkwürdiges Unglück im Goldwaschen gehabt, blieben wir uns auch hier consequent, und ehe wir viel fanden, fanden wir lieber gar nichts, oder doch nur soviel, daß wir eben unsere Zehrungskosten davon bestreiten konnten. Nichtsdestoweniger ist es in solchen Fällen immer besser, noch dazu da wir wußten daß der Gulch an manchen Stellen sehr reichlich Gold enthielt, auszuhalten, zuletzt trifft man doch einmal einen Fleck und Ausdauer ersetzten bei dem Einen, was Zufall dem Anderen in die Arme wirft.

Sonderbarerweise sind aber die reichsten Stellen fast alle durch Zufall entdeckt worden, und wer ist es dann, dessen sich dieser bedient seinen Zwecke zu erreichen? – die Liederlichsten die er gerade in der Nachbarschaft finden kann, ordentlich als ob er wisse, daß ihm die Subjecte doch nicht verloren gehen, sondern seine Gaben in möglichst kurzer Zeit durchbringen und ihm dann nach wie vor wieder zu Diensten stehen.

So wurde der ergiebigste Gulch am ganzen Macalome, der sogenannte Steep oder steile Gulch auf folgende Art entdeckt.

Ein Sohn der grünen Insel, des »glücklichen Irland«, hatte den Tag über besonderes Glück gehabt, und war an dem nämlichen Abend natürlich emsig bemüht, seine Casse wieder durch eine außergewöhnlich große Anzahl von heißem »Whiskey Toddys« auf den alten Fuß zu bringen; während ihm das aber vollkommen gelang, brachte er sich selber von den Füßen, und behielt nur noch, bis Mitternacht etwa, eben so viel Besinnung zu wissen, daß er dort wo er sich gerade befand, nicht zu Hause sey, und es ungefähr Zeit seyn möchte an den Heimweg zu denken. Gesagt, gethan, er brach wirklich auf, war es aber seine Absicht gewesen sein Bett aufzusuchen, so verfehlte er diese total, denn er schlug auch gleich vom Schenkzelt aus eine andere Richtung ein und taumelte gerade in den Wald hinein.

Der Wirth sah allerdings, wie er seine Schwelle verließ, daß der Mann auf diese Art nie zu Hause finden würde, da er aber kein besonderes Interesse dabei hatte, wo jener die Nacht zubrachte, ließ er ihn ruhig gehen, völlig zufrieden, daß er ihn jetzt nur aus seinem eigenen Zelt los war, und band dieses zu.

Patrick taumelte indessen in aller Seelenruhe und Sicherheit gerade auf den gar nicht sehr entfernten »steilen Gulch« zu und machte es auch wirklich möglich, an einer der schroffsten Stellen auszugleiten und hinunter zu stürzen. Daß er unten glücklich gelandet war, erfuhr er aber erst am nächsten Morgen, denn die Wahrscheinlichkeit ist da, daß er schon unterwegs einschlief, und auch nicht eher wieder erwachte, bis die Sonne, was etwa um 10 Uhr geschieht, in den Gulch hinein schien.

Die warmen Strahlen brachten ihn endlich wieder zu sich, und da ihm, begreiflicherweise, alle Glieder am Leib wie zerschlagen waren, und der Kopf auch mehr als gewöhnlich summte, verharrte er noch in seiner Stellung, und überlegte sich nun, wo und in welcher Gegend er sich wohl ungefähr befinden könne. Welche Richtung er gestern Abend genommen, und wie weit er ungefähr gewandert seyn mochte, davon hatte er keine Idee, und das einzige was ihn beunruhigte war, ob er wohl nicht zu weit von dem nächsten Trinkzelt entfernt wäre, denn die Kehle schien ihm, der jetzt so lange trocken gelegen, wie förmlich ausgedörrt.

Doch das zu untersuchen blieb ihm noch später Zeit, jetzt mußte er erst vor allen Dingen seinen müden Gliedern noch etwas Ruhe gönnen und stier und gedankenlos schaute er, während er sich in der immer wärmer heraufsteigenden Sonne streckte und dehnte, die steilen lehmigen Wände an, die schroff und eng zur rechten und linken von ihm, wohl 20 Fuß emporstiegen, und oben von kleinen Rothholzbüschen und ein paar einzelnen Eichen überragt wurden.

Aus langer Weile fing er endlich mit seinem Messer, das alle Goldwäscher in einer Scheibe gewöhnlich am Gürtel tragen, an der trockenen Erde die er gerade, ohne sich emporzurichten, erreichen konnte, an zu bröckeln und loszustoßen, und hatte sich auf diese Art etwa ein 4 bis 5 Zoll tiefes Loch ausgegraben, als ihm von dort aus etwas Glänzendes entgegenfunkelte.

»Gold bei Jäsus! rief er, plötzlich wieder munter und belebt, und arbeitete sich da in aller Gemüthsruhe ein Stück von etwa vier Unzen heraus.

