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Bürgerliche Historien

Carl Weisflog: Bürgerliche Historien - Kapitel 4
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authorCarl Weisflog
titleBürgerliche Historien
publisherGeorg Müller
editorCarl Georg von Maassen
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Nachwort

Zu den sklavischen Nachahmern E. T. A. Hoffmanns wird vor allen andern der Schlesier Carl Weisflog gezählt, von dem wir in vorliegendem Bändchen ein paar Geschichten bringen, in denen er sich einigermaßen selbständig gehalten hat, und die zeigen sollen, daß dieser arg in Mißkredit geratene Schriftsteller doch ein recht hübsches Erzählertalent aufweisen kann. Eine Wiedergabe dieser humoristischen Kleinigkeiten ist auch darum nicht ohne Wert, weil wir in ihnen die Erzeugnisse eines jener Unterhaltungsschriftsteller kennenlernen, die von dem breiteren Lesepublikum seiner Zeit mit ganz besonderem Wohlwollen aufgenommen wurden. Lange Zeit gehörten die Schriften dieses Mannes zu den gelesensten Büchern der Leihbibliotheken. Die Werke der großen Geister einer Literaturepoche werden aber erst dann in ihrer ganzen Bedeutung, in ihrer ganzen Herrlichkeit hervortreten, wenn wir den Hintergrund kennen, vor den sie gestellt sind. – Ein paar kurze biographische Notizen über den Autor der in diesem Bändchen wiedergegebenen Erzählungen möchten hier am Platze sein.

Carl Weisflog wurde am 27. Dezember 1770 als Sohn eines Kantors in Sagan geboren. Er erhielt dort den ersten Unterricht, bis er nach seiner Einsegnung im Jahre 1784 aufs Gymnasium zu Hirschberg kam, wo er sich, von den Eltern nur notdürftig versorgt, durch Stundengeben seinen Unterhalt erwerben und mühselig durchs Leben schlagen mußte. Hilfreiche Menschen, besonders eine Tante und die Familie eines dort ansässigen Kaufmanns Contessa, des Vaters von C. W. Salice Contessa, unterstützten ihn auf liebreiche Weise. Anfangs für den geistlichen Beruf bestimmt, ging er bald zur Rechtswissenschaft über und studierte seit 1790 in Königsberg, wo er auch vor Kants Lehrstuhle saß. Nach Beendigung seiner Studien wurde er eine Zeitlang Hauslehrer in Gumbinnen, ging dann als Referendar nach Tilsit und Memel und wurde 1802 Stadtrichter in seinem Geburtsorte. Hier verheiratete er sich, widmete seine Mußestunden der Blumenzucht, pflegte einer stillvergnüglichen Geselligkeit, ging aber erst im Alter von fünfzig Jahren zur Schriftstellerei über, wozu möglicherweise die Bekanntschaft mit E. T. A. Hoffmann und C. W. Contessa, die er bei einem Kuraufenthalte zu Warmbrunn kennenlernte, den Anstoß gab. Trotz seiner quälenden Leiden, er war arg von der Gicht geplagt, so daß er an Krücken gehen mußte, litt auch an einem schweren Magenübel, war er stets froher Laune und soll in seiner stillen Art dem Leben Freuden abgewonnen haben, wie es unter gleichen Umständen nur wenigen Menschen möglich gewesen wäre. In einem kleinen, musikalisch und literarisch angeregten Kreise, der durch die Hinzuziehung von Frauen eine wohl etwas bürgerlich-biedere Färbung angenommen haben mag, fühlte er sich glücklich und zufrieden. 1827 wurde er zum Stadtgerichtsdirektor ernannt, starb aber schon, ganz unerwartet, in Warmbrunn am 14. Juli 1828.

