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Burgfriede

Emma Vely: Burgfriede - Kapitel 4
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authorEmma Vely
titleBurgfriede
publisherHermann Hillger Verlag
editorHermann Hillger
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3.

»Und i sag, der Mensch muß immer höher 'naus wollen, da kommt's auch«, ruft die Kastellanin mit ihrer schrillen Stimme und einem schlauen Lächeln, »ja, da kommt's auch.« Dabei hantiert sie in dem runden Turmzimmer herum, auf der Jagd nach Staubkörnchen, die vergeblich versuchten, sich behaglich auf all den Dingen niederzulassen, die die ehemalige Kammerjungfer als Reliquien aus ihrer Stadtzeit angehäuft hat: alte Toiletten-Kissen, Fußschemel mit verblaßten gestickten Blumen, kleine Porzellan-Figuren mit defekten Armen und Beinen, ein Aquarell, das eine Katze darstellt, und ein Hunde-Himmelbett, das seit zwanzig Jahren keinen Besitzer mehr gehabt. Als besondere Prachtstücke tut sich hervor ein Klaviersessel, auf dem in verwitterten Farben eine Lyra prangt, und ein Ofenschirm, der einen verendeten Hirsch nebst einem grüngekleideten Jäger zeigt.

Die in demselben Raum befindliche Kuckussuhr hat Dieter zugebracht; sie gilt in Eineles Augen nicht soviel, als eine andere, falschgehende Uhr aus Porzellan, die zwei bronzene Bären halten, und die einst beinah verschuldet hat, daß sie sich im Dienst verschlief, – eine Tatsache, die lebenslänglich ihr Gewissen drückt.

Das Hundebettchen hatte Päule und ihre Spielgefährtinnen manchmal in Versuchung geführt, es für die Puppen nutzbar zu machen; doch die Kastellanin hatte dagegen stets feierlich protestiert. »I hab's erbt,« pflegte Ginele zu erzählen, »als der Bijou der Frau Gräfin hochselig hingeworden ist; und wenn i nit schlafen kann, mein i, i tu das Hündle noch bellen hören, – 's bellte zuweilen leis im Traum!« Und die Erinnerung an ihre Glanzzeit setzte ihre Hände in unruhige Bewegung nach den Augen, wobei man in Zweifel sein konnte, ob das der hochseligen Gräfin oder dem Bijou galt.

Die gestickten Dinge nahmen sich wunderlich zwischen den einfachen Möbeln des Turmzimmers aus, – »ganz zwiespältig«, hatte einmal Dieter Häsle gemeint, war damit aber arg von seiner Hausfrau zurückgewiesen.

»Sollt'st Respekt davor haben,« war ihre Antwort; »da sieht doch einer gleich, daß man Bessers kennt. Und wenn nur die Gräfin hochselig nit so unvermutet der Schlag getroffen hätt', da hätt'st erst noch was erlebt. Mein Stüble hätt' i sicher erbt, – und das waren erst Stühl und Tisch«, – und traurig hat sie das Haupt gesenkt, um die ihr geschenkten Stücke doppelt liebevoll und behutsam zu putzen.

Dieser Beschäftigung gibt sie sich jetzt wieder hin, während Päule an den bleigefaßten runden Fensterscheiben reibt. Diese Scheiben sind der Mutter bittrer Kummer, weil alle Dorfleute bereits große Spiegelscheiben haben. Wiederum einmal verleiht Frau Ginele ihrem Ärger hierüber lauten Ausdruck, so daß das junge Mädchen sich nicht enthalten kann, ihr zuzurufen: »Ach, Mutterle, wenn aber eins gar zu hoch steigt, kann's herabfallen!«

»O, du, du,« antwortet die Kastellanin, »du bist eine Kecke! I denk mir's noch, wie i erst in die Stadt kommen bin zu den vürnehmen Dienst! Und passiert ist mir nix, und war doch gewiß hoch hinaus, eine Kammerjungfer sein!«

Sie wendet sich und hält das Staubtuch wie eine Flagge in der Luft. »Dein Zöpf solltest auch hoch aufstecken und ein' Schlupf drauf tun, – sieht so lüderlich aus, wenn die nachschleifen!«

»Meinst?« fragt das Mädchen und dreht ihr Köpfchen rückwärts. »Der fremde Herr drüben hat sie gerad so gelobt!«

Da fliegt es wie ein Lächeln um Gineles herben Mund; sie bückt sich nach den geschweiften Füßen des Ofenschirmes und poliert ganz gewaltig daran herum. »O, solch ein Putztag!« sagt sie dabei, »nit gerad wird eins an dem.«

»Mutterle, Sie hat halt jeden Tag ein Putzfest!« meint das Mädchen.