Jetzt vollkommen nüchtern, wußte er recht gut seinen Fund zu benutzen, hielt den Platz so heimlich als möglich, sagte keinem was er verdiente und schlug sich in kurzer Zeit hier zwischen fünf und sechstausend Dollars heraus, mit denen er nach San Francisco ging, jeden Cent verspielte, und dann wieder zurück in die Minen kam, wo indessen sein guter Platz von Andern aufgefunden und schon vollkommen ausgearbeitet war.

Etwas derartiges passirte uns übrigens nicht, denn wir sollten wahrhaftig jeden Cent, den wir herausarbeiteten, auch schwer und sauer verdienen.

Am Mosquito-Gulch erst einmal eingerichtet, mußte Einer von uns wieder nach Murphys zurück, dort das Pferd, das wir nur geborgt hatten, unser Gepäck hier herüber zu bringen, zurück zu liefern. Zu gleicher Zeit sollte der dann auch in Murphys, wenn sich die Gelegenheit dazu bot, einen Esel kaufen, was jedenfalls die praktischsten Thiere in den Bergen für Goldwäscher sind, da sie sich an den magersten Hängen ihr Futter suchen und nie, wie die Maulthiere und Pferde fast stets thun, den Platz wieder verlassen zu dem man sie gebracht hat.

Zu diesem Weg wurde ich erwählt und lagerte am ersten Abend ebenfalls bei Deutschen an einem kleinen Wasser, das sich später in den Calaveres ergießt. Diese hatten sich allerdings hier zum Goldwaschen niedergelassen, aber auch zugleich auf andere Weise versucht Geld zu verdienen, zu welchem Zweck sie in der günstigen Jahreszeit gerade an dieser dafür vortrefflich gelegenen Stelle, eine sehr bedeutende Quantität Heu machten und für den Winterbedarf vorbeiziehender Reisenden aufstapelten. Allerdings war ihnen das in diesem wilden Landstrich auch nicht so leicht gemacht, und ihr ganzes schon fast fertiges Heu wäre beinahe ein Opfer der indianischen Feuer geworden, von denen auch in der That ein großer Theil desselben verzehrt wurde. Gerade nämlich als sie das Gras gehauen und ziemlich trocken hatten, zündeten die Wilden in der Nähe den Wald an, um, wie gewöhnlich, ihre Heuschreckenernte zu halten, die gerade in dieser Gegend wohl immer sehr gut ausgefallen seyn mochte; der weiße Mann hatte ihnen aber schon wieder einen Theil ihres Territoriums entrissen und sie wurden, als sie sich nicht gleich gutwillig dessen Anordnungen fügen wollten, mit gewaffneter Hand vertrieben.

Am zweiten Abend erreichte ich Murphy's Diggings wieder und kam hier gerade in doppelter Hinsicht zur rechten Zeit, einmal wenigstens noch etwas von meinem mir noch zukommenden Eigenthum zu retten, da mein früherer Compagnon, der mir noch schuldete, eben im Begriff stand die Minen zu verlassen, aber es dennoch möglich zu machen wußte, mich wie alle Uebrigen nach besten Kräften zu betrügen, und zweitens Zeuge eines der tausend »Humbugs« zu seyn, die wohl täglich in den Minen auf die verschiedenste Art ausgeführt werden, die ich aber noch nie so wahnsinnig und zugleich so durchdacht hatte vorbringen und ausführen sehen.

Hier vorher jedoch noch ein paar Worte über Murphy's reiche Minen und die Lügen, die darüber verbreitet wurden, zum Beispiel aller übrigen derartigen Plätze, wie überhaupt zur Erklärung solchen Unfugs.

Wie der Leser schon weiß, hatten sich, in der Hoffnung einer sehr ergiebigen Ernte der »Flat« eine solche Masse von Händlern mit ihren Waaren und Provisionsvorräthen hier heraufgezogen, daß sich zuletzt ein förmliches Städtchen bildete, und täglich neue Zufuhren mit Getränken, Kleidungsstücken, Lebensmitteln, Handwerkszeugen, Tabak u. s. w. oben ankamen. Das Ergebniß der Flat machte einen unerbittlichen Querstrich durch fast alle diese Hoffnungen, und die Goldwäscher selber, viele ohne ihre »claims« auch nur angerührt zu haben, fingen an einen Ort zu verlassen, wo sie nicht einmal mehr »Tagelohn« verdienen konnten. Die Arbeiter selber konnten das auch sehr leicht thun; auf Pferd, Maulthier oder Esel, ja oft auf dem eigenen Rücken trugen sie bequem ihren ganzen Hausrath mit fort; was sollte aber, wenn das so fort ging, aus den Händlern und ihren Waaren werden? wer hätte ihnen denn all die mühsam heraufgeschleppten Vorräthe abgekauft, neue Fracht nur nach andern Minen darauf zu zahlen? Es müssen neue Anstrengungen gemacht werden, die Leute wenigstens noch eine Zeit lang, hier zu halten, und das einfachste und leichteste war natürlich glänzende Berichte über die Minen nach San Francisco zu senden. So stand gerade in dieser Zeit in der »Placer Times«:

»In Murphy's Golbgräbereien werden glänzende Geschäfte gemacht. Eine Gesellschaft von sieben Personen hat an einem einzigen Platz in nicht ganz sieben Wochen 15,000 Dollars in Goldstaub gewonnen. Eine andere Gesellschaft grub in voriger Woche 42 Pfund Goldstaub; diese arbeitete 54 Fuß unter der Erde. In Murphy's Placer fand ein Goldgräber einen Klumpen von 93 Pfund, an dem wenigstens die Hälfte reines Gold ist.«

Diese Notiz, wie tausend ähnliche, druckte natürlich eine Menge anderer Blätter nach, selbst die deutsche Schnellpost in Newyork nahm ihn später auf, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er von dort auch in europäische Blätter übergegangen wäre. Etwas Wahres ist manchmal an solchen Berichten, obgleich auch viele förmlich aus der Luft gegriffen mit unterliefen. Die sieben Personen waren Texaner, und haben allerdings verschiedene gute Stellen in der Gegend bearbeitet – es ist möglich, daß sie zusammen 15,000 Dollars herausgenommen haben, obgleich ich später hörte, daß es nur 8000 gewesen seyn sollen – sie gerade waren aber auch die, welche aller Aussage nach das meiste Glück in Murphy's hatten, und die gefundenseynsollenden 42 Pfund Goldstaub sind Lüge. An dem Klumpen von 93 Pfund ist etwas wahres, und er ist es eigentlich, der Murphy's in so unverdienten Ruf gebracht, es war aber ein Quarzstein von jenem Gewicht und statt der Hälfte, soll er höchstens 6–8 Unzen Gold enthalten haben, wie mich Leute, die ihn selber gesehen und denen ich wohl Glauben schenken darf, versicherten.

Diese Zeitungsannoncen konnten aber dem Zweck doch nicht so vollkommen entsprechen, da sie nicht nur in dieser Art von Murphy's, sondern gleichzeitig von hundert anderen Minenplätzen erschienen. Die Neuankommenden, dadurch vollkommen irre gemacht, hielten die Berichte der einen Mine, im Vergleich mit der anderen, eben so fabelhaften, gar nicht mehr für so ganz außergewöhnlich.

Nicht allein die Händler sondern auch noch eine andere Person war aber, besonders in Murphys diggings dabei interessirt, daß die Leute nicht so rasch wieder fortlaufen sollten, und das war der Alkalde oder Justice of the peace, zu der Zeit ein gewisser »Major Wyatt« der in Murphys allein für das Einregistriren der sogenannten »Claims« von dem er für jeden einzelnen zwei Dollars bekam, eine sehr bedeutende Summe gezogen hatte, und dem das viel zu gut geschmeckt zu haben schien einen so einträglichen Erwerbszweig so bald fahren zu lassen. Berichte hatte er selber genug nach San Francisco gesandt, und als die eben nicht mehr ziehen wollten, fiel er auf ein anderes Mittel.

Dicht hinter den Zelten von Murphys lag noch ein großer kaum untersuchter Strich Land, in dem die Bewohner von Stoutenburgk doch wohl wenig vermuthet haben mochten, sonst wäre er lange in Angriff genommen gewesen. – Hier wurden plötzlich ein paar tiefe Löcher gegraben, und zugleich lief ein dumpfes Gerücht im Städtchen um, die Stelle habe sich als fabelhaft reich erwiesen. Im Nu waren auch wieder sämmtliche Plätze »belegt« das heißt die Claims abgemarkt und bezeichnet worden; nur mit dem Registriren wollten die Leute nicht gleich anbeißen, und der Friedensrichter versuchte deßhalb ein anderes Mittel und kaufte von einem Spieler glaub' ich, wie später wenigstens behauptet wurde, ein Stück Gold, im Werth etwa von sechzig Dollars, das er mit der rothen Erde, wie sie die neu in Angriff genommene Flat hatte, einrieb, und dann unter der Hand erst und zuletzt offen – er zeigte mir selber das Stück als wir zusammen an dem Loch standen in dem die Leute unten arbeiteten – vorwies und dabei den Umstehenden erzählte, wie sie dieß Stück hier, schon ziemlich hoch oben im Kies, ganz kürzlich gefunden hätten.

Einzelne bissen jetzt an, und registrirten wenigstens die nächsten Plätze, im Ganzen waren die Leute aber doch schon zu oft angeführt und es mußte etwas Stärkeres, noch nicht dagewesenes kommen, wenn sie nicht abfallen sollten. Der Beweis lag hier auch nur zu bald sehr klar zu Tage – die vier Männer die in dem Loch gearbeitet hatten aus welchem das Sechzig-Dollar-Stück gekommen seyn sollte, fanden gar nichts, und gaben den Platz total auf, und der Mann von dem der Alkalde das Stück Gold gekauft hatte hielt ebenfalls keinen reinen Mund.

Etwas Stärkeres und in der That noch nicht da Gewesenes kam aber wirklich und zwar in einer Weise die man kaum glauben sollte daß sie in unseren aufgeklärten Zeiten noch möglich sey.

