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Burgfriede

Emma Vely: Burgfriede - Kapitel 2
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authorEmma Vely
titleBurgfriede
publisherHermann Hillger Verlag
editorHermann Hillger
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Burgfriede.

1.

Frühlingszeit! Die Sonne schimmert durch das Fichtengrün.

Eine schlanke Dirne ist schon eine Strecke weit durch das Wäldchen am Hügel gewandert. Die leichte Last, ein verdeckter Korb, den sie auf dem Kopfe trägt, nimmt ihr nicht den Atem; so kommt ihr, sie weiß eigentlich selber nicht warum, die Lust zu singen an:

»Es soll kein andrer sein,
Der mich soll nehmen ein,
Als du, o schönes Kind!
Dir bleib i treu!«

Da stockt sie aber schon wieder, um sich nach den Frühlingsblumen zu bücken. Während sie sich langsam niederbeugt, damit ihr Korb nicht ins Wanken gerät, hebt eine Männerstimme an;

»Stoß mir das Heiz entzwei,
Wenn eine falsche Treu'
Oder nur falsche Lieb'
Bei mir verspürst!«

Dunkelrot läuft's über die Wangen des Mädchens. Der Gesang hat ganz hübsch geklungen; aber es ist ein Vers aus demselben Liede, das sie begonnen hat, und sie so zu unterbrechen, erscheint ihr eine arge Keckheit. Sie springt so rasch auf, daß sie mit beiden Händen ihre Last vor dem Herabstürzen bewahren muß, – nein, die Freude, daß sie erschreckt worden ist, soll der dreiste Geselle nicht auch noch haben.

Rüstig schreitet sie aus, aber nicht flink genug für den Sänger, der quer durch den Wald gekommen ist und auf die Dirne hinter einem Baume gewartet hat. Mit einem Sprunge ist er über einen kleinen Graben hinweg und steht neben ihr.

»Ein nett's Lieble, was, Jungferle?« fragt er, und da sie ohne Antwort weiter will, vertritt er ihr den Weg. Es ist ein breitschultriger Bursch, blond wie sie selber, mit hellen, blauen Augen, einem kecken Bärtchen, dessen Spitzen kühn nach den Seiten stehen. »Ja, warum nur?« fragt er weiter.

»Ist mein' Sach'!« erwidert die Dirne kurz.

»Freilich wohl ist's dein Sach', Mädele, freilich wohl!« Und sein heiteres Lachen klingt in den sonnenüberstrahlten Fichtenwald hinein. Aber keinen Schritt weicht er zurück. Zu beiden Seiten sind dicke Baumstämme; das Mädchen müßte sie umgehen, um wieder den Weg zu gewinnen: aber das will sie nicht.

Unmutig sagt sie: »I kann warten.«

»Worauf?« fragt er.

»Bis du da frei machst.«

»Ei, so trotzig bist?« ruft er. »Nun, da wollen wir miteinander schauen, wie weit wir kommen.« Und die Arme übereinander schlagend, setzt er hinzu: »Mir pressiert's nit!«

»Gib mein' Paß frei!« herrscht sie ihn an.

»Oho, Mädele, so aufbegehren kannst auch?« lacht er.

Daß er sich immer gleich bleibt mit seinem Lachen, das erzürnt sie erst recht. »Möcht wissen,« fragt sie, »was so Einer für'n Recht hat, die Landstraß' unsicher zu machen? Ein Förster bist nit ...«

»Freilich bin i's nit!« erwidert der Bursch; »bin auch kein Wegelagerer!«

Ihre braunen Augen funkeln; sie zuckt verachtungsvoll mit den runden Schultern.

»Ist mir eins, was du bist; i hab' schon mein' besonderen Namen für di!«

Der Bursch stößt einen Juchzer aus: »Was? Schmeichlerisch klingt's wohl nit?«

»Arg nit!« ist die Antwort.

»Sagst's mir nit?« forscht er.

»Gar nix sag' i mehr zu solch' einem Lump!« ruft die Dirne erglühend.

Da ist, das Lachen fort von dem lustigen Gesicht, und der Ernst blickt plötzlich aus den blauen Augen.

»So, solch Eine bist! Na, geh nur deiner Weg, du, du ...« Er hält inne, als dürfe er sich nicht hinreißen lassen, und tritt zur Seite.