Eine kurze Lebensbeschreibung wie eine Schilderung seiner Persönlichkeit gab C. von Wachsmann in einem Anhang zu der zweiten Ausgabe von Weisflogs Schriften (Dresden 1839), einzelne Züge schildert auch der dem Dresdener Dichterkreis angehörige Hofrat Winkler, der als Schriftsteller und Herausgeber der Dresdener Abendzeitung, für die Weisflog die meisten seiner Erzählungen geschrieben, unter dem Pseudonym Th. Hell bekannt geworden ist. Dieser schildert Weisflog als einen kleinen, krank aussehenden Mann, der durch Krücken sich fortbewegen mußte. Wachsmann schildert seinen Anzug als höchst anständig und reinlich, aber als altmodisch und kleinstädtisch, die Gesichtszüge, von Krankheit und Nachtwachen erschlafft, belebten sich merklich bei der Unterhaltung, sobald sein Interesse rege wurde, seine Gespräche sollen dann voll Munterkeit und Laune, voll Geist und Witz gewesen sein. Die Briefe, welche Weisflog in stattlicher Menge an den Herausgeber seiner Erzählungen geschrieben hat, und welche dieser in ziemlicher Vollständigkeit der schon genannten Ausgabe von Weisflogs Schriften anhängte, geben kein übermäßig vorteilhaftes Bild des Autors. Der Humor, den sie zeigen, erscheint einigermaßen gewaltsam. Eine hochgradige Eitelkeit und ein brennender literarischer Ehrgeiz scheinen eine Schreibwut sondergleichen erzeugt zu haben, und wie die zwölf Bände der Schriften zeigen, hat unser Autor in den sieben Jahren seiner Tätigkeit, trotzdem er mit Amtsgeschäften überbürdet war, nicht weniger als annähernd ein halbes hundert Erzählungen verfaßt. Trotz dieser Eilfertigkeit der Erzeugung sind die meisten recht sorgsam durchgearbeitet. Wie ihr Verfasser selbst einmal an Theodor Hell schreibt, gründlich durchdacht und gefeilt, obwohl man ihnen diese Mühe nicht ansähe. In ihrem Werte jedoch höchst ungleich, vermögen wir heute nur einem Teil noch Geschmack abzugewinnen. Die Geschichten, auf welche ihr Verfasser selbst das höchste Gewicht legte, sind gerade diejenigen, welche seine Abhängigkeit von anderen Schriftstellern am deutlichsten dartun. Wir gedenken später unter dem Titel »Hoffmannesken« diesem Bändchen diejenigen Erzählungen Weisflogs folgen zu lassen, welche wir als Nachahmungen Hoffmannscher Erzählungen ansprechen müssen. Da wir nur die besseren auswählen, so werden sie auch dem verwöhnteren Leser ein gewisses Vergnügen bereiten, da sie immerhin unterhaltsam genug sind, andererseits aber gibt es kaum ein besseres Mittel zu zeigen, welch ein überragendes Genie der noch heute nicht hoch genug eingeschätzte E. T. A. Hoffmann war. Bei den Erzählungen, in denen ein stoffliches Element dem großen Vorgänger entlehnt wurde, wie bei der fast kläglichen Nachahmung von Hoffmanns »Königsbraut«, dem »Zwiebelkönig Eps«, vermeidet es Weisflog sorgfältig, auch die Hoffmannsche Diktion mit zu übernehmen, was er dann in anders gearteten Geschichten um so üppiger nachholt. Diese Erzählungen, in denen er die Manier (leider oft auch Manieriertheit) des Hoffmannschen Stiles nachahmt, sind für den Schreiber dieser Zeilen einfach unlesbar, und es ist heute kaum zu begreifen, daß dieser Unfug von den Zeitgenossen nicht stärker gerügt wurde. Es wird Aufgabe des Nachworts zu dem erwähnten Bändchen sein, diese Umstände näher zu beleuchten.

Aber auch andere Dichter der Zeit haben bei Weisflog Pate gestanden, so Jean Paul, den er bisweilen in der gleichen Weise nachzuahmen versucht, ein nicht weniger unerquickliches Manöver. Unauffälliger wirken die andern Vorbilder, schon darum, weil sie heute ganz und gar vergessen sind: Contessa, van der Velde und Tromlitz. Ersterer als Landsmann hat besonders in der Wahl der Stoffe und in der Charakterisierung der Personen einen gewissen Einfluß ausgeübt, auch die bürgerlich behagliche Stimmung, die Weisflog mit kräftigen Mitteln auszunutzen weiß, ist bei jenem bereits vorgebildet.