In eben der texanischen Compagnie von der ich vorher gesprochen, und die man wahrscheinlich deßhalb gewählt hatte, weil sie die reichste Stelle in der Flat gefunden, befand sich Einer, der älteste von ihnen, mit Namen Fletcher, der plötzlich, als die Goldwäscher schon in Schaaren das kleine Minenstädtchen verließen, und die Händler in größter Gefahr waren mit ihren sämmtlichen Waarenvorräthen förmlich sitzen zu bleiben, vorgab einen Goldometer oder ein Instrument erfunden zu haben mit dem er die Adern des Goldes auch über der Erde entdecken könne. Ja er erbot sich sogar zum Beweise dessen zu einer Wette von 100 Dollars: daß jemand auf einem Acker Land seinen Geldbeutel verstecken solle, und er ihn mit dieser Maschine wiederfinden wolle.

Dieser Fletcher nun bezeichnete einen Platz zwischen zwei kleinen jetzt trockenen Bächen, den die Goldader in schlangenförmiger Windung durchlaufen sollte. Hier markirte er zehn oder zwölf Löcher ab, vergaß auch nicht eines für sich zu behalten, das er aber klugerweise nicht bearbeitete, sondern erst zusah was die andern fanden, während die benachbarten natürlich gleich von andern gierig in Beschlag genommen wurden, und sagte ihnen nun, sie sollten mit festem Vertrauen hier hinuntergraben, sie würden Gold, und ziemlich viel finden.

Der Platz war gerade derselbe wo ich im Frühjahr einen kleinen Garten zu Salat, Radischen etc. angelegt hatte, die trockene Jahreszeit wie die vielen dort herumlaufenden Esel hatten dem Inhalt aber schon seit Monaten ein Ende gemacht, und nur die Dornenfenz stand noch, die von den in froher Erwartung jetzt herbeiströmenden Goldgräbern bald bei Seite gerissen und verbrannt wurde. Mich, der ich zufällig dazu kam, forderten sie ebenfalls auf diese gute Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen, sondern mit zuzugreifen, ich erklärte ihnen jedoch gerade heraus, ich habe mich schon zu oft zu närrischen Streichen hergegeben, es sey einmal Zeit daß ich vernünftig würde. Vernunft war aber bei diesen Leuten wahrlich nicht angewendet, vom Aberglauben einmal erfaßt, ließen sie sich durch nichts mehr zurückhalten, und ich habe in meinem ganzen Leben keine Menschen fleißiger arbeiten sehen als diese verblendeten Murphyaner, die jetzt sämmtlich fest glaubten ihr Glück ergriffen zu haben, und entschlossen schienen es unter keiner Bedingung wieder loszulassen.

Ich ging an dem nämlichen Tag, nachdem ich vorher noch in Murphys einen Esel mit Packsattel für drei und eine halbe Unze gekauft hatte, nach dem Calaveres hinüber, dort einen kleinen Bach, der ziemlich reichhaltig seyn sollte, zu untersuchen, und kehrte erst nach vier Tagen, weil ich dort nicht viel gefunden, nach Murphys zurück. In dieser Zeit hatten die Fletcherianer, wie sie jetzt genannt wurden, etwa 16 Fuß tief hinuntergegraben und noch kein Gold gefunden. Der Unsinn sollte hiemit aber noch nicht seinen höchsten Grad erreicht haben; sechs Wochen später erfuhr ich das Endresultat dieses ganzen Fletcherismus. Mit 25 Fuß Tiefe, noch immer ohne den erwarteten Lohn, waren die Arbeiter stutzig geworden, das Gold ließ – ihrer Meinung nach – zu lange auf sich warten, die Kraft des ersten Humbug erschlaffte nach und nach, und eine neue Dosis wurde nothwendig. Die sollte ihnen aber auch im reichsten Maße werden.

Fletcher ließ – die Sache ist fast unglaublich, ihres grenzenlosen Unsinns wegen – einen Mann mesmerisiren, und der gab dann den ihn gierig Umstehenden die tröstliche Nachricht daß sie bis zu 35 Fuß tief zu gehen hätten, dort würden sie dann zwar zehn Fuß Wasser haben, aber in den angezeichneten Löchern auch 25 Pfd. Gold finden. (Bei Pfund ist immer das Troygewicht, 12 Unzen das Pfund angenommen.)

Das war nur alles gewesen was sie wissen wollten; mit neuem Eifer fielen sie über die schon fast verlassenen Gruben her, und 35 ja 40 Fuß gruben einige, bis sie der nicht zu bewältigenden Wassermenge wegen aufhören mußten, und auch überdieß nicht das geringste Zeichen von Gold fanden.