Das Mädchen hat sein Erschrecken gewahrt und weiß erst jetzt, welch ein Wort ihr entfahren. Aber es zurücknehmen, nein, das kann sie doch nicht. Sie macht zwei Schritte, zögert und tut, als habe sie etwas an ihrem Korbe zu rücken.

Halblaut, wie für sich allein, spricht sie dann: »I hab ein' Zorn 'kriegt, 's ist wahr.«

Der Bursche lehnt sich an eine hochstämmige Fichte; auch er muß noch etwas sagen: »Zum Fürchten ist ein Scherz nit, – 's kommt drauf an, wie'n eins aufnimmt. Und wenn ein Mädel singt, warum soll ein Bu' nit drauf antworten? Und besser geht's sich zu zwei'n im Wald, – da kann man reden. Freilich, an Ungute, Widrige muß einer nit geraten, wenn er lustig ist.«

Er stößt einen pfeifenden Ton durch die Zähne und blickt dann verwundert auf, daß die Dirne nicht gegangen ist, da sie doch nichts mehr hindert. Sie hat sein ganzes Selbstgespräch gehört, – nun, das schadet auch nicht.

Noch immer rückt sie an ihrem Korbe; zweimal macht sie eine Anstrengung, als wolle sie sprechen, und schließt dann immer wieder die Lippen fest zusammen. Endlich geht sie mit langsamen, schweren Schritten weiter.

Sonderbar, es scheint alles ringsumher gar nicht mehr so hell und maienlustig; an einer Biegung bleibt sie stehen und wendet halb den Kopf. Nein, er kommt nicht; er ist wohl seitwärts gegangen, wo auch ein Weg hinaufführt. »Was kümmert's mi auch!« sagt sie und macht raschere Schritte. »Der sollt' wohl, denken, nun wär's mir leid, und ist gar nit wahr. Und singen will i auch wieder, damit er's hört, daß i mein' Laun' wieder haben kann, wann i nur will: '

»Obschon das Glück nit wollt.
Daß i dein werden sollt,
So lieb i dennoch dich,
Glaub's sicherlich!«

Ein nettes Liedle, hatte er gemeint; sie schüttelt, indem sie daran denkt, den Kopf und beschließt, nicht weiter zu singen. »Ein dumm's Liedle!« sagt sie trotzig.

Am Rande des Wäldchens angekommen, setzt sie sich nieder und blickt auf das grüne Wiesental zu ihren Füßen. Rechts liegt ein Dörfchen, von blühenden Obstbäumen umgeben; drüben ragt die Burg ernst und grau auf einem kegelförmigen Berg empor; links, wo der Wald wieder beginnt, sind große und kleine Häuser zerstreut; von der Sägemühle herüber hört man das Kreischen der Sägen, das Rauschen des Wassers. Sie weiß nicht, warum sie sich heute nicht recht an dem Anblick erfreuen kann, warum sie so beklommen atmet. Den Wiesenpfad einschlagend, blickt sie nicht rechts noch links; sie will eilen, heimzukommen. Da sagt etwas neben ihr: »Grüß Gott!« und wie sie aufschaut, hat ein städtisch Gekleideter, den Hut gezogen, so daß sie ganz verlegen über die Ehre wird und kaum den Gegengruß herausbringt.

»Bin ich recht auf dem Wege nach der Burg da? Und das ist doch die Windeck?« fragt der junge Mann.

»Freilich wohl!« entgegnet sie. »Und wenn Ihr fremd seid, – i geh grad hinauf auf die Burg.«

Schüchtern und sanft hat sie das gesprochen und wagt auch gar nicht ihren Begleiter anzusehen, der jetzt neben ihr einherschreitet, nachdem er gesagt: »Ei, wenn's erlaubt ist! Zu zwei'n ist's kurzweiliger.«

Hoch und stattlich muß er sein und einen großen Bart und einen noch größeren Hut haben, – das Mädchen sieht's am Schatten. Der Fremde betrachtet seinerseits die Dirne und hat seine Freude an ihrem frischen, gesunden Aussehen.

»Wie heißt man Euch denn, Fräulein?« fragt er und mäßigt ein wenig den raschen Gang.

»O, Ihr!« ruft das Mädchen ganz erschreckt und schlägt die braunen Augen auf. »Tut so etwas nit!«

»Ja, was denn?« entgegnet er, belustigt, daß sein Wunsch so schnell erfüllt worden ist.