»O je, o je!« stöhnt die Alte und erhebt sich wieder von den Knien, indem sie wie nebenbei hinwirft: »Mir ist's auch recht, wenn du die Zopf hängen läßt, – ja, mir ist's eins.«

Es ist sonst nicht ihre Art, zurückzunehmen, was sie einmal gesagt hat; darum macht Päule ein erstauntes Gesicht. Die Mutter aber geht hinaus und kommt schnell wieder herein: »Lauf, Päule, schöpf mir Wasser!«

»Aber Mutterle, die Gelte (Eimer) ist noch voll!«

»Lauf', sag i, und schöpf!«

Es klingt herrisch; Paule kennt den Ton und so geht sie hinaus und über den Hof dem Schloßbrunnen zu. Die Kastellanin blickt ihr nach; sie weiß wohl, warum sie ihr Kind fortgeschickt hat: dort drüben ist der Fremde mit seinen Zeichnungen beschäftigt.

Ja, Frau Ginele will hoch hinaus. »Eins kann nit wissen«, – Absonderliches ist schon manchen Leuten passiert; warum soll es ihrem Kind nicht passieren? Und daß der Fremde das Päule sauber findet, hat sie wohl gemerkt. Auf seinem Zimmer hat sie ein Blatt gefunden, auf dem in flüchtigen Umrissen die Gestalt des Mädchens, sich am Brunnen niederbückend, gezeichnet ist.

Päule hat seit dem Morgen im Walde manch schlimme Stunde gehabt; es ist zornig über sich selbst. Freilich war's ihr recht, daß sie dem Burschen so derb geantwortet; aber gar zu gern hatte sie gewußt, wer er war. Einer vielleicht, der nur durch den Ort gereist und nie wiederkam? Das wäre ihr lieb gewesen; der plauderte nichts aus. Ja, was denn? Daß sie sich gewehrt hatte? Das war ja ihr Recht; was sie aber zuletzt zu ihm gesagt, das war unrecht gewesen. Eine Freude zu verderben, das ist nicht gut getan, und dem hatte sie die Freude an dem hellen Maimorgen mit ihrem bösen Wort genommen. Ja, das war es!

Sie bückt sich nach dem Wasser, das unter der Mauer frisch hervorquillt, und macht sich selber ein böses Gesicht. Und wie sie die Gelte hebt, sagt sie: »Wenn i könnt, i möcht' ihm doch ein gut's Wort geben.«

Da rasselt etwas dumpf unter dem Torbogen herauf, so daß sie sich umschaut. Es ist ein mit Bauholz beladener Wagen; die Gäule müssen scharf angetrieben werden, daß sie über das steile Pflaster kommen. Der Architekt wendet sich gleichfalls um und kommt näher heran.

»Das ist pünktlich!« ruft er dem Führer des Wagens zu. Der zieht seinen Strohhut.

»Soll wohl sein; habt's ja zur Pflicht gemacht,« entgegnet er und lenkt das Gefährt sicher herum.

Dem Mädchen wird die Gelte schwer; mit beiden Händen muß sie zufassen, daß ihr das Gefäß nicht entfällt. Nur zu deutlich hat sie die Stimme und dann auch die Gestalt erkannt. Mit unsicherm Blick mißt sie die Entfernung zwischen sich und dem Turmeingang, – gerade an dem Wagen und an den Mannsleuten muß sie vorüber; da gibt es kein Entschlüpfen.

Aber noch steht und zaudert sie.

Hinter dem schlanken Burschen treibt sich ein graues Männlein herum, der Arturle. Der muß immer dabei sein, wo sich etwas Neues zeigt. Und jetzt hat auch er das Mädchen erblickt. »Grüß Gott, Päule,« ruft er herüber und lacht über das ganze Gesicht. »Da bist auch? Und schau, was für'n Schatz i da herauf bring! Gelt, der ist ein feiner!«

Das Mädchen tut als ob sie ihn nicht hört; aber »Komm auch, komm auch nur!« winkt das Männlein mit beiden Händen. Da dreht sich der Bursch um.

