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Burgfriede

Emma Vely: Burgfriede - Kapitel 7
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authorEmma Vely
titleBurgfriede
publisherHermann Hillger Verlag
editorHermann Hillger
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6.

»Weißt auch, Vaterle,« sagt Päule am folgenden Morgen, und ein leichtes Rot der Befangenheit fliegt dabei über ihr Gesicht, »weißt, einen Gang ins Dorf wirst schon haben, – der Mutter halben, – und da mein i, 's tät nix verschlagen, wenn du in der Mühl' schauen tätest, wie's dem Peter geht. Um den alten Mann und sein Herzeleid ist mir's!«

»Ei freilich,« antwortet Dieter und klopft ihr auf die Schulter, »ei gewiß auch! Ein Ausred' werd' i schon finden; i will gleich einmal drüber simulieren.«

»'s ist nur um den alten Mann; i fühl's. wie's den kümmert!« beteuert Päule.

Die Nachrichten, die der Kastellan an diesem und am folgenden Tage herausbringt, lauten gut. Nach zwei Tagen geht der junge Eichenmüller schon wieder im Hause herum.

»Behalten tut er den Daumen, aber steif wird er,« erzählt Dieter. »Und am End', schau, unser Herrgott richtet's halt so ein, daß bei allem Unglück noch was Gut's herauskommt.«

»Ja, ja!« sagt Päule.

»Und,« fuhr der Alte leuchtenden Auges fort, »di hat der Eichenmüller gepriesen, das ist nit zu sagen. I hab vor Stolz gar mi schämen müssen! Solch ein unerschrockne und wirtschaftliche Dirn wärst; so tapfer hätt'st zugelangt und nit gegreint und verschrocken tan.«

»O, hör' auch auf, Vater!« bittet das Mädchen in schier wehmütigem Tone.

»Aber die Wahrheit muß doch einer sagen! Der Peter hat ganz still dabeigesessen und gelauscht wie ein Has.«

»O, der, – der braucht's nit einmal zu wissen!« entgegnet sie hart.

Der Alte gibt nicht darauf acht. »Ordentlich gejammert hat der Müller, eine bessere Söhnerin, als du abgegeben hätt'st, die kriegte er nimmer, und nun sei alles vorbei und aus um dem dummen Streit halber.«

»Freilich, vorbei und aus!« antwortet Päule und geht aus der Tür.

Im Flur steht Ginele und setzt eine frische Haube auf; sie will wieder zur Gräfin gehen. Seit sie dort oben so viel zu schaffen hat, ist sie umgänglicher im Hause, ihre Laune besser.

»O, schau nur auch, ob die Haube gut sitzt,« sagt sie zur Tochter.

Päule lächelt. »I glaub', die Frau Mutter wird noch eitel!«

Ginele wirft sich in die Brust und lichtet ihre hagere Gestalt höher auf: »'s ist weiter nix, als daß i auf mi halten tu. Und die Gräfin hat eine wahre Freud' an mir. Und di mag sie auch!«

»O nein!« entgegnet das Mädchen in zweifelndem Tone.

»Ja, freilich, – und sauber wärst, hat sie gemeint, und sogar gefragt hat sie, ob du auch dem Stadtherrn gefallen tät'st. Darauf hab' i nix ganz Bestimmtes sagen wollen, – aber i weiß doch, was i weiß. Und gemerkt wird's die Gräfin auch schon haben!«

Auf einmal' wird's dem Päule sonderbar zumute; sie weiß nicht, woher es kam, aber sie versteht plötzlich die Andeutungen.

»O Mutter, Mutter!« ruft sie und wird blaß bis in die Lippen, »red' Sie nit so, – i vertrag's nit. Was geht mi der Herr Rupert an und i ihn? Für den bin i weiter nix, als eine Landdirn. – und schau, i will auch weiter nix sein!«

Frau Ginele überkommt« ein Zorn. »Was red'st da? Was bist? Mein Mädel bist, und i hab' di vürnehm genug erzogen, sell ist gewiß. Und der Herr Rupert, der ist sicher nit so hoch für di! Ein' Oberamtsrichter könntst haben, – und der ist nur ein Architekter. Er mag di arg, – und laß mi nur machen, – i bring's schon zu einem End'!«

