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Burgfriede

Emma Vely: Burgfriede - Kapitel 5
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authorEmma Vely
titleBurgfriede
publisherHermann Hillger Verlag
editorHermann Hillger
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4.

Ein reges Treiben herrscht jetzt auf der alten Burg. Bauholz und Steine häufen sich in Unmassen im äußeren Hof an; Arbeiter gehen ab und zu. Ginele könnte nun schon den vollen Tag am Putzen bleiben, wie sie klagt. Aber sie nimmt es doch mit guter Miene auf und hat dabei der Tochter gegenüber so eigentümliche Redewendungen. »Wer auf den Berg will, muß sich Müh' geben und steigen,« sagt sie, oder: »So eine Mutter, die ihr Kind lieb hat, der wird nix zu schwer.«

Päule hört das an und fragt nur selten nach dem Sinn; sie ist fleißig, wie immer, aber sie singt nicht mehr so fröhlich, wie sonst.

Wenn der Architekt in der Nähe ist, – Ginele hat eine wahre Kunstfertigkeit darin erlangt, stets zu wissen, wo der Bewegliche steckt, – so muntert die Mutter sie auf: »Sing' auch eins!« Aber Päule sucht sich damit zu entschuldigen, daß ihr's in der Brust weh täte. Sie muß fast immer in Sonntagkleidern gehen: »Guck auch,« sagt Ginele, »da oben ist's jetzt so lebig wie in einem Immenhaus; so arg viel Leut', schau, deshalb.«

Mit dem Herrn Rupert treibt Päule manchmal Kurzweil; er kann so spaßig sein, hat sie schon an den blonden Zöpfen gehalten, bringt sie zum Lachen und meint, er müßte sie einmal malen, ganz so groß, wie sie ist.

»Geht auch,« hatte sie entgegnet, »ein' Turm mögt Ihr bauen können; aber so einen Menschen wie lebendig abmalen, das glaub i nit!«

Im Burggärtlein, das sich terrassenförmig erhebt, dort oben bei den sieben alten Linden, hat er auch schon neben ihr gesessen und zugesehen, wie sie die wollenen Socken strickt für den Vater, und hat ihr allerlei erzählt von seiner alten Mutter, daß es ordentlich rührsam gewesen ist.

Seit der Zeit schickt Ginele ihr Töchterlein gar oft auf den schönen Platz, von dem man weit ins Land und über die Berge sehen kann, und nimmt ihr die häusliche Arbeit ab. Einmal hatte Päule ihre Bewunderung laut ausgesprochen: »Ei, Mutterle, i komm' mir ja wie'n Fräule vor!«

Da hatte sie so eigen gelacht: »Wer weiß, ist nix auf der Welt unmöglich, und Eins muß nur hoch hinaus wollen!«

Sie hatte lachend geantwortet: »Daß i, Kastellans Päule, aber noch 'n Fräule werd', das ist unmöglich! Sell möcht' i gar nit einmal!«

»Dummer Tropf!« hatte die Mutter ganz ärgerlich gerufen und noch hinzugesetzt: »Artest halt auf den Dieter, dein' Vater; der verwundert sich all sein Lebtag, wie er's nur zum Kastellan hat bringen können; ist ihm halt zu hoch. Da bin i anders, – weiß Gott, i tät mi für eine Gräfin schicken!«

»O, Mutterle, hör' Sie auch auf! Sie mag vürnehm sein, – aber, –« und Paule war gar arg ins Kichern geraten, weil sie sich die Mutter vorstellte in einem langen, seidenen Gewand, das wie ein Besen über den Schloßhof fegte. »Aber, Mutterle, ein' Gräfin, nein, die kannst nimmer vorstellen, dazu gehört mehr!«

»Was kann i nit?« hatte Ginele da gekeift. »I nehm's noch mit mehr auf; 'i steh mein' Mann!« –

Päule sitzt wieder unter den Linden und strickt. Ab und zu lugt Ginele aus dem Küchenfenster, um zu sehen, ob ihr Kind nicht Gesellschaft bekommen habe. Diesmal ist es aber nur der Vater, der sich neben sie aufs Bänklein gesetzt hat.