»Komm nur, Frauenzimmerle,« sagt er, »die Gäul' steh'n schon brav still!«

Wie Blei legt sich's auf ihre Füße; sie wollen absolut nicht vorwärts. Nun erkennt er sie auch. »So, du bist's,« meint er, »so, drum!«

Er nestelt an den Köpfen der Pferde und tut dann, als sehe er sie nicht mehr, und spricht mit dem Stadtherrn. So gewinnt Päule es endlich über sich, ein paar Schritte zu machen. Doch gleich vertritt ihr das Arturle den Weg. »Nu mach auch dein' Dank! Ein feiner Bub', gelt, den i dir bracht hab? Kein' andre soll ihn, keine!«

Und die Arme in die Luft hebend, tanzt er vor dem Mädchen auf und nieder.

»Laß mi vorbei!« herrscht Päule ihn an; Arturle aber tut nur um so lustiger.

»I weiß was, i weiß was!« jauchzt er. »Peter und Paul, die tun zusammen gehören; Peter und Paul, die stehn im Kalender, – juhe, Peter und Päule, die geben ein Paar!«

Der junge Sägemüller haut so kräftig mit seiner Peitsche durch die Luft, daß die Pferde erschreckt zusammenfahren. Auch ihn muß der Ausspruch des närrischen Männleins geärgert haben; aber er wehrt ihm nicht. Als nun Arturle das zornige Gesicht des Mädchens sieht, wird er vollends übermütig.

»Glaubst nit, Päule? Traust nit? I weiß es aber! Schau, Brig und Breg bringen die Donau 'zweg, – und der Peter und das Päule, die geben ein Paar!«

»Du nichtsnutziger Ding, du!« ruft das Mädchen endlich und hebt die Hand wie zum Schlagen; da sucht der Arturle an ihr her vorbeizuschlüpfen, und im Augenblick liegen die Gelte, das Päule und das Närrlein mitsammen am Boden.

Die Kastellanin sieht es vom Stübchen aus, wo sie gelauscht hat, wie's sich ausnähme, wenn ihr Kind so keck an dem Stadtherrn vorbei ginge, nun schlägt sie erschrocken die Hände zusammen: für so ungeschickt hat sie ihr Päule nicht gehalten; sie schämt sich gar vor sich selbst.

Der Arturle muß sehen, wie er aufkommt; es gelingt ihm auch nach einigen vergeblichen Versuchen. Das verschämte Mädchen aber fühlt sich von einem kräftigen Arm emporgezogen, und scheu bückt es um sich, als es wieder auf festen Füßen steht. Nein, der Bursch ist es nicht gewesen; der schafft noch an seinen Gäulen, – der Herr Rupert war's.

»O,« stammelt Paule, »i dank schön; i hab gar nit gewußt, wie das kommen ist!«

Und kläglich schaut sie an ihren triefenden Kleidern herab. Dann aber packt sie wieder der Zorn, und hochrot im Antlitz ruft sie: »Der Arturle, der dumm Ding, der ist immer im Wege!«

Arturles Röckchen ist auch unter die Traufe gekommen; aber er schüttelt sich wie eine Krähe, der die Flügel naß geworden, und lacht wieder lustig.

»Schimpf du nur, Päule, schimpf nur! Einen feinen Schatz hab i dir doch bracht, gelt? Schau ihn nur an! Und ein Verslein hab i auch gemacht. Brig und Breg bringen die Donau z'weg, und der Peter und das Päule, die geben ein Paar! Hurra, auf der Hochzeit, da will i einmal tanzen!«

Päule tut wieder, als hört sie das nicht: sie hat noch etwas Schweres zu verrichten; ganz hart am Wagenrad liegt ihre Gelte; just dahin hat sie beim Sturz rollen müssen. Das Männlein kann sie nicht beauftragen, das Gefäß zu holen; das wäre gleich wieder in seine dummen Späße verfallen, – so muß sie sich selber ein Herz fassen. Aber wie sie dicht neben dem Wagen steht, ist auch der Fuhrmann gerade an die Seite getreten. Hart neben ihm muß sie sich bücken. Die Gäule stampfen unruhig das Pflaster; wenn sie nur ein wenig den Wagen zurückschieben, gerät sie in Gefahr; aber um alles in der Welt hätte sie den Burschen nicht bitten mögen, acht auf sein Gefährt zu geben.