Fletcher selber wartete aber natürlich nicht das Endresultat ab, er war jedenfalls von den Händlern, die während dieser ganzen verlängerten Arbeitszeit einen Absatz für ihre Provisionen hatten, geworben und bestochen worden, und machte sich, ehe die Sache förmlich explodirte, weitläufigen und jedenfalls unangenehmen Erörterungen zu entgehen, aus dem Staube. Sobald sich aber auch dieß als Humbug erwiesen hatte, bekamen »Murphys reiche Diggings« den Todesstoß. Allerdings las ich zu derselben Zeit noch immer die imposantesten Berichte von dort in den Zeitungen, die von dabei Interessierten als allerletzter Rettungsanker ausgestreut waren, aber es zog nicht mehr. Ließen sich auch wirklich einige verleiten auf solche Berichte hin gen Murphys auszuziehen, so hörten sie schon unterwegs den wahren Thatbestand, und als ich Anfang Oktobers zum letztenmal dort war, sah der Platz gar wüst und verödet aus. Die Miner-Zelte waren größtenteils verschwunden, die Zelte der Krämer und Wirthe standen theils leer, theils hingen sie in Fetzen um ihre Gestelle; die Kegelbahn war voll Ballen Heu gepackt, die eigentliche Flat, in der noch vor wenig Monden so reges Leben geherrscht, lag aufgewühlt und verödet da, und selbst die Spieler, die wahren Aasgeier der Minen, die sich augenblicklich sammeln wo es Beute für sie gibt, hatten sich nach allen Richtungen hin zerstreut.

Doch genug von Murphys Diggings – ich erreichte insofern meinen Zweck, daß ich einen vortrefflichen Esel auftrieb, denselben zu Ehren unseres neu gewählten Gulches »Mosquito« taufte und auf seinem Rücken sehr gemüthlich und auch verhältnißmäßig rasch, dem Macalome wieder zutrabte.

Am Calaveres hielt ich bei den Deutschen wieder an und übernachtete dort. Es waren hier ebenfalls mehre neue Ankömmlinge, einige sogar frisch von Deutschland eingetroffen, und als wir so zusammen sprachen und mein Name einmal zufällig genannt wurde, trat einer der Männer, der einen großen starken Bart trug, und auf dessen Gesicht ich mich schon lange vergebens besonnen hatte, auf mich zu und frug mich ob ich G– aus Leipzig sey. Ich bejahte es und er fing jetzt an den Kopf zu schütteln – er wollte es erst gar nicht glauben, denn ich trug die ächte Minertracht, und Schneider wie Schuster würden verschiedenes an meinem Anzug auszusetzen gehabt haben. Ihm ging es aber nicht besser, und auch zu meinem Erstaunen gab er sich als Maurermeister R. aus Leipzig zu erkennen. Als ich ihm am nächsten Morgen beim Abmarsch »viel Glück in den Minen« – den gewöhnlichen Minergruß, wünschte, meinte er, er wünsche sich selber etwas Besseres – Californien nie gesehen zu haben. Er hatte es allerdings ein wenig früh satt bekommen.

Diese Nacht heulten die Cayotas oder kleinen Wölfe auf eine wahrhaft schaudererregende Weise um die Zelte herum und am andern Morgen war Hauptlärm im Lager. In das Zelt eines der Deutschen waren die Esel, Mosquito mit noch ein paar grauen Kameraden, die er dort gefunden hatte, denn Mosquito selber erfreute sich einer sehr schönen dunkelbraunen Farbe – in eines der Zelte gebrochen und hatten sich dort einen kleinen Sack mit Mehl, einen andern mit getrockneten Aepfeln und außerdem noch eine Kleinigkeit an Zucker herausgeholt und friedlich verzehrt. Der angerichtete Schaden belief sich nach Angabe etwa auf fünf Dollars und der Eigenthümer bestand auf Entschädigung, da er aber nichts beweisen konnte und Mosquito hartnäckig leugnete, ließ sich bei der Sache nichts thun.

Sonntag, den 25. August, traf ich wieder am Mosquitogulch ein, meine »partner«, wie man in den Bergen sagt, hatten in der Zwischenzeit ebenfalls kein rechtes Glück gehabt und wir arbeiteten auch die nächste Woche fast umsonst, unser Aufenthalt war aber dafür in jeder anderen Hinsicht auch so angenehm, wie er sich nur in den Bergen denken ließ. Die Scenerie konnte nicht reizender seyn – die prachtvollen Bäume, unter denen unser kleines Lager stand, die fernen Hügelhänge mit ihren grünen Fichtendecken – der rauschende Macalome unten im Thal, dessen dumpfes Brausen fortwährend zu uns herauftönte, die Nachbarschaft selber, mit nur wenigen Ausnahmen lauter Deutsche und liebe, nette Leute dabei, so bunt durch einander gewürfelt sie auch sonst in jeder anderen Hinsicht hier zusammengekommen waren, Lebensmittel dabei nicht zu theuer und gut, in etwa fünf Meilen Entfernung, die wir allwöchentlich (Sonntags) mit unseren Thieren dort abholten – was wollten wir mehr.

Der Leser wird mir aber gewiß recht geben, daß ich die Gesellschaft »bunt gemischt« nenne, wenn er erfährt, aus was für Bestandtheilen sie zusammen gesetzt war. In dem einen Zelte hauste ein junger Kaufmann, ein Blechschmid und ein früherer Bauerknecht, in dem zweiten ein Eisenfabrikant und ein Tischler, im dritten ein Kutscher und ein anderer Deutscher, der in Nordamerika lange gelebt hatte und dort Ochsentreiber gewesen war – im vierten endlich ein Maurergesell, ein Claviermacher und ein Literat. Zu diesen allen gesellte sich noch später ein Graf B– und ein anderer Kaufmann.