Er sieht jetzt weit vergnügter aus, seit er von Herrn Rupert so viel zur Hilfeleistung begehrt wird.

»O du auch, Mädele,« spricht er, »es wird ein heißer Sommer. Der Bau soll schnell gehn: die Frau Gräfin kommt bald. Ja, unruhig ist's schon da heroben, aber unterhaltsam.«

Päule nickt: »Freilich, ist dem Vater einsam gewesen. Hätt'st dir Freund' suchen sollen!«

Dieter Häsle seufzt. »Ach, guck auch, neue Freund' in mei'm Alter, – da macht sich das nit mehr!«

»Da sucht man sein' alten Freund'!«

Dieter seufzt wieder. »Ja auch, schau, da ist der Müller. Kein' liebern hab' i nit gehabt, – da hat sich dein' Mutter verzürnt! Freilich, ein braver Mensch ist der Eichenmüller, und sein Peter tut ihm nachschlagen.«

»So, weiß das der Vater?«

»Ei freilich, freilich!«

Päule schaut ihn von der Seite an: »Woher denn? Kennst ihn ja nimmer!«

»O, so'n bißle doch! I sprech' jetzt, wenn i Gäng hab', doch zuweilen in der Eichenmühl' vor. Dazu ist der Peter die Veranlassung; er meint, alte Freund' sollten zueinander halten.«

»Recht hat er!« spricht das Mädchen entschlossen.

»Der Mutter brauchst's nit zu verraten!«

»O, Vaterle!« entgegnet sie und sitzt während einer kleinen Pause ganz still, bis sie wieder das Wort findet: »Ist vernünftig von dem Peter gewesen!«

»O, der,« ruft Dieter, »der ist einer! Ja, solch'n Sohn, das kann den Alten freuen.« Und abermals seufzt er, nachdem er ein Weilchen vor sich niedergeschaut hat.

»Was hast denn, Vaterle?«

»I mein' nur so! Wenn der Streit nit gewesen wär, der dumme Streit, schau, Mädle, da könnt's gar nit anders sein, als daß du und der Peter ein Paar würdet.«

Sie tut nicht einmal überrascht; nur den Kopf senkt sie ein wenig tiefer.

»Ja, der Streit,« fährt der Alte fort. »O, Weibsleut'! 's Ginele hatt' unrecht und die Müllerin am End' auch. Wir reden ab und an davon, wie's schön hätt' sein können mit unsern Kindern!«

»Vater, hört denn das der Peter auch?« fragt sie leise.

»Ei, freilich, und er lacht dazu.«

»Er spottet wohl, Vaterle?«

»Was soll er denn spotten? Hätt' auch ein' guten Griff getan an mei'm Mädele! Bist brav und erbst, – aber er ist nit arg für die Frauenzimmer.«

»Ist er nit?« ruft sie lebhaft und setzt dann hinzu: »Wird schon eine finden!«

»Das ist gewiß! Der Eichenmüllers Sohn kann ein Dutzend finden. Sind ihm auch schon viele angetragen.«

»Schon viele!« sagt das Päule ihm nach.

»Er will aber noch keine!«

»Da hat er recht!« antwortet das Mädchen bestimmt. Der Vater gab nicht darauf acht; er horcht auf das Geräusch eines Wagens und geht zurück in den Burghof.

Päule läßt die Hände mit dem Strickstrumpf sinken und denkt nach. Es wird ihr wunderlich zumute. Da saßen sie in der Eichenmühle und redeten davon, daß sie und der Peter hätten ein Paar werden können: »So arg dummes Zeug!« sagt sie geärgert und erhebt sich gleichfalls.

Den Weg durch den Turmbogen will sie einschlagen; als sie aber in die Nähe des letzteren kam, hört sie einen Wagen hinter sich. Nun muß sie eilen, denn das kann der Peter sein, und so läuft sie so schnell vorwärts, daß sie, unter dem Mauerbogen angekommen, atemlos gegen die Wand taumelt. Zugleich aber hört sie Stimmen, die des Herrn Rupert und Peters; ihm hat sie ausweichen wollen und ist nun zwei Schritt vor ihm. Die Männer drehen ihr den Rücken und gehen wohl auch gleich weiter; so kann sie warten und dann ungesehen von dannen schlüpfen.