Endlich hat sie glücklich die Gelte und braucht nur noch um den Wagen herumzugehen, da sagt der Bursche: »Päule heißt? Bist wohl des Dieter Häsles?«

»So heiß' i, und der ist mein Vater! Aber,« – der Zorn übermannt sie wiederum, – »warum das alle Leut' zu wissen brauchen, seh' i kein' Notwendigkeit. I hab' di auch nit gefragt, wie du heißen tust!«

»Oho,« lacht er, »das kannst wissen. I bin der Peter aus der Eichenmühl! Zuwider hast wohl nix?«

»I, nein, – bewahr, – stammelt sie, »i möcht' nur da vorbei!«

»Ja so!« ruft der Bursch, »I bin im Weg! Hab freilich dacht, der ist hier weit genug: aber's gibt Leut', die erzürnt alles, – hü, hott!«

Er treibt seine Pferde an, und hastig schlüpft sie vorbei. Aber tiefbeschämt läßt sie den Kopf hängen. Nun hatte sie all die Zeit daran gedacht, wie gern sie dem Fremden ein gutes Wort geben möchte, und jetzt, da sie ihn gesehen, ist wieder das Gegenteil daraus geworden.

Hinter der Tür steht die Mutter. »Du auch,« schilt sie, »so ungeschickt bist nimmer gewesen!«

Paule schluchzt fast: »Wenn all die Gäul da stehn und die Mannsleut!«

»Ist's Fuhrwerk von der Eichenmühl, – freilich!« antwortet Ginele, als sei dadurch der Unfall veranlaßt worden. »I weiß nit, der Bub' dabei –«

»Ist ja der Peter von drunten, der aus der Fremd' heim ist!« entfuhr es Päule.

»So, so! Sell hab i gleich denkt. Hat so'n grobe Art, scheint's, wie sein Vater. I mein, er geht hart um mit den Gäul'!«

Päule sagt nichts; sie steht in nassen Schuhen, und ein Frieren überkommt sie, nachdem der Zorn verraucht ist.

»Hat kein' Hand gerührt, der Bub'; aber der Herr Rupert, schau, der hat dir aufgeholfen.«

Das Mädchen schwingt seine Zöpfe nach rechts und links und sagt halblaut: »O, i wär' auch ohnedem aufgekommen!«

»Aber Stadtleut' und gar Studierte!«, fährt Ginele fort. »Päule, wenn du gescheit bist, da erleben wir noch was!«

»Ja, was meint Sie denn auch nur, Mutterle?« »O nix nit, – aber hoch muß einer naus wollen. Schau, die jetzig' Gräfin ist auch nit aus dem rechten Stand gewesen und ist nun doch auch ein' reiche Wittib. 's geht wunderlich her in der Welt! Und i bin da, Päule, verlaß di auf mi!«

»Ja, Mutterle,« ruft das Mädchen aus der Ecke, wo es in seine anderen Schuh schlüpft, »wenn i's nur einmal verstünd. Du bist halt zu klug worden in der Stadt, und das hat sich all die Jahr nit gelegt!«

Ein leises Lachen klingt durch die Worte hindurch, aber das überhört Ginele über der Schmeichelei. »Drum!« antwortet sie; »brauchst's auch noch nit zu wissen! Was i im Schild' führ', ist was Gutes, – ganz andres als was dein Vater gewollt hat.

»Was hat denn der Vater gewollt?«

Ginele zeigt nach der Haustür, ein verächtliches Lächeln spielt um ihren Mund.

»Den da, – schau 'naus, – den Buben da hätt'st freien soll'n! Der Vater und der Eichenmüller, die hatten einander 's Wort drauf gegeben, noch eh der Peter in die Fremd' gangen ist. Wie i mi dann mit der Müllerin verzürnt hab, weil sie hat so vürnehm sein woll'n, als i, da ist's freilich ausgewesen mit dem Planmachen!«

Dann geht sie hinaus, um ihre Arbeit im Burggärtlein zu besorgen.