Den Tag über arbeiteten wir alle an verschiedenen Stellen im Gulch, jeder da sein Glück versuchend, wo er das meiste zu finden hoffte, Abends aber lagerten wir in traulicher Gesellschaft meist um ein großes Feuer, das umgehend von den einzelnen Zelten gehalten wurde. Natürlich mußten wir uns da oben in den Bergen auch unser eigenes Brod backen und das geschah vor jedem Zelt wöchentlich ein bis zweimal, so daß dazu schon ein sehr bedeutendes Feuer nöthig wurde; trockenes Holz, ein gutes Licht zu geben, schleppten dann gewöhnlich alle mit herbei und Abends wurde theils Karten gespielt, theils Geschichten erzählt, theils gesungen. Ein muntereres Völkchen, als da oben auf den Kuppen der Macalomeberge zusammen war, hatten die Minen nicht.

An wunderlichen Charakteren fehlte es dabei weder unter uns selber, noch in den benachbarten Zelten, und besonders komisch war mir ein Deutsch-Pole – sonst ein widerlicher Gesell, der sich stets den »armen Mann« nannte und dabei fortwährend lamentirte, daß ein »armer Mann, wie er«, nun einmal doch nichts haben und finden sollte. – Alle solche Sätze schloß er dann gewöhnlich mit tief betrübtem Gesicht und den wehmüthigen Worten: »Nun, meintswegen – der liebe Gott will's einmal nicht haben – God damn it –

Der frühere Bauerbursche war, ebenfalls mit der Reform, ohne einen Pfennig Geld nach Californien gekommen. In San Francisco mußte er sogar erst bei den von der Stadt angestellten Arbeitern, für 5 Dollar den Tag, eine Weile hacken und graben, bis er genug hatte seine Passage aufwärts bezahlen zu können; in den Minen aber angelangt, fiel er im eigentlichen Sinne des Worts aus einer guten Stelle in die andere, und nun auf einmal im Besitz eines kleinen Capitals, von dem er früher gar keinen Begriff gehabt, schien er auch wirklich gar nicht zu glauben, daß das Gold je wieder ein Ende nehmen könne. Der Champagner floß förmlich, wenn er einmal in einen »recht fidelen Abend« – bei ihm etwas keineswegs Seltenes – hineinkam, und der Bursche war noch vor wenigen Monaten froh gewesen, wenn er zweimal die Woche Fleisch hatte.

Der eine Kaufmann, Meier – wir hatten natürlich fünf Meier da oben herum – mochte schon manches mit durchgemacht haben – er war von Australien herüber gekommen und trotzte auf das alte Minensprichwort, daß das Glück dem Liederlichsten am holdesten sey, er verschleuderte das Geld förmlich, arbeitete aber mit dem ersterwähnten Bauerburschen zusammen und fand mit diesem immer wieder auf's Neue. Trotz seines verschwenderischen Lebens hatte er sich aber dennoch eine runde Summe von circa tausend Dollars erspart und verließ mit diesen, etwa Mitte September, die Minen, sich nach Chile einzuschiffen. Nur einen Fehler hatte er – er spielte gern und wir warnten ihn besonders davor, sich in San Francisco nicht in eine jener Höllen hineinlocken zu lassen – er lachte aber und versicherte uns, wenn er einmal nicht spielen wolle, dann existire keine Verführung für ihn. Uebrigens sey er schon früher einmal von den Spielern rein ausgezogen worden und ein gebranntes Kind scheue das Feuer. Er trug sein Gold, je 200 Dollars enthaltend, in kleinen ledernen Säckchen zusammengepackt, bei sich.

Ein komischer Fall kam uns in dieser Zeit vom »Macalome Hill« zu Ohren, der nur zu viele unserer lieben Landsleute auf das treffendste charakterisirt. Dort hatten nämlich drei Deutsche Woche aus und Woche ein gegraben und gesucht und kaum ihren Lebensunterhalt »gemacht.« Ihre Kleider waren dabei abgerissen und sie besaßen nicht einmal die Mittel, sich neue zu kaufen. Borgen wollten sie auch nicht – es war auch sehr die Frage, wie und wann sie es wieder bezahlen konnten und zum Betrügen waren sie zu ehrlich. Da kam ihnen denn das Anerbieten, bei einer amerikanischen Compagnie, die mit mehreren Quecksilbermaschinen wusch, ganz regelmäßig Arbeit für 5 Dollars den Tag zu nehmen; wenn sie sparsam lebten, konnten sie mit 8 oder 9 Dollars die Woche ihre Kost bezahlen und behielten dann noch immer eine ganz hübsche Summe übrig.