»Aber sagen Sie, Herr Rupert,« hört sie den Peter reden, »was für ein Begebnis hat's denn da mit der abgehauenen Hand? Ist ja ein wahr's Schrecknis zu sehn!«

Der Architekt nickt mit dem Kopfe: »Gelt auch, das mag vorzeiten manch einen erschreckt haben, der da heraufgekommen ist. Ist nit gut zu sehen, hat seine Bedeutung aber gehabt.«

Peter aber ist nicht so leicht zufriedengestellt. »I möcht's eben genau wissen,« entgegnet er, »wie's gewesen ist. Die Kinder im Dorf, die fürchten sich allemal.«

»Ja,« sagt bei Architekt, »und früher die großen Leut' auch, wie's noch seine Gültigkeit gehabt hat. Einmal sind die Windecker mächtig gewesen, ein stark Geschlecht, das den Landmann arg bedrückt hat mit Steuern und Fronen. Was lest Ihr da unter der Hand auf dem Brett: ›Wer dieser Burg Frieden bricht, der wird also gericht'.‹ Die Hand sollte dem abgehauen werden, der hier Krieg und Streit brächt' und dem Gesetz zuwider tat, das die Burg- und Zwingherrn sich gemacht.«

Peter nickt verständnißinnig mit dem Kopfe. »Ja,« meint er, »eine schöne Zeit war's für den Bauer unten! I möcht sie mit erlebt haben, Herr Rupert; i hätt' nit still dazu gehalten.«

»Glaub's wohl!«

Die beiden Männer stehen einen Augenblick in Gedanken; dann hebt Peter an: »Freilich, so mit Unfrieden ließ i mir auch nit in die Eichenmühl kommen, so auf den Grund und Boden, der einem zugehört. Und was recht und billig ist, – wer mir antastet, was mein gehört, da könnt' i auch die Axt heben!«

»Ei, tut Ihr zornig!" ruft lachend der Städter. »Raufen möcht' ich schon nicht mit Euch, Peter. Nun, was sollten wir auch miteinander haben?«

»Sell ist wahr; wir kommen schon aus!« erwidert Peter. »Ein schöner Besitz, die Eichenmühle,« sagt der Architekt, »und wenn Ihr das Geschäft so rührig treibt, wie jetzt mit Eurer frischen Kraft, da sind's gute Aussichten.«

»I will nix Besser's, als tüchtig zu schaffen haben,« meint Peter.

»Doch, eins weiß ich noch!« erwidert der andere; »das ist eine Müllerin!«

»O, damit hat's gute Weg',« wehrt der junge Sägemüller ab.

»Sagt's nicht! Und ich weiß Euch eine Saubere. Soll ich für Euch freiwerben gehn?«

»Da wär i begierig!« lacht Peter.

Der Architekt deutet nach dem Turme: »Die Dirn' drinnen!«

Beide Arme erhebt der Bursche abwehrend: »Das Päule? Das ungute Ding? O, da käm' i schön an! Das möcht' i nimmer denken!«

Dem Mädchen läuft es heiß über; sie mag nicht länger die Lauscherin spielen, und hart zu den beiden herantretend, ruft sie: »Brauchst's auch nimmer zu denken, o du, – du! I bin nit recht für di und du nit für mi, – daß du's weißt, Eichenmüller!«

Die Stimme zittert ihr, und selbst ihre Lippen haben die Farbe verloren.

»O, Päule!« ruft der Stadtherr bedauernd.

Peter zuckt die Achseln: »Nun, wenn sie's gehört hat, ist's mir auch eins! I mach' kein Hehl aus dem, was i denk'. Und's Mädele just auch nit, – i könnt' davon reden!«

Als Päule wieder in der väterlichen Behausung anlangt, ist es ihr lieb, daß sie der Mutter nicht in den Weg läuft; sie geht in ihr Kämmerlein und schaut von dort in das Lindengrün hinab. »Es ist so öd' in meiner Brust,« denkt sie; aber sie weint nicht, wie noch vor kurzem. Nein, sie hat ihren rechten Stolz wieder.

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