Man hat Weisflog schon zu seinen Lebzeiten mit heftigem Tadel reichlich zugesetzt, der sich dann im Laufe der Zeit bis in unsere Tage hinein ständig gesteigert hat. Nur selten tönt an vereinzelten Stellen ein spärliches Lob. Heinrich Laube gehört zu den wenigen, die ein Wort der Anerkennung, der die Berechtigung nicht abzusprechen ist, gefunden haben. So sagt er, daß Weisflog sich im Gegensatz zu Hoffmann mehr an die bürgerliche Realität hielt, »und die höhere Beziehung, sei's nach dem Geheimnisse der Existenz oder nach dem bloßen Schatten des Gespensterspuks, war noch mehr dilettantenartig, beiläufige Liebhaberei. Die Literarhistoriker übersehen ihn deshalb gern, weil er mehr der barocken Unterhaltung als dem tieferen Bedürfnisse gedient habe. Es ist ihm aber eine interessante Auffassung, eine rasche, pikante Form und eine oft feine Laune nicht abzusprechen, wenn auch der Eindruck durch Manieriertheit getrübt wird.« Wir dürfen hier getrost beipflichten und sagen, daß man in neuerer Zeit Weisflog zu hart beurteilt hat, obwohl er selbst durch seine Nachäfferei und seine Prätension den größten Teil der Schuld daran trägt. Hätte er seine Talente richtig und bescheiden eingeschätzt, sich auf das beschränkt, was er wirklich konnte, und nicht nach falschem Lorbeer gerungen, er wäre heute nicht der völlig vergessene und mißachtete Autor. Da, wo sein Stil von fremden Elementen rein bleibt, ist er dank einer gewissen Melodik der Sprache angenehm lesbar, in der Darstellung, der Charakteristik, der Verknüpfung der Fabel bei ihm angemessenen Stoffen häufig vortrefflich.

Der vorliegende Band wird ihn von seiner besten Seite zeigen. Es sind freundliche Geschichten mit wenig Regen und viel Sonnenschein; Frohsinn und Biederkeit lacht aus behäbigen Gesichtern. Muntere Laune, ein herzliches Gemüt, eine ganze Portion Sentimentalität, aber in ihrer liebenswürdigsten, echt deutschen Art, und eine rege Fabulierkunst zeichnen diese drei Erzählungen aus. » Das große Los«, drei Erzählungen eigentlich, die nur ganz äußerlich ohne innere Bindung zusammengeleimt sind, verdient den Preis. Die erste Historie liegt der bekannten Nestroyschen Posse »Lumpazivagabundus« zugrunde, welche allerdings die herzliche Gemütlichkeit des Originals nicht mit übernehmen konnte. Die mittelste Historie hat einige fatale Reminiszenzen an Hoffmann, so gemahnt die Figur des Kilian, besonders im Anfang, arg an den Studenten Anselmus im »goldnen Topf«, ebenso sind stilistisch, wenn auch nur hie und da, einige Anklänge zu spüren. Die dritte Historie hat geradezu dramatische Momente und zeigt an einzelnen Stellen, wie sich Weisflog schriftstellerisch gebildet hat, denn zwischen der Entstehung der ersten Historie (1822) und der dritten (1825) liegen drei volle Jahre. Trotzdem scheint mir der ersten wegen ihrer inneren Geschlossenheit der Preis zu gebühren. – Die letzte Erzählung unseres Bändchens » Die Mühle der Humoristen« gibt einige schöne, landschaftliche Schilderungen, besonders ist die Fahrt ins Riesengebirge vorzüglich dargestellt. Auch aus dieser Erzählung (in andern ist es weit mehr der Fall) merken wir, welch Blumenfreund, Botaniker und Naturschwärmer Weisflog war, dies ist entschieden seine liebenswürdigste Seite, und aus diesem Gesichtspunkt heraus können wir ihn sogar als Vorgänger des gemütstiefen Dichters unserer Tage, Heinrich Seidel, bezeichnen. Auch möchte ich annehmen, daß Wilhelm Raabe ihn gekannt hat und nicht ganz unbeeinflußt von ihm geblieben ist. – Ganz gewiß ist Weisflog in diesen, wie ich sie nennen möchte, »bürgerlichen Historien« ein humorvoller und farbenfroher Darsteller der deutschen Biedermeierzeit. Und auf diesem Gebiet soll man ihm die nötige Anerkennung nicht versagen.

C. G. v. M.

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