»Red's nit so städtisch und vürnehm mit unserei'm! I bin Kastellans Päule, und ›Sie‹ und ›Fräule‹ hat noch keins zu mir gesagt!«

»Päule ist just nit der schönste Nam',« fällt der Fremde ein, »aber wenn ihn eins schon hat, muß es halt zufrieden sein, Pauline klingt besser, was?«

Sie nickt, obwohl sie nicht versteht, warum Päule schlecht klingen soll; so haben sie Vater und Mutter gerufen, die Gespielen und sogar die Herrschaft, die Frau Gräfin, wie sie einmal auf der Burg gewesen ist.

»Kastellans Päule?« wiederholt der Fremde, nach der Burg auf dem Berge deutend, an dessen Fuß sie jetzt angelangt sind. »Da oben wohnen wir wohl, Päule?«

»Ei freilich, in dem runden Turm. O, man kann gar weit von dort ausschauen!«

Er nickt und blickt sie wieder an. Sie hält den Kopf so hoch; sie schreitet so leicht dahin, das sei das lieblichste Kastellans-Töchterlein, meint er bei sich, das er je auf einem alten Schlosse gefunden.

Zwischen grauen, halbverfallenen Mauern führt jetzt der Weg dahin.

»Die Ausfahrt auf die Windeck ist nicht gerade bequem!« sagt er.

Erstaunt blickt sie ihn an: »Ist nur einmal ein Wagen da heraufgekommen, wie die Herrschaft da war, – vier Jahr sind's!«

Aus einer Art Nische, in der früher ein Heiligenbild gestanden haben mochte, tritt eine seltsame Gestalt hervor, – ein zwergenhafter Greis, den Kopf mit einer verblichenen Soldatenmütze bedeckt.

»Ei, ei, ei! Hast dir Wohl ein sauberes Schätzle suchen wollen, Päule, ei, ei, ei!« ruft er mit dünner Stimme. »Der paßt aber nit, der nit!«

Der Fremde schaut verwundert das Mädchen an, das indessen gar nicht verlegen geworden ist.

»Ist nur der Arturle,« spricht sie erklärend und wendet sich dann dem Kleinen zu: »Du, der Schäfer wartet! Eil' dich!«

»Ei, ei, ei! stößt das Männlein wiederum hervor, schwingt seinen Stecken und läuft bergab.

»Der Arturle?« wiederholt der Fremde, »Was hat's denn mit dem für eine Bewandtnis?«

»Ja so!« entgegnet das Mädchen, dem die Nähe des Zieles mehr Mut zum Sprechen gibt. »Ist eben der Arturle. Wißt, sein Vater ist ein Offizier gewesen und hat in Spanien und Rußland gefochten. Und wie er tot war, ist das Arturle hier allein gewesen, und die Dorfgemeinde ernährt's. Viel Gelehrsamkeit hat nit in sein' Kopf gewollt; aber er ist geschickt, die Maulwürf zu fangen, und er hilft auch dem Schäfer.«

Der Fremde weilt mit seinen Gedanken schon wieder bei einem anderen Gegenstände: das Schloßportal zeigt sich, grau und ehrwürdig, mit einem großen steinernen Wappen darüber.

»Das ist nicht übel, wenn auch ein wenig absichtlich,« spricht er für sich.

Das blonde Päule aber denkt, es habe ihr gegolten, und sagt: »Dadurch müssen wir gehn!« Dann stockt sie wieder, schaut ihren Begleiter von oben bis unten an, holt tief Atem und fragt: »Ja, zu wem wollt Ihr denn eigentlich da heroben? Wohnt kein' Seel' dort, als wir in dem runden Turm, – i mein', der Vater, die Mutter und i!«

Lächelnd schaut er in ihre braunen, fast angstvoll blickenden Augen: »Ja, Päule, da mußt du's schon leiden, daß mein Besuch Euch gilt!«

Sie lacht nun auch, aber es klingt erzwungen: »Gell glaub i nit, bis i's seh!«

Sie sind unter dem Portal angelangt. Die Blicke des Fremden wandern rasch nach allen Richtungen; er tut so vertraut, als wäre ihm eine so alte Burg gar nichts Neues. Da bleibt sein Auge auf einer kleinen Holztafel haften, die eine abgehauene, blutige Hand nebst einem Beil und die Inschrift zeigt, daß der, der den Frieden der Burg Windeck breche, solche Strafe zu erdulden habe.