Einer von ihnen sprach etwas englisch und sollte deßhalb die Sache für sie ausmachen; als unerläßliche Bedingung aber wurde aufgegeben, einen Contract zwischen beiden Parteien festzustellen, »denn etwas Schriftliches«, wie sie sich ausdrückten, mußten sie unter jeder Bedingung haben – es mußte wenigstens da seyn. Vergebens stellten ihnen andere Deutsche, die mit dem Land schon besser bekannt waren, vor, daß ihnen das wenig oder gar nichts helfen würde. Verdiente die Quecksilbermaschine Geld, so war ihnen ihr Taglohn auch sicher genug – und die Stelle wo sie stand, hatte sich bis jetzt als sehr ergiebig gezeigt, und machte die Gesellschaft bankerott, so half ihnen auch ihr Papier nichts. Sie ließen es sich aber nicht ausreden – der alte Zopf hing ihnen noch zu sehr hinten, und sie hätten am allerliebsten einen deutschen Uractuar hier gehabt, der ihnen eine recht polizeiübliche Schrift im alten Kanzleistyl aufgesetzt hätte.

Da dieß nun leider hier nicht stattfinden konnte, und sie selbst des Englischen nicht genug mächtig waren es zu schreiben, gingen sie zu dem Amerikaner selber und forderten einen solchen Contract. Dieser wollte ihnen das im Anfang auch ausreden, sagte ihnen sie könnten jede Woche, ja jeden Abend ihr Geld haben, wenn sie es haben wollten, aber das half alles nicht, ein Contract müßte es seyn und der Amerikaner schrieb ihnen einen. Dieser lautete etwa folgendermaßen:

»Die Unterzeichneten, Bernhard – Ludwig – und Christoph – verpflichten sich hiemit, an der Quecksilbermaschine der amerikanischen ›Rover Compagnie‹ drei Monate zu arbeiten, wofür sie jeder täglich 5 Dollars – ohne weitere Kost – erhalten. Regentage ausgenommen.

Macalome, den – . . . . 1850.

Diesen Contract gab der Amerikaner lachend den drei biedern Preußen – denn sie erfreuten sich dieses Vaterlandes – diese lasen ihn aufmerksam durch, der eine übersetzte dem andern den Inhalt, dann riefen sie noch zwei andere herein, die als Zeugen mit unterschreiben sollten, setzten hierauf sauber, in großer deutscher Schrift, ihre Namen unter das Datum und waren nun, als der Amerikaner hiernach den Contract genommen und in seine Tasche gesteckt hatte, auf das vollkommenste befriedigt.

Am nächsten Morgen gingen sie mit frohem Muth an ihr beschwerliches Tagewerk und der eine meinte dabei: »es arbeite sich so doch noch einmal so gut und sicher, wenn man die Sache schwarz auf weiß habe – nur immer alles schriftlich.«

Indianer gab es dort herum ebenfalls einzelne Stämme, aber sie waren vollkommen harmlos, und kamen nur manchmal an die Zelte, Brod zu betteln.

Unsere Zeit wäre uns jedoch selbst hier ziemlich monoton verflossen, hätte eben nicht der Sonntag jedesmal wieder eine gewisse Abwechselung hineingebracht. Das war nämlich der Tag den wir dazu bestimmt hatten unsere Provisionen aus dem nächsten Laden zu holen, und das traf abwechselnd stets einen der verschiedenen Compagnien, der dann nur zu häufig die Gelegenheit benützte nicht allein das Packthier sondern auch sich selber schwer beladen heim zu schicken. Gar nicht selten passirte es dabei, daß die Esel und Maulthiere, die den so oft gewanderten Weg gut genug kannten, ganz allein mit ihrer Ladung zu Hause kamen, diese nur los zu werden, während ihre Herren irgendwo unterwegs im Busche lagen und den felsenschweren Rausch ausschliefen. An solchen Abenden brachten auch die noch Nüchternen wieder frische Lagervorräthe mit, und die Berge waren dann, wie sie da oben sagten, »illuminirt.«

Anfang September passirte mir übrigens etwas, das mich Zeitlebens hätte zum Krüppel machen können, und mir selbst so eine schwere Verletzung zuzog. Eines Abends nämlich, es war am 9. September, als wir von der Arbeit kamen, fanden wir kein Brennholz mehr vorräthig, und während Haye das Abendbrod bereitete – unser anderer Compagnon hatte uns ein paar Tage vorher verlassen – nahm ich, überhaupt auch schon müde von der harten Tagesarbeit, die Axt, etwas zu schlagen. Ein halbtrockner Baum stand nicht weit von unserem Zelte und ich ging daran ihn zu fällen, als mir gleich im Anfang die Axt von einer Aststelle abprallte und mit der Schneide und in ihrer vollen Wucht in den Spann des rechten Fußes fuhr. Wie noch ein Glück bei jedem Unglück seyn kann, so hatte ich mir, so tief auch der Hieb sonst selbst in den Knochen gegangen war, doch weder Sehne noch Ader durchschlagen, durfte aber an Arbeiten fürs erste gar nicht denken, und mußte vierzehn volle Tage auf einer Stelle ruhig liegen bleiben. Nach vierzehn Tagen ging ich wieder, wenn auch noch die erste Woche an Krücken (die einfach genug aus einem Busch herausgehauen waren), in den Gulch hinunter zur Arbeit, und von der Zeit an besserte sich das Bein merklich, bedurfte aber einer sehr langen Zeit bis die Wunde vollkommen wieder zugeheilt und vernarbt war.