Aber da richtet sich auch das Päule auf und sieht ihrer Mutter fest ins Auge; »I bitt' die Frau Mutter, mit Verlaub! Aber was Sie da meint, sell ist mein Sach', – und i leid nix, kein Einmischung und kein Zutun. I will nit hoch hinaus; i will nix, gar nix, – i will's nit anders haben, als hier bei Vater und Mutter sein!«

Bei den letzten Worten ist ihre Stimme weich geworden, und die Tränen dringen ihr in die Augen. Ginele aber stemmt die Arme in die Seite, holt tief Atem, wirft Dieter, der eben auch herbeikommt, einen Zornesblick zu und ruft:

»Was tust? Dein' Mutter verleugnest? Mein' Erziehung und mein' Pläne willst zuschanden machen, – o du, du! Hoch hinaus willst freilich nit, – das hast von dei'm Vater! I seh's schon, du hätt'st kein Muckserle getan, wenn man di dem Peter gegeben hätt', – und kannst einen Architekter haben, der solch einen Sägemüller befehlen tut. O du undankbares Ding du! Aber i bin noch da, und i setz mein' Willen schon durch, so gewiß, wie i im gräflichen Dienst gestanden hab' und weiß, wie's auf der Welt zugeht!«

Damit ist sie aus der Tür und läßt sie ins Schloß fallen, daß der alte Turm bebt.

Päule wendet sich ab, als ob sie fortgehen wollte; auf einmal aber lehrt sie zum Vater zurück, legt den Kopf an seine Schulter und beginnt laut zu schluchzen.

Dieter Häsle ist in Verlegenheit, wie er sein Kind, an dem das Weinen etwas so Ungewohntes ist, trösten soll. Er streicht ihr über den blonden Scheitel, seufzt ein paarmal und sagt: »Du, geh in das Burggärtle; da ist's gut sitzen unter den Linden; da kriegst andere Gedanken. I schau einmal in der Mühl' nach.«

Päule nickt und Dieter geht. Nachdem das Mädchen seine Tränen getrocknet hat, schlüpft es gleichfalls hinaus.

Unter den sieben Linden ist es schattig und schön. Päule schaut weit hinaus ins Land.

Von ihrem Strickstrumpf aufblickend, steht sie den Baumeister den Weg entlang kommen; das macht sie aber nicht einmal befangen.

»Grüß Gott, Päule!« sagt der junge Mann und lächelt ihr zu. »Du weißt schon, wo's sich gut sitzt!«

»Sell ist gewiß!«

»Nun, Päule? Immer wirst auch nicht da oben hausen, – gehst schon einmal!«

Sie schüttelt den Kopf, nicht traurig, aber bestimmt: »I glaub's nit. I hab nirgendswo etwas zu suchen, als hier oben.«

Er hat einen Lindenzweig abgerissen und streift ihr damit scherzend die Wange: »Wenn's nit der Peter ist, schau, so ist's ein anderer!«

Das Gesicht des Mädchens rötet sich: »O, das hat mir nit weh getan, was der von mir gesagt hat, der unter dem Tor. So einer!«

»Nun, er ist auch gestraft, – es hätte schlimmer werden können mit seiner Hand, – jetzt wird er in sich gehen!«

»Mir ist's gewiß eins!« ruft das Mädchen.

»O Päule, bist denn so hartherzig?« fragt der Baumeister und berührt sie aufs neue mit dem Lindenzweig. Diesmal schlägt sie aber unmutig danach und sagt: »Ob i hartherzig bin? 's ist möglich,– mi kümmert der Bu' nix! Und schaut auch, da ist die Frau Gräfin!«

Langsam kommt die zierliche Gestalt den Weg herab, gerade auf das Paar zu. Rupert zieht den Hut; Päule macht eine Bewegung, als ob sie sich entfernen wolle.

»Bleib', mein Kind!« sagt die schöne Frau und beginnt dann die schöne Aussicht zu betrachten. »Hier sollte am Ende ein Pavillon stehen?« wendet sie sich, zum Architekten.