Päule, die mittlerweile mit ihrem Umkleiden fertig geworden, schaut hinter der Tür weg dem jungen Eichenmüller zu. Er kann sie nicht sehen. Knechte sind nachgekommen und verladen das Bauholz; gar tapfer faßt er mit zu.

Die Mutter ist gegen ihre Gewohnheit recht redselig gewesen. Wie wunderlich! der Vater und der Müller hatten gemeint, sie und der Peter sollten einmal zusammengehören, – gerad' wie's der närrische Arturle gesungen hat. Dem Burschen, den sie im Walde getroffen, dem hatte man sie einmal zugesprochen, – sie konnte über den Gedanken gar nicht hinwegkommen. Und nun entsann sie sich auch wieder, wie gern sie in die Eichenmühle gegangen ist; die Müllerin hatte immer so ein gutes, freundliches Gesicht gehabt. Dem Peter war sie freilich von jeher nicht besonders zugetan gewesen; der hatte sich nie um sie kümmern wollen, so oft ihm die Müllerin auch zugerufen: Du, spiel' einmal mit dem Päule!

Drüben kommt der Vater langsamen Schrittes daher. Ehe er beim Wagen ist, schaut er sich vorsichtig nach allen Seiten um, so tut er immer, wenn die Mutter nicht gerade gewahren soll, was er unternimmt. Dann tritt er zu dem jungen Eichenmüller heran.

»Grüß Gott, Peter, mi kennst wohl nimmer?« sagt er und bietet dabei die Hand, in die der andere rasch die seine legt: »Freilich wohl tu i Euch kennen! Ihr seid der Häsle – und habt Euch nimmer geändert in den vier Jahr' –«

»Aber du, Bub',« rief der Kastellan, »du bist ein Rechter geworden! Gerad so schaut' dazumal dein Vater aus, – i sollt meinen, der wär' wieder jung geworden. Und wenn i mein' grauen Kopf vergessen könnt', so würd' i sprechen: Komm auch, Peter, laß uns ein Schöpple zusammen trinken!«

»Das kann geschehen, das kann bald geschehen!« entgegnet Peter. »Kommt nur in die Eichenmühl; da ist ein guter Wein, und für die Lustigkeit ist auch gesorgt.«

Dieter Häsle kratzt aber seinen Kopf unter dem Sammetkäpplein, das ihm Ginele aufgeschwatzt, des besseren und würdevollen Aussehens wegen, wie sie sagt.

»Peterle, mei Söhnle, die Zeiten sind nimmer dieselben!« entgegnet er kläglich.

»Ach so,« antwortet der junge Sägemüller, »sell hab' i vergessen! Ist ja halt nit, wie früher, die gute Nachbarschaft zwischen den Burgleuten und der Eichenmühl. Aber,« – er schlägt treuherzig dem Kastellan auf die Schulter, – »i mein', das hat nur die Frauenzimmer angegangen; was hindert Euch denn, zum Vater zu kommen, was?«

Eine direkte Antwort gibt der Kastellan nicht.

»Gut's Bauholz, das Ihr da liefert!« sagt er; »Nun, jetzt wird's lebig hier oben. Die Frau Gräfin läßt bauen und will selbst hier wohnen. Mein, was für'n stattlicher Kerle du geworden bist! I vergönn's dem Müller, i tu's. Er ist arg einsam gewesen, sollt' i meinen!«

»Ja, Gevatterle, warum habt Ihr ihn denn nimmer besucht?« fragt Peter, mit den Augen zwinkernd.

»O, du, du! Das fragt sich so leicht ... Die Zeit wär' schon dagewesen, aber –«

»Die Erlaubnis hat gemangelt. O, so was! 's ist nit zu glauben! Wer wird sich auch's Frauenzimmer so über werden lassen. I tät's nit, i wär' und blieb der Herr im Haus!«

Dabei hebt er einen Stamm empor und läßt ihn schallend herabrollen.

Päule nickt hinter der Tür. Das glaubt sie schon: der ist einer, dem kommt keiner über! Aber mißfallen tut es ihr nicht, daß er so bestimmt redet.