Hier erfuhr ich aber auch was es ist in diesen Bergen, wo fast jeder nur selbstsüchtig seinem eigenen Ziele folgt, einen Freund zu haben, denn Haye, mein Genosse, sorgte wirklich mit der treuesten Theilnahme für mich. Er kochte, backte, wusch und arbeitete in der Zwischenzeit unermüdet und immer mit freundlichem Gesicht, und ließ es sich sogar nicht ausreden den Gewinn, dessen was er in der Zeit wo ich nicht im Stande war ihm zu helfen, erübrigt, mit mir zu theilen. Es ist das nun allerdings Minerbrauch, und ich würde, wär' er in meiner Lage gewesen, von Herzen gern ebenso gehandelt haben; aber es geschieht doch nicht immer, und oft haben gewissenlose Menschen ihre besten Freunde auf recht bösartige Weise, und gerade wenn sie am hülflosesten waren, im Stich gelassen.

Von dieser Zeit an schien es aber ordentlich als ob sich unser schauerliches Unglück, das uns bis dahin regelmäßig verfolgte, gewendet habe. – Wir fanden in den Stellen die wir jetzt bearbeiteten ziemlich viel Gold und konnten jetzt rechnen daß wir, unsere Zehrungskosten abgerechnet, die sich etwa auf 26 Dollar die Woche für beide beliefen, jeder wöchentlich 50 Dollar rein verdienten – so hatte ich doch wenigstens Hoffnung bis zum 1. November, den ich mir fest als letzten Termin in den Minen gestellt hatte, Reisegeld zu gewinnen weiter zu kommen, und mehr verlangte ich von Californien nicht.

Diese Zeit rückte aber auch nach und nach heran, und ich fing schon an meine, wenn auch geringen Vorbereitungen zu treffen, als eines Nachmittags ein junger Holsteiner, eben jener schon vorher erwähnte Graf B– zu uns kam, Grüße von Meyer brachte und uns sagte, jener habe in San Francisco am Montetisch (einem der schlimmsten Hazardspiele) noch etwa 1000 Dollars zu seinem Gold gewonnen, und sey damit nach Chile gegangen. Ich antwortete ihm: Meyer verdiene eher tausend Stockprügel noch gespielt zu haben, denn eben so gut hätte er es auch sämmtlich verspielen können; die andern wollten es aber gar nicht glauben, und meinten er sey wohl noch nicht einmal aus Californien fort. Der Holsteiner berief sich auf einen Freund von ihm, der in wenigen Minuten ihm nachfolgen müsse und der seine Aussage bestätigen könnte, und während er noch sprach trat, wer anders als Meyer selbst, im hellgrünen Flaus, eine paar wollene Decken von eben der Farbe auf dem Rücken, lachend und singend aus dem Gebüsch. Er hatte sein ganzes Gold bis auf den letzten Cent in San Francisco verspielt, und sich sogar noch Geld borgen müssen um nur wieder herauf in die Minen zu kommen. Allerdings lachte er jetzt selber über sein »Unglück,« wie er es nannte, und suchte sich den Schein zu geben als ob er nichts weniger bedauere als den Winter wieder in den Minen arbeiten zu müssen, um's Herz war es ihm aber doch nicht so, sein oft selbstvergessenes stilles Brüten, was sonst gar nicht seine Art gewesen, verrieth wie sehr ihm dieser wirklich unverantwortliche Leichtsinn an der Seele nage.

Geschehenes ließ sich jedoch nicht mehr ändern, und er mußte jetzt wo der Winter hereinbrach, ohne Geld, ohne angeschaffte Provisionen, die mit jedem Tag stiegen, wieder frisch anfangen zu arbeiten. Wohl meinte er dabei lachend: das Glück sey hier in den Minen bis jetzt noch denen am holdesten gewesen die mit seinen Gaben am tollsten umgegangen wären, und es liegt sicherlich viel Wahres darin, nichtsdestoweniger schien sich das bei ihm nicht bewähren zu wollen. Als ich die Minen verließ war er noch nicht einmal im Stand gewesen soviel herauszuschlagen als ihn sein wöchentlicher Lebensunterhalt kostete.

Ich führe dieß Beispiel übrigens nicht etwa seiner Seltenheit wegen an, nein, leider fällt dergleichen nur zu oft in den Bergen vor. Sonderbar ist es dabei wie die am meisten Gebrannten das Feuer gerade am allerwenigsten scheuen, und ihr Glück glauben auf solche Art erzwingen zu müssen, wo sie nicht einmal die ehrliche Möglichkeit eines Gewinnstes für sich, sondern die Kenntniß und das fast stets falsche betrügerische Spiel des Bankhaltenden gegen sich haben.


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