»Wenn gnädige Gräfin befehlen,« antwortet er, »und Ihnen dieses grüne Dach nicht angenehmer erscheint.«

»Sie haben ein seltsames Konservierungsgelüst, Herr Rupert.«

»Frau Gräfin, hätte ich einen Besitz, so würde das Pietät genannt werden!«

»Ah!« Der hübsche rote Mund verzieht sich spöttisch. »Sie treffen mich und meine Veränderungslust nicht damit. Ich brauche gegen dieses alte Bergnest nicht pietätvoll zu sein: die Familie hat es mir nicht vergeben, daß ich als Wappen einen Tanzschuh führe.«

»Und alte Mauern lassen Sie dafür büßen?« fragt Rupert.

»Ich mag die starren Ahnengalerien nicht; in die Rumpelkammer mit diesen steifen Burgfrauen und geharnischten Rittern! Ich werde die Plafonds mit Terpsichorens lustiger Schar bevölkern, – das ist meine Rache. Die Nebenlinie Windeck soll, wenn sie mich einmal beerbt, Gelegenheit genug haben, sich mit dem Andenken an die einstige Tänzerin zu beschäftigen. Warum haben sie mir ihre Türen verschlossen und den Grund gelegt zu den Mißstimmungen meiner kurzen Ehe?«

Die Gräfin läßt sich auf die Bank nieder und wendet sich zu dem Mädchen; »Hast du's nicht einsam hier oben?«

»O, nit arg! Und vollends, seit sie hier bauen, da ist's rührig genug!«

»Ah!« Ein schneller Blick aus den schwarzen Augen streift den jungen Mann, und ihm gilt hierauf die Frage: »Sie studieren hier wohl Natur und ländliche Natürlichkeit und Schönheit in jeder Beziehung?«

»Zu Befehl, Frau Gräfin!«

Sie blickt auf ihre Fußspitzen nieder und sagt: »Früher, Herr Rupert, war der Naturalismus nicht Ihr Geschmack.«

»Allerdings nicht! Ich suchte und fand ein Ideal, aber ich mußte mit dem Dichter sagen: So willst du ewig von mir scheiden!«

»Sie sind weit gereist, seit wir uns das letzte Mal gesehen?«

»Nicht weit genug! Ich tat unrecht, wieder nach Deutschland zu kommen; aber der Deutsche ist nun einmal ein heimwehkranker Narr.«

Seine Stirn hat sich umwölkt, und seine Stimme klingt ein wenig heiser. Die Gräfin faßt eine von Päules Flechten und wiegt sie in der Hand: »Eine schöne Farbe!« Dann dreht sie das blasse Gesicht wieder dem jungen Manne zu: »Es war ein Zufall, daß Ihr Name unter den mir empfohlenen Architekten genannt wurde. Man zweifelte an Ihrer Neigung, die Arbeit zu übernehmen, und meinte, sie würde Ihnen als eine zu große Bagatelle erscheinen. Aber Sie nahmen an, nachdem wir drei Worte gewechselt hatten, – warum, Herr Rupert, brachten Sie mir dieses Opfer?«

»Die Gräfin hat mit Erregung gesprochen; ihre sonst so bleichen Wangen sind gerötet.

»Rupert erwidert ernst: »Sie wollen Wahrheit, – da ist sie! Ich wollte vor einer Frau nicht feig erscheinen, – und Sie konnten es für Feigheit halten, wenn ich mich der Begegnung mit Ihnen entzog,«

»Immer stolz!« erwidert die Gräfin und senkt die Blicke, »immer noch so stolz wie früher.«

Dann bleibt es eine Weile still, so daß man nichts hört als das Geklapper von Päules Nadeln, die mit Emsigkeit strickt und dabei denkt, welch unverständliches Zeug die beiden da reden.

»Es sind Stoffmuster da, über die ich Ihren Rat haben möchte, Herr Rupert. Wenn es Ihnen beliebt ...«

»Gnädige Gräfin haben nur zu befehlen!« lautet die kühle Antwort.

Päule blickt den beiden nach, wie sie den Gang hinunter gehen. Er könnte auch ein Graf sein, meint sie; er täte so gut zu ihr passen.

»St, Päule, St!« ruft es da über die Mauer her, so daß sie sich rasch umwendet. Ein Schrei entfährt ihr, sie blickt dem Peter ins Gesicht.

»Wie kemmst daher?« fragt sie verwirrt und zornig auf sich selbst, daß sie sich so hat erschrecken lassen.