»Gelt,« flüstert Päule und tippt auf den Rockärmel des Mannes, »das ist arg wüst, und i mag's nimmer gern sehn! Der Vater hat's auch einmal weggenommen wie i noch klein war, damit i nit greinen sollt, wenn i's säh. Der Herr Graf hat's aber wieder hinhängen lassen ... Wer nur daran seine Freud' haben kann!«

»Burgfriede,« spricht der Fremde vor sich hin und schaut dann das Mädchen ernst an. »Es hat schon seine gute Bedeutung, Päule: da herauf soll niemand kommen als Ruhestörer.«

Sie schüttelt den Kopf und meint: »Sind ja feste Mauern, und zwei alte Kanonen haben wir auch!«

Der Fremde reckt die Hand aus, als wollte er ihr die weiche Wange streicheln, doch läßt er sie wieder sinken.

»Fürchtest also keinen Feind, Päule?«

»I fürcht' nix!« antwortet sie keck, »und wenn mich eins ärgern will, da kann i schon aufbegehrn!«

Wie dort unten im Walde, – hätte sie beinahe hinzugesetzt, aber dann hätte er wohl weiter gefragt, und so ist's besser, sie sagt nichts davon.

Sie zögert, wie sie jetzt, der elterlichen Wohnung nahe kommen; aber der Fremde findet den Rundturm auch von selber, ja, ganz richtig redet er den Vater, der gerade in der niedrigen Eingangstür steht, mit »Herr Kastellan« an.

Der, ein kleiner, rundlicher Mann mit gutmütigen braunen Augen, macht einen tiefen Bückling, wie sonst nur vor dem Herrn Pfarrer, und nickt gar freundlich, indem der Fremde auf ihn einredet. Päule sieht, wie ihr Begleiter ein Schreiben hervorzieht und, während ihr Vater in allen Taschen kramt und vergeblich nach seiner Brille sucht, es selber gleich vorliest. »Ginele, Ginele!« ruft der Alte dann nach seiner Frau und schlüpft, als er keine Antwort erhält, von dannen. Nach einigen Minuten, die der Fremde dazu benutzt, den äußern Hof und die alte Fassade mit den Ungetümen von Wasserspeiern zu betrachten, kehrt der Kastellan mit dem Schlüsselbunde zurück, und beide schreiten weiter. Nun tritt auch die Mutter hervor, knüpft in der Tür noch ihre Schürzenbänder zusammen und blickt hinter den Männern her. Sie ist im Äußern das gerade Gegenteil ihres Mannes, lang und hager, mit stechenden grauen Augen; die Fülle blonden Haares hat Päule von ihr geerbt.

»Nu, was ist's denn damit?« fragt das Mädchen, nach dem Fremden deutend.

»Ein Herr ist's, den die Frau Gräfin schickt; so einer, den man Architekter nennt; ›Herr Rupert‹ heißt er. Wohnen will er im Schloß und bauen, ... Er sieht sehr sauber aus!«

»Freilich wohl,« bestätigt Päule und schaut den beiden Männern gleichfalls nach. Gerade wollen sie durch den zweiten Bogen, da wendet sich der Fremde noch einmal um, nickt ihr zu und ruft: »Ich danke auch schön!«

Sie grüßt wieder und fühlt dabei das Auge der Mutter auf sich ruhen. »Ja, was ist's denn, kennst denn den?« fragt sie.

»O, nix ist's, Mütterle! I bin nur 'rauf kommen mit ihm.«

»So, so! Ist gar sauber!« meint Frau Georgine Häsle abermals und lächelt. »Ja, Stadtleut'! Gell ist etwas anderes.« Damit wendet sie sich ins Haus zurück.

– Erst jetzt hebt Päule ihren Korb herab, bleibt dann aber, wieder in Gedanken, davor stehen: Der hat sich noch einmal nach ihr umgeschaut, der andere nicht! Es war ganz unterhaltsam, was sie an diesem Morgen erlebt, aber eins ärgert sie doch: sie hätte ums Leben gerne gewußt, wer der kecke Gesell von draußen im Walde war.

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