»Mein Ginele,« sagt Dieter Häsle, »ist ein bißle hitzig, sonst aber ganz gut. Und nachtragen tut's auch gern, ist sonst aber brav! Und wenn einer Frieden haben will in sei'm Haus –«

Der Peter hebt einen andern Stamm auf und schaut dann den Kastellan ein wenig über die Schulter an: »Sein Mädele hat wohl von der Mutter geerbt?«

»Das Päule? O, nein, das ist nit herb,« entgegnet der Vater.

Das Blut schießt ihr ins Gesicht, als sie ihren Namen hört; es wird ihr ganz angst in der Brust; sie hält den Atem an, als könnte sie dann besser hören, was die zwei reden, und es ist ihr doch bisher nicht eine Silbe entgangen.

»Warum meinst?« fragt der Vater.

»O nur so!« lautet die Antwort.

Das ist eine wahre Großmut, denkt das Mädchen bei sich; da muß sie sich ja wahrhaftig schämen; sie wußte wohl, was er hätte sagen können.

»Also grüß dein' Vater, und i tät bald kommen!« verabschiedet sich der Kastellan.

»Soll ein Wort sein!« ruft Peter.

Dieter Häsle hat noch mit dem Stadtherrn zu tun; Päule sieht die beiden durch den innern Torbogen gehen; die Ablader sind mit dem Wagen fertig und wenden sich abwärts. Das Mädchen wartet noch eine Weile; der Peter rüstet sich gleichfalls zum Fortfahren.

Schämen muß sie sich, – weiter denkt Päule nichts; großmütig ist er gewesen und hat doch gar keine Ursache dazu. Und nun tritt sie kurz entschlossen heraus und auf den jungen Sägemüller zu. Er muß sie gar nicht haben kommen hören, denn er schaut recht erstaunt auf.

»Du auch,« beginnt sie, »'s ist mir leid, – da neulich –«

»Oh!« macht er abwehrend.

»Man hat manchmal ein' Zorn,« stammelt sie.

»Ja!«

Als ob er nichts weiter sagen könnte, – und doch hat er soeben noch so viel mit dem Vater geplaudert.

»Schau, es war so unvermutet, – und da ist's mir entfahren, –« beginnt sie wieder.

»I hab' nimmer dran denkt!« unterbricht er sie.

Sie weiß es genau, er sagt eine Unwahrheit; hat er doch vorhin gefragt, ob sie immer so wäre. Die Tränen wollen ihr in die Augen dringen, daß sie so herb zurückgewiesen wird.

»I denk' mir's noch: wie du ein Bu' warst, hast nimmer mit mir spielen woll'n!« versucht sie wieder. Es ist ihr so wirr zumute: wenn ihr nur jemand zu Hilfe käme, und wäre es selbst die Mutter.

»Hab i nit? Sell wird wohl seinen Grund gehabt haben!« antwortet er und schaut sie gar nicht an.

»Welchen denn?«

Er lacht: »Nun, kennst das Sprichwörtle nit? Was ein guter Haken werden will, der krümmt sich beizeiten. Und eine schneidige Dirn wird auch gerad' kein sanft's Kindle gewesen sein. Und i, –« er richtet sich plötzlich auf und erscheint ihr noch viel größer und männlicher als vorher, – »i hab' von je nix übrig gehabt für herbe, scharfzüngige Weibsleut!«

Ihr ist es, als ob sich alles um sie herum drehte, als wollten die grauen Mauern auf sie herniederfallen.

»Grüß Gott und guten Abend!« sagt Peter und treibt seine Gäule an; der Wagen rasselt davon. Langsam geht sie ins Haus zurück. Sie hat sich vorhin geschämt und ist nun beschämt worden; sie meint, das würde sie niemals überwinden.

Neben dem Ofenschirm kauert sie nieder und beginnt zu schluchzen. Nach einer Weile kommt die Mutter herein und fragt: »Ja, Dirn, was hast denn auch? I glaub fast, daß du dir weh getan hast bei dem Fall!«

»Arg weh!« wimmert Päule.

Es ist nur gut, daß Ginele nicht auch noch des Abends spät ihre Reliquien putzt; sonst würde sie entdeckt haben, daß der grüne gestickte Jäger, gegen den Päule ihr blondes Köpfchen gelegt hatte, völlig von Tränen benetzt war.

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