»Wie andere Leut auch, auf meinen zwei Füßen,« gibt Peter zur Antwort. »Deinetwegen bin i kommen ...«

Sie wirft den Kopf zurück: »Wenn das wahr ist, um meinethalb, schau, dann hättest dich nit zu Plagen brauchen!«

Er läßt sich durch die abweisende Antwort nicht stören: »Eigentlich hab i durch die Pforten kommen woll'n, wo der gerade Weg ist. Da sah i Leut hier, erst den Städtischen und dann die Schloßfrau. Bin an der Mauer runter, hab hier gewartet, – und nun ist's eins, nun mach i's gleich hier ab.«

»Was denn?« fragt das Mädchen unsicher.

»Mein Geschäft, mein Dank. Schau, daß du mi so arg brav gepflegt hast! Mein Vater kann nit genug davon reden, daß du das getan hast, Päule.«

»O,« wehrt sie ab, »sag' auch nur weiter nix. Brauchst's nit hoch zu veranschlagen; 's ist Pflicht, einander beizuspringen.«

»Aber dann, wie i wieder bei mir gewesen bin, da bist fortgeschlichen, hast mein' Dank nit gewollt.«

Sie blickt auf ihre Arbeit. »I hab nit an di gedacht, nur an das Unglück. So was kann jeden treffen, – und einmal mußt' i heim!«

Er lächelt, als wüßte er's besser: »Weist mein' Dank zurück, Paule?«

»Freilich, hast nix zu danken!«

»Ist auch gut. I mach's schon auf meine Weis. Wenn du einmal wen brauchst, Päule –«

»I brauch keinen!« unterbricht sie ihn.

»O, das weiß i besser! Schau, i hab gehört, wie du mit dem Städter diskuriert hast. Kann ihn schon leiden; aber zu nah mußt ihn dir nit kommen lassen!«

»Du auch?« ruft sie überrascht.

»Schau, wie er dir mit den Blättern ins Gesicht gefahren ist, da hat's in mein' Arm gezuckt; hätt' i nah gestanden, i hätt' ihn geschlagen.«

Zornig klingen seine Worte, und sein Gesicht ist gerötet. Das Mädchen blickt kalt zu ihm hinüber und entgegnet ruhig: »O du, Sägemüllers Peter, laß mir mein' Sach für mich! I brauch keine Verteidigung, daß du's nur gleich weißt!«

»Brauchst's nit, –« er sieht sie lange an und ruft endlich: »'s ist auch gut; brauchst kein' Dank und kein' Schutz, – aber was i will, weiß i auch!«

Als sie nach einer Weile aufschaut, ist er verschwunden; sie streicht über ihre Augen und lächelt. Wenn sie ihm auch nimmer verzeihen kann, was er ihr getan, daß er versucht hat, ihr zu danken, freut sie doch. Und sie singt!

»Obschon das Glück nit wollt,
Daß i dein werden sollt,
So lieb i dennoch dich,
Glaub's sicherlich.«

»Ein wunderlich's Liedle ist's allemal,« meint sie, sich selber unterbrechend; »das paßt auf zwei, die einander gut sind und sich nit haben sollen. Aber nett klingen tut's!«

Indessen ist Peter mit großen Sprüngen den abschüssigen Weg hinunter geeilt; aber bald muß er das aufgeben, denn es schmerzt ihn die Hand. Er hat dem Mädchen weh getan, und sie ist ihm doch hilfreich gewesen, und daß sie sich seinem Dank heimlich entzogen, das hatte ihm erst recht gefallen. Liegt ein Stolz drin, hat er zu sich selbst gesagt. Eine Ungute ist die nicht, die so handelt; für sich hat er ihr schon abgebeten, und wenn sie jetzt freundlich gewesen wäre mit ihm, nun, was hätt' es da verschlagen, wenn er gesagt hätte: »Du auch, i mein', i kenn di jetzt besser!« Aber sie hat nichts von ihm wissen wollen. »Hab's nun wohl für ewige Zeiten mit dir verschüttet, du trotziger Blondkopf, du?« murrt er vor sich hin.

Dann muß er aber doch über sich selber lachen. »Nun, wird schon werden, – i setz's schon durch! Wirst du dich aber verwundern, du herziges Schätzele, du!«

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